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Jürgen Dorbritz: Demografische Trends

 
       
     
       
     
       
   

Jürgen Dorbritz in seiner eigenen Schreibe

 
       
   

DORBRITZ, Jürgen (1993/94): Bericht 1994 über die demographische Lage in Deutschland,
in:
Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Heft 4, S.339-473

DORBRITZ stellt eine Veränderung des generativen Verhaltens bei den nach 1950 geborenen Frauen fest:

"Muß man den Geburtenrückgang zunächst durch eine rückläufige Neigung zur Geburt von Kindern höherer Ordnungsfolge erklären, ist ab dem Jahrgang 1950 vor allem wachsende Kinderlosigkeit für den Rückgang der durchschnittlichen Kinderzahlen verantwortlich. Die Frauen des Geburtsjahrganges 1940 sind zu 10 % kinderlos geblieben. Für den Jahrgang 1960 ist zu erwarten, daß bereits 23,2 % aller Frauen keine Kinder bekommen werden. Kinderlosigkeit ist damit zu einem Faktor geworden, der die demographische Lage zumindest in den alten Bundesländern in entscheidendem Maße prägt. Allerdings ist auch noch für die jüngeren Frauen zu erwarten, daß die Mehrheit (Geburtsjahrgang 1960: 37,4 %) zwei Kinder bekommt.
Mit der wachsenden Kinderlosigkeit ist eine deutlicher Polarisierung der Bevölkerung in den Teil der Kinderlosen und den Teil, der mit Kindern lebt, eingetreten. Und da eine enge Verkopplung zwischen Ehe und der Geburt von Kindern existiert, hat man es mit einem Familien- und einen Nichtfamiliensektor zu tun. Die Ausweitung des Nichtfamiliensektors steht für die Zunahme der mehr oder weniger individualisierten Lebensformen." (S.422)

HÖHN, Charlotte & Jürgen DOBRITZ (1995): Zwischen Individualisierung und Institutionalisierung - Familiendemographische Trends im vereinten Deutschland,
in:
Nauck, B./Onnen-Isemann; C. (Hg.) Familie im Brennpunkt von Wissenschaft und Forschung: Rosemarie Nave-Herz zum 60. Geburtstag gewidmet, Neuwied/Berlin: Luchterhand, S. 149-176

DORBRITZ, Jürgen & Karla GÄRTNER (1995): Bericht 1995 über die demographische Lage in Deutschland,
in:
Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Heft 4, S.339-448

"Beachtenswert an der demographischen Situation in Deutschland ist weiterhin die relativ hohe Kinderlosigkeit im früheren Bundesgebiet. Mit einem Anteil kinderloser Frauen von ca. 25 % am Geburtsjahrgang 1960 nimmt es eine internationale Ausnahmestellung ein" (S.339),

heißt es in der Zusammenfassung. Die Tabelle weist dann jedoch zwei Werte aus: 23,3 % nach Berechnungen des BIB und 26 % nach Berechnungen von BIRG/FLÖTHMANN 1993. DORBRITZ stellt aufgrund der paritätsspezifischen Geburtenverteilung eine Polarisierung in Kinderlose und Eltern in den jüngeren Geburtsjahrgängen fest:

"Während bei den zweiten und folgenden Kindern kaum Veränderungen vorausgeschätzt werden, ist eine Umverteilung von den Frauen mit einem Kind zu den Kinderlosen zu erwarten. (...). Die Schätzungen von Birg und Flöthmann geben für die jüngeren Geburtsjahrgänge (Anmerkungen des Autors: 1965 und 1970 Geborene) einen Kinderlosenanteil von über 30 % an. (...). Dagegen ist die Familienerweiterung von der Geburt des ersten zur Geburt des zweiten Kindes, wenn man sich einmal für das Biographiemuster Ehe und Kinder entschieden hat, kaum abgeschwächt." (S.373)   

DORBRITZ, Jürgen & Karl SCHWARZ (1996): Kinderlosigkeit in Deutschland - ein Massenphänomen?
Analysen zu Erscheinungsformen und Ursachen,
in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Heft 3, S.231-261

DORBRITZ, Jürgen (2000): Eheschließungen Lediger - methodische Probleme, Trends und saisonale Muster,
in:
BIB-Mitteilungen, Nr.1 v. 08.03., S.17-20

DORBRITZ, Jürgen (2001): Familienbildungsverläufe der Generationen.
1950 und 1965 im Vergleich,
in: BIB-Mitteilungen, Nr.1 v. 09.03., S.10-14

Der deutsche Bevölkerungswissenschaftler Jürgen DORBRITZ muss zugeben, dass

"wir für den Geburtsjahrgang 1965 vor einigen Jahren noch Kinderlosenanteile von mehr als 30 % erwartet (haben). Die neueren Schätzungen zeigen, dass sich über späte Erstgeburten die Kinderlosenanteile auf 27 % verringert haben."

Der Bevölkerungsstatistiker Ron LESTHAEGHE kritisiert diese Praxis deutscher Bevölkerungswissenschaftler.

DORBRITZ, Jürgen (2003): Polarisierung versus Vielfalt.
Lebensformen und Kinderlosigkeit in Deutschland - eine Auswertung des Mikrozensus,
in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, H.2-4, S.403-421

Jürgen DORBRITZ revidiert seine allgemeine These von der Polarisierung in einen Nicht-Familien- und Familiensektor in Westdeutschland, der auf dieser Website von Beginn an scharf widersprochen wurde. Aufgrund der zunehmenden Kritik an der allgemeinen Polarisierungsthese (genannt wird Kurt LÜSCHER) und einem neuen Ansatz von HOEM/NEYER/McGILL werden innerhalb der Bildungsgruppen Unterschiede nach Berufsgruppen ausgemacht. Die Differenz zwischen Spekulationen in den Medien und wissenschaftlichem Nichtwissen zur Kinderlosigkeit beschreibt DORBRITZ folgendermaßen:

"Kinderlosigkeit ist in Deutschland inzwischen in den Medien sehr präsent und weitgehend negativ belegt (verantwortungslose, selbstsüchtige, egoistische Kinderlose), in der Forschung aber kaum thematisiert worden." (S.403)

Zur Polarisierung in einen Nicht-Familien- und Familiensektor führt DORBRITZ aus:

"Individualisierung wird verstanden als wachsende Unabhängigkeit biographischer Ereignisse von der Normierung des Lebensverlaufs durch soziale Institutionen. (...). Nach dieser Definition findet Individualisierung im Nicht-Familiensektor statt, dessen zentrale Gruppe die Alleinlebenden sind. (...). (Das) Muster »wenn Kinder, dann Ehe« in Westdeutschland (...) ist ein zentrales Moment im Polarisierungskonzept. Verheiratete mit zwei Kindern und Alleinlebende ohne Kinder sind die zwei zentralen Gruppierungen in den beiden Sektoren."

Auch diese Sichtweise wäre weiter zu revidieren, denn Alleinlebende sind keinesfalls eine homogene Gruppe, genauso wenig wie die Verheirateten. DORBRITZ muss jedoch feststellen, dass die Verschiebungen zwischen diesem Nicht-Familien- und Familiensektor weniger dramatisch sind, als bislang eingeschätzt:

"Die Größenordnung zwischen dem Familien- und Nicht-Familiensektor hat sich seit 1996 zu Gunsten des Nicht-Familiensektors verschoben. Der Umverteilungsprozess scheint aber langsam voranzuschreiten. Ein Ende der Dominanz des Familiensektors ist somit auf absehbare Zeit nicht zu erwarten."

Weiter spitzt DORBRITZ nun die Polarisierungsthese auf die höheren Qualifikationsgruppen zu:

"Eine echte Polarisierung ist nur in den höheren Qualifikationsgruppen zu erkennen. Je niedriger das Niveau der beruflichen Bildung, desto niedriger ist auch die Kinderlosigkeit."

Die Unvereinbarkeit zwischen Beruf und Familie aufgrund falscher Familienpolitik rückt damit in den Fokus. Aber auch innerhalb der höheren Qualifikationsgruppen ergeben sich extreme Unterschiede hinsichtlich der Kinderlosigkeit. Aufgrund eines gravierenden Forschungsdefizits bleiben aber die Ursachen im Dunkeln:

"In allen Qualifikationsgruppen gibt es nach Berufen deutliche Ausreißer vom Durchschnitt nach oben und unten. (...). Kinderlosigkeit ist eines der untererforschten demographischen Themen, nicht nur in Deutschland. Darin reiht sich bislang auch die Frage ein, warum es Berufe gibt, die mit hoher oder niedriger Kinderlosigkeit verbunden sind."

Die neue Ratlosigkeit der Bevölkerungswissenschaft sucht sich nun ein neues Forschungsobjekt: die gewollte Kinderlosigkeit:

"Die Frage nach von Anfang an gewollter Kinderlosigkeit wird kaum gestellt. Eine wirkliche Ausnahme bildet das Buch »Leben ohne Kinder« von Christiane Carl (2002), in dem gewollte Kinderlosigkeit im Mittelpunkt steht. Frühere Forschungsarbeiten von Nave-Herz und Onnen-Isemann (1997) haben gezeigt, dass die »bewusst gewählte freiwillige Kinderlosigkeit« selten zu sein scheint. Geht man von den anhand des Mikrozensus gefundenen Ergebnissen aus, ist Kinderlosigkeit zumindest in besonderen Berufsgruppen ein Massenphänomen geworden. In solchen sozialen Umfeldern ist es durchaus möglich, dass es mittlerweile frühe und bewusste Entscheidungen für Kinderlosigkeit gibt. Aber auch die Konzentration der Forschung auf diese Situation scheint nicht ausreichend (...). Dies zeigt, dass die bisherige Forschung zur Kinderlosigkeit, abgesehen davon, dass wir nicht einmal ihre Ausmaße genau kennen, bei weitem nicht differenziert genug war."

DORBRITZ, Jürgen (2004): "Nur Tempoeffekte, aber kein Babyboom".
"Gerontokratie? Nichts da! Bald kommt der Babyboom", so überschrieb Detlef Gürtler einen Artikel, der am 19.08.2003 in der "Welt" erschien. Dort wurde ein dritter demographischer Übergang vorhergesagt, der nicht - wie die beiden ersten - zu einem deutlichen Geburtenrückgang führen wird, sondern einen neuen Baby-Boom bringen soll,
in:
BIB-Mitteilungen Nr.2 v. 22.06.

Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BIB) hat sich fast ein Jahr Zeit gelassen, um auf die berechtigte Kritik von Detlef GÜRTLER zu reagieren. Die Verteidigung von Jürgen DORBRITZ fällt dementsprechend äußerst mager aus und muss deshalb als Rückzugsgefecht gewertet werden. DORBRITZ bestätigt die Richtigkeit der Berechnungen von GÜRTLER, möchte dessen Schlussfolgerungen aber nicht ganz folgen. Nichtsdestotrotz spricht DORBRITZ nun erstmalig vom Ende des Geburtenrückgangs in Westdeutschland (Aus internationaler Perspektive wurde dieser bereits im Jahr 2002 von John BONGAARTS für die Industrieländer prognostiziert). Der Geburtsjahrgang 1968 markiert hier den Geburtentiefpunkt:

"Die bislang für einen westdeutschen Geburtsjahrgang niedrigste endgültige Kinderzahl wird mit 1439 für die 1968 geborenen Frauen geschätzt. Für die danach geborenen Frauen (1969, 1970) erwarten wir mit 1456 bzw. 1472 leichte Anstiege der endgültigen Kinderzahl. Der Rückgang der endgültigen Kinderzahlen, der bereits seit dem Jahrgang 1933 (2224) bestand, ist damit abgeschlossen."

DORBRITZ unterscheidet strikt zwischen dem Ende des Geburtenrückgangs in den alten Bundesländern und einem sich anbahnenden neuen Babybooms:

"Ein sich anbahnender Geburtenboom ist in diesen Zahlen jedoch nicht zu erkennen. Bei genauerem Hinsehen stellt man fest, dass 1. die im Zeitraum zwischen 1968 und 1975 geborenen Frauen ihre Kinder etwas früher geboren haben und es 2. einige wenige Jahrgänge geben könnte, die wieder eine etwas höhere endgültige Kinderzahl erreichen".

DORBRITZ verweist in seiner Argumentation auf die Entkopplung zwischen dem durchschnittlichen Erstgebäralter und der endgültigen Kinderzahl. Diese Entkopplung hat Gert HULLEN jedoch bereits im Jahr 2003 in seinem Beitrag Tempo und Quantum der Reproduktion empirisch nachgewiesen. Auch hier wird also nur zugegeben, was den Experten sowieso bereits seit längerem bekannt ist. Darauf wurde bislang nur von single-dasein.de und single-generation.de hingewiesen, während in der öffentlichen Debatte weiterhin ein enger Zusammenhang zwischen beiden Faktoren hergestellt wird. Es geht dabei immer um die Inszenierung des Aussterbens der Deutschen. DORBRITZ belegt diese Entkopplung mit den beiden willkürlich herausgegriffenen Frauenjahrgängen 1965 und 1972. In seiner weiteren Argumentation geht DORBRITZ auf den Babyboom der Anfang 1970 geborenen Frauen ein:

"Zweitens haben die in der ersten Hälfte der 70er Jahre geborenen Frauen mehr Kinder als die in der zweiten Hälfte der 60er Jahre Geborenen. Der Geburtsjahrgang 1973 hatte, bezogen auf 1000 Frauen im Alter 27, 597 Kinder. Im Jahrgang 1968 waren es nur 558".

Die Argumentation von DORBRITZ, dass sich dieser Babyboom bei den nach 1975 geborenen Frauen nicht fortsetzt, steht jedoch angesichts der Entkopplungsthese auf tönernen Füßen, weshalb er hinzufügt, dass hierzu eine

"endgültige Beurteilung noch nicht erfolgen kann".

Die Frage, ob sich ein Babyboom anbahnt oder nicht, lässt sich - entgegen der großmäuligen Überschrift - anhand der Daten von DORBRITZ also gar nicht entscheiden. Damit kann DORBRITZ auch die These von GÜRTLER letztendlich nicht mit wissenschaftlichen Mitteln widerlegen, sondern DORBRITZ missbraucht das Interpretationsmonopol des BIB. Das Problem der Demografen besteht darin, dass Babybooms nur retrospektiv (d.h. rückblickend) und nicht prospektiv (d.h. vorausschauend) erfasst werden können. Obgleich Karl SCHWARZ in seiner Erwiderung auf den amerikanischen Demografen James VAUPEL (FAZ vom 08.04.2004) den Erkenntnisstand der deutschen Demografen als hervorragend dargestellt hatte, muss DORBRITZ diverse Defizite eingestehen. Zum einen können die Demografen den Babyboom (definiert als Anstieg der zusammengefassten Geburtsziffer, d.h. der Geburten aller Frauen im gebärfähigen Alter von 15 und 45 Jahren) Anfang der 90er Jahre nicht erklären:

"Dieser Anstieg der Geburtenhäufigkeit um 1990 ist (...) nicht nur ein in Deutschland aufgetretenes Phänomen. Er ist sehr deutlich in Schweden und Norwegen ausgeprägt. Man findet ihn aber auch in den Niederlanden oder in Österreich, er ist aber nicht für alle europäischen Länder (insbesondere Südeuropa) charakteristisch. Warum diese temporären Effekte um 1990 in einigen Ländern aufgetreten sind, lässt sich nicht beantworten."

Zum anderen ist die Geburtenentwicklung selbst in Deutschland enorm uneinheitlich. Zwischen den alten und neuen Bundesländern, aber auch regional differenziert stehen sich sozusagen Geburtenrückgänge und Geburtenwachstum gegenüber. Solange für die deutschen Bevölkerungswissenschaftler einzig die zusammengefasste Geburtenziffer die Maßzahl ist, mit der ein Babyboom beschrieben wird, solange sind auch in Zukunft keine besseren Prognosen der Geburtenentwicklung zu erwarten. Die Meldung: Huch! Wir hatten einen Babyboom, wird deshalb auch in Zukunft keine Überraschung sein. Eines ist jedoch deutlich geworden: Die Beurteilung der Gebärfaulheit der jüngeren Frauenjahrgänge lässt sich nicht mehr in jener sozialpopulistischen Form behaupten wie dies im Anschluss an Susanne GASCHKE immer wieder versucht wird. Der Trend eines kontinuierlichen Geburtenrückgangs wie er die politische Konstruktion der Geburtenkrise beherrscht, ist durch DORBRITZ in jedem Fall widerlegt.

DORBRITZ, Jürgen (2004): Demographisches Wissen, Einstellungen zum demographischen Wandel und Ursachen des Geburtenrückgangs,
in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Heft 3-4, S.329-361

Jürgen DORBRITZ stellt Ergebnisse der Population Policy Acceptance Study (PPA) vor, mit dem gemessen werden sollte, ob in der Bevölkerung ein Bevölkerungsbewusstsein generiert werden konnte und inwiefern es widerständige soziale Gruppen gibt, die durch eine "geburtenorientierten Familienpolitik" nicht erreicht werden können. Hierzu zählen die gewollt Kinderlosen. Über die Kinderlosenfeindlichkeit in der Bevölkerung heißt es:

"Kinderlosigkeit wird in den neuen Bundesländern stärker abgelehnt. 67,4 % im Westen und 75,0 % im Osten beurteilen die steigende Kinderlosigkeit als einen negativen Trend." (S.339)

DORBRITZ führt dies auf die unterschiedlichen Regimetypen, d.h. Familienideale, in Ost und West zurück. Als bevorzugte Lebensformen (ähnelt der Ist-Lebensform) der 20-39jährigen Kinderlosen identifiziert DORBRITZ den "Swinging Single" und das "living apart together":

"25,5 % der Frauen und Männer bevorzugen mit dem »Living apart together« oder dem Ideal »ohne festen Partner leben« eine Lebensform, die stärker Chancen für individualisierte Lebensstile bietet. Wird eine solche Lebensform favorisiert, dann sind Kinder mehrheitlich nicht gewünscht. 2,9 % wollen ohne Partner leben und Kinder haben. 4,4 % würden idealer Weise eine Partnerschaft mit getrennter Haushaltsführung und Kinderhaben verbinden." (S.348)

Zählt man die kinderlose Ehe (5,1 %), die Nichteheliche Lebensgemeinschaft ohne Heiratsabsicht und ohne Kind (5,7 %) und die WG ohne Kind hinzu, dann kommt man auf 30,5 %, wobei die Konstellation Nichteheliche Lebensgemeinschaft mit Heiratsabsicht und ohne Kind fehlt. Für diese Gruppe der gewollt Kinderlosen ressümiert DORBRITZ:

"Auffällig ist die relativ große Gruppe von 30 %, die sich über den Wunsch nach Kinderlosigkeit von der Familie abwendet. Über die Hälfte dieser Gruppe sieht es als das Ideal an, allein zu leben oder bevorzugt das »living apart together«. In die Diskussion um die Pluralisierung der Lebensformen lässt sich dieses Ergebnis in zweifacher Hinsicht einbringen: Zum einen deutet nichts auf eine Vervielfältigung der Lebensformen hin. (...). Daher ist an dieser Stelle Nave-Herz (1997: 36ff.) im Rahmen der Pluralisierungsdiskussion zuzustimmen, dass eher eine Dominanzverschiebung als eine Vervielfältigung im Sinne von Beck-Gernsheim (1998: 97) stattfindet. Jedoch ist (...) nicht nur ein Monopolverlust in Form der Umverteilung der Bevölkerung innerhalb der Lebensformen zu beobachten, sondern auch die Ablehnung der Institution Ehe/Familie. (...). Inzwischen hat sich eine Gruppe in der Bevölkerung etabliert, die Familie nicht wünscht und nicht lebt."

Nicht berücksichtigt wird bei dieser Interpretation jedoch, dass "bevorzugte Lebensform" sich auch lediglich nur auf die momentane Lebenssituation beziehen kann. Ändert sich diese Lebenssituation, dann ändert sich auch die bevorzugte Lebensform. Gerade "überzeugte Singles" wechseln oftmals innerhalb kürzester Zeit ihre Meinung, wie man mit einem Blick in die Medienberichterstattung leicht überprüfen kann.

"Das Schwierigste am Alleinsein ist, es zu bleiben. Vor einigen Jahren war ich mit der gleichen Überzeugung Single, mit der ich heute verliebt bin",

bekennt David PFEIFER in der Yuppie-Zeitschrift Neon vom Januar 2012. Man hätte zumindest die 20-29Jährigen weglassen müssen, denn in dieser Lebensphase ist das Alleinleben und das getrennte Zusammenleben weit verbreitet. Zudem werden die Ergebnisse für alle Befragten genannt, obwohl lediglich die Antworten Kinderlosen relevant sind. Seriös ist eine solche Darstellung nicht. Hinzu kommt, dass die Gruppe der Kinderlosen aufgrund des Umfragedesigns nicht einmal sinnvoll zwischen ungewollt und gewollt Kinderlosen unterscheiden kann:

"Weitere Einblicke in die Bedeutung der gegen Kinder gerichteten Gründe findet man, wenn man diejenigen ins Blickfeld rückt, die keine Kinder haben und auch keine Kinder wollen. Entgegen der üblichen Vorgehensweise wird, um geringen Fallzahlen auszuweichen, keine Unterscheidung zwischen Frauen und Männern sowie Altersgruppen vorgenommen."

Dies ist im Grunde eine Bankrotterklärung der Bevölkerungswissenschaft, denn die PPAS leistet nicht das, was sie eigentlich können sollte: Eine Differenzierung familienpolitisch relevanter Gruppen nach Geschlecht, Altersgruppen und Geburtenzahl der Befragten. Aber es kommt noch schlimmer! Mit schlichten Fragen wird den Befragten eine "individualistische Orientierung" untergeschoben. Die Antwort "Ich könnte es nicht mit meiner Berufstätigkeit vereinbaren" wird als Beleg für eine gewollte Kinderlosigkeit und nicht als Beleg für eine verfehlte Familienpolitik bewertet, die es versäumt hat, rechtzeitig den Ausbau der Kinderbetreuung zu forcieren. Stattdessen heißt es:

"Ist mit einer hohen Wahrscheinlichkeit die Entscheidung gegen Kinder gefallen, werden im Vergleich zur gesamten Bevölkerung die Gründe (...) »Vereinbarkeitsprobleme« herausgestellt. Es sind also die individualistisch deutbaren Gründe, bei denen sich diejenigen ohne Kinder und ohne Kinderwunsch am stärksten vom Durchschnitt der Bevölkerung unterscheiden. Dies dürfte auch familienpolitisch im Kontext der Diskussion um eine »bevölkerungsorientierte Familienpolitik« bedeutsam sein, die sich auch dem Ziel der Geburtenförderung nicht verschließt Es ist anzunehmen, dass die Gruppe mit ausgeprägt individualistischen Orientierungen familienpolitisch nur schwer erreichbar und damit ein Faktor gegeben ist, der gegen Erfolge einer geburtenorientierten Familienpolitik steht."

Sein Fazit zu dieser Gruppe, die angeblich das gesamte Leben kinderlos bleiben will (bei Befragten, die teilweise 20-25 Jahre alt sind!):

"Carl (2002: 101ff. unterscheidet (...) drei Gruppen (Frühentscheider, Spätentscheider, Aufschieber). Es zeichnet sich ab, dass bei den Wegen in die Kinderlosigkeit die Gruppe der Frühentscheider, für die sehr zeitig feststeht, auch aus individualistischen Orientierungen heraus keine Kinder zu wollen, an Bedeutung gewinnt."

Sicher gibt es Menschen, die sich früh gegen Kinder entscheiden, aber ein neues Phänomen ist das nicht. Die Bevölkerungswissenschaft bleibt jedenfalls belastbare Daten über die Verbreitung gewollt Kinderloser schuldig.

DORBRITZ, Jürgen (2005): Kinderlosigkeit in Deutschland und Europa - Daten, Trends und Einstellungen,
in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, H.4, S.359-408

Am 7. November stellte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden die aktuelle 11. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung vor. Single-generation.de berichtete damals darüber, dass sich die Einschätzungen zur lebenslangen Kinderlosigkeit des Frauenjahrgangs 1965 gravierend unterscheiden. Single-generation.de zeigte auf, dass die Einschätzungen zwischen 23,3 und 32,1 % liegen. Nun sind diesen Herbst gleich zwei Hefte der Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft erschienen, die die berechtigte Kritik von single-generation.de bestätigen. Der Vorwurf der Single-Lüge kann nun nicht mehr von der Hand gewiesen werden. Im Buch Die Single-Lüge ist seit Mai 2006  nachzulesen, dass bereits vor dem Pflegefehlurteil des Bundesverfasssungsgerichts im Jahr 2001 bekannt war, dass der Anteil der lebenslang Kinderlosen von Herwig BIRG zu hoch angegeben wurde. Damals hatte sich jedoch der nationalkonservative Bevölkerungswissenschaftler Herwig BIRG mit seiner Deutung (ein Drittel!) durchgesetzt. Im Heft 4/2005 (!), das aus leicht nachvollziehbaren Gründen erst jetzt erscheint, bestätigt Jürgen DORBRITZ im Beitrag Kinderlosigkeit in Deutschland und Europa - Daten, Trends und Einstellungen  erstmals, was bei single-generation.de bereits nachzulesen war:

"Für die älteren Geburtsjahrgänge bis 1955 ist die Übereinstimmung noch sehr hoch. (...). Für den Jahrgang 1965 sind die Abweichungen dann schon beträchtlicher und bieten kein klares Bild mehr über die Dimensionen der Kinderlosigkeit in Westdeutschland. Birg und Flötmann geben einen Wert von 32,1 % an. Am BiB wurden 27,6 % ermittelt und Sobotka hat einen Anteil kinderloser Frauen in der hohen Variante von 25,2 % und in der niedrigen Variante von 23,3 % berechnet" (S.365)

Jürgen DORBRITZ, ein Verfechter der umstrittenen Polarisierungsthese, neigt dazu, die empirischen Ergebnisse im Lichte seiner theoretischen Voreingenommenheit zu interpretieren. Den Frauenjahrgang 1965 sieht er "in der Nähe von 30 %", obwohl seine eigenen empirischen Berechnungen eindeutig belegen, dass der Anteil eher bei 25 % liegt. Es gibt begründeten Verdacht, dass auch dieser Wert noch zu hoch liegt, wenn man sich die Berechnungen der Schätzungen genauer betrachtet. Der Beitrag von DORBRITZ ist trotz seiner gravierenden ideologischen Voreingenommenheit ("die Kinderlosigkeit ist einzudämmen"!) jedem unbedingt zu empfehlen, der sich mit dem Thema näher befassen möchte. Selten wurde so deutlich, dass die traditionelle deutsche Bevölkerungswissenschaft kurz vor dem Offenbarungseid steht. Single-generation.de wird sich dem Themenkomplex "Kinderlosigkeit in Deutschland" in den Themen des Monats des Jahres 2007 ausführlich widmen. Erstmals lässt sich jetzt auch empirisch belegen, was im Buch Die Single-Lüge oftmals nur spärlich belegt werden konnte, weil der Wissenschaft offenbar von der Politik ein "Maulkorberlass" verordnet wurde. Dass jetzt erst die Bücher und Aufsätze zur Kinderlosigkeit in Deutschland veröffentlicht werden dürfen, wirft ein bezeichnendes Licht auf die Meinungsfreiheit in Deutschland. Neben Heft 4/2005 ist auch noch Heft 1/2006 der Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft erschienen. Darin findet man den überfälligen Bericht zur demographischen Lage in Deutschland 2005 von Evelyn GRÜNHEID. Der Titel ist eher unangebracht,  denn die Daten beziehen sich in erster Linie auf das Jahr 2004. Man möchte deshalb wissen, warum das Heft nicht rechtzeitig zur SCHIRRMACHER-Debatte erschien, denn dann wären manche der damaligen Falschdarstellungen der Geburtenentwicklung sofort zu entlarven gewesen. Auf single-generation.de ist nachzulesen, warum dieser Bericht zur demographischen Lage erstmals bestätigt, dass der Vorwurf der Single-Lüge berechtigt ist. Erstmals liest man dort, dass sich der Strukturwandel bei den westdeutschen Einpersonenhaushalten in Großstädten bereits vor 1991 vollzogen hat. Für regelmäßige Leser von single-generation.de ist das natürlich nichts Neues. Bereits in der Titelgeschichte des aktuellen Hefts der Zeitschrift Das Magazin wurde darauf hingewiesen, dass Ulrich BECK mit seiner Prognose zur Entwicklung der Einpersonenhaushalte grandios daneben lag. Sowohl der Stern von Ulrich BECK als auch derjenige von Herwig BIRG befindet sich im steilen Sinkflug. In den nächsten Jahren wird sich die Single-Lüge für jeden deutlich sichtbar abzeichnen.  Die Konsequenzen aus den Versäumnissen der vergangenen Jahre lassen sich dagegen nicht mehr abfedern. Der Betrug an den Kinderlosen in Deutschland zeitigt bereits seine Wirkungen.

DORBRITZ, Jürgen (2009): Bilokale Paarbeziehungen.
Die Bedeutung und Vielfalt einer Lebensform,
in: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Heft 1-2, S.31-56

DORBRITZ, Jürgen (2009): Heiratsverhalten Lediger, Geschiedener und Verwitweter in Deutschland 2007.
Ergebnisse der Berechnung von Heiratstafeln,
in: Bevölkerungsforschung aktuell, Heft 3 v. 01.10.

DORBRITZ, Jürgen (2010): Kinderzahlen und Lebensformen im West-Ost-Vergleich- Ergebnisse des Mikrozensus 2008,
in: Bevölkerungsforschung Aktuell H.1 v. 20.01.

Wie bereits in älteren Publikationen gibt Jürgen DORBRITZ nur ganz unwillig zu, dass der Anteil der Kinderlosen in Deutschland von den deutschen Bevölkerungswissenschaftlern zu hoch eingeschätzt wurde. Angeblich gilt das nur für die Akademikerinnenkinderlosigkeit, mit der Rot-Grün die Einführung des Elterngeldes rechtfertigte:

"Bisherige Forschungen zur Kinderlosigkeit kamen zu dem Ergebnis, dass insbesondere in Westdeutschland ein außerordentlich hohes Niveau vorherrscht. Dieses Ergebnis konnte ebenso wie andere bestätigt werden, auch wenn in den Details bisherige Ergebnisse, deren Richtigkeit bereits seit längerem angezweifelt wurde, widerlegt wurden. Das betrifft namentlich die Kinderlosigkeit unter den Akademikerinnen. Die anhand der Frage nach der Zahl der im Haushalt lebenden Kinder in der Altersgruppe 35 – 39 Jahre geschätzte Kinderlosigkeit hat sich als zu hoch erwiesen, da aufgrund des längeren Ausbildungsweges Akademikerinnen relativ spät auch noch erste Kinder bekommen."

Dies ist jedoch falsch. Auch die generelle Kinderlosigkeit in Westdeutschland wurde - insbesondere von den Nationalkonservativen um Herwig BIRG - zu hoch angesetzt. Franz-Xaver KAUFMANN, dessen Buch Schrumpfende Gesellschaft von der seriösen Mitte-Presse hochgelobt wurde, ging noch 2005 von 32,1 % Kinderlosen beim westdeutschen Frauenjahrgang 1965 aus. DORBRITZ beziffert dagegen den Anteil Kinderloser in den Jahrgängen 1964 - 1968 auf 24 %.

DORBRITZ, Jürgen & Frank MICHEEL (2010): Weiterbeschäftigung im Rentenalter - Potenziale, Einstellungen und Bedingungen,
in:
Bevölkerungsforschung aktuell, Heft 3 v. 18.05.

DORBRITZ, Jürgen (2011): Kinderzahlen bei Frauen mit und ohne Migrationshintergrund im Kontext von Lebensformen und Bildung,
in: Bevölkerungsforschung aktuell v. 26.01.

Der Bevölkerungswissenschaftler Jürgen DORBRITZ hat den Zusammenhang zwischen Kinderzahl, Lebensform, Bildungsabschluss bei Frauen mit/ohne Migrationshintergrund anhand des Mikrozensus 2008 untersucht (der Beitrag ist hier als PDF-Datei downloadbar). Ärgerlich ist dabei, dass nicht die Geburtsjahrgänge 1960 - 1964 im Mittelpunkt standen, bei denen auch die Frauen mit höheren Bildungsabschlüssen das 44. Lebensjahr erreicht haben. Stattdessen werden die Generation Golf-Geburtsjahrgänge 1965 - 1969 betrachtet, die insbesondere wenn sie eine Hochschule besucht haben, immer noch Kinder bekommen können. Dies gilt insbesondere für die 1968 und 1969 Geborenen.

SCHNEIDER, Norbert F. & Jürgen DORBRITZ (2011): Wo bleiben die Kinder?
Der niedrigen Geburtenrate auf der Spur,
in: Aus Politik und Zeitgeschichte Nr.10-11 v. 07.03.

DORBRITZ, Jürgen (2011): Dimensionen der Kinderlosigkeit in Deutschland,
in: Bevölkerungsforschung Aktuell Nr.3, Juni

Der Artikel von Jürgen DORBRITZ ist, was die Erforschung der Kinderlosigkeit betrifft, wenig  erhellend, zeigt aber unmissverständlich die politische Stoßrichtung des Autors:

"Soll es eine Trendwende in der deutschen Geburtenentwicklung geben, kann sie nur durch einen rückläufigen Anteil bei der Kinderlosigkeit erreicht werden."

Was insbesondere Feministinnen auf die Palme bringen wird, ist die Behauptung, dass

"insbesondere Vollerwerbstätigkeit ein die Kinderlosigkeit verursachender Faktor"

ist. Bislang galt die Erhöhung der Vollerwerbstätigkeit von Frauen als ein zentrales Mittel zur Bewältigung des anstehenden demografischen Wandels. Eine Politik, die nach Mütter- statt Frauenquoten für die Chefetagen ruft, erhält durch DORBRITZs Interpretation Aufwind. In der Hausfrauenecke dieser Republik war diese Trendwende bei DORBRITZ bereits vor längerem erkannt worden.

Man kann davon ausgehen, dass das Thema Kinderlosigkeit also bald wieder stärker auf der politischen Agenda stehen wird.

DORBRITZ, Jürgen & Robert NADERI (2013): Trendwende beim Kinderwunsch?
in: Bevölkerungsforschung aktuell, Nr.4, August

Las man in den vergangenen Jahren Berichte über den  Kinderwunsch der Deutschen aus dem Institut für Bevölkerungsforschung, dann waren das immer Hiobsbotschaften. Kritik an der Kinderwunschforschung war ein Tabu. Auf dieser Website und auf single-dasein.de wurde die Kinderwunschforschung immer wieder kritisiert (hier, hier und hier). Nun gibt es neue Töne in Sachen Kinderwunsch:

"Eine der zentralen Schlussfolgerungen des Workshops war es daher, auf längerfristige Zeithorizonte und auf die Zusammenfassung vieler Altersgruppen zu verzichten. Den Kinderwunsch mit einer der zusammengefassten Geburtenziffer adäquaten Altersgruppe von 15 bis 49 Jahren abzubilden, ist daher nicht sinnvoll. Gleichfalls führt es zu eingeschränkten Ergebnissen, wenn 20-Jährige, die ihre Lebensumstände in 15 oder 20 Jahren nur schwer abschätzen können, auf die Frage antworten, wie viele Kinder sie später einmal haben wollen."

Selbst diese Revision greift jedoch viel zu kurz. Wie sinnvoll ist es z.B. Kinderlose, Mütter von einem, zwei oder noch mehr Kinder, in Befragungen zum Kinderwunsch zusammenzufassen, wie das in Umfragen immer noch geschieht?

Mitte der Nuller Jahre machte die Rede von einer "Kultur der Kinderlosigkeit" die Runde und ein Anstieg der Geburtenrate wurde für Niedrigstfertilitätsländer wie Deutschland für unmöglich gehalten. Jetzt gibt das BIB Entwarnung:

"Aufgrund der Vielzahl der Messungen, die in eine Richtung zeigen, ist von einem Wiederanstieg des Kinderwunsches auszugehen. Man hatte es um das Jahr 2000 lediglich mit einer relativ kurzen Phase niedriger Kinderwünsche zu tun. Es scheint sich eine Trendwende bezüglich des »Ideals der freiwilligen Kinderlosigkeit« (Peuckert 2012: 217) abzuzeichnen.
Der zweite hervorzuhebende Sachverhalt ergibt sich aus diesem Trend. Bislang herrschte Unklarheit darüber, ob ein einmal gesunkener Kinderwunsch kurzfristig wieder ansteigen kann oder ob er zu einer wenig veränderbaren Obergröße für das Fertilitätsniveau wird. Letztere Gefahr scheint nicht zu bestehen, da der Kinderwunsch in einem kurzen Zeitraum von etwa 10 Jahren erheblich angewachsen ist."

Erstaunlich, dass von einer "relativ kurzen Phase niedriger Kinderwünsche" um das Jahr 2000 gesprochen wird. Stattdessen belegt die Tabelle 2, dass die Debatte um eine Kultur der Kinderlosigkeit erst mit Daten der BIB-Surveys PPAS 2003 und GGS 2005 entfacht wurde. Hauptakteur war ausgerechnet Jürgen DORBRITZ, der davon nun nichts mehr wissen will!

Haben wir es hier wieder mit Wahlkampf zu tun? Schließlich war die Kultur der Kinderlosigkeit das Thema des Familienwahlkampfes 2005. Zeichnet sich hier bereits der Trend des diesjährigen Familienwahlkampfes ab? Die Publikation der Zahlen zur Kinderlosigkeit in Deutschland aus dem Mikrozensus 2012 steht immer noch aus. Lässt sich aus dem Artikel also herauslesen, dass die Kinderlosigkeit zwischen 2008 und 2012 weiter zurückgegangen ist?

DORBRITZ, Jürgen (2014): Deutschland und Japan: Ein demografischer Vergleich,
in: Bevölkerungsforschung Aktuell, Nr.6 v. 10.12.

Neu:
DORBRITZ, Jügen/Ralina PANOVA/Jasmin PASSET-WITTIG (2015): Gewollt oder Ungewollt.
Der Forschungsstand zu Kinderlosigkeit,
in: Working Paper des Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, Nr.2 v. 27.04.

 
       
   

Jürgen Dorbritz in den Medien

 
       
   

URICH, Karin (2002): Bei der Entscheidung zwischen Beruf und Familie bleibt der Kinderwunsch häufig auf der Strecke.
Serie Bevölkerungsentwicklung: Forscher sehen die Politiker in der Pflicht, die Rahmenbedingungen für Paare mit Nachwuchs künftig weiter zu verbessern,
in: Mannheimer Morgen v. 21.03.

URICH stellt Christine und Frank als typisches kinderloses Paar in Deutschland vor. Die beiden sind DINKs (double income, no kids), Anfang 30, erst kurz in ihrem jetzigen Beruf (er als Lehrer, sie als kaufmännische Angestellte), haben einen langen Bildungsweg hinter sich (zweiter Bildungsweg, Umschulungen usw.) und gerade ein Haus gekauft. Das Fallbeispiel wird von URICH mit den Motiven und Merkmalen verglichen, die Jürgen DORBRITZ für Kinderlose typisch hält. URICH beruft sich bei ihrer Datenpräsentation auf die jüngste Studie des Bevölkerungswissenschaftlers. So neu können diese jedoch nicht sein, denn die Daten sind nicht entsprechend den BIB-Mitteilungen vom 09.03.2001 nach unten korrigiert. Die DINKs sind zwar jene, die von Familienrhetorikern gerne als Kinderlose par Excellence präsentiert werden, weil ihr Neidpotenzial besonders hoch ist, aber:

"Am häufigsten entscheiden sich die Frauen gegen Kinder, die allein leben und keinen festen Partner haben. Eine weitere große Gruppe kinderloser Frauen verfügt über ein geringes Einkommen und sieht deshalb keine Chance, sowohl ein Kind als auch den gewünschten Lebensstandard zu finanzieren."

 
       
       
   

Familienbildung in Deutschland Anfang der 90er Jahre (1999).
Demographische Trends, individuelle Einstellungen und sozio-ökonomische Bedingungen. Ergebnisse des deutschen Family and Fertility Survey.
Schriftenreihe des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, Band 30

(Herausgegeben zusammen mit Juliane ROLOFF)
Opladen:
Leske + Budrich

 
   
     
 

Klappentext

"Im Jahre 1992 ist im Rahmen eines internationalen Forschungsprojektes durch das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung der Family and Fertility Survey (FFS) in West- und Ostdeutschland in Kombination mit dem Population Policy Acceptance Survey (PPA) erhoben worden.
Im vorliegenden Band ‚Familienbildung in Deutschland Anfang der 90er Jahre Demographische Trends, individuelle Einstellungen und sozio-ökonomische Bedingungen' werden nun die wichtigsten Ergebnisse verschiedener FFS- und PPA-Auswertungsprojekte aus Einzelveröffentlichungen in komprimierter Form vorgestellt. Hauptanliegen dieser Veröffentlichung ist es, Bilder der Familie in Deutschland zu zeichnen und Aussagen zu ihrer Überlebensfähgikeit und damit zu den zukünftigen Fertilitätstrends zu gewinnen. Diese immer wieder aktuelle Problemstellung hatte Anfang der 90er Jahre mit der deutschen Wiedervereinigung und dem damit einhergehenden Wandel der demographischen Situation in Ostdeutschland ein besonderes Gewicht. So wird der Frage nachgegangen, ob sich mit dem Verhaltenswandel auch die Einstellungen zur Familie geändert haben, ob es Anzeichen einer längerfristigen Divergenz in den Verhaltensmustern zwischen West- und Ostdeutschland gibt. Aber auch für Westdeutschland harrten drängende Fragen einer Beantwortung hinsichtlich der Zukunft der Familie.
"

     
 
       
   

Rezensionen

fehlen noch
 
       
   

Jürgen Dorbritz in der Debatte

SCHWARZER, Alice (2000): Die gläserne Wand.
Siege und Niederlagen der Frauen im Kampf gegen die Männerherrschaft,
in: Spiegel
Nr.41 v. 09.10.

Der Spiegel druckt einen Auszug aus dem neuem Buch von Alice SCHWARZER, in dem die Feministin die demographische Lage aus der Perspektive einer 70er-Jahre-Feministin interpretiert. Man darf so schön antiquierte Sätze lesen wie:

"Im krassen Gegensatz zu den schönen bunten Trendstorys in den Medien, die uns so gern von den neuen Hochzeitsbooms und Kinderbooms erzählen, sieht die Wahrheit ganz anders aus, nämlich genau umgekehrt. Jede dritte 35-Jährige (Jahrgang 1965) ist heute kinderlos (im Jahrgang 1945 ist es nur jede achte). Immer mehr Frauen treten also in den Kinderstreik. Und die Männer? Die Männer treten in den Sexstreik!"

Bei Karsten Pöhl (01.03.2000), der das Buch Familienbildung in Deutschland Anfang der 90er Jahre der Demographen Juliane ROLOFF & Jürgen DORBRITZ rezensiert hat, liest man dagegen:

"Für die 1965 geborenen westdeutschen Frauen wird erwartet, daß ca. 30 Prozent von ihnen kinderlos bleiben".

Und in einer Beschreibung eines DFG-Forschungsprojektes (31.07.2000) Späte erste Mutterschaft lesen wir:

"Madonna bekam ihr erstes Kind mit 38, Demi Moore mit 36 und Birgit Schrowange bekommt ihrs mit 42! 12 Prozent aller Frauen kommen heute ihr erstes Kind mit über 35 Jahren und die Zahl steigt: Seite Mitte der 80er Jahren hat sich dieser Anteil vervierfacht."

Diese beiden Meldungen relativieren SCHWARZERs Aussage entscheidend. Zum einen wird aus einer Tatsachenaussage eine Prognose, denn die 35jährigen aus SCHWARZERs Jahrgang 1965 sind im Gegensatz zu den 55jährigen die als Vergleichsmaßstab herangezogen werden, noch im gebärfähigen Alter. SCHWARZER geht jedoch davon aus, dass die 35jährigen in einen Gebärstreik getreten sind (klingt eher nach 70er Jahre als Kinderstreik, was immer dieses merkwürdige Wort bedeuten soll). In zwanzig Jahren lässt sich entscheiden, in wie weit sich SCHWARZERs Vergleichjahrgänge tatsächlich unterscheiden.
"Die Männer treten in den Sexstreit!" SCHWARZER sollte weniger Emma oder Spiegel lesen...

GREENBERG, Susan H. (2001): Kleine Prinzen.
Die Geburtenraten sinken weltweit, das Familienbild wird vom Einzelkind beherrscht,
in: Focus Nr.31 v. 30.07.

Offensichtlich gibt es schwerwiegende Differenzen beim Thema "Einzelkind". Renommierte Demographen wie DORBRITZ und SCHWARZ gehen von einer zunehmenden Polarisierung zwischen Kinderlosen und Mehr-Kind-Familien aus, während GREENBERG einen Trend zur Ein-Kind-Familie belegen möchte.  Wenn die Geburtenrate bei 1,3 Kindern pro Familie liegt, dann stützt dies auf den ersten Blick die These von GREENBERG. Erst beim zweiten Blick wird deutlich, dass zwischen einer niedrigen Geburtenrate und der Anzahl von Kindern pro Familie kein besonders enger Zusammenhang bestehen muss.  Auch die Haushaltsstatistik, auf der sowohl die Polarisierungsthese als auch GREENBERGs These beruhen, hilft hier nicht weiter, sondern trägt wesentlich zum "Mythos der Ein-Kind-Familie" (Peter KRAFT) bei. GREENBERG fasst Familien mit einem geschwisterlosen Kind und Familien, deren Haushalt nur ein Kind zugeordnet worden ist, zum Konstrukt "Ein-Kind-Familie" zusammen. Wenn aber ein allein erziehender Vater mit seinem Kind und eine allein erziehende Mutter mit ihrem Kind in einer gemeinsamen Wohnung als Paar leben, dann haben wir es haushaltsstatistisch gesehen mit zwei Ein-Kind-Familien zu tun, obwohl es eher unwahrscheinlich ist, dass beide Kinder wie Einzelkinder leben. Jedes erstgeborene Kind ist zudem bis zur Geburt des zweiten Kindes ein Einzelkind. Wenn also eine Aussage richtig ist, dann diejenige, dass es heutzutage immer öfter vorkommt, dass ein Kind zeitweise alleine mit seinen Eltern in einer Wohnung zusammenwohnt, weil entweder das zweite Kind noch nicht geboren ist oder bis auf ein Kind bereits alle anderen Kinder aus dem Elternhaus ausgezogen sind. Ob die Schwester oder der Bruder nun ganz ausgezogen ist, nur unter der Woche nicht bei den Eltern wohnt oder in einer Einliegerwohnung im gleichen Haus wohnt, das ist der Haushaltsstatistik nicht zu entnehmen. Studien, die solche Differenzierungen nicht berücksichtigen, können bei der Untersuchung des Sozialverhaltens von angeblichen "Einzelkindern" zu schweren Fehlschlüssen führen. Welche Auswirkungen die Telekommunikationstechnik auf das Kontaktverhalten von Geschwistern hat, das wird von der überwiegend technikfeindlichen Soziologie erst recht vernachlässigt.  Auch wenn es keinen allgemeinen Trend zur Ein-Kind-Familie gibt, könnte es durchaus Milieus geben, in denen dieser Familientyp vorherrscht. Möglicherweise gehören die Beschäftigten in den neuen Berufen zu jenem Milieu in dem dieser Typ besonders verbreitet ist. Die Beispiele, die GREENBERG aufführt, würden dafür sprechen. Aber nur Milieustudien könnten darüber Auskunft geben.

RUOSS, Christiane (2002): Die Mehrheit wird immer grauer.
Weil die Gesellschaft zunehmend altert, muss sich vieles ändern, was den Deutschen bisher selbstverständlich war - und das wird weh tun,
in: Süddeutsche Zeitung v. 07.01.

 
       
   

Jürgen Dorbritz im WWW

www.bib-demographie.de
 
       
   

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