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Karl Lenz: Die Paarbildung

 
       
   
  • Kurzbiographie

    • 1955 geboren
    • Lehrstuhl für Mikrosoziologie an der TU Dresden
    • 1998 Buch "Soziologie der Zweierbeziehung"
    • Lehrstuhl für Mikrosoziologie am Institut für Soziologie der TU Dresden
 
       
     
       
   

Karl Lenz in seiner eigenen Schreibe

 
   
LENZ, Karl (1990): Institutionalisierungsprozesse in Zweierbeziehungen,
in:
Schweizerische Zeitschrift für Soziologie, 16, 2, S. 223-244

LENZ, Karl (2009): Haben Familien und Familiensoziologie noch eine Zukunft? In: Burkart, Günter (Hg.) Zukunft der Familie, Sonderheft der Zeitschrift für Familienforschung, Opladen, S 73-92

Karl LENZ beschreibt, warum die wenig innovationsfreudige Familienforschung ihr Themenfeld erweitern MUSSTE:

"Gewissermaßen unter der Hand hat sich das »eigentliche« Forschungsfeld der Familie ausgeweitet. Allerdings sollte dies nicht als Ausdruck einer besonderen Innovationskraft dieses Forschungsfeldes gefeiert werden. Die Familienforschung kann gar nicht anders; die massiven Wandlungsprozesse - die wirken, auch wenn sie relativiert werden - haben diese Ausweitung erzwungen. Erst stark zeitverzögert hat die Disziplin dem überhaupt Rechnung getragen. Erst lange nach ihrer Ausbreitung hat die Familienforschung nichtkonventionelle Lebensformen, wie z.B. die nichtehelichen Lebensgemeinschaften, zum Thema gemacht." (2009, S.84)

Auf dieser Website wurde bereits des Öfteren die Rückständigkeit der Forschung und der amtlichen Statistik beklagt, die trotz dieser Themenerweiterung besteht. LENZ beklagt die Diffusität des dadurch entstandenen Gegenstandsbereichs:

"Argumentiert wird, dass es in der Familiensoziologie durchaus möglich sei, über Paare, Kinderlosigkeit oder über Singles zu forschen. Es stellt sich die Frage, wo in dieser Perspektive eigentlich die Grenze der Ausdehnung liegt." (2009, S.84)

LENZ nimmt die Vorstellung von Günter BURKART, dass alles aus einer familialen Perspektive betrachtbar sei, zum Anlass, um die Grenzen dieser Perspektive sichtbar zu machen:

"Diese Aussage ist insoweit nachvollziehbar, wenn z.B. (...) Fragen nach der Vereinbarkeit von Familienleben und Erwerbsarbeit gestellt werden (...). Auf dieser Grundlage kann die Disziplin sicherlich auch die Kopplung von Elternschaft und Paarbeziehung zum Gegenstand machen. Auf Grenzen stößt diese Position aber, wenn man sich ohne diese Kopplung mit Paaren befasst und damit kinderlose Paare wie Paare mit Kindern behandelt."

LENZ kritisiert, dass eine solche Familienforschung, die funktionale Differenzierung im Bereich der Lebensformen nicht adäquat erfassen kann:

"Eine »familiale Perspektive« oder eine Betrachtung »ausgehend von der Familie« ist in diesem Fall nur mit der Hilfskonstruktion möglich, dass der eigentliche Zweck der Paarbildung die Familiengründung sei. Dieser Verweisungszusammenhang galt für das bürgerliche Familienmodell; er gilt aber in der Gegenwart nicht mehr. Wenn statt von einer Momentaufnahme kinderloser Paare oder Paaren mit Kindern von Längsschnittdaten, wie es Gunter Schmidt et al. (2006) in ihrer Hamburg-Leipziger Studie zur Beziehungsbiographien getan haben, ausgegangen wird, dann zeigt sich, dass eine Familiengründung nur in einem geringen Teil der Zweierbeziehungen vorkommt. Für die Mehrzahl von Paaren ist heute die Familiengründung nicht mehr der bereits vollzogene oder zumindest angestrebte Normalfall. In vielen Paarbeziehungen werden keine Kinder geboren."

Für LENZ ist die Paarbeziehung heutzutage nicht mehr auf eine Familiengründung ausgerichtet. Tatsächlich stellt sich die Frage, ob die Paarbeziehung nicht Funktionen jenseits der Familiengründung erfüllt, die von der Familienforschung ignoriert werden. Selbst wenn die Familiengründung weiterhin normativer Bezugspunkt bleibt, greift die Frage nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu kurz. Nur die Frage der Vereinbarkeit von Beruf und Partnerschaft als "normale" Voraussetzung einer Familiengründung wäre hier ein angemessener Gegenstandsbereich. Aber auch dies ließe außer acht, dass die funktionale Differenzierung der Gesellschaft inzwischen das kinderfreie Paar, jenseits von Familiengründungsabsichten, - zumindest in gewissen Lebensabschnitten und Berufsfeldern - geradezu erforderlich macht, wenn nicht die rigiden gesellschaftlichen Normen bezüglich Mutterschaft und Vaterschaft aufgegeben werden.

Sind Paare als unvollständige Familien zu betrachten, wie das eine aktive Bevölkerungspolitik und weite Teile der Gesellschaft sehen oder sind Paare nichts anderes als Paare? Diese Frage wird aufgrund der als ZU hoch eingeschätzten Kinderlosigkeit in Deutschland (zumindest was die Eliten betrifft) drängender als je zuvor aufgeworfen werden.

LENZ weist jedoch noch auf weitere Versäumnisse der Familienforschung hin:

"Paarbeziehungen lassen sich nicht länger als bloßes Vorstadium einer Familie auffassen, ganz nach dem Diktum von Renè König, wonach Ehen »unvollständige Familien« seien. (...). Davon ist nicht nur die Paarbeziehung betroffen, sondern auch Geschwister- oder Verwandtschaftsbeziehungen. Ein weiterer Beleg für die daraus resultierende Verengung ist die starke Vernachlässigung homosexueller Paare. Da diese - zumindest im Bannkreis des in der Familienforschung etablierten Biologismus - nicht Familie werden können, hat sich die Familienforschung lange Zeit gar nicht und auch weiterhin nur sehr randständig mit lesbischen und schwulen Zweierbeziehungen befasst (...). Trotz thematischer Ausweitung ist es äußerst fraglich, ob diese vernachlässigten Beziehungsformen in Zukunft in der Familienforschung angemessen verankert werden können. Nur ein begrifflich weiter gefasstes Forschungsgebiet hat das Potential, dem nachhaltig entgegenzuwirken."

Tatsächlich ist der Biologismus nicht nur in der Familienforschung, sondern auch in der Gesellschaft ein Problem, wenn die Kinderlosigkeit in Deutschland als zentrales Problem bei der Erhöhung der Geburtenrate angesehen wird.

Gerade die Hemmnisse der Familiengründung im Bereich der gleichgeschlechtlichen Paare könnte einer Erhöhung der Geburtenrate entgegen stehen. Dazu schreibt Antje SCHRUPP in ihrem Buch Methusalems Mütter:

"Die letzten zwanzig Jahre waren Jahrzehnte, in denen lesbische Frauen sich weitgehende gesellschaftliche Anerkennung erkämpft haben. (...) Das Recht auf Mutterschaft hingegen konnten sie noch nicht durchsetzen.
Zufällig sind aber die letzten zwei Jahrzehnte auch genau die Zeitspanne, in der die Babyboomer-Generation der in den 1960er Jahren Geborenen im gebärfähigen Alter war. Wenn aber ein Jahrgang zahlenmäßig besonders stark ist, hat die Fertilitätsrate dieses Jahrgangs eine besonders große Auswirkung auf die Entwicklung der absoluten Kinderzahlen. Fünf Prozent der weiblichen Bevölkerung (so vorsichtige Schätzungen über den Anteil lesbischer Frauen), die zur Kinderlosigkeit genötigt werden, fallen da durchaus ins Gewicht. Während ältere Lesbengenerationen meist durchaus Mütter waren (...), sind solche Doppelleben heute nicht mehr nötig. (...). Der Preis, den sie für diese Freiheit zahlen, ist die Kinderlosigkeit - hier liegt eine wichtige Ursache für die »ausgefallene Generation«, die Demografen beklagen. Die nie geborenen Töchter der heute 40- bis 50-jährigen Lesben fehlen nämlich jetzt als potenzielle Mütter." (2007, S.85f.)

Solange also gleichgeschlechtlichen Paaren der Zugang zur Elternschaft von der Gesellschaft - mehr oder weniger - verweigert wird, wird ein großes Potenzial verschenkt. 

 
       
   

Karl Lenz im Gespräch

 
   
SCHMIEDING, Bettina (2007): Jung und allein, alt und einsam?
Das Leben als Single,
in: DeutschlandRadio v. 11.05.

Sendung mit dem Journalisten Ulf POSCHARDT ("Einsamkeit") und dem Soziologen Karl LENZ über das Single-Dasein. In einem Interview mit dem Dresdner Single-Magazin Disy SOLO hat LENZ das Single-Dasein folgendermaßen charakterisiert:

"47 Prozent der Dresdner Haushalte sollen laut statistischen Angaben Single-Haushalte sein – sind wir beziehungsunfähig?
            
Singles werden häufig mit Alleinlebenden verwechselt – das ist ein Kardinalfehler. Man muss kein Single sein, wenn man in einem Ein-Personen-Haushalt lebt. Fernbeziehungen oder Paare, die in getrennten Wohnungen leben, gelten zum Beispiel statistisch als Single, sind es aber in Wirklichkeit nicht. Auch Verwitwete kann man nicht zwangsläufig als Singles bezeichnen. Als Haushalt gilt, wer zusammen lebt und zusammen wirtschaftet, doch wie viele Singles leben in Wohngemeinschaften und werden statistisch gar nicht als Singles registriert? Oder wenn zwei Menschen ein sexuelles Verhältnis miteinander haben, sind sie dann nicht mehr Single? Amtliche Statistiken sagen nichts darüber aus, wie viele Singles es tatsächlich gibt. Und es kommt darauf an, was man überhaupt unter einem Single versteht.
             Was verstehen Sie unter einem Single?
Ein Single ist eine Person mittleren Alters, die sich aktuell in keiner festen Paarbeziehung befindet. Kinder und Verwitwete kann man nicht als Single bezeichnen."

Neu:
STAAT, Yvonne & Sven BRODER (2010): "Frauen haben sehr gute Karten".
Sexuell hyperaktiv und unfähig, sich zu binden: So sind Singles, sagt man. Karl Lenz weiss es besser. Der Soziologe hat sich ausgiebig mit dem Wesen der Ungebundenen befasst.
in: Beobachter, Heft 4 v. 17.02.

 
       
   

Soziologie der Zweierbeziehung (1998)
Eine Einführung
Opladen: Westdeutscher Verlag

 
   
     
 

Klappentext

"Die Pluralisierung von Beziehungsformen macht eine Soziologie der Zweierbeziehung erforderlich, die sowohl Ehen wie auch nichteheliche Formen einbezieht. In dieser Einführung werden die bislang verstreuten Beiträge gebündelt, systematisiert und in einer soziologischen Perspektive verdichtet. Zweierbeziehungen werden als soziale Wechselwirkungen aufgefaßt und nicht als bloßer Ausfluß der Psyche der Einzelindividuen. Der Autor behandelt ausführlich den Phasenverlauf der Zweierbeziehungen, die Konstruktion einer Paar-Wirklichkeit und die Emotionen in Zweierbeziehungen. "

     
 
       
   

Rezensionen

BATTKE, Achim (1999): Rezension,
in: Soziologische Revue 1999, H.3

SCHMIDT, Johannes F. K. (1999): Rezension,
in:
Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, H.2, Juni

SCHÜTZEICHEL, Rainer (2008): Rezension,
in: Soziologische Revue 2008, H.2, April

"Die »Soziologie der Zweierbeziehung« von Karl Lenz ist ein Standardwerk, an dem in der zukünftigen Forschung kein Weg vorbei führen dürfte. Zwei kritische Anmerkungen seien jedoch erlaubt: Lenz vernachlässigt mit den Partnerschaftsportalen im Internet eine maßgebliche Entwicklung. Diese Portale sind nicht nur als ein anderer Modus der Partnerschaftsfindung anzusehen, sondern sie regieren bis in die kulturelle Programmatik der Zweierbeziehungen und die romantische Liebe hinein, wie dies beispielsweise von Eva Illouz, aber auch anderen Forschungen, herausgearbeitet wurde. (...). Die zweite Anmerkung betrifft die externe Abgrenzung von Zweierbeziehungen gegenüber anderen Formen von persönlichen Beziehungen einerseits, die interne Differenz von verschiedenen Formen von Zweierbeziehungen andererseits. Diesbezüglich würde die vor allem seitens der Systemtheorie empfohlene Differenz von Code und Programm weiterhelfen", meint SCHÜTZEICHEL.

 
   

Karl Lenz in den Medien

HOFFMANN, Franziska (2002): Von der Fremdheit zur Intimität.
Dresdener Soziologen wollen das Geheimnis der Paarbildung lüften,
in: Tagesspiegel
v. 08.01.

Bericht über das Forschungsprojekt Institutionalisierungsprozesse in Zweierbeziehungen, das Teil des Sonderforschungsbereiches 537 "Institutionalität und Geschichtlichkeit" ist.

 
     
   

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Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 25. November 2001
Update: 29. März 2015