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Rahel Jaeggi: Kritik von Lebensformen

 
       
   
  • Kurzbiographie

    • 1966 als Tochter von Eva Jaeggi und Urs Jaeggi in Bern geboren
    • 1997 Buch "Welt und Person"
      2005 Buch "Entfremdung"
    • 2013 Mitherausgeberin von "Nach Marx"
    • 2013 Buch "Kritik von Lebensformen"
    • Professorin für praktische Philosophie an der Humboldt-Universität in Berlin
 
       
     
       
   

Rahel Jaeggi in ihrer eigenen Schreibe

 
   

fehlt noch

 
       
   

Rahel Jaeggi im Gespräch

 
   

KRÜMMEL, Clemens & Aram LINTZEL (2004): Eine neokonservative Warenkunde.
Eine Gesprächsrunde mit Ekkehard Ehlers, Andreas Fanzizadeh, Judith Hopf, Rahel Jaeggi, Tobias Rapp,
in:
Texte zur Kunst, H.55 Neokonservatismus, September

MISIK, Robert (2007): "Es geht mir nicht um Lebenshilfetipps".
Man ist "entfremdet", wenn man nicht mehr aktiv die Verhältnisse beeinflusst, in denen man lebt, sagt Rahel Jaeggi. Die Philosophin rehabilitiert einen Begriff der "Entfremdung", der ohne Idee vom objektiv "richtigen Leben" auskommt,
in: TAZ v. 10.02.

CASATI, Rebecca (2007): Verlorenes Verhältnis zu sich selbst.
Geistesgrößen (X): Warum die Suche nach dem wahren Ich vergeblich bleibt,
in: Spiegel Nr.39
v. 24.09.

Rebecca CASATI porträtiert die Philosophin Rahel JAEGGI ("Entfremdung"), Tochter des Soziologen Urs JAEGGI ("Was auf den Tisch kommt, wird gegessen") und der Psychoanalytikerin Eva JAEGGI ("Ich sag' mir selber guten Morgen").

FLAßPÖHLER, Svenja (2013): "Unser Verständnis von Selbstverwirklichung ist eine Zumutung".
Pathologien der Arbeit, gescheiterte Selbstentwürfe, entfremdetes Dasein: Rahel Jaeggis Philosophie zielt ins Herz der heutigen Leistungsgesellschaft. Mit ihrem kritischen Interesse an unseren Lebensformen will sie einen gesellschaftlichen Wandel einleiten,
in: Philosophie Magazin,
Dezember/Januar

Rahel JAEGGI, Angehörige der Generation Golf, erzählt u.a. von ihrer prägenden Zeit in der Berliner Hausbesetzerbewegung, nachdem sie mit 14 Jahren von zu Hause abgehauen und die Schule abgebrochen hat. JAEGGI spricht auch über den Zusammenhang zwischen dem erschöpften Selbst, Entfremdung und Selbstverwirklichung:

"Svenja Flaßpöhler: Leiden wir in der heutigen Burnout-Gesellschaft nicht eher an einem »zuwenig« an Entfremdung? Die Subjekte sind erschöpft, weil sie ständig damit beschäftigt sind, sich selbst zu verwirklichen, behauptet der Soziologie Alain Ehrenberg.
Rahel Jaeggi: Es stimmt zum Beispiel, dass wir es heute in vielen Arbeitsbereichen nicht mehr mit fragmentierter, monotoner Arbeit zu tun haben wie noch zu Marx' Zeiten. Eher ist der Mensch in neoliberalen, prekären Arbeitsverhältnissen - man denke an die Kreativwirtschaft - gerade umgekehrt in seiner sogenannten »ganzen Persönlichkeit« gefragt. Viele identifizieren sich vollständig mit ihrer Arbeit, kennen keinen Feierabend, kein »jenseits der Arbeit« mehr. Ich würde es aber anders fass und behaupten: Diese Form der Selbstverwirklichung ist selbst eine Form der Selbstentfremdung."

Rahel JAEGGI rechtfertigt mit ihrem Buch Kritik von Lebensformen eine nachhaltige Familienpolitik á la Hans BERTRAM, die u. a. eine Kritik am Betreuungsgeld ist:

"Svenja Flaßpöhler: Nehmen wir (...) die Betreuungsgeld-Frau. Wie genau begründen Sie denn nun ihre Kritik an dieser Lebensform?
Rahel Jaeggi: In Bezug auf das individuelle Problem kann man den Formierungsprozess der Entscheidung infrage stellen: Wie ist die Entscheidung für diese Lebensform zustande gekommen? Gab es Alternativen? Ausreichend viele Optionen? Inwieweit hat sich die Frau von kulturell etablierten Mutterbildern, möglicherweise auch Ängsten leiten lassen? Und ist sie sich klar über die Konsequenzen? Was mich aber eigentlich interessiert ist die Frage, anhand welcher Kriterien sich Lebensformen als angemessen oder unangemessen, rational oder irrational, aber auch als in bestimmter Hinsicht »gelungen« auffassen lassen. Mich interessiert also, in welche Arten von Krisen sie geraten und in welcher Hinsicht sie als Lebensformen scheitern. Ich begreife Lebensformen als einen Zusammenhang sozialer Praktiken, die darauf gerichtet sind, Probleme zu lösen. Und die Frage ist, inwiefern sie das auch tun."

Bei einer solch normativen Herangehensweise an Lebensformen stellt sich immer auch die Frage, inwiefern die Kriterien der Kritik lediglich dem existierenden Zeitgeist geschuldet sind. Ist das Problem der Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht lediglich eine Problem, das aufgrund der priorisierten Politikziele "Erhöhung der Müttererwerbstätigkeit" und "Steigerung der Geburtenrate" besteht? Und ist es nicht nur ein Problem für einen kindorientierten Privatheitstyp, während die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für partnerschaftsorientierte Privatheitstypen wie kinderlose Paare nicht das Problem ist? Wie also soll eine Lebensform gerechtfertigt werden und viel entscheidender: Gibt es eine Hierarchie der Lebensformen, die sich begründen lässt? Und wenn nicht, wie lässt sich die Diskriminierung von Lebensformen verhindern, angesichts der wechselnden gesellschaftlichen Konstruktion von Krisen? So werden z.B. heutzutage Singles als nützliche Idioten einer paar- und familienzentrierten Gesellschaft politisch missbraucht.

Rahel JAEGGI behauptet, dass ihr Ansatz nicht von ihrer Mutter Eva JAEGGI, die bekanntlich Singles als Pioniere der Moderne glorifizierte, beeinflusst sei. Man darf also gespannt sein, inwiefern dies beim Buch Kritik von Lebensformen tatsächlich der Fall ist.

SCHOLL, Joachim (2014): "Ohne erhobenen Zeigefinger".
Moralphilosophie: Die Frage nach der richtigen Lebensform. Gespräch mit Rahel Jaeggi,
in: DeutschlandRadio v. 03.01.

HAUSBICHLER, Beate (2014): "Lebensformen sind nicht nur Geschmackssache".
Wie Menschen ihr Leben gestalten, ist keine Privatsache, sagt Philosophin Rahel Jaeggi und fordert in ihrem neuen Buch mehr Einmischung durch Philosophie,
in: Der Standard v. 15.01.

 
       
   

Kritik von Lebensformen (2013).
Berlin: Suhrkamp Verlag

 
   
     
 

Klappentext

"Lassen sich Lebensformen kritisieren? Lässt sich über Lebensformen sagen, sie seien gut, geglückt oder gar rational? Die politische Ordnung des liberalen Rechtsstaats versteht sich als Versuch, das gesellschaftliche Zusammenleben auf eine Weise zu gestalten, die sich zu den unterschiedlichen Lebensformen neutral bzw. »ethisch enthaltsam« verhält. Dadurch werden Fragen nach der Art und Weise, in der wir individuell oder kollektiv unser Leben führen, in den Bereich nicht weiter hinterfragbarer Präferenzen oder als unhintergehbar gedachter Identitätsfragen ausgelagert. Wie über Geschmack lässt sich über Lebensformen dann nicht mehr streiten. Rahel Jaeggi hingegen behauptet: Über Lebensformen lässt sich mit Gründen streiten. Lebensformen sind als Ensembles sozialer Praktiken auf die Lösung von Problemen gerichtet. Sie finden ihren Maßstab »in der Sache« des Problems"

     
 
       
   

Rezensionen

WEBER-GUSKAR, Eva (2014): Entwerfen statt Geworfensein.
Die Frage nach dem individuellen guten Leben ist kein Thema der traditionellen Philosophie. Die Berliner Philosophin Rahel Jaeggi widerspricht: Kritik an der eigenen Lebensführung ist überhaupt erst Voraussetzung aller Autonomie,
in: Süddeutsche Zeitung v. 21.01.

WEBER-GUSKAR sieht in der Kritik von Lebensformen die Begleitung von gesellschaftlichen Modernisierungsbestrebungen:

"Familie ist nicht mehr da, wo es Vater, Mutter, Kind und gemeinsames Abendessen gibt, sondern da, »wo es Kinder gibt« - wie es seit einigen Jahren in einem politischen Slogan heißt. Egal, ob mit einem alleinerziehenden Vater oder zwei Müttern, von denen nur eine biologisch verwandt ist."

In einem Interview mit dem Standard sagt JAEGGI:

"Es geht nicht darum, die Pluralität aufzugeben, sondern darum, diese anders zu verstehen. Nicht als Pluralität von Lebensformen, die alle in sich bereits gelungen oder unhintergehbar wären; sondern als gänzlich verschiedene Versuche der Bewältigung des Lebens, die alle von je spezifischen Problemen gezeichnet sind."

Die Frage stellt sich jedoch, inwiefern in Zeiten der Wiederkehr von Konformität eine solche Sichtweise jenseits von mächtigen Wirtschaftsinteressen  überhaupt verfolgbar ist. Macht sich die Ethikisierung der Philosophie lediglich zum Büttel von Wirtschaftsinteressen oder steht sie auf Seiten derjenigen, denen mehr oder weniger unfreiwillig bestimmte "Lebensformen" aufgezwungen werden?

Neu:
MÜLLER-LOBECK, Christiane (2014): Und so lebe ich.
Sosein I: Lebensformen sind soziale Praktiken, sagt die Philosophin Rahel Jaeggi. Und über die kann man streiten,
in: TAZ v. 15.02.

MÜLLER-LOBECK kann dem Buch Kritik von Lebensformen der Philosophin Rahel JAEGGI nichts abgewinnen:

"Folgenschwer für Jaeggis Ansinnen: Sie spart von den Begründungen, die sich für ein Ensemble sozialer Praktiken - mithin eine Lebensform - geben lassen, eine wieder aus. »Ich werde hinsichtlich der Konstituierung von Lebensformen die konventionalistische Normbegründung zurückweisen«, heißt es lapidar. Am Ende also bestimmt auch sie eine Zone, über die sich nicht diskutieren lässt. Aber wird es nicht genau hier interessant?"

Doris AKRAP nimmt sich dagegen das Buch Messy Lives von Katie ROIPHE vor, in dem das Scheitern und der "Hedonismus des Augenblicks "gefeiert wird, sozusagen das Gegenteil einer Kritik von Lebensformen:

"Wenn der Posteingang des Maileingangs versiegt und das Smartphone nicht mehr fiept und man ständig checkt, ob der Akku leer ist. Verschluckt all jene, die sich am Wochenende im Kreis der Familie bewegen. Denn trotz aller Feierei des Scheiterns: die Welt der Normalen ist immer noch Norm. Und von vielen eine sehr gewollte.
Und auch Katie Roiphe wird zugeben müssen, dass es neben dem großen Spaß auch schwerste Arbeit ist, dieses unaufgeräumte Leben zu führen."

 
   

Rahel Jaeggi im WWW

www.philosophie.hu-berlin.de/institut/lehrbereiche/politik/jaeggi/

 
   

weiterführende Links

 
     
   
 
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 05. Oktober 2004
Update: 18. März 2015