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Franz Walter: Abschied von der Toskana

 
       
     
       
     
       
   

Franz Walter in seiner eigenen Schreibe

 
   

WALTER, Franz (2003): Selbstgenügsam und pausbäckig.
Die SPD implodiert - und der Nachwuchs der "Generation Berlin" sieht seelenruhig zu,
in: Welt v. 25.10.

Franz WALTER widmet sich u.a. dem Schicksal der Single-Generation, die in der SPD keine Heimat fand und deswegen bei den Grünen und in der CDU landete:

"Die 1950er-Jahrgänge hatten (...) nie eine Chance, in der SPD nach vorn oder oben zu kommen.
Und so gingen die politischen Köpfe des linken Spektrums dieser Generation bekanntlich zu den Grünen. Mit Helmut Schmidt und dessen Atompolitik hatte das alles vermutlich gar nicht so recht zu tun.
Die 1950er-Jahrgänge waren vielmehr blockiert. Der öffentliche Dienst, der 1978 die Schotten dicht gemacht hatte, nahm sie nicht mehr auf. Die SPD, der sie eigentlich zuneigten, brauchte sie auch nicht. So schufen sie sich die Grünen.
Und weil die »Generation Trittin« in den frühen Jahren noch rüde und extremistisch auftrat, weckte das im verängstigten konservativen Jungbürgertum der gleichen Generation ganz ähnliche zugespitzte Gegenreaktionen. Starke Identität lebt schließlich von ebenso starken Feinden und Gegnern. Und so bekam die CDU, im Unterschied zur SPD, einen schlagkräftigen Nachwuchs auch aus den 1950er-Kohorten: Eben die Herren Koch, Wulf, Merz, Müller and so on.
"

Mit den 1960er Jahrgängen der SPD hadert WALTER:

"Aus dieser Generation haben es einige in den Bundestag geschafft, haben sich zu einem »Netzwerk Berlin« zusammengetan. Anfangs firmierten sie als »Generation Berlin«. Doch bösartige Interpreten sprachen immer von »Generation Pausbacke«. Denn irritierend war tatsächlich die pausbäckige Selbstgenügsamkeit und Selbstzufriedenheit der SPD-Nachwuchsgruppe. Auch in dieser Zeit des Niedergangs der Partei hat man nicht den Eindruck, dass die sozialdemokratischen Enkel-Nachfolger aufgewühlt, erregt, voll Tatendrang wären.
Ihnen reicht offenkundig, dass sie in aller Ruhe durchrechnen können, wer vor ihnen steht und wer von hinten drängt. Kaum jemand natürlich.
"

Das eigentliche Problem sieht WALTER jedoch nicht im drögen Generation Berlin-Nachwuchs, für den die wertkonservative Susanne GASCHKE bezeichnend ist. Ihr hervorstechendes Merkmal: Politik erschöpft sich in identitätspolitischen Abgrenzungskämpfen gegen die 68er und die Generation Golf. Das eigentliche Problem ist für WALTER vielmehr der Abschied von der Aufstiegsorientierung jenseits der Schlaffi-Mitte:

"Einst hatte sich die Kraft der sozialdemokratischen Anführer aus den Aufstiegsenergien der qualifizierten Facharbeiterschaft gespeist. (...). In den 1970er-Jahren erreichte dann diese Schicht endlich ihr Ziel. Sie avancierte durch Aufstieg über Bildung zur »neuen Mitte«. Der Eifer erlahmte daraufhin, der Ehrgeiz brannte nicht mehr. Die Zurückgebliebenen der Unterschicht indessen koppelten sich resigniert ab. Dort sind Aufstiegsenergien, ist der Drang nach gesellschaftlicher Partizipation nicht mehr zu finden. Eben deshalb verliert die SPD Wahlen; und eben deshalb fehlt der SPD auch der kraftvolle, zielorientierte, brutal nach vorn drängende Nachwuchs von unten."

WALTER, Franz (2004): Wer gibt den Danton an?
Linkspopulismus: eine Chance für die SPD,
in: Süddeutsche Zeitung v. 22.03.

Franz WALTER sieht in der Entstehung einer linkspopulistischen Partei keine Gefahr für die SPD, sondern mittelfristig würde sie dem Machterhalt dienen. Beispielhaft nennt er den Aufstieg der Grünen, die erfolgreich im Revier der FDP gewildert haben und dadurch dem bürgerlichen Lager die Mehrheitsfähigkeit genommen haben. Im Aufstieg der Neuen Rechten und des Rechtspopulismus sieht WALTER die wirkliche Gefahr für die SPD. Die Glanzzeit des "dritten Wegs" und der "Neuen Mitte" ist für WALTER jedenfalls endgültig vorbei. Die "neuen europäischen Unterschichten" sind jenes Klientel, das der Vertretung ihrer Interessen im Parteiensystem harrt. Der gegenwärtig diskutierten Linkspartei fehlt es gemäß WALTER an Entscheidendem:

"Sie sind nicht die geeigneten Volkstribune für die politisch, ökonomisch und kulturell obdachlosen Menschen in den randständigen Trabantenvierteln der urbanen Zentren".

Dieses Milieu beschreibt WALTER folgendermaßen:

"Die Lebenserfahrungen und Alltagserlebnisse der neuen städtischen Unterschichten (sind) (...) viel zu unordentlich, programmindifferent, diskontinuierlich, rhapsodisch, unstrukturiert, auch hedonistisch und konsumistisch (...)."

Ein Volkstribun im Sinne von WALTER müsste nicht so sein wie MÜNTEFERING oder ein kreuzbraver linker Gewerkschaftsfunktionär, sondern ein ungebundener politischer Außenseiter und Charismatiker, der "machohafte Kraftbolzen und lustvolle oder gar verwegene Provokateur der Politik." (ob WALTER hier einen Typ wie Dieter BOHLEN im Augen hat?). Als  Volkstribun wünscht sich WALTER eine "rhetorisch kraftvolle, instinktsichere, eben unbekümmert populistische Danton-Gestalt".

WALTER, Franz & Tim SPIER (2004): Der skandinavische Weg.
Das Potenzial für eine neue Linkspartei ist da: enttäuschte Arbeitnehmer, Arbeitslose und Opfer der Sozialreformen. Dennoch ist es fraglich, ob sie ihre Chance nutzen kann,
in: TAZ v. 19.06.

Der Politikwissenschaftler Franz WALTER sieht in der neuen sozialen Frage das zentrale Thema einer neuen Linkspartei:

"Bleibt die Frage: Auf welche Inhalte müsste die neue Partei setzen, um erfolgreich zu sein? Soziale Gerechtigkeit und Bewahrung des Sozialstaates. Trotz der aggressiven Polemik, die in den mittlerweile ziemlich einheitlich neoliberal durchformten meinungsbildenden Medien gepflegt wird, sind die meisten Bürger gegenüber dem Wohlfahrtsstaat noch immer positiv eingestellt.
Mit der Okkupation dieser Themen würde eine Linkspartei nicht nur in ein Feld vordringen, das einst die klassische SPD besetzt hielt. Mehr noch: Es ließen sich viele der aktuell diskutierten politischen Vorhaben und Gesetze auf diese Grundthemen zurückführen und herunterbrechen, sodass eine innere Kohärenz zwischen konkretem Protest und der ideologischen Grundlinie hergestellt werden könnte."

Dass hierfür ein gesellschaftlicher Bedarf besteht, zeigen die skandinavischen Staaten, in denen sich Linksparteien erfolgreich im Parteienspektrum behaupten konnten:

"Interessant dürften in diesem Zusammenhang auch Entwicklungen in Skandinavien sein: Hier haben sich die Socialistisk Folkeparti (SF) in Dänemark, die Sosialistisk Venstreparti (SV) in Norwegen, der Vänsterpartiet (VP) in Schweden und der Vasemmistoliitto (VAS) in Finnland erfolgreich als Parteien links der Sozialdemokratie etabliert - weil sie das skandinavische Wohlfahrtsstaatsmodell verteidigen."

WALTER, Franz (2004): Das Ende der Volksparteien.
Die Implosion von Politik trifft nicht nur die SPD ins Mark, sondern wird auch demnächst die CDU einholen,
in: Frankfurter Rundschau v. 19.06.

WALTER, Franz (2004): Sinnkrise einer Volkspartei.
Mitgliederschwund, "Mittigkeit" und Personalprobleme gehen der SPD an die Substanz,
in: Welt v. 19.06.

WALTER, Franz (2004): Fremdeln mit den eigenen Wählern.
Die großen Sympathien der jungen Männer aus der Unterklasse haben das bürgerliche Lager in Deutschland verunsichert,
in: Frankfurter Rundschau v. 09.09.

WALTER, Franz (2004): Einheitsfront der Reformer.
Wer den Sozialstaatsumbau ablehnt, hat im Bundestag und in der politischen Elite keine wirkungsvolle Stimme mehr - also gibt er sie Außenseitern,
in: Süddeutsche Zeitung v. 22.09.

Franz WALTER kritisiert den deutschen Elitenkonsens:

"Allein mit dem Bekenntnis zur »Reform« verschafft man sich (...) Zugehörigkeit zu denen, auf die es in diesem Land ankommt. Wer auch nur ein vorsichtiges Fragezeichen setzt, wird meist schnell und scharf exkludiert, gilt womöglich als tumber Bsirskeist, als sozialstaatlicher Ewiggestriger, in der mildesten Version: als Leugner der Wirklichkeit.
Eben das aber ist die Ausgangslage für die Verwerfungen, die sich zuletzt an einigen Montagabenden entluden und an Wahlsonntagen äußerten, und über die dann die Eliten dieser Republik ihre sorgenvollen Klagelieder anstimmen. Denn wer die Reformen nicht goutiert - und das sind seit Jahren hartnäckig und störrisch große Teile dieser Gesellschaft - sieht sich politisch auf außerparlamentarisches Terrain abgestellt."

WALTER, Franz (2004): Zurück zum alten Bürgertum: CDU/CSU und FDP,
in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 40 v. 27.09.

Franz WALTER sieht die Existenz einer Generation Golf (Florian ILLIES), die Markus KLEIN erstmals wissenschaftlich nachgewiesen hat, durch die Ausgänge der letzten Landtagswahlen bestätigt:

"Die Union und die FDP reüssierten signifikant bei den 25- bis 34-Jährigen und finden den geringsten Zuspruch bei der Alterskohorte danach, der klassischen Partizipationsgeneration. Hier, in der letzten geburtenstarken Kohorte der Bundesrepublik, hat das altbürgerliche Lager ganze Segmente der nachwachsenden akademischen Schicht an die neubürgerliche Formation der Grünen abgeben müssen. Besonders Frauen dieser Generation mit hohen Bildungszertifikaten haben sich vom altbürgerlichen Lager abgewandt."

WALTER, Franz (2004): Traurig und ganz modern.
Die SPD kennt keine sozialpolitische Utopie mehr, sondern nur noch die praktischen Aufgaben der Gegenwart. Damit kann man sogar Wähler zurückgewinnen. Aber die Ernüchterung hat ihren Preis,
in: Die ZEIT Nr.41 v. 30.09.

Neu:
SCHLIEBEN, Michael (2009): "Gabriel ist fähig, aber ..."
Der SPD laufen die Wähler davon, Steinmeiers Güte als Oppositionschef ist fraglich – der Politologe Franz Walter analysiert im Interview die Probleme der Volkspartei,
in:
Zeit Online v. 01.10.

 
       
   

Abschied von der Toskana (2004).
Die SPD in der Ära Schröder
Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften

 
   
     
 

Klappentext

"Seit 1998 regiert die SPD. Aber einen kraftvollen oder gar stolzen Eindruck machen die Sozialdemokraten nicht. Die Partei wirkt vielmehr verwirrt, oft ratlos, auch ermattet und erschöpft. Sie verliert massenhaft Wähler und Mitglieder. Vor allem die früheren Kernschichten wenden sich ab. Auch haben die überlieferten Leitbilder keine orientierende Funktion mehr. Führungsnachwuchs ist rar geworden. Was erleben wir also derzeit? Die ganz triviale Depression einer Partei in der Regierung? Oder vielleicht doch die erste Implosion einer Volkspartei in Deutschland? Das ist das Thema dieses Essaybandes."

Pressestimmen

"Die Themen Reichtum und Armut, der Konflikt zwischen Kapital und Arbeit, die neuen Unterschichten und nicht wenigern Verlierer der Wissensgesellschaft werden künftig verstärkt und gegen den aktuellen Trend auf der politischen Agenda insbesondere der Sozialdemokratie stehen.
Für die Richtigkeit dieser Beobachtung spricht vieles, selbst wenn es manchen »68«-Geschädigten oder -Geläuterten reichlich schmerzt, die »Rückkehr der Klassengesellschaft« wieder ins Vokabular aufnehmen zu müssen, wie es Walter tut."
(Dietmar Süss in der Süddeutschen Zeitung vom 07.09.2004)

     
 
       
   

Essay zum Thema

Die Rückkehr der Klassengesellschaft - Der lange Abschied von den Individualisierungsverheißungen

 
   

Rezensionen

SÜSS, Dietmar (2004): Die kränkelnde Partei.
Schwindende Bindekraft gemeinsamer Werte hat die Sozialdemokratie in Bedrängnis gebracht - die Therapie-Vorschläge sind widersprüchlich,
in: Süddeutsche Zeitung v. 07.09.

DIETRICH, Stefan (2004): Hadern mit der neuen Mitte.
Franz Walters Abgesang auf die sozialdemokratische Emanzipationsbewegung,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 25.10.

RULFF, Dieter (2005): Ein Dritter Weg zurück?
Franz Walter über die SPD,
in: Frankfurter Rundschau v. 25.05.

Für Dieter RULFF besticht zwar die Schwachstellen-Analyse, er fühlt sich jedoch von WALTER im Stich gelassen, wenn es um eine Anleitung zur Durchsetzung einer Politik des Weniger geht.

 
     
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 20. September 2004
Update: 04. Juli 2015