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Ralf Dahrendorf: Die globale Klasse und der neue Autoritarismus

 
       
     
       
     
       
   

Ralf Dahrendorf in seiner eigenen Schreibe

 
       
   

DAHRENDORF, Ralf (1997): An der Schwelle zum autoritären Jahrhundert.
Die Globalisierung und ihre sozialen Folgen werden zur nächsten Herausforderung einer Politik der Freiheit,
in: Die ZEIT Nr.47 v. 14.11.

DAHRENDORF, Ralf (1999): Was uns zusammenhält,
in:
Badische Zeitung v. 22.09.

DAHRENDORF, Ralf (2000): Zwei Gasthäuser in jeder Straße.
Soziale Bindung ist eine gute Sache. Eine "gute Gesellschaft" aber sollten wir uns nicht wünschen,
in: Die ZEIT Nr.41 v. 05.10.

DAHRENDORF, Ralf (2000): Die globale Klasse und die neue Ungleichheit,
in:
Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, H.11, November

DAHRENDORF, Ralf (2001): "Es ist uns noch nie so gut gegangen".
Über Lebenschancen, Freiheit und das, was zu tun bleibt,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 12.11.

DAHRENDORF, Ralf (2002): Klassen ohne Kampf, Kampf ohne Klassen,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 09.03.

DAHRENDORF, Ralf (2002): Liberale Ordnung.
Ein Plädoyer für Tätigkeit,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 06.04.

Globalisierung ist für Ralf DAHRENDORF gleichbedeutend mit Entdemokratisierung. Dies heißt für ihn jedoch nicht das Ende der Demokratie, sondern das Vorantreiben einer "Reihe von zweitbesten Anwendungen der Prinzipien der Demokratie". Auf internationaler Ebene geht es dabei um die weitere Internationalisierung des Rechts, wobei "der Nationalstaat und die parlamentarische Demokratie klassischen Zuschnitts Rückgrat der Verfassung der Freiheit" sein soll. Die Verabschiedung des Nationalstaats hält DAHRENDORF für verfrüht:

"Tatsächlich ist nach wie vor die für die Lebenschancen einzelner ausschlaggebende Politik nationalstaatlich verfaßt. Das gilt für die gesamte Sozialpolitik; es gilt auch für die Bildungspolitik, überhaupt die Kulturpolitik."

DAHRENDORF verurteilt die Tendenz, dass der "Dritte Sektor" (auch Bürger- bzw. Zivilgesellschaft genannt) zu stark vom Staat vereinnahmt wird:

"Nichtregierungsorganisationen verlieren so ihre notwendig Unabhängigkeit und damit die Kraft, den autoritären Tendenzen der Zeit wirksamen Widerpart zu geben."

DAHRENDORF plädiert für eine staatsferne Tätigkeitsgesellschaft, die er den Tendenzen eines "neuen Autoritarismus" einerseits und den passiven couch potatoes der Zuschauerdemokraten andererseits, gegenüberstellt.

DAHRENDORF, Ralf (2002): "Du hörst noch von uns!"
1944 war das Jahr, in dem Ralf Dahrendorf erwachsen wurde. In einer Einzelzelle,
in: Welt v. 03.08.

Vorabdruck aus der Autobiographie "Über Grenzen"

DAHRENDORF, Ralf (2003): Demokratie mit dem Volk verbinden,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 24.05.

DAHRENDORF, Ralf (2004): Reiner und rheinischer Kapitalismus.
Kein Grund zur Verzweiflung: Der deutsche Wohlfahrtsstaat muss auf neue Füße gestellt werden
in: Welt v. 16.08.

DAHRENDORF, Ralf (2004): Schmelztiegel und Salatschüssel.
Einwanderer ohne Ziel in Gesellschaften ohne Zusammenhalt - was tun?
in: Welt v. 11.09.

DAHRENDORF, Ralf (2005): Aufstieg und Fall der Meritokratie.
Nicht nur ein Kriterium darf entscheiden, wer es ganz nach oben schafft - und wer nicht,
in: Welt v. 16.04.

DAHRENDORF, Ralf (2005): Wenn Eliten sich abschotten.
Glanz und Elend der Meritokratie,
in: Welt v. 21.05.

Die Welt druckt einen Beitrag von Ralf DAHRENDORF zum Problem der Meritokratie ab, der etwas modifiziert bereits als Aufstieg und Fall der Meritokratie (Welt vom 16.04.2005) erschienen ist. Es darf also verglichen werden...

DAHRENDORF, Ralf (2005): Grundausstattung des Sozialstaats.
In einer neuen sozialen Marktwirtschaft bilden Eigenverantwortung und Finanzierbarkeit wichtige Faktoren,
in: Frankfurter Rundschau v. 21.05.

DAHRENDORF wird zum Botschafter der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft...

DAHRENDORF, Ralf (2009): Nach der Krise: Zurück zur protestantischen Ethik? Sechs Anmerkungen,
in:
Merkur Nr.720, Mai

 
       
   

Ralf Dahrendorf: Porträts und Gespräche

 
       
   

MAYER, Karl Ulrich (1994): Anwalt einer offenen Gesellschaft.
Das Leben hat vielen liberalen Ideen des Soziologen Ralf Dahrendorf recht gegeben,
in: Berliner Zeitung v. 29.04.

KIELINGER, Thomas (2001): Argumente von '68 können Militanz nicht verteidigen.
in:
Welt v. 18.02.

GLOGER, Katja (2002): Die Stunde der Rattenfänger,
in:
Stern Nr.9 v. 21.02.

HOFFMANN, Rainer (2002): Lehrstunde in Demokratie.
Ralf Dahrendorf im Gespräch,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 27.04.

SEIBEL, Andrea & Thomas KIELINGER (2002): "Deutschland nimmt eher Prozac, als sich mit natürlichen Mitteln zu helfen".
Lord Dahrendorf über den Reformstau, die Volksparteien, und die deutsche Depression,
in: Welt v. 04.10.

Nach Meinung von DAHRENDORF steht Deutschland besser da als die offizielle Politik dies darstellt, andererseits ist die Stimmung mieser als sie sein müsste. Nicht der anspruchsgesättigte Bürger ist für DAHRENDORF das entscheidende Problem, sondern die politische Klasse. Hoffnungen hegt DAHRENDORF hier hinsichtlich der Generation der 40jährigen:

"Die 68er im weitesten Sinne, die in irgendeiner Weise durch diesen Umkreis Geprägten, haben nach wie vor das Heft in der Hand. Das ist besonders lästig, da es in der Generation der 40-Jährigen einen freieren Umgang mit vielen Themen gäbe. Das wird aber kommen".

Unverständlich bleibt jedoch, dass DAHRENDORF ausgerechnet in dem Sozialpopulisten Meinhard MIEGEL jemanden sieht, der unorthodoxe Dinge zu sagen wagt.

ESCH, Christian & Hendrik Munsberg (2004): Den Ruck habe ich noch nicht gesehen.
Lord Ralf Gustav Dahrendorf über Reformpolitik und den Liberalismus in Zeiten der Lustlosigkeit,
in: Magazin der Berliner Zeitung v. 17.04.

In einem ausuferndem Interview geht es um Gott und die Welt. Ralf DAHRENDORF weist u.a. darauf hin, dass der typische neoliberale Benchmarking-Vergleich in erster Linie dazu dient, um Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Unterschiedliche politische Regime wie Großbritannien und Deutschland lassen sich z.B. nicht auf einen simplen Indikator reduzieren wie DAHRENDORF am Beispiel des Pro-Kopf-Einkommens aufzeigt:

"Wenn man in beiden Ländern lebt, dann weiß man, dass im Pro-Kopf-Einkommen allzu vieles einfach nicht vorkommt. Die Verfügbarkeit von öffentlichen Dienstleistungen ist ja im Grunde ein Teil des Einkommens von Individuen. Wenn die nicht verfügbar sind, wie das vielfach in Großbritannien oder den USA gilt, dann nützen einem die schönsten Zahlen über Pro-Kopf-Einkommen und Wirtschaftswachstum nichts."

Ob die positive Einschätzung der Grünen im Vergleich zur negativen Einschätzung der SPD der Realität entspricht, ist mehr als fraglich:

"Gerade die Sozialdemokraten sind zur eigentlichen Besitzstandspartei geworden. In dieser Partei haben die, die profitiert hatten von der Sicherheitspolitik der Nachkriegszeit, ihre politische Heimat gesucht. Sie werden daher am härtesten getroffen. Ich finde es außerordentlich interessant, dass man bei den Grünen viel weniger Protest hört. Die Grünen sind eben in der Generationenstruktur schon eine Nachbesitzstandsgeneration, in der sogar Verständnis dafür herrscht, dass heutige Staatsverschuldung von ihnen bezahlt werden muss."

Richtig ist eher: Bei den Grünen werden um andere Besitzstände gekämpft als bei der SPD! Aufschlussreich dagegen: Auch in den 50er Jahren gab es in Deutschland strukturschwache Regionen, die sich ENTVÖLKERTEN:

"Ich erinnere mich noch gut, wie man im Westen in den 50er-Jahren darüber jammerte, dass Schleswig-Holstein entvölkert wird, weil alle nach Bayern gehen, wo der Freizeitwert so ungeheuer hoch ist. Das ist bis zu einem gewissen Grade ja auch wahr gewesen. Heute gehen die alle zurück nach Schleswig-Holstein."

PONGS, Armin (2004): Demokratien ohne Demokraten.
Es ist eine Bürgerpflicht, sich einzumischen: Ein Gespräch mit Lord Dahrendorf, Soziologe und Mitglied des britischen Oberhauses,
in: Frankfurter Rundschau v. 14.08.

CAMMANN, Alexander (2005): "Wir brauchen bewusste Bürger".
Öffentliche Bierflaschen und intellektueller Wirklichkeitssinn: ein Gespräch mit Ralf Lord Dahrendorf und Paul Nolte über die Bürgergesellschaft und ihre engagierten Intellektuellen, über Antibürgerlichkeit und die Bindungskräfte der Gesellschaft,
in: TAZ v. 31.12.

SEIBEL, Andrea & Jacques SCHUSTER (2006): "Wir leben in normalen Zeiten - die sind schlecht für Liberale".
Ein Gespräch mit Ralf Dahrendorf über den Begriff der Freiheit, über den lächelnden Staat und Angela Merkels Unberechenbarkeit,
in: Welt v. 28.01.

LANG, Susanne & Jan FEDDERSEN (2008): "Der Minirock wurde nicht 1968 erfunden!"
Lord Ralf Dahrendorf würde es heute wieder tun: die FDP wählen. Nur an den Mythos '68 glaubt er noch immer nicht - und auch nicht an Wandel durch Parteien,
in: TAZ v. 05.04.

BAHNERS, Patrick & Alexander CAMMANN (2008): Keiner fragt, was mit den Managermillionen geschieht.
Ralf Dahrendorf im Gespräch: Der internationale Turbokapitalismus muss zivilisiert werden! Der Schlussgedanke von Hans-Ulrich Wehlers "Deutscher Gesellschaftsgeschichte" klingt prophetisch. Kehrt die Klassenfrage zurück?
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 10.10.

 
       
   

Ralf Dahrendorf in der Debatte

 
       
   

NOLTE, Paul (2002): Ein Leben wie selbst erdacht.
Der Soziologe Ralf Dahrendorf brachte den konsenssüchtigen Deutschen bei, den Konflikt zu achten. Statt große Theorieprojekte zu verfolgen, mischte auch er selbst lieber in politischen Debatten mit,
in: TAZ v. 20.08.

KAUBE, Jürgen (2004): Land (schon wieder) unter oder Wohin treibt die Zeitdiagnostik?
Von Ruckbüchern und anderen Möglichkeiten, über Deutschland nachzudenken: Ein Rückblick auf zwei "Soziologien der Bundesrepublik",
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 11.05.

Jürgen KAUBE nimmt die "Ruck-Bücher" von Paul NOLTE & Co. zum Anlass, um das Genre der soziologischen Zeitdiagnostik anhand zweier Klassiker von Helmut SCHELSKY ("Auf der Suche nach der Wirklichkeit") und Ralf DAHRENDORF ("Gesellschaft und Demokratie in Deutschland") im Hinblick auf das Reflexionsniveau der Soziologie zu untersuchen. KAUBE sieht in den Übertreibungen der Zeitgeistdiagnostik eine Gefahr für die Selbstwahrnehmung der Gesellschaft. Diese Sicht vertritt auch single-generation.de, wenn vom Terror der Individualisierungsthese gesprochen wird.

"Zugleich tragen Übertreibungen und ein Hang intellektueller Zeitdiagnostik hierzulande (...) vielleicht selber zu jener Art von Zukunftsangst bei, die sowohl der Konsumquote wie der Bereitschaft, Kinder zu haben, der sozialen Kraft zu Experimenten wie der Fähigkeit zu individuellem Entscheiden abträglich ist",

formuliert KAUBE vorsichtig. Während jedoch KAUBE hier einen direkten Zusammenhang zwischen diesen wissenschaftlichen Beschreibungen und dem Verhalten der Menschen herstellt, analysiert single-generation.de die - durchaus divergenten - Interessen der Mitte-Eliten an solcher Art von Zeitdiagnostik. Schließlich ist es weder Zufall noch logische Zwangsläufigkeit, dass ausgerechnet bestimmte Zeitdiagnostiken Konjunktur haben. Die Selektivität der in Deutschland gängigen Szenarien ist das, was zu erklären ist. KAUBE arbeitet dagegen anhand von SCHELSKY und DAHRENDORF die beiden Aufgaben der Zeitdiagnostik heraus. Während er SCHELSKY als Theoretiker der "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" beschreibt, wird DAHRENDORF als liberaler Konflikttheoretiker der gesellschaftlichen Modernisierung vorgestellt:

"Keine Beschreibung der Bundesrepublik wird von ihm heftiger (...) zurückgewiesen als die von der »nivellierten Mittelstandsgesellschaft«. (...). Weder hätten sich die wirtschaftlichen Positionen der Bürger relativ angeglichen, noch ihr Konsumstil oder ihre Chancen auf Bildung. Dies dennoch zu behaupten (...) entspreche genau der in der deutschen Gesellschaft strukturell verankerten Neigung, Kulturpessimismus mit der Leugnung und Minderschätzung von sozialen Konflikten zwischen Klassen und anderen Interessengegensätzen zu verbinden."

HABERMAS, Jürgen (2009): Jahrgang 1929.
Er lebt, denkt und schreibt aus der Erfahrung einer Generation, der es nicht möglich war, zur Zäsur von 1945 nicht Stellung zu nehmen: Eine Oxforder Rede zum achtzigsten Geburtstag von Ralf Dahrendorf,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 02.05.

 
       
   

Zum Tode von Ralf Dahrendorf

 
       
   

Neu:
FÜHRER, Susanne (2009): "Ralf Dahrendorf war ein dezidierter Liberaler".
Sozialhistoriker Kocka betont starken Einfluss des verstorbenen Soziologen auf deutsche Kulturpolitik,
in: DeutschlandRadio v. 18.06.

FAZ (2009): Spezial zum Tode von Ralf Dahrendorf,
in: faz.net v. 18.06.

LEGGEWIE, Claus (2009): Über die Grenze,
in: Frankfurter Rundschau v. 19.06.

 
       
   

Auf der Suche nach einer neuen Ordnung (2003).
Eine Politik der Freiheit für das 21. Jahrhundert
München:
C. H. Beck

 
   
     
 

Klappentext

"Ralf Dahrendorf (stellt) dar, welche Gefahren der liberalen Ordnung in den demokratisch verfaßten Staaten drohen und welche Hindernisse ihrer Etablierung in Ländern im Wege stehen, die sie kaum oder nie gekannt haben. In den westlichen Demokratien ist die Freiheit durch die demokratischer Willensbildung entzogene Globalisierung und den neuen illiberalen Regionalismus bedroht, aber auch gefährdet durch einen politischen Autoritarismus und sein Pendant, die Apathie der Bürger. In der postkommunistischen Welt können die gerade zur Demokratie Bekehrten an ihr schon wieder zu zweifeln beginnen, weil der Wohlstand, den man mit einer demokratischen Verfassung verschwistert glaubt, sich nicht einstellen will. In den Ländern der "Dritten Welt" schließlich können gerade die Modernisierungsprozesse mit ihren großen Verheißungen und kleinen Fortschritten gefährliche Gegenbewegungen bis hin zum religiösen Fundamentalismus und zum Terrorismus auslösen."

     
 
       
   

Rezensionen

DÜRR, Tobias (2003): Das zerbrechliche Gut der Freiheit.
Liberalismus. Ralf Dahrendorf denkt über die globalen Herausforderungen unserer Zeit nach,
in: Die ZEIT Nr.24 v. 05.06.

MEYER, Martin (2003): Freiheit, auch Ordnung.
Vorlesungen von Ralf Dahrendorf,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 15.05.

RULFF, Dieter (2003): Die Ordnung der Freiheit.
Der Liberale Ralf Dahrendorf analysiert die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts und findet bewährte Antworten. Er vertraut nicht auf die globale Demokratie, sondern auf die Bürgergesellschaft,
in: TAZ v. 15.07.

GLOTZ, Peter (2003): "Es kann auch ganz anders kommen".
Noch nie hatten so viele Menschen so große Lebenschancen wie heute. Aber nach der Schwächung von Familie, Kirche und Wohngemeinde sieht der Soziologe Ralf Dahrendorf auch den letzten Halt - die Arbeitsgesellschaft - in Gefahr,
in: Psychologie Heute, August

 
       
   

Die Krisen der Demokratie (2002)
Ein Gespräch
München:
C. H. Beck

 
   
     
 

Inhaltsangabe

"Ist die Demokratie am Ende? Hat sie eine Antwort auf die Globalisierung, durch die immer mehr Entscheidungen von größter Tragweite auf demokratisch nicht legitimierte politische Institutionen und auf nicht mehr kontrollierbare Großunternehmen verlagert werden? Wie geht sie mit den sozialen Folgen der wirtschaftlichen Globalisierung um, die den Verlierern weniger Chancen zu lassen scheinen, als sie das Proletariat am Beginn der Industrialisierung hatte? Wie wird sie mit den neuen populistischen Bewegungen eines Haider oder Bossi fertig? Wie kann man die zunehmende Apathie der Wähler aufheben, die nicht mehr die Chance sehen, ihrem Willen in demokratischen Prozessen politisch geltend zu machen? Schließlich: Wie könnte eine »neue Demokratie« aussehen? Solchen und anderen Fragen gelten die zehn Gespräche, die Ralf Dahrendorf mit dem italienischen Journalisten Antonio Polito führt. In Wahrheit sind hier aber durch die Informationsdichte, die Präzision der Analysen, den Gedankenreichtum und den Mut zu eigenen Urteilen meisterhafte politische Essays entstanden. Hier spricht einer, der wie wenige die Qualifikation als Wissenschaftler, als Politiker und als brillanter Journalist in sich vereinigt. "

Ralf Dahrendorf in Zitaten:

Die Hauptlinien der neuen Konflikte

"Die globale Klasse sieht sich mit zwei Hauptlinien des Konflikts konfrontiert. Da ist einmal der sozusagen klassische Konflikt, also der Kampf der neuen Klasse mit ihrer historischen Vorgängerin. Charles Leadbeater hat die Sprache geliefert, die Tony Blair und andere seither aufgenommen haben.
(...).
Die andere Hauptlinie des Konflikts ist die schwierigere und beunruhigendere, die sich aus der neuen Ungleichheit ergibt (...). »Ungleichheit ist zu einem akuten, chronischen und endemischen Merkmal moderner Gesellschaften geworden.« Aber so wie »Bildung, Bildung, Bildung« das Hormon zur Stärkung der Macht der globalen Klasse ist, ist »Arbeit, Arbeit, Arbeit« ihr Mittel gegen die neue Ungleichheit, und es wird nicht funktionieren. Jedenfalls wird es dann nicht funktionieren, wenn wir jenen höchsten Wert bewahren wollen, die Freiheit."
(Ralf Dahrendorf in Merkur H.11/2000, S.1066f.)

Die neue Klasse der Überflüssigen

"Die aufsteigende globale Klasse (...) braucht nicht alle prinzipiell verfügbare Arbeit. Sie braucht Computer, aber nicht Arbeiter. (wenn ich ein Buch über diese Klasse und die neuen Konflikte schreibe, werde ich es Kapital ohne Arbeit nennen.) Die Arbeit, die für viele gefunden wird, hat daher etwas Beliebiges, fast Überflüssiges."
(Ralf Dahrendorf in Merkur H.11/2000, S.1065.)

Die Zivilgesellschaft der Integrierten

"Freiwillige Tätigkeiten werden von sozial Ausgeschlossenen nicht ernst genommen. Im Gegenteil; wie wir gesehen haben, sind es die gut Ausgebildeten und Erfolgreichen, die aktiv am Leben der Bürgergesellschaft teilnehmen."
(Ralf Dahrendorf in Merkur H.11/2000, S.1065.)

Die Grenzen des Kommunitarismus und Folgen

"Die globale Klasse will (...) Gesellschaften haben, die zusammenhalten. Der Kommunitarismus allein wird das nicht erreichen und auch nicht die Stärkung des freiwilligen Sektors von Nicht-Regierungsorganisationen. Eben darum ist Arbeit für alle so ein verzweifelt wichtiges Thema geworden. Arbeit für alle ist besonders nötig als Instrument der sozialen Kontrolle. Was aber, wenn Menschen die verfügbare Arbeit nicht wollen, weil sie wohl wissen, daß sie nicht eigentlich gebraucht werden? Dann muß man sie zur Arbeit zwingen. Sozialleistungen müssen gekürzt werden für alle, die nicht arbeiten, auch wenn sie ledige Mütter mit ganz kleinen Kindern sind. Sozialbetrug muß schärfstens bekämpft werden, auch wenn seine Ausmaße durchaus bescheiden bleiben.
(Ralf Dahrendorf in Merkur H.11/2000, S.1066f.)

Entdemokratisierung und neuer Autoritarismus

"Es gibt keinerlei Beispiele für wirksame demokratische Institutionen jenseits des Nationalstaates. Doch operiert die globale Klasse eben dort, also jenseits des Nationalstaates. Damit wird die Demokratie zum Teil der »Kräfte des Konservatismus«
(...).
An Stelle der Demokratie finden wir neue Formen des Autoritarismus. Zum Teil sind diese durchaus beabsichtigt. Menschen zur Arbeit zu zwingen, auch wenn es durch indirekte Mittel geschieht, ist eine autoritäre Politik. (Das Recht auf Arbeit ist ein Mißbrauch der Sprache, da es nicht erzwingbar ist; das Recht, nicht zu arbeiten, ist hingegen ein liberales Prinzip.)"
(Ralf Dahrendorf in Merkur H.11/2000, S.1067)

Plädoyer für die offene Gesellschaft

"es lässt sich wohl doch darüber streiten, wie lobenswert es ist, dass Singapur die einzige Regierung hat, die arme Familien mit niedrigem Bildungsstand dafür bezahlt, keine Kinder zu haben, und umgekehrt gut verdienende Akademikerpaare unter anderem durch Reisen auf »Heiratsschiffen« zum Kinderkriegen ermuntert.
Der Schluss aus solchen Erfahrungen ist einfach, wenn auch nicht nur ermutigend. Die gute Gesellschaft von oben - also die gemachte und daher machbare gute Gesellschaft - ist fast notwendig autoritär. Der verordnete Einschluss aller macht Andersdenkende zu Kriminellen und raubt den vielen Mitmachern jene Chancen und Freuden, die nur eine freie, offene Gesellschaft vermitteln kann. Lebenswert sind Gesellschaften nur, wenn ihre Qualität das Werk ihrer Bürger ist (...).
Vielleicht ist es am Ende doch besser, die Rede von der guten Gesellschaft aus unserem Vokabular zu streichen. Offene Gesellschaft, freie Gesellschaft - das sind ganz und gar zureichende Ziele."
(Ralf Dahrendorf in der Zeit Nr.41 vom 05.10.2000)

 
     
 
       
   

Rezensionen

HOFFMANN, Rainer (2002): Lehrstunde in Demokratie.
Ralf Dahrendorf im Gespräch,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 27.04.

SONTHEIMER, Kurt (2002): Demokratie in Zeiten der Globalisierung,
in:
Die ZEIT Nr.26 v. 20.06.

REIFENRATH, Roderich (2002): Glokal denken.
Ralf Dahrendorf spricht über die Nöte der Demokratie,
in: Frankfurter Rundschau v. 19.08.

NOLTE, Paul (2002): Ein Leben wie selbst erdacht.
Der Soziologe Ralf Dahrendorf brachte den konsenssüchtigen Deutschen bei, den Konflikt zu achten. Statt große Theorieprojekte zu verfolgen, mischte auch er selbst lieber in politischen Debatten mit,
in: TAZ v. 20.08.

 
       
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 06. April 2002
Update: 22. November 2016