[ Verzeichnis der Single-Forscher/innen ] [ Autoren der Generation Golf ] [ News ] [ Homepage ]

 
       
   

Andreas Reckwitz: Die kulturkapitalistische Sicht auf die Gesellschaft

 
       
     
       
     
       
   

Andreas Reckwitz in seiner eigenen Schreibe

 
       
   

RECKWITZ, Andreas (2017): Die alte und neue Mittelschicht.
Man spricht wieder von Klassen: Das Erstarken der Rechten ist nur ein Indikator eines umfassenden kulturellen und sozialen Umbruchs,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 22.10.

"Es ist sicher kein Zufall, dass etwa gleichzeitig mit den politischen Erschütterungen eine Reihe von ethnographischen Studien zu Bestellern geworden sind, die sich einer neuen Klassenrealität nähern: in Frankreich Didier Eribons »Rückkehr nach Reims«, in Amerika Arlie Hochschilds »Strangers in Their Own Land«, in England David Goodharts »The Road to Somewhere«. Die Bücher liefern interessante Einflicke, aber von der Soziologie muss man ein Gesamtpanorama erwarten",

behauptet Andreas RECKWITZ, von dem gerade das Buch Die Gesellschaft der Singularitäten erschienen ist und der mit dem FAS-Artikel eine Kurzzusammenfassung des Buches liefert. Die Soziologie à la RECKWITZ ist jedoch eher zur Filiale der Werbebranche verkommen, als dass sie Einsichten in die Gesellschaft liefert. Was RECKWITZ liefert ist eine selbstgefällige Selbstdarstellung der eigenen Akademikerklasse. Nicht ein Traummann wird entworfen, sondern eine Traumklasse, so wie sie sich selber gerne sieht und wie man sich in Bewerbungen darstellen würde.

Das Bild von der Drei-Drittel-Gesellschaft ist nichts als alter Wein in neuen Schläuchen, denn schon Ende des 20. Jahrhunderts sprach Peter GLOTZ von der Zwei-Drittel-Gesellschaft und meinte das, was RECKWITZ mit "alter Mittelklasse" und "Unterklasse" bezeichnet, nämlich die Modernisierungsverlierer in der beschleunigten Gesellschaft. Nur dass das Gesellschaftsporträt von GLOTZ noch ein Bild von der "gefährlichen Klasse" transportierte, während heutzutage die AfD an die Stelle der "gefährlichen Klasse" getreten ist.

Der Begriff "Singularisierung" ist nichts anderes als eine andere Bezeichnung für "Individualisierung", wobei diese Individualisierung auf die Spitze getrieben wird. Die "neue Mittelklasse" entspricht den Beschleunigern bei GLOTZ.

Auch die Handhabung des Klassenbegriffs bei RECKWITZ ist nicht neu, sondern entspricht dem Klassenbegriff, den der Historiker Paul NOLTE als Ausgrenzungsbegriff der neuen Bürgerlichkeit (Heinz BUDE) schon im Jahr 2001 in die feuilletonistische Selbstverständigungsdebatte einführte, als er schrieb:

"Eigentlich müsste soziale Ungleichheit ein großes Thema unserer Zeit sein. In allen westlichen Industrieländern hat sich der Trend zu einer immer egalitäreren Einkommensverteilung seit den achtziger Jahren markant umgekehrt. Zeitweise schien sich ein Sensorium für die damit neu entstehenden, oder wieder verschärfenden, sozialen Probleme herauszubilden - aber wer spricht heute noch über die »Zweidrittelgesellschaft«?"
(Paul Nolte in der ZEIT vom 04.01.2001)

Bei RECKWITZ wird nun dieser Klassenbegriff übernommen und als Distinktionsmittel der neuen Mittelklasse - ein Synonym für den Begriff "neue Bürgerlichkeit" im Sinne von Heinz BUDE - benutzt:

"Die nivellierte Mittelstandsgesellschaft (...) wird abgelöst von einer neuen Klassendifferenzierung, ja Klassenpolarisierung. Entscheidend ist: Diese bezieht sich nicht nur auf die materielle Dimension der Einkommen, sondern sehr viel stärker noch auf die kulturelle Ebene des Lebensstils, des Lebensgefühls und der Lebensperspektive. Grundlegend für diese Polarisierung ist der Strukturwandel der Mittelschicht: Es ist im Westen eine zahlenmäßig gewichtige neue Mittelklasse von Personen entstanden, die über Hochschulbildung verfügen und einen ganz eigenen Lebensstil des urbanen »guten Lebens« entwickeln, der mit dem Anspruch gesellschaftlicher Vorbildlichkeit auftritt".

RECKWITZ betreibt jedoch - im Gegensatz zu GLOTZ - eine Homogenisierung dieser Akademikerschicht, wenn er schreibt:

"Was diese Gruppe zusammenhält, ist weniger die Höhe des Einkommens - die durchaus schwankt - als die Kultur ihres Lebensstils."

Damit werden die sozioökonomisch Unzufriedenen unter den Akademikern und damit die Statusinkonsistenz wie man das früher noch bezeichnete, einfach eliminiert. Oder anders formuliert: Dahinter steht die Vorstellung, dass das ökonomische Kapital durch das kulturelle Kapital kompensiert werden soll. Diese Vorstellung ist nicht neu, sondern ist identisch mit der Wertwandel-These, deren Tragfähigkeit umstritten ist. Die Unzufriedenen werden in der Drei-Drittelgesellschaft von RECKWITZ dagegen den unteren zwei Dritteln zugeordnet:

"Dieser neuen, hochqualifizierten Mittelklasse stehen die alte Mittelklasse sowie eine neue Unterklasse gegenüber, die (...) in die soziale und kulturelle Defensive geraten."

Die Hauptkonfliktlinie wird von RECKWITZ als zwischen der "kulturkosmopolitischen Oberschicht" der neuen Mittelklasse und den unteren zwei Dritteln der Gesellschaft gesehen. Das entspricht scheinbar dem, was auf dieser Website als Hauptkonfliktlinie betrachtet wird, nur dass nicht die kulturelle, sondern die soziökonomische Dimension weiterhin als Ursache betrachtet wird. Der Firnis der Kultur bröckelt nämlich ganz schnell, wenn der Abstieg aus der "Kulturoberschicht" droht und sich die eigene Lebensführung als Lüge entpuppt. Bei RECKWITZ wird dies übertüncht.

"Der neuen Mittelklasse stehen die beiden anderen Drittel der Drei-Drittel-Gesellschaft gegenüber: die neue Unterklasse und die alte Mittelklasse. Das Leben der neuen Unterklasse, die sich mit der Deindustrialisierung zwischen West Virginia, Lille und Wittenberge ausgebildet hat, liefert ein drastisches Kontrastprogramm zu dem der Akademiker. (...) Dem Leben der Niedrigqualifizierten fehlt die Zukunftsperspektive, man fühlt sich sozial abgehängt. Dies sind die Verlierer der Bildungsexpansion, deren Alltag von Muddling-Through, vom Sichdurchwursteln geprägt ist."

Die Situation der neuen Unterklasse wird also als Mangel an Kompetenz beschrieben, wie Cornelia KOPPETSCH diese kulturalistische Sicht zu Recht bezeichnet hat. Sozioökonomische Strukturprobleme gibt es bei der Kulturalisierung der Konflikte nicht mehr, denn die mobile Klasse entgeht diesen Problemen durch Abwanderung, so will es jedenfalls das Ideal. Die alte Mittelklasse wird gleichsam zu selbstverschuldeten Modernisierungsverlierern gestempelt:

"Das - schrumpfende Drittel der Drei-Drittel-Gesellschaft, die alte Mittelklasse, ist weniger öffentlich sichtbar. (...). Im Unterschied zur neuen, akademisch gebildeten Mittelklasse handelt es sich um ein Milieu mit mittleren Bildungsabschlüssen: Angestellt mit Berufsausbildung, Handwerker, Facharbeiter. Diese Gruppe ist weniger in den Metropolen als in den Kleinstädten anzutreffen, den Smalltown America, der France profonde. (...). Die Bildungsexpansion bedeutet Akademisierung, was umgekehrt die mittlere Ausbildung entwertet."

Auch diese Sicht vernachlässigt die Tatsache, dass das Überangebot von Akademikern und das Fehlen von angemessenen Arbeitsplätzen die Unzufriedenheit innerhalb dieser Akademikerschicht zunimmt.

Fazit: Das kulturalistische Gesellschaftsbild, das RECKWITZ zeichnet, kleistert die Konflikte innerhalb der Akademikerschicht zu, die bei GLOTZ noch vorhanden waren, wenn einer Elite der Beschleuniger eine Elite der Entschleuniger gegenüberstand. Konflikte um die Ziele werden einfach ausgeblendet, was genau dem Repräsentations- und Responsitivitätsdefizit des Parlamentarismus in Deutschland entspricht, das der Politikwissenschafter Armin SCHÄFER diagnostiziert. Es könnte also sein, dass diese Probleme ganz schnell die heile RECKWITZsche Welt zerbröseln und am Ende nur noch die Lebenslügen selbstgefälliger Akademiker übrig bleiben!

Neu:
RECKWITZ, Andreas (2018): Das Band zerreißt.
Die Mittelschicht driftet auseinander. Und die Sozialdemokratische Partei Deutschlands ist Opfer dieses epochalen gesellschaftlichen Umbruchs. Den europäischen Schwesterparteien ergeht es kaum besser. Eine Erklärung,
in: Die ZEIT Nr.9
v. 22.02.

Die Schlagzeile ist ein Euphemismus, denn das Band ist längst zerrissen. RECKWITZ' These von der Drei-Drittel-Gesellschaft ist ein beliebtes Sujet in der politischen Deutungsgeschichte. Vor mehr als 10 Jahren erfand Gero NEUGEBAUER diesen Begriff neu, um den Niedergang der SPD nach der Agenda 2010 zu erklären. RECKWITZ übernimmt dieses Erklärungsmuster und zentriert es um die Selbststilisierungen des Akademikermilieus, die Teil sozialer Schließungsprozesse sind.

Geht man fast 20 Jahre zurück, dann ist man bei Peter GLOTZ, der zwar von Zwei-Drittel-Gesellschaft sprach, aber das selbe Problem meinte. Der Untertitel seines Buchs Die beschleunigte Gesellschaft hieß damals Kulturkämpfe im digitalen Kapitalismus. Auch dieses Buch gehört in die Ideengeschichte des Buchs von RECKWITZ.

"Das politische Paradigma des neuen Liberalismus hat seit 2010 selbst an Überzeugungskraft eingebüßt. (...).
Wenn die SPD umstandslos die Politik der Neuen Mitte fortzusetzen versucht und weiter mit ihr identifiziert wird, scheitert sie",

meint RECKWETZ und adelt damit die verspätete Nachhut als Avantgarde. RECKWITZ fordert eine "Revision des neuen Liberalismus", wobei er möglichst unkonkret bleibt, wenn er eine "Balance zwischen liberaler Öffnung und normativer Regulierung" fordert. Die Sicht von RECKWITZ adelt den Erfolg der AfD und macht eine Momentaufnahme zum Ausgangspunkt von Politik, denn keine Partei wandelt sich schneller als die AfD. Dies erinnert an die Entstehungsgeschichte der Grünen und zwar an die Zeit bevor die Realos unter Joschka FISCHER die Partei auf Kurs brachte. Wer jedoch einer solchen AfD hinterher rennt, der hat schon verloren.

Die Proklamation einer Konfliktlinie zwischen Kosmopoliten und Kommunitariern, die das Rechts-Links-Schema außer Kraft setzt, ist zudem ziemlich gewagt. Viel eher ist von einem Nebeneinander vieler Konfliktlinien auszugehen, wobei der Klassenkonflikt keineswegs vernachlässigt werden kann. Die Kulturalisierung von Konflikten muss als politische Strategie betrachtet werden, die der Mobilisierung von Wählerschichten dient. Man muss das als Identitätspolitik bezeichnen. Der Versuch Identitätspolitik auf kulturlinke Politikstrategien zu verengen, ist selber eine politische Strategie, bei der die Identitätspolitik der neuen Mitte ausblendet wird. Anhand einer Rezension eines 1999 erschienenen französischen Buchs aus dem Jahr 2002 wurde bereits auf dieser Website dieses Problem beschrieben.

Fazit: Die heutige Situation war bereits vor 20 Jahren erkennbar. Spätestens mit der Agenda 2010 war der Niedergang der SPD vorprogrammiert. Die CDU mag noch davon profitieren, doch ihre Zeit ist ebenfalls abgelaufen.

 
       
   

Andreas Reckwitz im Gespräch

 
       
   

CAMMANN, Alexander (2017): Wir Einzigartigen.
Warum sich heute alles um Kultur dreht: Ein Gespräch mit dem Soziologen Andreas Reckwitz über die neue Klassengesellschaft und den Wettbewerb in der Spätmoderne,
in: Die ZEIT Nr.41
v. 05.10.

Der Kulturwissenschaftler Andreas RECKWITZ feilt im Interview mit dem neubürgerlichen Alexander CAMANN an der Selbstdarstellung der Kreativen Klasse oder anders formuliert: der neuen Mittelschicht. Wenn er von Klassengesellschaft redet, dann ist damit nicht die soziale Lage, sondern die kulturelle Hierarchie der Lebensstile gemeint. Im Grunde haben wir es hier lediglich mit einer zeitgeistigeren Individualisierungsthese zu tun, die keine neue Erkenntnisse über unsere Gesellschaft beiträgt, sondern die Weltsicht eines speziellen Akademikermilieus zum Ideal erhebt. Das führt dazu, dass auch der Rechtspopulismus ästhetisiert wird:

"In Frankreich wird der Front National von der Unterklasse und dem alten weißen Mittelstand auf dem Lande getragen. Macron hingegen von der neuen akademischen Mittelklasse. (...). In Deutschland ist trotz AfD die Polarisierung schwächer als in den USA oder Frankreich. Der ländliche Handwerksmeister sieht sich noch nicht so stark in die Ecke gedrängt wie sein französischer Kollege. Der Rechtspopulismus ist auch eine Reaktion auf die kulturelle Defensive der alten Mittelklasse. Gleichzeitig ist er selber Beleg für die Kultur der Singularitäten: Man bekennt sich zu einem besonderen Volk mit einer einzigartigen Kultur und Geschichte, die man gegen andere abgrenzen kann."

Diese Sicht soll uns sagen, dass es in unserer Gesellschaft nicht um Verteilungsfragen gehe, sondern um kulturelle Fragen. Man könnte das aber auch anders sehen, nämlich als Verschleierung von Macht- und Interessenfragen.

 
       
   

Andreas Reckwitz in der Debatte

 
       
   

WAGNER, Gerald (2018): Lauter Besonderheiten.
Unter Top-Performern: Heinz Bude und Andreas Reckwitz diskutieren in Berlin den staunenswerten Erfolg der "Gesellschaft der Singularitäten",
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 15.02.

Gerald WAGNER hält nicht viel von der kulturalistischen Diagnose von Andreas RECKWITZ, die höchstens dem Akademikermilieu schmeichelt, aber die relevanten Fragen ausblendet. Die Diagnose steht auf wackeligen Beinen, wenn behauptet wird, dass die Infrastruktur zum unproblematischen Hintergrund geworden ist, auf deren Vorderbühne sich die "Kulturalisierungsgewinner" ihren Wettstreit der Lifestyle-Kosmen liefern können.

WAGNER fragt deshalb zu Recht, ob diese einfältige Diagnose nicht die Krisenhaftigkeit der Gegenwart verschärft:

"Das quasireligiöse Streben (...) mag bestenfalls als exzentrisches Lebensprogramm Sinn haben, als soziologischer Begriff ist er dagegen unsinnig. Es gibt keine Singularitäten (...). Eine wirkliche Gesellschaftstheorie müsste also vielmehr erklären, wie es ständig zu Normalisierungen kommt, zu Strukturen von Vertrautem und zur Generalisierung von Erwartungen."

Aus dem Blickwinkel des Kulturalisierungsgewinner, erscheint WAGNER mit diesen Vorstellungen als Angehöriger der alten Mitte und damit als Kulturalisierungsverlierer. Tatsächlich sind beide Seiten nur das Produkt eines Dritten, das ausgeblendet wird.  

 
       
       
   

Die Gesellschaft der Singularitäten (2017).
Zum Strukturwandel der Moderne
Berlin: Suhrkamp Verlag

 
   
     
 

Klappentext

"Das Besondere ist Trumpf, das Einzigartige wird prämiert, eher reizlos ist das Allgemeine und Standardisierte. Der Durchschnittsmensch mit seinem Durchschnittsleben steht unter Konformitätsverdacht. Das neue Maß der Dinge sind die authentischen Subjekte mit originellen Interessen und kuratierter Biografie, aber auch die unverwechselbaren Güter und Events, Communities und Städte. Spätmoderne Gesellschaften feiern das Singuläre.

Ausgehend von dieser Diagnose, untersucht Andreas Reckwitz den Prozess der Singularisierung, wie er sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts in Ökonomie, Arbeitswelt, digitaler Technologie, Lebensstilen und Politik abspielt. Mit dem Anspruch einer Theorie der Moderne zeigt er, wie eng dieser Prozess mit der Kulturalisierung des Sozialen verwoben ist, welch widersprüchliche Dynamik er aufweist und worin seine Kehrseite besteht."

 
     
 
       
   

Beiträge von single-generation.de zum Thema

Die sozialen Aufsteiger und ihr Verhältnis zum Herkunftsmilieu - Die netten Jahre sind vorbei (Teil 4). Was uns die Bücher Rückkehr nach Reims von Didier Eribon und Proleten Pöbel Parasiten von Christian Baron über die Gesellschaft lehren (März 2017)

Echtleben - Die netten Jahre sind vorbei (Teil 3). Die Generation Ally in der Jobkrise. Oder: Die Karrierefrau in der Individualisierungszwickmühle (August 2011)

Knochenarbeit - Die netten Jahre sind vorbei (Teil 2). Die Generation Golf in der Jobkrise revisited. Oder: Deutschland schafft sich ab (Januar 2011)

Die netten Jahre sind vorbei (Teil 1) - Formiert sich eine neue politische Generation? Droht ein Generationenkrieg wegen den Babyboomern? Die Generation Leistungsträger erobert den Buchmarkt (September 2010)

Die Neuerfindung des Sozialen. Oder: Der Sozialstaat im flexiblen Kapitalismus (Dezember 2008)

Ulrich Becks kosmopolitisches Projekt - Eine Festschrift gegen den Strich gelesen (Dezember 2004)

Die Rückkehr der Klassengesellschaft - Oder der lange Abschied von den Individualisierungsverheißungen (November 2003)

 
       
   
Rezensionen

THIEL, Thomas (2017): Wir schrecklich Kreativen.
Die Spätmoderne hat den Anspruch auf Selbstverwirklichung zum Dogma erhoben: Andreas Reckwitz untersucht die Nebenwirkungen,
in: Literaturbeilage der
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 07.10.

HAAF, Meredith (2017): Wir sind ganz bei uns.
Die Aura des Kulturkapitalismus - der Soziologe Andreas Reckwitz hat eine große Theorie der Vereinzelung geschrieben,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 26.10.

Das Alphamädchen Meredith HAAF hatte Spaß beim Lesen dieser das Selbstbild der akademischen Klasse schmeichelnden Abhandlung, was wenig wundert, ist sie doch eine Angehörige dieser Klasse. Sie findet deshalb den Ansatz auch plausibel.

"Reckwitz (...) lehnt die Beck'sche Diagnose von der Individualisierung auf Augenhöhe in der Post-Klassen-Gesellschaft ab. Im Gegenteil, sagt er, zementierten sich Klassen stärker denn je."

Richtig ist: RECKWITZ lehnt nicht die Individualisierungsdiagnose ab, sondern die Diagnose einer "Individualisierung auf Augenhöhe". Dieser Vorwurf trifft aber vor allem die Lifestyle-Soziologie, die im Schlepptau von Ulrich BECK in den 1980er Jahren entstanden ist, und deren Kurzsichtigkeit angesichts einer 2004 erschienenen Festschrift der Epigonen von BECK auf dieser Website ausführlich kritisiert wurde. Von dem einflussreichen Soziologen Peter P. BERGER wurde Individualisierung als Integration gepriesen, obwohl eine solche "Individualisierung auf Augenhöhe" längst passé war und bereits damals die neue Klassengesellschaft deutlich sichtbar war.

RECKWITZ ist jedoch kein Vertreter der Klassenanalyse, sondern er steht in der Kontinuität der BECKschen Tradition bzw. deren Variante, die bei Paul NOLTE und Heinz BUDE aufscheint: als neubürgerliche Ideologie, die den herrschenden Neoliberalismus rechtfertigt. Nur kurz scheint dieser Aspekt in der Rezension von HAAF auf, wenn sie schreibt:

"Einzig die ökonomische Analyse, die größtenteils auskommt, ohne bedeutsame wirtschaftspolitische Machtakte wie zum Beispiel der Deregulierung des Finanzsektors zu erwähnen, wirk teilweise harmlos und bleibt insgesamt eher bei einer Analyse des Verhaltens von Konsumenten und Arbeitnehmern."

Das aber ist eine grandiose Verharmlosung dessen, was diese kulturalistische Sichtweise auf die Gesellschaft darstellt: nämlich die unkritische Darstellung des Neoliberalismus, der als Selbstbild der akademischen Klasse aufscheint. HAAF kann darin ein "überzeugendes Bild dessen, was unserem Zusammenleben zugrunde liegt" erkennen, weil sie Teil dieser Klasse ist, deren Sicht die Abhandlung darstellt. Die alte Mittelklasse und die Unterschicht werden dagegen als Bevölkerungsteile gesehen, die zu dumm sind, um dem Trend der Zeit zu folgen. Ihnen mangelt es an Kompetenzen, die allein das Bildungssystem politisch korrekt bereit stellt. Die sozioökonomischen Strukturen werden als Grundlage der Klassengesellschaft dagegen geleugnet. Dies wird auch deutlich, wenn HAAF schreibt:

"politische Antagonismen (...) sind in den vergangenen Jahren unter anderem über die Benachteiligungsgefühle weißer heterosexueller Männer, über den Raubtierkapitalismus, den religiösen Fundamentalismus und die Selbst-Überwachungsgesellschaft erklärt worden. Aber was, wenn all diese Phänomene nichts weiter als genau das sind - Manifestationen einer größeren Verschiebung?"

Es soll also nur noch um falsche oder richtige Lebensführung gehen, statt um verteilungspolitische Lösungen. Der aktivierende Sozialstaat - von dem die Akademiker mehr profitieren - als vom umverteilenden Sozialstaat, gilt nicht umsonst als Herzstück des neuen Glaubenskatechismus der neuen Mittelschicht, denn es handelt sich dabei auch um ein Privilegiensicherungssystem der Akademikerschicht.

"Ob sich daraus schlagkräftige Werkzeuge der Gesellschaftskritik entwickeln lassen, ist fraglich. aber es ist ein großer, tief gedachter Wurf gegen die gesellschaftspolitische Ratlosigkeit",

fasst HAAF zusammen, warum das Buch lesenswert sei. Dem ersten Teil kann man durchaus zustimmen. Ein tief gedachter Wurf ist es jedoch nicht und "gesellschaftspolitische Ratlosigkeit" gibt es in Deutschland eher nicht, denn die einzige Frage, die sich unsere Eliten stellen, lautet: Wie kann alles beim Alten bleiben. Das wird darauf hinauslaufen, dass die AfD wie einst die Grünen in den gesellschaftlichen Elitenkonsens integriert wird. Andere Länder sind auf diesem Weg schon weiter. Welche Konsequenzen dies für die Weiterentwicklung der neuen Klassengesellschaft besitzt, wird das nächste Jahrzehnt in Deutschland zeigen.

HESSE, Michael (2018): Das Einzigartige emsig und eisern erstreben.
Der Soziologe Andreas Reckwitz über die Singularisierung in der Moderne, die Sehnsucht nach Selbstverwirklichung und den drohenden Zerfall der Gesellschaft,
in:
Frankfurter Rundschau v. 14.02.

 
       
   

Das Buch in der Debatte

BARON, Christian (2017): Sollen sie doch zugrunde gehen.
Sahra Wagenknecht und Katja Kipping repräsentieren gesellschaftliche Gruppen, die sich nichts mehr zu sagen haben,
in:
Neues Deutschland v. 21.10.

 
       
   

Weiterführende Links

 
       
     
       
   
 
   

[ Zum Seitenanfang ]

[ Homepage ] [ Autoren der Generation Golf ]
 
   
 
   
© 2002-2018
Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 26. Oktober 2017
Update: 25. Juni 2018