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Eva Barlösius: Demographisierung des Gesellschaftlichen

 
       
   
  • Kurzbiographie

 
       
     
       
   

Eva Barlösius in ihrer eigenen Schreibe

 
       
   
AUS POLITIK UND ZEITGESCHICHTE-Thema: Ländlicher Raum

BARLÖSIUS, Eva (2006): Gleichwertig ist nicht gleich,
in:
Aus Politik und Zeitgeschichte Nr.37 v. 11.09.

PROKLA-Thema: "Bevölkerung"
Kritik der Demographie

BARLÖSIUS, Eva & Claudia NEU (2007): "Gleichwertigkeit - Ade?".
Die Demographisierung und Peripherisierung entlegener ländlicher Räume,
in: Prokla 146, H.1, März, S.77-92

Eva BARLÖSIUS & Claudia NEU stellen anhand der deutschen Serie Verlassenes Land, verlorenes Land (Spiegel Online vom 14. bis 21. März 2006) und die französischen Le Monde-Artikel über die Krise der französischen Gesellschaft ("La crise de la société française") zwei gegensätzliche Sichtweisen auf ländliche Regionen vor.

BARLÖSIUS & NEU kritisieren, dass in der deutschen Debatte eine Demografisierung gesellschaftlicher Probleme vorherrscht, die sie folgendermaßen beschreiben:

"In der öffentlichen Diskussion über die Zukunftsfähigkeit entlegener ländlicher Regionen werden deren Entwicklungschancen beinahe einzig auf ihre Bevölkerungsstruktur zurückgeführt. Aufgrund von hohen Abwanderungsraten und zunehmender Alterung der verbleibenden Bewohner hätten sie keine Zukunftsperspektive mehr. Alle anderen Prozesse wie Globalisierung, Deindustrialisierung, Umbau zur Wissensgesellschaft, durch welche diese Landstriche zunehmend von den städtischen Ballungsgebieten entkoppelt werden und die wiederum die dort lebende Bevölkerung erst dazu drängen abzuwandern, um woanders Erwerbsarbeit zu finden, werden als nachgeordnet betrachtet. Tatsächlich gehen jedoch die ökonomischen Wandlungsprozesse der besonderen Ausprägung des demographischen Wandels in diesen Regionen zumeist voraus." (2007, S.86)

Als weiteres Beispiel nennen die Autorinnen das Buch Die ausgefallene Generation von Herwig BIRG, in dem Konflikte und soziale Ungleichheiten auf den demografischen Wandel zurückgeführt werden.

Visualisiert werden diese Szenarien gerne mit "demogaphischen Landkarten", die das Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung und die Bertelsmann Stiftung in Deutschland popularisiert haben.

BARLÖSIUS & NEU weisen darauf hin, dass mit der Demografisierung gesellschaftlicher Probleme eine Umwertung der Gestaltbarkeit einhergeht:

"Charakteristisch für die gesellschaftliche Semantik der Moderne ist, dass sie Gegenwart und Zukunft als weitgehend offen und unbekannt begreift ( vgl. Koselleck 1979, Luhmann 1997: 997-1010). Ansonsten könnte die Gegenwart nicht als »Entscheidungsraum« und die Zukunft als Gestaltungschance gedacht werden. Die Demographisierung schreibt aber die gesellschaftliche Semantik über die Gegenwart und Zukunft um: von weitgehend offen und unbekannt zu größtenteils vorbestimmt und bekannt."
(2007, S.88)

Den strategischen Vorteil einer solchen Demografisierung gesellschaftlichen Probleme erläutern die Autorinnen folgendermaßen:

"Angesichts der steigenden Zukunftsungewissheit, mit der die modernen Gegenwartsgesellschaften konfrontiert sind und die zumeist mit den beiden Schlagworten Globalisierung und Wissensgesellschaft umschrieben wird, verheißt die Demographie eine gesicherte Zukunftsausdeutung und zudem eine, die sich bestens dazu eignet, gesellschaftliche und politische Entscheidungen zu treffen, die nicht als solche rechtfertigungsbedürftig sind, da sie sich auf »biologische Schicksalhaftigkeit« berufen können."

Die Autorinnen sehen das Konzept der nachholenden Modernisierung, das bislang die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in Deutschland legitimiert hat, als nicht mehr zeitgemäß angesichts der "globalisierten Wissensgesellschaft". Nicht mehr Gleichheit, sondern Differenz soll nun der Maßstab territorialer Gerechtigkeit sein:

"Gleichheit und Angleichung waren typisch für die Vorstellung von territorialer Gerechtigkeit, welche Zukunft als Modernisierungsprojekt - für entlegene ländliche Räume als nachholende Modernisierung - verstand. Zukünftig scheint diese Vorstellung für eine »globalisierte Wissensgesellschaft« wenig »passend« (...). Wird Zukunft weiterhin als handlungsoffen verstanden, so ist eine Vorstellung von territorialer Gerechtigkeit hilfreich, die Differenz als gleichberechtigt anerkennt und Verschiedenartiges zulässt ohne die Teilhabechancen und Handlungsspielräume der Bewohner entlegener Regionen zu verschließen."
(2007, S.91).

Für die Autorinnen stehen damit einzelne Infrastrukturen in diesen Regionen zur Disposition. Das Buch Demografie und Demokratie von Jens KERSTEN, Claudia NEU und Berthold VOGEL, das 2012 erschienen ist, beansprucht eine Neuregelung des Verhältnisses von Stadt und Land zu leisten.    

Neu:
BARLÖSIUS, Eva (2007): Die Demographisierung des Gesellschaftlichen. Zur Bedeutung der Repräsentationspraxis, in: Eva Barlösius & Daniela Schiek (Hg.) Demographisierung des Gesellschaftlichen. Analysen und Debatten zur demographischen Zukunft Deutschlands, Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften

 
       
       
   

Demographisierung des Gesellschaftlichen (2007).
Analysen und Debatten zur demographischen Zukunft Deutschlands
(herausgegeben zusammen mit Daniela Schiek)
Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften

 
   
     
 

Klappentext

"Zukunftsfähigkeit - hört man allerorten - hänge zuvörderst von der demographischen Lage ab. Folglich wird immer seltener über die Gesellschaft und vom sozialen Wandel berichtet und stattdessen vermehrt über die Bevölkerung informiert und eine Umkehr der demographischen Entwicklung angemahnt. Oft werden auf diese Weise soziale Phänomen zu demographischen Fakten erklärt: die Demographisierung des Gesellschaftlichen. Dieser Band will den Prozessen der Demographisierung nachspüren und fragt explizit auch nach den Chancen des demographischen Wandels."

 
     
 
       
   

Beiträge von single-generation.de zum Thema

Der ländliche Raum und Mittelstädte im demografischen Wandel. Eine Bibliografie der Debatte 2001 - 2017

Demografie und Demokratie: Wie ein Buch dem Zeitgeist der Demographisierung gesellschaftlicher Probleme erliegt und dadurch die Konflikte um den Wohlfahrtsstaat noch zusätzlich verschärft

Deutsche Kommunen im demografischen Wandel. Oder: Wie die Demographisierung gesellschaftlicher Probleme die deutsche Politik bestimmt

 
       
   

Die Beiträge des Buches

  • Vorwort
  • BARLÖSIUS, Eva - Die Demographisierung des Gesellschaftlichen. Zur Bedeutung der Repräsentationspraxis
  • Öffentliche Standortbestimmungen
  • LANG, Susanne - Die Kinder der Akademikerinnen. Familienplanung als eine Frage des Stils
  • TUTT, Cordula - Das große Schrumpfen. Von Wohlstandinseln und Verliererregionen
  • LIEVEN, Christiane Hug-von - Kinderlosigkeit in Deutschland. Ein Problemaufriss aus ministerieller Perspektive
  • Registrierung
  • CORNELIUS, Ivar - Wie viele Kinder haben Familien? Möglichkeiten und Grenzen der statistischen Erfassung
  • KREYENFELD, Michaela - Bildungsspezifische Unterschiede im Geburtenverhalten in Ost- und Westdeutschland
  • Ursachensuche
  • LINDECKE, Christiane - Erwerbsarbeit und Elternschaft. Das deutsche Modell im internationalen Vergleich
  • MEUSER, Michael - Vereinbarkeit von Beruf und Familie - ein Problem für Männer? Familien und Lebensverlaufsplanung bei Männern
  • Suche nach Abhilfe
  • DRESSEL, Kathrin - Auf der Suche nach der gewonnenen Zeit. Neue Strategien bei der Lebens- und Familienplanung
  • SCHRÖER, Sebastian & Thomas STRAUBHAAR - Demographische Entwicklung: Problem oder Phantom?
  • Die Macht der Demographisierung
  • LENGWILER, Martin - Vom Überbevölkerungs- zum Überalterungsparadigma. Das Verhältnis zwischen Demographie und Bevölkerungspolitik in historischer Perspektive
  • SCHIEK, Daniela - "Frauen wollen beides". Die Vereinbarkeitsdebatte als Symptom geschlechtshierarchischer Arbeitsteilung
  • BEETZ, Stephan - Die Demographisierung ökonomischer, kultureller und sozialer Veränderungen am Beispiel des ländlichen Raums
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    Die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in der Debatte

    KUHN, Eva & Reiner KLINGHOLZ (2013): Vielfalt statt Gleichwertigkeit. Was Bevölkerungsrückgang für die Versorgung ländlicher Regionen bedeutet, Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung in Kooperation mit dem Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) Potsdam

    KAMANN, Matthias (2013): Leere Landschaften.
    Studie zum demografischen Wandel sieht politischen Handlungsbedarf,
    in: Welt kompakt v. 10.09.

     
           
       

    Eva Barlösius im WWW

    www.uni-duisburg-essen.de
     
           
       

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    Update: 06. April 2017