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Günter Burkart: Zukunft der Familie

 
       
   

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Zukunft der Familie (2009).
Prognosen und Szenarien
Zeitschrift für Familienforschung, Sonderheft 6
Opladen & Farmington Hills: Verlag Barbara Budrich

 
   
     
 

Klappentext

"Wie hat man sich die weitere Entwicklung von Gesellschafts- und Familienstrukturen vorzustellen? ExpertInnen aus Soziologie und Psychologie entwerfen Szenarien für die nächsten Jahrzehnte und geben damit wichtige Hinweise auf zukünftige Aufgaben in Familienforschung und Familienpolitik.

Die AutorInnen loten Zukunftspfade von familialen und anderen privaten Lebensformen aus. So entstehen Prognosen und Szenarien, die die Dynamik des Wandels besser verstehen lassen. Dabei geht es weniger darum, durch Vorhersagen unsere Neugierde zu befriedigen, wie die Welt tatsächlich einmal aussehen wird, sondern eher darum, aktuelle Hoffnungen oder Wünsche, aber auch Warnungen zum Ausdruck zu bringen. Szenarien sind Beschreibungen möglicher Zukünfte. Ihr Sinn besteht auch darin, besser zu sehen, was wir tun müssten, um bestimmte Entwicklungen zu fördern oder zu verhindern.

In diesem Sinn versuchen die AutorInnen - durchaus auch spekulativ - Szenarien zu entwickeln, wie die jeweilige Situation, sich in zwanzig bis dreißig Jahren darstellen könnte. In diesem Sinne von »social fiction« können die Beiträge so nicht nur eine mögliche Entwicklung verdeutlichen, sondern auch Hinweise für die kommenden Aufgaben der Familienforschung und angrenzender Forschungsgebiete, aber auch der Familienpolitik, liefern."

Zitate:

Drei Szenarien des Altern in der öffentlichen Debatte

"In den (...) Diskursen überwiegt (...) der Eindruck, die Zukunft bringe für die Älteren wie auch für Jüngeren wenig Gutes. Szenarien in zahlreichen Sachbüchern und jüngst sogar einer »Doku-Fiction« im Fernsehen bestätigen dies - von der »Entfernung vom Wolfrudel« (Gronemeyer 1989) über die »Diktatur der Senioren und Senilen« (Tremmel 1996: 60) bis zum »Aufstand der Alten« (ZDF 2007) reicht das überaus bunte Spektrum der Visionen. (...). Wir möchten (...) drei Szenarien exemplarisch herausgreifen und diskutieren. Zunächst soll an einem (zugegebenermaßen extremen) Beispiel das Problem der empirischen Belastbarkeit anekdotischer Evidenz verdeutlich werden, wobei wir das in der Literatur seit gut 15 Jahren wiederholt auftauchende Szenario des »granny-dumping« - sinngemäß »Oma wegwerfen« - aufgreifen. Gemeint ist damit das Abschieben der Älteren durch ihre Kinder (...).
Ein anderes Szenario ist wohl vielfach eher als Wunsch, im Kontext der Diskussion um Generationengerechtigkeit aber auch schon als Vorwurf an die Älteren präsent: Das Überwintern in schmucken Ferienhäusern im sonnigen Süden (...). Auswandern oder saisonales Pendeln, wie dies insbesondere ältere Migranten zwischen Deutschland und der Türkei schon praktizieren (...) - diese Beispiele lenken den Blick auf Kompetenzen und Ressourcen der zukünftigen Älteren, die vielleicht dann auch zu einer Entdramatisierung des geschilderten Szenarios beitragen oder gar zu neuen Märkten und Geschäftsmodellen führen könnten. Erste Heime für Demenzkranke aus Deutschland existieren z.B. auch schon in Thailand. Erfahrungen mit Fernreisen, vergleichsweise günstige Betreuungsmöglichkeiten und niedrigere Immobilienpreise und Lebenshaltungskosten lassen die Ruhestandsmigration wahrscheinlicher werden.
(...).
Eine intelligente Wohnumwelt - »ambient assisted living« - soll einen möglichst langen Verbleib in der Wohnung ermöglichen, die Kommunikation und Versorgung erleichtern und auch die gesellschaftlichen Versorgungsstrukturen optimieren. Kann daher auch von Seiten technischer Innovationen eine Entlastung der Familie erwartet werden?"
(Harald Künemund/Ann-Kathrin Vaske/Claudia Kaiser 2009, S.138)

Die Entwicklung des Anteils älterer Alleinlebender ist unsicher

"Ohne Zweifel wird die Anzahl der Älteren wie auch ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung zunehmen und damit auch die Anzahl der älteren Alleinlebenden und Pflegebedürftigen. Diese Situation wird aber kaum durch einen zusätzlichen Anstieg der Partner-, Kinder- oder Geschwisterlosigkeit verschärft; dies steht erst in 30 bis 40 Jahren an. Bezüglich der (Ehe-)Partner lässt sich dies zwar nur schwer abschätzen, aber es spricht einiges dafür, dass der Anteil der älteren Alleinlebenden in näherer Zukunft eher etwas zurückgehen wird (vgl. Bengtson/Schütze 1992). Über die behauptete »zunehmende Tendenz des 'Alleinlebens' im Alter« (Schneekloth 1996: 16) ist jedenfalls nicht endgültig entschieden. Somit sollte nicht nur die Gegenwart des »granny-dumping« mit einem großen Fragezeichen markiert werden, sondern auch die Zukunft."
(Harald Künemund/Ann-Kathrin Vaske/Claudia Kaiser 2009, S.141)

Die adäquate Ausgestaltung der sozialen Sicherungssysteme ist entscheidend für ältere Menschen. Negativszenarien sind eine Bedrohung

"Maßgeblich entscheidend für die Richtung, die diese Entwicklungen nehmen werden ist in jedem Fall (...) die Ausgestaltung der sozialen Sicherung. (...)
Negativ-Szenarien (haben) - beabsichtigt oder unbeabsichtigt - wohl nicht nur die Funktion eines Frühwarnsystems vor möglichen negativen Folgen oder Entwicklungen: Überzogene Szenarien und Warnungen vor Konsequenzen des demographischen Wandels forcieren geradezu Kürzungen im Bereich der sozialen Sicherung, und auf diesem Wege machen sie möglicherweise genau diee negativen Entwicklungen wahrscheinlicher."
(Harald Künemund/Ann-Kathrin Vaske/Claudia Kaiser 2009, S.150)

Im Jahr 2050 ist die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung im Haushalt kein Thema mehr

"Die Möglichkeiten der technischen und marktmäßigen Substitution von Hausarbeit sind entscheidend für die Aufteilung zwischen den Partnern. Das führt dazu, das sich Effizienzkriterien in der Erledigung der meisten »ungeliebten« Tätigkeiten durchsetzen. Der Gleichheitsaspekt wird von einem Kampf innerhalb der Paarbeziehung fast vollständig in einen gesamtgesellschaftlichen Verhandlungsprozess überführt. Diese gesellschaftlichen Verhandlungen sind auf den Ausgleich zwischen individuellen Lebenslagen gerichtet (z.B. zwischen Berufstätigen und Nichtberufstätigen, Familien mit Kindern und Alleinlebenden). Damit hat die Ungleichheitsfrage für die Hausarbeit in Paarbeziehungen immer weniger Relevanz. Die gesellschaftlichen Konflikt nehmen demgegenüber zu sowohl im Hinblick auf die Verteilung der notwendigen Arbeit als auch im Hinblick auf die Verteilung der produzierten Waren und Dienstleistungen. Dies ist zum einen den Anforderungen, die aus der demographischen Entwicklung folgen, geschuldet, zum anderen den größeren sozialen Ungleichheiten nach dem Umbau des Wohlfahrtsstaates."
(Alexander Röhler 2007, S.192)

Homosexuelle werden im Jahr 2030 die kulturelle Elite sein

"Als Szenario formuliert, wird bis zum Jahr 2030 die Gruppe der hochqualifizierten Homosexuellen anwachsen (...). Es wäre sogar denkbar, dass der familienlose, flexible und kreative Homosexuelle die zukünftige kulturelle Elite am deutlichsten verkörpert."
(Maja S. Maier 2007, S.206)

Die Entstehung einer neuen Konfliktlinie jenseits von Hetero- und Homosexualität

"Da Kinderwunsch und Familiengründung nicht länger ausschließlich biographische Projekte von Heterosexuellen sind, werden sich in diesem Bereich die Grenzziehungen zwischen heterosexuell und homosexuell verwischen (...). Denkbar ist es dann, dass die Differenzierung zwischen Homosexualität und Heterosexualität in ihrer bekannten Form verschwindet und neue Grenzlinien zwischen Homosexuellen, die in familiär und/oder partnerschaftlichen Lebensformen leben und Individuen, die sich solchen Lebensentwürfen entziehen, entstehen. (...). Was bis ins 20. Jahrhundert allein den Frauen vorbehalten war, der direkte Übergang vom Bildungssystem in die Familie, könnte (...) zukünftig für beide Geschlechter - unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung - zu einer Option werden. (...). Dies hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit zum einen die Folge, dass die technologischen Verfahren, die eine vom Geschlecht und von Heterosexualität unabhängige Fortpflanzung ermöglichen, weiterentwickelt und etabliert werden. Hierzu bekannt gewordene Beispiele sind der »schwangere Mann« oder die im Zuge der Stammzellenforschung entwickelte Möglichkeit einer spermienlosen Befruchtung. Zum anderen wäre auch zu erwarten, dass (erwerbsbezogene) Lebensentwürfe, in denen nicht nur Sexualität, sondern auch die Beziehungsgestaltung von der biologischen Reproduktion abgekoppelt ist, weniger problematisiert und mehr mit Blick auf ihre eigenständige Qualität entwickelt werden."
(Maja S. Maier 2007, S.207)

Die zukünftigen Idealbilder der Homosexualität

"Als Idealbilder dienen der partnerschaftliche gebundene, sozial kompetente, homosexuelle Familienmensch, der mit sich und seinem Umfeld im Einklang lebt, ebenso wie der kreative, hochqualifizierte und vernetzte homosexuelle Global-Player, der die Machtelite der neoliberalen Gesellschaft verkörpert."
(Maja S. Maier 2007, S.208)

 
     
 
       
   

Beiträge des Sonderhefts

Einleitung
BURKART, Günter - Einblicke in die Zukunft der Familie
Zukunftsforschung
WATKINS, Vanessa & Cornelia DAHEIM - Zukunftsforschung: Analyse von Szenariostudien zur Familie

KONIETZKA, Dirk & Michaela KREYENFELD - Zwischen soziologischen Makrotheorien und demographischen Vorausberechnungen - Möglichkeiten und Grenzen des Blicks in die Zukunft der Familien- und Geburtenentwicklung

LENZ, Karl - Haben Familien und Familiensoziologie noch eine Zukunft?

Globalisierung, Migration, Mobilität

BECK-GERNSHEIM, Elisabeth - Ferngemeinschaften. Familien in einer sich globalisierenden Welt

SCHNEIDER, Norbert F./RUPPENTHAL, Silvia/LÜCK, Detlef - Beruf, Mobilität und Familie

KÜNEMUND, Harald/VASKE, Ann-Kathrin, KAISER, Claudia - "Granny-dumping", Altersmigration und das "smart home" - Zukunft der familialen Betreuung Älterer?
Neue Lebensformen
GRUNDMANN, Matthias & Dieter HOFFMEISTER - Familie nach der Familie. Alternativen zur bürgerlichen Kleinfamilie

RÖHLER, Alexander - Zur Zukunft der Hausarbeit in Paarbeziehungen. Theoretische Überlegungen, empirische Befunde und ein Szenario für das Jahr 2050

MAIER, Maja S. - Gleichgeschlechtliche Partnerschaft und Elternschaft
Kinder und Eltern
RUPP, Marina - Eine Zukunft ohne Kinder

PFAU-EFFINGER, Birgit - Entwicklungspfade und Zukunft der Kinderbetreuung

PINQUART, Martin & Rainer K. SILBEREISEN - Einzelkinder und Geschwisterbeziehungen

VASKOVICS, Laszlo A. - Segmentierung der Elternrolle

Rückblick und Ausblick
HAHN, Alois - Familienutopien
 
       
   

Einblicke in die Zukunft der Familie (2009).
Zeitschrift für Familienforschung, Sonderheft 6
Opladen & Farmington Hills: Verlag Barbara Budrich

 
   
     
 

Zitate:

Individualisierung und die Zunahme der Singles

"Als Zukunftsszenario interpretiert, ergibt sich aus der Individualisierungsthese unter anderem die Vermutung, dass der Anteil der »Singles« zunehmen werde. Vor allem die Bedeutung des ungebundenen, mobilen und flexiblen Individuums werde steigen, weil es für die neue Zeit besser gerüstet sei als das in feste Strukturen eingebundene Individuum. Diese Ansicht ist inzwischen weit verbreitet. So schreiben etwa Boltanski/Chiapello (2003: 169), es komme heute immer weniger darauf an, »lebenslang ein einziges Projekt (eine Berufung, einen Beruf, eine Ehe etc.) zu verfolgen.« Es gilt als vorteilhaft, mobil und ungebunden zu sein, immer offen für neue Kontakte (...). Mobile Singles und mobile Projekt-Netzwerker passen daher optimal zusammen. (...).
Zurzeit sehen die meisten Beobachter noch keine Zeichen einer Trendwende. Das heißt, es wird erwartet, dass die Anteile von Singles (...) in naher Zukunft weiter ansteigen werden, wenn auch wohl langsamer als bisher. Mehr als bisher wird man allerdings fragen müssen, was die Charakterisierung »Single« eigentlich bedeutet: unverheiratet; alleinlebend; partnerlos; flüchtig gebunden? Geht es dabei um kurzfristige Übergangsphasen im Lebenslauf oder um eine nachhaltige Lebensform?"
(2009, S.18)

Die in den 1970er Jahre geborenen Singles werden 2030 ältere Singles sein

"Stellen wir uns die Generation vor, deren Mitglieder in den 1970er Jahren geboren wurden. Sie werden im Jahr 2030 zwischen 50 und 60 Jahre alt sein. Viele von ihnen werden kinderlos sein, sie hatten vielleicht keine langjährige Beziehung. Viele von ihnen werden als Einzelkinder aufgewachsen sein, was vielleicht ihrer kognitiven Entwicklung gut getan hat, aber nicht notwendigerweise der Entwicklung  ihrer Sozialkompetenz (...). Es handelt sich vorwiegend um Großstadtbewohner, sie werden häufig keinen festen Beruf haben, sondern auf eine »Projekt«-Biographie zurückblicken, an der sie weiter basteln müssen: Sie haben sich in den 1990er Jahren an »prekäre Beschäftigungsverhältnisse« gewöhnt. Sie sind nicht mehr fest in ihrer Herkunftsfamilie verankert, haben häufig den Wohnort gewechselt, ihr persönliches Netzwerk wird stärker durch berufliche Beziehungen und Freundschaften gekennzeichnet sein als durch starke Familienbande. Manche werden eine langjährige Beziehung hinter sich haben, aber nun sind sie wieder Single. Dabei können sie damit rechnen, noch etwa 30 Jahre Lebenszeit vor sich zu haben.
Es ist vorstellbar, dass sich in dieser Generation eine neue Lebensform entwickelt, in der verschiedene Elemente aus den alten Lebensformen flexibel kombiniert werden - Elemente des Alleinlebens, von Familie und Wohngemeinschaft, von Projektwohnkollektiv, »Hausfamilie« (Fuchs 2003) oder vielleicht auch einer Variante des »Generationenhauses« (...). Vielleicht wird man von »Projektfamilie« sprechen, in der die Verwandtschaftsbeziehungen (...) noch stärker an Bedeutung verloren haben. Der Begriff »Familie« wird dann weiter aufgeweicht sein, näher an der Vorstellung eines flexiblen Netzwerkes von guten Freunden (...). Immer geht es dabei auch um die Ausbalancierung zwischen Individualismus und Formen der Vergemeinschaftung."
(2009, S.18f.)

Wie man die Kinderlosigkeit zurückdrängen kann

"Ein wichtiger Faktor für eine Renaissance der Familie wäre ein deutlicher Rückgang der Kinderlosigkeit. Zwar sieht auch Marina Rupp dafür kaum Anzeichen in naher Zukunft, aber sie zeigt auch, dass bestimmten Rahmenbedingungen hier besondere Bedeutung zukommt. Was wären die Bedingungen für einen deutlichen Rückgang der Kinderlosigkeit? Abgesehen von infrastrukturellen Verbesserungen sowohl im Erziehungsbereich (...) als auch in der Arbeitswelt, die zu einer deutlichen Abmilderung des notorischen Vereinbarkeitsproblems führen würden, müsste es zu einem Abbau überzogener Erziehungsansprüche kommen, und es müsste zu einer Ausweitung der Altersspanne kommen, in der es für Frauen als normal gilt, Mutter zu werden. Auch die Adoption müsste leichter möglich und vor allem auch bei potentiellen Eltern stärker akzeptiert werden, und natürlich müsste es auch zu deutlichen Verbesserungen der Unterstützung bei der medizinischen Behandlung von unfreiwilliger Kinderlosigkeit kommen."
(2009, S.22)

Kampagne zur Ängstigung Kinderloser als Mittel, um die nachfolgenden Generationen zum Kinderkriegen anzuspornen

"Nehmen wir an, im Jahr 2030 liege in bestimmten Segmenten - etwa städtischen Eliten - der Generation der dann 60-Jährigen die Kinderlosigkeit bei etwa fünfzig Prozent. Ein Mitglied dieser Elite feiert seinen sechzigsten Geburtstag. Natürlich sind viele Familienmitglieder anwesend, aber darunter nur wenige Kinder und kaum Enkelkinder. Weil es sich um eine prominente Person handelt, die sich Verdienste um das öffentliche Leben der Gemeinde erworben hat, sind auch Journalisten anwesend, die im Lokalteil der Zeitungen von der Feier berichten. Eine Autorin, die sich schon länger mit diesem Thema befasst und solche Informationen seit Jahren sammelt, schreibt ein Buch über die Trostlosigkeit des Alterns, die in dieser Generation der Kinder- und Enkellosen vorherrscht. Das Buch wird zum Bestseller, denn für die nachwachsenden Generationen ist dies ein abschreckendes Beispiel, und die Sorge, im Alter ohne Familiennachwuchs zu sein (wie sie es bei vielen Tanten und Onkeln in der Familie erleben), entwickelt sich zu einer der Grundängste dieser Generationen. Der Diskurs über diese Sorge führt zu einem Anstieg der Geburtenrate vor allem bei jungen Frauen. Generationszyklen dieser Art sind aus vielen Bereichen bekannt. Eine Trendwende zu mehr Kindern ist also gar nicht so unwahrscheinlich."
(2009, S.22)  

Schwule Paare als die besseren Eltern

"Es gibt Anzeichen, dass sich nicht nur insgesamt die Stellung und Akzeptanz von Homosexualität weiter verbessern wird (zum Beispiel könnte sie sich vom früheren Stigma zu einem Ausdruck »kosmopolitischer Individualität« entwickeln (...)), sondern sogar, dass homosexuelle Paare unter Umständen die besseren Eltern sein könnten. Im Zusammenhang mit der Migration ist eine Pink Card für Einwanderung schwuler Eltern denkbar!"
(2009, S.23)

Drei Szenarien zu Geschlechterverhältnis und sozialer Ungleichheit

"Wenn wir (...) das Geschlechterverhältnis mit der über Bildung hergestellten und reproduzierten sozialen Ungleichheit verknüpfen, lassen sich drei Szenarien konstruieren (...).
Das erste dieser Szenarien geht davon aus, dass hochgebildete Paare einen erheblichen Teil der Familienarbeit an Frauen, Paare oder Familien mit wenig Bildung und geringen Einkommensaussichten delegieren, zunehmend an Migrantinnen aus peripheren globalen Regionen. Sie erledigen in Akademikerhaushalten Putzarbeiten, Altenpflege und Kinderbetreuung. (...).
Damit wird die Professionalisierung der Familienarbeit und der Elternrollen forciert. Das wird noch deutlicher, wenn man - im zweiten Szenario - von einer anhaltenden Kinderlosigkeit von Akademikerinnen ausgeht. Es ist denkbar, dass die zukünftige Generation der Führungselite in den westlichen Ländern immer weniger eigene Kinder bekommt. Sie wäre von der Reproduktionsaufgabe entlastet, die von anderen wahrgenommen würde. Das ist gerade dann nicht unwahrscheinlich, wenn sich in der Bildungselite Gleichheit zwischen den Geschlechtern durchsetzen würde. Beide Partner, Mann und Frau, könnten sich dann ganz auf die Karriere konzentrieren.
Man mag dieses Szenario eher als Wild Card betrachten: seine Realisierung ist unwahrscheinlich, aber sie hätte gravierende Folgen. Noch wird es nicht offen ausgesprochen, aber vielleicht entzündet sich bald eine Debatte darüber, was es bedeuten würde, wenn »die Besten« keine Kinder mehr bekämen. (...).
Denkt man hier jedoch radikal weiter, kommt man zu einem dritten Szenario: Elternschaft als Beruf. (...).
Zumindest könnte es zu einer weiteren Ausdifferenzierung von bisher Eltern vorbehaltenden Aufgaben kommen. Ein differenziertes professionalisiertes Berufsfeld könnte sich entwickeln, mit vielfältigen Verbindungen zum Gesundheits- und Erziehungssystem: Medizinisch geprüfte Samenspender, ausgesuchte Spezialistinnen fürs Gebären (»Leih-Mütter«), genetisch getestet und gut überwacht, Spezialistinnen für Baby-Pflege".
(2009, S.24)

Eine Gesellschaft ohne Familie

"Die Frage lässt sich zuspitzen: Ist Familie überholt? (...).
Die biotechnologischen Entwicklungen weisen zumindest in diese Richtung. In-vitro-Fertilisation, extra-korporale Befruchtung, Leihmütterschaft und eine längere Periode der embryonalen Entwicklung im »Brutkasten« - diese und andere Methoden der Reproduktionsmedizin und der Gentechnologie könnten die bereits eingeleitete Trennung von biologischer und sozialer Elternschaft verstärken und damit auch die Einheit von biologischer und sozialer Mutterschaft weiter untergraben.
Es mag aufschlussreich sein, hier noch einmal einen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Gerade an diesem Punkt erscheinen die 1970er Jahre als Zeitenwende. Um das Jahr 1970 herum fing man gerade erst an, die Trennung von Sexualität und Fortpflanzung zu legitimieren. Sexualität ohne Fortpflanzungsabsicht (insbesondere außerhalb der Ehe) war bis dahin nicht nur von der katholischen Kirche bekämpft, sondern auch von breiten Bevölkerungsschichten zumindest mit Argwohn betrachtet worden. Darüber hinaus gab es Ende der 1960er Jahre noch große Vorbehalte gegen künstliche Befruchtung oder andere Methoden der Zeugung ohne (ehelichen) Sex.
(2009, S.25)

"Seit dieser Zeit haben Reproduktionsmedizin und Biotechnologie enorme Fortschritte erzielt. (...). Mit der Formel »Vom Sex ohne Zeugung zur Zeugung ohne Sex« lässt sich (...) die Entwicklung gut auf den Punkt bringen. Und die weitere Konsequenz liegt auf der Hand: »... zur Zeugung ohne Familien«. (...).
Die Fortschritte der Gentechnologie, der Pränatal- und der Prämimplantationsdiagnostik werden bald zu Debatten darüber führen, wie eine Frau genetisch ausgestattet sein sollte, wenn sie ein Kind gebären will. Es wird zu neuen Normierungen kommen, zu Empfehlungen durch familien- und gesundheitspolitische Institutionen, irgendwann vielleicht sogar zu einem gesetzlichen Verbot der unkontrollierten Zeugung."
(2009, S.26) 

 
     
 
       
   

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Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 02. Oktober 2010
Update: 09. November 2014