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Hans Bertram: Die Mehrkinderfamilie in Deutschland

 
       
   

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Die Mehrkinderfamilie in Deutschland (2008).
Zur demographischen Bedeutung der Familie mit drei und mehr Kindern und zu ihrer ökonomischen Situation. Expertise für das Kompetenzzentrum für familienbezogene Leistungen im BMFSFJ
(herausgegeben vom BMFSFJ)

 
   
     
 

Zitate:
Nicht die Kinderlosigkeit, sondern das Verschwinden der Mehrkinderfamilie ist hauptsächlich für den Geburtenrückgang in Deutschland verantwortlich

"Schon 1995 hat Franz-Xaver Kaufmann darauf hingewiesen, dass die demographische Entwicklung in Deutschland zu einer Polarisierung der Lebensformen zwischen Kinderlosen und Erwachsenen mit Kindern führen wird (...) (Kaufmann, 1995).

Manche Autoren sehen in der steigenden Kinderlosigkeit in Deutschland mit angeblich 36 Prozent eine der Hauptursachen für die geringen Geburtenraten in Deutschland (Adema OECD 2007). So überzeugend solche Thesen zunächst auch zu sein scheinen, so halten sie empirischen Überprüfungen nicht stand. Vergleicht man ausgewählte europäische Länder mit unterschiedlichen Geburtenraten, so zeigt sich, dass die Geburtenentwicklung in Deutschland im Wesentlichen durch das Verschwinden der Mehrkinderfamilie geprägt ist." (S.5)

"Die entscheidende Abweichung von der europäischen Entwicklung liegt in Deutschland bei der Familie mit drei Kindern. Waren es bei den 1935 geborenen Frauen noch 20 auf 100 Frauen, die drei Kinder hatten, sind es heute noch etwa 12 Prozent. Dagegen haben in Frankreich, Finnland und den Niederlanden auch heute noch zwischen 22 Prozent (Frankreich) und 18 Prozent (Niederlande) der 1960 geborenen Frauen drei Kinder. Lebten also bei 100 in 1935 geborenen Frauen noch 60 Kinder mit zwei Geschwistern, sind es heute nur noch etwa 36 Kinder. Die Konsequenzen für die Geburtenraten in den einzelnen Ländern sind klar nachzuvollziehen. Um zu einer Geburtenrate von etwa 210 Kindern pro 100 Frauen zu kommen, fehlen jene 50 Kinder, die in der Generation der heutigen Mütter mit zwei, drei oder mehr Geschwistern aufwuchsen; zudem fehlen die etwa 17 bis 20 Kinder aufgrund der gestiegenen Kinderlosigkeit." (S.7)

Während die Kinderlosigkeit der Akademikerinnen im Brennpunkt der öffentlichen Debatte steht, wird der Anstieg der Kinderlosigkeit in den anderen Bildungsgruppen übersehen

"Die öffentliche Debatte hat sich lange Zeit darauf konzentriert, die zunehmende Kinderlosigkeit allein auf die steigende Zahl der akademisch qualifizierten Frauen zurückzuführen, die aufgrund ihrer langen Ausbildung sich erst nach ihrer Etablierung im Beruf für Kinder entscheiden und dies aus biologischen Gründen dann schon zu spät sein kann. Darüber hinaus wird darauf verwiesen, dass das Hinausschieben der Entscheidung zum Kind auch zu einer Veränderung der Lebensperspektiven und Lebensvorstellungen führt und sich die Optionen im Leben so verändern, dass ein Leben ohne Kinder als eine sinnvolle und befriedigende Perspektive wahrgenommen wird.

Nun zeigt aber der Vergleich mit Frankreich, wo die Kinderlosigkeit mit 10 Prozent sehr niedrig ist, dass das durchschnittliche Erstgeburtsalter in Frankreich mit etwa 30 Jahren sich im europäischen Durchschnitt auf demselben Niveau bewegt wie bei der ersten Geburt in Deutschland (Eurostat: Europäischer Datenservice). Zudem zeigt der Vergleich der Kinderlosigkeit nach Bildung und Berufsabschlüssen in historischer Perspektive (Grafik im Anhang), dass entgegen der öffentlichen Debatte die Kinderlosigkeit von Frauen mit Hochschulabschluss deutlich zurückgegangen ist, nämlich von 40 Prozent in 1971 auf rund 30 Prozent in 2004. Allerdings ist ein Anstieg der Kinderlosigkeit in allen Bildungsgruppen zu verzeichnen." (S.9)

Der Anstieg der Kinderlosigkeit ist auch auf die gewandelte Berufsstruktur zurückzuführen

"Der Vergleich der Kinderlosigkeit von Frauen und Männern bei den heute etwa 38- bis 44-Jährigen zeigt zunächst, dass es vor allem die neuen beruflichen Tätigkeitsfelder sind, die es in den siebziger und achtziger Jahren noch gar nicht gegeben hat, in denen die Kinderlosigkeit besonders hoch ist, während in den traditionellen Berufsfeldern, die die Industriegesellschaft geprägt haben, die Kinderlosigkeit auch heute noch eher gering ausfällt." (S.9)

"Es sind vor allem die neuen Berufe im Bereich der Software-Entwicklung und der Medienindustrie, die in den letzten Jahrzehnten stark expandiert sind. Daher existiert der schlichte Zusammenhang zwischen Ausbildungsniveau und Kinderlosigkeit in der angenommenen Form nicht, vielmehr spielen die beruflichen Tätigkeiten und Tätigkeitsfelder und möglicherweise auch das berufliche Milieu eine erhebliche Rolle. So sind die Medienberufe, die eine durchschnittliche Geburtenrate von 0,8 Kindern bei den Männern haben, ähnlich wie die künstlerischen Berufe, auch geprägt durch unregelmäßige Arbeitszeiten, hohe berufliche Unsicherheit, lange Wegstrecken, lange Phasen bis zur beruflichen Etablierung und vermutlich auch durch ein Milieu, in dem Ehe und Familie als traditional und nicht zukunftsorientiert gelten. (...). Viele soziale Berufe kennen ähnliche Schwierigkeiten beim Berufseinstieg wie die Medienberufe und die ökonomische Situation ist hier bei flexiblen Diensten und Nachtdiensten sicherlich ähnlich unsicher und wird auch schlecht bezahlt. Daher können die gemeinsamen Merkmale dieser Berufe, nämlich ein hohes Maß an Flexibilität mit einer hohen Unsicherheit und einem Milieu, das bestimmten Lebensformen eher distanziert gegenübersteht, möglicherweise als Erklärungsmuster dafür dienen, dass die Berufe, die in der Wissensgesellschaft an Bedeutung gewinnen, wie Informatiker oder Gesundheitsdienstleister, sich eher durch eine hohe Kinderlosigkeit und geringe Kinderzahlen auszeichnen; das müsste im Einzelnen noch untersucht werden. Demgegenüber erleichtern die klassischen industriegesellschaftlichen Berufe in der Metallverarbeitung und Industrie, aber auch auf dem Bau oder in der Landwirtschaft sowohl vom Milieu wie aber auch von der Struktur der beruflichen Entwicklung in diesen Bereichen die Entscheidung für Kinder und Partnerschaft. Am Beispiel der Ärzte und Apotheker, die tendenziell zu den Berufsgruppen mit mehr Kindern gehören, wird deutlich, dass die Entscheidung für Kinder nicht allein von der beruflichen Qualifikation und auch nicht deren Länge abhängt, sondern vermutlich eher vom beruflichen Milieu und den Tätigkeitsfeldern beeinflusst ist.
(...).
Auch bei den Frauen führen die Berufsgruppen aus der Medienindustrie und die künstlerischen Berufe die Liste hoher Kinderlosigkeit und geringer Kinderzahlen an. Allerdings finden sich hier gleichfalls die naturwissenschaftlichen und geisteswissenschaftlichen Berufe insbesondere im akademischen Bereich, die zu hoher Kinderlosigkeit und geringen Kinderzahlen führen. Aber auch administrative Berufe, wie Abgeordnete, oder technische Berufe, wie Ingenieurinnen, oder die Arbeit bei Unternehmensberatungen führen Frauen dazu, dass sie zu 30 bis 50 Prozent kinderlos sind und entsprechend im Durchschnitt weniger als ein Kind haben. Demgegenüber gehen die Berufe in der Landwirtschaft, in der Reinigungsbranche, im Gesundheitsbereich und im Verkauf, also in den klassischen weiblichen Berufen in unserer Gesellschaft, eher mit geringer Kinderlosigkeit und hoher Kinderzahl einher. Auch hier gilt, dass diese Situation nicht allein auf die Ausbildung zurückzuführen ist, weil Lehrerinnen oder auch Ärztinnen tendenziell mehr Kinder haben als die anderen vorerwähnten Berufe." (S.10ff.)

Die Polarisierung zwischen Berufsfeldern der Industriegesellschaft und der Wissensgesellschaft befördert die Polarisierung in Eltern und Kinderlose

"Polarisierungstendenzen führen dazu, dass es zunehmend Berufsbereiche gibt, in denen das Leben mit einem Partner und das Leben mit Kindern zur Ausnahme und damit als etwas Ungewöhnliches betrachtet wird, das nicht zur eigenen Lebensführung gehört. Hier zeigt sich das dritte demographische Dilemma, dass ausgerechnet die gesellschaftlich besonders attraktiven Bereiche zunehmend von Menschen geprägt werden, die diese Form der Fürsorge für andere, der festen Bindungen und auch der damit verbundenen notwendigen Zeit entweder nur noch von den eigenen Eltern kennen oder es als etwas betrachten, das den Erfordernissen des beruflichen Lebenswegs entgegensteht." (S.51)

Anstieg des Erstgeburtsalter

"1970 lag das Erstgeburtsalter weit unter 24 Jahren, die Geburt des letzten Kindes zwischen 34 und 35 Jahren, und die Kinderlosigkeit betrug etwa 10 Prozent. 1990 lagen das Erstgeburtsalter bei etwa 27 Jahren und die Geburt des letzten Kindes bei nur noch 33 Jahren, bei einer Kinderlosigkeit von knapp 20 Prozent. In 2000 betrug das Erstgeburtsalter inzwischen etwa 29 Jahre, die Geburt des letzten Kindes lag bei etwa 33 Jahren und 33 Prozent der Frauen im Alter von 32 Jahren waren noch kinderlos. Dieser Wandel begann Anfang der siebziger Jahre, setzte sich bis 1990 fort und hat sich möglicherweise seitdem noch einmal etwas beschleunigt." (S.52)

Datenbasis

"Der Mikrozensus 2004 wurde ausgewählt, da er der letzte vor den Reformen ist. Die Wirkung der Reformen ist erst mit der Mikrozensuserhebung 2008 abschätzbar." (S.90)

"Die ältesten Frauen, die in der vorliegenden Studie betrachtet werden, sind 1961 geboren und 44 Jahre alt (...). Unsere Analyse beschränkt sich (...) auf die 1961 bis 1981 geborenen Frauen." (S.91)

     
 
       
   

Das Gutachten in Debatte

NIEJAHR, Elisabeth (2008): Die Legende von der Kinderlosigkeit.
Wenn der Staat will, dass die Zahl der Geburten zunimmt, sollte er die Großfamilien besser fördern,
in: Die ZEIT Nr.10 v. 28.02.

WEHNER, Markus (2008): Drei, vier, viele Kinder,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 05.05.

WEHNER berichtet über ein Gutachten von Hans BERTRAM über das Verschwinden der Mehrkinderfamilie:

"Anders als die öffentliche Debatte es nahelegt, ist nicht der Gebärstreik der Akademikerinnen ursächlich für die geringe Kinderzahl (...). Damit die Bevölkerungszahl nicht sinkt, braucht es 210 Kinder auf 100 Frauen. In Deutschland fehlen dafür 70 Kinder: zwanzig wegen der gestiegenen Kinderlosigkeit; die anderen 50 sind diejenigen, die früher als dritte, vierte oder weitere Kinder aufwuchsen."

Für WEHNER ist es einzig die traditionelle Familie, die die bevölkerungspolitische Bestandserhaltung garantiert:

"Eltern, die zwölf Jahre als Ehepartner zusammenleben, haben demographisch traumhafte 2,2 Kinder, wenn die Mutter zu Hause ist; bei Teilzeitarbeit der Mutter sind es noch 1,8. Die Ehe ist entscheidend, damit es (viele) Kinder gibt. Umstände, die sie fördern, wie das politisch heftig bekämpfte Ehegattensplitting, kommen in großem Maß Eltern mit Kindern zugute."

 
   

Die kinderreiche Familie in der Debatte

GEYER, Christian (2006): Das dritte Kind.
Steuer rumreißen: Fahrt gewinnen mit Familiensplitting,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 28.06.

KINDERLEBEN-Titelgeschichte: Emma ist eine Seltenheit.
Warum es kaum noch dritte Kinder gibt

KAHLWEIT, Cathrin (2007): Sind Kinder jetzt Statussymbole?
Früher waren viele Nachkommen kein Zeichen für Wohlstand. Heute gilt schon ein drittes Kind als Luxus,
in: Kinderleben, Beilage der Süddeutschen Zeitung v. 24.05.

SIEMS, Dorothea (2010): Großfamilien sind die Verlierer.
Mit dem Elterngeld will die Politik für mehr Nachwuchs sorgen. Doch ausgerechnet Familien mit vielen Kindern werden benachteiligt - und klagen jetzt in Karlsruhe,
in: Welt v. 23.11.

 
   

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Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 30. März 2008
Update: 14. November 2015