Janosch SCHOBIN glorifiziert eine angeblich positiv erfahrende Einsamkeit in den 1950er und 1960er Jahren in Deutschland. Damals soll man noch in Würde einsam gewesen sein:

"In der Nachkriegszeit traf die Einsamkeit diejenigen, die ihre Familienangehörigen und Freunde in den Konzentrationslagern, auf den Schlachtfeldern, im Bombenhagel oder in den Nachkriegswirren verloren hatten: also potenziell alle. Vereinsamung gehörte zum kollektiven Schicksal einer gescheiterten Gesellschaft. Das Wirtschaftswunder und die darauf folgenden Wohlstandsjahre brachten hingegen eine prädestinierte Trägergruppe der Einsamkeit hervor: die Aufsteiger und ihre Familien"

Es handelt sich dabei um eine Heroisierung des Aufsteigertums der 68er-Generation im Nachhinein, das eher eine sehr kleine Gruppe betraf, die sich jedoch medial herausragend inszenierte. Die Normalität des Aufsteigers dagegen hat mit diesem inszenierten männlichen Heroentum nichts zu tun.

"Das Selbstverständnis von der geopferten Generation trägt in den Jahrgängen geringer Geburtenzahlen und kleiner Aussichten nicht mehr weit",

doziert SCHOBIN. Hier wird den geburtenstarken Jahrgängen ein Selbstverständnis untergeschoben, das nicht existiert. Die Babyboomer eine geopferte Generation? Schön wäre es, denn dann würde die reaktionäre Rhetorik unserer Eliten nicht verfangen, sondern es gäbe einen Aufschrei der Empörung angesichts der gegenwärtigen bevölkerungspolitischen Medienkampagne.

Die Soziologisierung der Einsamkeit wie sie hier propagiert wird, passt zur Umdeutung der Einsamkeit der letzten Jahre, in denen das unternehmerische Selbst im Mittelpunkt steht.

"Das Gefühl des Einsamseins häuft sich mittlerweile in einer disparaten Gruppe von Menschen, die sich nicht so recht zusammenbringen lassen: bei den Alten, Erwerbslosen und Alleinstehenden",

berichtet SCHOBIN. Und das soll in der Nachkriegszeit anders gewesen sein? Man spürt hier eine gewaltige Sehnsucht nach Verklärung, die sehr viel mit dem Ideal des unternehmerischen Selbst und der Inszenierung der neuen Bürgerlichkeit der Generation Berlin zu tun hat.