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Kerstin Ruckdeschel: Kinderwünsche in Deutschland

 
       
     
       
     
       
   

Kerstin Ruckdeschel in ihrer eigenen Schreibe

 
   

SCHNEIDER, Norbert F. & Kerstin RUCKDESCHEL (2003): Partnerschaften mit zwei Haushalten. Eine moderne Lebensform zwischen Partnerschaftsideal und beruflichen Erfordernissen. In: Walter Bien & Jan H. Marbach (Hrsg.): Partnerschaft und Familiengründung. Ergebnisse der dritten Welle des Familien-Survey. Opladen: Leske + Budrich, S. 245-259

RUCKDESCHEL, Kerstin (2004): Determinanten des Kinderwunsches in Deutschland.
In: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Heft 3-4, S. 363-386

DORBRITZ, Jürgen/LENGERER, Andrea/RUCKDESCHEL, Kerstin (2005): Einstellungen zu demographischen Trends und zu bevölkerungsrelevanten Politiken. Ergebnisse der Population Policy Acceptance Study in Deutschland. Wiesbaden: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung

HÖHN, Charlotte/ETTE, Andreas/RUCKDESCHEL, Kerstin (2006): Kinderwünsche in Deutschland. Konsequenzen für eine nachhaltige Familienpolitik. Stuttgart: Robert-Bosch-Stiftung

RUCKDESCHEL, Kerstin (2007): Der Kinderwunsch von Kinderlosen.
In: Zeitschrift für Familienforschung, Heft 2, S. 210-230

DORBRITZ, Jürgen; & Kerstin RUCKDESCHEL (2007): Kinderlosigkeit in Deutschland. Ein europäischer Sonderweg? Daten, Trends und Gründe. In: Dirk Konietzka & Michaela Kreyenfeld (Hrsg.): Ein Leben ohne Kinder. Kinderlosigkeit in Deutschland, Wiesbaden: VS Verlag, S. 45-81

Neu:
RUCKDESCHEL, Kerstin (2009): Rabenmutter contra Mère Poule.
Kinderwunsch und Mutterbild im deutsch-französischen Vergleich.
In: Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Heft 1-2, S. 105-134

In den deutschen Medien wird Frankreich gerne als Vorbild gepriesen, nicht nur weil dort die strukturellen Rahmenbedingungen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie besser seien, sondern auch weil das Mutterbild einer Berufstätigkeit weniger im Wege ist:

"Zu denken ist hier an das gängige Argument, dass der Ausdruck »Rabenmutter« in Deutschland unbekannt sei und dessen Stelle dagegen von der »Mère poule«, der »Mutterglucke, die ihre Kinder nicht loslassen will« eingenommen würde". (S.106)

Kerstin RUCKDESCHEL geht deshalb diesen Unterschieden nach. Existieren sie tatsächlich oder sind sie lediglich Ausdruck nationaler Klischees?

Bereits die Vergleichbarkeit der länderspezifischen Daten ist oftmals nicht gegeben. Es zeigt sich, dass Frankreich im Vergleich zu Skandinavien alles andere als ein Hort der Doppelkarriere-Paare ist, wie er gerne dargestellt wird (z.B. von Martina MEISTER oder Barbara VINKEN):

"Als Erwerbstätigkeit wird im internationalen Vergleich eine bezahlte Beschäftigung von mindestens einer Stunde pro Woche definiert, eingeschlossen vorübergehende Beurlaubungen von mehr als drei Monaten, d.h. in manchen Fällen auch Elternzeit. Müttererwerbstätigkeit ist demnach der Anteil der in diesem Sinne erwerbstätigen Mütter an allen Müttern (...). Aus diesem Grunde macht es Sinn, zusätzlich den Anteil der aktiv erwerbstätigen Mütter zu vergleichen, in Frankreich waren nach Angaben der OECD (...) im Jahr 2006 47% aller Mütter mit mindestens einem Kind unter 3 Jahren aktiv erwerbstätig, in Deutschland dagegen nur 32 %. Gleichzeitig erreicht die Müttererwerbstätigkeit in Frankreich aber keine Dimensionen wie z.B. in den skandinavischen Ländern, was die spezielle Situation in Frankreich, mit einem hohen Anteil an Doppelverdiener-Paaren und einem gleichzeitig relativ starken Aufkommen der traditionellen Hausfrauenehe (...) nochmals verdeutlicht." (S.109)

Zum anderen ist Deutschland ein gespaltenes Land, d.h. es bestehen große Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland hinsichtlich der Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Problematisch ist, dass die Untersuchung von RUCKDESCHEL auf Kinderwünschen beruht, deren Stabilität nicht gegeben ist. Es handelt sich sogar nur um eine Querschnittsuntersuchung, was den Wert der Untersuchung stark beeinträchtigt.

Was aber bedeutsam ist und selten erwähnt wird, ist, dass nämlich das Gebäralter in Frankreich keineswegs niedriger ist als in Deutschland. Nicht das Rabenmutterargument wäre dann ausschlaggebend, sondern die weit verbreitete Kritik an später Mutterschaft:

"Das durchschnittliche Erstgeburtsalter in Frankreich ist ähnlich hoch wie in Deutschland, es bleiben aber wesentlich weniger Menschen ihr Leben lang kinderlos und die Mehrheit der Franzosen hat mindestens zwei Kinder (...). Die Folge ist, dass gerade in der Altersgruppe ab 30 Jahre Familiengründungen entsprechend häufig sein müssen (...). Während sich (...) in Deutschland Frauen relativ bald bereits zu alt für Kinder zu fühlen scheinen, scheinen die Altersnormen in Bezug auf ein Höchstalter in Frankreich wesentlich breiter zu sein." (S.123f.)

Der Versuch in Deutschland das Erstgebäralter - durch Moralisierung und Frühgebärrhetorik - zu senken, könnte sich also als kontraproduktiv erweisen. Die Debatte um reproduktionstechnologische Verfahren zeigt, dass Altersgrenzen auch per Gesetz niedrig gehalten werden.

Den Unterschied im Mutterbild sieht RUCKDESCHEL weniger in einem simplen Gegensatz zwischen Frankreich (berufstätige Mutter als Vorbild) und Deutschland (Hausfrau als Vorbild), sondern darin, dass in Frankreich sowohl die berufstätige Mutter als auch die Hausfrau gesellschaftliche anerkannt ist, während in (West-)Deutschland (noch) das Hausfrauenideal vorherrscht.

Die Untersuchung stammt jedoch aus dem Jahr 2005, d.h. vor Einführung des Elterngeldes, dem Ausbau der Kinderbetreuung und der Einführung des Betreuungsgeldes.

RUCKDESCHEL, Kerstin & Robert NADERI (2009): Fertilität von Männern.
Kinderwunsch und Mutterbild im deutsch-französischen Vergleich.
In: Bevölkerungsforschung Aktuell, Heft 4, S. 2-9 v. 13.11.
 

 
       
   

Kerstin Ruckdeschel im Gespräch

 
   
fehlt noch
 
       
   

Der Kinderwunsch von Kinderlosen (2007).
In: Zeitschrift für Familienforschung, Heft 2, S.210-230

 
   
     
 

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Forschungsstand

Kinderlosigkeit in Deutschland
Subjektive Gründe für und gegen eine Elternschaft
Zur Validität der Kinderwunschfrage

Datenbasis und Methode

Daten
Zur Definition des Kinderwunsches
Deskriptive Auswertungen
Multivariate Auswertungen

Ergebnisse

Kinderlosigkeit nach Alter
Soziodemographische Charakterisierung von Kinderlosen mit Kinderwunsch
Ausprägung und Umfang des Kinderwunsches von Kinderlosen
Einflussfaktoren auf den Kinderwunsch von Kinderlosen
Gründe gegen Kinder

Diskussion

Zitate:

Heterogenität der Gruppe der Kinderlosen

"Die Kinderlosen (...) stellen eine sehr heterogene Gruppe dar, die nach den Ursachen der Kinderlosigkeit weiter ausdifferenziert werden muss, wobei die Grenzen nicht immer klar abgrenzbar sind. Schneewind schlägt vor, bei lebenslang Kinderlosen zwischen drei Gruppen zu unterscheiden: a) bewusst Kinderlosen, b) Kinderlosen mit Kinderwunsch, der aus gesundheitlichen Gründen nicht erfüllt werden konnte und c) Kinderlosen mit Kinderwunsch, der aber solange aufgeschoben wurde, bis er aus biologischen Gründen nicht mehr erfüllt werden konnte (Schneewind 1995, 458). Dabei muss der Kinderwunsch keine Konstante im individuellen Lebenslauf sein, sondern kann sich je nach Gegebenheiten ändern. Carl weist auf das breite Kontinuum zwischen bewusster Kinderlosigkeit und lebenslang unerfülltem Kinderwunsch hin, in dem der »Kinderwunsch im Laufe des Lebens variiert und damit als Prozess zu begreifen ist«" (2007, S.211f.)

Der Kinderwunsch als Indikator

"Aufgrund der doppelten Abhängigkeit des Kinderwunsches von externen Rahmenbedingungen und individuellen Lebensumständen sowohl beim Wunsch als auch bei der Realisierung, kann der Kinderwunsch nur beschränkt als Prädiktor zukünftiger Geburtenzahlen herangezogen werden, d.h. nur unter der hypothetischen Annahme konstanter Rahmenbedingungen und stabiler individueller Einstellungen und Lebensumstände. Versteht man den Kinderwunsch aber als rein situativen Indikator, dann ermöglicht er eine Einschätzung der grundsätzlichen Bereitschaft unter den gegebenen Bedingungen Kinder zu bekommen. Der Zusammenhang von Kinderwunsch und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen erlaubt außerdem, zumindest vorsichtige Rückschlüsse auf die Rolle einzelner Faktoren beim Übergang vom Kinderwunsch zur Elternschaft zu ziehen." (2007, S.214)

Datenbasis

"Die empirischen Analysen beruhen auf der Population Policy Acceptance Study (PPAS), die von März bis Juni 2003 im Auftrag des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (...) erhoben wurde." (2007, S.214)

Ausschluss der 40-44jährigen Kinderlosen aus der Betrachtung

"Bis zum Alter 30 oder 35 scheint ein Großteil an vorhandenen Kinderwünschen realisiert zu werden, so dass ein Selektionsprozess eintritt und in den höheren Altersstufen vermehrt kinderlose Männer und Frauen ohne oder mit aufgegebenem Kinderwunsch übrig bleiben. Interessant ist schließlich, dass in der Altersgruppe 40 bis 44 der Anteil der Befragten mit Kinderwunsch im Osten unter den im Westen fällt. Der Kinderwunsch ist in dieser speziellen Altersgruppe wegen der niedrigen Wahrscheinlichkeit einer Verwirklichung als besonders kritisch zu bewerten. Eine vertiefte Analyse müsste diese Gruppe eingehender charakterisieren und die Gründe des langen Hinausschiebens der Realisierung oder der späten Entstehung des Kinderwunsches untersuchen. Aufgrund dieser anderen Qualität des Kinderwunsches bedarf diese Gruppe einer gesonderten Betrachtung, die wegen der geringen Fallzahlen, vor allem in der ostdeutschen Stichprobe, aber nicht möglich ist. Aus den folgenden Auswertungen wird diese Altersgruppe deshalb ausgeschlossen. Der Vergleich von Kinderlosen mit und ohne Kinderwunsch beschränkt sich also auf die Altersgruppen von 20 bis 39 Jahren." (2007, S.218)

Die Lebensformen der Kinderlosen

Tabelle: Lebensform der 1964 - 1983 geborenen, kinderlosen Männer und Frauen in Deutschland
  West Ost
  20-29 Jahre 30-39 Jahre 20-29 Jahre 30-39 Jahre
Alleinlebend 53 % 47 % 55 % 54 %
Ehe 4 % 21 % (3 %) 9 %
NELG 16 % 21 % 23 % 24 %
LAT 27 % 20 % 19 % 13 %
NELG = unverheiratet Zusammenlebende; LAT = Partnerschaft mit getrennten Haushalten; Alleinlebend = Partnerlose ( ) = Zellbesetzung n < 10
Quelle: Ruckdeschel 2007, Tabelle 3, S.220

Gewünschte Kinderzahl der Kinderlosen

"Differenzierter betrachtet zeigt sich in den alten Bundesländern eine deutliche Polarisierung beim Kinderwunsch: Entweder die Befragten möchten kein Kind bzw. sind sich unsicher oder sie wollen zwei Kinder" (2007, S.220)

Tabelle: Kinderwunsch der 1964 - 1983 geborenen, kinderlosen Männer und Frauen in Westdeutschland
  20-24 Jahre 25-29 Jahre 30-34 Jahre 35-39 Jahre
kein Kind 16 % 26 % 32 % 53 %
unsicher 26 % 18 % 35 % 27 %
ein Kind 5 % (6 %) (6 %) (8 %)
zwei Kinder 40 % 41 % 41 % (2 %)
drei & mehr Kinder 13 % 9 % 9 % ( - )
( ) = Zellbesetzung n < 10
Quelle: Ruckdeschel 2007, Tabelle 4, S.221
Tabelle: Kinderwunsch der 1964 - 1983 geborenen, kinderlosen Männer und Frauen in Ostdeutschland
  20-24 Jahre 25-29 Jahre 30-34 Jahre 35-39 Jahre
kein Kind 10 % 19 % 31 % 35 %
unsicher 22 % 15 % 32 % 35 %
ein Kind 10 % 15 % 17 % (16 %)
zwei Kinder 52 % 40 % 20 % 13 %
drei & mehr Kinder 6 % 11 % ( - ) ( 1 % )
( ) = Zellbesetzung n < 10
Quelle: Ruckdeschel 2007, Tabelle 4, S.221

Kinder stehen dem Wohlstand nicht im Wege

"Als über alle Gruppen nicht signifikant hat sich der Faktor Wohlstand erwiesen. Es scheint also nicht so zu sein, dass Kinderlose ohne Kinderwunsch mehr Wert auf ein hohes Einkommen, eine große Wohnung, ausreichend Urlaub oder eine erfolgreiche berufliche Karriere legen und befürchten, dass Kinder dem im Wege stehen könnten." (2007, S.224)

 
     
 
       
   

Beitrag von single-generation.de zum Thema

Ein Leben ohne Kinder - Ein von Michaela Kreyenfeld & Dirk Konietzka herausgegebener Sammelband fasst erstmals den sozialwissenschaftlichen Stand zur Kinderlosigkeit in Deutschland zusammen

 
       
   

Kinderwünsche in Deutschland (2006).
Konsequenzen für eine nachhaltige Familienpolitik
(zusammen mit Charlotte Höhn & Andreas Ette)
Stuttgart: Robert-Bosch-Stiftung

 
   
     
 

Inhaltsverzeichnis

Vorwort
1 Die neuen Aufgaben der Familienpolitik
2 Familie oder Kinderlosigkeit – was die Deutschen sich wünschen
3 Das Für und Wider von Kindern
4 Welche Unterstützung die Menschen erwarten
5 Das Wirkungspotential der Familienpolitik
6 Konsequenzen für die Familienpolitik

Zitate:

Anvisierte Kinderzahl pro Frau

"Experten halten eine zusammengefaßte Geburtenziffer von 1,7 Geburten je Frau in Deutschland für wünschenswert (Bomsdorf 2005), um die sozialen und wirtschaftlichen Errungenschaften unserer Gesellschaft an die nächsten Generationen weitergeben zu können. Auch das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung teilt diese Ansicht. Spürbare Änderungen des Geburtenniveaus von aktuell 1,37 sind allerdings erst zu erwarten, wenn die Rahmenbedingungen für ein Leben mit Kindern günstiger werden." (2006, S.15)

Kinderlose Frauen des Geburtsjahrgangs 1955 im europäischen Vergleich

"Vergleicht man die Frauen des Jahrgangs 1955 aus verschiedenen europäischen Ländern miteinander, liegt Deutschland auch hier auf dem letzten Platz: Jede fünfte Frau bei uns ist kinderlos (Abbildung 3)." (2006, S.18)

Quelle: Höhn/Ette/Ruschdeckel 2006, S.19

Kritik der Abbildung: Als Quelle für den Frauenjahrgang 1955 wird DORBRITZ 2005 angegeben. Dort wird jedoch eine Spannweite von 18,3 - 21,9 % angegeben, d.h. es wurde der höchste Anteil an Kinderlosen ausgewählt:

"Die Angaben zur Kinderlosigkeit für den Jahrgang 1955 liegen in einem Bereich von 21,9 % (Birg/Flöthmann) über 19,1 % (BIB) bis 18,3 & (Sobotka)" (DORBRITZ 2005, S.365)

Wunsch nach Kinderlosigkeit

"Neben dem Kinderwunsch steht in wachsendem Maße der Wunsch nach Kinderlosigkeit. Besonders die Männer stellen sich immer häufiger auf ein Leben ohne eigene Kinder ein: Insgesamt 23 Prozent sagten 2003 in einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung, daß sie sich keine Kinder wünschen, in Westdeutschland waren es sogar 27 Prozent gegenüber 21 Prozent im Osten. Dagegen wünschten sich 15 Prozent aller Frauen keine Kinder. Hier war der Ost-West-Unterschied noch sehr viel ausgeprägter: 17 Prozent der westdeutschen Frauen wollten keine Kinder, aber nur sechs Prozent der ostdeutschen (BiB & Robert Bosch Stiftung 2005, S. 10; Dorbritz et al. 2005, S. 36). Da eine Entscheidung gegen Kinder meistens nicht mehr verändert wird (Ruckdeschel 2004, S. 365), müssen diese Zahlen beunruhigen.
(...).
Dazu kommt, daß Kinderwünsche von Frauen bekanntlich nicht beliebig lang auf ihre Erfüllung warten können: So sagen in der vorliegenden Befragung von den bisher kinderlosen Frauen im Alter zwischen 20 und 29 Jahren ein Drittel (33 Prozent), daß sie auch weiterhin kinderlos bleiben wollen. Bei den 30- bis 39jährigen erhöht sich dieser Anteil schon auf 64 Prozent, und in der Altersgruppe der 40- bis 49jährigen wollen 96 Prozent der Frauen, die bis zu diesem Zeitpunkt kinderlos geblieben sind, endgültig kein Kind mehr. Diese Zunahme erklärt sich aus dem Altersanstieg der Frauen, der auf Dauer zu einem Lebensstil führt, zu dem Kinder nicht mehr passen. Dorbritz und Schwarz (1996) unterscheiden dabei zwei Milieus der Kinderlosigkeit: Im »Milieu der konkurrierenden Optionen«, das in unteren Einkommensschichten angesiedelt ist, würden Kinder den Konsumstandard zu sehr einschränken (ebd., S. 243). Im »Karriere-Milieu« stehen Kinder einer ausgeprägten Berufsorientierung von höher gebildeten Frauen gegenüber, die zusammen mit ungenügenden Möglichkeiten zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu einer bewußten Entscheidung gegen Kinder führen (ebd., S. 246)." (2006, S.20)

Die Kinderlosigkeit der Akademikerinnen

"Zudem sprechen mit steigendem Alter auch gesundheitliche Gründe gegen eine Geburt.
Das trifft besonders die Frauen in Westdeutschland mit höherer formaler Bildung: Im Jahr 2004 waren 33 Prozent der 37- bis 40jährigen Frauen mit Hochschulreife kinderlos und 43 Prozent der Akademikerinnen. Bei den Frauen mit Mittlerer Reife oder Hauptschulabschluß waren es in dieser Altersgruppe 28 bzw. 25 Prozent. Insgesamt waren 30 Prozent der 37- bis 40jährigen Frauen in Westdeutschland und 22 Prozent der ostdeutschen Frauen dieses Alters 2004 kinderlos (Duschek & Wirth 2005, S. 812). Der niedrige Anteil kinderloser Frauen in den neuen Bundesländern ist darauf zurückzuführen, daß Mütter in der ehemaligen DDR deutlich jünger waren und daß das Geburtenniveau insgesamt höher lag als in der früheren Bundesrepublik." (2006, S.20)

Kritik: Die hohe Kinderlosigkeit der Akademikerinnen von 43 % ist zum einen der zu niedrigen Altersgruppe und zum anderen der Gleichsetzung mit Universitätsabsolventinnen (Vernachlässigung der Frauen mit Fachhochschulabschluss) geschuldet. Die Kinderlosigkeit der Akademikerinnen liegt bei 30 %. (siehe SCHAREIN & UNGER 2005; SCHAREIN 2011)

Kinderwunsch

"Insgesamt haben sich 36 Prozent der Kinderlosen definitiv gegen Kinder entschieden, und 85 Prozent der Eltern haben nach eigener Aussage bereits so viele Kinder wie sie wollen, so daß sich die Kinderfrage nicht mehr stellt." (2006, S.31)

Kritik: Der Aussage kann keine Datenbasis zugeordnet werden

Kinderlosigkeit und Geburtenrate

"Der Rückgang der Geburtenziffer in Deutschland läßt sich durch die hohe Kinderlosigkeit und die geringer werdende Zahl von Familien mit drei oder mehr Kindern erklären. Die Familienpolitik sollte also die Geburt eines ersten Kindes genauso fördern wie die Geburt von Geschwisterkindern. Die Konzentration auf Leistungen für ein erstes Kind – in der Hoffnung, daß danach weitere Kinder quasi automatisch folgen – ist nicht erfolgversprechend. Stattdessen müssen Familien in ihren unterschiedlichen Lebensvorstellungen und Lebensphasen gleichermaßen unterstützt werden." (2006, S.65)

Datenbasis: Generations and Gender Survey (GGS - Generationenbeziehungen und Geschlechterrollen)

"Die Befragung in Deutschland wurde im Zeitraum vom Februar bis Mai 2005 von TNS Infratest (München) durchgeführt. Realisiert werden konnten 10 017 auswertbare Interviews, davon 7 760 in den alten und 2 257 in den neuen Bundesländern. Zielgruppe waren die 18- bis 79jährigen Deutschen beiderlei Geschlechts in Privathaushalten. In den Altersstufen von 20 bis 49 Jahren wurden insgesamt 5 505 Personen befragt." (2006, S.80)

 
     
 
       
   

Beitrag von single-generation.de zum Thema

Ein Leben ohne Kinder - Ein von Michaela Kreyenfeld & Dirk Konietzka herausgegebener Sammelband fasst erstmals den sozialwissenschaftlichen Stand zur Kinderlosigkeit in Deutschland zusammen

 
       
   

Einstellungen zu demographischen Trends und zu bevölkerungsrelevanten Politiken (2005).
Ergebnisse der Population Policy Acceptance Study in Deutschland
(zusammen mit Jürgen Dorbritz & Andrea Lengerer)
Wiesbaden: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung

 
   
     
 

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Sorgen über den demographischen Wandel - Hauptergebnisse
2. Das Wissen über die demographischen Trends
3. Wie werden die aktuellen demographischen Trends bewertet?
4. Altern: Gesellschaftliche Tatsache und individuelles Schicksal
5. Die Solidarität zwischen den Generationen
6. Wonach streben wir? - Wertorientierungen
7. Einstellungen zu Ehe, Familie und anderen Lebensformen
8. Eine Familie gründen oder kinderlos bleiben?
9. Erwartungen an die Familienpolitik
10. Das Vereinbaren von Familie und Beruf
11. Geschlechterrollen
12. Ausländische Bevölkerung, Migration, Integration
13. Demographischer Wandel: Wo wird die Regierung in der Verantwortung gesehen?
14. Konzept und Methodik der deutschen Population Policy Acceptance Study

Zitate und Kritik:

Stichprobe der Befragung

18-65 Jährige mit deutscher Staatsangehörigkeit in Privathaushalten

Gesellschaftliches Klima im Vorfeld der Befragung, die zwischen März und Juni 2003 stattfand

"In der Zeit, in der die vorliegende Befragung stattgefunden hat (1. Hälfte 2003), aber auch schon davor, wurde in den Medien und in den politischen Debatten häufig auf die demographischen Trends in Deutschland Bezug genommen. Die niedrige Geburtenhäufigkeit ist schon seit längerem in den Medien präsent. Mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Pflegeversicherung ist die Kinderlosigkeit stärker in das Blickfeld gerückt. Die Diskussionen um die Rentenversicherung haben auf das Altern der Bevölkerung und damit die steigenden Anteile älterer Menschen aufmerksam gemacht. Nicht zuletzt ist mit den Auseinandersetzungen um das Einwanderungsland Deutschland und das nun verabschiedete Zuwanderungsgesetz das Augenmerk auf die Zuwanderung und den Anteil der ausländischen Bevölkerung in Deutschland gelenkt worden. Demographische Themen waren und sind in den Medien präsent" (2005, S.12)

Gewollte Kinderlosigkeit

"Das besondere Ergebnis der vorliegenden Befragung besteht in der Erkenntnis, dass die Zahlen zum Kinderwunsch zunehmend durch gewollte Kinderlosigkeit geprägt wird. 20 % der Befragten in der relevanten Altersgruppe haben freimütig in unserer Umfrage bekannt, keine Kinder zu wollen. Und von den 20- bis 39- Jährigen, die noch keine Kinder hatten, wollten immerhin 36 % auch keine Kinder mehr haben. Bislang sind hier die Einstellungen der Frauen beschrieben worden. Männer wünschen sich noch weniger Kinder und würden gern häufiger kinderlos bleiben. Hiermit haben wir eines der wichtigen Ergebnisse unserer Studie vorgestellt: In Deutschland hat sich das Ideal der freiwilligen Kinderlosigkeit ausgebreitet." (2005, S.5)

"Die deutliche Orientierung auf Kinderlosigkeit ist aus Kinderwunschforschungen in diesem Ausmaß bisher nicht bekannt und zeigt, dass bereits im Wunsch nach Kindern eine Polarisierung angelegt ist, also eine Vorentscheidung zwischen Kinderhaben und kinderlos bleiben, getroffen wird. Dies gilt als ein Indiz der Ausbreitung freiwilliger Kinderlosigkeit.
(...).
Ein noch deutlicheres Bild über den niedrigen Kinderwunsch ergibt sich, wenn man nur die Aussagen der Kinderlosen im Alter zwischen 20 und 39 Jahren betrachtet. Sie wünschen sich im Durchschnitt nur 1,3 Kinder. 36 % der Kinderlosen wollen auch kinderlos bleiben. 10 % möchten ein Kind, 43 % hätte gern 2 Kinder und 8 % möchten 3 Kinder. Ein beachtlicher Teil der Befragten in dieser Altersgruppe (27 %) hat noch keine Vorstellung über die zukünftige Kinderzahl. Auch in dieser Gruppe ist die Orientierung auf die Zwei-Kind-Familie erkennbar." (2005, S.37)

Kritik: Die Anteile der Kinderlosen werden von DORBRITZ/LENGERER/RUCKDESCHEL nicht nach differenzierten Altersgruppen ausgewiesen, d.h. die "freiwillige Kinderlosigkeit" bezieht sich nur auf die aktuelle Lebenssituation, die sich jedoch ändern kann. Die mögliche Änderung des Kinderwunsches im weiteren Lebensverlauf wird ignoriert.

Kinderlosigkeit und Geburtenrate

"Kinderlosigkeit ist zumindest in Westdeutschland inzwischen zu einem Massenphänomen geworden und ist damit auch für die niedrige Geburtenhäufigkeit verantwortlich. In diesem Kontext ist es von Interesse zu wissen, warum Kinderlose keine Kinder wollen. Auch von ihnen wurden das Fehlen eines geeigneten Partners und die Sorgen über die Zukunft des Kindes an erster Stelle genannt. Bei ihnen spielen dann aber die Beibehaltung des Lebensstandards, das Argument, das Leben nicht mehr so genießen zu können und die hohen Kinderkosten eine viel größere Rolle als im Durchschnitt der Befragten." (2005, S.38f.)

Kritik: Die niedrige Geburtenrate ist weniger von der lebenslangen Kinderlosigkeit, sondern in erster Linie vom Rückgang der Mehrkinderfamilie verursacht.

Kinderlosigkeit und Rentenfinanzierung

"Alterung und die daraus resultierende Gefährdung des Rentensystems sind als Problem erkannt worden. Eindeutige Meinungen, wie dem Problem begegnet werden kann, bestehen ebenfalls. Dabei ist die Abschaffung der Frühverrentungsprogramme der eindeutige Favorit unter den Maßnahmen. Akzeptiert wird auch die engere Koppelung von Rentenhöhe und Kinderzahl und die Anhebung des Rentenalters. Nicht übersehen werden sollte allerdings, dass es in der Bevölkerung einen beachtlichen Teil gibt, der eine Umgestaltung des Systems der Rentenfinanzierung nicht akzeptiert." (2005, S.9)

Tabelle: Ranfolge der Maßnahmen zur Sicherung der Finanzierung des Rentensystems (Auswahl der wichtigsten Maßnahmen (in %); nur eine Antwort möglich)
Maßnahmen Deutschland
1. Frühverrentungsprogramme abschaffen 27,5 %
2. Keine der genannten Maßnahmen ist akzeptabel 18,1 %
3. Die Rentenhöhe von der Anzahl der Kinder abhängig machen 17,0 %
4. Anhebung des Rentenalters 12,3 %
5. Erhöhung der Steuern oder Sozialversicherungsbeiträge vom monatlichen Einkommen 9,8 %
6. Verringerung der Höhe der monatlichen Renten 7,2 %
7. Bestimmte gesellschaftliche Gruppen belasten 2,8 %
8. Die Kinder zwingen, ihre alten Eltern finanziell zu unterstützen 2,2 %
9. Mehr private Vorsorge 1,9 %
10. Abbau der Arbeitslosigkeit 0,6 %
11. Renten nur für Einzahler 0,4 %
12. Andere Möglichkeiten 0,1 %
Quelle: Dorbritz/Lengerer/Ruschdeckel 2005, Tabelle 5, S.21

Kritik der Rangfolge: Weder werden die Befürworter von Maßnahmen nach Alter, Geschlecht, noch nach Kinderzahl bzw. alten und neuen Bundesländern differenziert. "Die Kinder zwingen, ihre alten Eltern finanziell zu unterstützen" ist eine Suggestivfrage, die eine Ablehnung geradezu provoziert. Die hohe Zustimmung zur Rente nach Kinderzahl ist vor allem der medialen Debatte zum Zeitpunkt der Befragung (März - Juni 2003) geschuldet. Die Ableitung akzeptabler Maßnahmen aus dieser Rangfolge ist deshalb mehr als fragwürdig.

"Relevante Unterschiede zeigen sich dabei erwartungsgemäß bei der getrennten Betrachtung von Personen mit und ohne Kinder. Personen mit Kindern befürworten die Abhängigkeit der Rentenhöhe von der Anzahl der Kinder zu 20,9 %, während Personen ohne Kinder dies nur zu 10,4 % tun. Kinderlose bevorzugen statt dessen neben der Abschaffung der Frühverrentung und der Ablehnung aller Maßnahmen die Anhebung des Rentenalters (16,4 %; Personen mit Kindern 9,8 %)." (2005, S.22)

"Die Befragten mit weniger als 25 % des Durchschnittseinkommens und diejenigen mit mehr als 75 % wurden in die Einkommensgruppen „niedrig” (weniger als 1.500 Euro) respektive „hoch” (mehr als 4.000 Euro) eingeteilt. Differenziert man nun die Akzeptanz der vorgeschlagenen Maßnahmen nach diesen Einkommensgruppen, dann zeigt sich ein Zusammenhang zwischen Einkommenshöhe und Akzeptanz. Während in der niedrigsten Einkommensgruppe die Ablehnung aller Maßnahmen mit 22,8 % an zweiter Stelle steht, findet sie sich in der mittleren Einkommensklasse auf Rang 3 (16,0 %) und in der höchsten Einkommensklasse erst auf Rang 6 (6,5 %)." (2005, S.22)

Kritik der Betrachtung der Rangfolge nach gesellschaftlich relevanten Gruppen: Eine Differenzierung nach Geschlecht und Alter fehlt auch hier.

"Hier wurden verschiedene Möglichkeiten zur Diskussion gestellt, wie der Staat die Finanzierung des Rentensystems sichern könnte. Drei Maßnahmen haben sich hier als besonders akzeptabel herauskristallisiert: Erstens das Abschaffen von Frühverrentungsprogrammen, zweitens die Rentenhöhe von der Kinderzahl abhängig machen, also insbesondere Kinderlosen die Renten kürzen und eine Anhebung des Rentenalters. Beachtet werden sollte aber auch, dass 18 % der Befragten die Auffassung vertraten, dass keine der vorgegebenen Maßnahmen akzeptabel ist." (2005, S.56f.)

Geschätzte Geburtenrate und Kinderlosigkeit des Frauenjahrgangs 1965/1967

"Der Geburtsjahrgang 1967 wird im Durchschnitt nur noch 1,4 Kinder zur Welt bringen. Der Geburtsjahrgang 1930 hatte noch 2,2 Kinder. Letztmalig war im Geburtsjahrgang 1880 die Kindergeneration zahlenmäßig stärker als die Elterngeneration. Dies ist eine der Ursachen für das Altern der Bevölkerung. Für die jüngeren in den 1960er Jahren geborenen Frauen kommt eine wachsende Kinderlosigkeit hinzu. Der Geburtsjahrgang 1967 in Westdeutschland könnte zu etwa 30 % kinderlos bleiben. In Ostdeutschland ist Kinderlosigkeit niedriger." (2005, S.15)

"Anteil kinderloser Frauen erheblich angestiegen (Geburtsjahrgang 1940: 10,5 %; 1965: 26,5 %). Es ist in den jüngeren Geburtsjahrgängen eine Dominanz der Zwei- Kind-Familie bei hoher Kinderlosigkeit eingetreten, womit eine Polarisierung zwischen Familien und unverheirateten Kinderlosen entstanden ist." (2005, S.35)

Der Kinderwunsch der 1964-1983 geborenen Frauen und Männer

"Kinder und Familie werden nach wie vor gewünscht. Ca. 80 % der Befragten im Alter zwischen 20 und 39 Jahren wollen Kinder haben oder leben bereits mit Kindern zusammen. Das ist ein Ergebnis, das bereits aus vielen Forschungen zum Kinderwunsch bekannt ist. Als neu ist die Erkenntnis einzustufen, dass immer weniger Kinder gewünscht werden. Frauen wollen im Durchschnitt 1,74 und Männer 1,57 Kinder haben. West-Ost-Unterschiede sind im Durchschnitt kaum noch anzutreffen. Der Kinderwunsch der Frauen ist im Osten mit 1,78 Kindern (Westen: 1,73) etwas höher und bei den Männern mit 1,46. Kindern (Westen: 1,59) etwas niedriger. Es sind also vor allen Dingen die Männer, die ihren Kinderwunsch deutlich reduziert haben." (2005, S.36)

Kritik: Die Anzahl der Personen mit unsicherem Kinderwunsch werden nicht ausgewiesen.

Tabelle: Zahl der gewünschten Kinder der 1964 - 1983 geborenen, kinderlosen Männer und Frauen (20-39 Jährige) in Deutschland
Kinderzahl West Ost
  Frauen Männer Frauen Männer
keine Kinder 16,6 % 27,2 % 5,8 % 21,1 %
ein Kind 14,5 % 13,0 % 28,7 % 24,2 %
zwei Kinder 53,7 % 40,0 % 50,6 % 45,0 %
drei Kinder 11,6 % 16,2 % 11,6 % 7,6 %
vier und mehr 3,7 % 3,5 % 3,3 % 2,0 %
Durchschnittliche Kinderzahl 1,73 1,59 1,78 1,46
Quelle: Dorbritz/Lengerer/Ruschdeckel 2005, Tabelle, S.36
 
     
 
       
   

Beitrag von single-generation.de zum Thema

Ein Leben ohne Kinder - Ein von Michaela Kreyenfeld & Dirk Konietzka herausgegebener Sammelband fasst erstmals den sozialwissenschaftlichen Stand zur Kinderlosigkeit in Deutschland zusammen

 
   

Der Kinderwunsch von Kinderlosen in der Debatte

CHRISTMANN, Karin (2011): Alles Hedonistinnen.
Kinderlosigkeit: Eine neue Front im Demografiekonflikt verläuft mitten durchs heimische Doppelbett: Männer wünschen sich häufiger Kinder als Frauen. Als Verbündeter bleibt der kinderlosen Frau nur einer - ihr Chef,
in:
Tagesspiegel v. 15.02.

Karin CHRISTMANN macht mittels einer FORSA-Umfrage im Auftrag von zwei Eltern-Zeitschriften Stimmung gegen angeblich "unwillige" kinderlose Frauen:

"70 Prozent der kinderlosen Männer zwischen 25 und 45 wünschen sich demnach Nachwuchs – aber nur 61 Prozent der Frauen. Neun Prozentpunkte verschenkten Kinderwunsches, was ließe sich daraus an Rentenbeiträgen generieren. Wenn nur die Frauen willig wären.
            Dabei lief die Diskussion doch eigentlich andersherum. Von einem Zeugungsstreik sprach im Jahr 2005 die Autorin Meike Dinklage und eröffnete damit eine neue Runde im Schwarze-Peter-Spiel rund um die Geburtenrate in Deutschland.
"

Die Umfrage, auf die sich CHRISTMANN bezieht, kann hier als PDF-Datei heruntergeladen werden. Wie sehen aber die Ergebnisse zum Kinderwunsch der Kinderlosen tatsächlich aus?

Wie kommt CHRISTMANN auf die Differenz von 9 Prozent mehr unwillige Frauen als Männer?

Nimmt man die Nein-Antworten (eher nicht/auf keinen Fall) als Beleg, dann wünschen sich 19 % der Männer und 24 % der Frauen kein Kind (Differenz 5 %).
            
Auf die Differenz von 9 % kommt man auch nicht, wenn man die 4 % Männer und 10 % Frauen, die aus medizinischen Gründen keine Kinder haben können (34 % Frauen und 23 % Männer - Differenz 11 %) hinzu zählen würde. Dann kommt man weder auf die Zahl 61 % Kinderwunsch der Frauen (sondern 66 %), und auch nicht auf die 70 % Männer, sondern auf 77 %. Wenn man hinzu nimmt, dass Männer sich seltener als Frauen Gedanken über Zeugungs- bzw. Gebärfähigkeit machen, also die Dunkelziffer der Zeugungsunfähigkeit bei Männern größer ist, dann würden sich die Zahlen verschieben. Wobei es natürlich unredlich wäre, die medizinisch bedingte Kinderlosigkeit als Beleg für die Zeugungsstreikthese zu werten.
            
Wie sieht es aus, wenn man die Antwort weiß nicht als Nein wertet? Dann käme man auf einen Männeranteil von 24 % gegenüber 27 % Frauen. Passt also ebenfalls nicht. Also kommen doch wieder die unfreiwillig Kinderlosen (medizinische Gründe) hinzu, dann käme man auf 28 % Männer und  37 % Frauen. Dann wäre man also bei der 9 % Differenz aber es fehlen sowohl 2 % bei den Frauen als auch bei den Männern. Das sind jene Kinderlosen, bei denen das Kind bereits unterwegs sind.
            Fazit: auf die Zahlen von CHRISTMANN kommt man nur, wenn man zu den Kinderlosen, die keine Kinder wollen nur jene zählt, bei denen erstens noch kein Kind unterwegs ist (je 2 %); zweitens jene, die eher keine wollen (1 % Differenz zugunsten Männer); drittens jene, die auf keinen Fall Kinder wollen (6 % der Frauen sind hier entschiedener); viertens jene, die es nicht wissen (2 % der Männer sind unentschiedener als die Frauen) und man muss fünftens auch noch jene Kinderlosen hinzuzählen, die aus medizinischen Gründen keine Kinder bekommen können (6 % mehr Frauen als Männer, die davon wissen; kein Beleg im Sinne der Zeugungsstreikthese). Übersichtlich in Tabellenform:

"unwillige" Kinderlose? Männer Frauen Differenz
Kind unterwegs 2 % 2 % 0
wollen eher keine Kinder 14 % 13 % - 1 %
wollen auf keinen Fall Kinder 5 % 11 % + 6 %
wissen es nicht 5 % 3 % - 2 %
medizinische Gründe 4 % 10 % + 6 %
Gesamt 30 % 39 % 9 %

Die Aussagen von CHRISTMANN bezüglich der Unwilligkeit von Frauen können sich nicht redlich auf die FORSA-Umfrage stützen, sondern sind als böswillige Auslegung zu betrachten.
            
Das größte Manko der Umfrage besteht jedoch darin, dass weder beim Altersgruppenvergleich, noch beim Bildungsabschluss und auch nicht beim Ost-West-Vergleich bei der Kinderwunsch-Befragung nach dem Geschlecht unterschieden wird. Für eine seriöse Studie wäre das die Grundvoraussetzung für eine Beurteilung. Schließlich bezog sich die Zeugungsstreikthese auf den Kinderwunsch von Akademikern, während der Unterschicht (bzw. Transferempfängern) ja zu hohe Fruchtbarkeit unterstellt wird.

 
   

Kerstin Ruckdeschel im WWW

www.bib-demografie.de/EN/Institute/Staff/Researcher/ruckdeschel

 
   

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Update: 18. März 2015