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Peter Franz: Soziologie der räumlichen Mobilität

 
       
     
       
     
       
   

Peter Franz in seiner eigenen Schreibe

 
   

Neu:
FRANZ, Peter (2005): Regionalpolitische Optionen für schrumpfende Städte,
in:
Aus Politik und Zeitgeschichte Nr.3 v. 17.01.

"Erst der wachsende betriebswirtschaftliche Problemdruck der großen Wohnungsgesellschaften veranlasste Bund, Länder und Kommunen, der Schrumpfungsproblematik mehr Aufmerksamkeit zu widmen" (S.10),

erläutert Peter FRANZ, der von einer Überreaktion hinsichtlich der Blickverengung auf schrumpfende Städte ausgeht, weshalb er beansprucht die Sachverhalte genauer in den Blick zu nehmen. Der Autor weist darauf hin, dass bereits in den 1970er Jahren die Bevölkerungszahl von westdeutschen Städten zurückging:

"In den siebziger Jahren ging durch verstärkte Suburbanisierung erstmals die Einwohnerzahl mehrer westdeutscher Großstädte zurück, was eine Debatte um die Folgen der »Stadtflucht« auslöste. In den achtziger Jahren machten sich in verschiedenen Städten nördlich der Mainlinie erste Negativfolgen des ökonomischen Strukturwandels bemerkbar. Wie sich im Zeitverlauf zeigte, erwies sich für viele der damals betroffenen Städte die Phase der Schrumpfung als nicht dauerhaft. Andere Städte wiederum - vor allem einige Städte im Ruhrgebiet - haben bis heute mit Abwanderung und dem Verlust an Arbeitsplätzen zu kämpfen." (S.10f.)

Bereits seit den 1960er Jahren gab es schrumpfende Städte in den USA und Westeuropa. FRANZ weist darauf hin, das selbst in Ostdeutschland Schrumpfung und Wachstum nebeneinander existieren. Er führt das auf das mehr oder weniger erfolgreiche Handeln in einzelnen Städten zurück.

FRANZ kritisiert die Versuchung Bevölkerungsprognosen als unausweichliches Schicksal darzustellen, dabei sieht er im Wanderungsgeschehen im Gegensatz zur Geburtenentwicklung die größere Unsicherheit, weshalb er in der "Abstimmung mit den Füßen" die entscheidendere Größe sieht:

"Die Demographenzunft bedient (...) Informationsbedürfnisse von Kommunalpolitikern, Planern und Unternehmern, die in einer Situation der Unsicherheit agieren. Erfahrungen mit solchen Prognosen in der Vergangenheit zeigen, dass diese Trendberechnungen zu schnell als »unausweichliches Schicksal« hingenommen werden. Auch Demographen sind nicht in der Lage, alle denkbaren Einflussfaktoren in ihre Modelle einzubauen; sie wurden und werden von unvorhergesehenen Entwicklungen überrascht. Dies gilt insbesondere für das Wanderungsgeschehen, das sich innerhalb kurzer Zeit wandeln kann. An der Tatsache, dass die größeren Städte ein dauerhaftes Geburtendefizit aufweisen, wird sich dagegen langfristig kaum etwas ändern. (...). Dies bedeutet, dass die Städte vor allem jenen Faktoren mehr Aufmerksamkeit schenken müssen, die ihre Einwohner bei der »Abstimmung mit den Füßen« beeinflussen." (S.11)

FRANZ kritisiert das Denken in Abwärtsspiralen ("negative Zirkularität"). Ob solche Abwärtsspiralen existieren, ist für ihn eine empirische Frage. FRANZ sieht gar den Zusammenhang zwischen ökonomischen und demografischen Faktoren abgeschwächt, z.B. in Form des jobless growth, d.h. eines Wachstums ohne Beschäftigungszuwachs. (vgl. S.12f.) Er verweist zudem auf eine explorative Studie, die für die 26 kreisfreien ostdeutschen Städte bis zum Jahr 2000 keinen systematischen Zusammenhang zwischen der Veränderung der Einwohner- bzw. Beschäftigungszahl und ökonomischen Wachstumsindikatoren gefunden hat.

Der gängigen Argumentation, dass unter Bedingungen des Bevölkerungsrückgangs ein Standortwettbewerb um Unternehmen ein Nullsummenspiel sei, hält FRANZ entgegen, dass dies die Möglichkeit von Unternehmensexpansionen vernachlässigt: 

"Unternehmensansiedlungen entstehen nicht nur durch Standortverlagerung, sondern auch durch Gründung von Zweigbetrieben und neuen Unternehmen." (S.15)

Nicht zuletzt weist FRANZ darauf hin, dass die EU-Osterweiterung auch als Chance zu sehen ist, dem Trend zur Schrumpfung entgegenwirken zu können.

 
       
   

Soziologie der räumlichen Mobilität (1984).
Eine Einführung
Frankfurt a/M: Campus Verlag

 
   
     
 

Inhaltsverzeichnis

Einführung

1 Klärung der wichtigsten Grundbegriffe

1. Definition von Mobilität
2. Migration, mobilitätsfähige Einheiten und Aktionsräume
3. Exkurs: Mobile Individuen - mobile Gesellschaften - historische Trends

2 Überblick über die wichtigsten Forschungsansätze

1. Zur Orientierung
2. Räumliche Mobilität als Erklärungsgegenstand (abhängige Variable)

2.1 Die Deskription und Typisierung residentieller Mobilität
2.2 Modelle regionaler Mobilität
2.3 Theorien regionaler Mobilität
2.4 Individualistisch orientierte Theorien regionaler Mobilität
2.5 Theorien zur intraregionalen/innerstädtischen Mobilität

3. Erklärungsansätze zu den Folgen räumlicher Mobilität (räumliche Mobilität als unabhängige Variable)

3 Die politische Beeinflussung räumlicher Mobilität

1. Die Beziehung von Politik und räumlicher Mobilität
2. Räumliche Mobilität in Entwicklungsländern: der Fall des Nomadismus
3. Arbeitsmigration und Ausländerpolitik

4 Die regionale Mobilität in der Bundesrepublik Deutschland

1. Statistische Grundlagen und Entwicklung der regionalen Mobilität seit 1950
2. Regionale Mobilität in der Kontextbetrachtung

2.1 Charakteristische Wanderungsströme
2.2 Zur Selektionswirkung regionaler Mobilität

3. Raumordnung, Regionalpolitik und regionale Mobilität
4. Zum Zusammenhang von sozialer und räumlicher (regionaler) Mobilität

5 Pendelmobilität, Verkehrspolitik und Siedlungsstruktur

1. Zur Beschreibung der Pendelmobilität und zu ihrer Erklärung aus individualistischer Sicht
2. Pendelmobilität und Verkehrspolitik
3. Pendelmobilität und Siedlungsstruktur

6 Mobilitätsprozesse im verstädterten Raum: Ursachen und Folgen der Kernstadt-Umland-Wanderung

1. Zur Orientierung
2. "Stadtflucht" - die Kernstadt-Umland-Wanderung als sozialer Problem
3 Die Kernstadt-Umland-Wanderung als Teil des sozialökologischen Prozesses der Suburbanisierung
4. Wohnungsmarkt und Wohnungsbestand
5. Kernstadt-Umland-Wanderung durch Push- oder durch Pull-Faktoren?

Zitat:

Die zunehmende Bedeutung einer Soziologie der räumlichen Mobilität für die Stadtplanung

"Gegenwärtig stellt sich die Soziologie der räumlichen Mobilität (...) weniger als klar abgegrenztes Gebiet mit einem dominanten theoretischen Paradigma dar, sondern als expandierende Disziplin mit kontroversen Theorien. Der Soziologie der räumlichen Mobilität werden heute zunehmend Anforderungen gestellt von politischer und planerischer Seite, erklärungskräftige Faktoren und Theorien herauszuarbeiten. Nicht immer hat die öffentliche Förderung individueller Mobilität in der Vergangenheit zu den beabsichtigten Effekten geführt bzw. räumliche Bewegungen größeren Umfangs wurden nicht vorausgesehen. So wird dieser Zweig der Soziologie künftig wahrscheinlich immer stärker eingebunden in den Bereich einer verwissenschaftlichten Planungspraxis, wie sie z.B. in den Stadtplanungsämtern größerer Städte betrieben wird." (1984, S.21)

Die Vorteile einer Theorie des demografischen Wandels gegenüber der Modernisierungstheorie

"Wir werden uns im folgenden (...) nicht an (...) Theorien über den Modernisierungsprozeß und die Entwicklung der Zivilisation orientieren, sondern an der aus der Bevölkerungswissenschaft kommenden Theorie des demographischen Wandels. Hier stehen nicht technologische Änderung oder veränderte Grade der Arbeitsteilung oder der gesellschaftlichen Differenzierung im Vordergrund, sondern historische Prozesse der Bevölkerungsentwicklung. Wenn wir uns an der Bevölkerungsentwicklung orientieren, so hat dies den Vorteil, daß die zugrunde liegenden Geburten- und Sterbefälle statistisch relativ gut festgehalten sind, und wir nicht zu spekulieren brauchen, wann in der Vergangenheit welcher Grad der Arbeitsteilung oder Differenzierung erreicht wurde." (1984, S.37f.)

Räumliche Mobilität in modernen Gesellschaften (Phase IV)

"In der Phase IV des Mobilitätswandels wird die residentielle Mobilität innerhalb einer Gesellschaft weniger durch Land-Stadt-Wanderungen geprägt als vielmehr durch Migration zwischen Städten und durch innerstädtische Umzüge. Die früher mitunter hohen Auswanderungen werden nun in vielen Ländern abgelöst durch Einwanderungsströme von Arbeitern aus weniger entwickelten Gesellschaften. Daneben hat sich ein stetiger internationaler Austausch höher qualifizierten Fachpersonals etabliert, an dem auch die Eliten weniger entwickelter Länder beteiligt sind. Für Personen, die wie wir in Gesellschaften der Phase IV leben, wird es möglich, einen eng mit dem Lebenszyklus verbundenen Mobilitätszyklus vorauszusagen: Man kann annehmen, daß nach Beendigung der Schulausbildung ein oder mehrere Wohnungswechsel anstehen, um den Militärdienst abzuleisten und eine weitere Ausbildungsphase in Angriff zu nehmen, daß sich danach durch Heirat, Berufsstart und berufliche Veränderungen neue Wohnungswechsel anschließen, bis dann evtl. für den Ruhestand ein neues Domizil gesucht wird. Danebenher laufen verschiedenste Formen täglicher oder mehrwöchentlicher zirkulärer Mobilität, wie z.B. das tägliche Pendeln zum Arbeitsplatz und die saisonbedingten Urlaubsreisen. Vor allem räumliche Mobilität in diesen Formen hat in Gesellschaften der Phase IV noch nie dagewesene Ausmaße angenommen. (...). Neben ökonomische treten immer mehr nicht-ökonomische Motive für Veränderungen des Wohnortes und der zirkulären Mobilität. Die fortgeschrittensten und ökonomisch wohlhabendsten Gesellschaften scheinen nun ein Stadium erreicht zu haben, in dem das Adjektiv »seßhaft« nicht mehr zur Kennzeichnung ihrer Mitglieder herangezogen werden kann. Vielmehr gehören zu ihrem Lebensstil konstanter Wechsel und konstante Bewegung." (1984, S.42f.)

Die zukünftige gesellschaftliche Entwicklung ist nicht vorhersehbar

"Wie wird diese Entwicklung weitergehen? (...). Auf jeden Fall erscheint es zu einfach, bisherige Entwicklungen für die Zukunft einfach fortzuschreiben. Wie leicht dies in die Irre führen kann, wird an den Prognosen der Bevölkerungswissenschaftler sichtbar, die versuchen, die Bevölkerungsentwicklung in zukünftigen Gesellschaften vorauszusagen (...). Obwohl sich die Demographen auf zuverlässiges Zahlenmaterial stützen können, waren sie nicht in der Lage, für die Bevölkerung der Bundesrepublik den starken Geburtenrückgang der letzten Jahre vorauszusehen." (1984, S.44)

 
     
 
       
   

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Update: 24. Juli 2014