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Steffen Mau: Lebenschancen

 
       
   
  • Kurzbiographie

    • 1968 geboren
    • 2012 Buch "Lebenschancen"
    • Professor für politische Soziologie und die vergleichende Analyse von Gegenwartsgesellschaften an der Universität Bremen
 
       
   

Steffen Mau in seiner eigenen Schreibe

 
       
   

MAU, Steffen (1994): Der demographische Wandel in den neuen Bundesländern.
Familiengründung nach der Wende: Aufschub oder Verzicht?
in: Zeitschrift für Familienforschung, Heft 3 S.197-220

Steffen MAU hebt die Unterschiede zwischen der DDR und BRD in Sachen Familiengründung und Heirat hervor:

"Typisch für die DDR war die frühe Familiengründung. 1986 differierte das Alter der Mütter zwischen den beiden deutschen Staaten bei der Geburt des ersten Kindes um 2,3 Jahre (DDR: 24,1 Jahre; Bundesrepublik: 26,3 Jahre). (...).
Eine weitere Besonderheit war der große Anteil der unehelich geborenen Kinder. 1986 betrug er 34 % aller Lebendgeborenen (Bundesrepublik: 10 %). Diese Zahl schließt aber nicht das Aufwachsen der Kinder in »unvollständigen« Familien mit ein. Vor allem ist sie Ausdruck der zeitlichen Entkopplung von Eheschließung und Geburt des Kindes, die in der alten Bundesrepublik stärker miteinander verzahnt waren. Es ist festzustellen, daß die Heirat des Elternpaares oft einige Jahre nach der Geburt des ersten gemeinsamen Kindes stattfand; 1987 hatten immerhin 39 % aller Eheschließungen voreheliche Kinder (Bundesrepublik 1989: 5,5 %) (Wendt 1991, S.260).

Handelt es sich bei diesen "nicht-ehelich geborenen" Kinder tatsächlich nur um "voreheliche" Kinder oder wie z.B. Michaela KREYENFELD & Dirk KONIETZKA schreiben, um "nicht-eheliche Kinder? Diese Frage kann letztendlich aufgrund der fehlenden Daten der amtlichen Statistik zur biologischen Geburtenfolge nicht beantwortet werden. Unklar bleibt auch, inwiefern die Scheidungsraten und die Heiratsneigung diese Frage tangieren.

Im Gegensatz zu anderen Bevölkerungswissenschaftlern geht MAU nicht von einer schnellen Angleichung der ostedeutschen an die westdeutsche Bevölkerungsweise aus, sieht aber den Tiefpunkt der demographischen Entwicklung erreicht und wagt eine vage Prognose:

"Der Tiefpunkt der demographischen Entwicklung ist erreicht, aber eine Erholung der Geburtenzahlen wird nur in einem mäßigen Tempo stattfinden und vorherige Werte bei weitem nicht erreichen."

MAU sieht einen steigenden politischen Druck, die Bedingungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch in Westdeutschland zu verbessern.  

GROH-SAMBERG, Olaf/MAU, Steffen/SCHIMANK, Uwe (2014): Investieren in den Status.
Der voraussetzungsvolle Lebensführungsmodus der Mittelschichten,
in: Leviathan, Heft 2, Juni, S.219-247

GROH-SAMBERG/MAU/SCHIMANK sehen in den Mittelschichten nicht nur die Opfer des gesellschaftlichen Umbruchs seit den 1970er Jahren, sondern auch Mittäter:

"Das Spektrum reicht von einer »aktiven Mittäterschaft« von Teilen der Mittelschichten an den eigenen Verunsicherungen (etwa als Pioniere neuer »flexibler« oder »partnerschaftlicher« Lebensstile, als spekulierende Kleinanleger, als ehrgeizige Reformer öffentlicher Verwaltungen, als auf Steuersenkungen pochende Wählerschaft oder als Bannerträger der Wettwerbs- und Leistungsideologie) über eine passive Zustimmung der Mittelschichten zu »neoliberalen« Programmatiken (als »Marktvolk«, das dem Finanzkapital seine Ersparnisse für globale Operationen überlässt, und als »Wahlvolk«, das entsprechenden Parteiprogrammen seine Stimme gibt) bis hin zu Formen der »unterlassenen Hilfeleistung« (etwa als die Mittelschichten die »Montagsdemonstrationen« gegen den Sozialstaatsabbau der Hartz-IV-Reformen den »einfachen Leuten« überließen)." (2014, S.220)

Auf dieser Website wurde bereits frühzeitig auf die Problematik der Agenda 2010 und des Umbaus des Sozialstaats hingewiesen und es wurde aufgezeigt, wie erst nach der Finanzkrise insbesondere bei Alleinerziehenden der Mittelschicht ein Umdenken erfolgte. Bücher wie Generation Laminat oder Familienstand: Alleinerziehend bzw. Die verratene Generation zeugen von Ängsten und Unsicherheiten, die aber kaum die eigene privilegierte Mittelschichtposition reflektieren oder gar die Unterschichtenproblematik mitdenken. Die Fallhöhe der Singlefrau wurde auf dieser Website anhand der Autorin Katja KULLMANN und ihren Büchern Generation Ally und Echtleben dargestellt.

Im Anschluss an die Kapitaltheorie von Pierre BOURDIEU und der Unterscheidung zwischen ökonomischem und kulturellem Kapital, charakterisieren die Autoren die Mittelschichtmentalität folgendermaßen:

"Etwas gewonnen, aber auch etwas verlieren zu können, hält zum permanenten Investieren in den eigenen Status an. Zugespitzt: Zu den Mittelschichten gehört, wer genug hat, um mehr daraus machen zu können - und zu wenig, um nichts tun zu müssen. Noch anders gesagt: Er muss investieren - und er darf hoffen, damit Erfolge zu erzielen:
Wir bezeichnen den typischen Lebensführungsmodus der Mittelschichten daher als »investive Statusarbeit«, weil er charakterisiert ist durch das Bestreben, den durch die jeweilige Kapitalausstattung bestimmten sozialen Status durch investive Praktiken zu erhalten und wenn möglich zu vermehren, und dies zumeist nicht nur individuell über den eigenen Lebensverlauf, sondern auch in der Generationenfolge."
(2014, S.223f.)

GROH-SAMBERG/MAU/SCHIMANK unterscheiden zwischen Nicht-Investition, riskanten und vorsichtigen Investitionen. Erstere werden der Unterschicht zugeschrieben, der zweite Investitionstypus der Oberschicht, während die Mittelschicht zu vorsichtigen Investitionen neigt:

"Das der Kapitalausstattung der Mittelschichten adäquate, gewissermaßen  »vernünftige« Investitionskalkül besteht (...) überwiegend in vorsichtigen Investitionen". (2014, S.224)

Den Mittelschichten wird zum einen ein Leistungsethos ("Meritokratie') und zum anderen ein Planungsimperativ zugeschrieben. Für die Autoren rechtfertigt die Mittelschicht somit die soziale Ungleichheit. Die Konsequenz beschreiben die Autoren folgendermaßen:

"Solange das Pochen auf Leistung dazu dient, Schranken des eigenen Aufstiegs zu delegitimieren, wird darauf insistiert; sobald hingegen unwillkommene Konkurrenz von unten auf den Plan tritt, werden mehr oder weniger subtile Argumente herangezogen, um faktische Bestrebungen einer sozialen Schließung nach unten zu legitimieren."

Relativierend sehen die Autoren hinsichtlich der Mobilitätsbemühungen der Mittelschicht drei Kontexteffekte wirken: die Nachfrage nach der eigenen Qualifikation, die allgemeine Wirtschaftsentwicklung, deren Wirkungen sie als "Fahrstuhleffekt" im Sinne von Ulrich BECK konstruieren sowie die Leistungen des Wohlfahrtsstaates.

Ausgangspunkt der Überlegungen zur gesellschaftlichen Dynamik ist die Situation der Mittelschicht, die durch Irritationen auf 6 Feldern (Arbeit, Partnerschaft, Wohlfahrtsstaat, Vermögensbildung, Elternschaft und politisches Engagement) gekennzeichnet wird. Felderübergreifend sehen die Autoren im Kampf um die kulturelle Hegemonie und die Körperpolitik Irritationen wirken.

Auf der individuellen Ebene geht es um die Bewältigung von Irritationen durch Coping-Praktiken. GROH-SAMBERG/MAU/SCHIMANK unterscheiden hierarchisch aufsteigend folgende Copingstrategien:
- mentale Anpassung (Identifikation mit den Zumutungen des unternehmerischen Selbst)
- Mikro-Widerstand (z.B. "Dienst nach Vorschrift" in Partnerschaft und Beruf)
- Zeit gewinnen
- Mehr Einsatz
- Externalisierung (Abwälzen der Probleme auf andere Personen)
- Kollektiver Protest ("Wutbürger")
- Exit-Option (Kündigung, Scheidung, Wechsel von Finanzstrategien, Auswanderung)
- Improvisation (Neuarrangement der Lebensführung)
Lediglich hinsichtlich des Zusammenwirkens vielfacher Irritationen sehen die Autoren Empiriebedarf

Das Mehrebenenmodell der Autoren umfasst auf der untersten Ebene die individuellen Bewältigungen der Mittelschichtangehörigen, die sich auf einer intermediären Ebene durch "horizontale Interdependezen" auszeichnen, während das Agieren innerhalb von Organisationen zu "vertikalen Interdependenzen" führt. Beispielhaft erklären die Autoren ihre Vorstellung anhand von Scheidungen:

"Individuelle Coping-Praktiken summieren sich zu Struktureffekten wie etwa Scheidungsraten (...) auf. Bei diesen Aufsummierungen massenhaften, nicht selten gleichartigen Handelns aufgrund gleichartiger Situationsdeutungen muss es zwischen den Handelnden keine soziale Beziehung im Sinne einer sinnhaften Orientierung geben. Die Struktureffekte prägen dann weiteres Handeln, ob die Akteure sie registrieren oder nicht. Scheidungsraten beispielsweise sind einer der Bestimmungsfaktoren der Chancen auf Heiratsmärkten. Wenn Mittelschichtangehörige wissen, dass die Raten steigen, kann ihnen das die eigene Entscheidung zur Scheidung erleichtern: Denn der Markt ist ja in Bewegung. Aber selbst wenn sie sich in Unwissenheit über die Scheidungsraten zur Scheidung entschließen, sind ihre Chancen, einen neuen Partner zu finden, bei hohen größer als bei geringen Raten."
(2014, S.241)

Das Beispiel illustriert sehr schön das Problem dieser wissenschaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit: Scheidungsraten existieren nicht in der Wirklichkeit, sondern sind Produkte der Wissenschaft, die über den Wissenschaftsbetrieb oder die Medien Eingang in die Wirklichkeit finden. Scheidungsraten sind erst Recht keine Gegenwart, sondern beziehen sich immer auf die Vergangenheit, d.h. die Scheidungswirklichkeit kann sich im Moment meines Handels bereits geändert haben. Will ich mein Handeln also an einer vielleicht nicht mehr existierenden Vergangenheit orientieren? Oder orientiere ich mich lieber an meiner sozialen Umwelt? Oder orientiere ich mich gar an Prinzipien, die mit den Rationalitäten der modernen Gesellschaft gar nichts zu tun haben? Oder berücksichtige ich gar die Offenheit der Zukunft? Die Reaktion auf steigende/fallende Scheidungsraten kann konträr sein, d.h. statt simpler Aufsummierungen können sich widersprüchliche Reaktionsmuster ausbilden. Aufsummierungen gleichartigen Handlungen sind also eher Vereinfachungen komplexer Muster. In Zeiten, in denen viele Paare auch gar nicht erst heiraten sagen Scheidungsraten nicht unbedingt etwas über Chancen auf Heiratsmärkten aus, sondern es muss auch die Trennungsrate beachtet werden. Selbst für das goldene Heiratszeitalter kann man nicht einfach davon ausgehen, dass es damals keine Irritationen (Probleme) gab, sondern der Indikator Scheidungsrate war damals einfach noch weniger aussagekräftig als heute, weil sich Paare einfach "im Untergrund der Statistik" arrangierten.

Wer also wie die Autoren Analysen lediglich anhand üblicher wissenschaftlicher Indikatoren betreibt, der lässt außer Acht, dass die Soziologen selber ein Teil der Mittelschicht sind und damit auch die Soziologie nicht frei von Mittäterschaft ist. Ist die Analyse also nicht nur Teil des Kampfes um die kulturelle Hegemonie wie sie beispielhaft für die Debatten der neuen Bürgerlichkeit sind?       

Problematisch ist das Anliegen der Autoren auch insofern, weil sie zwar die angeblichen Triebkräfte einer als homogen gedachten Mittelschicht hervorheben, während sowohl das breite Spektrum von Lebenslagen innerhalb der Mittelschicht als auch ihre daraus resultierenden Reaktionsformen unberücksichtigt bleiben. Ganz außen vor bleiben die Machtverhältnisse und damit der Einfluss der Oberschicht auf die Gesellschaft. Ihr einfach nur Gelassenheit aufgrund ihres "sorgenfreien Reichtums" zu unterstellen erscheint doch eher der Vorstellungswelt des Kleinbürgertums zu entspringen.

MAU, Steffen (2016): Ungleichheit ist längst kein Monopol der Linken mehr.
Solange es nur um Arm und Reich ging, konnten linke Parteien vom Unbehagen an der Ungleichheit profitieren. Jetzt laben sich daran auch die Rechten,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 25.09.

"Zu den Oben-unten-Ungleichheiten kommen Wir-sie-Ungleichheiten, die sich um Fragen von Ein- und Ausschluss gruppieren. (...). Statt um Klassen geht es um Nation und Ethnie. Das sind Zugehörigkeitskategorien, die sich auf Abstammung, Tradition und Territorialität beziehen",

erklärt uns der ostdeutsche Soziologe Steffen MAU die neoliberale Sicht in ihrer nationalkonservativen Variante. Man kann dies aber auch anders sehen: Wir-sie-Ungleichheiten entstehen durch eine neoliberale Politik der Demografisierung gesellschaftlicher Probleme, die seit der Jahrtausendwende nicht nur von rechten, sondern insbesondere von der einst linken SPD betrieben wurde. Die Agenda 2010 war ein Mitte-Projekt, das zur Destabilisierung und letztlich zur Wandlung des deutschen Parteiensystems führte. Gemäß MAU hat die Mittelschicht ihre "Interessen zunehmend am Markt verankert", was insbesondere für die obere Mittelschicht als neuer Verbündeter der Oberschicht gegen den Rest der Gesellschaft zutrifft. Nur von Bindung an "meritokratische Prinzipien" kann keine Rede sein. Das ist schönfärberisch und vertuscht, dass Herkunft und Besitzstandwahrung die Prinzipien sind, die die obere Mittelschicht gegen den Rest der Gesellschaft abschotten soll.

"Die dritte Ungleichheitsachse kann man die Ich-du-Ungleichheiten nennen. (...) Ihr Treibstoff sind Diskriminierungserfahrungen, Diversität und Anerkennungsbestrebungen. Es ist das Feld der Identitätspolitik",

erklärt uns MAU. Damit meint MAU in erster Linie die Projekte der kulturellen Linke. Diese Sicht ist engstirnig. Identitätspolitik ist das Merkmal einer Politik der Demografisierung gesellschaftlicher Prozesse. In der Mitte wurde damit z.B. der Konflikt Eltern gegen Kinderlose geschürt. Identitätspolitik ist genuiner Bestandteil herrschender Sozialpolitik, in der Bevölkerungsgruppen gegeneinander aufgehetzt werden können, je nachdem welche Reform gerade in Angriff genommen werden soll.

 
       
       
   

Lebenschancen (2012).
Wohin driftet die Mittelschicht?

Berlin: Suhrkamp Verlag

 
   
     
 

Klappentext

"»Wie kann eine Gesellschaft, die immer mehr von Ungleichheit und Wettbewerb bestimmt ist, dem individuellen Anspruch auf Lebenschancen noch gerecht werden? Und wie kann die breite Mittelschicht für ein solches Unterfangen gewonnen werden?«
Die Mittelschicht? Das sind eigentlich (noch) die meisten von uns – doch diese Gruppe steht immer stärker unter Druck. Sie schrumpft, ist mit wachsenden Ungleichheiten konfrontiert und erlebt eine Vermarktlichung vieler Lebensbereiche. Das Vertrauen in den kollektiven Aufstieg ist passé, die Statusangst wächst. Steffen Mau bündelt pointiert Befunde und Perspektiven zur Transformation der Mitte. Und er präsentiert eine Alternative zur Ungleichverteilung von Chancen und zur allgegenwärtigen Unsicherheit: den Lebenschancenkredit, ein Polster, das wir nutzen könnten, um uns weiterzubilden, soziale Risiken abzufedern oder Zeit für Pflege und Erziehung zu gewinnen.
"

Zitate:

Die Staatsabhängigkeit der Mittelschicht

"Das ganze Segment der Mittelschichtrentner hängt am Tropf staatlicher Transfers. Auch Familien mit Kindern und verheiratete Paare profitieren spürbar von Kinderfreibeträgen, Kindergeld oder Ehegattensplitting. In vielen Ländern wäre die Mitte nicht einmal halb so groß, wenn man nur das Markteinkommen berücksichtigen würde (...).
Der Staat organisiert und kanalisiert aber nicht nur Transfers, er ist auch ein wichtiger Arbeitgeber und (ko)finanziert im Bereich der sozialen Dienstleistungen ein ganzes Beschäftigungssegment, in welchem typische Mittelschichtberufe angesiedelt sind." (2012, S.26)

Wer gehört zur Mittelschicht?

"Nach einer Definition der sogenannten »Middle Class Task Force«, die die Obama-Regierung im Jahr 2009 eingesetzt hat, um sich um die Belange der Mitte zu kümmern, gehört zur middle class, wer ein Auto hat, nach Wohneigentum, Urlaubsreisen, Altersvorsorge sowie Krankenversicherung strebt und Anstrengungen unternimmt, um den Kindern eine Hochschulausbildung zu ermöglichen (...).
Auch das Kriterium der nicht manuellen Tätigkeiten und der Beschäftigung i Dienstleistungssektor wird vielfach zur Abgrenzung genutzt, womit Arbeiter und Beschäftigte ohne qualifizierende Berufsausbildung im produzierenden Sektor per definitionem von der Mittelschicht ausgeschlossen bleiben (...). In dieser eher engen Definition können vor allem akademische Berufe (...) zur Mittelschicht gezählt werden (...).
Man sieht, weshalb die Diskussion um die Abgrenzung der Mittelschicht sich ohne Weiteres mit aktuellen Diskussionen um die »Leistungsträger« der Gesellschaft und die sogenannte »neue Bürgerlichkeit« verknüpfen lässt. Durch diese Brille betrachtet, ist die Mitte vor allem der Ort der besser Qualifizierten, der beruflich Arrivierten, der gut Gebildeten, der selbstbestimmt Handelnden. Der Menschen, die für Leistungskraft und Innovation stehen. Verfechter dieser These von der neuen Bürgerlichkeit, Paul Nolte etwa oder Udo di Fabio, unterstellen zudem einen in der Mittelschicht verbreiteten Wertehorizont (..).
Nimmt man diese Zuschreibungen ernst, wäre die Mitte doch nicht viel mehr als ein modernisiertes Bürgertum der alten Art, ein Amalgam aus liberalem Wirtschaftsbürgertum einerseits und akademischem Bildungsbürgertum andererseits, zudem mit distinkter Kultur und Lebensführung. De facto kann man nur ein Fünftel der Bevölkerung einem solchen Begriff des Bürgertums zuordnen (...).
Aus meiner Sicht bleibt dieser Blick auf die moderne Mittelschicht unvollständig, weil er größere Gruppen von Arbeitnehmern außen vor lässt (...): Es gibt eine um die abhängige Erwerbsarbeit herum gruppierte »arbeitnehmerische Mitte« (Vogel 2009), die nicht notwendigerweise akademisch gebildet ist, sondern durch berufliche Ausbildung zur Mittelschicht aufschließt, also zum Beispiel Facharbeiter, mittlere Angestellte und Menschen in technischen Berufen." (2012, S.29ff.)

Wann wird soziale Ungleichheit als ungerecht empfunden?

"Die soziale Vererbung als solche ist nicht unbedingt das Problem. Solange es Aufstiegskanäle gibt, die es ermöglichen, in höhere Ränge vorzustoßen, sind die Menschen durchaus bereit, die »schicksalsbedingte« Ungleichheit qua Geburt zu akzeptieren. Wir erleben jedoch, dass sich diese Kanäle immer häufiger als verstopft erweisen. (...).
Mit Blick von unten nach oben kann man vermutlich zu Recht von einer mobilitätsblockierten Gesellschaft sprechen, wobei vor allem strukturelle Gründe (Ende der Bildungsexpansion, Restrukturierung des Arbeitsmarks und des beruflichen Positionsgefüges, Abbau der Beschäftigung im öffentlichen Sektor) für Tendenzen der sozialen Schließung verantwortlich sind." (2012, S.69f.)

Die Ungleichheit in der Erbengeneration

"Schätzungen zufolge werden in Deutschland allein zwischen 2011 und 2015 1,3 Billionen Euro übertragen werden, eine Summe, die das Sparvolumen der privaten Haushalte übersteigt. In den letzten 15 Jahren hat sich der durchschnittliche Wert einer Erbschaft auf ungefähr 250 000 Euro verdoppelt. (...). Schätzungen zufolge wird ein Prozent der Erben in den nächsten Jahren ein Viertel der nationalen Erbmasse erhalten, während ein Drittel leer ausgehen wird." (2012, S.81)

Die Vorteile einer Partnerschaft für Kreative

"Ein Haushalt mit zwei Einkommensbeziehern ist weniger krisenanfällig als ein Alleinverdienerhaushalt. Hier kommen die Vorteile einer substitutiven Partnerschaft zum Tragen: Verdient auch die Frau, können temporäre Einkommensausfälle viel besser kompensiert werden. Nicht untypisch sind aber auch Beziehungen, bei denen ein Partner eine gesicherte Beschäftigung hat, während der andere einer eher prekären Tätigkeit nachgeht, die ihm oder ihr die Chance bietet, sich selbst zu verwirklichen. Zwar haben beide einen ähnlichen Bildungsstatus, aber sie stehen vor unterschiedlichen Erwerbsrisiken. Vielen Freiberuflern gelingt die Marktbehauptung nur, weil sie einen Partner im Hintergrund haben, der ihnen im Notfall unter die Arme greifen kann und so Auftragslosigkeit und Nachfrageflauten zu überbrücken hilft. Bei Selbständigen in den Medien- und Kulturberufen ist es sogar typisch, dass diese Partnerschaften mit Festangestellten eingehen (...). Der verbeamtete Professor und die freie Kulturjournalistin ist eine Kombination, die nicht so selten vorkommt." (2012, S.153)

Die Mittelschicht als Opfer der Gentrifizierung

"Je mehr solvente Personen und Familien in ein Viertel ziehen, desto höher steigen die Mieten; die ärmeren Alteingesessenen werden verdrängt, ein Prozess, der unter dem Namen Gentrifizierung derzeit in aller Munde ist. (...).
Tatsächlich fallen mittlerweile auch Teile der unteren und mittleren Mittelschicht der Gentrifizierung zum Opfer. Für sie wird es ebenfalls schwieriger, in München-Schwabing, Berlin-Prenzlauer Berg oder dem Hamburger Schanzenviertel finanzierbaren Wohnraum zu ergattern." (2012, S.164)

Drohende Spaltung der Gesellschaft entlang der räumlichen Mobilität

"Angesichts des Umstandes, dass bestimmte Gruppen immer noch mobiler sind als andere, spricht man auch von »selektiver Wanderung«. Für Abstromregionen (gerade in der Peripherie) hat das oft dramatische Konsequenzen: Überalterung, ein hoher Anteil von Transferempfängern und eine insgesamt schrumpfende Bevölkerung sind langfristig die Folgen, wenn vor allem die Jungen und Qualifizierten abwandern. Mittelfristig könnte es dadurch auch zur Entstehung einer ganz neuen gesellschaftlichen Konfliktlinie kommen (...): Auf der einen Seite stünden dann die Hochgebildeten und Mobilen mit »transnationalen Kompetenzen« wie Sprachkenntnissen und der Offenheit für neue kulturelleBegegnungen und Kontexte (...), auf der anderen die an die Herkunftsregion »gefesselten« »Verlierer«. Während die mobilen Eliten die Transnationalisierung unserer Welt als Chance begreifen, setzten letztere möglicherweise auf Protektionismus und Abschließung, ums sich gegen die neuen Unsicherheiten abzuschotten." (2012, S.174f.)

Die erfolgreichen Aufsteiger und die Geburtselite verdrängen den Herkunftsfaktor

"Sarrazins Buch ist von einigen aufmerksamen Lesern, so von Nils Minkmar von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, auf originelle Weise als klassischer Bildungsroman interpretiert worden, in dessen Mittelpunkt Sarrazins eigener Aufstieg steht, wobei seine Anstrengungen sehr zur Nachahmung empfohlen werden. (...). Wenn Einzelne, die sich wirklich Mühe geben, es schaffen können, kann das auch allen anderen gelingen. Kants kategorischer Imperativ wird hier auf den Kopf gestellt: Mache Dein individuelles Schicksal zur Maxime für alle anderen. Eine solche Abwertungsrhetorik ebnet den Weg für eine »Sezession der Erfolgreichen« (Bauman 2009: 63).
Diese Form der heroischen Selbststilisierung ist nicht auf Einzelfälle beschränkt. Ganz allgemein lässt sich zeigen, dass Menschen mit erfolgreichen Aufstiegsbiografien sozialer Ungleichheit weniger kritisch gegenüberstehen (Sachweh 2009). Sie gelten eher als affirmativ, was ihre Haltung gegenüber von Markt und Wettbewerb induzierten Statusunterschieden angeht. ) Ihrem Selbstverständnis nach kommt es ebene nicht auf Fortune (höchstens das berühmte »Glück des Tüchtigen«) und günstige Bedingungen an, sondern auf Willen, Ehrgeiz und Fleiß, die allen Hindernissen zum Trotz mobilisiert werden. Auch diejenigen, die von Geburt an zur Elite gehören, reden den Herkunftsfaktor oft klein." (2012, S.197f.)

Das Elterngeld als mittelschichtorientierte Sozialstaatsmaßnahme

"Die Tendenz zur Orientierung auf den Statuserhalt ist zwar durch die Hartz-IV-Gesetzgebung etwas aufgeweicht worden, neuere Instrumente schließen aber an die Mittelschichtorientierung des deutschen Sozialstaats an. Das Elterngeld ist die Maßnahme par excellence, mit welcher die freundschaftliche Beziehung zwischen »Vater Staat« und Mittelschicht ihre Fortsetzung findet (...). Inzwischen kann man im Internet den regen Austausch zwischen reisefreudigen Jungeltern mitlesen, die mit ihren Neugeborenen auf Grand Tour gehen wollen. Wenn Mutter und Vater gleichzeitig Elternzeit nehmen und man den Jahresurlaub noch dazu rechnet, lässt sich immerhin ein sieben- bis achtmonatiges Sabbatical finanzieren. Das sind die kleinen Freiheiten des »Wickelvolontariats«, die sich nur einige wenige leisten können." (2012, S.2014f.)

Plädoyer für eine Politik der Lebenschancen

"Politik ist in erster Linie dafür verantwortlich, die institutionellen Bedingungen für individuelle Entfaltung und Entwicklung zu schaffen. (...).
Der Nobelpreisträger Amartya Sen arbeit schon lange am Konzept der »Verwirklichungschancen« (capabilties)(...). Im Gegensatz zu vielen normativen Theorien setzt er nicht einen Wert wie etwa die Gleichverteilung des Wohlstands als gesellschaftliche Zielgröße fest, sondern stellt individuelle Freiheiten der Lebensgestaltung in den Vordergrund." (2012, S.214)

"Das Konzept der Lebenschancen könnte dabei eine wesentliche Leitidee sein. Ähnlich wie bei Sen geht es um den Aspekt der Verwirklichung und die die Chancen für die individuelle Entwicklung. (...). »Lebenschancen sind Möglichkeiten des individuellen Wachstums, der Realisierung von Fähigkeiten, Wünschen und Hoffnungen, und diese Möglichkeiten werden durch soziale Bedingungen bereitgestellt.« (Dahrendorf 1979:50) Ist von Lebenschancen die Rede, muss die Frage der Chancengerechtigkeit immer mitgedacht werden." (2012, S.216)

"Dazu ist zunächst eine robuste Grundsicherung notwendig, die verhindert, dass Risiken in Marginalisierung und Mutlosigkeit umschlagen. Außerdem gilt es sicherzustellen, dass Aufstiegskanäle offen bleiben und Phasen des Scheiterns oder des Abstiegs sich nicht als Einbahnstraßen erweisen." (2012, S.219)

Lebenschancenkredit statt garantiertes Grundeinkommen

"Menschen (sollten) die Mittel aus dem Lebenschancenkredit vor allem in drei Bereichen investieren: Bildung, Zeit und zur Abfederung sozialer Risiken." (2012, S.229)

"Junge Menschen ahnen oft nicht, welche Risiken ihnen auf ihrem Lebensweg begegnen werden. Daher ist auch ein Stück Kontrolle notwendig. (...). Zum Beispiel in Form eines Ombudsgremiums, das schnell und unbürokratisch über die Freigabe von Mitteln aus dem Chancenkredit entscheiden würde. Berufen könnte man in solche Gremien unter anderem pensionierte Sozialrichter, Mitarbeiter der freien Wohlfahrtspflege oder Vertreter der Zivilgesellschaft". (2012, S.235)

"Das bedingungslose Grundeinkommen erfreut sich quer durch das Parteienspektrum und die gesellschaftlichen Lager einiger Beliebtheit (...). Die Attraktivität der Idee liegt auf der Hand, schließlich würden die Menschen dadurch vom Zwang zur Erwerbstätigkeit befreit. Insgesamt wäre das System aber um ein Vielfaches teurer als der Lebenschancenkredit." (2012, S.235)

 
     
 
       
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 12. März 2013
Update: 01. Mai 2017