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Susanne Schultz: Hegemonie - Gouvernementalität - Biomacht

 
       
     
       
     
       
   

Susanne Schultz in ihrer eigenen Schreibe

 
   

SCHULTZ, Susanne (2009): Mehr Deutsche via IVF,
in: Gen-ethischer Informationsdienst, Nr.194, S.39-41

GID-Thema: Demografie

SCHULTZ, Susanne (2013): Deutschland: Demografie überall,
in: Gen-ethischer Informationsdienst, Nr.217, April, S.8

SCHULTZ, Susanne (2013): Familienpolitik und die "demografische Chance".
Zur postkatastrophistischen Phase einer neuen deutschen Bevölkerungspolitik,
in: Prokla 173, H.4, Dezember, S.539-561

GID-Thema: Reproduktionsmedizin und Biopolitik

Neu:
SCHULTZ, Susanne & Uta WAGENMANN (2014): Arbeit im Dienst der Biologisierung.
Moralische Empörung auf der einen, euphorische Visionen einer technologisch unterstützten Familienplanung auf der anderen Seite - die mediale Debatte geht an gesellschaftspolitisch wichtigen Fragen rund um die Reproduktionsmedizin in der Regel vorbei. Ein Blick auf Eizellabgabe und Leihmutterschaft aus herrschaftskritischer Perspektive,
in: Gen-ethischer Informationsdienst, Nr.227, Dezember, S.15-16

 
       
   

Familienpolitik und die "demografische Chance" (2013).
Zur postkatastrophistischen Phase einer neuen deutschen Bevölkerungspolitik
Prokla 173 - Familie und Staat, Dezember, S.539-561

 
   
     
 

Inhaltsverzeichnis

Intersektionalität und Demografisierung: Anmerkungen zu Asymmetrien biopolitischer Staatlichkeit

Eine rehabilitierte Demografie und die "bevölkerungsorientierte" Familienpolitik seit 2002

Familienpolitik als Teil einer postkatastrophistischen Demografiestrategie

Familienpolitik als Element der ressortübergreifenden Demografiepolitik

Zur Notwendigkeit einer demografiekritischen Offensive

Zitate:

Biopolitik und Demografisierung

"Meines Erachtens ist es hilfreich, das Konzept der »Demografisierung« (...) in die Analyse biopolitischer Staatlichkeit einzubinden. Der Begriff der Demografisierung wurde von Diana Hummel, Eva Barlösius und anderen eingeführt, um die diskursiven Effekte kritisch bearbeiten zu können, die sich entwickeln, wenn Zahl, Verteilung und Zusammensetzung der (nationalen) Bevölkerung explizit als Grundlage staatlicher Politik verhandelt werden und gesellschaftliche Krisenphänomene und Konflikte auf der Grundlage demografischer, mathematisch-statistischer Daten und Prognosen auf spezifische Weise (re)formuliert werden (vgl. Hummel 2013; Barlösius 2007).
Demografisierung ermöglicht es etwa, Programme des Sozialabbaus als notwendige Konsequenzen eines objektiven demografischen Sachzwangs darzustellen und der politischen Verhandlung zu entziehen (vgl. PROKLA 146; Kistler/Trischler 2012; Bosbach/Korff 2012; ver.di 2003). Ein wichtiger Effekt von Demografisierung ist zudem, dass via Bevölkerungsstatistiken soziale Verhältnisse bestimmten, statistisch erfassten Gruppen zugeschrieben (ihnen sozusagen auf den Leib geschrieben) und an deren Vermehrung oder Verminderung gekoppelt werden (...). Demografisierung kann insofern auch den Effekt haben, neue Konflikte zwischen so gefassten gesellschaftlichen Gruppen zu schüren, wie etwa, die zwischen den Generationen oder zwischen Eltern und Kinderlosen (vgl. Baureithel 2007).
Demografisierung sollte jedoch meines Erachtens nicht im Sinne von Demagogie verstanden werden. Vielmehr gehe ich davon aus, dass Strategien einer demografischen Reformulierung sozialer Konflikte auf den Kern biopolitischer Staatlichkeit verweisen".
(2013, S.542f.)

Die Institutionalisierung der Demografiepolitik seit 1973 und die verstärkte Demografisierung gesellschaftlicher Probleme seit der Wiedervereinigung

"Die Rehabilitierung demografischen Wissens und die Formulierung explizit bevölkerungspolitischer Regierungsziele lassen sich seit der Wiedervereinigung Deutschlands und verstärkt seit der Jahrtausendwende beobachten. (...) Kreise deutscher BevölkerungswissenschaftlerInnen (betrieben) - in einer großen personellen und inhaltlichen Kontinuität zur nationalsozialistischen Rassenhygiene, Statistik und Bevölkerungsökonomie - ihre Disziplin weiter. Sie erreichten mit der Gründung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung 1973 auch den Aufbau einer staatlichen Behörde - übrigens mit einem ersten Direktor, Hans Wilhelm Jürgens, der 1961 noch seine Habilitation über »Asozialität als biologistisches und soziobiologisches Problem« verfasst hatte (...).
Seit Mitte der 1990er Jahre vervielfältigte sich in Deutschland dann aber die Anzahlt von Forschungsinstituten und -programmen sowie privater Stiftungen oder Stiftungsschwerpunkte zu Demografie: 1996 wurde das »Max-Planck-Institut für demografische Forschung« in Rostock gegründet, 2000 das private, medial einflussreiche »Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung« ins Leben gerufen oder 2003 das Leitprojekt »Aktion Demographischer Wandel« der Bertelsmann-Stiftung initiiert. Neben den alten konservativen Haudegen wie den Bevölkerungsforschern Herwig Birg oder Josef Schmid formierte sich eine neue, selbstbewusste Generation jüngerer DemografInnen. Auch medial nahm das Interesse am »demografischen Wandel« extrem zu.
Wichtiger Kontext dieses Aufwinds der Disziplin war sicherlich der allgemeine Schub einer »Normalisierung« deutscher Politik nach der Wiedervereinigung; zweitens lieferte demografisches Wissen bereits für die erste »Rentendebatte« und die Offensive des Sozialabbaus unter Rot-Grün Schützenhilfe. (...).
Die Rehabilitierung des Demografischen war die Grundlage, auf der die rotgrüne Bundesregierung dann ab 2002 ihre »nachhaltige« Familienpolitik entwarf".
(2013, S.543f.)

Nachhaltige Bevölkerungspolitik zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie

"Das skandalisierte Problem der »Überalterung« und »Schrumpfung« der Deutschen sollte angegangen werden, indem die Geburtenraten der deutschen Bevölkerung erhöht würden; gleichzeitig sollte aber die Frauenerwerbsquote beibehalten bzw. ausgeweitet werden. Höhere Geburtenraten und eine höhere Erwerbstätigkeit von Frauen gelten seitdem als gut miteinander vereinbarte Zielvorgaben. Diese Zielkohärenz wurde (...) zum einen mit einer schematischen Übertragung demografischer und familienpolitischer Koordinaten aus anderen europäischen Vorbild-Ländern mit höheren Geburtenraten und Erwerbsquoten - wie insbesondere Frankreich und Schweden - untermauert (...). Zum anderen spielten ökonomistische Ansätze eine zentrale Rolle (...). Dass Mehrverdienende mehr Anreize zum Kinderkriegen bräuchten, wurde zu einer der legitimatorischen Grundlagen dafür, dass sich die neue Familienpolitik nicht einfach als pronatalistisches, sondern als selektiv pronatalistisches Projekt entwickelte (vgl. Nowak 2013).
(2013, S.544f.)

Die deutsche Demografiepolitik als Teil der globalen Bevölkerungspolitik

"Zum einen lernt die demografiepolitische Expertise aus dem Wissensrepertoire der globalen Bevölkerungspolitik. Dort waren und sind die Arsenale der Beforschung des reproduktiven Verhaltens einfach nur spiegelbildlich darauf ausgerichtet, nicht wie in Deutschland eine »ungewollte Kinderlosigkeit«, sondern vielmehr eine zu bekämpfende »ungewollte Fruchtbarkeit« (unwanted fertility) numerisch dingfest zu machen (...).
Zum anderen (...) kann der Diskurs über den unerfüllten Kinderwunsch als staatlich relevante Zielgröße auch darauf rekurrieren, dass es die internationale Industrie der Reproduktionsmedizin inzwischen erreicht hat, ihre Leistungen nicht nur als medizinische Behandlung von Krankheiten (nämlich der Unfruchtbarkeit), sondern auch als Frage eines staatlich zu garantierenden Menschenrechts auf die Erfüllung von Kinderwünschen zu etablieren."
(2013, S.551)

Plädoyer für eine demografiekritische Offensive

"Eine Kritik aktueller Prozesse der Demografisierung des Politischen sollte (...) über die - durchaus wichtige - , »gegenrechnende« Kritik der Demografiepolitik als Demagogie hinausgehen und die kohärenten Momente von Demografisierung im Sinne einer Kritik biopolitischer Staatlichkeit in Angriff nehmen."
(2013, S.557)

"Angesichts des Anspruchs einer expansiven und kohärenten staatlichen Demografiepolitik kann die postkatastrophistische Wende (...) nicht als Relativierung oder Abmilderung analysiert werden. Vielmehr scheint es hier um eine Phase zu gehen, innerhalb derer bestimmte diskursive Weichen bereits gestellt sind und der Kampf um Hegemonie bereits so erfolgreich verlaufen zu sein scheint, dass Dramatisierungen nicht mehr nötig sind. Schließlich wird die aktuelle Demografiepolitik derzeit kaum von einer gewerkschaftlichen und noch weniger von einer linken oder feministischen Kritik angegriffen. Wenn es Gegenwind gibt, dann eher von einer Szene demografischer Experten wie etwa dem Hardliner Herwig Birg oder dem Leiter des Berlin-Instituts Reiner Klingholz, die weiterhin den demografischen Katastrophismus bedienen".
(2013, S.558)

"Statt auf einer individualisierenden Ebene des besten Biographiemanagements mitzudiskutieren, ist es zentral, in der Debatte um Familienpolitik auf einer staatskritischen Perspektive zu beharren, die genau diese Zuweisung der Sphäre der Reproduktion in einen privaten, individuellen und geschlechterpolitischen Rahmen innerhalb der biopolitischen Anordnung selbst in Frage stellt - und somit auch die Unterordnung dieser Sphäre unter die Maxime der Humankapitalverwaltung."
(2013, S.559)     

 
     
 
       
   

Ein Beitrag von single-generation.de zum Thema

Demografie und Demokratie: Wie ein Buch dem Zeitgeist der Demographisierung gesellschaftlicher Probleme erliegt und dadurch die Konflikte um den Wohlfahrtsstaat noch zusätzlich verschärft

Die Kinderlosigkeit der Akademikerinnen - Ist die Talsohle bei den Akademikerinnen erreicht? Eine Kritik der Debatte um die Geburtenentwicklung anhand neuer Erkenntnisse

 
       
   

Hegemonie - Gouvernementalität - Biomacht (2006).
Reproduktive Risiken und die Transformation internationaler Bevölkerungspolitik
Münster: Dampfboot Verlag

 
   
     
 

Klappentext

"Bevölkerungspolitische Motive prägen nach wie vor globale Entwicklungs- und Gesundheitspolitik, auch wenn der Forschungsboom zu Biopolitik sie kaum beachtet. Die etablierten Gender-Konzepte - reproduktive Rechte und Gesundheit - kreisen zwar um das Individuum, ihre Dynamik ist aber nur in ihrer Artikulation mit demographischen Problemkonstruktionen zu verstehen, so die zentrale These von Susanne Schultz. Sie analysiert dieses veränderte Verhältnis von Körper- und Bevölkerungspolitik und rekonstruiert hegemonietheoretisch die NGOisierung von Frauengesundheitsbewegungen. Dabei hinterfragt sie die »medikalisierten« Subjekte der neuen Politik: Frauen, die weniger Kinder bekommen sollen, indem sie selbstverantwortlich ihre »reproduktiven Risiken« minimieren."

 
     
 
       
   

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Update: 06. Januar 2016