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Trutz von Trotha: Kindzentrierung und Kinddezentrierung

 
       
   
  • Kurzbiographie

    • 1946 geboren
    • 1989 - 2009 Lehrstuhl für Soziologie an der Universität Siegen
      2013 gestorben
 
       
     
       
   

Trutz von Trotha in seiner eigenen Schreibe

 
   

TROTHA, Trutz von (1990): Zum Wandel der Familien,
in: Kölner Zeitschrift für Soziologe und Sozialpsychologie, S.452-473

TROTHA, Trutz von (1994): Pluralisierung familialer Lebenswelten? Einleitung
in: Soziologische Revue, Sonderheft 3 "Soziologie familialer Lebenswelten", S.55-60

Trutz von TROTHA kritisiert die Provinzialität der deutschen familiensoziologischen Debatte:

"Kulturpessimisten und Modernisten setzen (...) in gleicher Weise voraus, daß die mobile, egalitäre Marktgesellschaft, deren Grundfigur angeblich der Alleinstehende ist, nicht nur mit der Konstanz und der gemeinschaftlichen Ordnung der Familie unvereinbar ist, sondern daß die Grundsätze der Marktgesellschaft sich bis in die Familie hinein durchsetzen - als ob es auf der Welt nicht ganz andere Beispiele wie Japan und die ökonomisch aufsteigenden südostasiatischen Staaten oder selbst die außerordentliche Variationsbreite zwischen den und innerhalb der westlichen Industriestaaten gäbe. Im Fehlen des Blicks auf Kulturen jenseits des hochindustrialisierten Okzidents zeigt sich die soziologische Provinzialität dieser Debatte und die Gefahr, daß sie kapitalen Fehleinschätzungen unterliegt."

TROTHA, Trutz von (2007): Wie machen die das bloß, die Gallierinnen?
in: Frankfurter Rundschau v. 06.03.

Frankreich gilt seit kurzem als familienpolitisches Vorbild. Im aktuellen Heft des Nouvel Observateur wird Frankreich als Europameister gefeiert.  Vergessen ist mittlerweile, dass die Franzosen noch Ende der 1990er Jahre in Europa als bevölkerungspolitische Blindgänger galten.

Der französische Journalist Jean-Claude GUILLEBAUD geißelte z.B. noch 1998 in seinem Buch Die Tyrannei der Lust, den Lebensstilpluralismus und forderte aus bevölkerungspolitischen Gründen die Rückkehr zur klassischen Familie. Genauso wie in Deutschland, speist sich auch in Frankreich das bevölkerungspolitische Herzblut aus der Ex-Linken, die - aus Sicht der angegriffenen Poplinken (für Deutschland siehe z.B. Mark TERKESSIDIS) - zu "neuen Reaktionären" mutiert sind. Norbert BOLZ ist hierzulande nur die Spitze eines Eisbergs, der sein wahres Ausmaß in den nächsten Jahren zeigen wird.

Es dürfte auch kein Zufall sein, dass Jean-Claude GUILLEBAUD einer der Gewährsmänner von Ariadne von SCHIRACH ist, die mit ihrem gerade erschienenen Buch Tanz um die Lust sozusagen die deutsche Version der Tyrannei der Lust verfasst hat.

Der Soziologe Trutz von TROTHA meint nun in der unterschiedlichen Familienkultur den Schlüssel zum Verständnis der unterschiedlichen französischen und deutschen Geburtenentwicklung gefunden zu haben:

"Was macht Frankreich so exzeptionell? Seit längerer Zeit schon besitzt das Hexagon all die Einrichtungen, die der wohlfahrtsstaatliche Diskurs einfordert, und die darauf gerichtet sind, Eltern-, sprich, Mutterrolle und Erwerbsarbeit zu vereinbaren. Aber anders als die deutsche Debatte unterstellt, ist dieses institutionelle Instrumentarium selbst wiederum nur der Ausdruck eines Zusammenhangs, der der Schlüssel für die demographische Entwicklung ist: eine starke Familienkultur, die jedoch anders als in Deutschland weniger kindzentriert ist. Das demographische Problem ist tatsächlich das Problem einer Familienkultur, die eine neue Balance zwischen Kindzentrierung und -dezentrierung herstellen muss.
             (...).
Die Kindzentrierung der bürgerlichen und postbürgerlichen Familie hat viele Erscheinungsformen. (...).
             Vor allem anderen gehört die historisch einzigartige Emotionalisierung der Eltern-Kind-Beziehung dazu, die mit dem historisch bemerkenswerten Abbau von Herrschaft und Autorität in der Eltern-Kind-Beziehung verbunden ist. In der Familienpolitik hat die Kindzentrierung in den letzten dreißig Jahren zu einer Familienmitgliederpolitik geführt, welche die Deinstitutionalisierung der Familie und die Individualisierung ihrer Mitglieder stützt und vorantreibt, (...).
             Demographisch am folgenreichsten ist die Kindzentrierung (...) dadurch geworden, dass sie in ihrem Schoß eine gegenläufige Entwicklung geboren hat, die Kinddezentrierung, für welche die kinderlosen ausbildungs- und mobilitätsbewussten Akademiker - mit den Journalistinnen und Journalisten an erster Stelle - beispielhaft sind.
             Frankreich, wo Familie und Verwandtschaft im sozialen Leben wesentlich stärker verankert sind als in Deutschland, hat die zugespitzte bürgerliche und postbürgerliche Kindzentrierung nicht mitgemacht und ein ausgewogeneres Verhältnis zwischen Kindzentrierung und Kinddezentrierung gefunden."

Was TROTHA hier verschleiernd als "Kinddezentrierung" bezeichnet, das wird neuerdings auch unter dem Schlagwort "Kultur der Kinderlosigkeit" diskutiert. Außer Acht dagegen lässt TROTHA, dass - im Gegensatz zu Frankreich - Deutschland eine vorsintflutliche Bevölkerungsstatistik besitzt. Wer seine Theorien einzig auf trügerische Kennziffern münzt, der könnte in den nächsten Jahren gewaltig Schiffbruch erleiden. Die deutsche Geburtenentwicklung der jüngeren Generation lässt sich mit den veralteten Methoden der deutschen Bevölkerungswissenschaft gar nicht mehr berechnen. Ein Desaster, das erst seit kurzem auch von den Bevölkerungswissenschaftlern selber zugegeben wird.

 
   

Trutz von Trotha in der Debatte

Neu:
PANY, Thomas (2007): Verkrampfte Perfektionisten.
Ist die deutsche Familienkultur zu sehr auf das Kind fixiert?
in: Telepolis v. 12.03.

 
   

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Update: 31. März 2015