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Christine Hannemann: Die Platte

 
       
   
  • Kurzbiographie

    • 1960 in Berlin geboren
      Studium der Rechtswissenschaften und Soziologie
      2004 Buch "Die Platte"
 
       
     
       
   

Christine Hannemann in ihrer eigenen Schreibe

 
   
AUS POLITIK UND ZEITGESCHICHTE-Thema: Städtepolitik

HANNEMANN, Christine (2003): Schrumpfende Städte in Ostdeutschland - Ursachen und Folgen einer Stadtentwicklung ohne Wirtschaftswachstum,
in:
Aus Politik und Zeitgeschichte Nr.28 v. 07.07.

Hoyerswerda ist überall, meint Christine HANNEMANN:

"Hoyerswerda, 1956 als »zweite sozialistische Wohnstadt der DDR« für die Kohle- und Energiearbeiter des »größten Braunkohle- und Steinkohleveredlungskombinats Europas«, Schwarze Pumpe, errichtet, durchläuft seit der Wiedervereinigung einen dramatischen Deindustrialisierungsprozess: Tausende Arbeitsplätze sind verloren gegangen. Gleichzeitig nimmt die Bewohnerschaft der Stadt stetig ab und die verbleibende wird immer älter. In etwa zehn Jahren, so die Prognosen, wird die einst »jüngste Stadt« der DDR annähernd zur Hälfte von PensionärInnen bewohnt sein. Heute handelt es sich bei diesen zwar noch um die relativ gut versorgten KnappschaftsrentnerInnen. Aber künftig werden jene Personengruppen überwiegen, deren Bezüge als Folge von Vorruhestand und jahrelanger Arbeitslosigkeit eine eher trostlose Perspektive bieten: Einkommen/ Vermögen und künftige Rentenansprüche sind gering. Hier droht ein Wiederanstieg der Altersarmut. Hinzu kommt, dass die gesamte technische und soziale Infrastruktur der Stadt angesichts der sinkenden Einwohnerzahlen überdimensioniert ist." (S.16)

Den Niedergang Hoyerswerda beschreibt die offizielle Website folgendermaßen:

"Die Einwohnerzahl der Stadt betrug 2006 nur noch 40.912. Das Stadtgebiet wurde durch die Eingemeindungen der Ortsteile Bröthen/Michalken (1. Juni 1993), Knappenrode (1. Januar 1994), Schwarzkollm (1. Januar 1996), Zeißig (1. Januar 1996) und Dörgenhausen (1. Juli 1998) vergrößert, dennoch sank die Einwohnerzahl weiter. Seit dem 1. August 2008 gehört Hoyerswerda nach der Verwaltungs- und Funktionalreform des Freistaates Sachsen zum Großkreis Bautzen und verliert damit den Status der Kreisfreiheit."
(abgerufen: 28.06.2014)

In Sachsen gibt es 2012 nur noch 3 kreisfreie Städte: Chemnitz, Dresden und Leipzig. Der Wegweiser-Kommune der privaten Bertelsmann-Stiftung gibt für 2012 eine Einwohnerzahl von 36.024 an (Wikipedia: 35.019 mit Hinweis auf die Statistik Sachsen). Von 2005 - 2012 wird ein Bevölkerungsrückgang von 15,5 % ausgewiesen. Die Bevölkerungsprognose erwartet im Zeitraum 2009 - 2030 einen Bevölkerungsrückgang um 38,7 %. Der Bevölkerungsanteil der 65Jährigen und Älteren beträgt 32,6 % (inklusive 6,8 % 80Jährige und älter, die als Hochbetagte klassifiziert werden) Die private Bertelsmann-Stiftung ordnet Hoyerswerda dem Demographietyp 9 zu, der mit "stark schrumpfende Kommunen mit besonderem Anpassungsdruck" umschrieben wird.

Droht Deutschland tatsächlich dieses Schicksal oder wird hier nur ein Sonderfall zum Regelfall erklärt? Dagegen spricht bereits, dass HANNEMANN Hoyerswerda als Beispiel für die Altlasten der sozialistischen Stadt beschreibt:

"Aus heutiger Sicht stellen die Vernachlässigung der »alten Stadt«, die Unterfinanzierung der Wohnungswirtschaft und die Austrocknung der kommunalen Selbstverwaltung die größten Probleme dar, welche die sozialistische Stadtpolitik hinterlassen hat. Zudem differenzierten sich ostdeutsche Städte schon zu DDR-Zeiten aus – in solche, die von der zentralstaatlichen Siedlungsplanung der DDR aus wirtschaftlichen, administrativen oder anderen politisch-ideologischen Gründen in der Ressourcenzuweisung bevorzugt, und solche, die bewusst nicht in diesen Kreis einbezogen wurden." (S.18)

Geprägt wird die Debatte um den Stadtumbau durch das Denken in Abwärtsspiralen, das aus der folgenden Grafik hervorgeht:

Quelle: Christine Hannemann, 2003, S.20

Es wäre also zu klären inwiefern solche Dynamiken überhaupt typisch sind für schrumpfende Städte in Deutschland und ob die Dynamiken nicht politisch verstärkt werden.

Der Punkt "schlechtes Image" ist auch eine Frage nach der medialen Berichterstattung über den demografischen Wandel. Hoyerswerda wurde Anfang der 1990er Jahre  international bekannt durch Ausländerfeindlichkeit. Inwiefern trug z.B. dieser Imageschaden zu den heutigen Problemen bei? Welche Rolle spielen überzogene Wachstumserwartungen nach der Wiedervereinigung für die heutigen Probleme?

Das Bild der Abwärtsspirale zeigt, dass nicht unbedingt der demografische Wandel Ursache der Entwicklung ist, sondern eher die Folge bzw. Begleiterscheinung wirtschaftlicher Entwicklungen, politischer Fehlentscheidungen bzw. medialer Berichterstattung.

Abwärtsspiralen wären also eine empirisch zu beantwortende Frage. Wer diese jedoch zum Ausgangspunkt von globalen Handlungsstrategien macht, der trägt zu einer Blickverengung oder gar Denkverboten bei, die gegenteilige Entwicklungen vernachlässigt bzw. die Chance des selektiven Gegensteuerns vergibt. Bevölkerungsprognosen geben für ein solches Denken den Takt vor:

"Folgt man den amtlichen Bevölkerungsprognosen, so wird (die)(...) »Umverteilung« der Bevölkerung und der Flächen in den nächsten Jahrzehnten weiter voranschreiten: Bis zum Jahr 2025 – so die Schätzung – werden die ostdeutschen Städte bis zu 25 Prozent ihrer Bevölkerung verlieren."

HANNEMANN sieht deshalb in den schrumpfenden Städten den neuen Normalfall der Stadtentwicklung in Deutschland:

"Vielfach wird noch versucht, Schrumpfung auf den demographischen Faktor zu reduzieren. Im Falle Ostdeutschlands konzentriert sich die politische Debatte um »schrumpfende Städte« jedoch aktuell auf das von der Bundesregierung aufgelegte Programm »Stadtumbau Ost«, in dessen Kontext 262 Kommunen integrierte Stadtentwicklungskonzepte als Voraussetzung zur Förderung von Rückbau und Abriss erarbeitet haben. Das Bund-Länder-Programm ist der erste Versuch, die anspruchsvolle gesellschaftliche Aufgabe der Gestaltung von Schrumpfungsprozessen zu instrumentieren",

erläutert HANNEMANN und kritisiert gleichzeitig, dass dieses Programm lediglich ein Rettungsplan für die Wohnungswirtschaft ist und damit der Großteil des Problemspektrums vernachlässigt wird:

"Nicht nur der prognostizierte absolute Bevölkerungsrückgang, sondern auch die Zusammensetzung der Bevölkerung und die Haushaltsstrukturen signalisieren mittel- und langfristig Handlungsbedarf. Zudem geriert die Verschiebung der Altersstruktur einen dramatischen Wandel der städtischen Bevölkerung; der Altersdurchschnitt der StadtbewohnerInnen wird sich deutlich erhöhen, wie es demographische Hochrechnungen nahe legen. Durch den Geburtenrückgang ist von immer weniger familiären Unterstützungssystemen für ältere Menschen auszugehen."

Das Denken in Abwärtsspiralen kann als Gegenpol zu den überzogenen Wachstumshoffnungen der frühen 1990er Jahre gesehen werden. Mit seinem Dogma der Unumkehrbarkeit läuft es Gefahr zeitweilige Phasen zu verabsolutieren. Stattdessen gilt es jene Punkte ausfindig zu machen, die Wendepunkte markieren. Hier besteht Forschungsbedarf.

AUS POLITIK UND ZEITGESCHICHTE-Thema: Stadtentwicklung

HANNEMANN, Christine (2010): Heimischsein, Übernachten und Residieren - wie das Wohnen die Stadt verändert,
in:
Aus Politik und Zeitgeschichte Nr.17 v. 26.04.

Was immer noch nicht selbstverständlich ist: HANNEMANN weist darauf hin, dass die Zahl der Alleinwohnenden üblicherweise überschätzt wird:

"Hinsichtlich dieses Trends sind gerade aus den Medien quantitative Alarmierungen nach dem Motto »Die Gesellschaft vereinsamt – immer mehr Singles in den Großstädten« bekannt. So präsentiert eine aktuelle Studie eines Wirtschaftsberatungsunternehmens die Erkenntnis, dass der Anteil der Einpersonenhaushalte in Deutschland weiter wachse. Laut dieser Studie wohnen 38 Prozent der Deutschen allein. Berlin ist mit einem Anteil von 52 Prozent »Singlehauptstadt«. (...) Allerdings, und darauf verweist zurecht die Webseite  www.single-generation.de, die sich mit Akteuren, Positionen und Abgrenzungspolitiken gegenüber der Singles beschäftigt, sind solche Aussagen nur bedingt aussagekräftig: Da das Statistische Bundesamt nicht die Haushaltsstrukturstatistik mit der Bevölkerungsstruktur verknüpft, ergibt sich ein verzerrtes Bild der tatsächlichen Lebensverhältnisse in Deutschland. Aus der Haushaltsstatistik resultiert eine Überschätzung des Alleinwohnens."

HANNEMANN, Christine (2014): Zum Wandel des Wohnens.
in: Aus Politik und Zeitgeschichte Nr.20-21 v. 12.05.

Eines der meist vernachlässigten Themen ist das multilokale Wohnen, das spätestens seit den Hartz-Reformen in erster Linie keine Frage der Wahlfreiheit mehr ist, sondern der gesellschaftlichen Zwänge. Häufig wird dies immer noch mit einem Trend zur Individualisierung oder gar zur Single-Gesellschaft verwechselt, der mit dem unbrauchbaren Indikator Einpersonenhaushalt gemessen wird.

"Multilokalität hat inzwischen einen solchen Umfang und solche Spezifik erlangt, dass in der sozialräumlichen Forschung diese soziale Praxis der Lebensführung »gleichberechtigt neben Migration und Zirkulation« gestellt wird",

heißt es bei Christine HANNEMANN. Dem Stellenwert des multilokalen Wohnens werden die Beiträge des Themenheftes in keinerlei Hinsicht gerecht.

Auf der anderen Seite führt die Fokussierung auf Haushalte, statt auf haushaltsübergreifende Wohnformen dazu, dass insbesondere in ländlichen Gegenden sogenannte Hausfamilien, d.h. die haushaltsübergreifende, aber im gleichen Haus lebende "Großfamilie" ignoriert und damit Individualisierung überschätzt wird. Auch die multilokale Mehrgenerationen-Familie, die gerade unter dem Aspekt der steigenden Lebenserwartung vermehrt Beachtung finden müsste, wird aufgrund der Haushaltsfixierung der amtlichen Statistik vernachlässigt.

Der viel kritisierte Trend zu kleineren Haushalten ist also auch die Konsequenz eines verengten Blicks, der haushaltsübergreifende Lebensformen ignoriert. Wohnungspolitische Fehleinschätzungen sind damit für die Zukunft vorprogrammiert.

 
       
   

Christine Hannemann im Gespräch

 
   
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Die Platte (2005)
Industrialisierter Wohnungsbau in der DDR

Schiler Verlag

 
   
     
 

Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis

Vorwort
Vorwort zur 2. Auflage
Einleitung
1 Industrialisiertes Bauen und Wohnen: Zur sozialen Konstruktion eines baugeschichtlichen Topos
2 Technik als Leitbild. Zur Entwicklung des industrialisierten Bauens und dessen Verknüpfung mit dem Wohnungsproblem
3 Entdifferenzierung durch Industrialisierung: Zur Genese des Systems der "Platte" in der DDR
4 Zur Ideologie der "Platte"
5 Wohnen in der "Platte" im Spiegel soziologischer Forschung der DDR
6 Die "Platte" als sozio-technisches System
7 Ausblick: Entdifferenzierung als Hypothek – Differenzierung als Aufgabe
8 DDR-Neubaugebiete seit der Wende

Die DDR-Großsiedlungen als neue Problemgebiete
Bestandsaufnahme: Größenordnung, Anzahl und Lage
Wandel: Bewohnerstruktur und Lebensverhältnisse
Großsiedlungspolitik nach der Wende und ihre Auswirkung auf die Entwicklung der DDR-Neubaugebiete

Wohnungs- und Mietenpolitik
Fördermaßnahmen
Modell- und Forschungsvorhaben

Vom sozialistischen Vorzeigeobjekt zum "normalen" Stadtteil?

     
 
       
   

Rezensionen

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Beiträge von single-generation.de zum Thema

Deutsche Kommunen im demografischen Wandel. Oder: Wie die Demographisierung gesellschaftlicher Probleme die deutsche Politik bestimmt

 
   

Hoyerswerda in der Debatte

MEHLITZ, Johannes (2004): West gegen Ost.
RM-Spezial: Hoyerswerda blickt in eine blasse Zukunft,
in: Rheinischer Merkur Nr.32 v. 05.08.

RINGEL, Felix (2010): Hoytopia allerorten? Von der Freiheit zu bleiben,
in: Aus Politik und Zeitgeschichte Nr.30-31 v. 26.07.

Felix RINGEL beschreibt Hoyerswerda als Stadt, die sowohl in der DDR als auch in Deutschland zur Avantgarde geworden ist:

"In Hoywoy, wie die Neustädter ihr neues Zuhause nannten, folgte man architektonisch der Bauhaus-Moderne. (...). Die Stadt wuchs in jener Zeit von anfangs 7000 auf mehr als 70 000 Einwohner. Es kamen vor allem junge Familien auf der Suche nach Arbeit und einer Wohnung mit in Nachkriegsjahren rarem modernem Komfort: Warmwasser, eigenes Bad, Fernheizung. Schnell wurde Hoyerswerda bei einem Durchschnittsalter der Einwohner von knapp 27 Jahren zur jüngsten und kinderreichsten Stadt der DDR. (...).
In nur 20 Jahren hat sich die Hauptstadt des Lausitzer Reviers von ihrer einst strahlenden Zukunft verabschiedet. Zwei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung macht Hoywoy vor allem eins: Es schrumpft. Damit ist es jedoch nicht allein getan. Im Gegenteil, ganz Ostdeutschland kämpft mit einer stetig geringer und älter werdenden Bevölkerung, mit sich entleerenden Dörfern und Landschaften und den vielen Problemen, die mit einem derartigen demografischen Wandel einhergehen. (...). Würden Migranten nicht das »Humankontingent« stärken, wäre Schrumpfung allerorten ein Thema. Hoywoy ist, wenn auch unerwartet und ungewollt, wieder zur Avantgardestadt geworden, und mit ihr die Ostdeutschen zu neuen Lebensexperten."

Was musste passieren, fragt sich deshalb RINGEL, dass die Stadt innerhalb so kurzer Zeit über die Hälfte ihrer Bürgerinnen und Bürger verloren hat und nun auf dem Weg zur ältesten Stadt Deutschlands ist. Eine einfache Antwort findet RINGEL darauf nicht, stattdessen fordert er Unterstützung für die Dagebliebenen:

"Die verbliebenen rund 37 000 Hoyerswerdaer brauchen jede Unterstützung. Denn die Schrumpfung hat noch lange nicht aufgehört: Bis zum Jahr 2020 könnte die Bevölkerung auf unter 25 000 Menschen sinken. Neben den persönlichen Schicksalen und ungewollten Veränderungen bereitet vor allem die gefährdete Lebensqualität den Dableibern"

Mit welchen Maßnahmen sich Hoyerswerda gegen diesen Niedergang wehrt beschreibt RINGEL im letzten Teil des Beitrags.

ROST, Norbert (2014): Von Hoyerswerda lernen.
Aufstieg und Fall der Lausitzer Braunkohle und ihrer Städte: Hoyerswerda und Weisswasser mahnen, wie wacklig unsere fossile Industriekultur sein kann,
in:
Telepolis v. 27.07.

"Binnen 20 Jahren versiebenfachte die Kleinstadt Hoyerswerda im 20. Jahrhundert ihre Bewohnerzahl. Braunkohle war der Magnet, dem alle folgten, und seit er seine Kraft verlor, schrumpft die Stadt ins Bodenlose",

meint Norbert ROST. Bereits im Jahr 2003 behauptete die Stadtsoziologin Christine HANNEMANN, dass Hoyerswerda überall sei. Schrumpfende Städte werden uns gerne als demografisches Problem, d.h. verursacht durch den demografischen Wandel, verkauft. Tatsächlich wird Schrumpfung in erster Linie durch die Wirtschaftsstruktur bestimmt. Erst wenn die Wirtschaft im Niedergang begriffen ist, kommt es zum Bevölkerungsrückgang und zum dadurch ausgelösten Altersstrukturwandel. ROST macht es sich jedoch zu einfach, die Bevölkerungsentwicklung von Hoyerswerda allein auf den Bedeutungsverlust der Braunkohle zu schieben. Damit werden Deindustrialisierungsprozesse im Zuge der Wiedervereinigung sowie der Imageschaden durch die ausländerfeindlichen Ausschreitungen in den 1990er Jahren verharmlost.

 
   

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Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 29. Juni 2014
Update: 20. März 2016