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Stefan Hradil: Die "Single-Gesellschaft"

 
       
     
       
     
       
   

Stefan Hradil in seiner eigenen Schreibe

 
   

HRADIL, Stefan (1995): Auf dem Wege zur Single-Gesellschaft? In: Uta Gerhardt / Stefan Hradil / Doris Lucke / Bernhard Nauck (Hg.): Familie der Zukunft, Opladen: Leske + Budrich, S. 189-226

Stefan HRADIL definiert die Single-Gesellschaft folgendermaßen:

»Singlegesellschaft« ist eine Gesellschaft, in der der Bevölkerungsanteil von Singles so deutlich anwächst oder bereits dominiert, daß die gesamtgesellschaftliche Entwicklung hiervon maßgeblich bestimmt wird. (...).
Der Begriff »Singlegesellschaft« kann auch in übertragener Bedeutung aber auch sozio-kulturell verstanden werden. Er bezeichnet dann eine weitgehend individualisierte Gesellschaft. Wenn Menschen ihr Leben so gestalten oder gestalten möchten, daß sie - bewußt oder unbewußt, eigennützig oder selbstlos, alleine oder in Familie - primär eigene Ziele und Wege verolgen bzw. verfolgen wollen, führen sie ihr Leben individualisiert und sind, was ihr Denken und z.T. Handeln anbelangt, auf eine gewisse Weise »Singles«." (S.191)

Im Bereich der Pflege- und Rentenversicherung plädiert HRADIL für kinderzahlabhängige Beiträge:

Die "absehbare Mehrbelastung der öffentlichen Altenpflegeeinrichtungen läßt m.E. eine lebensform- und kinderzahlabhängie Differenzierung der Beiträge zur Pflegeversicherung gerechtfertigt erscheinen. Es ist nich einzusehen, wieso Eltern mehrer Kinder, von denen wahrscheinlich jemand zur Pflege zu Verfügung stehen wird, genau so viel Beiträge zur Pflegeversicherung zahlen sollen wie Singles. Wenn die Untergrabung des Subsidiaritätsprinzips diese Beitragsstaffelung rechtfertigt, dann legitimiert die von Singles mitverursachte Erosion des Generationenvertrags auch nach Lebensform und Kinderzahl abgestufte Beiträge zur Rentenversicherung." (S.215)

HRADIL, Stefan (1998): Die Seismographen der Modernisierung. Singles in Deutschland,
in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 53/98, S. 9-16

HRADIL, Stefan (2000): Die Single-Gesellschaft. In: Pongs, Armin (Hg.): In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich? Gesellschaftskonzepte im Vergleich, Bd. 2, München: Dilemma-Verlag, S. 103-124

HRADIL, der aus einem Arbeiterhaushalt stammt, sieht die gesellschaftliche Situation weniger dramatisch als es in Soziologie und Öffentlichkeit erscheint. Der Individualisierungsprozess wird mittlerweile durch eine Gegenbewegung eingehegt. In der Literatur sieht er ein Frühwarnsystem:

"Ich bin (...) der Meinung, dass man als Soziologe von großen Teilen der Belletristik viel lernen kann, in dem Sinne, dass Literatur ein gutes Frühwarnsystem darstellt, das bestimmte Tendenzen eher aufdeckt als die meist langsamen soziologischen Instrumentarien. Romane wie »Die Entdeckung der Langsamkeit« von Sten Nadolny enthalten viel an Vorahnungen über Probleme, in die die Moderne mit ihrer Effizienzhypostasierung hinausläuft." (S.111)

Den Trend zum Single sieht HRADIL durch einen Altersstruktureffekt (schwache nachwachsende Jahrgänge) und Migration abgeschwächt. Beträchtliche Mehrbelastungen sieht er hinsichtlich der Alten- und Pflegeeinrichtungen. Milieumäßig verortet HRADIL die Singles folgendermaßen:

"Singles wählen (...) überwiegend Grün, seltener, SPD. Nur wenige Singles geben konservativen Parteien ihre Stimme, rechtsextremen erst recht nicht. (...). Was die Milieugliederung betrifft: Man braucht im kleinbürgerlichen Milieu, im traditionellen Arbeitermilieu und im konservativ gehobenen Milieu eine Lupe, um Singles ausfindig zu machen. Umgekehrt findet man im hedonistischen und im liberal-technokratischen Milieu sehr viele Singles. Einige männliche Singles gibt es auch im traditionslosen Arbeitermilieu. Das sind zum Teil die »Problemsingles«". (S.121)

HRADIL geht jedoch davon aus, dass diese Milieukonzentrationen keinen Bestand haben wird. Als »Grundfigur der Moderne« sieht er den Single lediglich im qualitativen, aber nicht im quantitativen Sinne. Im Single-Dasein sieht er eine Lebensphase für Umbruchzeiten:

"Funktionale Phasen des Alleinlebens können in gewisser Weise helfen, mit den Turbulenzen der heutigen Zeit, mit Arbeitslosigkeit, neuen Jobs, Umlernen, der drastischen Zunahme der Lernanforderungen und veränderten privaten Verhältnissen zurechtzukommen. Jeder Einzelne sieht sich Umbrüchen in nie gekannter Zahl gegenüber. Diese kann man nicht in allen Lebensformen gleich gut bewältigen.
Dies bedeutet eine Umkehrung herkömmlichen soziologischen Denkens. (...). Die Gesellschaft braucht ihre individualisierten Singles, obwohl diese manchmal auch ein Problem sind." (S.123)

Die Gegenbewegung zur Individualisierung sieht HRADIL jedoch bereits aufkommen:

"Während viele seit den späten 60er Jahren von den neugewonnenen individuellen Möglichkeiten fasziniert waren und diese auch auskosteten, scheuen in letzter Zeit immer mehr Menschen, besonders der jüngeren Generation, die damit verbundenen Anomie- und Konfliktgefahren. Sie nehmen Zuflucht in Moralisierung oder in konventionellen Lebensführungen und damit in De-Individualisierung." (S.124)

HRADIL, Stefan: Auf dem Wege zur "Single-" und "Erlebnisgesellschaft"? Die Sozialstruktur des Landes Rheinland-Pfalz. In: Sarcinelli, Ulrich / Falter, Jürgen W. / Mielke, Gerd / Benzner, Bodo (Hg.): Politische Kultur in Rheinland-Pfalz, Mainz-München: v. Hase & Koehler, S. 75-94

HRADIL, Stefan (2003): Die Suche nach Sicherheit und Gemeinschaft in der individualisierten Gesellschaft. In: Karl-Heinz Hillmann & Georg W. Oesterdiekhoff (Hg.) Die Verbesserung des menschlichen Zusammenlebens. Eine Herausforderung für die Soziologie, Opladen: Leske + Budrich, S.111-125

HRADIL, Stefan (2003): Vom Leitbild zum "Leidbild". Singles, ihre veränderte Wahrnehmung und der "Wandel des Wertewandels".
In: Zeitschrift für Familienforschung, 15. Jg., Heft 1/2003, S. 38-54

Die Generation Golf als Träger eines Wertewandels?

HRADIL, Stefan (2003): Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel,
in: Sozialwissenschaftliche Literaturrundschau, 47, Heft 2, S.43-48

Besprechung des Buchs "Soziale Milieus im gesellschaftlichen Strukturwandel" von Michael VESTER.

HRADIL, Stefan (2005):  Peter Schimany: Die Alterung der Gesellschaft,
in: Soziologische Revue, 28, April

Besprechung des Buchs "Die Alterung der Gesellschaft" von Peter SCHIMANY.

Vernetztes Leben.
Soziale und digitale Strukturen

HRADIL, Stefan (2006): Werden wir alle »Singles«?
in: Vernetztes Leben. Soziale und digitale Strukturen, H.12 Problemkreise der angewandten Kulturwissenschaft, Zentrum für angewandte Kulturwissenschaft, Karlsruhe

In diesem Beitrag, der auf einem Vortrag im Rahmen des Studiums Generale basiert, macht HRADIL auf die Single-Rhetorik der Medien aufmerksam.
          
 Single-generation.de hat bereits seit der Jahrtausendwende diese Single-Rhetorik und die damit verbundene Single-Lüge angeprangert. Hier wurde sogar so weit gegangen, zu behaupten, dass der Geburtenrückgang auch ein Kollateralschaden der Single-Rhetorik ist.
          
 Wenn jetzt z.B. Medienwissenschaftler wie Norbert BOLZ über die Unsichtbarkeit der klassischen Familie klagen, dann haben sie sich das selber zuzuschreiben.
          
 Stefan HRADIL zeigt auf, wie die Medien das Single-Dasein erst zu dem gemacht haben, was es heute ist. Dass er dies am Beispiel der Süddeutschen Zeitung tut, die mit am lautesten über den Geburtenrückgang klagt, verdeutlicht die Heuchelei, die seit Jahren betrieben wird:

"Bedenkt man, dass selbst die (....) weiteste Definition zum Ergebnis kommt, dass weniger als ein Zehntel der Einwohner Deutschlands Singles sind, so erweisen sich viele schrillen Pressemeldungen als Unsinn: »Schon ein Drittel der Deutschen sind Singles« schrieb einmal die renommierte Süddeutsche Zeitung in einer dreispaltigen Überschrift. Hier wurde, wie so oft, der Anteil der Einpersonenhaushalte an allen Haushalten Deutschlands (ca. 37 %) mit dem Anteil der Singles an allen Personen Deutschlands verwechselt. Es wurde nicht berücksichtigt, dass in dem guten Drittel der Privathaushalte in Deutschland, in dem jeweils nur eine Person lebt, viel weniger als ein Drittel aller Menschen wohnen, nämlich ca. 16 %. Dazu wurde vergessen, dass man allenfalls die Hälfte dieser Menschen sinnvollerweise als Singles bezeichnen kann. 78-jährige Witwen und 21-jährige Studierenden sind keine Singles, sondern nur Menschen im mittleren, d.h. »im besten Familienlebensalter«. Also, wörtlich genommen, sind wir bestimmt nicht auf dem Weg in die Single-Gesellschaft". (S.80-81)"

In dem Buch Die Single-Lüge wird aufgezeigt, dass an dieser Misere keineswegs nur die Medien schuld sind, sondern auch Politik und Wissenschaft.

HRADIL, Stefan (2007): Vom Leitbild zum "Leidbild". Singles als Symbole der Moderne. In: Susanne Mayer & Dietmar Schulte (Hg.): Die Zukunft der Familie, München: Fink Verlag, S. 137-147

HRADIL, Stefan (2010): Der Single. In: MOEBIUS, Stephan & Markus SCHROER (Hg.): Diven, Hacker, Spekulanten. Sozialfiguren der Gegenwart, Berlin: Suhrkamp Verlag, S. 343-352

Aus Politik und Zeitgeschichte-Thema: Armut in Deutschland

HRADIL, Stefan (2010): Der deutsche Armutsdiskurs,
in: Aus Politik und Zeitgeschichte Nr.51-52 v. 20.12.

Wie schädlich ist die deutsche Armutsdebatte? Paul NOLTE hat die neokonservative Debatte um die Unterschicht angestoßen. 2006 nahm sie Fahrt auf, um dieses Jahr mit der Debatte um das Buch Deutschland schafft sich ab von Thilo SARRAZIN jedes Maß zu verlieren. Der Soziologe Stefan HRADIL gibt einen Überblick über die verschiedenen Positionen, um dann die Frage aufzuwerfen, ob die Mittelschicht nicht selber das Problem ist:

"Aber richtig scharf wird die Kritik an der »Kulturalisierung« und der moralischen Verurteilung der Unterschicht, wenn der Verdacht aufkommt, diese Sichtweise sei strategisch motiviert, um wohlfahrtsstaatliche Leistungen zurückzustutzen und die Kassen der Begüterten zu schonen. Damit wird angesprochen, wer nach Meinung vieler im gegenwärtigen Armutsdiskurs der wahre Adressat von Verurteilungen der Unterschicht ist: die Mittelschicht."

Während der Popsoziologe Heinz BUDE, den mit viel Mitteln aus der EU finanzierten Begriff "Exklusion" in Deutschland popularisiert hat, geht der Soziologe Berthold VOGEL in seinem Buch Wohlstandskonflikte auf den Umbau des Wohlfahrtsstaates ein, der genau jene Milieus betrifft, die meinungsstark das Gesellschaftsbild prägen.
            HRADIL geht zuletzt auch auf die schädlichen Folgen der maßlosen Mittelschichtdebatte à la SARRAZIN ein:

"Die Debatte über die schrumpfende und verängstigte Mittelschicht lässt sie an Glanz verlieren und macht sie als Aufstiegsziel unattraktiv. Haben es Arbeiter ohnehin schwer, in die Mittelschicht vorzustoßen, so kommt nun noch der Eindruck hinzu, die Mühe lohne sich immer weniger. Dies verstärkt in den unteren Schichten ohnehin vorhandene Gefühle der Resignation und der Ungerechtigkeit. Zum Zusammenhalt und zur Produktivität unserer Gesellschaft trägt das nicht bei".

Lifestyle-Soziologen wie Stefan HRADIL müssen sich jedoch fragen lassen, inwieweit sie mit völlig übertriebenem Individualisierungseuphorismus in den 1990er Jahren selber zur gegenwärtigen Lage beigetragen haben.

DER BÜRGER IM STAAT-Thema: Alter(n)

Neu:
HRADIL, Stefan (2015): Die Alterung der Bevölkerung.
Die demographische Entwicklung in Deutschland,
in: Der Bürger im Staat, Heft 2-3, S.78-87

 
       
   

Stefan Hradil im Gespräch

 
   

ZIHLMANN, Oliver (1999): "Die Singles wirken wie Seismografen".
Soziologe Stefan Hradil über Geld, Lifestyle und Marktmacht der Singles,
in: SonntagsZeitung v. 11.07.

Stefan HRADIL beziffert den kaufkräftigen, trendsettenden Single (Yuppie) auf höchstens 4 % der Bevölkerung:

"Hradil: Die Singles definieren sich gegenüber anderen - und auch sich selber gegenüber - in der Art ihres Lifestyles. Die Frage »Wie lebe ich?« ist für sie von entscheidender Bedeutung. Für die Wirtschaft heisst das, dass sie oft ästhetisch und qualitativ sehr hochwertige Güter auf dem neusten Stand der Technik kaufen. Das fängt beim schicken Cabriolet an, geht über die gediegene Wohnungseinrichtung bis zum teuren Parfum. Alle diese Güter sind für die Singles wichtig, weil sie sich so ein Auftreten und einen Freundeskreis einrichten, den sie für sich selber brauchen.
Zihlmann: Der Single ist also eine Marktmacht?
Hradil: Hier gilt zu berücksichtigen, dass nur 16 Prozent der Bevölkerung ohne Partner leben und davon wiederum die Hälfte entweder sehr alt oder noch zu jung ist, um als Single zu gelten. Wenn man dann noch die Singles abzieht, die nur kurz alleine leben, bleiben höchstens noch vier Prozent der Bevölkerung übrig. Als Individuen sind die Singles also durchaus kaufkräftig, aber als Zielgruppe sind sie recht klein. Viel wichtiger für die Wirtschaft ist aber, dass die Singles durch ihr Konsumverhalten wie Seismografen wirken. Man kann an vielen Gütern nachweisen, dass sie diejenigen sind, die bestimmten Moden und Innovationen am ehesten folgen. sie setzen mit ihrem Lebensstil die Trends, die Familien ziehen dann später oft nach. Die Singles gelten durch ihr Kaufverhalten als Multiplikatoren und sind gerade deshalb für die Wirtschaft so interessant."

BRÜDGAM, Nele-Marie (2000): "Singles suchen im Netz schicke Bekannte",
in:
Tomorrow, Juni

STANEK, Julia (2010): "Singles wandern auf schmalem Grat".
Leben ohne Partner: Sie sind unabhängig, haben einen großen Freundeskreis, verdienen gut - Single zu sein hat eine Menge Vorteile. In Krisenzeiten aber sind die Partnerlosen meist auf sich allein gestellt, im Alter isoliert. Der Soziologe Stefan Hradil warnt vor den Risiken des Einzelkämpfer-Daseins,
in: Spiegel online v. 09.11.

Die Schlagzeilen verfälschen das Gesagte. Wenn Stefan HRADIL über Singles spricht, dann spricht er nicht über Partnerlose, sondern über Alleinlebende. Es ist ärgerlich, dass er dies in dem Interview nicht herausstellt. Die Wissenschaft trägt somit eine Mitschuld am falschen Bild der Partnerlosigkeit in Deutschland. Viele Partnerlose leben nicht allein, sondern z.B. bei den Eltern oder in anderen Mehrpersonenhaushalten. Partnerlose sind auch nicht unbedingt gut verdienend, wie es HRADIL behauptet, sondern es betrifft vor allem die alleinlebenden Spiegel Online-LeserInnen, denen allein die Botschaft gilt.

OTTENSCHLÄGER, Madlen (2012): "Unsere Gesellschaft braucht Singles".
Denn sie können einiges besser als Paare. Was genau, erklärt der Soziologe Professor Stefan Hradil,
in: Brigitte Nr.38 v. 19.09.

Warum prägt das Bild der unfreiwillig Partnerlosen vielfach immer noch das Bild der Alleinlebenden, obwohl viele statistisch Alleinlebenden keineswegs partnerlos sind? Weil sie eine Projektionsfläche für Nicht-Singles sind, lautet eine Antwort von Stefan HRADIL. Der Soziologe setzt gegen diese Projektionen das Bild der urbanen, gut gebildeten Karrieremenschen im mittleren Lebensalter und der Alleinlebenden mit Kindern:

"Singles haben natürlich Kinder, schließlich wird inzwischen fast jede zweite Ehe geschieden. Und Singles und Alleinlebende helfen unserer Gesellschaft sehr wohl: Sie zahlen Steuern, sind gute Konsumenten. Und sie leisten Beziehungsarbeit".

 
       
   

Die "Single-Gesellschaft" (1995)
Schriftenreihe des Bundeskanzleramtes Bd.17
München: C. H. Beck

 
   
     
 

Klappentext

"Immer mehr Menschen wohnen alleine. Die Zahl der »Singles« wächst in nie gekanntem Ausmaß. Die einen sehen in ihnen autonome Persönlichkeiten, emanzipierte Frauen und berufliche Leistungshelden. Die anderen bedauern sie als einsam und sexuell frustriert, halten Alleinlebende für abschreckende Beispiele von Egoismus, Kontaktunfähigkeit und Sozialschmarotzertum.

Welche Auswirkungen wird das zunehmende Alleinleben haben: Wer wird die alt gewordenen Singles pflegen, wer baut die vielen Wohnungen für sie, wer entsorgt den Müllberg? Die Gefahren von Vorurteilen mehren sich. Übertriebenen Ängsten und heilversprechenden Hoffnungen kann nur mit exakten Kenntnissen und Prognosen begegnet werden.

Im vorliegenden Buch wird dargestellt,
- wie viele Singles es früher gab, heute gibt und in Zukunft geben wird, wie sie leben, welche Typen auseinanderzuhalten sind,
- warum immer mehr Menschen als Singles leben,
- inwieweit Singles »nützlich« oder »schädlich« sind, was sie künftig zur Lösung unserer Probleme beitragen,
- welche Gestaltungswege es gibt: hin zur »moralischen« Gesellschaft, zur »Partizipationsgesellschaft«, zur »solidarischen« Gesellschaft oder zur »Mitarbeitsgesellschaft«.

Das Fazit: Die »Single-Gesellschaft« wird es nicht geben. Wohl aber werden wir mehr als bisher die Folgen vermehrten Alleinlebens beachten müssen."

Zitate:

Alleinlebende und Singles

"Alleinlebende sind »Personen, die für sich alleine in einem Haushalt wohnen und wirtschaften«. (...).
Derzeit leben (...) ca. 16 % der Bevölkerung Deutschlands alleine. Alle Singles leben per definitionem alleine bzw. in Einpersonenhaushalten. Aber nicht alle Alleinlebenden sind Singles." (1995, S.6)

Herkunft und Bedeutungswandel des Begriffs "Single"

"Als der Begriff »Singles« in den 70er Jahren aus den USA nach Europa kam, war damit die Lebensform des Alleinlebens, aber zugleich auch eine bestimmte Lebensweise gemeint: Als »Singles« galten jüngere Menschen, die statt eine Familie zu gründen oder in einer Paarbeziehung zusammen zu leben, bewußt und freiwillig allein lebten, ohne eine feste Partnerschaft zu unterhalten. Häufig klang in diesem Begriff eine noch spezifischere Lebensweise mit: Die »Swinging Singles« vermieden Festlegungen (...). Ihr Stil bestand gerade im Wechsel. Gute materielle Voraussetzungen machten ihnen dies möglich.
Seit dieser Zeit wurde der Begriff
»Single« immer wieder neu definiert. (...). Heute wird in Deutschland oft schon jeder als »Single« bezeichnet, der allein lebt. (...). Der Begriff »Single« ist darauf und daran, zum Synonym für den statistischen Begriff »Einpersonenhaushalt« zu geraten." (1995, S.6)

Enger und weiter Single-Begriff

"Im folgenden wird einerseits ein weiter, andererseits ein enger Begriff von »Singles« zugrundegelegt. Beiden ist gemeinsam, daß Single nur der ist, der alleine lebt und haushält, obwohl es hinreichend gesellschaftliche Alternativen hierfür gibt.
Der weite Singlebegriff enthält nur die beiden Definitionskriterien Einpersonenhaushalt und Alter. Ihm zufolge gelten diejenigen als
»Singles«, die 25 bis unter 55 Jahre alt sind und alleine leben und haushalten (...). Demnach galten 1992 etwa 8 % der erwachsenen Bevölkerung Deutschlands als »Singles«. Das waren knapp 10 % der Westdeutschen und etwas weniger als 5 % der Ostdeutschen. Dieser weite Begriff des »Single« zielt (...) im wesentlichen auf eine Lebensform und abstrahiert von den meisten Kennzeichen der Lebensweise." (1995, S.7)

"Nur die mittlere Altersgruppe umfaßt (...) jene Menschen, die mit einiger Sicherheit gesellschaftliche Alternativen für die Lebensform des »Single« zur Verfügung haben. (...). Ob noch in zehn oder in 20 Jahren mit diesen Altersgrenzen oder überhaupt mit Altersgrenzen bei der Begriffsbestimmung von »Singles« gearbeitet werden kann, läßt sich bezweifeln." (1995, S.8)

Für bestimmte Fragestellungen sind die »Singles«, die im (...) weiten Begriff erfaßt werden, viel zu inhomogen. Deswegen wird im folgenden auch ein Begriff des »Single« im engeren Sinne verwendet. Ihm zufolge gilt jede(r) als »Single«, der bzw. die alleine in einem Einpersonenhaushalt lebt, 25 bis unter 55 Jahre alt ist, und angibt, keinen festen Partner zu haben sowie aus eigenem Willen und für längere Zeit alleinleben zu wollen. Legt man diesen Begriff zugrunde, so gelten maximal 3 % der Bevölkerung Deutschlands als »Singles« (...).
Dieser Begriff des Singles i.e.S. zielt nicht nur auf eine bestimmte Lebensform sondern zugleich auf eine bestimmte Lebensweise, das heißt auf bestimmte innere Motive und auf ein bestimmtes Beziehungsverhalten. Einerlei ist auch im Sinne des engen Begriffs der rechtliche Familienstand, die Einkommensart und -höhe sowie die Zahl der Kinder außer Haus. Nicht gleichgültig ist die Partnerlosigkeit, Freiwilligkeit und beabsichtigte Dauerhaftigkeit des eigenen Daseins." (1995, S.9)

Partnerschaften ohne gemeinsamen Haushalt werden aus pragmatischen Gründen zu den Singles gezählt

"Manche Studien bestehen darauf, daß alleinlebende Personen, die einen festen Partner haben, nicht als »Singles« zählen. Sie werden als eine bestimmte Form »Nichtehelicher Lebensgemeinschaften« dargestellt, die man mit »Living apart Together« umschreibt. In dieser Veröffentlichung werden wir auch jene Alleinlebenden, die (angeben) einen festen Partner (zu) haben, als Singles bezeichnen. Hauptsächlich geschieht dies deshalb, weil das Kriterium der Partnerschaft wenig trennscharf ist. Wer als »fester Partner« zählt, ist kaum begründet definierbar und erst recht nicht exakt meßbar. (...). Außerdem ist es für viele Fragestellungen, z.B. für die Ermittlung des Wohnungsbedarfs, ganz unwichtig, ob Alleinlebende einen Partner haben oder nicht." (1995, S.9)

"Die Spannweite der Befragungsergebnisse erstreckt sich von einem guten Drittel der Singles, die angeben einen »festen Partner« bzw. eine »feste Partnerin« zu haben, über ein Viertel und ein Fünftel bis hin zu einem Sechstel. Qualitative intensive Interviews fördern durchweg höhere Anteile an Singles mit Partnern zutage als die (...) quantitativen Studien mit ihren vergleichsweise groben kurzen Fragen. Qualitative Intensivstudien kommen zum Ergebnis, daß etwa die Hälfte aller Singles in fester Partnerschaft lebt - Längst nicht jeder »Single« ist also wirklich allein.
Diese Partnerschaften dauern jedoch nicht allzu lange. Zwei Drittel der Singles geben an, mit ihrem Partner nicht länger als zwei Jahre zusammenzusein. Vier Fünftel haben ihren festen Partner nicht länger als fünf Jahre. Das spricht dafür, daß
»Living Apart Together« hierzulande (noch?) eine eher instabile Beziehungsform ist. Entweder man lebt als Single allein und ist dabei unter Umständen mit einem Partner liiert, den man noch nicht allzulange kennt, oder aber man zieht bei länger dauernder Partnerschaft zusammen, sehr oft unverheiratet." (1995, S.40f.)

Singles und Individualisierung

"Der Begriff der Individualisierung sagt nichts über die Lebensform aus. Er konzentriert sich auf einen bestimmten Aspekt der Lebensweise, auf die Lebensführung. Wer sein Leben so gestaltet und seine Biographie so ausrichtet, daß er - bewußt oder unbewußt, eigennützig oder selbstlos, freiwillig oder gezwungen - primär seine eigenen Ziele und Wege verfolgt, führt sein Leben indivdualisiert.
Individualisierte Lebensführungen in diesem Sinne können innerhalb aller Lebensformen und in Gestalt vieler Lebensweisen auftreten. (...). Singles gelten oft als
»Speerspitze« gesellschaftlicher Individualisierungsprozesse. (...). Individualisierung und Singles sind genausowenig dasselbe wie Alleinlebende und Singles." (1995, S.10)

Der Single als neues historisches Phänomen

"In erster Linie war es die Wohnungsnot, die dem Alleinleben noch lange entgegenstand. (...). Bis in die 60er Jahre hinein blieb das Alleinleben (...) eng an den Verlust des Ehepartners und an die Möglichkeit gebunden, die eigene Existenz durch Rentenzahlungen sichern zu können. Alleinlebende waren meist ältere Menschen. Erst seit den 60er Jahren sorgten die Bildungsexpansion, ein verändertes Bildungsverhalten, wachsender Wohlstand und mehr Wohnraum dafür, daß auch jüngere Menschen häufiger allein, das heißt als »Singles« lebten. Der Single ist also ein neues historisches Phänomen. (Bachmann 1992, S.51)" (1995, S.16f.)

Der dramatische Anstieg der Alleinlebenden zwischen 1972 und 1992

"Was bleibt, ist die Einsicht, daß der dramatische Anstieg der Alleinlebenden in den letzten Jahren in erster Linie auf die 25- bis 45jährigen zurückgeht, erst in zweiter Linie auf die jüngeren und auf die 45- bis 65-Jährigen, kaum auf die Senioren, jedenfalls in den 80er Jahren. Der drastische Anstieg der 25- bis 45jährigen Alleinlebenden - ihre Zahl hat sich in Westdeutschland seit 1972 fast verdreifacht - geht vor allem auf das Konto der Frauen: 1972 lebten erst 350000, 1989 schon 1 Million jüngere Frauen im Alter von 25 bis 45 Jahren alleine. Aber auch die Männer haben fast mitgehalten: 1972 gab es erst 700000, 1989 schon 1,7 Millionen jüngere Männer in dieser Altersgruppe." (1995, S.20)

Alleinerziehende als "Singles" mit Kind

"Die ca. 1,5 Millionen Alleinerziehenden (1992) sind »Singles« (mit Kind) und Familienhaushalte zugleich. Daß Frauen viel häufiger als Männer nach Scheidungen Alleinerziehende werden (in Westdeutschland sind 84 % aller Alleinerziehenden Frauen) trägt dazu bei, daß es weniger weibliche als männliche Singles gibt." (1995, S.22)

Die Kinder der Singles

"Singles leben definitionsgemäß nicht mit Kindern im eigenen Haushalt zusammen. Dennoch hat ein ganz erheblicher Teil von ihnen, nämlich fast ein Viertel (23,5 %) Kinder" (1995, S.23

Die Großstadtorientierung der Singles

"Die allgemeine Einschätzung geht dahin, daß Singles in der Großstadt leben. Das stimmt. Mehr als die Hälfte von ihnen (56,6 %), aber nur ein gutes Drittel (38,1 %) aller gleichaltriger Nicht-Singles lebte in den 80er Jahren in Städten von mehr als 100000 Einwohnern. Ein Drittel aller Singles (33,1 %) lebte sogar in den wenigen Städten Deutschlands, die mehr als eine halbe Million Einwohner hatten. Nur ein Sechstel (17,3 %) der übrigen gleichaltrigen Bevölkerung lebte dort. (...). Innerhalb der Großstädte wohnen Singles besonders häufig in den begehrten Innenstadtrandzonen." (1995, S.23f.)

Prognose: Singles als Lebensform contra Lebensphase

"Sollten Singles das ganze Leben über Singles bleiben, so wird sich der hohe Anteil der Singles unter den Jüngeren auch im mittleren und hohen Lebensalter fortsetzen. Nach derzeitigen Stand wäre dann damit zu rechnen, daß langfristig ein Fünftel der Gesamtbevölkerung Singles sein wird. Bei weiterhin wachsender Neigung der Jüngeren zum Alleinleben wäre dies in noch größerem Ausmaß der Fall. Sollte das Singledasein jedoch nur eine Lebensphase darstellen, so können wir eine Konzentration der Singleexistenzen unter Jüngeren als eine Erscheinung »zurückstufen«, die hauptsächlich bestimmte Lebensphasen betrifft, in erster Linie jüngerer Erwachsener." (1995, S.26)

Dauerhaftigkeit des Single-Daseins (25-55jährige, partnerlos Alleinlebende und Paare ohne gemeinsamen Haushalt) und das Alleinleben als Alternative zu Ehe und Familie

"Die bislang verfügbaren Daten erlauben es noch nicht, die Grundfrage nach der Dauer des Single-Daseins exakt zu beantworten. Hierzu sind Längsschnittuntersuchungen notwendig. Dafür kommt als einzige Datenquelle in Deutschland nur das »Sozio-ökonomische Panel« in Frage. Dieses reicht jedoch erst 8 Jahre zurück. (...) In aller Vorsicht (...) kann man diese Daten so interpretieren, daß ein ganz erheblicher Teil der Singles zumindest eine recht lange Lebensphase allein lebt. (...) Erwartungsgemäß haben von den Akademikern schon wesentlich mehr, nämlich mehr als ein Drittel (37 %), schon einmal als Single gelebt, gut die Hälfte (ein Drittel) davon länger als vier (sechs) Jahre.
Diese ersten Eindrücke, daß es sich bei Singles zu großen Teilen um Gesellschaftsmitglieder handelt, die dauerhaft einen anderen Lebensentwurf verwirklichen als diejenigen, die sich für Ehe (ggf. und Familie) entscheiden, verdichten sich". (1995, S.27)

Freizeit und Konsum

"Singles konsumieren in ihrer Freizeit überdurchschnittlich. Fast jeder zweite Single unter 50 Jahren geht mindestens einmal in der Woche essen und wenigstens einmal wöchentlich in die Kneipe. Jeder dritte Single geht ein- oder mehrmals wöchentlich ins Kino. Auf Feten, in Sportstätten sowie in Diskotheken sind Singles weit überdurchschnittlich zu sehen. Ihre Ausgaben für kommerzielle Freizeitangebote sowie erst recht ihre Telefonetats erreichen weit überdurchschnittliche Höhen. (Opaschowski 1994)
Singles kaufen bevorzugt spezifische Produkte bzw. Produktgrößen. Dies betrifft so unterschiedliche Güter wie Nahrungsmittel (Tiefkühlkomplettmenüs), Möbel, Versicherungen, Reisen und Kraftfahrzeuge. Singles kaufen bevorzugt im Nahbereich ihrer Wohnung ein. (...). Ältere Singles ziehen Einkaufsstätten mit Bedienung vor. Sie sind bereit und meist auch in der Lage, dafür mehr zu zahlen. Jüngere Singles achten mehr auf den Preis. Sie kaufen häufiger in Selbstbedienungsläden und bei Discountern ein. (Löwenbein 1994)" (1995, S.71)

Die zukünftige Entwicklung der Single-Haushalte und ihre Bedingungsfaktoren

"(1) Geläufige Thesen (vor allem innerhalb der Individualisierungstheorie von Ulrich Beck) gehen dahin, daß der moderne Arbeitsmarkt den »vollmobilen Single« erfordere. Abgesehen davon, daß (...) diese These den Nutzen von Stammbelegschaften unterschätzt, impliziert sie auch, daß sich private Lebensformen ökonomischen und betrieblichen Belangen anpassen. Dies mag in Zeiten knapper Arbeitsplätze und reichlich vorhandener, qualifizierter Arbeitskräfte auch so sein. Die geburtenschwachen Jahrgänge werden jedoch dafür sorgen, daß diese Zeiten zu Ende gehen - zumindest in größeren Teilen des Berufs- und Qualifikationsspektrums. Knappe Arbeitskräfte und reichlich vorhandene Positionen könnten dann dazu führen, daß Unternehmen sich den Beschäftigten anpassen, nicht umgekehrt. Mit betriebsnahen Kindertagesstätten, mit Weiterbildungsangeboten zur Bindung von Arbeitskräften, mit »Paarangeboten« zur Entwicklung der beruflichen Zukunft von Mann und Frau: Damit wäre der »vollmobile Single« keineswegs mehr die Zielfigur der Modernisierung, sondern nur ein Fall von Arbeitsmarktasymmetrie.
(2) Wohlstand gilt als wesentliche Voraussetzung für Single-Existenzen. Und der für das Single-Dasein nötige Wohlstand wird allem Anschein weiter zunehmen. (...). Hinzukommen müssen weitere Faktoren, wie Emanzipationsbestrebungen von Frauen, schlechte Berufschancen von Müttern, Leitbilder des autonomen Alleinlebens etc. (...).
(3) Reichlich vorhandener Wohnraum stellt eine weitere, durch Wohlstand geschaffene Voraussetzung für das Alleinleben dar. (...). Es sind (...) nicht zuletzt die Singles, die durch ihre Verbreitung Wohnraum knapp halten werden. Singles sorgen so selbst dafür, daß sich ihr Zuwachs in Grenzen hält.
(4) Steigende Nachfrage nach Frauenerwerbstätigkeit (...) wird die Zahlen von weiblicher Singles so lange ansteigen lassen, wie Einrichtungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf (v.a. Kindertagesstätten, Ganztagsschulen) knapp bleiben. (...). Solange Familienbildung mangels Kinderbetreuungsstätten als Hindernis beruflichen Erfolgs wirkt, werden viele Frauen angesichts attraktiver werdenden Beschäftigungs- und Berufschancen auf Kinder verzichten und kinderlos als Paar oder, noch ungebundener und beruflich noch einsatzfähiger, als Single leben wollen. Es sind folglich auch Kinderbetreuungsmöglichkeiten, die als
»Bremse« gegen (weibliche) Singles wirken - sofern sie zur Verfügung gestellt werden.
(5) Denkbar ist eine weitere
»Bremse« gegen die Zunahme weiblicher Singles: zuwandernde Arbeitskräfte. In dem Maße, in dem sie den Arbeitskräftemangel ausgleichen, müßte nicht auf Frauenerwerbstätigkeit zurückgegriffen werden. Das würde es mehr Frauen ermöglichen, sich auf die Familien(bildung) zu konzentrieren.
" (1995, S.122ff.)

Die zukünftige Entwicklung der Sozialstruktur der Single-Haushalte

"(1) Die Zukunft des Ungleichheitsgefüge wird weniger Disparitäten oder gar Gräben innerhalb der Erwerbstätigen und mehr Rand- und Problemgruppen unterhalb der erwerbstätigen Bevölkerung mit sich bringen. Damit im Zusammenhang ist zu erwarten, daß eine gewisse Verlagerung der Singles stattfinden wird: Der Typus des »Problem-Single« wird zunehmen, auch bei den Frauen. Schon heute finden wir unter männlichen Singles nicht wenige Problem-Existenzen, vor allen unter jenen ohne feste Partnerschaft. Alleinstehende Männer stellen ungefähr ein Siebtel aller Empfänger von Laufender (Sozial-)Hilfe zum Lebensunterhalt. Es ist zu vermuten, daß in Zukunft der Typus des Single häufiger wird, der alleine lebt, weil er mit Beruf, Existenzsicherung und/oder Partnern nicht zurecht kommt.
(2) Es sind nicht zuletzt die (...) ungleichen Wohnbedingungen, Wohnumgebungen, öffentlichen Infrastrukturen und Freizeitbedingungen, die speziell bei Singles hoch im Kurs stehen. Mit Blick auf vorteilhafte Wohn- und Freizeitbedingungen wählen Singles nicht selten ihren Wohnsitz und Arbeitsort. In dem Maße, wie diese nicht zuletzt durch öffentliche Investitionen geprägten Dimensionen des Ungleichheitsgefüge als wichtiger empfunden werden, steigt auch der Anreiz, als Single zu leben. (...).
(3) (...). Es ist unter anderem der Zuwachs an Freizeit und Wohlstand, der für eine wachsende Freiheit der Lebensgestaltung sorgt. Viele Singles leben unter anderem deswegen als Singles, um diese Freiheit auszukosten und ihren Lebensstil und ihre ästhetische Umgebung zu
»stilisieren«. Je gestaltbarer Lebensweisen im Zuge der Wohlstands- und Ungleichheitsentwicklung werden, desto größer werden der Freiraum und der »Lebensstil-Nutzen« eines Single-Daseins, auch für Bezieher mittlerer Einkommen. Die steigenden Möglichkeiten der »Entkopplung« von Lebenslage und Lebensweise lassen so eine Vermehrung von Singles erwarten." (1995, S.129f.)

Soziokulturelle Zukunftsentwicklungen und ihre Folgen für die Entwicklung der Single-Haushalte

"(1) (...). Fest steht (...), daß jene Milieus, deren Mitglieder überproportional häufig allein leben, das Technokratisch-Liberale Milieu und das Hedonistische Milieu, zu den am stärksten wachsenden Milieus gehören (...). Dies läßt den Schluß zu, daß wenigstens in absehbarer Zeit, in der sich die Singles (noch?) in bestimmten Milieus konzentrieren werden, die soziokulturelle Vermehrung von Singles förderlich sein wird.
(2) In den Teilen, in denen sich die Bevölkerung überwiegend zur protestantischen Konfession bekennt, finden sich signifikant mehr Singles als dort, wo Katholiken überwiegen. (...). Dieser Faktor wird nach Überwindung der materiellen Hindernisse in den neuen Bundesländern dort zur Steigerung des Anteils von Alleinlebenden beitragen." (1995, S.132)

Entwicklung der Single-Zahlen in West- und Ostdeutschland

"Trotz einiger Determinanten, die eher eine Abschwächung des Zuwachses signalisieren, wird erstens angenommen, daß die Steigerungsraten unter den nachrückenden Jahrgängen weiterhin so zunehmen werden wie in den letzten Jahrzehnten. Dies bedeutet, daß im Jahre 1990 18,7 %, im Jahre 2000 schon 24 % und im Jahre 2010 gar 30 % der 25-35Jährigen allein leben werden. Diese Raten markieren die obersten Werte der Wahrscheinlichkeiten. (1995, S.134)

Die Singles und die Sozialpolitik

"Sieht man einmal von den heute noch kleinen Gruppen männlicher »Problemsingles« ab, so sind die Singles eigentlich keine gesellschaftliche Gruppe, die besonderer sozialpolitischer Hilfestellungen bedürfte. (...). Dennoch werfen Singles wenigstens zwei sozialpolitische Zukunftsprobleme auf: Beide hängen damit zusammen, daß Singles nur ganz selten Kinder haben, und wenn, so wohnen sie mit diesen nicht zusammen:
Erstens gefährden Singles damit den Generationenvertrag. Sie bezahlen aktuell zwar überproportional viel für das System sozialer Sicherung. Beispielsweise sind sie
»Netto-Zahler« in den Krankenkassen. Auch leisten sie im Maße ihrer Einkommen überproportional hohe Beiträge zur Rentenversicherung. Sie hinterlassen und erziehen aber nur selten Kinder, die später einmal ihre soziale Sicherung und die ihrer Altersgenossen finanzieren können.
Zweitens untergraben Singles die Subsidiarität des Sicherungssystems, insbesondere im Bereich der Pflege. Denn längerfristige Hilfe und Pflege für ältere Menschen leisten nur selten Bekannte. Diese Tätigkeiten verrichten ganz überwiegend Familienangehörige (subsidiär). Da Singles nur selten verwandtschaftliche Beziehungen zu ihren Kindern unterhalten (sofern sie überhaupt welche haben) und die Geschwister von Singles (wenn vorhanden) oft zu alt für Hilfestellungen oder zur Pflege sein werden, steht kaum jemand zur Verfügung, der alt gewordenen Singles helfen oder sie pflegen könnte.
Dieser Problematik sind sich viele Singles durchaus bewußt. Sie wissen dafür aber in der Regel keine Lösung. So verdrängen sie das Problem oder ergehen sich in Zukunftsvorstellungen (z.B. Wohngemeinschaften im Alter), die im Einzelfall zutreffen mögen, als generelle Lösung aber utopisch sein dürften.

Die Pflegebedürftigkeit der "Singles" im Jahr 2005: Oder wie allein lebende Nicht-Singles und die Annahme, dass das Single-Dasein dauerhaft sei bzw die Steigerungsrate der Single-Haushalte in der Vergangenheit zur Schätzung des Pflegebedarfs im Jahr 2005 missbraucht werden

"Nach Daten des Bundesministeriums für Arbeit und Sozialordnung sind von den 60-bis 80jährigen in Deutschland derzeit 5 % pflegebedürftig, von den über 80jährigen 20 %. Das waren Anfang der 90er Jahre etwa 1,650 Millionen Pflegefälle in Deutschland. Hiervon wurden ca. 1,2 Millionen Menschen zu Hause, in der Regel in der Familie gepflegt und 0,45 Millionen in Pflegeheimen. (BMAS 1991)
Im Jahre 1990 lebten in Gesamtdeutschland knapp 2,5 Millionen Menschen im Alter von 45 bis 65 Jahren alleine. (ber. nach WiSta 1992, S.225) Unterstellt man einmal, daß diese Menschen im Jahre 2005, wenn sie also 60 bis 80 Jahre alt sind, alle noch leben, und zwar alleine, dann gäbe es allein aus der Gruppe der heutigen
»Singles« im Alter zwischen 45 und 65 Jahren im Jahr 2005 volle 125000 Pflegebedürftige im Alter von 60 bis 80 Jahren, die mangels Kindern nicht in der Familie gepflegt werden können. Nimmt man an, daß auch im Jahre 2005 noch drei Viertel aller Pflege zu Hause stattfindet, so kämen 90000 stationäre Pflegefälle im Alter von 60-80 Jahren allein aus der kleinen Bevölkerungsgruppe derer, die im Jahre 1990 alleinlebten und 45-65 Jahre alt waren, zusätzlich auf die Pflegeeinrichtungen. Die dadurch entstehende Mehrbelastung im Vergleich zu 1990 beträgt ca. 40000 stationär zu Pflegende, denn der Anteil der »älteren« Singles hat entsprechend zugenommen (...). Die wesentlich krassere Zunahme der »jüngeren« Singles läßt für die Zeit nach 2005 noch weit größere Mehrbelastungen erwarten. Deren Ausmaß wird dann deutlich, wenn man bedenkt, daß im Jahre 2005, ohne die vermehrte Zahl von nachrückenden Alleinlebenden einzurechnen, insgesamt nur gut 200000 stationär Pflegebedürftige unter den 60-80-Jährigen zu erwarten wären.
(...).
Die Pflegeversicherung wird dem Problem nicht abhelfen. (...). Daher stellt sich die Frage, ob Alleinlebenden und Kinderlosen nicht deutlich höhere Beiträge zur Pflegeversicherung (und/oder höhere Eigenvorsorgeleistungen) abverlangt werden sollten. Kinderzahlabhängige Beiträge zu Pflegeversicherung wären - anders als Steuern - unmittelbar einsichtig begründbar und wohl auch durchsetzbar, zumal empirische Daten zeigen, daß eine gewisse Bereitschaft von Alleinlebenden und Kinderlosen durchaus vorhanden ist, Familien zu entlasten.
(...).
Dennoch: Die wichtigste Lösung der Altershilfe- und Pflegeproblematik von Singles ist wohl im rechtzeitigen, gesellschaftlich gestützten Aufbau von teils informellen, teils formalen Netzwerken zu sehen." (1995, 152ff.)

Anmerkung: Im März 2008 wurden die Pflegequoten nach Alter und Geschlecht für das Jahr 2005 veröffentlicht. Danach lag der Anteil der Pflegebedürftigen im Alter zwischen 60 und 65 Jahren bei 1,7 % (Männer) und 1,5 % (Frauen). Der Anteil der 65-70 Jährigen Pflegebedürftigen lag bei 2,8 % (m) und 2,4 % (w). Bei den 70 - 75 Jährigen lag der Anteil bei 4,9 % (m/w). Erst bei den 75-80 Jährigen stieg der Anteil auf 8,5 % (Männer) und auf 10,3 % (Frauen). Gemäß Pflegestatistik 2005 (2007, S.13) waren 2005 von den 16,8 Millionen 60-80 Jährige ca. 690 Tausend pflegebedürftig. Das entspricht einer Pflegequote von 4,1 % also eine um 0,9 % geringere Pflegequote als bei HRADIL angenommen.
Hinsichtlich des Pflegebedarfs muss zwischen Männern und Frauen unterschieden werden. Frauen werden im höheren Alter häufiger als Männer nicht zuhause gepflegt (S.22). Der Anteil alleinlebender Frauen ist jedoch im Alter - im Gegensatz zu den Annahmen von HRADIL - rückläufig.
HRADIL veranschlagt die Anzahl der stationär Pflegebedürftigen im Alter von 60 - 80 Jahren im Jahr 2005 auf 200.000 ohne die Alleinlebenden. Gemäß Pflegestatistik 2005 (2007, S.13) gab es jedoch im Jahr 2005 nur 182.178 stationär Pflegebedürftige inklusive (ehemaliger) Alleinlebende. Und das obwohl der Anteil der zu Hause gepflegten Personen zurückging (nur noch 68 % statt der von HRADIL angenommenen 75 %).
Bei Gerd BOSBACH ist nachzulesen, wie durch die Vermischung von statischer und dynamischer Betrachtung bei solchen Szenarien Politik betrieben wird. 

Die fehlende Konfliktfähigkeit der politischen Interessen von Singles. Das einzige Problem: Singles sind (noch) Leitfiguren

"Was den Anschein von Auflösung und Instabilität erweckt, ist (...) weniger das unstete politische Denken und Verhalten der Singles, sondern eher der Mangel an neuen geeigneten Analysekategorien, um neue, politisch relevante Gruppierungen zu diagnostizieren, und der Mangel an neuen Institutionen zur politischen Vertretung dieser Gruppierungen. (...).
Zudem anderen sind Singles mehr auf Beruf, Freizeit und Bekanntenkreise ausgerichtet als auf Öffentlichkeit und Politik (...). Es werden also kaum ihre (direkten) politischen Forderungen sein, die zu Überforderungen staatlicher Stellen führen. Eher schon tendiert ihre indirekte politisch Wirksamkeit in dieses Richtung Denn Singles stellen Leitfiguren dar. Sie können daher erhebliche indirekte Außenwirkung entfalten, indem sie
»atmosphärische« Verschiebungen der kulturellen und politischen Wertvorstellungen bewirken. So vertreten dann auch andere Gruppierungen die Belange von Singles als die eigenen." (1995, S.157f.)

     
 
       
   
  • Beitrag von single-generation.de zum Thema

Sind wir auf dem Weg zur "Single-Gesellschaft"? Oder: Singles als nützliche Idioten in einer paar- und familienorientierten Gesellschaft
 
   
  • Die Studie in der Debatte

BEZIEHUNGSWEISE (1995): Gefahr durch Singles?
Hoher Anteil Alleinlebender bewirkt gesellschaftliche Krise,
in: Beziehungsweise Nr.22 v. 16.11.

HRADIL, Stefan (2000): Die Subjektivierung des Lebens - Die Single-Gesellschaft,
in: Teleakademie, Sendung des SWR v. 08.10.

HRADIL, Stefan (2001): Individualisierung und Optionsgesellschaft.
Thesenpapier. Tagung der Programmkommission SPD, Berlin, 12.02,
in: spd-parteitag.de

WIRTSCHAFTSWOCHE (2001): Liebe geht immer: Doch wie damit Geld verdienen?
in: Wirtschaftswoche v. 26.06.

Hier wird der Knackpunkt zwar angesprochen, aber zugunsten unbegründeter Euphorie ignoriert:

"Allen demographischen Daten zufolge müsste das Geschäft mit den Singles das Potenzial zum Mega-Business haben. Der Mainzer Soziologie Professor Stefan Hadril beschreibt in seiner Studie 'Die Single-Gesellschaft' den Single als 'finanziell besser gestellt, gebildet und konsumfreudig'.
Luxusgüter gehören zu des Singles bevorzugter Einkaufsbeute."

Was die Wirtschaftswoche jedoch verschweigt: HRADIL bezieht sich mit dieser Aussage nicht auf die 13,3 Millionen Menschen in Einpersonenhaushalten, sondern auf die 25 - 55jährigen Alleinlebenden. Das waren im Jahr 2000 ca. 5,6 Millionen Menschen. HRADIL zieht davon noch die Nicht-Erwerbstätigen ab und unterscheidet zwischen Männern und Frauen. Männer dominieren im mittleren Lebensalter, verdienen aber weniger als gleichaltrige Verheiratete. Zudem gehören viele Männer zu den Geringverdienern und nur wenige zu den gutverdienenden Yuppies, die als Zielgruppe der Geschäftemacher anvisiert werden. Davon ist jedoch in diesem Artikel nichts zu lesen, stattdessen sieht man die Probleme woanders:

"Doch dieses Potenzial ist nur schwer zu nutzen. 'Die Singles können nicht sehr zielgerichtet angesprochen werden, weil sie verschiedenste Altersgruppen und Interessenlagen vereinen', sagt Henrike Fröchling, Geschäftsführerin bei Partnerbörsen-Newcomer Parship.de in Hamburg".

Das Problem der immensen Einkommensunterschiede und der heterogenen Altersstruktur wird als Problem der Zielgruppen-Ansprache gewertet, aber nicht als Fehleinschätzung des Potenzials selbst. Das zweitrangige Problem der Zielgruppen-Ansprache ist das Ergebnis der sozialpolitischen Debatte, in deren Verlauf der Single-Begriff so verwässert worden ist, dass er für die Beschreibung von Partnersuchenden unbrauchbar geworden ist. Die Sozialschmarotzer-Debatte der letzten Zeit dürfte da noch mehr Schaden angerichtet haben.

JURZIG, Katrin (2001): Der Single - Dichtung und Wahrheit.
Beim Thema Single liegen Dichtung und Wahrheit eng zusammen,
in: FAZ.Net v. 28.06.

Für einen Pressebericht eine erstaunlich differenzierte Analyse des Single-Daseins. Man könnte denken, die Autorin hat sich heimlich bei single-generation.de informiert. "Yetties" und "Nerds" werden als typische Single-Klischees genannt. JURZIG bezieht sich wie die Wirtschaftswoche (26.06.2001) auf den Soziologen HRADIL und seine Studie "Die Single-Gesellschaft". Sie zitiert jedoch nicht dessen weite, statistische Definition, sondern die enge Definition, in die auch Motive des Alleinlebens einfließen:

"Single, der alleine in einem Ein-Personen-Haushalt lebt, 25 bis 55 Jahre alt ist, keinen festen Partner haben will und das für längere Zeit".

In dieser Definition treffen sich das "Yuppie"- und das "swinging Single"-Stereotyp. Mit geschätzten 3 % der Bevölkerung ist diese Zielgruppe für die Wirtschaft natürlich ziemlich irrelevant, weswegen die Zurückhaltung nur verständlich ist. Kein Potenzial also für einen Megaboom. Die Werbung ist deshalb auf den weitverbreiteten Single auf Zeit fixiert. JURZIG führt Boris BECKER als einen solchen Prototyp an, was aber wohl eher als eine Art Auslaufmodell verstanden werden muss.

"Die statistische Erhebung - Mikrozensus genannt - gibt Auskunft darüber, dass es im Jahr 2000 über 3,8 Millionen Haushalte gab, in denen nur ein Mensch ohne oder mit Kindern wohnte."

Hier ist zumindest ein Druckfehler vorhanden, denn in Deutschland gibt es ca. 13,8 Millionen Einpersonenhaushalte. Die Haushalte der Alleinerziehenden gehören jedoch nicht dazu, aber Mensch mit Kind stimmt letztlich irgendwie doch, denn in den Einpersonenhaushalten leben auch Menschen, deren Kinder nicht zum gleichen Haushalt gehören bzw. nicht permanent im Haushalt leben, d.h. zumindest nicht am Stichtag des Mikrozensus. Das mag mancher vielleicht als Haarspalterei ansehen, ist es aber keineswegs, wenn man bedenkt wie sehr die Verteilungspolitiker gerade die angebliche Kinderlosigkeit der Alleinlebenden in den Mittelpunkt einer Anti-Singlekampagne stellen. JURZIG weist auf die heterogenen Einkommensverhältnisse der Singles hin, was nicht oft genug erwähnt werden kann, da es hier in der Bevölkerung ziemlich absurde Vorstellungen zu geben scheint. Single und Sozialhilfe, das passt nicht so recht in das Klischee vom Yuppie. JURZIG stellt zum Abschluss die berechtigte Frage, ob der "Alpha"-Single (anderer Ausdruck für stilbildende Leitfigur, hier speziell der Singles) nicht eher ein Wunschbild der Messeveranstalter ist.

STEDING, Maraike & Susann SACHSE (2001): Im Namen der Liebe - Single
in: Subway Nr.9, September

Selten wird die Zielgruppe in einer Zeitschrift derart genau benannt:

"soziologisch definiert gelten nur diejenigen als Singles, die zwischen 25 und 55 Jahre alt und wirtschaftlich unabhängig sind, keinen festen Partner haben und in einem eigenen Haushalt leben".

DIE soziologische Single-Definition gibt es nicht. Die genannte Definition orientiert sich jedoch an Stefan HRADILs engem Single-Begriff. Der entscheidende Unterschied: HRADIL grenzte die alleinlebenden Partnerlosen auf die "swinging Singles" ein, während die beiden Autorinnen die unfreiwilligen Singles auf Partnersuche ebenfalls dazu zählen und "Swinging Singles" ins Mythenrreich verbannen wollen. Ein weiterer Unterschied: die wirtschaftliche Unabhängigkeit wird besonders betont, aber nicht genau spezifiziert. HRADIL setzt dies dagegen voraus, weil Singles sonst nicht einen eigenen Haushalt führen könnten.

Subway ist ein sogenanntes Stadtmagazin, das sich in erster Linie an ein Szene-Publikum richtet. Der Artikel spricht deshalb nicht alle Partnerlosen bzw. Partnersuchenden an, obwohl die Partnersuche als das zentrale Thema der Singles angesehen wird: Singles suchen die "große Liebe". Diese Sichtweise entspricht dem Trend der Zeit, wie er von Spiegel bis Focus verkündet wird. Die typisch locker flockige Sprache entspricht dem angesprochen Segment, grenzt sich jedoch explizit gegen die einstige gegenkulturelle Tradition der Stadtmagazine ab:

"Von den einstigen Hippie-Idealen, Sex mit allen, Ruhe in mir selbst und Frieden mit der Welt, ist also nicht viel übrig geblieben. Die freie Liebe ist anscheinend nichts, gegen die einzig wahre."

Der Text ist eine Zielgruppenansprache zur Vermarktung des neuen Single-Magazins "Ich will kein Single mehr sein", das es als Beilage zum Magazin gibt und das am 3. November auf einer Braunschweiger Single-Party verteilt werden soll. Ein Single-Magazin, das sich "Ich will kein Single mehr sein" nennt, das bringt den Widerspruch dieses unmöglichen Begriffs genau auf den Punkt. Der Begriff "Single" ist durch die familienpolitische Debatte seit Ende der 80er Jahre als Identifikationsbegriff für Solisten unbrauchbar geworden. Überzeugte Singles nennen sich deshalb anders und Partnersuchende möchten sowieso nicht als Singles angesprochen werden...

Das Segment des neuen Single-Magazins ist quantitativ wesentlich geringer als dies erscheint, denn viele Alleinlebenden im mittleren Lebensalter sind nicht partnerlos. Wer aber nicht-alleinlebende Partnerlose gar nicht erst einbezieht, der grenzt gerade jene aus, die aus unterschiedlichen Gründen, weder von der Sozialforschung noch von der Marktwirtschaft als Zielgruppe angesehen werden. Dazu gehören alleinerziehende Partnerlose genauso wie Partnerlose, die aus finanziellen oder sozialen Gründen bei den Eltern wohnen.

 
   
  • Der Wandel des Wertewandels in der Debatte

BEZIEHUNGSWEISE (2003): Auslaufmodell Single?
Der Wertewandel wirft seinen Schatten über das einst "strahlende" Single-Dasein,
in:
Beziehungsweise Nr.13 v. 26.06.

Die Generation Golf als Träger eines Wertewandels?
 
     
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 26. November 2001
Update: 31. Dezember 2015