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Stefan Hradil: Die Alterung der Bevölkerung

 
       
     
       
   

Die Alterung der Bevölkerung (2015).
Die demografische Entwicklung Deutschlands
In: Bürger im Staat, Heft 2-3, S.78-87

 
   
     
 

Inhaltsverzeichnis

Die demografische Entwicklung Deutschlands

Geburten
Ein- und Auswanderungen
Bevölkerungswachstum und Altersstruktur
Vergleich mit anderen entwickelten Ländern
Ein Blick auf die Länder des globalen Südens

Aktuelle Situation und demografische Herausforderungen

Bevölkerungsrückgang
Alterung

Problem: Ältere Erwerbstätige
Problem: Arbeitskräftemangel
Problem: Gefährdung sozialer Sicherung
Problem: Hochbetagte

Internationaler Vergleich

Herausforderung für die Länder des globalen Südens

Beurteilungen des demografischen Wandels

Die "Pessimisten"
Die "Kritiker"
Die "Optimisten"
Die "Aktivierer"

Zitate:

Der erste Rückgang der Geburten war viel ausgeprägter als der zweite Geburtenrückgang der Nachkriegszeit

"Erst von etwa 1875 an gingen die Kinderzahlen in deutschen Familien zurück. 1934, als jede Frau im Durchschnitt nur noch 1,8 Kinder bekam, war dieser erste Geburtenrückgang in Deutschland zu Ende. Dieser Fall der Kinderzahlen war wesentlich tiefer als der zweite Geburtenrückgang nach dem Zweiten Weltkrieg." (2015, S.78)

Die Beeinflussbarkeit der Faktoren der Bevölkerungsentwicklung ist unterschiedlich

"Im Gegensatz zu Geburten und Sterbefällen sind Einwanderungen durch politische Maßnahmen und ökonomische Veränderungen sehr direkt beeinflussbar und waren deshalb in der Vergangenheit durch ein krasses Auf und Ab gekennzeichnet."
(2015, S.79)

Die zukünftige demografische Entwicklung

"Die Bevölkerungswissenschaftler rechnen damit, dass sich an der Geburtenrate in absehbarer Zeit wenig ändern wird. Zwar könnten die Einführung des Elterngeldes, die Verbesserung der Kleinkinderbetreuung und der Einstellungswandel hin zur Familie sich förderlich auswirken. Trotzdem werden aber immer mehr Frauen erst spät Kinder bekommen, da lange Bildungsgänge und der Berufseinstieg mit der Familiengründung konkurrieren. Daher wird auch damit gerechnet, dass der Anteil der kinderlosen Frauen steigen wird (Statistisches Bundesamt 2009: 27). Mag auch die (relative) Zahl der Kinder pro Frau gleich bleiben, die (absolute) Zahl der Geburten wird in Deutschland in den kommenden Jahrzehnten drastisch abnehmen. Denn immer mehr der seit Mitte der 1970er Jahre herangewachsenen geburtenschwachen Jahrgänge kommen ins Elternalter. Diese wenigen Eltern werden auch wenige Kinder hervorbringen. Dieser sogenannte Altersstruktureffekt wird das Geburtendefizit (der negative Saldo von jährlichen Geburten und Sterbefällen), das seit 1972 nur gering ausfiel, enorm vergrößern. Das Geburtendefizit wird so mächtig werden, dass sich daran selbst dann kaum etwas ändern würde, wenn die wenigen Paare bzw. Frauen künftig wieder mehr Kinder bekommen sollten. Auch eine weiterhin steigende Lebenserwartung der Menschen und eine wieder zunehmende Einwanderung werden das enorme Geburtendefizit nicht auffüllen können. Die Lebenserwartung wird voraussichtlich weiterhin zunehmen, aber wohl etwas langsamer als bisher. Von 1960 bis 2010 hat sie sich um ca. elf Jahre verlängert. Eine solche Steigerung ist in den nächsten 50 Jahren nicht zu erwarten, weil es mit steigendem Alter medizinisch und auch ökonomisch immer schwieriger wird, die Lebenserwartung zu verlängern. Die Zahl der Zuwanderer nach Deutschland wird voraussichtlich die der Auswanderer weiterhin überwiegen. Denn Zuwanderer werden auf dem Arbeitsmarkt wieder benötigt werden (...), und Zuwanderung wird deshalb erleichtert werden." (2015, S.80)

Das eigentliche Problem der zukünftigen Entwicklung ist nicht der Bevölkerungsrückgang, sondern die Alterung

"Problematischer als der Bevölkerungsrückgang erscheint den meisten Experten die Veränderung der Altersstruktur. Wenn in Zukunft (absolut) viel weniger Kinder als heute zur Welt kommen werden und die Lebenserwartung immer weiter steigen wird, dann wird sich das Gros der Bevölkerung immer mehr in die älteren Jahrgänge hinein verschieben. Deutschland wird eine »deformierte Altersstruktur« (Miegel 2002) haben. Die Überalterung wird ihren Höhepunkt etwa in den Jahren 2040 bis 2050 dann erreichen, wenn die geburtenstarken Jahrgänge der Nachkriegszeit alle im Rentenalter, die geburtenschwachen Jahrgänge im Alter der Erwerbstätigkeit und deren wenige Kinder im Schulalter sein werden. Die Überalterung wird erst nach dem Jahr 2050 wieder nachlassen, wenn dereinst die geburtenstarken Jahrgänge gestorben sein werden. Dann werden die Altersgruppen der Jüngeren, derjenigen im mittleren Alter und der Älteren etwa gleich groß sein. Eine Alterspyramide, wie noch im Wilhelminischen Kaiserreich, wird es aber auch dann nicht wieder geben." (2015, S.81)

Der Fachkräftemangel ist nur bedingt demografisch verursacht, sondern in erster Linie hausgemacht

"Dass der Mangel an Fachkräften besonders groß sein wird, hat mit dem demografischen Wandel nur bedingt zu tun. Hier macht sich bemerkbar, dass in Deutschland seit den 1990er Jahren eine im internationalen Vergleich geringe Bildungsexpansion stattgefunden hat, obwohl der Bedarf an Qualifizierten immer größer geworden ist. Wenn es in Zukunft aus demografischen Gründen weniger Menschen im mittleren Lebensalter geben wird, macht dies die Versäumnisse im Bildungsbereich nur schneller und großflächiger spürbar, als dies bei gleich bleibender Altersstruktur der Fall wäre." (2015, S.82)

Ein Maßnahmenmix soll die Gefährdung der Finanzierung des Rentensystems durch die Altenlast abwenden

"Wollte man die demografische Herausforderung zum Beispiel allein durch Beitragserhöhungen auffangen, so wären im Jahre 2030 doppelt so hohe Beiträge wie 2000 zu zahlen (Birg 2001). Versuchte man, das Größenverhältnis zwischen Zahlenden und Zahlungsempfängern ausschließlich durch Zuwanderungen konstant zu halten, so bedürfte es einer jährlichen Zuwanderung von 3,4 Millionen (!) Menschen (Vereinte Nationen, in: Höhn 2000). Wollte man allein durch Hinausschiebung des Rentenalters die Sicherungssysteme erhalten, so begänne es mit 77 Jahren. Die Konsequenzen solcher Einzelmaßnahmen wären unzumutbar und auch kaum durchsetzbar. Meist wird daher empfohlen, viele oder alle der dargestellten Maßnahmen zugleich zu ergreifen." (2015, S.82f.)

Einen Generationenkrieg wird es nicht geben

"Aufgrund des wachsenden Interessengegensatzes zwischen der zahlungspflichtigen mittleren und der leistungsempfangenden älteren Generation halten viele einen Konflikt, manche gar einen »Krieg« zwischen den Generationen für unausweichlich. Wegen der zunehmenden Zahl der Wählerstimmen von älteren Menschen sehen einige schon eine Herrschaft der Älteren (Gerontokratie) über die mittlere Generation kommen. Doch wahrscheinlicher ist, dass beide Generationen sehr wohl registrieren werden, wie sehr sie (zum Beispiel schon in der eigenen Familie) gegenseitig aufeinander angewiesen sind, und es deshalb zu keinem ernsthaften Generationenkonflikt kommen wird." (2015, S.84)

Die Hochbetagten als Problem

"Der Bevölkerungsanteil der Älteren und der Hochbetagten (80+) wird stark zunehmen. Er wird in den Jahren 2040 bis 2050 seinen Höhepunkt erreichen, wenn die geburtenstarken Jahrgänge des Babybooms alle im Rentenalter und die geburtenschwachen Jahrgänge alle im Erwerbsalter sein werden. Neu für unsere Gesellschaft wird insbesondere sein, dass Hochbetagte erstmals einen unübersehbaren Bevölkerungsanteil ausmachen werden. Hierzu wird beitragen, dass die Älteren von morgen – auch und gerade die weiblichen – gesünder, gebildeter, aktiver und eher auf ihre individuelle Selbstverwirklichung hin ausgerichtet sein werden als die Älteren von heute. Die Alterung wird den gesamten Charakter der Gesellschaft beeinflussen, vom Straßenverkehr, über das Familienleben bis hin zu den Nachbarschaften. Auch wird die Nachfrage nach vielen Konsumgütern zurückgehen und die nach bestimmten Dienstleistungen, insbesondere im Gesundheitswesen, wird zunehmen. Die Güter- und Arbeitsmärkte wird das sehr verändern. Die Gesamtkosten der Gesundheitssicherung und der Pflege werden voraussichtlich direkt proportional mit dem Bevölkerungsanteil der über 70-Jährigen steigen. Die Alterung wird daher die Gesundheitssicherung und Pflege bedeutend verteuern. Gelegentlich wird argumentiert, dass die älteren Menschen immer gesünder sein werden, und daher die Gesundheitskosten nicht so dramatisch zunehmen werden. Daran ist zwar richtig, dass zum Beispiel 80-Jährige heute im Durchschnitt gesünder als gestern sind und morgen voraussichtlich gesünder als heute sein werden. Richtig ist aber auch, dass jedes neu hinzugekommene Jahr der Lebenserwartung keineswegs ausschließlich aus Gesundheit, sondern zu etwa zwei Dritteln aus Krankheit bestehen wird." (2015, S.84f.)

Vier Sichtweisen auf den demografischen Wandel

Tabelle: Das Spektrum der Beurteilungen des demografischen Wandels
Pessimisten

Vertreter:
Herwig BIRG 2001, Hans-Werner SINN 2004, Franz-Xaver KAUFMANN 2005

Annahme: Weder Zuwanderung noch Produktivitätssteigerungen werden die Probleme, die der demografische Wandel zukünftig mit sich bringt, lösen

 

Kritiker

Vertreter: BERGER & KAHLERT 2006, Gerd BOSBACH 2006, Christoph BUTTERWEGGE 2006, Eva BARLÖSIUS 2007

Annahme: Die Auswirkungen des demografischen Wandels werden dramatisiert, um den Sozialstaat abzubauen. Die Erhöhung der Erwerbsquoten und die zukünftige Produktivitätssteigerungen wären ausreichend, um den Sozialstaat zu erhalten.
 

Optimisten

Vertreter: Karl Otto HONDRICH 2007

Annahme: Der demografische Wandel stellt eine systemimmanente Entwicklung der Modernisierung dar, die durch Anpassungsmechanismen im und vom System bewältigt werden können.

Aktivierer

Vertreter: Stefan HRADIL 2004

Annahme: Der demografische Wandel zwingt uns durch die Verschärfung der  Probleme, die wir auch ohne den demografischen Wandel gehabt hätten, zu Lösungen.

Quelle: Hradil 2015, S.85-87; eigene Darstellung
 
     
 
       
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 31. Dezember 2015
Update: 31. Dezember 2015