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Ulrich Beck: Black Box Einpersonenhaushalt

 
       
     
       
     
       
   

Nachrufe auf Ulrich Beck

 
   

PILARCZYK, Hannah (2015): Kollegen erinnern an Ulrich Beck: "Er wollte wirken - und das auch politisch".
Nach dem Tod des Soziologen Ulrich Beck erinnern sich für SPIEGEL ONLINE Kollegen wie Richard Sennett, Angela McRobbie oder Claus Leggewie an den visionären Denker, der auch viel Widerstand erfuhr,
in: Spiegel Online v. 03.01.

"Vor allem seine Arbeiten zur Individualisierung von Lebensformen und zur reflexiven Modernisierung waren weit über die Soziologie hinaus einflussreich und prägten die Debatten in den Achtziger- und Neunzigerjahren. (...) Individualisierung (...) wurde möglich durch die allgemeine Anhebung des Wohlstandsniveaus und die Ausweitung des Sozialstaates in der prosperierenden Nachkriegsepoche und durch die Pluralisierung von Lebensstilen seit den Siebzigerjahren. Mittlerweile, so würde ich sagen, erleben wir jedoch das Ende der Individualisierung. Eigenverantwortung und Autonomie haben im Zeitalter des Neoliberalismus und des aktivierenden Sozialstaates einen negativen Beigeschmack bekommen. Zudem ist für viele ein autonomer Lebensentwurf in Zeiten von Unsicherheit und Abstiegssorgen ohnehin nicht zu denken. In seinen späteren Schriften zur Globalisierung arbeitete Beck zwar stärker die problematischen Aspekte der Individualisierung heraus und benannte sie als gesellschaftliche Zumutung. Die Rückkehr zur Klassengesellschaft, wie ich sie diagnostizieren würde, sah er jedoch nicht voraus", meint Cornelia KOPPETSCH zur Bedeutung des Werks von Ulrich BECK.

Weitere Nachrufe stammen von Ronald HITZLER, Richard SENNETT, Saskia SASSEN, Paul GILROY, Sighard NECKEL, Claus LEGGEWIE und Angela McROBBIE.

REINECKE, Stefan (2015): Im Möglichkeitsraum des Humanen.
Nachruf: Er war ein früher Diagnostiker der Ökokatastrophen, sah Individualisierung als Chance und beschrieb den gesellschaftlichen Wandel zum Hybriden: Der große Soziologe Ulrich Beck ist tot,
in:
TAZ v. 05.01.

Stefan REINECKE würdigt den Soziologen Ulrich BECK als Vordenker von Rot-Grün. Anders aber als REINECKE behauptet, hat BECK jedoch nicht die Chancen der Individualisierung, sondern das individualisierte Milieu der akademischen Mittelschicht beschrieben und gleichzeitig mit Begriffen wie "Vollkasko-Individualisierung" (man beachte die semantische Nähe zum Schimpfwort "Vollkasko-Mentalität") den "Umbau des Sozialstaats" zu Lasten der "Zwangsindividualisierten" bzw. einen neuen Familienfundamentalismus befördert. Mit dem Begriff der "vollmobilen Single-Gesellschaft" wurde der Fokus auf die Alleinlebenden (Einpersonenhaushalte) als angebliche "Pioniere der Moderne" gelegt, während das weit bedeutsamere moderne Phänomen der Multilokalität, das erst in den Nuller Jahren richtig in den Blick kam, verdrängt wurde.

Auf dieser Website werden deshalb nicht die "Kollateralschäden der Innovationsschübe" in den Mittelpunkt gestellt, sondern die Kollateralschäden der Individualisierungsthese von Ulrich BECK, die sich auch einer antiquierten Sozialstatistik verdanken, deren Antiquiertheit von BECK politisch ausgenutzt wurde. Der damit verbundene Kollateralschaden kann als "Black Box Einpersonenhaushalt" bezeichnet werden. Die amtliche Statistik verleugnet immer noch haushaltsübergreifende Sozialbeziehungen und verweigert damit Millionen Paaren und Familien ihre gesellschaftliche Anerkennung, indem sie als Partnerlose bzw. Kinderlose abgestempelt werden.

Was ist das für ein Transnationalismus, der die gesellschaftliche Anerkennung der damit verbundenen Multilokalität torpediert?

Neu:
GÜNTNER, Joachim (2015): Die Katastrophe denken, um sie zu vermeiden.
Mit «Risikogesellschaft» schrieb er 1986 das Buch der Stunde zum Reaktorunglück in Tschernobyl. Fortan war Ulrich Beck ein Stichwortgeber für Zeitfragen. Der Soziologe hinterlässt ein rundes Werk,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 05.01.

"Kulturelle Traditionen, die heimisch anmuten, werden für viele Menschen gerade im Windschatten der Globalisierung bedeutsam. Für Ulrich Beck waren das dann aber bloss die Modernisierungsverlierer, die sich, schlecht ausgebildet und ökonomisch abgehängt, ins Nationale flüchten, und die konnte er nur als abgelebte dialektische Restbestände gelten lassen",

meint Joachim GÜNTNER. Bereits der Begriff "Modernisierungsverlierer" zeigt das Dilemma, denn im Grunde geht es um "Individualisierungsverlierer". Dann ist das Gegenteil von Elite/akademischer Mittelschicht eben nicht einzig nationales Brauchtum, sondern der Versuch einen großen Teil der Bevölkerung, d.h. der Nicht-Eliten/Nicht-Akademiker, zu diskriminieren statt ernst zu nehmen.

So werden z.B. die Konsequenzen von Multilokaltität überhaupt erst seit kurzem in den Blick genommen. Multilokal Wohnende gelten z.B. Lokalpolitikern als unpolitisch, obwohl ihre lokalpolitische Enthaltsamkeit auch damit zusammen hängt, dass die politischen Teilhabechancen aufgrund ihres Lebensrhythmus reduziert sind. Multilokalität ist aufgrund der Hartz-Gesetzgebung keine Frage der akademischen Mittelschicht, sondern oftmals erzwungen - die negativen Konsequenzen tragen aber allein die Betroffenen. Die Folgen der Zuschreibung "Alleinlebender" sind auch ein Kollateralschaden der BECKschen Individualisierungsthese.

Arno WIDMANNs Nachruf zeigt, dass BECKs Thesen eher Emotionen statt kritische öffentliche Auseinandersetzung hervorrufen.

"Beck untersuchte die Globalisierung als von außen kommenden Wandel im Inneren. Er machte sie empirisch sichtbar in der Veränderungen der Familie, der Berufe, der Religionsgemeinschaften, der sozialen Klassen, der Bildungswege, ja sogar der privaten Liebesbeziehungen, die immer öfter zu Fernbeziehungen werden",

meint Romain LEICK auf Spiegel online. Empirisch sichtbar machte BECK eher wenig, schließlich waren Visionen und nicht Empirie sein Betätigungsfeld. Die Empirie haben auf dem Feld der Lebensformen andere geleistet, wenngleich in Auseinandersetzung mit der Individualisierungsthese. Und es überrascht kaum, dass in den Nachrufen zu Ulrich Beck nicht der Begriff "Single-Gesellschaft", sondern der Begriff "Risikogesellschaft" im Vordergrund steht.

 
       
   

Ulrich Beck in seiner eigenen Schreibe

 
   

BECK, Ulrich (1971): Zu einer Theorie der Studentenunruhen in fortgeschrittenen Industriegesellschaften (unter Mitarbeit von Elisabeth Gernsheim),
in:
Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, S.439-477

BECK, Ulrich (1983): Jenseits von Klasse und Stand?
in:
Kreckel, R. (Hg.) Soziale Ungleichheiten, Sonderband 2 der Sozialen Welt, Göttingen: Schwartz, S. 35-74

BECK, Ulrich (1984): Jenseits von Stand und Klasse.
Auf dem Weg in die individualisierte Arbeitnehmergesellschaft,
in:
Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken,H.5, Juli, S.485-497

BECK, Ulrich (1987): Die Zukunft der Familie,
in:
Psychologie Heute, November

BECK, Ulrich & Elisabeth BECK-GERNSHEIM (1990): Freiheit oder Liebe.
Gesellschaftliche Individualisierungsprozesse und soziale Lebens- und Liebesformen,
in: Frankfurter Rundschau v. 27.03.

BECK, Ulrich (1991): Der Konflikt der zwei Modernen,
in: Zapf,
Wolfgang (Hg.) Die Modernisierung moderner Gesellschaften: Verhandlungen des 25. Deutschen Soziologentages in Frankfurt a/M 1990, Frankfurt/New York: Campus, S.40-54

BECK, Ulrich (1994): Phänomen mit Überlebenschancen.
Zum statistischen Ringkampf um die Familie,
in: Süddeutsche Zeitung v. 13.01.

BECK, Ulrich (1994): Eigenes Leben - eigene Armut.
Wo verläuft die Grenze zwischen Risiko- und Gefahrenbiographie? Massenhafte Labilisierung bis in die gesellschaftliche Mitte hinein als latente Gefahr,
in: TAZ v. 30.04.

BECK, Ulrich (1994): Den Frosch küssen.
Leben in der unbekannten Gesellschaft Europas,
in: Süddeutsche Zeitung v. 07.05.

BECK, Ulrich (1994): The Debate on the "Individualization Theory" in Today's Sociology in Germany,
in:
Soziologie. Special Edition 3, S.191-200

BECK, Ulrich (1995): Die "Individualisierungsdebatte".
In: Bernhard SCHÄFERS (Hg.)
Soziologie in Deutschland. Entwicklung, Institutionalisierung und Berufsfelder, theoretische Kontroversen, Opladen: Leske + Budrich, S.185-195

BECK, Ulrich (1995): Solidarischer Individualismus.
An sich denken ist die Voraussetzung eines Daseins für andere,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 02.03.

BECK, Ulrich (2002): Arbeit ist ein bewegliches Ziel.
Schröder regiert wie Kohl. Die Arbeitslosigkeit wird ausgesessen. Die zentrale Frage bleibt: Wie schafft man trotz Rezession und Globalisierung neue Jobs? Versuch einer Antwort,
in: Die ZEIT Nr.7 v. 07.02.

Nichts Neues bei Ulrich BECK! Bereits im taz-Gespräch vom 31.01. hat Ulrich BECK seine zweitmoderne Linie vom starken Sicherheitsstaat ("ein Land kann sich auch zu Tode neoliberalisieren") bei gleichzeitigem Abbau des Sozialstaats ("Weltwohlfahrtsnische Deutschland") erklärt.

Nur in diesem Kontext ist auch seine Behauptung zu verstehen, dass Gerhard SCHRÖDER sich beim Aussitzen des Arbeitslosenproblems auf den Geburtenrückgang verlassen hat. Außer Ulrich BECK wissen aber alle Experten, dass die Entlastung des Arbeitsmarktes durch den Geburtenrückgang - wenn überhaupt - erst in einem Jahrzehnt eintritt. Was das Gerede vom Ende der Vollbeschäftigungsgesellschaft soll, vor dem wir angeblich gerade stehen, das weis auch nur BECK. Seit Mitte der 1970er Jahre gibt es keine Vollbeschäftigungsgesellschaft mehr. Diese sprachmagischen Formeln werden erst verständlich, wenn er zum letzten Punkt kommt:

"es gibt knallharte wirtschaftspolitische Gründe für Zuwanderung. Sie ist ein Mittel gegen die drohende Vergreisung der deutschen Gesellschaft".

Das Wort von der "Vergreisung Deutschlands" stammt ursprünglich aus dem Jahr 1960. Damals stand Deutschland ein einzigartiger Babyboom bevor. In der damaligen Situation erschien das Buch Die Überalterung. Ursachen, Verlauf, wirtschaftliche und soziale Auswirkungen des demographischen Alterungsprozesses von Franz-Xaver KAUFMANN im Zürcher Polygraphischen Verlag. Ein Jahr später, 1961, erschien im Econ Verlag das Buch Gebrannte Kinder. Jugend in der Nachkriegszeit von Richard KAUFMANN. In diesem Buch finden sich bereits alle Argumente der gegenwärtigen bevölkerungspolitischen Debatte:

"Selten findet man mehr als zwei Generationen (Eltern und Kindern) in einer Wohnung, oft aber nur noch eine Generation, was sich statistisch leicht nachweisen lässt. Ein Viertel aller Ehen des Jahres 1957 war kinderlos. Mangel an Tradition, Verzicht auf Familienerbe und -bindung sind geradezu Kennzeichen der modernen Siedlung",

heißt es dort. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird auch damals bereits in Frage gestellt und die Konkurrenz zwischen kinderloser Frau und Müttern behauptet:

"Die kinderlose Form der Ehe erhält ein sichtbares Plus - sie wird belohnt (...). Demgegenüber schneidet die »Ehe mit Kindern« oftmals schlecht ab."

KAUFMANN nennt ein Beispiel, das in der Sozialschmarotzer-Debatte heute genauso aktuell ist wie damals:

"Der vierundzwanzigjährige Monteur, der 700 Mark im Monat verdient, und seine Frau, die dreiundzwanzigjährige Buchhalterin, die netto etwas mehr als 500 Mark erhält, haben gemeinsam eine Kaufkraft von über 1000 Mark. Davon können sie sich eine Junggesellenwohnung mit Dusche und Kochnische einrichten, können auswärts essen und den Urlaub in Italien verbringen. Bekommt die Buchhalterin aber nacheinander zwei Kinder und gibt ihre Stellung auf, um sich den Kindern zu widmen, dann leben plötzlich vier Menschen in einer zu engen Wohnung von 700 Mark, und das heißt, daß sie in ihrem Lebensstandard nicht mehr mit anderen, kinderlosen Ehepaaren Schritt halten können. Auch solche Hilfen wie Steuervergünstigung oder Kindergeld können den Ausfall an barem Geld, das konsumiert werden darf, nicht entfernt ersetzen. Die Konkurrenz zwischen Mutter und Berufstätiger ist so eindeutig für die berufstätige (kinderlose) Frau entschieden, daß es darüber keine Zweifel mehr geben kann."

Auch das HEDONISMUS-Argument fehlt nicht:

"Eine Bürovorsteherin sagte mir kürzlich, daß viele junge Mädchen ihres Büros (...) 2/3 bis 3/4 ihres Gehaltes für Kleidung, Friseur, Kosmetik, Reisen und Vergnügungen ausgeben. Bei vielen jungen Männern ist es ähnlich... So kommt bei jung verheirateten Ehepaaren die Angst: wie soll es reichen".

Der Autor vermisst die "selbstverständliche Mütterlichkeit" der früheren Generationen. Kinder werden deshalb zur "Mangelware" und die "Überalterung" schreitet fort. Das Thema "Vaterlosigkeit" fehlt genauso wenig wie das Lieblingsthema von Susanne GASCHKE: die "Luxusverwahrlosung" der Mittelschichtkinder.

Die Prognosen der Bevölkerungsentwicklung sind durchaus umstritten. So erschien z.B. am 20. Dezember 2001 in dem Mitteilungsblatt beziehungsweise des Österreichischen Instituts für Familienforschung der Aufsatz Was beeinflusst die Bevölkerungszahl? von Wolfgang LUTZ. Darin werden die Unsicherheitsfaktoren bei der Bevölkerungsprognose genannt. LUTZ vertritt die darin die Ansicht, dass

"relativ geringfügige Veränderungen der Fertilität die Größe und Altersstruktur der künftigen Bevölkerung deutlich beeinflussen."

Mit Fertilität ist hier die Geburtenrate gemeint. Er nennt bei der Berechnung der Geburtenrate auch das Hauptproblem,

"dass wir nicht wissen, bis zu welchem Grad diese Trends auf verändertes Timing zurückzuführen sind, d.h. auf ein Aufschieben von Geburten".

Die Polarisierungsthese der deutschen Bevölkerungswissenschaftler und deren Adepten von den TICHYs bis zu Meinhard MIEGEL behauptet eine deutliche Zunahme von lebenslang Kinderlosen. Dagegen spricht jedoch, dass die Kinderlosenanteile vom Institut für Bevölkerungswissenschaft in den letzten Jahren ständig nach unten korrigiert werden mussten. Es handelt sich also in erster Linie um eine Erhöhung des Alters bei den Erstgebärenden.

Der Terror der Individualisierungsthese - Oder der neue Familienfundamentalismus als Folge der Individualisierungsdebatte

BECK, Ulrich (2003): Identitäten im Zeitalter der Informationsgesellschaft.
Das Eigene, das Fremde und die Kommunikationsströme,
in: Neue Zürcher Zeitung  v. 10.11.

BECK, Ulrich (2004): Orwell lässt grüßen.
"Rückschritt ist Innovation",
in: Süddeutsche Zeitung v. 16.01.

"Wer auf den Ausbau der »Dienstleistungsgesellschaft« setzt, vertraut auf die Grenzen der nationalen Dienstleistungsgesellschaft. Und auch wer »jobless growth« und den »Export von Arbeitsplätzen« anprangert, nimmt die Wirklichkeit noch immer in nationalstaatlichen Begriffen wahr. Im besten Fall wird es ein Wirtschaftswachstum geben, das vielleicht sogar neue, attraktive Arbeitsplätze erfordert. Diese aber entstehen in der entgrenzten Wirtschaft dann nicht innerhalb, sondern außerhalb Deutschlands, also in Indien, China, Polen und so weiter",

schreibt der Transnationalist Ulrich BECK.

Die Rückkehr der Klassengesellschaft - Oder der lange Abschied von den Individualisierungsverheißungen

BECK, Ulrich (2004): Von Freunden umzingelt.
Deutschlands Misere in europäischer Perspektive
Am Beispiel Deutschlands und seiner derzeitigen Befindlichkeiten lässt sich studieren, wie falsch es wäre, die drängenden gesellschaftlichen Probleme - Arbeitslosigkeit, Alterssicherung, Migration - im Rahmen nationalstaatlicher Konzepte anzugehen. Es gilt, einen europäischen, einen kosmopolitischen Realismus zu entwickeln,

in: Neue Zürcher Zeitung v. 18.06.

Ulrich BECK verabschiedet sich vom kurzen Traum immerwährender bürgernaher Subpolitik und definiert nun den Bürger als politischen Störfaktor, der durch eine europäische Politik eliminiert werden soll. Als Beispiel einer solchen  bürgerfeindlichen Politik beschreibt BECK das Feld der Demografiepolitik:

"Weder ist der Bevölkerungsrückgang das nationale Problem einzelner Gesellschaften (wie das bis jetzt sowohl bevölkerungswissenschaftlich als auch öffentlich-politisch diskutiert wird, im Banne des «methodologischen Nationalismus»), noch kann es im nationalen Alleingang angemessen gelöst werden. Wohin man schaut, dieselbe Situation überall in Europa. Die Überalterung droht, die Rentensysteme funktionieren nicht mehr, aber die notwendigen Reformen werden durch den organisierten Widerstand der betroffenen Gruppen blockiert.
Ein wichtiger Schritt vorwärts aus dieser Falle könnte darin liegen, den Zusammenhang von Bevölkerungsrückgang, alternder Gesellschaft, notwendigen Reformen der sozialen Sicherungssysteme und einer gezielten Migrationspolitik als ein europäisches Problem zu definieren und kooperativ zu bearbeiten. Alle Regierungen, die sich in der nationalen Sackgasse mit Scheinlösungen begnügen müssen, können davon profitieren: Angenommen, es würde ein EU-Konzept entwickelt und verabschiedet, wie die Probleme Alterssicherung und Migration angesichts einer schrumpfenden Bevölkerung angegangen werden können und sollen. Dieses Vorhaben würde die nationalen Regierungen entlasten."

Wenn Ulrich BECK das Buch Methusalem-Komplott von Frank SCHIRRMACHER zur "Deutschland erwache!"-Literatur zählt, dann könnte man BECKs Ausführungen zur Kategorie "Europa erwache!"-Literatur" zählen. Beide Kategorien ziehen ihre Legitimation aus Horrorszenarien, deren Realitätsgehalt mehr als fragwürdig ist.

BECK, Ulrich (2004): Die zweite Moderne.
Warum Geisteswissenschaften? Sozialwissenschaften im globalen Kontext,
in: Süddeutsche Zeitung v. 22.07.

Ulrich BECK hält seinen kosmopolitischen Ansatz (d.h. die Welt wird aus der Sicht der globalen Klasse beschrieben) für jenes Paradigma, dem sich die ganze Sozialwissenschaft unterwerfen soll, weswegen er von der zweiten Moderne parliert. U. a. warnt BECK vor dem "Youth Bulge":

"Europa (ist) durchgängig von einem Schwund seiner Bevölkerungen und damit von einem Alterungsprozess gekennzeichnet, der nicht nur den wohlfahrtstaatlichen Sicherungssystemen (Renten, Gesundheitsversorgung) die Grundlage entzieht, sondern auch den »alten« Kontinent im Vergleich und in Konkurrenz mit den aufstrebenden, zahlenmäßig von Jungen dominierten Bevölkerungen und Ländern der Welt wirklich »alt« aussehen lässt."

Die Polarisierung in junge und alte Länder ist eine Schimäre, wenn es stimmt, dass weltweit die Bevölkerungen nicht mehr weiter wachsen. Phillip LONGMAN ("The Empty Cradle", 2004) schreibt z.B. über den rapiden Alterungsprozess in den so genannten unterentwickelten Ländern:

"Wissenschaftler am International Institute for Applied Systems Analysis sagen voraus, dass die Bevölkerungsentwicklung mit neun Milliarden Menschen um 2070 ihren Höhepunkt erreichen und dann zurückgehen wird. Lange vorher werden jedoch viele Staaten weniger Einwohner haben, und das Durchschnittsalter der Weltbevölkerung wird dramatisch in die Höhe gehen. Den schnellsten Überalterungsprozess wird es im Nahen Osten und in anderen unterentwickelten Regionen der Welt geben. In diesem Jahrhundert dürfte sogar das südliche Afrika älter werden, als es Europa heute ist.
(...).
In dem Maße, wie die Entwicklungsländer Industrien aufbauen und dadurch städtischer geprägt werden, erleben sie dieselbe demografische Entwicklung, aber in einem schnelleren Tempo. Wenn Amerikaner beispielsweise jetzt an Mexiko denken, haben sie die Fernsehbilder verzweifelter, arbeitsloser Jugendlicher vor Augen, die durch den Rio Grande schwimmen oder durch den Grenzzaun schlüpfen. Weil aber die Geburtenraten in Mexiko drastisch zurückgegangen sind, altert das Land inzwischen fünf Mal schneller als die USA. Während das Durchschnittsalter der Amerikaner in den letzten 50 Jahren um nur fünf Jahre (von 30 auf 35 Jahre) stieg, wird sich in Mexiko in den nächsten 50 Jahren das Durchschnittsalter nach Angaben der Uno um 20 Jahre erhöhen, sodass die halbe Bevölkerung über 42 Jahre alt sein wird. Das amerikanische Durchschnittsalter wurde für 2050 mit 39,7 Jahren errechnet.
Die Fernsehbilder von verzweifelten arbeitslosen Jugendlichen aus dem Nahen Osten vermitteln ähnlich missverständliche Eindrücke. Die Geburtenraten fallen im Nahen Osten schneller als anderswo sonst auf der Welt. Die Bevölkerung altert in einem beispiellosen Tempo. Algerien wird einen Anstieg des Durchschnittsalters von 21,7 auf 40 Jahre verkraften müssen, wenn man Uno-Angaben zugrunde legt. Der Iran hat nach der Revolution einen Geburtenrückgang um nahezu zwei Drittel erlebt und wird 2030 mehr ältere Menschen als Kinder haben..
" (Rheinischer Merkur vom 01.07.2004)

Die Globalisierung mit ihrem Export der Industrie in die Entwicklungsländer sorgt dafür, dass auch in jenen Ländern, die heutzutage noch jung erscheinen, der gleiche Alterungsprozess einsetzt wie in Europa...

BECK, Ulrich (2004): So macht Gleichheit Ungleiche aus uns allen.
Und kann es so etwas wie eine europäische Gesellschaft überhaupt geben?
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 08.10.

BECK, Ulrich (2004): Schmerzhafte Erfahrung.
Hilfe, unsere Arbeit wandert aus!
in: Süddeutsche Zeitung v. 20.10.

BECK, Ulrich (2005): Die Gesellschaft des Weniger.
Arbeitslosigkeit, Hartz IV: ein Land steigt ab,
in: Süddeutsche Zeitung v. 03.02.

Vom Fahrstuhl-nach-oben-Guru hat sich Ulrich BECK zum Fahrstuhl-nach-unten-Guru gewandelt. Sein Mantra dürfte die Herrschenden beruhigen, denn dank Individualisierung wird die größer werdende soziale Ungleichheit von den Bürgern weiterhin hingenommen. BECK beschreibt die Ökonomisierung des Sozialen folgendermaßen:

"Die Gesellschaft des Mehr nahm den Staat in die Verantwortung, die Gesellschaft des Weniger setzt auf das Individuum (...). Dahinter verbirgt sich vielleicht eine neue Herrschaftsstrategie. Diese folgt nicht mehr dem Prinzip von Fürsorge und Bevormundung, sondern dem der Selbstverantwortung und Selbstzurechnung (...). Selbstentfaltung heißt: Jeder wird nun zum Dompteur seiner Anpassung zum Weniger."

Es könnte aber auch ganz anders kommen. Heinz BUDE hat vor kurzem die Re-Politisierung der bislang unpolitischen Eliten beschrieben. Peter GLOTZ  hat schon vor längerem hervorgehoben, dass der Digitale Kapitalismus seine neuen Gegeneliten hervorbringt. Vor über 10 Jahren hat der Poptheoretiker Diedrich DIEDERICHSEN den Umschlagspunkt der neuen Ernsthaftigkeit in der Gesellschaft des Weniger beschrieben:

"Exakt an dem Punkt, wo sich die zugestandene Aufschiebung des Ernstes des Lebens (ewige Studentenzeit, erträgliche Einnahmen in den Schattenökonomien der Indie-Szene und der Kunstwelt) in einen erzwungenen Aufschub (Arbeitslosigkeit, Rezession auch im Kulturbereich, Steigerung des Anteils auch der Beschäftigten, die nicht mehr dauerhafte Jobs haben, sondern sich von Job zu Job hangeln, wodurch Leute unfreiwillig bohemisiert werden, aber oft die betreffenden Verhaltensweisen und Denkgewohnheiten entwickeln) verwandelt, wird aus der fröhlichen Dissidenz des theoretischen Selberdenkers politischer Ernst."
("Gefühlte Paprika - Die politische Subjektivität der Boheme" in:
Texte zur Kunst, September 1993, S.70)

BECK, Ulrich (2005): Die fremde Gesellschaft, in der wir leben.
Soziologie ohne Öffentlichkeit - eine Bestandsaufnahme aus Anlass von Karl Martin Boltes 80. Geburtstag,
in: Süddeutsche Zeitung v. 29.11
.

Mr. Soziologie klopft sich - wie so oft - andauernd selber auf die eigene Schulter. Die Kritik an der Soziologie ist nichts als Eigenlob. Wäre die Soziologie Ulrich BECK, dann wäre alles o.k., denn Ulrich BECK blickt

"neugierig auf die hinter den Fassaden der Stabilität sich grundstürzend wandelnde, unbekannte Gesellschaft, in der wir leben."

Weil aber alle anderen nicht Ulrich BECK sind, schreibt BECK:

"Aber eines ist die deutsche Soziologie gewiss nicht: neugierig auf die hinter den Fassaden der Stabilität sich grundstürzend wandelnde, unbekannte Gesellschaft, in der wir leben."

Wenn Ulrich BECK beklagt, dass die Gesellschaft ohne Soziologie auskommt, dann liegt dies in erster Linie daran, dass inzwischen der Soziokult den Psychokult abgelöst hat. Jeder Leitartikler schreibt heute wie Ulrich BECK, wenn er den Niedergang der Familie beklagt. Wer etwas zu Singles sagt, der ist meist nur ein Ulrich BECK-Klon. An den Mitte-Küchentischen dieser Republik wird nicht mehr psychoanalysiert, sondern sozioanalysiert. Wer über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie spricht, hat die BECKsche Formelsprache so verinnerlicht, dass er gar nicht mehr nachdenken muss. Selbst Nationalkonservative sprechen das BECKsche Neusprech. Die Generation BECK hat die Mitte-Medien besetzt. Die Individualisierungsthese ist längst kein Gegengift mehr, sondern blanker Terror.

BECK, Ulrich (2006): Gott geht, das Wagnis kommt.
Doch Paul Nolte wirbt für eine nicht allzu riskante Moderne,
in: Welt v. 25.03.

Ulrich BECK rächt sich mit einer "Nicht-Besprechung" an dem Historiker Paul NOLTE. Das Buch Riskante Moderne wird ganz nebenbei abgefertigt:

"Aus Deutschland sei eine »Risikovermeidungsgesellschaft« geworden, kritisiert Nolte. Darin schwingt wohl auch die Enttäuschung mit, daß die »Generation Reform« (so ein früherer Buchtitel Noltes) sich als Reformvermeidungsgeneration entpuppt hat. Warum das so sein könnte, darüber lohnt es sich allerdings tiefer nachzudenken, als es Nolte tut.
          
(...).
Während meine Generation die Universität ohne jeglichen Zweifel verlassen konnte, daß sie einen gutbezahlten Arbeitsplatz finden würde (den Index für die später auszuzahlende Rente hätten wir nur nachschlagen müssen), stehen heute selbst die Besten, die Erfahrensten, Risikobereitesten zunächst meist vor den verschlossenen Türen des Arbeitsmarktes. Wie man zwei Karrieren, einen Haushalt und Elternschaft verbindet, ist zu einem riskanten Kunststück geworden, das keiner Generation zuvor selbstverständlich abverlangt wurde. Es braucht wenig Soziologie, um zu verstehen, daß selbst der unbändige Kinderwunsch sich, wenn noch nicht einmal (wie in Frankreich oder Schweden) Kindertagesstätten angeboten werden, in ein Risiko verwandelt, das Mann und Frau nicht mehr eingehen wollen.
"

Der Rest ist typischer BECK-Sound, der NOLTE offensichtlich Pate steht.

BECK, Ulrich (2006): Falscher Alarmismus.
Der Streit um die Bevölkerungsentwicklung,
in: Süddeutsche Zeitung v. 11.08.

Im Buch Die Single-Lüge wird dem Soziologen Ulrich BECK vorgeworfen, dass er dem Nationalkonservatismus Vorschub geleistet hat. Nun beklagt BECK den methodologischen Nationalismus der "Nabelschau-Demographie". Aber kann es einen richtigen Alarmismus à la Ulrich BECK geben? [mehr]

BECK, Ulrich (2006): Die Liebe - Gott der Privatheit.
Über das Ringen um neue Formen des Zusammenlebens von Mann und Frau,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 23.09.

Ulrich BECKs stark angestaubte Thesen stammen immer noch aus dem Jahr 1986, weshalb er selbst im Jahr 2006 noch konstatiert:

"An die Stelle der Auseinandersetzung um Klassen ist die Auseinandersetzung um Familie getreten."

Im neuen Doppelheft der Zeitschrift Merkur zum Thema Ein neues Deutschland? Zur Physiognomie der Berliner Republik resümiert dagegen der Historiker Paul NOLTE:

"Die Berliner Republik hat gelernt, sich als eine Klassengesellschaft selbst zu thematisieren. (...) Das Zeitalter der Euphemismen ist vorbei; auch die Zeit der Individualisierung und Privatisierung des eigenen Status. Wer heute seine Kinder auf bestimmte Schulen schickt oder ein bestimmtes Auto fährt oder sich durch die Stilisierung des eigenen Körpers definieren will, der muß damit rechnen, daß dies nicht als persönliche Entscheidung interpretiert wird, die auch anders hätte fallen können, sondern geradezu notwendiger Ausdruck einer gesellschaftlichen Klassenposition."

Mit NOLTE müsste man also sagen, dass die Bevorzugung eines bestimmten Familienstils Ausdruck der Zugehörigkeit zu einer Klasse ist, wobei NOLTE nicht altmarxistisch Einkommensklassen meint, sondern neokonservativ über "Kulturklassen" spricht. Eine der scheinbar großen Merkwürdigkeiten unserer Zeit ist, dass neuerdings die Konservativen die Klassengesellschaft entdecken, während die Ex-Linke die bürgerliche Familie und die Religion entdeckt.

Dies stellt die 1970er Jahre auf den Kopf. Oder anders gesagt: Beide Parteien fechten weiterhin die Kämpfe der 1970er Jahre aus, während die Welt für die nachfolgenden Generationen eine ganz andere geworden ist...

BECK, Ulrich (2006): Abschied von der Utopie der Vollbeschäftigung.
Nationalstaatliche Nabelschau und alte Denkmuster blockieren Lösungsansätze in der Armutsdebatte,
in: Neue Zürcher Zeitung v. 04.11.

BECK, Ulrich (2008): Globalisierung von unten.
Die Kosmopolitische Erneuerung der Gewerkschaften
in: TAZ v. 19.07.

BECK, Ulrich (2008): Nicht nur Stilfragen,
in:
Frankfurter Rundschau v. 06.11.

"Für Deutschland könnte Obamas kosmopolitischer Realismus erhebliche Folgen haben. Er wird (...) von Europa, insbesondere aber auch von Deutschland mehr kosmopolitisches Engagement verlangen. Der Rückzug ins nationale Schneckenhaus wird für Deutschland deutlich schwieriger werden", meint der Soziologe Ulrich BECK zum Wahlausgang in den USA.

 
       
   

Ulrich Beck: Porträts und Gesprächs

 
   

PONGS, Armin (1999): Ulrich Beck - Die Risikogesellschaft,
in:
In welcher Gesellschaft leben wir eigentlich? Gesellschaftskonzepte im Vergleich, Band 1, München: Dilemma Verlag

KOCH, Hannes (2002): "Attac in den Währungsfonds".
Der Soziologe Ulrich Beck will Stimmrecht in transnationalen Organisationen für Globalisierungskritiker,
in: TAZ
v. 31.01.

Der Soziologe Ulrich BECK, ein Sprachrohr der zweitmodernen, transnationalen Eliten, muss eingestehen, dass die globalen Nomaden auf die vor-zweitmodernen Sicherheitsstaaten angewiesen sind, denn sie haben ein existentielles - notgedrungen körperlich-geografisches - Interesse "an einem sicheren Leben, an Wohlstand und Bildung".
      
  BECK fordert deshalb eine "Weltinnenpolitik", d.h. eine Politik, die Nationalstaaten dazu zwingen soll, die zweitmodernen Interessen der transnationalen Eliten gegen die erstmodernen Interessen der jeweiligen Staatsbürger durchzusetzen. Damit dies auch moralisch korrekt erscheint, werden die zweitmodernen, transnationalen Eliten zu Anwälten von Flüchtlingen und Migranten.

ALBERS, Markus (2002). "Bastelclubs statt Pflichtjahr".
Er beriet Schröder und Stoiber: Nun fordert Deutschlands führender Soziologe Ulrich Beck Alternativen zur Dienstpflicht und kritisiert mutlose Politiker,
in: Welt am Sonntag v. 14.04.

Ulrich BECK erläutert sein Konzept der Bürgerarbeit.

MISIK, Robert (2002): "Rot-Grün verpatzt die Chancen",
Gespräch mit Ulrich Beck,
in: TAZ v. 18.11.

Anlässlich seines neuen Buches Macht und Gegenmacht im Zeitalter der Globalisierung darf der Soziologe Ulrich BECK seine altbekannten Ansichten wiederholen. Eine ausführliche Kritik des Sprachmagiers BECK hat Volker STORK bereits vor längerer Zeit vorgelegt.

HILLENKAMP, Sven & Henning SUSSEBACH (2003): Was wird?
Zwischen Lebensplanung und Zukunftsangst: In dieser LEBEN-Ausgabe verschreiben wir uns der Reform. Mit den Debatten um Gesundheitsvorsorge, Renten und Arbeitsmarkt ist die Zukunft in unser Bewusstsein zurückgekehrt - vor allem als Bedrohung. Ein Gespräch mit dem Soziologen Ulrich Beck,
in: Die ZEIT Nr.33 v. 07.08.

Der Soziologe Ulrich BECK parliert nicht mehr nur - wie HABERMAS - über die "Kolonialisierung der Lebenswelt", sondern ist bereits bei der "Kolonialisierung der Zukunft" angelangt. Solche Formulierungen haben ihm den Ruf als Sprachmagier eingebracht.

Ulrich BECK propagiert immer noch seine Fahrstuhl-Gesellschaft, obwohl davon schon längst keine Rede mehr sein kann und die Sozialdemokratie sich gerade - auch rhetorisch - von der Einkommensgleichheit verabschiedet hat. Der Neue-Mitte-Soziologe hat den Spiegel (Rückkehr der alten Werte) und den Focus (Trend zum Nesthockertum) gelesen und kann sich gut die Rückkehr der guten alten Zwangsgemeinschaft vorstellen:

"Die Individualisierung der Zukunft zusammen mit dem Zwang zum Weniger macht die dunklen Seiten der Freiheit bewusst. Es entstehen neue alte Abhängigkeiten: vom Erbe der Eltern, vom Verdienst des Partners, von der Hilfe der Nachbarn. Die Individualisierung beruhte ja darauf, dass der Einzelne durch die staatliche Absicherung frei wurde, sich aus den Gruppen seiner Herkunft zu lösen. Wenn jetzt die staatliche Absicherung zurückgedreht wird, kann es natürlich sein, dass Familien- und Schollenbindung wieder gesucht werden – doch dem widerspricht: Flexibilitätszwänge wachsen, und Kinder machen arm".

WEIDT, Birgit (2004): Die Utopie des Weniger.
Ein Traum geht zu Ende: Immerwährender Wohlstand und soziale Sicherheit sind in Deutschland nicht mehr zu garantieren. Wir sollen die bittere Medizin der Reformen schlucken, damit alles wieder besser wird. Aber unsre Idee vom Fortschritt ist ausgehöhlt - und es wird auch nie mehr so, wie es mal war. Zeit für ein neues Gesellschaftsideal, meint der Soziologe Ulrich Beck,
in:
Psychologie Heute
, Nr.10, Oktober

Die Überschrift führt in die falsche Richtung, denn Ulrich BECK redet in erster Linie über die Bedingungen des Weniger, denen mit der Wiedervereinigung  zum Durchbruch verholfen wurde. Die so genannte Multioptionsgesellschaft erhält dadurch einen neuen Sinn:

"Wir alle müssen immerzu wählen, aber nicht mehr zwischen Chancen, sondern zwischen Übeln."

Auch der Begriff der "Vollkaskoindividualisierung" wird nun mit neuer Bedeutung gefüllt:

"PH: Sie haben einmal von der Vollkaskoindividualisierung geschrieben. Schlägt die jetzt um in eine Gefahren-Individualisierung?
BECK: Ja, die Politiker sprechen von einer Stärkung der »Eigenverantwortung«. Aber das ist oft nur eine beschönigende Bezeichnung, ein Lückenbüßer für leere Kassen und Ratlosigkeit. Die Risiken, die früher der Staat auf sich nahm, werden jetzt auf die Menschen abgewälzt".

Der Terror der Individualisierungsthese, bei dem Ulrich BECK an vorderster Front mitgewirkt hat, bleibt dagegen ausgeklammert.

Die Rückkehr der Klassengesellschaft - Oder der lange Abschied von den Individualisierungsverheißungen

MÜLLER-NEUHOF, Jost (2004): "Das ist ein Umsturz".
DIE GRENZEN DER REFORMEN: Was der Staat für seine Bürger leisten muss. Der Soziologe Ulrich Beck über den Abschied von der sozialen Sicherheit – und was danach kommen wird,
in: Tagesspiegel v. 10.10.

HEUER, Christine (2004): Neue Herausforderungen für Gewerkschaften.
Interview mit Ulrich Beck, Soziologe
in: DeutschlandRadio v. 22.10.

WIDMANN, Arno (2005): Arbeit, Freiheit, Sicherheit.
Ulrich Beck über das Ende der Erwerbsideologie, die Schwierigkeiten der Demokratie, die offene Gesellschaft und ihre terroristischen Feinde,
in: Magazin der Berliner Zeitung v. 13.08.

HETTINGER, Holger (2005): Ulrich Beck: Soziologie hat sich von der Gesellschaft entfernt.
Junge Soziologen sollen "Ausflug in die Wirklichkeit wagen",
in: DeutschlandRadio v. 07.12.

Was Ulrich BECK der Soziologie anlastet, das ist in erster Linie ihm selber anzulasten:

"Hettinger: Lässt sich der Bedeutungsverlust der Soziologie auch damit erklären, dass die Zeit der großen Gesellschaftsentwürfe vorüber zu sein scheint?
          Beck: Ja, da ist sicherlich was dran, aber: Es gab in der Gesellschaftsentwicklung immer wieder die Vorstellung, dass wir in einer Umbruchphase leben, in der auch die Soziologie und die Gesellschaft selbst neuer Kategorien für ihre Beschreibung bedarf. Ich glaube, wir sind wiederum in so einer Phase, wo wir sicherlich sehr spezialisiert als Soziologen arbeiten müssen, wo wir uns aber fragen müssen: sind unsere Kategorien von Gesellschaft, also von Klasse, von nationaler Gesellschaft, von Wohlfahrtsstaat noch angemessen, um die Spannungen, Irritationen und Turbulenzen der modernen Gesellschaft, in der wir leben, zu erfassen."

HOFMANN, Gunter (2007): Der Kosmopolitist.
Vordenker Teil 3: Ulrich Beck. Der Soziologe Ulrich Beck ist Weltreisender in Sachen Moderne. Am liebsten spricht er über Europa,
in: Die ZEIT Nr.10 v. 01.03.

HILLENKAMP, Sven (2008): "Jeder kann seinen eigenen Gott erschaffen".
Neue Religiosität und leere Kirchen sind für Ulrich Beck kein Widerspruch: Buddhismus, Pilgerwandern, Koran – moderner Glaube ist ein spiritueller Baukasten,
in: Tagesspiegel v. 20.07.

WIDMANN, Arno (2008): Eine neue Begeisterung.
Gespräch mit dem Soziologen Ulrich Beck,
in: Frankfurter Rundschau v. 15.08.

KOCH, Hannes (2008): "Die Finanzkrise hat aus Schurken Helden gemacht".
Milliardenhilfen für die Banken? Das darf nicht die einzige Folge der Finanzkrise sein, sagt der Soziologe Ulrich Beck im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Er fordert: Der Staat muss die Chance nutzen, die Wirtschaft endlich wieder sozial und demokratischer zu machen,
in: Spiegel Online v. 15.10.

UNIVERSITAS-Thema: Glück

UNIVERSITAS (2008): Auf der Suche nach dem eigenen Gott.
Gespräch mit Ulrich Beck,
in: Universitas,
November

WIDMANN, Arno (2008): Handeln im Zustand des Nicht-Wissens.
Ulrich Beck, Theoretiker der Risikogesellschaft, über die Wendehälse der Finanzkrise und die Bedeutung Europas,
in:
Frankfurter Rundschau v. 05.11.

GÜNTNER, Joachim (2014): Der Risiko-Soziologe.
Ulrich Beck wird siebzig: Mit seinem Buch "Die Risikogesellschaft", kurz vor der Katastrophe von Tschernobyl erschienen, avancierte Ulrich Beck zum Gegenwartsdiagnostiker. Sein soziologischer Blick ist grossräumig geblieben,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 15.05.

"Bisweilen mochte man den Eindruck haben, er verallgemeinere (...) etwas zu sehr seine eigene Lebensform – die einer Scientific Community, deren soziale Absicherung es erlaubt, als akademischer Jetset überall heimisch zu werden und unter seinesgleichen Rückhalt zu finden",

fasst GÜNTNER in seiner Lobpreisung eine Kritik am transnationalistischen Blick kurz zusammen.

 
       
   

Kinder der Freiheit (1997)
Frankfurt: Suhrkamp

 
   
     
 

Klappentext

"Die Kinder der Freiheit praktizieren eine suchende, eine versuchende Moral, die verbindet, was sich auszuschließen scheint: Selbstverwirklichung und Dasein für andere. Am Ende läuft dies darauf hinaus, den Gemeinwohl-Verwaltern das Monopol der Gemeinwohl-Definition streitig zu machen.
Die Menschen sind zukunftsfähiger als die gesellschaftlichen Institutionen und ihre Repräsentanten. Es gilt zu entdecken und zu erkennen, daß der säkulare Wandel die Voraussetzungen zu seiner Bewältigung miterzeugt - Voraussetzungen, nicht die Gewähr, und auch dies nur teilweise."

     
 
       
   

Die Beiträge des Sammelbandes

BECK, Ulrich - Kinder der Freiheit: Wider das Lamento über den Werteverfall

WUTHNOW, Robert - Handeln aus Mitleid

WILKINSON, Helen - Kinder der Freiheit. Entsteht eine neue Ethik individueller und sozialer Verantwortung?

DETTLING, Warnfried - Die moralische Generation

BARKER, Eileen - Der Käfig der Freiheit und die Freiheit des Käfigs

BRATER, Michael - Schule und Ausbildung im Zeichen der Individualisierung

HITZLER, Ronald - Der unberechenbare Bürger. Über einige Konsequenzen der Emanzipation der Untertanen

BECK, Ulrich - Demokratisierung der Familie

KAUFMANN, Jean-Claude - Schmutzige Wäsche

ROSENMAYR, Leopold & Franz KOLLAND - Mein "Sinn" ist nicht dein "Sinn". Verbindlichkeit oder Vielfalt - Mehrere Wege im Singletum

ALBROW, Martin - Auf Reisen jenseits der Heimat. Soziale Landschaften in einer globalen Stadt

BAUMAN, Zygmunt - Schwache Staaten. Globalisierung und die Spaltung der Weltgesellschaft

BECK, Ulrich - Die Väter der Freiheit

BECK, Ulrich - Ursprung als Utopie: Politische Freiheit als Sinnquelle der Moderne

 
       
   

Das ganz normale Chaos der Liebe (1990)
(zusammen mit Elisabeth Beck-Gernsheim)
Frankfurt a/M: Suhrkamp

 
   
     
 

Klappentext

"Männer und Frauen werden mehr und mehr die Gesetzgeber ihrer eigenen Lebensform, die Richter ihrer Verfehlungen, die Priester, die ihre Schuld wegküssen, die Therapeuten, die die Fesseln der Vergangenheit lockern und lösen. Aber auch die Rächer, die Vergeltung üben für erlittene Verletzungen. Liebe wird eine Leerformel, die die Liebenden selbst zu füllen haben, über die sich auftuenden Gräben der Biographien hinweg - auch wenn dabei der Schlagertext, die Werbung, das pornographische Skript, die Mätressenliteratur, die Psychoanalyse Regie führen."

     
 
       
   

Rezensionen

POPPE, Peter (1990): Das Zeitalter der Alleinstehenden,
in:
Psychologie Heute, September

BERNSTEIN, Robin (1990): Die ganz reale Unwahrscheinlichkeit der Liebe,
in:
Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, S.249-254

LOHMANN, Hans-Martin (1991): Liebe - ein Unternehmen auf Zeit,
in:
Pro Familia Magazin, Heft 3

 
   

Ulrich BECK in der Debatte

ALTHAMMER, René & Ronald HITZLER (Hg.)(1994): Im Dschungel der politisierten Gesellschaft.
Ulrich Beck in der Diskussion,
in:
Ästhetik & Kommunikation, Heft 85/86, Mai

BURKART, Günter (1997): Lebensphasen - Liebesphasen. Vom Paar zur Ehe zum Single und zurück? Opladen: Leske + Budrich

TERKESSIDIS, Mark (2001): Der Blick aus der Limousine.
Seit fünfzehn Jahren bespielt der Soziologe Ulrich Beck jedes verfügbare öffentliche Forum mit seinen höchst anschlussfähigen Trendformeln. Doch bei seinen metapolitischen Diagnosen ist Empirie Mangelware. Eine kritische Bilanz,
in: TAZ v. 17.02.

STORK, Volker (2001): "Die »Zweite Moderne« - ein Markenartikel?"

MARESCH, Rudolf (2004) Konsumismus.
Der Soziologe Ulrich Beck und seine obligatorischen Kommentare zu den globalen Krisenlagen in deutschen Feuilletons,
in: Telepolis v. 24.10.

 
   

Individualisierungstheoretische Ausführungen

Helmut Schelsky - Die nivellierte Mittelstandsgesellschaft

Die beiden französischen Autoren haben bereits 1979 - also 4 Jahre vor BECKs erster Niederschrift der Individualisierungsthese ähnliche Überlegungen angestellt:
Pascal Bruckner & Alain Finkielkraut "Das Abenteuer um die Ecke"

Jochen Schimmang - "Der Schöne Vogel Phönix" (1979) ist die belletristische Vorwegnahme der Individualisierungsthese

 
   

Ulrich Beck im WWW

www.ls2.soziologie.uni-muenchen.de/personen/professoren/beck_ulrich

 
   

weiterführende Links

 
     
   
 
   

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Update: 06. Juni 2016