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Debatte

 
       
   

Jürgen Voß: Die geburtenstarken Jahrgänge sind nicht schuld!

 
       
   

Ein Kritik von Jürgen Voß anlässlich des Essays "Die Kinder dürfen zahlen" von Stefan Schulte in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung vom 25.03.2006

 
       
     
       
   
     
 

Die Medienberichterstattung ist unfair

Sehr geehrter Herr Schulte,

ich habe Ihren Essay (wörtlich übersetzt: Versuch vom frz: essayer) aufmerksam gelesen.
          
Man könnte dieses Konglomerat neoliberalen Mainstreamunsinns (zu wenig Kinder, zu viele alte Leute), ohnehin geschrieben in einer Flut von Irrationalität, die wir in diesen Tagen anläßlich einer ganz sachlichen Pressemeldung des Stat. Bundesamtes über uns ergehen lassen müssen, mit der typischen "Was soll' s? - Geste abtun. Man könnte diesen "Essay" für Sozialhistoriker künftiger Epochen aber auch aufbewahren, damit diese später mal aufzeigen können, wie stark die Manipulationsgewalt kapitalgesteuerter Medien im beginnenden 21 Jahrhundert, wie ausgeprägt der Opportunismus der Journalisten und wie gering der sozialpolitische Sachverstand derer war, die glaubten, über einen solchen zu verfügen.

Die demografische Situation ist günstiger als die Medien behaupten

Zu den Fakten: Deutschland hat 82,5 Mio. Einwohner, ist das zwölftgrößte Volk der Welt, hat mit 235 Einwohner pro qkm eine der höchsten Bevölkerungsdichten und ist seit über 50 Jahren fast ununterbrochen (durch Zuwanderung) gewachsen, in den letzten 15 Jahren allein um drei Mio. Es hat in den letzten 20 Jahren die höchste Zuwanderung aller OECD-Länder, es hat bei weitem nicht die niedrigste Geburtenrate und das Verhältnis zwischen Erwerbsfähigen und den Menschen über 65 ist eins der besten der Welt - gleichzeitig auch ein Beweis ,dass es darauf gar nicht ankommt - von 53 Mio. im erwerbsfähigen Alter zu gerade mal 15 Mio. über 65.

Wir waren zu viel, nicht zu wenig

Letztere Relation ist das Resultat von zwölf geburtenstarken Jahrgängen, deren (bittere) Ernte wir zur Zeit einfahren; eine Ernte mit katastrophalen sozialpolitischen und arbeitsmarktpolitischen Ergebnissen, allgemein und erst recht individuell für die Betroffenen selbst. Der sog. Youthbulge der sechziger Jahre durchläuft gerade die mittlere Phase seines Parcours des Schreckens - nach der Lehrstellenmisere in den frühen achtziger Jahren nunmehr die Massenarbeitslosigkeit oder die schreckliche Angst davor in der Erwerbsphase, die nicht weniger als 45 Jahre dauert und die dann abgelöst wird von einer mindestens ebenso schrecklichen Altersarmut für Millionen aus diesen Jahrgängen, weil ausreichende Ansprüche auf Rente und vor allem auf die viel gepriesene private Altersvorsorge nicht entstehen konnten. Dies alles hat mit (fehlenden) Kindern nichts zu tun, mit zu vielen Kindern (in den sechziger Jahren) - so lächerlich sich das angesichts der momentanen Debatte auch anhören mag - dagegen eine ganze Menge.

Nicht einmal für die geburtenschwache Generation Praktikum gibt es genügend Arbeitsplätze

Ihnen folgt eine geburtenschwache Generation, der es aber auch nicht viel besser geht. Von ihr schieben wir (von 700 - 750tsd) in jedem Jahr zwischen 220 und 250tsd. junge Menschen (30%) in die lebenslange Erwerbslosigkeit (zunächst heißt das euphemistisch "Maßnahmen"), von den sog. Migranten sind es sogar 75%. Selbst bestausgebildete junge Leute hangeln sich von einem Praktikum zum anderen. Zu wenig Menschen für zu viel Arbeit? Genau das Gegenteil ist der Fall. Hätten die Demographiemythologen recht, müßte in der Altersklasse 20 - 35 Vollbeschäftigung herrschen.

Die ausgefallene Generation ist ein Glück!

Nun kommen Herr Raffelhüschen, Herr Schirrmacher (mit einem ohnehin eigentümlichen Zahlenverständnis, aber sehr gutem Verlegerzugang für seinen Humbug), Herr Miegel und leider auch Herr Schulte von der WAZ und sagen uns, die jetzige (geburtenstarke) Generation ist selbst schuld an Ihrem Dilemma, denn sie hat ja keine Kinder gezeugt. Welch ein Blödsinn, mehr noch: welch eine zynische Frechheit von Leuten, die selbst im warmen Bettchen sitzen.


Jeder, der sich mit der Materie ideologiefrei beschäftigt hat und nicht (wie Herr Raffelhüschen von der Provinzial geschmiert ist), denkt da anders.

Wie Deutschland heute ohne die ausgefallene Generation aussähe

Gut, dass die geburtenstarken Jahrgänge nicht weitergegangen sind, denn dann

hätte Deutschland (Geburtsjahrgang 1965 hochgerechnet) heute 21 Mio. Einwohner mehr, also 103 - 104 Mio.;

hätten wir pro Jahr 1,4 Mio. Menschen mit Lehrstellen bzw. weiterführenden Bildungsgängen zu versorgen, also doppelt so viele wie heute (die Ausbildungsplätze hätten wir garantiert!);

würde das ohnehin aufgeblähte Erwerbspersonenpotential nicht 53 Millionen sondern (Mehrgeburten der Geburtsjahrgänge 1970 - 1986 hinzugerechnet) 62,6 Mio. Personen umfassen (Für sie stünde dann sicherlich die entsprechende Zahl von Arbeitsplätzen bereit!!);

hätte - nehmen wir mal das Ruhrgebiet: - Essen heute über 830.000 Einwohner (bei konstanten Geburtenzahlen von 1965 - 11.000 Geburten - heute noch 4.880), Oberhausen bei konstanten Geburtenzahlen 328.000 Einwohner.

Selbstverständlich wäre dann auch keine einzige Zeche stillgelegt und kein einziger Hochofen geschleift worden; das Verarbeitende Gewerbe würde immer noch den Löwenanteil existenzsichernder Beschäftigungen bieten und Beckenbauer wäre heute Papst.

Die Sozialsysteme sind trotz Geburtenrückgang funktionsfähig

In einer Welt, in der pro Tag 200.000 Menschen hinzukommen, soll ausgerechnet einem der größten Völker der Erde auf Gedeih und Verderb ununterbrochenes Wachstum verordnet werden, damit die Sozialsysteme funktionieren? Deren Funktion hängt von der Produktivität der Wirtschaft und der Verteilung des BIP sowie der Zahl der (sozialversicherungspflichtig) Beschäftigten (nicht der Erwerbsfähigen) ab und erst recht nicht von der Zahl der Kinder. Denn dann wären die Renten in Marokko am höchsten. Sehr einfache Überlegungen, die wohl offensichtlich nicht in die Zeit passen. Man will ja mit der Angst der Menschen schließlich gute Geschäfte machen oder einen von Moralin durchtränkten Essay schreiben, mit dem man so schön offene Türen einrennen und sich selbst zum wissenden Gutmenschen erheben kann.

 
     
 
       
   

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