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Rezension

 
       
   

Jan Roß

 
   

Die neuen Staatsfeinde. Was für eine Republik wollen Schröder, Henkel, Westerwelle und Co.?
erschienen als FISCHER-Taschenbuch im Januar 2000

 
       
   

Die Themen der Rezension

 
       
   
     
 

Der Terror der Ökonomie

Die Streitschrift ist urprünglich im Vorfeld des Bundestagswahlkampfs 1998 erschienen und die Taschenbuchausgabe ist nun rechtzeitig zu den beiden Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen auf den Markt gekommen. In 10 Kapiteln vertritt der Autor die These von der totalen Ökonomisierung der Gesellschaft, die im "Terror der Ökonomie" zu gipfeln droht, wenn nicht der Staat in seiner Rolle als Gegenmacht Einhalt gebietet.

Gesellschaftlich findet die Ökonomisierung ihren Ausdruck im Erfolg des Nachrichtenmagazins Focus, auf dessen Titel vor kurzem in Abwandlung des Beststellers von Dale CARNEGIE der Slogan Sorge dich nicht! Werde reich! prangte. Die vom Focus befriedigte Ideologie bezeichnet ROß als "Vulgärliberalismus". Der Focus-Bürger ist

Die neuen Staatsfeinde

"ein typisches Produkt der bundesrepublikanischen Angestelltenkultur, auf hunderterlei Weise von ebenjenem Sozialstaat gemästet, dessen Verfettung er lauthals beklagt, ein Maulheld der Freiheit, des Risikos und des Abenteuers. Die »Focus«-Ideologie ist ein kleinbürgerlicher Gratisradikalismus".

Die vielbeschworene "Neue Mitte" ist für ROß identisch mit der "Focusrepublik Deutschland". Diese Mehrheit der Modernisierungs- bzw. Liberalisierungsgewinner, deren Forderung sich auf "Weniger Staat" verkürzen läßt, unterscheidet er von der starken Minderheit der Modernisierungsverlierer, zu denen er die

Die neuen Staatsfeinde

"Verzagten und Verschreckten, Arbeitslose, Rentner und Beschäftigte der sterbenden Industriebranchen, die Langsamen in einer Welt beschleunigter Veränderungen"

zählt und die Schutz beim Staat suchen. In der Auseinandersetzung um den Staat steckt deshalb für ROß das Potential eines neuen Klassenkampfes.

In den folgenden Kapiteln beschäftigt sich ROß mit der politischen Arena, ihren Akteuren und deren Staatsverständnis. Für ROß ist der Staat das Mittel, mit dem die Menschheit das Problem der Knappheit bewältigt. Es ist der Staat des Thomas HOBBES - der Leviathan, der den Bürger vor dem Bürger schützt. Ein Beispiel für ein knappes Gut ist heute die Bindung:

Die neuen Staatsfeinde

"Denn statt daß die Gesellschaft Bindungen wachsen ließe, zerstört sie sie durch die Dynamik ihres Wirtschaftens, das die unverwechselbare Person zu einem austauschbaren Marktsubjekt macht".

Damit sind wir bei dem Punkt angelangt, wo ROß mit Ulrich BECK einer Meinung ist.

Risikogesellschaft

"In dem zu Ende gedachten Marktmodell der Moderne wird die familien- und ehelose Gesellschaft unterstellt. Jeder muß selbständig, frei für die Erfordernisse des Marktes sein, um seine ökonomische Existenz zu sichern. Das Marktsubjekt ist in letzter Konsequenz das alleinstehende, nicht partnerschafts-, ehe- oder familien'behinderte' Individuum. Entsprechend ist die durchgesetzte Marktgesellschaft auch eine kinderlose Gesellschaft - es sei denn, die Kinder wachsen bei mobilen, alleinerziehenden Vätern und Müttern auf",

schreibt BECK in seinem 1986 erschienen Buch Risikogesellschaft.

Zurück zur Familie

BECK entwirft anschließend drei Szenarien zukünftiger Entwicklungen, die den historisch entstehenden Möglichkeitsraum abdecken sollen:

Risikogesellschaft

"1) Zurück zur Familie in den traditionalen Formen;
2) Egalisierung nach dem Vorbild der Männer; und
3) Erprobung neuer Lebensformen jenseits von Frauen- und Männerrolle".

Diese Szenarien eignen sich gut, um die Positionen von ROß und BECK zu verdeutlichen. ROß befürwortet die Position "Zurück zur Kleinfamilie". Der Staat soll hierfür den Rahmen garantieren, denn er

Die neuen Staatsfeinde

"stellt Ehe und Familie unter seinen 'besonderen Schutz' (...) und macht den Bürgern durch unerbittliche Unterhaltspflichten die Scheidung schwer".

Darüber hinaus soll die Hausfrauenehe aufgewertet werden. So schrieb er in der ZEIT:

Was ist konservativ?

ein "moderner Konservatismus hätte zu zeigen, daß die häusliche Versorgung von Kindern keine reaktionäre Marotte sein muß, sondern eine Entscheidung für die Freiheit ist".
(Die ZEIT Nr. 46/1998)

Darin spiegelt sich eine Überhöhung der Hausfrauenehe wieder, die inzwischen auf dem Buchmarkt eine Renaissance erlebt. Das Reich der Freiheit ist für die Frau wieder im Haushalt und nicht im Arbeitsleben zu finden, wie es Feministinnen propagiert haben. Darin unterscheidet er sich von BECK.

Beide kritisieren jedoch die Egalisierung im Sinne der Durchsetzung der Arbeitsmarktgesellschaft für alle:

Die neuen Staatsfeinde

"Wer mobile Arbeitskräfte haben will, dem kann die Zerschlagung der Familienstrukturen nur recht sein; Wochenendeheleute, Singles und Geschiedene, auf die zu Hause niemand wartet, bilden das ideale, stets verfügbare Personal eines rund um die Uhr und rund um die Welt aktiven Unternehmens. Kinderlose Doppelverdiener sind attraktivere, ansprechbarere Nachfrager als Familien, die in ihren Ausgaben weitgehend festgelegt sind",

schreibt ROß. In ähnlicher Form hat dies auch BECK immer wieder formuliert. Die Durchsetzung der Arbeitsgesellschaft für alle, also die Vollerwerbstätigkeit auch für die Frau, schafft letztlich die "vollmobile Single-Gesellschaft". BECK grenzt deshalb seine Position des "Jenseits von Frauen- und Männerrolle" folgendermaßen ab:

Risikogesellschaft

"Der Scheinalternative 'Refamilialisierung' oder 'Durchmarktung' soll hier der dritte Weg der Eindämmung und Abpufferung von Marktbeziehungen gegenübergestellt werden, verbunden mit der gezielten Ermöglichung sozialer Lebensformen".

Er fordert u.a. die Institutionalisierung von partnerschaftlichen Formen der Arbeitsmarktmobilität und mehrere Familien übergreifende Lebens- und Unterstützungszusammenhänge. BECK versucht hier den Spagat der Wiedervereinigung von Arbeit und Leben. Zu Recht wurde gegen BECK eingewandt, daß er vor allem Lösungen für Karrierepaare im Auge hatte. Andererseits ist dieses Problem heute nicht mehr nur auf diesen Personenkreis begrenzt. BECKs Vorschläge zielen auf alle Fälle auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ab.

Mit Ulrich Beck gegen Ulrich Beck

Bei ROß werden diese Gemeinsamkeiten und Differenzen nicht sichtbar. Die Gemeinsamkeiten der Kritik an der familienfeindlichen Marktdynamik und die Übereinstimmung in der Beschreibung einer individualisierten Gesellschaft, werden von ROß verschwiegen. Vielmehr wird BECK als der "führende Lobredner der Individualisierung" oder als der "Marktgläubige" bezeichnet. Eine solche Einschätzung übersieht, daß BECK immer wieder die Kosten und die Zwänge der Individualisierung hervorgehoben hat. Auch die Bezeichnung BECKs als "Emanzipationsprophet" ist nur die halbe Wahrheit. BECKs Erkenntnisinteresse dreht sich nicht um die Frage, wie Emanzipation möglich ist. Er hat diese Frage im Forschungsprogramm schlichtweg mit seiner Definition von Individualisierung ausgeklammert. An einigen Stellen geht er dennoch darauf ein. Indem er die Institutionalisierung von Biographiemustern als Standardisierung beschreibt, steht er der Möglichkeit von Emanzipationsprozessen eher skeptisch gegenüber. Der Mensch wird bei BECK eher zum "Spielball von Moden, Verhältnissen, Konjunkturen und Märkten". BECK hat seit seinem Buch Risikogesellschaft viele Werke publiziert und er hat sich auch in der Öffentlichkeit häufig zu aktuellen Problemen zu Wort gemeldet. Vor allem in öffentlichen Äußerungen hat er manche Dinge einseitig zugespitzt, weswegen solche Attribute wie "Emanzipationsprophet" durchaus ein Körnchen Wahrheit beinhalten, aber auch das Gegenteil ist wahr, würde BECK wohl sagen. Die Differenzen zwischen BECK und ROß ergeben sich dagegen eher aus unterschiedlichen Zielvorstellungen bezüglich gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse. Deshalb spreche ich von einem "Feldzug gegen BECK".

Der Umbau des Sozialstaats und der Mythos Single

Im 5. Kapitel Zangengriff von links und rechts geht ROß differenzierter auf das Staatsverständnis der politischen Akteure ein. Demnach wollen die "Rechten" den Staat als Ordnungs- und Sicherheitsmacht, während die "Linken" den Sozial- und Steuerstaat im Sinn haben. Die Kritik speist sich deshalb nicht aus einer grundsätzlichen Staatskritik, sondern entzündet sich an unterschiedlichen Staatsvorstellungen:

Die neuen Staatsfeinde

"Eine generelle Staatsfeindlichkeit konnte es unter diesen Umständen nicht geben, nur Streit über die richtige Akzentsetzung. Aber diese stabile Konstellation löst sich auf",

 

schreibt ROß. Auf den Sozialstaat bezogen kann man sogar sagen, sie hat sich aufgelöst. Im Nachwort zur Taschenbuchausgabe heißt es, die große Modernierungskoalition ist "ein typisches Produkt der Jahre nach 1989". Dies trifft in besonderem Maße für die Debatte um die Modernisierung des Sozialstaates zu.

1990 erschien das Buch Das ganz normale Chaos der Liebe von BECK/BECK-GERNSHEIM. Obwohl die These von der "vollmobilen Single-Gesellschaft" bereits 1986 formuliert wurde, erlebte sie erst nach 1990 ihre breite öffentliche Diskussion. Die Aufarbeitung dieser Geschichte der Funktionalisierung der gesellschaftlichen Minderheit "Single" im Kontext der sozialpolitischen Debatte wäre ein spannendes Thema, denn wer in seiner Freizeit verzweifelt einen Partner sucht, dem muß der Satz von ROß

Die neuen Staatsfeinde

"Singles und Geschiedene, auf die zu Hause niemand wartet, bilden das ideale, stets verfügbare Personal eines (...) Unternehmens"

 

wie blanker Hohn erscheinen.

 
     
 
       
   

weiterführende Links

 
       
   
  • Buchauszug

ROSS, Jan (1998): Eine Nation beim Preisvergleich.
Wirtschaftliche Hypermobilität bei politischem Totalausfall: Über den neuen Vulgärliberalismus,
in:
Berliner Zeitung v. 21.03.

Dieser Artikel ist identisch mit dem 3. Kapitel Was ist Vulgärliberalismus? im Buch Die neuen Staatsfeinde

 
       
   

Die Begrifflichkeit anhand ausgewählter Artikel von Jan Roß

Konservatismus

ROSS, Jan (1998): Skepsis zum Wohlfühlen.
Der Philosoph der Bundesrepublik: Zum 70. Geburtstag von Odo Marquard,
in: Berliner Zeitung
v. 26.02.

ROSS, Jan (1998): Was ist konservativ?
in: Die ZEIT
Nr. 46

Modernisierung

ROSS, Jan (1998): Deutschlandexpreß ohne Lokführer,
in:
Berliner Zeitung v. 20.04.

ROSS, Jan (1999): Ein Glaube.
"Modernisierung" ist ein Modebegriff, kein Wert an sich,
in: Die ZEIT
Nr.29

Staat und Gesellschaft

ROß, Jan (1998): An alle Wähler!
Aufsätze von Wilhelm Hennis,
in: Berliner Zeitung
v. 05.09.

ROß, Jan (1998): Ist wo ein Reich, das nicht zum Abgrund kreist?
Abschied vom Staat, nie ganz verwunden: Rüdiger Altmanns Essays,
in: Berliner Zeitung
v. 12.09.

Wohlfahrtsstaat

ROß, Jan (1999): Die Rückkehr der Gleichheit.
Der Kampf gegen den Wohlfahrtsstaat ist vorerst gescheitert. Wer redet noch von Henkel und Westerwelle?,
in: Die ZEIT
Nr.3

Eine Neueinschätzung der Situation, der den Tenor des Nachworts zur Taschenbuchausgabe wiedergibt

 
       
   
  • Weitere Rezensionen zum Buch

GERMIS, Carsten (1998): Staat statt Markt!,
in:
Tagesspiegel v. 06.04.

SCHMIERER, Joscha (1998): Kränkelnde Demokratie,
in:
Kommune Nr.6

 
       
   

Weitere Artikel von Jan Roß

ROSS, Jan (2001): Kleines Lob der Rezession.
Erfindungsreiche Armut prägte die Nachkriegszeit. Den Glauben an die Chancen des Mangels haben wir allerdings verloren. Warum eigentlich? Heute könnte er wieder nützen,
in: Die ZEIT Nr.28 v. 05.07.

Jan ROSS sieht den zeitgenössischen Wohlstand durch die Integration von Widerspruch, Distanz und Gewissen geprägt:

"Die Symbolgestalt dieser Jahre hat der amerikanische Journalist David Brooks geschaffen mit dem 'Bobo', der Kombinationsfigur aus Bourgeois und Bohemien, kapitalistischen Erfolg und alternative Sensibilität harmonisch verbindend: viel Geld verdienen, aber ohne Schlips in die Firma gehen und bei 'Amnesty' Mitglied sein."

Der Bobo ist für ROSS Vorbote eines neuen Spießertums:

"ein Syndrom aus materieller und moralischer Selbstzufriedenheit. Scheinbar abenteuerlustig und zu jeder neuen Herausforderung bereit, waren der Prototyp der fetten Clinton-Jahre und seine europäischen Verwandten in Wahrheit im Kern bequem."

ROSS wünscht sich deshalb die Wiederkehr der 1970er Jahre, denn Krisen regen zum Denken an. Petra STEINBERGER (siehe SZ vom 05.07.2001) sieht das dagegen anders. Beide stimmen jedoch darin überein, dass die 1980er Jahre (von ROSS erwünscht und von STEINBERGER bedauert) die logische Konsequenz der 1970er Jahre waren.

 
       
   

Die Themen in der wissenschaftlichen Debatte

Individualisierungsdebatte
- eine kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff "Individualisierung" tut not

Abstract der Magisterarbeit von Bernd Kittlaus
- eine kritische Auseinandersetzung mit dem "Unwort Single"

Sozialpolitikforschung
- u.a. ein guter Überblicksartikel von Prof. Dr. Roland Czada (Universität Hagen) zu möglichen Weiterentwicklungen des Wohlfahrtsstaats
 
       
   
 
   

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Update: 27. Januar 2017