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Debatte

 
       
   

Eine Abrechnung mit der journalistischen Klasse

 
       
   

Ab sofort wird zurück geschrieben! Ein Manifest anlässlich des  Artikels "Alter, verpiß dich!" von Matthias Heine in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 23.11.2003

 
       
     
       
   
     
 

Zitat:

Das Wissen der 35-Jährigen

"Wir wollen nicht anerkennen, dass es mit Mitte 30 nicht mehr darum gehen kann, sich gegen etwas zu entscheiden, sondern für etwas. Und da wir genau diese Kunst überhaupt nicht beherrschen, werden wir lieber nicht erwachsen. Wir wollen ewig Kind bleiben. Wir suchen uns Nischen, in denen wir weiterhin Teenager sein dürfen - und vielleicht dafür bezahlt werden. Wenn das nicht klappt, kaufen wir uns nach Feierabend wenigstens eine G-Star Hose mit Knieschonern. Damit, so hoffen wir, sehen wir aus wie ein 19-Jähriger Hip-Hopper aus der Vorstadt. Diese Vorstellung gefällt uns."
(Volker Marquardt, 2003, S.13)

Medienfuzzis, verpißt Euch!

Wir haben Eure Schreibe satt! Publikumsbeschimpfung war vor etlichen Jahrzehnten noch originell, mittlerweile ist Deutschenbeschimpfung zum öden Volkssport von Mitte-Journalisten verkommen. "Die Deutschen werden immer infantiler", ist ein Satz, der möglicherweise für Eliten (und solche, die es werden möchten) am Rande des Absturzes so etwas Ähnliches ist wie für manch anderen eine Wärmestube.

Die journalistische Klasse

Journalisten berichten besonders gerne über die politische Klasse. Damit lenken sie davon ab, dass sie selber mit dieser Klasse sehr viel gemein haben. Wie die politische Klasse von den potentiellen Wählern, so hat sich die journalistische Klasse von ihren potentiellen Lesern entfremdet.

Kulturkritik im Geiste der Alt-68er

Das Arsenal der Kulturkritik hat sich seit den Zeiten der Alt-68er überhaupt nicht verändert. Wir Leser müssen also seit über 30 Jahren immer wieder die selbe Leier lesen. HEINE findet sich offensichtlich sehr originell, wenn er schreibt:

Alter verpiß dich!

"Bei Spät-Adorniten steht Deutschland schon länger unter Infantilitätsverdacht. Doch die üblichen Verdächtigen des Kulturkonservatismus blicken bei ihrer Fahndung nach Ursachen und Indizien immer nur auf die üblichen Verdächtigen des Gaga-Fernsehens: Küblböck, Bohlen, Bild - alles Phänomene, die außerhalb des von ihnen beherrschten Paralleluniversums kaum Resonanz haben. Kein Wunder, daß sich versierte Mediennutzer, die im Gegensatz zu den konservativen Alarmisten die Funktion des Abschalteknopfes kennen, gelangweilt die Ohren vor deren Gezeter verschließen.
Dabei erkennt der aufmerksame Beobachter längst auch im deutschen Alltag (...) Infantilisierungsindizien genug."

(Matthias Heine in der FAS vom 23.11.2003)

Herr HEINE hat also die Lektion von Herrn KNIPPHALS (taz 18.10.2003) gelernt. Der Journalist sitzt neuerdings nicht mehr vor der Glotze, sondern sucht im deutschen Alltag! (Glaubwürdigkeit! Authentizität!) Alltag nach Journalistenart ist jedoch nicht deutscher, sondern journalistischer Alltag. Und wenn sich ein Journalist über einen Handwerker ärgert, dann wird daraus im Feuilleton - systemkonform - ein infantiler Handwerker. Herr HEINE könnte sich dabei sogar als neue Avantgarde des Feuilletons fühlen! Neulich konnte man jedenfalls in der taz über die Forderung des Neue-Mitte-Soziologen Heinz BUDE lesen:

Die Frankfurter Hegemonie

"Heinz Bude (...) (vermisste) in seinem Beitrag vom »Ende des Endes der Kulturkritik« (...) ein differenziertes Hingewendetsein des Feuilletons zur Gegenwart. Er klagte Reportagen und Analysen ein, die zeigten, wie seltsam und unerklärlich die Gesellschaft manchmal funktioniert und wie kompliziert sie ist. Vom Feuilleton, so Bude, wolle er etwas über das »Mysteriöse der Gesellschaft« erfahren. Damit markierte Bude gleichsam im Vorübergehen die genaue Gegenposition zu Kunstkonservatismus und Gesellschaftsverachtung."
(Dirk Knipphals in der taz vom 22.09.2003)

Herr HEINE scheint dies aber irgendwie falsch verstanden zu haben. Nicht wenn er die Welt nicht mehr versteht und ihm die Welt deshalb mysteriös vorkommt und Infantilismus gerade irgendwie das angesagte Trendwort zu sein scheint, ist das schon Reportage oder Analyse.

Infantil! Infantil! Infantil!

Infantil, man erinnert sich, infantil, da war doch was! Ach, ja. 1978!

Mitten im roten Jahrzehnt! Alltagswende! RUTSCHKY! Infantil! Christopher LASCH und das Zeitalter des Narzißmus! Infantilisierung: wachsende Verdummung, Kompetenzschwund, Angst vor dem Alter! Wer nach 1978 Infantilismus noch immer für das angesagteste Trendwort hält, dem kann man einfach keine Originalität mehr bescheinigen. Dem muss man eher Borniertheit bescheinigen.

Infantilisierung

Aber es ist natürlich ganz anders. Journalisten lesen Bücher und in Büchern wie jenem von Volker MARQUARDT über Das Wissen der 35-Jährigen stehen dann genau jene Bekenntnisse über Infantilität auf die dann das Feuilleton wieder reagieren kann. Herr MARQUARDT ist natürlich auch Journalist und liest deshalb Feuilletons und natürlich liest er Bücher und natürlich hat er Generation Golf gelesen und natürlich ist dort alles infantil. Wie beim Ping Pong macht das Wort dann so lange die Runde, bis es sich verbraucht hat. Das kann dauern. Und möglicherweise ist es ein Dauerläufer, denn seit den 1970er Jahren gibt es offenbar einen Bedarf nach solchen Büchern und solchen Texten, aber wir Infantilisten, finden das zum Kotzen (Infantil dieser Ausdruck, falls es jemand noch nicht bemerkt haben sollte!)

Der bekennende Infantilist

Wir Infantilisten, wir finden Euere Texte über die Infantilisierung zum Kotzen (übrigens, infantil! Ganz bewusst...). Ab sofort wird zurück geschrieben! Wir Infantilisten beharren auf dem Status des Erwachsenen auch für Singles und Aussagen von HEINE wie:

Alter verpiß dich!

"Großstadt-Singles jenseits der Vierzig, die Hauptverdächtigen im Falles des Bevölkerungsknicks, sind meist eher Menschen, die unter dem Einfluß hedonistischer Progapandaverheißungen so lange vor dem Erwachsenwerden geflohen sind, bis sie irgendwann mit Grausen feststellen mußten, daß sie nunmehr alt waren - zumindest körperlich. Kinder hätten in diesen Verblendungszusammenhängen nur gestört. Schlimm genug wäre schon der Realitätsschock durch das Auftreten eines Fürsorge verlangenden Kleinkindes. Aber noch entlarvender spiegelt sich der Erwachsene im Auge des älteren Kindes: Nichts könnte für den Jungbleibenwoller ernüchternder sein als der verächtliche Blick eines echten Teenagers auf die vermeintlich coolen Klamotten von Papa und Mama oder die achtlose Verwerfung einer CD-Sammlung, die gestern noch hip war"
(Matthias Heine in der FAS vom 23.11.2003)

finden wir deshalb singlefeindlich. Offensichtlich hat HEINE das Buch von Reinhard MOHR über die Generation Z gelesen, aber MOHR ist eben auch wieder nur ein Journalist und als ebensolcher bekommt er die journalistischen Klischees und Debatten nicht aus seinem Kopf. Er ist ebenfalls ein Angehöriger des Medienghettos und gehört wie die meisten dieses Alters zur ehemaligen Alternativkultur. Die Gruppe der Singles ist jedoch wesentlich heterogener. Wir Infantilisten sind nicht infantil, sondern infantilistisch!

Wir Infantilisten nehmen nur jene ernst, die uns ernst nehmen

Wir Infantilisten - ob partnerlos, kinderlos oder sonstiges -los oder auch gar nichts -los im Gegensatz zu nichts los... - lassen uns von keinem vorschreiben, wie wir zu leben haben und woran wir Spaß haben. Euren ADORNO und FREUD und LASCH und BECK und sonstige Propheten der Kulturkritik könnt Ihr in die Mottenkiste packen. Die Welt ist eine andere. Eure Propheten haben uns nichts mehr zu sagen. Wir sagen Euch den Kampf an!

Individualisierung war gestern

Individualisiert. Individualisierter. Am individualisiertesten. Wieviel Steigerungsformen gibt es eigentlich noch? Wie in der Waschmittelwerbung wird uns Individualisierung als der letzte Schrei verkauft. Aber Individualisierung ist ein Ladenhüter geworden. Die Zeichen stehen auf Kollektivierung. Eure Spaltereien interessieren uns nicht mehr. Familie oder Single, das sind keine Gegensätze, sondern gleichwertige Optionen, die sich nicht an Haushaltsformen festmachen lassen. Familienphasen und Singlephasen können im Lebenslauf abwechseln. Die verlängerte Lebensspanne macht das alte Modell der klassischen Dreiteilung des Lebenslaufs obsolet. Wer das nicht begriffen hat, der ist hoffnungslos gestrig! Uns Infantilisten gehört die Zukunft, die Vergangenheit überlassen wir gerne Euch.  

 
     
 
       
   

weiterführende Literatur

 
       
   

zitierte Literatur

ADORNO, Theodor W - Die Bibel der moralischen Individualisten

HEINE, Matthias (2003): Alter, verpiß dich!
Harry Potter am Bett, Nutella auf dem Schreibtisch: Die Deutschen werden immer infantiler,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 23.11.

KNIPPHALS, Dirk (2003): Die Frankfurter Hegemonie.
Zwischen Klassizismus und Krachmacherei: Auf einer Tagung in Halle fanden die Übriggebliebenen der deutschen Feuilletons zum Selbstgespräch zusammen, um über den Paradigmenwechsel auf den Kulturseiten ihrer Zeitungen zu räsonieren
in: TAZ v. 22.09.

KNIPPHALS, Dirk (2003): Einer, der auszog, den Ekel zu lernen.
Das Märchen von Onkel Heinz, dem Kunstreligiösen: Fantasien über den Typus des ewigen Kopfschüttlers, nebst einigen kopfnickenden Ausflügen ins Nachdenken über diese unsere Medienwelt und Populärkultur - von Dieter B. bis hin zu Adorno,
in: TAZ v. 18.10.

"Getrieben von Moritz Baßlers Ausführungen zu Popliteratur und Popfeuilleton, ließ sich Jessen zudem zum Ruf hinreißen, er empfinde »Ekel, Hass und Verachtung« gegenüber der gegenwärtigen Gesellschaft. Wortwörtlich: »Ekel, Hass und Verachtung»",

hebt KNIPPHALS am 22.09. in der TAZ hervor. Nun erzählt KNIPPHALS das Märchen vom angeblich vorbildlosen Onkel Heinz:

"So schaltet sich Onkel Heinz angewidert durchs Fernsehprogramm und sieht dabei seltsam aus: Die Fernbedienung hält er nach vorn Richtung Glotze, der Zeigefinger bleibt auf den Programmknöpfen liegen, den Rücken drückt er vom Fernseher weg tief in die Sessel hinein. Natürlich könnte er auch ein gutes Buch lesen. Aber das ist das Seltsame an Onkel Heinz: Er kann es nicht lassen - auch wenn er bald nur noch Hass, Verachtung und Ekel spürt. Jawohl, Hass, Verachtung und Ekel gegenüber diesem ganzen Schund. Ist die Welt denn total verblödet? Das kann doch alles nicht wahr sein!"

Bei der Verteidigung des Pop spielt auch ein Interview von Peter FUCHS im Rolling Stone eine Rolle. Fragt sich nur, ob es heutzutage noch reicht, dass ein selbsternannter Spießer den Pop gegen seine neobildungsbürgerlichen Verächter verteidigt, gleichzeitig jedoch Loblieder auf den Sozialabbau singt (das war jetzt etwas provokant dahin geschrieben!!!), nur um sich distinktionstheoretisch gegen ein paar gehasste FAZ-Journalisten abgrenzen zu können. Jenseits dieser selbstreferentiellen Mitte existieren jedoch Milieus ohne Stimme, in denen die Wut wächst...

LASCH, Christopher - Das Zeitalter des Narzißmus

MARQUARDT, Volker - Das Wissen der 35-Jährigen

MOHR, Reinhard -  Generation Z

 
       
   

weiterführende Links

 
       
     
       
   
 
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 24. November 2003
Update: 27. Januar 2017