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Thema des Monats

 
       
   

Die Gesellschaft der Langlebigen

 
       
   

Eine Herausforderung für Individuum und Politik. Nichts weniger als eine kopernikanische Wende ist notwendig!

 
       
     
       
   
     
 

Zitate: Die Gesellschaft der Langlebigen in der Debatte

"Eine Alternative zur Kinderlosigkeit könnte in der aufgeschobenen Elternschaft liegen. Männer und Frauen von heute geraten oft in eine Konfliktsituation - sollen sie sich den Kindern widmen oder ihrer Karriere? Zukünftig wird man dieses Problem umgehen, indem man die gesamte Aufgabe des Kinderaufziehens in die Zeit nach der Pensionierung verlegt. Das mag heute noch reichlich seltsam klingen. Wenn die Frage der Geburt aber erst einmal von ihrer biologischen Basis gelöst ist, kann höchstens noch die Tradition vorschreiben, daß man möglichst frühzeitig Kinder bekommen soll. Warum also nicht warten und die Embryos erst dann kaufen, wenn die berufliche Laufbahn abgeschlossen ist? Demnach wird sich die Kinderlosigkeit unter jungen Ehepaaren und auch unter Ehepaaren in den besten Jahren immer mehr verbreiten, während Kinder immer häufiger von Sechzigjährigen aufgezogen werden. Die »Ruhestandsfamilie« kann durchaus zu einer allgemein akzeptierten sozialen Institution werden." [mehr]
(aus: Alvin Toffler "Der Zukunftsschock", 1970, S.195)

"Trends show that it is not just the old who are getting younger - even the younger are getting younger and simply refusing to grow up into responsible adults. Harper said: »There is lots of evidence that people are delaying adult transitions in their lives. They are staying in education longer and putting off kids, marrying or cohabiting until later in their lives. They know they are not going to die in their forties, so they can delay settling down.«" [mehr]
(Anthony Browne & Adam Blenford im Observer vom 12.05.2002)

"Die Sozialversicherungssysteme in Deutschland, so weiß man, sind unbezahlbar und beschäftigungsfeindlich. Bismarck, auf dessen zwangsgenossenschaftliches System alles zurückgeht, begann mit einer ganz anderen Bevölkerungsstatistik. Da grenzte es an ein Wunder, wenn Philemon und Baucis im Abendsonnenschein Enkeln und Urenkeln zuschauen konnten. Die meisten machten sich früh davon, die Beiträge waren niedrig, das Leben kurz. Das ist lange vorbei, die Lebensmitte liegt für die meisten, dem Wohlstand, der Hygiene und dem guten Essen sei Dank, über vierzig Jahren." [mehr]
(Michael Stürmer in der Welt vom 21.10.2002)

"Eine älter werdende Gesellschaft ist eine reifere, selbstbewusstere, vielleicht auch risikoärmere, aber sicherlich weniger gewalttätige und kriegerische Gesellschaft. Für Konflikte sorgen die Gesellschaften mit kräftigem Geburtenüberschuss, von dort droht Gefahr. Ein Lob dem Alter. Man sollte schon mal üben, das Beste draus zu machen." [mehr]
(Cora Stephan in der Welt vom 20.06.2003)

"Die Welt: In 20 oder 30 Jahren ist die Mehrheit der Deutschen über 60. Das hat Einfluss auf die politische Willensbildung. Müssen wir uns dann damit abfinden, dass auf Kosten der Jüngeren gelebt wird, weil die Älteren die Mehrheit haben?
Michel: Diese »Gerontokratie« ist in der Tat eine Gefahr aus unserer heutigen Sicht. Dem muss man Konzepte entgegensetzen, die »alt« nicht mit »bewahrend« und »konservativ« in Verbindung bringen, sondern die unsere überalternde und vor allem schrumpfende Gesellschaft zukunftsfähig halten. Gerade auch in der Wirtschaft muss ein Umdenken stattfinden.
" [mehr]
(Welt vom 18.08.2003)

"Nicht mit 30 stabilisiert sich die Persönlichkeit, sondern erst mit 50 verfestigen sich die Charakterzüge. Mit zunehmendem Alter werden Menschen emotional stabiler, zuverlässiger und umgänglicher, allerdings nimmt ihre Offenheit für neue Erfahrungen langsam ab. Nur bei der Extraversion tut sich - im Durchschnitt - wenig."
(Christian Weber & Jochen Wegner im Focus Nr.46 v. 10.11.2003)

"Die These ist, dass die meisten Babyboomer, also meine Generation, viel älter werden als frühere Generationen. Das bedeutet, dass wir eine andere Lebensplanung machen müssen. Bisher reichte die Lebensplanung bis 65. Mit 65 war man müde; es folgten ein paar Jahre, die man noch geniessen wollte. Wenn man 90 oder 95 wird, braucht man einen anderen Rhythmus. Einer meiner Vorschläge heisst: Zwischen 50 und 60 nochmals eine neue Karriere starten. Es hat sich gezeigt, dass die Babyboomer vom Physiologischen wie vom Psychologischen her im gleichen Alter zehn Jahre jünger sind als die Generation vorher."
(Roger Schawinski in einem Interview mit Michael Lütscher in der SonntagsZeitung vom 16.11.2003)

"»Die These von der überforderten Generation ist derzeit ziemlich in«, sagt Kittlaus, »aber das ist mir zu defensiv. Die Institutionen sind einfach noch nicht auf eine langlebige Gesellschaft eingestellt«. Er glaubt nicht an »sorglose« oder »entscheidungsschwache« Junge, sondern an natürliche Verzögerungen. Unterstützt wird seine Sicht von Entwicklungspsychologen und Gerontologen wie der Britin Sarah Harper, die behaupten, dass sich mit den großen Lebensspannen der Menschen auch einzelne Lebensphasen verlängern." [mehr]
(Marc Deckert im Magazin Neon vom Dezember/Januar 2004)

"Wenn ich daran denke, wie naiv ich selbst mit 25 Jahren war, habe ich das Gefühl: Bis zu diesem Alter ist man eigentlich noch ein Embryo. Das darf man natürlich auf keinen Fall sagen, denn sonst denken die 20-Jährigen, man ist ein Arschloch (...). Ich glaube, dass mit 28, 29 irgendwas in deinem Gehirn passiert. Deine Schaltungen verändern sich und du bekommst eine Art Distanz, die es dir vielleicht ermöglicht, die Welt auf eine interessante Art zu betrachten. Dann zählt es erst." [mehr]
(Douglas Coupland in einem Interview von Marc Deckert
im Magazin Neon vom Dezember/Januar 2004)

Warum das Thema Langlebigkeit (noch) nicht den richtigen Stellenwert in der öffentlichen Debatte hat

Die Gesellschaft der Langlebigen ist in Deutschland kein Thema, stattdessen wird unter dem Schlagwort "demografischer Wandel" in erster Linie der Geburtenrückgang debattiert. Die sozialpopulistische Debatte benötigt Sündenböcke und Kinderlose eignen sich dazu bestens. Das Kinderkriegen einzufordern, das entspricht der  traditionellen Moral ("Seid fruchtbar und mehret Euch"), dagegen jedoch z. B. aktive Sterbehilfe oder Einschränkungen der Gesundheitsleistungen für Hochbetagte zu fordern, das ruft - ganz zu Recht - moralische Entrüstung hervor. Das Thema Langlebigkeit eignet sich also nicht besonders für populistische Strategien. Dies hat zuletzt der Fall Philipp MIßFELDER gezeigt. Was jedoch das Schlimmste daran ist, dem Problem Langlebigkeit wird man dadurch nicht einmal annähernd gerecht.

Die Erhöhung der Lebenserwartung als Katastrophenszenario

Typisch für den deutschen Umgang mit der Langlebigkeit war die Berichterstattung von Axel VEIEL in der Frankfurter Rundschau anlässlich der zweiten UNO-Weltversammlung zur Frage des Alterns vom 8. bis 12. April 2002 in Madrid:

Die Betagten von Madrid

"Dass die Überalterung der Gesellschaft gewöhnlich als Katastrophenszenario gehandelt wird, hier lässt es sich vergessen. Positives Denken ist angesagt" [mehr]
(Frankfurter Rundschau v. 11.04.2002)

kritisiert VEIEL, der lieber das Bild vom selbstgefälligen deutschen Rentner auf Mallorca verbreitet.

1) Problemdefinition: Vergreisung

Überalterung ist noch eine gemäßigte Umschreibung für die Erhöhung des Durchschnittsalter. Andere werden deutlicher und schreiben über die Vergreisung. Die Erhöhung der Lebenserwartung wird damit in den komplexen Zusammenhang der Bevölkerungsentwicklung gestellt. Exemplarisch schreibt Jan Boris WINTZENBERG im STERN über die vergreiste Republik:

Die vergreiste Republik

"Deutschland vergreist! (...).
Jede Frau bringt weiterhin im Durchschnitt 1,4 Kinder zur Welt - wie in den vergangenen 25 Jahren. Die Lebenserwartung steigt weiter gleichmäßig um zwei bis drei Monate pro Jahr. Die Zahl der Zuwanderer bleibt bei knapp 200 000 pro Jahr - wie im Durchschnitt der vergangenen 50 Jahre. Nur wenn wir an einem oder mehreren dieser Faktoren etwas verändern, wird auch die Zusammensetzung oder Zahl der Einwohner unseres Landes in der Zukunft anders aussehen. Ändert sich an den Zahlen nichts, ist Deutschland, so wie wir es heute kennen, schlicht nicht überlebensfähig."
[mehr]
(Stern 04.09.2003)

In diesem Vergreisungs-Szenario sind Geburtenrückgang, Lebenserwartung und Zuwanderung die zentralen Faktoren unseres Wohlstandes. Da die Erhöhung der Lebenserwartung erwünscht, Zuwanderung aber unerwünscht ist, wird in diesem Szenario den Kinderlosen der Schwarze Peter zugeschoben. Die Erhöhung der Lebenserwartung ist in dieser Perspektive zwar grundsätzlich erwünscht, gilt jedoch im Zusammenhang mit dem Gesundheitssystem und dem Arbeitsmarkt als Kosten steigernd und als volkswirtschaftliches Wachstumshemmnis.

Vor Sonnenuntergang

"Heute liegen bereits die Gesundheitskosten für einen über 60-jährigen rund achtmal höher als die für jüngere Altersgruppen"  [mehr]
(Süddeutsche Zeitung v. 22.08.2002)

war dazu von Eberhard MOTHS zu lesen. Joachim SCHÖPS hat bereits im Jahr 1989 für den Spiegel ein Vergreisungs-Szenario mit Alterskriegen vorgestellt:

"Es wird erbarmungslose Kämpfe geben"

"Im Jahr 2010 wird die Alterspyramide, die so gar nicht mehr heißen dürfte, endgültig auf dem Kopf stehen. Auf 27 Prozent über 60jährige kommen dann nur noch 18 Prozent unter 20jährige, und es geht so weiter: Zwei Jahrzehnte später wird jeder dritte ein Alter sein.
In Hamburg zum Beispiel wird es dann um die 300 000 Rentner und Pensionäre geben, eine Großstadt von Greisen (...). »Wohl erstmals in der Geschichte der Menschheit«, schreibt die »Stuttgarter Zeitung«, »könnte das nächste Jahrtausend von einer ganz neuen Generationen- und damit Gesellschaftsstruktur gekennzeichnet sein.«
(...).
»Es wird erbarmungslose Verteilungskämpfe geben«, sagt der Augsburger Altersforscher Konrad Hummel und die Amerikaner haben dafür schon ein paar deutliche Worte gefunden: Age wars, die Alterskriege."
(Spiegel Nr.31 v. 31.07.1989)

2) Problemdefinition: Gerontokratie

Während im Vergreisungs-Szenario die Kosten und Wachstumshemmnisse im Mittelpunkt stehen, geht es beim Thema Gerontokratie um die Machtverhältnisse in der Republik.  Die Machtübernahme der Senioren-Singles wird als Gefahr für die Gesellschaft beschworen, um sie z.B. mit dem Gegengift eines Familienwahlrechts oder durch ein schnellstmögliche Rentenreform zu Lasten der Kinderlosen zu verhindern .

3) Problemdefinition: negative Altersbilder

Im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung gab es im Jahr 2002 eine Serie über die Schrecken der Gerontokratie . Gustav SEIBT schreibt in seinem Beitrag:

Auf Wiedersehen Schönheit

"Vielleicht ist es klug, sich von der Schönheit allmählich zu verabschieden. Wir werden die Welt hässlich machen, wenn wir lebensgierige alte Säcke geworden sind." [mehr]
(Süddeutsche Zeitung v. 10.08.2002)

Bernd W. KLÖCKNER hat über die gierigen Alten ein ganzes Buch verfasst . "Alte Menschen neigen bekanntlich zum Autismus," weis dagegen Eberhard MOTHS (SZ, 22.08.2002) und sieht unter der Alterslast sogar das gesamte Moral- und Rechtssystem implodieren. "Abermillionen verwirrter Menschen (...) für die es zuhause keine Bleibe gibt" werden nach MOTHS die Tabuschwellen absenken. Für Jens BISKY ist die Gesellschaft der Langlebigen eine stagnierende Gesellschaft, eine "Gesellschaft in der Duldungsstarre".  Das Bild vom konservativen und innovationsfeindlichen Alten sowie vom pflegebedürftigen Alten durchzieht die Horrorszenarien der alternden Gesellschaft.

Die Erhöhung der Lebenserwartung und die schöne neue Seniorenwelt

Während die einen uns die Schrecken der Altenherrschaft aufzeigen, basteln andere am Bild einer schönen neuen - klassenlosen - Seniorenwelt.

Die Alten als neue Konsumenten

Die Werbeindustrie hat die "neuen Alten" als kaufkräftige Zielgruppe entdeckt und wohlklingende Namen für diese Zielgruppen geprägt:

Die Alten: umworben, aber nicht ernst genommen

"Begriffe wie »Master Consumer«, »Best Ager«, »Golden Consumer« oder »Generation 55plus« - das sind noch die harmloseren Einfälle. Grenzwertig geschmackssicher sind Varianten wie »Happy Enders«.
(jsc in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung v. 03.03.2002)

Bettina BONDE weis, wofür die neuen Alten ihr Geld ausgeben werden:

Die Alten sind ein Segen

"Die künftigen Alten werden ihr Geld anders ausgeben als die heutigen Senioren. Für die heutigen Berufstätigen ist Freizeitkonsum selbstverständlich. Das werden sie sich auch im Alter nicht abgewöhnen. Tourismus, Fitneß- und Bildungsangebote profitieren davon". [mehr]
(Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 24.11.2002)

Hannelore SCHLAFFER sieht die Alten gar als Glücksfall für die Kulturindustrie:

Im Alter wird der Spleen zur Pflicht

"Der technische und soziale Wandel rechnet insgeheim mit dem Senior: Der Glücksmoment des Seniorendaseins ist heute mehr denn je ein kultureller Glücksfall für alle – Theater, Universitäten, Hotels, Bäder, Wanderwege, Zeitungen – wir hätten weniger ohne die Alten; ihr geballter Auftritt verhindert, dass sie untergehen." [mehr]
(Die ZEIT 03.07.2003)

Die Alten als Träger neuer Lebensstile

Trau' keinem unter Sechzig

"Unterstützt durch die Interessen des Kommerzes, werden sich differenzierte Altenkulturen herausbilden, vergleichbar mit den heutigen Jugendkulturen" [mehr]
(Süddeutsche Zeitung v. 17.12.2002)

hofft Tobias Timm. Hendrik KAFSACK berichtet in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom US-amerikanischen "Altenparadies" Sun City, wo die Generation 55+ unter sich ist:

"Das Paradies heißt Sun City, Sun City West oder Sun City Grand. Der Arbeitswelt und den ersten Anzeichen des Alters entflohen, wollen sie genießen, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr: 100 000 Alte, niemand unter 55. Bis daß der Tod sie scheidet, ein Leben im Freizeitclub. Den Apfel der Erkenntnis weit von sich geschoben."
(Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 31.03.2002)

Bei uns wird dagegen das Mehr-Generationen-Wohnen propagiert.

Positive Altersbilder

Trau' keinem unter Sechzig

"Man wird sich in der idealen Altengesellschaft von dem Vorurteil verabschieden müssen, dass die Alten immer nur konservativ und innovationsfeindlich sind. Die Gesellschaft darf das Outfit der Jugendlichkeit getrost ablegen, denn die Jugend garantiert schon lange nicht mehr automatisch, was sie verspricht: das Neue. So mancher Rentner ist im Denken frecher und im Handeln unkonventioneller als der angepasste Twen, der sich stromlinienförmig auf dem langen Marsch in die Karriere befindet" [mehr]
(Süddeutsche Zeitung v. 17.12.2002)

meint Tobias Timm. Hannelore SCHLAFFER beklagt dagegen in der Frankfurter Rundschau, dass es zwar ein Lebensglück für Männer gibt, aber nicht für Frauen:

Die unwürdige Greisin

"Den Inbegriff von Lebensglück stellt für den gereiften Menschen das Paar »alternder Mann mit junger Frau« dar. Es zeigt das Alter, das kein Alter spürt, weil ihm die Jugend zur Seite geht. Die Übertragung des Modells auf Frauen, die Konstellation »alte Frau - Jüngling« wirkt immer noch fragwürdig. Die Medien zeigen ein paar alternde Filmstars mit jungen Liebhabern, um die Gleichheit der Chancen vorzutäuschen. Doch haben diese Paare, anders als der berühmte Mann mit seiner jungen Frau, im bürgerlichen Leben kaum Entsprechungen. Vor allem sind die Verbindungen, die zu Stande kommen, so gut wie nie dauerhaft." [mehr]
(Frankfurter Rundschau v. 19.08.2003)

Der Entwicklungspsychologe Paul B. BALTES verweist auf die Altersweisheit als Alleinstellungsmerkmal der heutzutage noch von weiten Teilen der Wirtschaft ignorierten Alten:

Altern hat Zukunft

"Je mehr Lebenserfahrung und Geisteskraft beim Produzieren einer Leistung oder beim Lösen eines schwierigen menschlichen Problems gefordert sind, desto eher können ältere Menschen glänzen. Die jungendliche Schnelligkeit des Denkens und des Körpers können dann von Nachteil sein." [mehr]
(Die ZEIT 27.03.2002)

Die Gerontologin Ursula LEHR fordert im Rheinischen Merkur (24.04.2003) ein neues positives Altersbild:

Vom Verlust keine Spur

"Wirtschaft und Industrie (...) müssen den Blick stärker auf die kompetenten Älteren richten und fragen: Wie kann man deren Fähigkeiten erhalten, ja sogar steigern? Wie kann man deren Lebensraum erweitern, deren weitgehende Unabhängigkeit weiter sichern?
Dabei sollten Slogans wie »kompetent älter werden«, »alt und fit« im Vordergrund stehen, nicht aber »For ever young«- und »Anti-aging« -Strategien rund um Cremes aller Art. Wer etwas gegen das Alter tun will, sagt damit, dass Alter etwas Negatives ist. Genau von dieser Vorstellung sollten wir loskommen. Sagen wir doch Ja zum Älterwerden, zeigen wir, dass man auch als alter Mensch kompetent bleiben kann!"
[mehr]
(Rheinischer Merkur v. 24.04.2003)

Der Langlebigkeitsschock und die Rasanz der Erhöhung der Lebenserwartung

Laura CARSTENSEN hat im Tagesspiegel die dramatische Veränderung der Lebenserwartung im 20. Jahrhundert beschrieben:

Ein Triumph der Kultur

"Für einen Großteil der menschlichen Geschichte betrug die Lebenserwartung höchstens 27 Jahre, gerade genug, um das Überleben der Spezies zu sichern. Doch verlängerte sich die Lebenserwartung allmählich und zu Beginn des 18. Jahrhunderts erreichte sie bereits 37 Jahre. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lag die durchschnittliche Lebenserwartung bereits bei 47 Jahren. Und dann geschah etwas Dramatisches: Innerhalb eines einzigen Jahrhunderts steigerte sich die Lebenserwartung in den Industrienationen auf sage und schreibe 77 Jahre." [mehr]
(Tagesspiegel v. 27.09.2002)

Der Futurologe Alvin TOFFLER hat Mitte der 60er Jahre für die beschleunigte Gesellschaft den Begriff Zukunftsschock (Future Shock) geprägt:

Der Zukunftsschock

"Stellen wir uns einmal vor, daß nicht nur ein Individuum, sondern eine ganze Gesellschaft, eine ganze Generation - mitsamt ihren schwächsten, am wenigsten intelligenten, unvernünftigsten Mitgliedern - plötzlich in eine neue Welt versetzt wird. In diesem Fall tritt eine Massendesorientierung ein, und der gesamte soziale Organismus wird vom Zukunftsschock bedroht." (1970, S.14)

Analog könnte man vom "Langlebigkeitsschock" sprechen, um das Problem der Anpassung unserer Erwartungen an die veränderte Lebensspanne zu bezeichnen. Der Sozialstaatskritiker und Singlefeind Konrad ADAM hat die emotionalen Vorbehalte gegen eine Gesellschaft der Langlebigen in der Welt folgendermaßen ausgedrückt:

Die neue Utopie der Altersforschung

"Nicht die Natur schafft die Probleme, sondern eine Wissenschaft, die (...) nicht wahrhaben (will), dass die meisten Menschen das ständige Anwachsen der Lebenserwartung durchaus nicht als Geschenk, sondern als veritable Drohung empfinden. Unbeeindruckt von solchen Gefühlen sprechen die Gerontologen von »gewonnenen Jahren«" [mehr] (Welt v. 03.06.2003)

Hinter seiner Kritik verbirgt sich jedoch ein Altersbild, das sich dem Jugendwahn verdankt:

Die neue Utopie der Altersforschung

"Ein längeres Leben wäre nur dann ein Gewinn, wenn es mit ewiger Jugend verbunden wäre. Die Geschichte von Eos, der griechischen Göttin der Morgenröte, die für ihren Geliebten Tithonos vom Göttervater Zeus die Unsterblichkeit erwirkt, aber vergessen hatte, die ewige Jugend, das eigentliche Privileg der Götter, mit zu erbitten, erinnert daran. Tithonos durfte oder musste ewig leben, nahm allerdings mit der Zeit die Gestalt einer hässlichen und ewig nörgelnden Zikade an. Die Altersforschung nennt das Fortschritt." [mehr] (Welt v. 03.06.2003)

Die mangelnde Anpassung der Institutionen an die Verlängerung der Lebensspanne

Die Psychologin Laura CARSTENSEN plädiert im Gegensatz zu Konrad ADAM  für eine neue Sichtweise auf das Alter:

Ein Triumph der Kultur

"Der Blick ist einseitig auf die negativen Seiten des Alters fixiert, auf Krankheiten und Verluste. Doch dadurch kommen wir gar nicht zu der Frage »Wie können wir das ändern?« »Wo liegen die Potenziale des Älterwerdens?« Bevor wir diese Sicht der Dinge akzeptieren, sollten wir deshalb die Frage anders stellen: Statt »Wo versagen alte Menschen?« sollten wir fragen »Wo versagt die Kultur? Wieso schafft sie es nicht, unser verlängertes Leben zu unterstützen und davon zu profitieren?«" [mehr]
(Tagesspiegel v. 27.09.2002)

Unsere gesellschaftlichen Institutionen sind in dieser Perspektive also an die Veränderungen der Lebensspanne noch nicht angepasst. So reden die Sozialpolitiker zwar sehr viel vom Drei-Generationen-Vertrag, der den Zwei-Generationen-Vertrag ablösen muss. Ursula LEHR schreibt dagegen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung:

Warum nicht länger im Beruf bleiben?

"Der Drei-Generationen-Vertrag ist zu einem Vier-, manchmal sogar Fünf-Generationen-Vertrag geworden: zwei Generationen im Rentenalter, manchmal sogar zwei Generationen in der Ausbildung." (Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 14.11.2002)

Offenbar werden die Sozialpolitiker von der rasanten Entwicklung der Lebensspannen vollkommen überfordert. Es wäre jedoch völlig falsch, dies nur als technokratisches oder machtpolitisches Problem abzutun, vielmehr handelt es sich hier in erster Linie um ein kulturelles Problem der Anpassung. Der Historiker Arthur E. IMHOF hat sich Mitte der 1980er Jahre mit dem Altersbeben in Japan befasst. Dort hat sich die Verlängerung der Lebenserwartung in der Nachkriegszeit noch dramatischer entwickelt als hierzulande. Anhand des japanischen Bestsellers The Twilight Years (Ariyoshi SAWAKO) behandelt IMHOF u. a. das Dilemma der berufstätigen Frau angesichts der traditionellen Verpflichtungen zur häuslichen Pflege, die mit der modernen Arbeitswelt in Konflikt geraten . Alleinlebende berufstätige Frauen werden heutzutage in Japan als parasitäre Singles beschimpft, weil sie ihren traditionellen Pflichten nicht nachkommen.

Späte Mädchen

"Achtung, Veränderungsgefahr! Quer durch die USA brausen die Schwestern (leicht über dreißig, endlich von der Pflege der Eltern erlöst) los, um sich verspätet ein neues - oder doch lieber das altbewährte? - Leben zu erobern: die eine keß und abenteuerlustig, ängstlich-ordentlich die andere, zwei automobil zwangsvereinte Rivalinnen. Die eine holt Versäumtes nach, die andere japst entrüstet mit: Das gehört sich nicht!
Wo soll das enden? Beginnt da was?
Eine urkomische Charakterstudie, ein Frauen-Roadmovie. Ein starker Roman, gespickt mit Selbsterkenntnis-Fallen."

(Klappentext)

Die US-amerikanische Schriftstellerin Pagan KENNEDY hat in ihrem Roman Spinsters (Späte Mädchen) die Neudefinition der Rolle der allein stehenden Frau in den 60er Jahren beschrieben. Die alte Jungfer war traditionell mit der Pflege der Eltern betraut. Was aber, wenn die Eltern gestorben sind? Muss eine allein stehende Frau dann weiterhin die traditionelle Rolle spielen, oder darf sie sich auch noch einmal verlieben? Dies sind nur zwei Beispiele für Probleme, die sich aus veränderten Lebensspannen und nicht nur aus einem gesellschaftlichen Wandel ergeben.

Die Veränderung der Lebensspanne als eigenständiges Phänomen ist unterbelichtet

Viel wird über Globalisierung, Individualisierung, Modernisierung, sozialer Wandel oder neuerdings über den demografischen Wandel geschrieben. Die Veränderung der Lebenserwartung wird in allen diesen Debatten nicht als eigenständiges Phänomen behandelt, sondern entweder als abhängige Variable (Vergreisung, Gerontokratie) oder als Problem, das Auswirkungen auf die sozialen Sicherungssysteme und die volkswirtschaftliche Entwicklung hat. Ausgeblendet bleiben die Auswirkungen der verlängerten Lebensspannen auf das individuelle Verhalten.

Eine kopernikanische Wende ist notwendig!

Menschen, die sich den traditionellen Lebensweisen nicht mehr unterwerfen wollen, werden oftmals als Hedonisten, Narzissten, Egoisten, Sozialschmarotzer oder schlicht als verantwortungslos und bindungsunwillig diffamiert. Liberale lassen allenfalls ökonomisch geforderte Mobilität, hohe Kaufkraft und Flexibilität als Argumente für neue Lebensstile gelten, während Kommunitaristen Uneinsichtige notfalls zum Gemeinsinn zwingen möchten. Bevölkerungspolitiker und Wertkonservative möchten Kinderlose am liebsten zum lebenslangen Gebären, Zeugen und Erziehen verpflichten, aber zumindest für ihre Uneinsichtigkeit bestrafen. Keine politische Argumentation berücksichtigt dagegen die Verlängerung der Lebensspanne als Phänomen, das eine neuartige Lebensplanung erfordert, die mit traditionellen Lebensweisen nicht mehr in Deckung zu bringen ist. Ein einfaches Zurück zur Familie wie es eine Titelgeschichte im Spiegel nahe gelegt hat, kann es deshalb nicht geben . Im nachfolgenden soll nun die übliche Perspektive umgekehrt werden. Es soll gefragt werden, welche Auswirkungen die verlängerte Lebenserwartung auf das individuelle Fühlen, Denken und Verhalten hat.

Der Zusammenhang zwischen dem Geburtenrückgang und der Verlängerung der Lebensspanne

Der Fluch des Ibsenweibs

"Weltweit und langfristig gilt: je höher die Lebenserwartung, desto niedriger die Kinderzahl pro Frau" [mehr]
(Süddeutsche Zeitung v. 16.08.2002)

behauptet Lothar Müller. Wer bei dieser Aussage im Kopf hat, dass die lebenslange Kinderlosigkeit in den modernen Industriestaaten zunimmt, der hat zwar politisch korrekt gedacht, ist aber gleichzeitig der Debatte um den demografischen Wandel auf den Leim gegangen. Nicht die individuelle Gebärunwilligkeit der Frauen oder die Zeugungsunwilligkeit der Männer, sondern die veränderte Struktur des Lebenslaufs beeinflusst das demografische Maß "Kinderzahl pro Frau".

Im Jahr 2001 habe ich zu diesem Thema bereits ein Gedankenexperiment verfasst, das - bei gleich bleibender Kinderzahl - die Lebensdauer variiert und die Folgen aufzeigt . Die britische Psychologin Sarah Harper hat sich im Buch The Family in Ageing Societies (2003) mit den Auswirkungen der Langlebigkeit auf die Familie beschäftigt. Walter Braun referiert in der Zeitschrift Psychologie Heute jene Kräfte, die nach Sarah HARPER einen Umbruch in den Familienstrukturen bewirken:

Die Bohnenstangenfamilie

"Auch das Fortpflanzungsverhalten scheint durch die steigende Langlebigkeit (und nicht alleine durch den wachsenden Wohlstand) beeinflusst zu sein: Seit 1960 haben sich die Geburtsraten in Westeuropa schlicht halbiert - weit unter das Niveau von 2,1 Kindern pro Familie, das eine stabile Bevölkerungszahl anzeigt. Die niedrigsten Geburtenziffern Europas sind in Norditalien und Spanien zu finden". [mehr] (Walter Braun in der Psychologie Heute, Juli 2003)

Unklar bleibt hier jedoch, wie die Langlebigkeit mit dem Geburtenrückgang zusammenhängt.
 
Neben den oben genannten strukturellen Faktoren könnten auch veränderte Bedürfnisse und Erwartungshaltungen mit der verlängerten Lebensspanne zusammenwirken. Bei HARPER wird dies unter der Rubrik "Tendenz, wesentliche Lebensentscheidungen hinauszuschieben" behandelt. Im britischen Observer erklärt sie dazu:

A grand old age

"They know they are not going to die in their forties, so they can delay settling down.«"
(Anthony Browne & Adam Blenford im Observer vom 12.05.2002)
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Langlebigkeit und die Verlängerung der Lebensphasen

Die Bohnenstangenfamilie

"Langlebigkeit führt zu einer Verlängerung der einzelnen Lebensphasen: Paare, die sich nicht trennen, können zu Beginn des neuen Jahrtausends damit rechnen, weit über 40 Jahre zusammenzuleben. Eltern und Kinder ist mehr Zeit miteinander gegönnt (rund 60 Jahre, von denen nur ein Drittel in der Klassischen Eltern-Kind-Abhängigkeit verbracht wird, während der Rest der Beziehung eher jener unter Erwachsenen gleicht)" [mehr]
(Walter Braun in der Psychologie Heute, Juli 2003)

Diese Aussage mag manchen irritieren, behaupten doch nicht wenige, dass wir in einer Single-Gesellschaft leben. Nie zuvor in der Menschheitsgeschichte lebten jedoch massenhaft so viele Familienmitglieder gleichzeitig.

Changing Families as Societies Age

"In a recent British survey, three-quarters of respondents were part of a three, four or even five-generation family group" [mehr]

schreibt Sarah HARPER in dem Forschungsbericht Changing Families as Societies Age. Die überwiegende Mehrheit lebt heute also in Drei-, Vier- oder sogar Fünf-Generationen-Familien. In einer kürzlich gehaltenen Rede beschreibt die Gerontologin Ursula LEHR den Wandel der Familienstruktur, der sich in Deutschland im letzten Jahrhundert vollzogen hat:

Älterwerden in unserer Zeit - eine Herausforderung für den Einzelnen und die Gesellschaft

"Das quantitative Verhältnis der Altersgruppen in unserem Land hat sich verändert, aber auch unter qualitativen Aspekten ist der demografische Wandel und das Verhältnis zwischen den Generationen zu diskutieren. Hier ist zunächst einmal der Rückgang der 3- und 2-Generationen-Haushalte und der Anstieg der Ein-Generationen bzw. Ein-Personen-Haushalte zu erwähnen. Nur 1,1% von allen rund 36 Millionen Haushalten in der Bundesrepublik sind 3-Generationen-Haushalte. Etwa 37% aller Haushalte in Deutschland sind heute 1-Personen-Haushalte (im Jahr 1900 waren es nicht einmal 7%!). Von den über75jährigen Frauen leben 68 % in Ein-Personen-Haushalten! Um 1900 waren 45 % aller Haushalte 5- und mehr -Personen- Haushalte; heute sind es noch 4,4%! – Diese zunehmende Singularisierung und Individualisierung sollte keineswegs mit Einsamkeit gleichgesetzt werden. Sie hat aber Konsequenzen sowohl in bezug auf die Kinderbetreuung als auch auf etwaige notwendig werdende Hilfs- und Pflegeleistungen im Alter. Zum anderen aber haben wir gleichzeitig einen Trend zur 4 (bzw.5)-Generationen-Familie. In der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts kannte ein Kind bestenfalls 2 seiner Großeltern. Heute leben im allgemeinen noch alle 4 Großeltern, oft sogar noch 2 Urgroßeltern. – Heute kann ein 50jähriger gleichzeitig 5 familiäre Rollen innehaben: er ist der Vater seines Sohnes und der Großvater seines Enkeln; gleichzeitig der Sohn seiner Mutter und der Enkel seiner noch lebenden Großmutter. - Rund 20% der über 60jährigen haben Urenkel; aber ebenso viele haben noch einen lebenden Elternteil." [Download als PDF-Datei]
(Rede auf dem Deutschen Psychologentag 2003/22. Kongress für Angewandte Psychologie vom 2. - 5. 10. in Bonn)

Hier wird deutlich, dass die Haushaltsperspektive keinen umfassenden Überblick über den Wandel vermittelt. Es muss zwischen der modernen haushaltsübergreifenden multilokalen Mehrgenerationen-Familie (Hans BERTRAM) und den Mehrgenerationen-Haushalten unterschieden werden. Letztere werden von Sozialpolitikern idealisiert. Sie waren jedoch nie so weit verbreitet wie das die Fraktion der Sozialromantiker im Anschluss an Wilhelm Heinrich RIEHL behaupten. Dagegen sprach u. a. die Kurzlebigkeit der damaligen Bevölkerung .

Vom Familienzyklus über den Lebenszyklus zur Lebensspirale - Die Wissenschaft reagiert auf die Langlebigkeit

Was sich dagegen geändert hat, das ist die Verlängerung der einzelnen Lebensphasen und die damit verbundene Auflösung des traditionellen Familienzyklus. Im Lebensverlauf wechselt das Individuum nicht mehr von einem Familienhaushalt in den nächsten, sondern die Mehrzahl der Menschen lebt zumindest einmal in einem Single-Haushalt oder einem Paarhaushalt. Mobile Menschen wechseln die Haushaltsform noch öfters. Der Psychoanalytiker Erik H. ERIKSON hat ein einflussreiches entwicklungspsychologisches Konzept des Lebenszyklus entworfen. In dem Buch Der vollständige Lebenszyklus (1988) beschreibt er die historische Gewordenheit des Ansatzes der lebenslangen Identitätsbildung:

Der vollständige Lebenszyklus

"Wo immer wir (...) beginnen, führt uns die zentrale Rolle, die die Lebensphasen in unserer psychosozialen Theorie spielen, immer näher an die Problematik der historischen Relativität. So verdeutlicht ein Rückblick auf die letzten Jahrzehnte dieses Jahrhunderts, daß das Alter - sowohl aus theoretischen wie historischen Gründen - erst in den vergangenen Jahren »entdeckt« wurde, denn die Erkenntnis, daß es weniger eine Elite von erfahrenen und weisen Alten ist, die das Bild der Älteren prägt, sondern eine ständig wachsende Zahl von »Senioren«, machte eine Neubestimmung unumgänglich. Davor aber war das Erwachsenenalter als eigenständige entwicklungs- und konflikthafte Phase und nicht nur als reifer Entwicklungsabschluß erkannt worden (Benedek 1959). Noch früher (in den sechziger Jahren, der Zeit einer nationalen Identitätskrise, die sich in dramatischer Weise im öffentlichen Verhalten eines Teils unserer Jugend reflektierte) galt unsere ganze Aufmerksamkeit der adoleszenten Identitätskrise, die im Zentrum der Entwicklungsdynamik des Lebenszyklus steht (Erikson 1959). Und wie schon erwähnt, gerieten erst um die Mitte dieses Jahrhunderts die »gesunde Persönlichkeit« des Kindes und die infantilen Phasen, die ja alle erste in diesem Jahrhundert entdeckt wurden, in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses."

Es wird hier deutlich, dass die wissenschaftliche Theoriebildung im 20. Jahrhunderts gezwungen war auf die massenhafte Verlängerung der Lebensspannen und die veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu reagieren. Das Konzept von ERIKSON ist jedoch ganz am traditionellen Familienzyklus orientiert, d.h. das Single-Dasein wird als abweichendes Verhalten betrachtet. Vor kurzem hat Matthias HORX im Tagesspiegel auf ein Buch von Maddy DYCHTWALD hingewiesen:

"Aufbruch aus der Welt von Bossen und Befehlsempfängern"

"In ihrem Buch »Cycles – How We Will Live, Work and Buy« [mehr] schildert die amerikanische Sozioökonomin Maddy Dychtwald eine Kultur der neuen Lebenszyklen. In einer mittleren Lebenserwartung von 80, 90 Jahren, so Dychtwald, entwickeln sich zwangsläufig völlig neue Phasen und »Schleifenphänomene«. Menschen steigen mit 60 wieder in neue Berufe ein, sie beginnen vielleicht mit 70 ein Studium. Und sie verjüngen sich. Wer heute 60 ist, kann aussehen wie ein 50-Jähriger und denken wie mit 30. Mehrmals im Leben erleben wir nun Familienphasen mit verschiedenen Partnern. Auch »remarriages« sind möglich – Neuorientierungen mit demselben Partner." [mehr]
(Tagesspiegel v. 26.10.2003)

Bereits 1978 hat der Pionier der Singleforschung Peter J. STEIN mit ETZKOWITZ das Modell der Lebensspirale (Life Spiral) in der US-amerikanischen Zeitschrift Alternative Lifestyles vorgestellt. Es hat bereits damals die nun wieder entdeckten "Schleifenphänomene" berücksichtigt . Das Modell kritisiert die Annahme einer fest gefügten Abfolge von Rollen, wie sie im Lebenszyklusmodell von Erik H. ERIKSON vorgesehen sind, stattdessen geht das Lebensspiralen-Modell von Schleifenphänomen aus. Nicht die längere Lebenszeit, sondern der Wandel der Arbeitswelt und die Bedürfnisvielfalt sind nach STEIN & ETZKOWITZ verantwortlich für die Auflösung der starren Altersstufen. 1990 merkt Dorothea KRÜGER zum Lebensspiralen-Modell an:

Alleinleben in einer paarorientieren Gesellschaft

"Das Lebensspiralmodell (...) ermöglicht das Nebeneinander verschiedener Entwicklungsstufen, die sich unabhängig vom Lebensalter wiederholen können. Es trägt somit dem sozialen Wandel Rechnung, indem Unterschiede der menschlichen Bedürfnisse (z.B. Heirat, Nichtheirat) Anerkennung finden."

Der Soziologe Günter BURKART sieht diese Auflösung des Lebenszyklus speziell das Alternativmilieu beschränkt. Es wird in Zukunft also gefragt werden müssen, inwieweit die längere Lebenszeit oder die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen für die veränderten Lebensformen verantwortlich sind.

Fazit: Langlebigkeit erhöht die Zahl der Singles

Die Erforschung der Auswirkungen der Langlebigkeit steht erst am Anfang, dies dürfte nach den Ausführungen klar geworden sein. Nur Sozialpopulisten wissen heute schon ganz genau, wie der demografische Wandel zu bewerten ist und wodurch er im einzelnen hervorgerufen wird. Die Kinderlosen sind hierfür die idealen Sündenböcke. Eine Politik, die Kinderlose bestraft, muss jedoch scheitern, da sie strukturelle Phänomene wie die Langlebigkeit, Arbeitsmarktbedingungen, Vorhandensein von Ressourcen und die Gesetze des Heiratsmarkts außer Acht lässt und stattdessen die individuellen Handlungsmöglichkeiten überschätzt. Sinnvoller ist dagegen die Unterstützung von potenziellen Eltern.

Die Single-Lüge - Das Buch zur Debatte

"Dies ist die erste grundlegende Auseinandersetzung mit dem nationalkonservativen Argumentationsmuster, das zunehmend die Debatte um den demografischen Wandel bestimmt. Hauptvertreter dieser Strömung sind Herwig Birg, Meinhard Miegel, Jürgen Borchert und Hans-Werner Sinn. Die Spannbreite der Sympathisanten reicht von Frank Schirrmacher bis zu Susanne Gaschke. Als wichtigster Wegbereiter dieses neuen Familienfundamentalismus muss der Soziologe Ulrich Beck angesehen werden.
      
 
Es wird aufgezeigt, dass sich die nationalkonservative Kritik keineswegs nur gegen Singles im engeren Sinne richtet, sondern auch gegen Eltern, die nicht dem klassischen Familienverständnis entsprechen.
      
 
Die Rede von der "Single-Gesellschaft" rechtfertigt gegenwärtig eine Demografiepolitik, die zukünftig weite Teile der Bevölkerung wesentlich schlechter stellen wird. In zahlreichen Beiträgen, die zumeist erstmals im Internet veröffentlicht wurden, entlarvt der Soziologe Bernd Kittlaus gängige Vorstellungen über Singles als dreiste Lügen. Das Buch leistet damit wichtige Argumentationshilfen im neuen Verteilungskampf Alt gegen Jung, Kinderreiche gegen Kinderarme und Modernisierungsgewinner gegen Modernisierungsverlierer."

 
     
 
       
   

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Update: 26. Januar 2017