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Debatte

 
       
   

Jürgen Voß: Was wäre geschehen, wenn?

 
       
   

Ein kleines Modellszenario in Sachen Demographie

 
       
     
       
   
     
  Was wäre geschehen, wenn?

Ein kleines Modellszenario in Sachen Demographie

Die gängige Mainstreamargumentation in Sachen Demographie lautet in verkürzter Form: Durch die drastisch gesunkenen Geburtenzahlen infolge des Pillenknicks und des Einstellungswandels der Bevölkerung ist die Bevölkerungsstruktur aus dem Gleichgewicht geraten. Es gibt zu wenig Kinder und junge Menschen und - in absehbarer Zeit - zu viele alte Menschen. Die sozialen Sicherungssysteme, die auf dem Umlageverfahren basieren (Generationenvertrag) können deshalb nicht mehr funktionieren und müssen somit durch kapitalgedeckte Systeme ersetzt werden. Deutschland vergreist und wird langfristig schrumpfen.

Ohne die sozialpolitischen Implikationen dieses Ansatzes und die materiellen Interessen, die dahinter stehen, hier näher beurteilen zu wollen, bin ich der m. E. lohnenswerten Frage nachgegangen, was wäre geschehen, wenn - das historisch erfolgte Wanderungsgeschehen konstant gesetzt - die "natürliche" Bevölkerungsbewegung über alle Jahre hinweg durch geburtenstarke Jahrgänge geprägt worden wäre und der "Pillenknick" ausgeblieben wäre.

Die Geburtenentwicklung im früheren Bundesgebiet zwischen 1955 und 1970

Im Zeitraum 1955 - 1970 sahen die Geburtenzahlen in der früheren Bundesrepublik wie im nachfolgenden Schaubild aus (Tabelle mit den Geburtenzahlenweitere Infos zum Buch). Die DDR-Zahlen wurden absichtlich nicht verwendet, da ihre simple Addition zu den "westdeutschen" Zahlen methodisch fragwürdig gewesen wäre. Dies ist nicht als manipulativer Trick zu verstehen, denn die später hier zu zeigenden Entwicklungen wären dann noch viel drastischer ausgefallen.

Bevölkerung und Wirtschaft 1872 - 1972
hrsg. v. Statistischen Bundesamt Wiesbaden 1972 S.108

Das Jahr 1960 als Ausgangspunkt des Modellszenarios

Wie leicht zu sehen ist, steigen die Geburtenzahlen von 1955 bis Mitte der sechziger kontinuierlich an und fallen schon gegen Ende des sechsten Jahrzehnts drastisch. Anders als in der allgemeinen Argumentation praktiziert, wurde für die folgende Berechnung nicht die Maximalzahl von 1963 (1,054 Mio. Geburten) genommen, sondern die des Jahres 1960, um einen 40-Jahresvergleich zu ermöglichen. Ausgerechnet die Maximalziffer ständig als Basis für den Vergleich von Geburtenzahlen zu nehmen, ist zwar üblich aber unseriös und zeigt nur das Niveau der allgemeinen Diskussion. Die Geburtenzahl des Jahres 1960 (968.629) entspricht im Übrigen fast dem Mittelwert der Jahre 1960 - 1970 (966.614). (Methodische Anmerkung: Ganz aktuelle Zahlen (2005, 2006) konnten noch nicht genommen werden, da die entsprechenden amtlichen Publikationen noch nicht vorlagen, d. V.)

Die Entwicklung ausgewählter Großstädte im Deutschland ohne Pillenknick (1960 - 2002)

In der folgenden Tabelle werden nun die Bevölkerungsstände einiger zufällig ausgewählter Großstädte im Zeitraum 1960 - 2002 (das letzte "Jahrbuch deutscher Gemeinden" lag leider nicht vor, s.o.) miteinander verglichen und des weiteren - unter Annahme konstanter Geburtenzahlen aus 1960 und eines konstant gesetzten Wanderungsgeschehens (wie empirisch erfolgt) - die fiktive Einwohnerzahl des Jahres 2002 (1.1.) errechnet (41 mal die Differenz zwischen realer und der Basisgeburtenzahl des Jahres 1960). Es ergibt sich folgendes Bild:

Auch ohne Pillenknick hätte es Gewinner- und Verliererregionen gegeben

Schnell wird deutlich, dass die ausgewählten Großstädte teilweise ganz unterschiedliche Entwicklungen mitgemacht haben. Zum Teil sind ihre Geburtenzahlen durchschnittlich (Köln) oder sogar kaum (München) gesunken, zum Teil sind sie drastisch gefallen, besonders in den Städten, die ihre industrielle Basis fast vollkommen verloren haben und deshalb hohe Wanderungsverluste von Menschen im Erwerbsalter (gleichzeitig auch Fertilitätsphase) hinnehmen mußten (Essen, Gelsenkirchen, Oberhausen). Für die (alte) Bundesrepublik insgesamt ist der Geburtenrückgang mit 25% noch glimpflich ausgefallen, gleichwohl läge die Bevölkerungszahl ohne diesen Rückgang bei 75,6 Mio. Einwohnern (ohne Berlin).

Fazit: Ohne den Geburtenrückgang wäre der Strukturwandel der Vergangenheit kaum zu bewältigen gewesen

Nun will ich nicht wertend darauf eingehen, wie wohl die soziale Wirklichkeit in Städten wie Gelsenkirchen, Oberhausen und Essen aussähe, falls die Geburtenzahlen in etwa konstant geblieben wären, denn dass dann die erwerbswirtschaftliche Basis dieser Städte (Kohle und Stahl) unter diesen Voraussetzungen nicht verloren gegangen wäre, wird wohl der kühnste Phantast nicht zu behaupten wagen. Auf einen prägnanten Kern gebracht, wäre dann die Frage zu stellen, wie sähe die soziale Wirklichkeit wohl heute in Gelsenkirchen aus, wenn bei 544.000 Einwohnern nur 74tsd. sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze (wie zur Zeit) zur Verfügung stünden?

Eine Anmerkung möchte ich mir doch nicht verkneifen: Angesichts dieser Zahlen, ist es wenig erstaunlich, dass unsere Demografietheoretiker und Familienideologen solche "Rückwärts"-Szenarien meiden wie der Teufel das Weihwasser.

 
     
 
       
   

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Update: 27. Januar 2017