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Winterthema

 
       
   

Sind wir auf dem Weg zu einer "Single-Gesellschaft"?

 
       
   

Oder: Singles als nützliche Idioten in einer paar- und familienorientierten Gesellschaft

 
       
     
   
     
     
 

Die Determinanten der "Single-Gesellschaft". Oder warum es sich Stefan Hradil zu einfach macht

In seinem Aufsatz Auf dem Wege zur "Single-Gesellschaft"? listet HRADIL die Bestimmungsgründe einer "Single-Gesellschaft" auf:

Auf dem Wege zur Single-Gesellschaft?

"Die Zahl der Singles wird bestimmt durch eine ganze Anzahl von Faktoren, u.a. durch:

- die Entwicklung der Alters- und Ausländerstruktur der Bevölkerung,
- die Bildungsexpansion,
- die Wohlstandsentwicklung,
- familienunabhängige Statuszuweisungsprozesse,
- Wohlfahrtsstaat und soziale Sicherheit,
- Wohnungsangebot und Wohnbedingungen
- Wertewandel und
»Postmaterialismus«,
- individuellen Status von Frauen,
- Entdiskriminierung von Alleinlebenden,
- Karrierechancen für alleinlebende Frauen,
- ökonomische und gesellschaftliche Bedeutung der Ehe,
- Liberalismus der Sexualmoral,
- Protestantismus,
- Urbanisierung,
- Scheidungshäufigkeit,
- Emanzipationsbestrebungen von Frauen,
- Bindungsunfähigkeit,
- demographisch bedingte Asymmetrien des Heirats- und Partnermarkts,
- Möglichkeiten zum Ausleben einzelgängerischer Persönlichkeiten".
(1995, S.195)

Dieses Sammelsurium an Gründen beschreibt - anders als suggeriert - nicht die Bestimmungsgründe für die "Single-Gesellschaft", sondern für eine "Gesellschaft der Einpersonenhaushalte". Um die Entwicklung der Anzahl von Singles, d.h. der 25-55jährigen Alleinlebenden im Sinne von HRADIL zu bestimmen, ist in erster Linie die Zusammensetzung, d.h. die Struktur des Alleinlebens im mittleren Lebensalter, entscheidend. Wie bereits bei der Betrachtung der Pflegebedürftigkeit von Alleinlebenden gesehen, hat HRADIL das Single-Dasein als Alternative zu Ehe und Familie überschätzt. Um ein realistisches Szenario entwickeln zu können, ist die Unterscheidung von mindestens 4 verschiedenen Typen von Alleinlebenden zu unterscheiden:

1) Partnerfreie, d.h. Singles, die ihr Single-Dasein als Alternative zu Ehe und Familie leben;
2) Partnersuchende, d.h. Singles, die unfreiwillig partnerlos sind;
3) Partnerlose, d.h. Singles, die sich eine Partnerschaft wünschen, derzeit aber aus unterschiedlichen Gründen nicht auf der Partnersuche sind (z.B. resignierte Singles, die sich mit ihrer Partnerlosigkeit abgefunden haben; Singles, die aus beruflichen Gründen derzeit nicht auf der Suche sind);
4) Paare mit getrennter Haushaltsführung.

Während HRADIL davon ausgeht, dass eine solche Unterscheidung für Fragen des Wohnens irrelevant sei, wird hier davon ausgegangen, dass es sehr wohl einen Unterschied macht, ob jemand partnerfrei, partnersuchend, partnerlos oder alleinwohnend mit Partnerschaft ist. Jemand, der seinen Zustand nur als vorübergehend betrachtet, wird sich nicht unbedingt eine große Wohnung leisten . Wer in absehbarer Zeit mit seinem Partner zusammenziehen will, der wird sich auch nicht unbedingt eine große und teure Wohnung zulegen.

Exkurs: Sind Singles die Hätschelkinder der Konsumgesellschaft?

Horst W. OPASCHOWSKI, der in den Medien gerne als "Freizeitpapst" tituliert wird, geht sogar davon aus, dass Singles inklusive Paare mit getrennter Haushaltsführung alle Dinge zwei Mal brauchen und deshalb den Konsum anheizen:

Einführung in die Freizeitwissenschaft

"Ein Paar braucht alles nur einmal, zwei räumlich getrennte Singles aber brauchen zwei Wohnungen, zwei Fernsehgeräte, zwei Videos, zwei Stereoanlagen und zwei Telefonanschlüsse."
(2006, S.134)

Einzig zwei Wohnungen und Kommunikationsgeräte sind eine Grundvoraussetzung für Paare mit getrennter Haushaltsführung, alles andere steht dagegen zur Disposition. Zwei Telefonanschlüsse sind reichlich antiquiert im Handyzeitalter, in dem auch jedes Paar in der Regel zwei Handys besitzt. Leider gibt es zum Ausstattungsgrad der Einpersonenhaushalte oder gar der "Singles" keine detaillierten Angaben. Selbst in der Publikation Alleinlebende in Deutschland aus dem Jahr 2012 fehlen solche Angaben. Aus dem Statistischen Jahrbuch 2013 ist lediglich ein grober Vergleich zwischen Haushalten und Einpersonenhaushalten möglich. Die Alleinlebenden sind einzig nach dem Geschlecht, aber nicht nach dem Alter und Familienstand untergliedert. Es ist aber erkennbar, dass Einpersonenhaushalte im Vergleich mit allen Haushalten unterdurchschnittlich mit Informations- und Kommunikationstechnik ausgestattet sind. Da die Ausstattung mit technischen Geräten stark altersabhängig ist, ist die Tabelle nicht besonders hilfreich. Man sieht jedoch, dass man Einpersonenhaushalte keinesfalls mit Haushalten von "Singles" verwechseln darf.

Ausstattungsgrad privater Haushalte mit Gebrauchsgütern nach dem Haushaltstyp am 1.1.2012
Quelle: Statistisches Jahrbuch 2013, S.169

Wohlweislich fehlen in der Auflistung von OPASCHOWSKI Waschmaschinen bzw. Geschirrspülmaschinen, d.h. relativ teure Anschaffungen, die nicht jeder Single besitzt, und die sich selbst Paare mit getrennter Haushaltsführung nicht unbedingt zweimal anschaffen. Aus der Tabelle ist erkennbar, dass Einpersonenhaushalte im Vergleich mit allen Haushalten unterdurchschnittlich mit Haushaltsgeräten ausgestattet sind. Der Ausstattungsgrad von alleinlebenden Männern, die im mittleren Lebensalter dominieren, bleibt zudem weit hinter der von alleinlebenden Frauen zurück (einzig Mikrowellengeräte sind bei ihnen verbreiteter). Fast 15 % der alleinlebenden Männer besitzen keine Waschmaschine und nicht einmal 40 % besitzen eine Geschirrspülmaschine.   

Ausstattungsgrad privater Haushalte mit Gebrauchsgütern nach dem Haushaltstyp am 1.1.2012
Quelle: Statistisches Jahrbuch 2013, S.169

Wie sieht es aber im Bereich der Unterhaltungselektronik aus, dem Konsumbereich par Excellenze? Auch hier sind Einpersonenhaushalte im Vergleich mit allen Haushalten unterdurchschnittlich ausgestattet. Im Gegensatz zu den Haushaltsgeräten, sind bei der Unterhaltungselektronik die männlichen Alleinlebenden besser ausgestattet (wobei Kabelanschlüsse und CD-Player/-Recorder bei weiblichen Alleinlebenden verbreiteter sind.) 

Ausstattungsgrad privater Haushalte mit Gebrauchsgütern nach dem Haushaltstyp am 1.1.2012
Quelle: Statistisches Jahrbuch 2013, S.169

Wir können also festhalten: genaue Analysen sind aufgrund der unzureichenden Datenlage nicht möglich. Für die Alleinlebenden lässt sich jedoch sagen, dass über ihre Lebenssituation populistische Vorurteile verbreitet werden. Dies gilt umso mehr, als Einpersonenhaushalte oftmals mit "Single"-Haushalten gleich gesetzt werden.

Die verwendeten Daten zu Singles sind oftmals völlig veraltet

Noch im Beitrag Vom Leitbild zum "Leidbild": Singles als Symbole der Moderne aus dem Jahr 2007, verwendet HRADIL Daten, die bereits im Beitrag Vom Leitbild zum "Leidbild" aus dem Jahr 2003 stammen, die wiederum auf Daten aus dem Jahr 2000 basieren. Solch eine Präsentation überholter Daten ist leider typisch für Beiträge über Singles und nicht die Ausnahme! Folglich kommt HRADIL zum Schluss, dass sich - trotz Wandel des Wertewandels - die Zahl und das Leben der Singles nicht ändern:

Vom Leitbild zum "Leidbild": Singles als Symbole der Moderne

"Singles künden in letzter Zeit eher von Irrwegen oder besser: Abwegen der Modernisierung, die jetzt wieder verlassen werden. (...). Konsequenterweise werden Singles heute von ihren Mitmenschen als Warnung wahrgenommen (...).
Die Zahl und das Leben der Singles werden sich durch diese kritischer gewordene Sichtweise allerdings kaum ändern. Allenfalls werden die Zwänge, ihre Lebensform vor anderen und vor sich selbst zu begründen, denen Singles ohnehin ausgesetzt sind, weiter zunehmen." (2007, S.146)

Obwohl sich die Zahl der "Singles" - oberflächlich gesehen - nicht entscheidend geändert hat, hat sich das Leben der Singles - anders als von HRADIL behauptet - durchaus geändert. Z.B. werden weder die Hartz-Gesetzgebung oder Änderungen bei der Pflegeversicherung, noch die Auswirkungen der Finanzkrise (konnte zum Zeitpunkt des Beitrags nicht berücksichtigt werden) bei HRADIL berücksichtigt, obgleich sie - seinen eigenen Ausführungen zufolge - berücksichtigt werden müssten.

Hartz IV als Hindernis für die Paarbildung

Im Jahr 2008 hat der Ökonom Hans-Werner SINN das mit Hartz IV im Jahr 2005 eingeführte Arbeitslosengeld II als Trennungsprämie beklagt. Paare würden sich trennen oder gar nicht erst zusammenziehen, um in den Genuss von Arbeitslosengeld zu kommen:

Der bedarfsgewichtete Käse und die neue Armut

"Wenn ein Partner gut verdient und der andere länger arbeitslos ist, hat der arbeitslose Partner nur dann Anspruch auf Hilfe, wenn er nicht mit dem gut verdienenden Partner in einer Bedarfsgemeinschaft zusammenwohnt. Bilden beide einen gemeinsamen Haushalt, entfällt die Hilfe. Die staatliche Unterstützung nimmt also den Charakter einer Trennungsprämie an, die der Staat nur unter der Bedingung des Verzichts auf Heirat oder anderweitigen Zusammenschluss zahlt. Kein Wunder, dass viele junge Leute von vornherein gar nicht erst zusammenziehen bzw. sich trennen, wenn sie vorher zusammengelebt haben. Die Folge: Im ersten Jahr des ALG II stieg die Zahl der Ein-Personen-Haushalte in Deutschland um 1%, im zweiten sogar um 5%."
(IFO Schnelldienst, Nr.10, 30.05.2008, S.16)

Man kann es aber auch anders sehen: Hartz IV trägt durch eine vorschnelle Einstufung von Partnerschaften als Bedarfsgemeinschaften dazu bei, dass Paare, das Zusammenziehen hinausschieben, weil sie sich ihrer Partnerschaft noch nicht sicher sein können. Eine solche Sichtweise legt der Zeitschriftenartikel "Hartz" oder Herz? von Katharina DIENER & Michael FELDHAUS nahe. Dort werden die Kriterien für das Vorliegen einer Bedarfsgemeinschaft folgendermaßen beschrieben:

"Hartz" oder Herz?

"Eine Bedarfsgemeinschaft wird vermutet (...), wenn Paare »länger als ein Jahr zusammenleben, mit einem gemeinsamen Kind zusammenleben, Kinder oder Angehörige im Haushalt versorgen oder befugt sind, über Einkommen oder Vermögen des anderen zu verfügen« (...). Sobald einer dieser vier Punkte zutrifft, vermutet die Bundesagentur für Arbeit (BA) eine Bedarfsgemeinschaft (...). Leben Paare weniger als ein Jahr zusammen, darf in der Regel nicht automatisch von einer Bedarfsgemeinschaft ausgegangen werden. Es kann aber trotzdem eine BG vorliegen, wenn z.B. gemeinsam gewirtschaftet wird, der Mietvertrag oder Versicherungen zusammen abgeschlossen wurden, also Anzeichen für eine auf Dauer ausgerichtete Partnerschaft bestehen. (...). Die Praxis der Anrechnung von Partnereinkommen wurde durch die vom Gesetzgeber eingeführte Beweislastumkehr verschärft".
(2011, S.202f.)

Gemäß DIENER & FELDHAUS greift Hartz IV in die Paardynamik ein, indem es hohe Hürden für einen Zusammenzug setzt:

"Hartz" oder Herz?

"Gerade in einer Phase der Partnerschaft, die heutzutage als Findungs- und Probierphase gilt und die eben noch nicht eingegangen wird unter der Prämisse einer breit angelegten, wechselseitigen Versorgungsgemeinschaft, können (...) die Kosten dieser Entscheidung zum Zusammenziehen in die Höhe getrieben werden. In einem größeren, gesellschaftlichen und sozialstaatlichen Kontext gestellt, ergibt sich aus den vorliegenden Ergebnissen, dass die intendierten Änderungen der Arbeitsmarktreform in Deutschland mit vermutlich nicht intendierten Folgen im Hinblick auf den partnerschaftlichen Institutionalisierungsprozess einhergehen. Mit der Einführung es ALG II und der damit auftretenden Verschärfung der Anrechnung von Partnereinkommen wurden rechtlich Anreize wie auch Restriktionen geschaffen, die auf den privaten, paarinternen Entscheidungsprozess einwirken. Gerade für Paarbildungsprozesse können hiermit hohe Hindernisse verbunden sein (...). Diese Beeinträchtigung erreicht ihren Höhepunkt, wenn bereits zusammenlebende Paare aus ökonomischen Gründen, die mit dem eingeschränktem ALG-II-Bezug verbunden sind, wieder auseinanderziehen."
(2011, S.216)

Es gibt inzwischen mehrere Studien, die auf einen Anstieg der Partnerlosigkeit in Deutschland hindeuten (z.B. EBERT & FUCHS 2012 ; ECKHARD 2010 ). Sowohl der gestiegene Mobilitäts- und Flexibilitätszwang, inzwischen sogar in Gesetze wie Hartz IV gegossen, als auch durch strukturelle Geschlechterungleichgewichte bzw. Partnerwahlprozesse verursachte Probleme auf dem Partner- bzw. Heiratsmarkt, sind Gründe für die Zunahme der Partnerlosigkeit. Die soziale Arbeit als Teil eines aktivierenden Sozialstaats hat sich auf diese Problematik (noch) nicht eingestellt . Insofern stellt sich die Frage, warum dieses Thema erst seit einigen Jahren in den Blickpunkt rückt. Wer hat(te) ein politisches Interesse? Ein Punkt für die mangelnde Sichtbarkeit des Problems ist sicher die rückständige amtliche Statistik.

Kosmetische Operation: Die Einführung des Lebensformenansatzes in der amtlichen Statistik und seine Auswirkungen auf die Anzahl der Alleinlebenden

Obwohl bereits seit den 1980er Jahren heftig über die Individualisierung und den Trend zur "Single-Gesellschaft" diskutiert wurde, verweigerte die amtliche Statistik lange Zeit Auskunft über Lebensformen jenseits der Normalfamilie. So schreibt Andrea LENGERER in ihrem Buch Partnerlosigkeit in Deutschland über die Vernachlässigung von unverheiratet zusammenlebenden Paaren:

Partnerlosigkeit in Deutschland

"Dass Paare unverheiratet zusammenleben, wird von der amtlichen Statistik erst seit 1996 mit der Einführung des Konzepts der Lebensformen systematisch berücksichtigt (...). Seither werden unterhalb der Ebene des Haushalts nicht nur Familien, sondern auch Lebensgemeinschaften als soziale Einheiten abgegrenzt. Entlang der Kriterien Partnerschaft und Elternschaft zählen dazu Paare mit Kindern, Paare ohne Kinder sowie Alleinerziehende. (...).
Mit dem neuen Konzept erschließt die amtliche Statistik erstmals Lebensformen jenseits der »Normalfamilie«. Obwohl es im Mikrozensus seit 1996 umgesetzt ist, basieren die dazu veröffentlichten Ergebnisse bis einschließlich 2004 auf Sonderauswertungen (...). Das standardisierte Tabellenprogramm der amtlichen Familienstatistik ist erst seit 2005 umgestellt. Seither gilt auch ein neuer Familienbegriff".
(2011, S.21)

Während zusammenwirtschaftende Paare (in offizieller Lesart: unverheiratet zusammenlebende Paare) inzwischen von der amtlichen Statistik berücksichtigt werden, bleiben Paare mit getrennter Haushaltsführung weiterhin unberücksichtigt.

Die einzige Neuerung durch die Einführung des Lebensformenansatzes für "Singles" ist, dass nun zwischen Einpersonenhaushalten (Anzahl der "Alleinlebenden" am Haupt- und Nebenwohnsitz) und Alleinlebenden (Anzahl der "Alleinlebenden" am Hauptwohnsitz) unterschieden wird. Dies führt dazu, dass jährlich zwei verschiedene Zahlen zur Entwicklung der "Single-Haushalte" in den Medien kursieren. Die prinzipielle Kritik von single-generation.de am Alleinlebendenbegriff der amtlichen Statistik gilt also weiterhin, nur dass nun begrifflich zwischen Einpersonenhaushalten und Alleinlebenden im Sinne des Lebensformenansatzes unterschieden werden muss. Im Jahr 2011 machte die Differenz zwischen der Anzahl der Einpersonenhaushalte und der Anzahl der Alleinlebenden ca. 3 % aus. Weder in der öffentlichen noch in der wissenschaftlichen Debatte um Singles, wird diese Differenz überhaupt für erwähnenswert gehalten.

Der Single als Phantom der "Single-Gesellschaft"

Wir sind keine "Single-Gesellschaft", sondern eine paar- und familienorientierte Gesellschaft. Wir sind auch keineswegs auf dem Weg dorthin. Wir sind noch nicht einmal eine Gesellschaft der Alleinlebenden. Es stellt sich also die Frage, warum der Begriff "Single-Gesellschaft" dennoch derart beliebt ist. Schließlich zielt er auf einen Lebensstil ab, den maximal 3 % der Bevölkerung leben. HRADIL sieht die einzige Gefahr, die Singles darstellen, in ihrem Vorbildcharakter. Dieser ist jedoch in erster Linie ein Medienbild:

Vom Leitbild zum "Leidbild": Singles als Symbole der Moderne

"Singles wurden im Laufe der 1970er und 1980er Jahre zu Vorbildern mit einer großen Ausstrahlungskraft auch und gerade auf Nicht-Singles, d.h. auf diejenigen, die mit anderen zusammen leben. Die Werbung bediente sich ihrer als Sympathieträger. (...). »So autonom, so frei möchte ich auch leben.« In diese Richtung gingen die Konnotationen des Fernseh-, Hörfunk- und Pressepublikums, wenn die Medien über Singles berichteten. (...) Und das hatte Folgen: Singles wurden zu Leitbildern. Ihrem Vorbild wurde gefolgt. Nicht in wörtlichem Sinne, die wenigsten ließen sich davon verleiten, allein zu leben. Wohl aber in übertragener Bedeutung wurden große Teile der Bevölkerung zu Singles. (...).
Diese seit vielen Jahren andauernden Tendenzen hin zur »Single-Gesellschaft« (in übertragener Bedeutung) (...) haben sich auf breiter Front durchgesetzt"
(2007, S.141f.)

Nicht der real existierende Single, sondern der Single als Phantom unserer Mediengesellschaft (bzw. als Projektionsfigur für Nicht-Singles) stellt die Grundlage des Redens von der "Single-Gesellschaft" dar. Es ist offensichtlich, dass starke gesellschaftliche Kräfte an diesem Yuppie-Bild des Alleinlebenden mitwirkten. Erst mit dem geplanten Umbau des Sozialstaats wird nun der Single als "Leidbild" benötigt. Dass der Single in beiden Fällen nur ein nützlicher Idiot ist, zeigt die Tatsache, dass innerhalb von wenigen Jahren das Single-Bild geändert werden konnte, ohne große Gegenwehr auf Seiten der Singles. Schließlich haben die meisten Singles genug andere Probleme, weshalb eine politische Einmischung zu kurz kommt.

Fazit: Singles sollten sich wehren, statt weiterhin nur die nützlichen Idioten im Kulturkampf der alten und neuen Mitte zu sein!

Die "Single-Gesellschaft" ist keine realistische Option, sondern ein Horrorgemälde, das dem Kulturkampf zweier Eliten entspringt, die um die Vorherrschaft in Deutschland kämpfen. Leidtragende dieses Kulturkampfes sind die mehr oder weniger unfreiwilligen Alleinlebenden dieser Republik. Sie sind die Sündenböcke für das Markt- und Staatsversagen, obwohl die Mehrzahl der Alleinlebenden unter ihrer erzwungenen Lebenssituation leidet, bzw. sich notgedrungen arrangieren muss. 85 % der Alleinlebenden müssen die Folgen tragen, dass 15 % der Alleinlebenden einen Lebensstil führen, der vor allem in den 1990er Jahren zum Leitbild erhoben wurde, um ihn danach umso nachhaltiger demontieren zu können. Dazu ist es notwendig die Beweispflicht umzukehren. Dies geht nur, durch eine Umstellung der amtlichen Statistik auf haushaltsübergreifende Lebensformen und die Ersetzung aller Längsschnitts- auf Querschnittsuntersuchungen.

Dass Singles es schwerer haben werden, das sah auch der Sozialstrukturforscher Stefan HRADIL bereits im Jahr 2003 so, aber wie wir gesehen haben, sind seine Analysen allzu populistisch und oberflächlich gewesen. Aktuelle und tiefgehende Analysen zu den Alleinlebenden bzw. "Singles" sind noch Mangelware, weswegen auf dieser Webseite die vorhandenen Analysen und Daten auch in Zukunft genauer dahingehend untersucht werden, inwiefern sie die Heterogenität der Alleinlebenden widerspiegeln.    

Vom Leitbild zum "Leidbild"

"Berücksichtigt man, wie vielfältig die Gründe und Wege sind, die ins Single-Dasein führen, und wie wenig die meisten von ihnen mit der gesellschaftlichen Einschätzung von Singles zu tun haben, so wird verständlich, dass sie Zahl der Singles auch dann kaum zurückgehen wird, wenn sie nicht mehr die gesellschaftliche Leitfigur darstellen. (...). Es gibt (...) neben dem eigenen Wollen viele andere Bestimmungsgründe, die ins Single-Leben führen, Menschen darin halten und das Single-Dasein prägen. Viele stellen Zwangslagen dar (Scheidungen, berufliche Mobilitätszwänge, schlechte Verwertungsmöglichkeiten der eigenen Qualifikation bei Partnerschaft und bei Familienbildung, wenig Kontaktmöglichkeiten durch zwangsweise intensive Berufstätigkeit, steigende Anforderungen an potentielle Partner etc.) und es ist nicht absehbar, dass diese Beweggründe an Bedeutung verlieren.
Das Leben der Singles wird also schwieriger werden und mehr Konflikte mit sich bringen." (2003, S.53)

Mit diesem Beitrag konnten viele Aspekte nur grob skizziert werden. Am Beispiel der prognostizierten Pflegebedürftigkeit von Alleinlebenden und den Auswirkungen von Hartz IV auf die Paarbildung konnte gezeigt werden, dass auf dem Rücken von Alleinlebenden Politik betrieben wird, und zwar weder zum Wohle der Singles noch zum Wohle der Gesellschaft.

Inwiefern Singles Schuld an der Wohnungsnot sind, das wird in einem der weiteren Beiträge zu klären sein. Eines steht jedoch fest: Singles haben an der Wohnungsnot weniger Schuld als ihnen Wissenschaft, Medien oder Politik zuschreiben , denn zum einen ist die Sozialstruktur der Alleinlebenden wesentlich heterogener als es politisch motivierte Berichte und Studien darstellen und zum anderen klafft eine große Lücke zwischen der "Theorie des Alleinlebens" und der "Empirie des Alleinlebens".

Die Single-Lüge - Das Buch zur Debatte

"Dies ist die erste grundlegende Auseinandersetzung mit dem nationalkonservativen Argumentationsmuster, das zunehmend die Debatte um den demografischen Wandel bestimmt. Hauptvertreter dieser Strömung sind Herwig Birg, Meinhard Miegel, Jürgen Borchert und Hans-Werner Sinn. Die Spannbreite der Sympathisanten reicht von Frank Schirrmacher bis zu Susanne Gaschke. Als wichtigster Wegbereiter dieses neuen Familienfundamentalismus muss der Soziologe Ulrich Beck angesehen werden.
          
 Es wird aufgezeigt, dass sich die nationalkonservative Kritik keineswegs nur gegen Singles im engeren Sinne richtet, sondern auch gegen Eltern, die nicht dem klassischen Familienverständnis entsprechen."

 
     
 
       
   

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Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 06. Oktober 2013
Update: 24. Januar 2017