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Thema des Monats

 
       
   

Die Bevölkerungsentwicklung in Deutschland

 
       
   

Teil 1: Mythen und Fakten über den Geburtenrückgang in Vergangenheit und Zukunft.

 
       
     
       
   
     
 

Mythos: "Das bevölkerungspolitische Tabu muss gebrochen werden"

Ein Manifest - Weil das Land sich ändern muss

"Bisher waren in Deutschland bevölkerungspolitische Fragestellungen geradezu tabuisiert. Die Folge sind verbreitete Fehlvorstellungen über die Bevölkerungsentwicklung. Wie empirische Untersuchungen zeigen, meint die Mehrheit noch immer, die Bevölkerung Deutschlands ruhe auf einem soliden demographischen Fundament. Sie hält weder eine Veränderung der Geburtenrate noch Zuwanderer für die langfristige Stabilisierung von Bevölkerungszahl und -struktur erforderlich." (1992, S.46)

Genau 10 Jahre nach dem Manifest Weil das Land sich ändern muss, behaupten höchstens noch bevölkerungspolitische Hardliner, dass es dieses Tabu noch gibt. Stattdessen gibt es einen neuen politischen Konsens, den Franz-Xaver KAUFMANN - eher widerwillig - auf die Jahre seit 2002 datiert:

Weniger sind mehr

"Der Soziologe Karl Otto Hondrich ist im Januar dieses Jahres gestorben - allzu früh! So ist dieses Buch, dessen Erscheinen er nicht mehr erlebt hat, sein letztes Wort geworden. (...). Das Buch ist ein Manifest gegen einen, wie ihm scheint, »umfassenden und unhinterfragten Konsens«, den er in zwei Sätzen zusammenfasst: »Erstens, es gibt zu wenig Kinder. Zweitens, die Politik muss mehr dagegen tun«. Dieser Konsens, wenn es ihn denn tatsächlich geben sollte, ist neuen Datums. Noch 2002 konnte ich einen thematisch einschlägigen Vortrag unter dem Titel »Bevölkerungsrückgang - Tabu und Investitionslücke« ankündigen, noch damals kümmerte sich die Politik nur um das Altern der Bevölkerung, nicht um den Geburtenrückgang."
(Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Heft 4, Dezember 2007, S.739)

Der Widerwille von Franz-Xaver KAUFMANN ist verständlich, denn schließlich erschien von ihm noch im Jahr 2005 das Buch Schrumpfende Gesellschaft, das er als Pionierleistung in Sachen Geburtenrückgang verstanden wissen wollte. Der Zeitgeist war jedoch längst weiter. Im März 2006 mündete dieser Konsens in eine hysterische Kampagne. Das Buch Minimum von Frank SCHIRRMACHER markiert vorerst den Schlusspunkt einer breit angelegten Medienoffensive, die dem Gebären und Zeugen zu seinem Recht verhelfen wollte und Kinderlose an den Pranger stellte . Es schien so, als ob SCHIRRMACHER die Debatte um den Geburtenrückgang entdeckt hätte. Weit gefehlt. Entgegen der weit verbreiteten Meinung, dass die Debatte erst jetzt begonnen hätte: das Gegenteil ist richtig. Seit 100 Jahren steht Deutschland bevölkerungspolitisch am Abgrund! Und immer ist es der Geburtenschwund, der die höchste mediale Aufmerksamkeit garantiert .  Der bevölkerungspolitische Tabubruch wird seitdem mit ziemlicher Regelmäßigkeit inszeniert. Die Drastik der bevölkerungspolitischen Rhetorik hat in diesem Jahrzehnt - entgegen der landläufigen Meinung - eher abgenommen.

Einwanderungsland Deutschland

"Wegen der extrem niedrigen Geburtenzahlen in den letzten 30 Jahren könnte der Rückgang der Bevölkerung in den nächsten 40 Jahren nur über eine explosionsartige Steigerung der Geburtenhäufigkeit ausgeglichen werden. Wie im afrikanischen Gambia müßten die Frauen durchschnittlich sieben bis acht Kinder zur Welt bringen."
(Dieter Oberndörfer, 1994, S.289)

In seinem Buch Die ausgefallene Generation aus dem Jahr 2005 schreibt der Bevölkerungswissenschaftler Herwig BIRG, dass die Geburtenrate verdreifacht werden müsste, wolle man die demographische Alterung stoppen (S.66). Dies entspräche einer Steigerung von 1,4 auf 4,2 Kinder pro Frau. Dies wäre also nur noch halb so viel wie der Migrationsforscher Dieter OBERNDÖRFER noch 10 Jahre früher behauptet hatte (Schlauköpfe werden jetzt natürlich sofort einwenden, dass ersterer sich auf das Bevölkerungsniveau, letzterer jedoch auf die Altersstruktur bezieht, aber Verschiebungen im Inhalt gehören eben auch zu den rhetorischen Kniffen).

Mit der Erhebung Geburten in Deutschland vom Herbst 2006, deren Ergebnisse inzwischen häppchenweise veröffentlicht werden, wird diese Debatte nun auf einer sachlicheren Ebene möglich . Hier soll deshalb gefragt werden, wie es so weit kommen konnte. Dies geschieht in einem erstem Anlauf anhand diverser Bevölkerungsvorausberechnungen, die sich auf das Gebiet des wiedervereinigten Deutschland beziehen. Sobald in den letzten Jahren eine alte durch eine neue Bevölkerungsvorausberechnung ersetzt wurde, war sie dem Vergessen anheim gefallen. Es wurde bislang selten gefragt, wie hoch die Treffsicherheit denn eigentlich war. Der Mohr hatte seine Schuldigkeit getan! Ein Gesetz war durchgepeitscht worden. Danach krähte kein Hahn mehr danach. Hier soll deshalb aufgezeigt werden, welche Mythen im Laufe der vergangenen 15 Jahre entstanden sind und wie die Entwicklung tatsächlich verlief.

Mythos: "In Wahrheit ist die Geburtenrate der nächsten Jahrzehnte weitgehend programmiert"

Der letzte Deutsche

"In Wahrheit ist die Geburtenrate der nächsten Jahrzehnte weitgehend programmiert. Weil die Zahl der potenziellen Mütter bereits seit langem sinkt und Ungeborene nun mal keine Nachfahren in die Welt setzen".
(Spiegel v. 05.01.2004)

Auf den ersten Blick klingt das einleuchtend, was der Spiegel hier schreibt. Tatsächlich ist jedoch nicht die GeburtenRATE von den potenziellen Müttern abhängig, sondern die GeburtenZAHLEN sind es. Die GeburtenRATE war zwar in den letzten 30 Jahren recht stabil, aber sie kann sich jederzeit sowohl nach oben als auch nach unten ändern. Nicht nur das Beispiel Frankreich zeigt, dass sich die zusammengesetzte Geburtenziffer (TFR), wie die GeburtenRATE im Wissenschaftsjargon heißt, innerhalb von kürzester Zeit ändern kann, sondern auch die neuen Bundesländer. Sie fiel dort von 1,52 im Jahr 1990 auf 0,99 im Jahr 1991. Der Anstieg um  fast den gleichen Betrag von 0,78 (1994) auf 1,31 (2004) dauerte dagegen ein ganzes Jahrzehnt. In Frankreich stieg die Geburtenrate im gleichen Zeitraum nur von 1,66 (1994) auf 1,9 im Jahr 2004. Beide Beispiele deuten jedoch darauf hin, dass eine Steigerung der Geburtenrate schwieriger ist als die Menschen vom Kinderkriegen abzuhalten. Dies muss offenbar nicht einmal eine tief greifende Krise sein. Die letzten Jahre zeigten immer wieder, dass Jahre mit Bundestagswahlen die Lust aufs Kinderkriegen reduziert haben . Auf dieser Website wurde deshalb bereits seit langem aufgezeigt, dass die Single-Lüge in der Vergangenheit fatal zur Unlust aufs Kinderkriegen beigetragen hat. Im Buch Die Single-Lüge wird dies ausführlich beschrieben . Im weiteren soll zudem gezeigt werden, dass die jungen Frauengenerationen bereits heute mehr Kinder bekommen als dies durch die Geburtenrate (TFR) zurzeit noch angezeigt wird. Ein baldiges Ansteigen ist deshalb wahrscheinlicher als das Gegenteil.

Ziel: "Kein Nachwuchs, keine Rente"

Die Alterslast steigt, weil von den Nach-68ern zu wenig Kinder geboren werden, lautet das Credo der Nationalkonservativen und ihrer Sympathisanten. Die steigende Alterslast steht synonym für die Krise der Sozialversicherung, insbesondere der Renten- und der Pflegeversicherung. Auf den Punkt gebracht hat diese Zielrichtung Susanne GASCHKE in der Zeit vom 14.08.2003 mit der Forderung Kein Nachwuchs, keine Rente . Nicht alle gehen bislang so weit und fordern gleich eine Rente nach Kinderzahl . Doch alle Forderungen gehen in irgendeiner Weise in diese Richtung. Das Bundesverfassungsgericht hat in seinem umstrittenen Pflegeurteil vom April 2001 jedenfalls die Übertragung des Prinzips, dass Kinderlose höhere Beiträge als Eltern zahlen sollten, auch für die Rentenversicherung nahe gelegt.

Es wird hier die These aufgestellt, dass die Bevölkerungsvorausberechnungen seit den 1970er Jahren in steigendem Maße die reibungslose Durchsetzung des Umbaus des Sozialstaats garantiert haben. Um dies zu überprüfen, sollen in dieser Serie insbesondere die 11 koordinierten Bevölkerungsvorausberechnungen (BVB) herangezogen werden, die das Statistische Bundesamt in Koordination mit den Statistikämtern der Länder bislang erstellt hat. In der nachfolgenden Übersicht wurde für die Geburtenhäufigkeit jeweils jene Variante ausgewählt, die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung als diejenige Variante mit der höchsten Eintrittswahrscheinlichkeit bezeichnet wurde. Das macht Sinn, weil es jene Variante ist, mit der zum jeweiligen Zeitpunkt eine Politik des Umbaus des Sozialstaats begründet wurde. Anhand von Titelgeschichten des Spiegels und von Dossiers der Wochenzeitung Die Zeit lässt sich überprüfen, welche Rolle die diversen Bevölkerungsvorausberechnungen in der Öffentlichkeit gespielt haben. Es lässt sich aufzeigen, dass bereits seit den 1980er Jahren die diversen Rentenreformen auch mit Verweis auf die zukünftige Bevölkerungsentwicklung begründet wurden. Es waren nicht immer die hier betrachteten Bevölkerungsvorausberechnungen, die in den Medien publiziert wurden. Aber in diesen Fällen können dann zumindest Vergleiche gezogen werden.

Übersicht: Die 11 koordinierten Bevölkerungsvorausberechnungen im Nachkriegsdeutschland   

BVB 1 2 3
Basisjahr 1965 1967 1969
Zeithorizont 01.01. 2000 01.01.
1990
01.01.
1985
Gebiet früheres Bundesgebiet früheres Bundesgebiet früheres Bundesgebiet
Annahmen zu den Geburten Konstanz wie 1965 Konstanz wie für 1968 erwartet Konstanz wie für 1970 erwartet
Fachveröffent-lichung WiSt H.11/1966   WiSt H.11/1971
Publikation in den Medien      

BVB 4 5 6
Basisjahr 1971 1974 1988
Zeithorizont 01.01.
2000
1990 31.12.
2030
Gebiet früheres Bundesgebiet früheres Bundesgebiet früheres Bundesgebiet
Annahmen zu den Geburten Rückgang um 9 % bis 1975 (Variante 2) 1976/77 Rückgang um 1,5/1 %; danach Konstanz Konstanz wie 1988
Fachveröffent-lichung WiSt H.2/1973    
Publikation in den Medien Spiegel Nr.13 v. 24.03.1975*
 
Zeit-Dossier v. 05. & 12.01.1979*
 

Zeit-Dossier v. 22.02.1985*

Spiegel v. 04.03.1985*

4-teilige Spiegel-Serie v. 23.12.1985 - 13.01.1986*

 

BVB 7 8  
Basisjahr 1989 1992  
Zeithorizont 31.12.
2030
31.12.
2040
 
Gebiet Deutschland Deutschland  
Annahmen zu den Geburten West: Konstanz wie 1989 (TFR 1,4, NRR 0,67
Ost:
Rückgang bis 1992; danach Anstieg bis 1995 auf West-Niveau
West:
Konstanz (TFR 1,4, NRR 0,67
Ost:
Rückgang bis 1995 auf 0,38; danach Anstieg bis 2005 auf West-Niveau
 
Fachveröffent-lichung WiSt H.4/1992 WiSt H.7/1994  
Publikation in den Medien   Spiegel Nr.35 v. 30.08.1999*
 
 
Rentenreform      

BVB 9 10 11
Basisjahr 1997 2001 2005
Zeithorizont 31.12.
2050
31.12.
2050
31.12.
2050
Gebiet Deutschland Deutschland Deutschland
Annahmen zu den Geburten West:
Konstanz (TFR 1,4, NRR 0,67
Ost:
Jahr 1998 (NRR 0,52) Anstieg bis 2005 auf West-Niveau
   
Fachveröffent-lichung WiSt H.1/2001 WiSt H.8/2003  
Publikation in den Medien Vorstellung der Ergebnisse im Juli.2000

Zeit-Dossier v. 10.05.2001
 

Zeit-Serie v. 02.01.-13.02.2003*

 

Vorstellung der Ergebnisse am 06.06.2003
 

Spiegel Nr.2 v. 05.01.2004

Vorstellung der Ergebnisse am 07.11.2006
 
Rentenreform   RV-Nachhaltigkeits-gesetz vom 09.12.2003 (BT-Drucksache 15/2149)  
Abkürzungen: WiSt = Wirtschaft & Statistik
Anmerkungen: * Medienbericht ohne direkten Bezug auf die koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung, aber auf andere Vorausberechnungen

Der Politikwissenschaftler Simon HEGELICH hat in dem Buch Reformkorridore des deutschen Rentensystems die Rentenreformen von 1957 bis 2004 in 3 Phasen unterteilt:

  1957 -1972 1973 -1988 1989 - heute
Reformphase Ausbau des Rentensystems Anpassung des Rentensystems Umstrukturierung des Rentensystems
Reformprojekte (Auswahl) 1957:
Einführung der dynamischen Umlagefinanzierung
1973:
Beschränkung des Zuverdienstes
1977:
Aufschiebung der Anpassung
1983:
Rückkehrförderung für Gastarbeiter  
Seit 1990:
Integration der neuen Länder
1992:
Einführung der Nettoanpassung; Anhebung der Altersgrenze; Abschläge
1999:
Demografischer Faktor
2001:
Ausbau der 2. und 3. Säule
2004:
Nachhaltigkeitsfaktor

In allen drei Phasen spielte der demographische Wandel eine Rolle. Die 1950er Jahre werden hier jedoch ausgeblendet, weil es vor der Studentenbewegung keine breite öffentliche politische Debatte gab.

In ihrem aufschlussreichen Buch Die Transformation der Sozialpolitik schreiben Frank NULLMEIER und Friedbert W. RÜB über die demographischen Debatten:

Die Transformation der Sozialpolitik

"Demographische »Bedrohungen« haben die Rentenpolitik immer begleitet. Prognostizierte »Rentenberge« spielten sowohl bei der Reform 1957 eine Rolle wie auch Mitte der 60er Jahre. Später argumentierten die Kritiker der Reformen von 1972 mit der Vernachlässigung eines Rentenberges Mitte/Ende der 70er Jahre, der zum Reformzeitpunkt absehbar gewesen wäre. Bereits seit 1977/78 wurde die Folgen des Geburtenrückgangs als Rentenberg nach dem Jahr 2010 für restriktive Eingriffe in die Gesetzliche Rentenversicherung angeführt. Steigende Alterslasten und selbst die Warnung vor dem »Aussterben der Deutschen« waren und sind keine Rezessionsthemen. Die Thematisierung der demographischen Entwicklung verstärkte sich vielmehr im langen Aufschwung der 80er Jahre."
(1993, S.362)

NULLMEIER & RÜB datieren die Enttabuisierung der Bevölkerungspolitik im Zusammenhang mit der Rentenpolitik auf die 1970er Jahre. In der öffentlichen Debatte nach der Jahrtausendwende wurde dieser Tatbestand fast völlig ausgeblendet.

Die Transformation der Sozialpolitik

"Sieht man vom populären »Pillenknick« ab, dann zeichneten sich seit 1972 nennenswerte Diskussionen über die Vermeidbarkeit von Geburten- und Bevölkerungsrückgang bzw. Maßnahmen einer - bis dato tabuisierten - Bevölkerungspolitik zur Steigerung der Geburtenrate ab. Den Auftakt bildete im Herbst 1972 eine Tagung der Katholischen Akademie in Regensburg mit dem Thema »Vom Geburtenrückgang zum Geburtendefizit« Der Tagungsbericht (Gründel [Hg.]1973) erschien unter jenem Titel, der als emotionsbesetzter und wertgeladener Topoi die gesamte Debatte um Bevölkerungsentwicklung und -politik dominierte: »Sterbendes Volk?«. Im folgenden Jahr wurde ein Symposium der katholischen Akademie Schwerte unter dem Titel »Bevölkerungsbewegung zwischen Quantität und Qualität - Voraussetzungen einer verantwortbaren Bevölkerungspolitik in der Bundesrepublik« nicht zuletzt wegen ihrer Problematik als geschlossene wissenschaftliche Arbeitstagung abgehalten [mehr]. Die Öffentlichkeit dagegen wurde durch mediale Ereignisse wie die Sendung des ZDF vom 24.11.1972 »Sterben die Deutschen aus?«, den gleichnamigen Spiegel-Titel des Heftes 13/1975 [mehr] und die ebenfalls gleichnamige Sendung der ARD am 20.4.1978 auf das Thema Bevölkerungsentwicklung in dramatisierter Form aufmerksam gemacht.
(...).
Mit der Verstärkung der öffentlichen Thematisierung und den neuen Initiativen auf Länder- und Bundesebene kam es schließlich 1977/78 zu einer explosiven Ausbreitung der demographischen Diskussion (für die parteipolitische Ebene: Dettling[Hg.] 1978) und zu Ansätzen einer bevölkerungspolitischen Wendung (Vorläufer: Wingen 1975). Die Katastrophenrhetorik setzte sich in Titeln wie »Keine Kinder - keine Zukunft?« (Franke/Jürgens [Hg.] 1978). Nunmehr wurde jedoch deutlicher als bisher auf die Politik verwiesen: Sie sei es, die die Zukunftschancen der Nation und des Volkes durch eine höhere Geburtenrate zu sichern habe. Bevölkerungspolitik und/oder Familienpolitik galten als neue Policies, die gegenüber der bisherigen Sozialpolitik zu stärken seien."
Die bevölkerungspolitische Wende der demographischen Diskussion erreichte das Parlament. Der Druck der Unionsparteien führte bei der sozialliberalen Koalition zu einer langsamen Akzeptanz gemäßigt bevölkerungspolitischer Zielsetzungen: Mit der Regierungserklärung von Helmut Schmidt vom 16.12.1976, die noch stark vom Rentendebakel der Vortage gekennzeichnet war, richtete sich die Aufmerksamkeit der Bundesregierung bereits auf »Schwankungen im Bevölkerungsaufbau«." (1993, S.363f.)

Seit Ende der 1970er Jahren geht es nicht mehr um die Enttabuisierung der Bevölkerungspolitik, sondern um die Durchsetzung von Bevölkerungspolitiken in den unterschiedlichen Politikbereichen. Mit der Gründung des Bundesinstituts für Bevölkerungswissenschaft im Jahr 1973 hat die Institutionalisierung der Bevölkerungspolitik einen sichtbaren Ausdruck gefunden .

NULLMEIER & RÜB datieren den entscheidenden Umbruch in der Rentenpolitikdebatte auf das Jahr 1978:

Die Transformation der Sozialpolitik

"Eine Zuspitzung erfuhr die Debatte durch eine Kehrtwende bei der Ursachenanalyse: Die Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur galten im korporatistischen Nez der Rentenpolitik bis dahin als externe Größe, auf die die GRV weder Einfluß hatte noch bekommen konnte. Dies legte eine reaktive Politik nahe, die bestenfalls die jeweils erforderlichen Anpassungsreaktionen vornahm. Dagegen entfaltete sich eine demographische Argumentation, die den Geburtenrückgang auch als Folge der institutionellen Ausgestaltung der GRV verstand. Die Bevölkerungsentwicklung stellte sich der GRV danach als selbsterzeugtes Problem dar. Eine Rentenpolitik, die den Geburtenrückgang mitverursacht, wäre zumindest unbewußt Bevölkerungspolitik. Der Einbau explizit bevölkerungspolitischer Elemente ist dann nur Explikation einer immer schon wirkenden Kausalität. Indem die GRV für den Geburtenrückgang kausal verantwortlich gemacht wird, verschlechtern sich argumentationsstrategisch die Möglichkeiten, Bevölkerungspolitik mit den Mitteln der Rentenversicherung zurückzuweisen. Die Betrachtung der Bevölkerungsentwicklung als externe Größe  vermag den politischen Kurs einer Anpassung der Rentenversicherung bei durchgehaltenen Grundprinzipien zu stützen, während eine Theorie der GRV als Verursacherin des Geburtenrückgangs dazu führt, die bisherige institutionelle Form der GRV in frage zu stellen und Umbauten zu fordern.
Diese (...) Argumentationsrichtung trat erst in den späten 70er Jahren in politisch bedeutsamem Umfang auf."
(1993, S.367f.)

NULLMEIER & RÜB haben damit jene theoretische Unterfütterung auf den Punkt gebracht, die bei Simon HEGELICH, wie weiter oben dargelegt, zur Unterscheidung zwischen Anpassungs- und Umstrukturierungsphase in der Rentenpolitik führt. Im Beitrag Der subsidiäre Sozialstaat aus dem Jahr 2004 hat single-generation.de diesen Aspekt ausführlicher dargestellt . Die Individualisierungsthese von Ulrich BECK, die Lutz LEISERING seit Mitte der 1980er Jahre speziell im Hinblick auf die  Sozialstaatsproblematik konkretisiert hat , kann als eine von drei Lösungsversuchen für die Umstrukturierungsphase gesehen werden .

Sozialstaat und demographischer Wandel

"Ab Mitte der 70er Jahre bildete sich in der politischen Öffentlichkeit der Bundesrepublik Deutschland ein Bewußtsein aus, daß ein radikaler Bruch in der Entwicklung der Bevölkerung eingetreten war. Der (...) Geburtenrückgang hatte sich nicht auf einem niedrigen Niveau eingependelt wie allgemein angenommen, sondern ging ab 1967 in einen weiteren Absturz über. Zu Beginn der 80er Jahre begannen die Folgen aktueller und für die nächsten Jahrzehnte abzusehender Bevölkerungsveränderungen für Staat und Gesellschaft Besorgnis auszulösen. Der Bevölkerungsbericht der Bundesregierung, dessen erster Teil (1980) die demographische Entwicklung und dessen zweiter Teil (1984) die gesellschaftlichen und politischen Folgen analysierte, spiegelt die Stufen öffentlicher Problemwahrnehmung wider. Ängste vor einer Überalterung der Gesellschaft und einer fiskalischen Überlastung von Rentenversicherung und Gesundheitswesen zirkulierten in den 80er Jahren (...).
Naturgemäß hat sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, aber auch der politischen Planung und der Wissenschaft primär an handgreiflichen Problemen einzelner sozialer Sicherungssysteme und einzelner Bevölkerungsgruppen (Alte bzw. Junge) festgemacht. Auf dieser Basis wurden Vorschläge institutionentechnischer Adjustierungen vorgelegt (besonders im Fall der gesetzlichen Rentenversicherung), mit denen man glaubte, der Probleme Herr zu werden. Demgegenüber soll in dieser Studie die These vertreten werden, daß die aktuelle diskutierten Probleme grundsätzlicherer Art sind und nur durch eine Sicht auf den Gesamtzusammenhang aller relevanten Institutionen und Bevölkerungsgruppen verstanden erden können. Eine solche Perspektive soll hier erstmals theoretisch und empirisch ausgearbeitet werden."
(1992, S.1f.)

 
     
 
       
   

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Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 14. Januar 2008
Update: 19. März 2017