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Kritik

 
       
   

Susanne Gaschke: Wo sind die Kinder?
Generationenvertrag. Im Land der Egoisten: Kein Nachwuchs, keine Rente,
in: Die ZEIT Nr. 34 vom 14.08.2003

 
       
     
       
   
     
 

Bestandsschutz für die 68er-Generation und hohe Sonderbeiträge für Kinderlose und die nachfolgenden Generationen? Nein!

Die überregionalen Tagesszeitungen heizen mit Beiträgen zur "demographischen Zeitbombe" die Stimmung im Vorfeld der Rentenreform auf. Mit Wie viele Kinder hast du? wird in der Süddeutschen Zeitung der Krieg gegen Kinderlose auf die Agenda gesetzt . Die Staffelung der Rente nach Kinderzahl (Hans-Werner Sinn ), bei der die bislang politisch unorganisierte Minderheit der lebenslang Kinderlosen - unabhängig von ihrer sozialen Lage - die Hauptlast der Reform tragen soll, setzt hierbei einen Eckpunkt der Debatte um einen Sonderbeitrag der Kinderlosen zur nachhaltigen Sicherung der Altersversorgung.

Susanne Gaschke und ihre Vorstellung von Generationengerechtigkeit

Mit Wo sind die Kinder? möchte Susanne GASCHKE, in einem Leitartikel der ZEIT (14.08.), der Generationengerechtigkeit zum Durchbruch verhelfen. Ihr Maßstab ist die "bevölkerungspolitisch korrekte Vermehrung" der Generationen:

Wo sind die Kinder?

"Alle Deutschen, die 60 Jahre und älter sind - von der Generation der Achtundsechziger aufwärts -, haben beide Verpflichtungen eingehalten: Sie haben für die Eltern die Rente gezahlt, und sie haben sich bevölkerungspolitisch korrekt vermehrt." [mehr]
(Susanne GASCHKE in der ZEIT vom 14.08.2003)

Dazu präsentiert sie auch eine Statistik, die dies beweisen soll:

Wo sind die Kinder?

"1964 brachte eine Frau, statistisch gesehen, 2,54 Kinder zur Welt. Die Nettoreproduktionsrate lag bei 1,18 - das heißt, dass diese Eltern durch ihre Kinder mehr als ersetzt wurden." [mehr]
(Susanne GASCHKE in der ZEIT vom 14.08.2003)

Was plausibel erscheint, das ist es nicht!

GASCHKE belegt damit jedoch nicht, was sie beweisen möchte. Sie argumentiert mit der Gesamtfruchtbarkeitsziffer (TFR) und der Nettoreproduktionsziffer. Beide Zahlen sagen jedoch nichts über die Zugehörigkeit zu einer Generation aus. Hierzu wird die durchschnittliche Kinderzahl (CFR) eines Mütterjahrgangs benötigt. Die Gesamtfruchtbarkeitsziffer wird aus allen gebärfähigen Altersgruppen des Jahres 1964 errechnet. Zum damaligen Babyboom haben aber junge und ältere Mütter in unterschiedlichem Ausmaß beigetragen.  Das Buch Bevölkerungsgeschichte Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert von Peter MARSCHALCK aus dem Jahre 1984 klärt darüber auf:

Bevölkerungsgeschichte Deutschlands

"Die um 1955 beginnende neue Phase in der Fruchtbarkeitsentwicklung der Bundesrepublik ist durch einen Anstieg der Gesamtfruchtbarkeit (von 2,13 auf 2,54 im Jahre 1964) und eine Verkürzung des Generationenabstandes um weitere zwei Jahre gekennzeichnet. Ihr wesentliches Merkmal dürfte aber eine Fruchtbarkeitswelle sein, die deutliche Vermehrung der Zahl der Geburten für die Jahrgänge 1926 - 1933 und der ebenso deutliche Rückgang der Fruchtbarkeit der Jahrgänge 1934 - 1941." (1984, S.95)

Die 70- bis 77-Jährigen waren also die letzten Jahrgänge, die ihren
"bevölkerungspolitisch korrekten" Beitrag geleistet haben. Ansonsten gilt, dass ab 1900 fast immer die Kinderzahl einer Generation unterhalb des Bestandserhaltungsniveau lag
.

Die Gnade des günstigen Altersaufbau

Nur einem günstigen Altersaufbau war es nach MARSCHALCK zu verdanken, dass nicht bereits nach der vorletzten Jahrhundertwende ein Geburtenrückgang zu verzeichnen war:

Bevölkerungsgeschichte Deutschlands

"Bei einem anderen Altersaufbau (...) wäre es (...) mindestens seit Beginn der 1920er Jahre, sehr wahrscheinlich aber auch schon während des ersten Weltkriegs - früh zu Sterbeüberschüssen gekommen. (...). Mit anderen Worten,   die langfristige Bestandserhaltung der deutschen Bevölkerung aus natürlicher Reproduktion (ohne Zuwanderung) war schon seit dem Ersten Weltkrieg nicht mehr gewährleistet; das reale Wachstum war das Ergebnis sehr geringer Fruchtbarkeit bei einer für die Reproduktion außerordentlich günstigen Altersstruktur". (S.69)

Bereits 1978 wies der Soziologe Erwin K. SCHEUCH darauf hin, dass die Altersstruktur - jenseits eines Wandels des individuellen Zeugungsverhaltens - einen langfristigen Einfluss auf die Bevölkerungsentwicklung hat.

Kein "Pillenknick"

"Als Folge zweier Weltkriege und der Weltwirtschaftskrise war in Deutschland der Altersaufbau der Bevölkerung im 20. Jahrhundert schon immer gestört. So wurden auch nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst wenig Kinder geboren - vor allem weil den Frauen im Alter der höchsten Geburtenzahlen der Partner fehlte. Diese Nichtgeborenen fallen dann 20 bis 25 Jahre später als mögliche Eltern aus. Damit müssen die Geburtenzahlen dann auch schwanken, wenn sich das Zeugungsverhalten nicht ändert. Diese Einflüsse auf die Geburtenraten werden durch Ziffern, welche die Zahl der Lebendgeborenen in Bezug setzt zur Gesamtbevölkerung eines Landes, nicht deutlich." [mehr] (1978, S.45)

Den heutigen Generationen droht im Gegensatz zu früheren Generationen das Erbe einer ungünstigen Altersstruktur. Das Bestandserhaltungsargument, mit dem GASCHKE argumentiert, erledigt sich dagegen in den nächsten Jahren - aufgrund des Aussterbens der sich bevölkerungspolitisch korrekt vermehrenden Rentner - von selbst.

Das Märchen vom drastischen Fruchtbarkeitsrückgang bei jungen Frauen

Die jungen Frauen sind jedoch gar nicht so gebärfaul wie das die deutschen Statistiker und Demografen behaupten. Kürzlich machte Detlef GÜRTLER auf den Skandal aufmerksam, dass die deutsche Geburtenrate - aus politischen Gründen - zu niedrig ausgewiesen wird. GÜRTLER hinterfragt kritisch diese Praxis der deutschen Statistiker:

Gerontokratie? Nichts da! Bald kommt der Babyboom

"Das Statistische Bundesamt (...) hat zwar diverse unterschiedliche Wanderungs- und Lebenserwartungsszenarien beschrieben, die Geburtenrate aber konstant bei 1,4 belassen. Warum? Unter anderem um »den Handlungsdruck auf die Politik aufrechtzuerhalten«, wie einer der Beteiligten ebenso freimütig wie anonym zugab." [mehr]
(Welt vom 19.08.2003)

Der renommierte Demograf John BONGAARTS (Population and Development Review, September 2002) hat für mehrere Länder einen "Tempoeffekt" nachgewiesen.  Durch den rasanten Anstieg von Spätgebärenden ist die Gesamtfruchtbarkeitsziffer kein brauchbarer Indikator für die Kinderzahl von Frauen .

Die Ausrichtung der deutschen Statistik auf die lebenslange Ehe verhindert einfache internationale Vergleiche

Für Deutschland konnte BONGAARTS aufgrund der Ausrichtung der deutschen Statistik auf die lebenslange Ehe (ledige und geschiedene Mütter durften in der politisch korrekten Statistik lange nicht vorkommen! Erstmals 1982 forderte Charlotte HÖHN eine Konzepterweiterung ) keine Zahlen für einen europäischen Vergleich liefern.  GÜRTLER hat nun erste Zahlen für die Bonner Republik geliefert, die jedoch die Kinderlosigkeit gleichfalls noch zu hoch ansetzen.

Die Fakten zeigen, dass der Vorwurf der Gebärfaulheit nicht im behaupteten Maße zutrifft

Fakt ist: Die jungen Frauen tragen - im Vergleich zu früheren Generationen - wesentlich mehr zum Bestandserhalt bei. Da die deutsche Statistik keine verlässliche Daten liefern kann, sind die Vorwürfe an die Adresse der Jungen zu aller erst nicht belegbare Unterstellungen in einem heftigen Verteilungskampf. Weder das Bestandserhaltungsargument, noch die Forderung nach Generationengerechtigkeit können hohe Sonderbeiträge von Kinderlosen und der jungen Generation rechtfertigen.

Die Internationalisierung der Debatte um den demografischen Wandel

Das Problem des Geburtenrückgangs Ende der 1960er Jahre ist kein deutsches Phänomen, sondern betrifft in ähnlicher Weise alle westlichen Industrieländer. Von daher kann es kaum verwundern, dass GASCHKEs Vorwurf auch in Österreich aufgegriffen worden ist. Dort hat die Ministerin Elisabeth GEHRER mit Verweis auf Susanne GASCHKE dieselben Vorwürfe erhoben:

"Eine Neidhammel-Diskussion"

Gehrer: »Kinder sind die beste Zukunftssicherung, darüber muss man reden.« Deshalb plädiert die Ministerin für den Beginn einer Wertediskussion. »Was macht das Leben lebenswert? Etwa wenn man von Party zu Party rauscht, ist es das Single-Leben?«
(...).
Tatsache ist für Gehrer jedenfalls, dass es den heute 30-Jährigen nichts nützt, wenn die gegenwärtigen Pensionisten mit einer Strafsteuer belegt werden. Das helfe ihnen in drei oder vier Jahrzehnten, wenn sie dann selbst in den Ruhestand treten, wenig. Das Resümee der Unterrichtsministerin: »Die Wahrheit ist: Die Zukunft ist gesichert, wenn ein Land Kinder hat.«"
[mehr]
(Die Presse vom 23.08.2003)

Auch in Österreich wurde GEHRER vorwiegend mit den falschen Argumenten widersprochen. Einzig der österreichische Sozialforscher Bernd MARIN wies darauf hin, dass die junge Generation nicht so gebärfaul ist wie das in den Medien behauptet wird:

Die Leiden der jungen Werte

"Die heutige Generation der unter 40-Jährigen erfüllt ihr Plansoll bei der Reproduktion genauso viel oder so wenig wie ihre Eltern und Großeltern". [mehr]
(Profil vom 01.09.2003)

Das Schweigekartell von Wissenschaft, Politik und Medien

Offenbar existiert sowohl in Deutschland als auch in Österreich ein Schweigekartell von Wissenschaft, Politik und Medien. Aufgrund der bevorstehenden Reformen sollen die jetzigen Rentnergenerationen - aus vorgeschobenen verfassungsrechtlichen Gründen - geschont werden. GASCHKE hat nun versucht diesen Bestandsschutz auch mit demografischen Fakten zu begründen. Dies mag zwar politisch korrekt sein, aber den Tatsachen der Geburtenentwicklung wird dies nicht gerecht. Dass GASCHKEs Beitrag in Deutschland unwidersprochen bleibt - obwohl Zeitungsmachern bekannt ist, dass GASCHKE unredlich argumentiert, ist ein Armutszeugnis für die Debattenkultur dieses Landes. Investigativer Journalismus? Fehlanzeige!

Fazit: Die jungen Generationen lassen sich von der politischen Klasse artig über den Tisch ziehen

Solange die jungen Generationen unhinterfragt dem sozialpopulistischen Gerede über den demografischen Wandel Glauben schenken, werden sie von den älteren Generationen - ganz eigennützig - über den Tisch gezogen. Herwig BIRG gibt sogar ganz unverblümt zu, dass die Demografiepolitik auch mit unredlichen Prognosen durchgesetzt werden soll:

Sterben die Deutschen aus?

"man (müsste) ein 'Bevölkerungsbewusstsein' schaffen, so wie in den siebziger Jahren das Umweltbewusstsein mit viel Aufklärung, aber auch mit schierer Propaganda erzeugt worden ist." [mehr]
(Spiegel Online v. 26.01.2001)

Kommentare zur Replik

Detlef Gürtler (Autor von "Vorbild Deutschland"):

Eine kleine Richtigstellung zu Ihrer ansonsten großartigen Replik auf
Gaschkes Zeit-Pamphlet:

Gaschke behauptet, die Grenze für die Erfüllung des Generationenvertrages liege bei den 60jährigen. Sie sagen, die Grenze liege bei den 70jährigen. Die Wahrheit liegt, wie meistens, in der Mitte - bei den 65jährigen. Je nachdem, wie hoch man das Reproduktionsniveau ansetzt, war der letzte es erreichende Jahrgang der Geburtsjahrgang 1937 oder 1938. Die altersspezifischen Geburtenziffern für die fraglichen Jahrgänge sind wie folgt (Zahlen wie üblich für das frühere Bundesgebiet):

Jahrgang                Kinder pro Frau
1933                             2,22
1934                             2,24
1935                             2,17
1936                             2,14
1937                             2,11
1938                             2,07
1939                             2,02
1940                             1,97
1941                             1,90
1942                             1,85
1943                             1,81

In den zehn Jahrgängen von 1934 bis 1943 ist der Rückgang der Geburtenrate als etwa doppelt so hoch wie in den zwanzig folgenden Jahrgängen! Die 68er sind also in jedem Fall Teil des Problems, nicht der Lösung.

Anmerkung von single-generation.de: Auf single-generation.de werden die Jahrgänge 1937 - 1947 zur 68er-Generation zusammengefasst . In der Literatur gibt es dazu abweichende Altersgruppenbestimmungen. Jutta Stich hat in ihrer Untersuchung Die Alleinleben - Chance oder Defizit nur die Jahrgänge 1943 - 1947 zu den 68ern gezählt. Heinz Bude ("Das Altern einer Generation") zählt dagegen die Jahrgänge 1938 - 1948  zu den 68ern.

Die Single-Lüge - Das Buch zur Debatte

"Dies ist die erste grundlegende Auseinandersetzung mit dem nationalkonservativen Argumentationsmuster, das zunehmend die Debatte um den demografischen Wandel bestimmt. Hauptvertreter dieser Strömung sind Herwig Birg, Meinhard Miegel, Jürgen Borchert und Hans-Werner Sinn. Die Spannbreite der Sympathisanten reicht von Frank Schirrmacher bis zu Susanne Gaschke. Als wichtigster Wegbereiter dieses neuen Familienfundamentalismus muss der Soziologe Ulrich Beck angesehen werden.
          
 Es wird aufgezeigt, dass sich die nationalkonservative Kritik keineswegs nur gegen Singles im engeren Sinne richtet, sondern auch gegen Eltern, die nicht dem klassischen Familienverständnis entsprechen.
          
 Die Rede von der "Single-Gesellschaft" rechtfertigt gegenwärtig eine Demografiepolitik, die zukünftig weite Teile der Bevölkerung wesentlich schlechter stellen wird. In zahlreichen Beiträgen, die zumeist erstmals im Internet veröffentlicht wurden, entlarvt der Soziologe Bernd Kittlaus gängige Vorstellungen über Singles als dreiste Lügen. Das Buch leistet damit wichtige Argumentationshilfen im neuen Verteilungskampf Alt gegen Jung, Kinderreiche gegen Kinderarme und Modernisierungsgewinner gegen Modernisierungsverlierer."

 
     
 
       
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 08. September 2003
Stand: 27. Januar 2017