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Sommerthema mit kommentierter Bibliografie

 
       
   

Die Wahlkampfberichterstattung in der deutschsprachigen Presse

 
       
   

Wie im Vorfeld der französischen Präsidentschaftswahlen (23.04. und 07.05.) und der Wahlen zur Nationalversammlung (11. und 18. Juni) unser Bild von Frankreich durch die Medien geprägt wurde (Teil 1)

 
       
   

Die Themen des Beitrags

Einführung
Die deutsche Presse berichtete spärlich über das französische Wahlsystem, teils sogar falsch
Marseille - Hochburg des Front National oder von France Insoumise?
Der Norden und der Osten als Hochburgen des Front National und der Niedergang der Kohle- und Stahlindustrie
Das periurbane und periphere Frankreich als Hochburg des Front National

Wie wahrscheinlich ist es, dass France Insoumise einen Fraktionsstatus in der Nationalversammlung erhält?
Die Ausgangssituation von Republique en Marche vor dem zweiten Wahlgang zur Nationalversammlung
Die 573 Duelle des zweiten Wahlgangs im Überblick
Die Prognosen für den 2. Wahlgangs der Wahlen zur Nationalversammlung
Die Ergebnisse des 2. Wahlgangs der Wahlen zur Nationalversammlung
Bibliografie:
Die Medienberichte März - Juni 2017

Übersichten
Übersicht 1: Linke und rechte Parteien in der Nationalversammlung
Übersicht 2: Die Kandidaten in den 7 Wahlkreisen von Marseille
Übersicht 3: Hier regiert die extreme Rechte seit der Kommunalwahl 2014 in den Kommunen
Übersicht 4: Die 67 Wahlkreise der Kandidaten des 2. Wahlgangs von La France Insoumise
Übersicht 5: Die 12 Wahlkreise der Kandidaten des 2. Wahlgangs der Kommunistischen Partei
Übersicht 6: Wahlkreise, die im ersten Wahlgang gewonnen wurden
Übersicht 7: Die Duelle des zweiten Wahlgangs auf einen Blick
Übersicht 8: Prognosen zur Sitzverteilung in der Nationalversammlung nach dem 1. Wahlgang
Übersicht 9: Politiker, die im 1. Wahlgang ausgeschieden sind oder gefährdet erscheinen
Übersicht 10: Der Ausgang der Duelle von REM/MDM im Überblick
Übersicht 11: Der Ausgang der Duelle von FI/COM im Überblick
Übersicht 12: Der Ausgang der Duelle der Sozialisten im Überblick
Übersicht 13: Die
Sitzverteilung in der Nationalversammlung 2012/2017
Übersicht 14: Alle 577 Wahlkreise bei den Wahlen zur Nationalversammlung im Überblick

 
       
   
     
 

Einführung

Nach dem Brexit in Großbritannien und dem Wahlsieg von Donald TRUMP war die Stimmung vor den Wahlen in Frankreich aufgeheizt und die Wahlen wurden in Deutschland zur Entscheidung über die Zukunft Europas stilisiert. Zum Feindbild der deutschen Presse ist deshalb der Rechtspopulismus des Front National (Abkürzung FN) unter Marine Le PEN und der Linkspopulismus von Jean-Luc MÉLENCHON (France Insoumise, Abkürzung: FI) geworden. Viele Frankreichberichte drehten sich deshalb im Vorfeld der Wahlen um die so genannten Hochburgen dieser beiden Parteien.

Daneben wurde ein Personenkult um den von den Mainstreammedien bevorzugten Kandidaten Emmanuel MACRON betrieben, dessen pro-europäische Haltung als herausragendes Merkmal galt. Die Zeitungen der neuen Mitte sorgten sich insbesondere um den Niedergang der bislang regierenden Sozialisten, denen die Führerschaft innerhalb der zerstrittenen Linken - trotz deren desaströsen Politik der Vergangenheit - zugedacht wurde. Auch unter diesem Aspekt eignete sich Jean-Luc MÉLENCHON als Feindbild par excellence. Ansonsten wurde die "Republikanische Front" gegen den FN beschworen.

Die deutsche Presse berichtete spärlich über das französische Wahlsystem, teils sogar falsch

Die Wahlberichterstattung der deutschen Medien war also in erster Linie von deutschen Motiven geprägt, während die französische Sicht unterbelichtet blieb. Es wurden kaum Fakten zum französischen Wahlsystem geliefert, und wenn, dann waren sie irreführend. Dies betrifft vor allem die Wahlen zur Nationalversammlung, in denen die landesweiten Ergebnisse der einzelnen Parteien im ersten Wahlgang im Vordergrund standen, während in Wirklichkeit die Stimmen in den einzelnen Wahlkreisen entscheidend sind. Nicht nur in der taz vom 7. Juni hieß es z.B.:

"Die Franzosen wählen in 577 Wahlkreisen jeweils einen Abgeordneten in die Nationalversammlung. Es gibt zwei Runden: Erhält im ersten Wahlgang am kommenden Sonntag keiner der Kandidaten mehr als 50 Prozent, entscheidet eine Stichwahl eine Woche später. Daran können alle Kandidaten teilnehmen, für die im ersten Wahlgang mindestens 12,5 Prozent ihres Wahlkreises gestimmt haben."

Dies ist jedoch falsch. In der SZ stellt es dann Christian WERNICKE am 13. Juni richtig dar:

"In nur vier der 577 Wahlkreise gelang am Sonntag einem Kandidaten der direkte Sieg. Er gewann die absolute Mehrheit und zugleich die Stimmen von mehr als 25 Prozent der Wahlberechtigten. Hart sind auch die Bedingungen für den zweiten Wahlgang: Qualifiziert sind stets die beiden Erstplatzierten der ersten Runde. Theoretisch könnte es auch Drei- oder Viererkämpfe geben - wenn diese Kandidaten im ersten Durchgang mehr Stimmen holen als es 12,5 Prozent der Wahlberechtigten entspricht. Da aber rund 51 Prozent der Franzosen diesmal nicht zur Wahl gingen, gibt es am 18. Juni nur eine einzige solche »Triangulaire«.

Wer sich ausführlicher mit den Ergebnissen auseinandersetzen möchte, der wird von der deutschen Presse im Stich gelassen, und ist stattdessen auf die französische Website des Innenministeriums angewiesen. Diese ist nicht besonders benutzerfreundlich, wenn man sich einen Überblick zu den einzelnen Kandidaten und Parteien sowie den Wahlkreisen verschaffen will. Auch die deutschen Medien tragen zur Verwirrung bei, weil sie für die Parteien andere Abkürzungen als die Website benutzen. Erschwerend kommt hinzu, dass die einzelnen Kandidaten nicht nur für eine Partei stehen müssen, sondern auch für Gruppierungen stehen können. Für den ersten Wahlgang werden auf der Website die Stimmen für 17 Gruppierungen bzw. Parteien aufgelistet.

Das Deutsch-Französische-Institut (beste deutschsprachige Quelle zu den Wahlen) zählt 4 linke Parteien, die bereits in der Nationalversammlung vertreten sind, und France Insoumise auf, und nennt deren Kandidatenanzahl beim ersten Wahlgang. Die folgende Übersicht zeigt die wichtigsten linken Parteien:

Linke Parteien Abgeordnetenzahl
2012
Kandidatenanzahl
1. Wahlgang
Vereinbarungen
mit anderen Parteien
La France Insoumise (FI) - 556 Keine gemeinsame
Kandidatenliste von
FI und PCF
Parti Communiste Français (PCF; COM) 7 461

Parti Socialiste (PS; SOC)

280 414 Vereinbarungen mit
EELV und PRG
Europe Écologie-Les Verts (ECO; EELV) 17 458 Vereinbarung mit PS

Parti radical de Gauche (PRG)

12 62 Vereinbarung mit PS;
steht REM nahe

Für die rechten Parteien liefert das Deutsch-Französische-Institut ebenfalls Fakten, die aus der folgenden Übersicht ersichtlich sind:

Rechte Parteien Abgeordnetenzahl
2012
Kandidatenanzahl
1. Wahlgang
Vereinbarungen
mit anderen Parteien
Les Républicains (LR) 199 480 Vereinbarung mit UDI

Union des démocrates et indépendants (UDI)

28 148 Vereinbarung mit LR

Debout la France (DLF)

1 388 Keine gemeinsame
Kandidatenliste von
DLF und FN
Front National (FN) 1 571

Rassemblement bleu Marine (FN)

2

Auf rtl.fr ist nachzulesen, dass von den 526 Kandidaten von Republique en Marche (REM) und den Verbündeten von Mouvement démocrate (Abkürzungen: MDM bzw. MoDem) im ersten Wahlgang nur 19 Kandidaten ausgeschieden sind.

Marseille - Hochburg des Front National oder von France Insoumise?

Im umkämpften Département Bouches-du-Rhône mit der Großstadt Marseille gibt es 16 Wahlkreise. Im  4. Wahlkreis des Départements Bouches-du-Rhône musste Jean-Luc MÉLENCHON (FI) gegen 19 Kandidaten antreten. Folgende Kandidaten waren dort aufgestellt:

1 - M. Jean KERGOMARD (DVG)
2 - Mme Jeanne MARTI (Front National; FN)
3 - M. Jean-Victor SHILLING-FORD (DIV)
4 - M. Ferdinand RICHARD (DVG)
5 - Mme Martine CARPENTIER (EXD)
6 - Mme Nora AKHAZZANE (DIV)
7 - M. Cyril BRET (DIV)
8 - Mme Corinne VERSINI (République en Marche; REM)
9 - M. Léo Hassan TAHIRI (DIV)
10 - Mme Lydie GANDON (ECO)
11 - M. Jean-Luc MÉLENCHON (France Insoumise; FI)
12 - M. Mohamed NAÏLI DIV
13 - M. Gabriel DUPLAIX DLF
14 - Mme Selma BOUDOUAYA DVD
15 - Mme Julie BOUHET-MASSIANI REG
16 - Mme Solange BIAGGI (Les Républicains; LR)
17 - Mme Isabelle BONNET EXG
18 - M. Halidi ABOUBACAR DVG
19 - M. Patrick MENNUCCI (Parti socialiste; SOC)
20 - Mme Zita ETOUNDI DIV

In der Presse berichteten z.B. Nadia PANTEL (SZ 05.05.), Helene BUBROWSKI (FAZ 03.06.) und Thomas HANKE (Handelsblatt Online v. 05.06.) über die Situation in Marseille. Die Stadt Marseille ist in folgende 7 Wahlkreise (Nr. 1-7) mit 16 Arrondissements (Arr.) aufgeteilt:

Übersicht: Die Kandidaten in den 7 Wahlkreisen von Marseille
Wahlkreis Gewinner
2012
Stadtgebiet von Marseille Kandidaten im 2. Wahlgang
(Sieger; Zweitplatzierter)
1 Valérie
BOYER

(LR)
11. und Teile des 10. und 12. Arr. Pascal CHAMASSIAN (REM);
Valérie BOYER (LR)
2 Dominique
TIAN
(LR)
7. und 8. Arr. Claire PITOLLAT (REM);
Dominique TIAN (LR)
3 Sylvie
ANDRIEUX

(SOC)
13. und Teile des 12., und 14. Arr. Stéphane RAVIER (FN);
Alexandra LOUIS (REM)
4 Patrick
MENNUCCI

(SOC)
1., 2., 3. und Teile des 5. und 6. Arr. Jean-Luc MÉLENCHON (FI);
Corinne VERSINI (REM)
5 Marie-Arlette
CARLOTTI

(SOC)
4. und Teile des 5. und 6. Arr. Cathy RACON-BOUZON (REM);
Hendrik DAVI (FI)
6 Guy
TEISSIER

(LR)
9. und Teile des 10. Arr. Eléonore LEPRETTRE (MDM);
Guy TEISSIER (LR)
7 Henri
JIBRAYEL

(SOC)
15. und 16. sowie Teile des 14. Arr. Sophie GRECH (FN);
Saïd AHAMADA (REM)
 

Den ersten Wahlgang haben nur 2 Kandidaten von France Insoumise überstanden, wobei der FI-Spitzenkandidat Jean-Luc MÉLENCHON die größten Aussichten auf einen Einzug in die Nationalversammlung hat. Der Begriff Hochburg des FI ist einzig dadurch gerechtfertigt, dass die Gruppierung in den anderen Gebieten noch schwächer abgeschnitten hat. Die bislang regierenden Sozialisten jedoch konnten keinen einzigen Vertreter ihrer Partei in Marseille durchbringen, sondern wurden von den FN- und FI-Kandidaten verdrängt.

Der FN ist nur noch in zwei der 7 Wahlkreise vertreten. Inwiefern diese beiden Kandidaten auch im zweiten Wahlgang gegen die REM bestehen können, ist eine der spannenden Fragen.

Das 7. Arrondissement wird seit den Kommunalwahlen 2014 von einem FN-Bürgermeister regiert, dennoch - oder gerade deshalb? - konnte dort der FN-Kandidat nicht gewinnen, sondern landete abgeschlagen auf Platz 4. Erstmals durften nämlich bei den Wahlen zur Nationalversammlung keine Bürgermeister mehr antreten. 2012 waren noch 175 der 577 Abgeordneten gleichzeitig Bürgermeister gewesen (vgl. ND 10.06.).

Bei Marseille von Hochburgen der beiden Parteien zu sprechen, ist also einzig und allein aufgrund des schlechten Abschneidens der beiden Parteien in anderen Landesteilen gerechtfertigt, nicht jedoch deshalb, weil sie eine dominante Macht in dieser Stadt sind, die sich bei der letzten Wahl zur Nationalversammlung die Republikaner und die Sozialisten teilten. Inwiefern France Insoumise von hier aus einen Siegeszug durch die Republik antreten kann, ist eine Frage, die erst in den nächsten Jahren beantwortet werden muss.

Der Norden und der Osten als Hochburgen des Front National und der Niedergang der Kohle- und Stahlindustrie

Zahlreiche Berichte in den deutschen Medien drehen sich um den Rechtsruck der Arbeiterschaft in Frankreich, der vor dem Hintergrund des Niedergangs der Industrie gesehen wird. Der Front National wird in dieser Sicht meist als Erbe der traditionellen Arbeiterbewegung betrachtet. Schauplätze von Reportagen waren u.a. folgende Départements: Pas-de-Calais als ehemaligem Zentrum der Kohleindustrie mit der FN-Stadt Hénin-Beaumont (Welt 24.04.; FAZ 03.06.; ND 08.06.) und das Département Moselle (Lothringen) als ehemaligem Stahl- und Kohlezentrum mit der FN-Stadt Hayange (Wirtschaftswoche 21.04.; FAZ 26.04.)

Die intellektuelle Debatte um den Rechtsruck der Arbeiterschaft in Frankreich wurde insbesondere durch das Buch Rückkehr nach Reims von Didier ERIBON befördert (mehr zu anderen Aspekten des Buchs hier). Insbesondere die These, dass die Wahl des Front National ein Notwehrakt sei, weil die Regierungslinke - also die bei der Wahl abgestraften Sozialisten - durch ihren neoliberalen Kurs die Arbeiter in die Arme des FN getrieben habe, war in Deutschland sehr populär. Dies wirft jedoch die Frage auf, ob die Sozialisten in Frankreich überhaupt als die Vertreter der traditionellen Arbeiterschaft anzusehen sind. Rudolf WALTHER sieht dagegen die Kommunisten als die legitimen Vertreter der Arbeiterschaft und kritisiert aus dieser Sicht die Debatte. Als weitere Wortführer dieser Debatte wurden Éduard LOUIS ("Das Ende von Eddy", z.B. SZ 20.04.; FAZ 22.04.) und die jetzt bereits im ersten Wahlgang ausgeschiedene Kandidatin der Sozialisten Aurélie FILIPPETTI ("Das Ende der Arbeiterklasse") beschrieben.

Das periurbane und periphere Frankreich als Hochburg des Front National

Ein weiterer Diskussionsstrang in den deutschen Medien nimmt seinen Ausgang bei der Migration, die die Großstädte mit ihren Banlieues (taz 21.04.) so verändert hätten, dass die dort ansässigen Bewohner entweder vertrieben (Stichwort: Gentrifizierung) oder geflohen sind (Stichwort: Kriminalitätsrate, Muslimisierung). Dafür steht die Reportage aus der FN-Stadt Villers-Cotterêts (SZ 19.04.) und der Begriff "periurban". Die FAZ zählt dazu nicht nur den kleinstädtischen Ring um die Hauptstadt Paris, sondern auch die Départments Gironde (Bourdeaux), Rhône (Lyon) und Haute-Garonne (Toulouse).

Der Geograf Christophe GUILLUY spricht dagegen vom peripheren Frankreich als Gegensatz zu den Metropolen und hebt dabei die Strukturschwäche dieser Gebiete hervor, die von den Segnungen des Wirtschaftswachstums abgehängt wurden. Dazu gehören Reportagen über verödende Ortskerne in ländlichen Gemeinden wie Vendoeuvres (FR 20.04.) bzw. Guéret (FAZ 22.04.) oder in Mittelstädten wie Albi (taz 19.04.). Aber auch der Kampf gegen die Deindustrialisierung wie in Les Voivres in den Vogesen (NZZ 28.04.). Grenzstädte wie Chalampé im Elsass gelten ebenfalls als Hochburgen des FN, wenngleich manche auch von ihrer Lage profitieren könnten (Welt 06.05.).

Der Kampf gegen Werksschließungen wie in La Souterraine im Département Creuse (SZ 22.05.) oder Amiens (FAZ 22.04.) ist aber auch eine Mobilisierungsmöglichkeit für linke Bewegungen (vgl. z.B. DLF 27.03.).

Im Süden Frankreich spielen wieder andere Aspekte eine Rolle für die Stärke des FN. Die so genannten "Schwarzfüsse" ("pieds noir"), d.h. Algerienfranzosen, haben noch eine Rechnung aus vergangenen Zeiten offen. Dies passt nicht in die These vom Rechtsruck der Arbeiterschaft, weil hier der FN nicht die Linke, sondern die Rechte beerbt. Dafür stehen Städte wie Frejus und Marseille (NZZ 21.04.). Auch ist die Jugendarbeitslosigkeit in Südfrankreich hoch wie eine Reportage aus Carcasonne zeigt (NZZ 04.05.).

Die Kommunalwahlen 2014 haben der extremen Rechten nach einem Bericht von Le Monde 14 Bürgermeisterämter beschert. Folgende Gemeinden werden von Le Monde aufgeführt:

Übersicht: Hier regiert die extreme Rechte seit der Kommunalwahl 2014
Gemeinde Département Einwohnerzahl Partei
Villers-Cotterêts Aisne rund 10.000 FN
Marseille
(7. Arrondissement)
Bouches-du-Rhône   FN
Beaucaire Gard fast 16.000 FN
Beziers Hérault rund 75.000 RBM
Hayange Moselle rund 15.000 FN
Hénin-Beaumont Pas-de-Calais rund 25.000 FN
Cogolon Var rund 12.000 FN
Le Luc Var rund 10.500 FN
Fréjus Var rund 53.000 FN
Bollène Vaucluse rund 13.500 LDS
Camaret-sur-Aigues Vaucluse rund 4.500 LDS
Orange Vaucluse rund 29.500 LDS
Pontet Vaucluse rund 17.500 FN
Mantes-La-Ville Yvelines rund 20.000 FN
Abk.: FN: Front National; RBM: Rassemblement Bleu Marine; LDS: Ligue du Sud

Dies sind nicht die ersten Städte, denn die extreme Rechte war auch vorher schon in französischen Städten bei der Eroberung von Rathäusern erfolgreich.

"Im katholisch geprägten Süden erobert der Front National erste Rathäuser: 1995 stellt die Partei die Bürgermeister in Marignane, Orange und Toulon, zwei Jahre später in Vitrolles",

berichtet Lilith VOLKERT in dem Artikel Wie der Front National eine "normale" Partei wurde (SZ Online 07.02.17). Margignane bei Marseille im Département Bouches-du-Rhône wurde 1995 bis 2001 vom Front National regiert. Die Stadt Orange wird seit 1995 von der extremen Rechte (Abk. Innenministerium: EXD) regiert. 2014 erhielt die Liste der Ligue du Sud (LEXD) bereits im ersten Wahlgang fast 60 Prozent der Stimmen. Die rund 34.000 Einwohner zählende Stadt Vitrolles bei Marseille im Département Bouches-du-Rhône wurde 1997 bis 2002 von der ersten FN-Bürgermeisterin regiert. 2014 gewannen die Sozilisten im zweiten Wahlgang. Der FN kam nur auf den zweiten Platz, ist aber mit 6 Sitzen im Stadtrat (conseil municipal) vertreten. Von 1995 bis 2001 regierte der FN in Toulon. Es war das erste und bislang einzige Bürgermeisteramt einer Großstadt in Frankreich. Toulon zählte damals über 160.000 Einwohner und war die 13. größte Stadt. Der Focus titelte damals: Die Schande von Toulon. Die Zeit dagegen wies in dem Artikel Der Rassismus der Salons (ZEIT 01.09.1995) auf die bürgerliche Rechte und deren Verfehlungen hin, die den Sieg des Front National erst ermöglichten. Toulon ist die Partnerschaft der deutschen Industriestadt Mannheim (mehr hier). 

"Von 36.697 Gemeinden (davon 943 mit mehr als 10.000 Einwohnern) hat der FN in weniger als 500 eigene Listen für die Kommunalwahlen von 2014 aufstellen können" (S.4),

schreibt Jean-Yves CAMUS in der Auftragsstudie Der Front National (FN) – eine rechtsradikale Partei? der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung vom April 2014. CAMUS beschreibt den Erfolg des FN bei den Präsidentschaftswahlen 2012 in der periurbanen Zone Frankreichs folgendermaßen:

"Regionen Picardie (25,03 Prozent) und Nord-Pas de Calais im Norden Frankreichs und Champagne-Ardenne (23,9 Prozent) und Lorraine (23,66 Prozent) im Nordosten Hochburgen des Front National. Ebenso gute oder sogar bessere Resultate erreicht der FN in der Region Provence- Alpes-Côte d’Azur (23,87 Prozent) im Südosten und Languedoc-Roussillon (23,454 Prozent) im Süden, mit Spitzenwerten von 27,03 Prozent im Département Vaucluse und 25,5 Prozent im Département Gard. Es wäre allerdings falsch, diese geographische Verteilung allein auf die lange Geschichte des FN in diesen Departements und Regionen zurückzuführen. Sie steht in engem Zusammenhang mit dem Anteil der unter der Armutsgrenze lebenden Franzosen an der Wohnbevölkerung und dem der Einwohner der sogenannten »periurbanen Zonen«. Dies sind Vororte, die 80 bis 90 Kilometer von der nächsten Großstadt entfernt liegen und deren Bewohner mit prekären sozialen Verhältnissen, Abgeschnittenheit und massiver Deindustrialisierung zu kämpfen haben." (S.7)

Jean-Yves CAMUS erläutert, dass die Kommunalwahlen vom 23. und 30. März 2014 es dem FN ermöglichten, die Hürde für die Aufstellung eines Präsidentschaftskandidaten zu überspringen und berichtet darüber welche rechtsextremen Parteien die 14 Bürgermeisterämter errungen haben:  

"Nach einer Wahl, die für die Linke und besonders für die Sozialistische Partei mit einer historischen Niederlage endete und bei der die UMP 162 Städte mit über 10.000 Einwohnern erobern konnte, übernahm der FN elf Kommunen, davon neun mit mehr als 10.000 Einwohnern. Vor dem Hintergrund einer starken Wahlenthaltung (41 Prozent) kommt der FN auf 16,9 Prozent der Stimmen in den 244 Gemeinden, in denen er im zweiten Wahlgang antrat. Die Partei von Marine Le Pen verfügt nun über 1.200 Stadträte und verstärkt somit ihre Präsenz vor Ort, auch wenn es ihr noch nicht gelang, das von UMP, PS und ihren jeweiligen Verbündeten beherrschte politische System zu durchbrechen. Damit hat der FN die bisherige Hürde von 500 »Wahlpatenschaften« überwunden, die für die Nominierung eines Kandidaten für die Präsidentschaftswahl notwendig ist.
Geographisch hat die FN in Gemeinden gewonnen, wo die Partei bereits stark verankert war: In Nordfrankreich wurde die Stadt Hénin-Beaumont, der Stammsitz von Marine Le Pen, von Steve Briois bereits im ersten Wahlgang erobert, in der Picardie, die ebenfalls im Norden Frankreichs liegt, Villers-Côterets und in Lothringen Hayange, wo der neue Bürgermeister Fabien Engelmann, ein ehemaliger CGT-Gewerkschafter, sehr aktiv in dem anti-islamischen Verein »Laizistischer Gegenschlag« agiert. Im Languedoc-Roussillon, im Süden Frankreichs, eroberten Robert Ménard, Gründer und ehemaliger Generalsekretär der Journalistenvereinigung »Reporter ohne Grenzen«, für Rassemblement Bleu Marine ohne Schwierigkeit Béziers und Julien Schnabel die Stadt Beaucaire. Im Südosten erhielt der FN in der Region Provence- Alpes-Côte d’Azur wieder viel Zustimmung und gewann das 7. Arrondissement von Marseille sowie die Stadt Fréjus und die Gemeinden Cogolin, Le Luc und Le Pontet. In der Region Ile-de-France konnte der FN einzig in Mantes-la-Ville durch die Zersplitterung der linken Parteien die Wahl im zweiten Wahlgang überraschend für sich entscheiden. Zu diesen Erfolgen der FN müssen noch drei weitere Gemeinden hinzugefügt werden, die fortan von der Ligue du sud geführt werden, einer extremen Rechtspartei, die einzig in der Provence- Alpes-Côte d’Azur vertreten ist: Orange, Bollène und Camaret sur Aigues. Hier wurde der siegreiche Kandidat von Marion Maréchal-Le Pen unterstützt. Insgesamt werden die Rechtsextremen 14 Gemeinden verwalten." (S.10)

Alles in allem sind die Erfolge des Front National - auch aufgrund des französischen Wahlsystems - eher bescheiden, zumal die Partei - im Gegensatz zur AfD in Deutschland - eine lange Geschichte hat. Die Erfolge auf der kommunalen Ebene betreffen vor allem den Süden von Frankreich, der nicht in die in Deutschland sehr populäre Erklärung vom Rechtsruck der Arbeiterschaft passt. Der Front National und die extreme Rechte beerbte hier vor allem die Rechte und nicht die Linke.

Wie wahrscheinlich ist es, dass France Insoumise einen Fraktionsstatus in der Nationalversammlung erhält?

Auf der Website von France Insoumise werden 69 Kandidaten (darunter 67 eigene FI-Kandidaten) in 33 Départements (incl. Ausland und Übersee) aufgezählt, die noch für den zweiten Wahlgang zur Verfügung stehen. Aus der folgenden Tabelle sind die Kandidaten ersichtlich:

Nr. Département Wahlkreis Partei Platzierung Gegenpartei
(Anzahl Duelle)
1 Alpes de Haute Provence (4) 2 FI 2 REM (1)
2 Ariège (9) 1 FI 2 REM (2)
3 Ariège (9) 2 FI 2 REM (3)
4 Bouches-du-Rhône (13) 4 FI 1 REM (4)
5 Bouches-du-Rhône (13) 5 FI 2 REM (5)
6 Charante (16) 1 FI 2 REM (6)
7 Dordogne (24) 1 FI 2 REM (7)
8 Dordogne (24) 4 FI 2 REM (8)
9 Finistere (29) 2 FI 2 REM (9)
10 Haute Garonne (31) 1 FI 2 REM (10)
11 Haute Garonne (31) 2 FI 2 MDM (1)
12 Haute Garonne (31) 4 FI 2 REM (11)
13 Haute Garonne (31) 6 FI 2 REM (12)
14 Haute Garonne (31) 9 FI 2 REM (13)
15 Haute Garonne (31) 10 FI 2 REM (14)
16 Gironde (33) 3 FI 2 REM (15)
17 Gironde (33) 12 FI 2 REM (16)
18 Hérault (34) 2 FI 2 REM (17)
19 Hérault (34) 3 FI 2 REM (18)
20 Ille et Vilaine (35) 4 FI 2 REM (19)
21 Ille et Vilaine (35) 8 FI 2 REM (20)
22 Isere (38) 3 FI 2 REM (21)
23 Landes (40) 2 FI 2 REM (22)
24 Loire (42) 2 FI 2 REM (23)
25 Loire Atlantique (44) 2 FI 2 REM (24)
26 Loire Atlantique (44) 3 FI 2 REM (25)
27 Loire Atlantique (44) 4 FI 2 REM (26)
28 Loire Atlantique (44) 8 FI 2 REM (27)
29 Meurthe et Moselle (54) 3 FI 2 REM (28)
30 Meurthe et Moselle (54) 6 FI 2 FN (1)
31 Morbihan (56) 3 FI 2 REM (29)
32 Morbihan (56) 5 FI 2 REM (30)
33 Nord (59) 1 FI 2 REM (31)
34 Nord (59) 2 FI 2 REM (32)
35 Puy de Dôme (63) 1 FI 2 REM (33)
36 Hautes Pyrénées (65) 1 FI 2 REM (34)
37 Rhône (69) 1 FI 2 REM (35)
38 Rhône (69) 3 FI 2 REM (36)
39 Paris (75) 6 FI 2 REM (37)
40 Paris (75) 9 FI 2 REM (38)
41 Paris (75) 10 FI 2 REM (39)
42 Paris (75) 15 FI 2 SOC (1)
43 Paris (75) 16 FI 2 REM (40)
44 Paris (75) 17 FI 2 REM (41)
45 Seine et Marne (77) 10 FI 2 REM (42)
46 Deux Sèvres (79) 1 FI 2 REM (43)
47 Somme (80) 1 FI 2 REM (44)
48 Somme (80) 2 FI 2 REM (45)
49 Vienne (86) 1 FI 2 REM (46)
50 Haute Vienne (87) 1 FI 2 REM (47)
51 Essonne (91) 1 FI 2 DVG (1; VALLS)
52 Essonne (91) 3 FI 2 REM (48)
53 Essonne (91) 10 FI 2 REM (49)
54 Hauts de Seine (92) 11 FI 2 REM (50)
55 Seine-Saint-Denis (93) 1 FI 2 REM (51)
56 Seine-Saint-Denis (93) 2 FI 1 REM (52)
57 Seine-Saint-Denis (93) 3 FI 2 REM (53)
58 Seine-Saint-Denis (93) 6 FI 2 REM (54)
59 Seine-Saint-Denis (93) 7 FI 2 REM (55)
60 Seine-Saint-Denis (93) 9 FI 2 REM (56)
61 Seine-Saint-Denis (93) 11 FI 1 REM (57)
62 Val de Marne (94) 2 FI 2 REM (58)
63 Val de Marne (94) 10 FI 2 REM (59)
64 Val de Marne (94) 11 FI 2 REM (60)
65 Val d'Oise (95) 10 FI 2 REM (61)
  Français de L'étranger (99) 2

ECO

2 REM
66 Français de L'étranger (99) 4 FI 2 REM (62)
67 Français de L'étranger (99) 5 FI 2 REM (63)
  Réunion (974) 2

DVG

1 LR

Die KandidatenInnen des FI liegen bis auf vier Ausnahmen auf Platz zwei, meist aussichtslos hinter REM. Eine Kandidatin auf Platz 1 gehört einer verbündeten Gruppierung an.  In den zwei Wahlkreisen von Seine-Saint-Denis, in denen FI-Kandidatinnen gewonnen haben, gab es keinen Kandidaten der Kommunisten (PCF).

Ohne Verbündete kann FI keine Fraktionsstärke erreichen wie manche glauben. Die besten Aussichten nach dem Spitzenkandidaten MÉLENCHON dürfte die Kandidatin Caroline FIAT im 6. Wahlkreis im Département Meurthe et Moselle haben, da sie nur knapp hinter dem FN-Kandidaten liegt und zudem auf die Unterstützung von anderen linken Gruppierungen hoffen kann.. 

In den deutschen Medien wird die Kommunistische Partei (Parti Communiste Français) als Bündnispartner von France Insoumise beschrieben. Die PCF lässt auf ihrer Website für den zweiten Wahlgang folgendes verlauten:

"Face à ces deux menaces, l'urgence est d'élire dimanche prochain 18 juin, partout où ils sont présents au second tour, en Métropole et en Outre Mer, des députés communistes et Front de gauche, des députés de la France insoumise et d'autres forces de gauche, qui sont prêts, aux côtés des forces sociales, à combattre la casse du Code du travail par ordonnances, la hausse de la CSG, la diminution drastique du nombre des fonctionnaires, la remise en cause des services publics, comme des moyens des collectivités territoriales, la restriction de nos libertés publiques, l'amplification des politiques de soutien à la finance."

In der Beilage der Parteizeitung L'Humanité vom 14. Juni werden folgende 17 Kandidaten der PCF (COM) für den zweiten Wahlgang aufgelistet:

Nr. Département Wahlkreis Partei Platzierung Gegenpartei
(Anzahl Duelle)
1 Allier (3) 1 COM 2 REM (1)
2 Bouches-du-Rhône (13) 13 COM 1 REM (2)
3 Cher (18) 2 COM 2 MDM (1)
4 Nord (59) 16 COM 2 FN (1)
5 Nord (59) 20 COM 1 FN (2)
6 Puy de Dôme (63) 5 COM 1 REM (3)
  Rhône (69) 2 DVG 2 REM
7 Seine-Maritime (76) 3 COM 2 REM (4)
8 Seine-Maritime (76) 6 COM 2 REM (5)
9 Seine-Maritime (76) 8 COM 1 REM (6)
  Somme (80) 1 FI 2 REM
10 Haute Vienne (87) 2 COM 2 REM (7)
11 Hauts de Seine (92) 1 COM 2 REM (8)
  Hauts de Seine (92) 11 FI 2 REM
  Seine Saint-Denis (93) 2 FI 1 REM
12 Seine Saint-Denis (93) 4 COM 1 REM (9)
  Seine Saint-Denis (93) 11 FI 1 REM

In vier Wahlkreisen kam France Insoumise durch die Unterstützung der Kommunisten in den zweiten Wahlgang, zwei davon sogar auf Platz 1. Da sich aber auch andere Gruppierungen zusammenschließen, können sich noch Verschiebungen ergeben. Letztlich spielt die Mobilisierung der Wählerschaft eine große Rolle und kann deshalb im zweiten Wahlgang noch zu Überraschungen führen.

Auf der Website der Tageszeitung L'Humanité werden neben den 17 Kandidaten der PCF (inkl. 4 Verbündeter) weitere 26 Kandidaten (22 von FI, 3 von SOC, 1 DVG) die im zweiten Wahlgang vertreten sind, für eine Opposition gegen MACRON vorgestellt. Aus diesem Kandidatenreservoir könnte sich dann eine linke Fraktion bilden, falls die Gruppierungen ihre Zerstrittenheit überwinden können.

Die Ausgangssituation von Republique en Marche vor dem zweiten Wahlgang zur Nationalversammlung

Die Ausgangsposition des REM für den zweiten Wahlgang ist aus der folgenden Übersicht ersichtlich, deren Zahlen einem Artikel des Deutsch-Französischen-Instituts entnommen wurden:

Parteienbündnisse Kandidatenanzahl
2. Wahlgang
Anzahl der
Erstplatzierungen
Duelle
LRM;REM/MoDem; MDM 513 437 273 Duelle gegen Rechte
      134 Duelle gegen Linke

Front National (FN)

120 20 99 Duelle gegen REM/MDM

France Insoumise wird als Unbekannte gesehen, wehalb die Situation in Forbach (6. Wahlkreis des Départements Moselle) als unsicher für den REM-Kandidaten beschrieben wird. Dort ist der FI-Kandidat jedoch nur auf Platz 5 (ca. 8 %) gelandet, während die Republikaner dort doppelt so stark sind und auch der Kandidat der DVG hat ca. 14 Prozent erreicht. Von daher ist diese Einschätzung doch sehr weit hergeholt. FI dient hier wohl eher als Sündenbock.

Die 573 Duelle des zweiten Wahlgangs im Überblick

Im ersten Wahlgang sind nur die folgenden 4 Wahlkreise mit absoluter Mehrheit gewonnen wurden:

Übersicht: Wahlkreise, die im ersten Wahlgang gewonnen wurden
Partei Kandidat Département Wahlkreis
REM Paul MOLAC Morbihan (56) 4. Wahlkreis
REM Sylvain MAILLARD Paris (75) 1. Wahlkreis
UDI Stéphane DEMILLY Somme (80) 5. Wahlkreis
DVG Napole POLUTELE Wallis et Futuna (986) 1. Wahlkreis
 

Für den zweiten Wahlgang sind deshalb 1.147 Kandidaten in 573 Wahlkreisen nominiert worden. Die Angaben zu den Kandidaten der einzelnen Parteien in den Medien widersprechen sich teils. Während die Zeitung Le Figaro (16.06.) 519 Kandidaten von REM/MDM zählt, spricht das Deutsch-Französische-Institut (DFI 13.06.) nur von 513 Kandidaten. Beim Front National reicht die Spanne von 110 Kandidaten (ND 17.06.) über 120 (FIGARO 16.06.) bis 121 (DFI 13.06.). Die Unterschiede könnten verschiedene Gründe haben: Kandidaten könnten zwar nominiert worden sein, aber ihre Kandidatur zurückgezogen haben; Zu den Parteien könnten Kandidaten gezählt werden, die nur zum Umfeld der Parteien gehören. Bei den Sammelkategorien wie Divers droite (DVD) und Divers gauche (DVG) und kleinen Parteien können sich Unterschiede durch unterschiedliche Zuordnungen ergeben.

Durch den Dreikampf (Triangle) im 1. Wahlkreis des Départements Aube ergeben sich für die Parteien FN, REM und LR jeweils ein Duell mehr als Kandidaten vorhanden sind, wenn man den Dreikampf als 3 Duelle betrachtet. Der Widerspruch zwischen den Angaben von Le Figaro und DFI zum FN könnte also darauf beruhen, dass der Dreikampf unterschiedlich eingestuft wurde. Die 120 FN-Kandidaten hätten dann in 120 Wahlkreisen 121 Zweikämpfe zu bestreiten. Wenn das DFI von "121 Wahlkreisen" spricht, wäre das jedoch falsch.

Die Website der Partei Union des démocrates et indépendants (UDI; Abruf: 18.06.) listet im Gegensatz zur Zeitung Le Figaro nur 34 statt 35 Kandidaten unter dem Etikett UDI auf. Die Wahlkreisliste auf die verwiesen wird stimmt jedoch nicht mit den Fakten des frz. Innenministeriums überein.

Die Zeitung Le Figaro beruft sich bei ihrer Zusammenstellung der 1.147 Kandidaten auf das französische Innenministerium, das 17 Kategorien nennt. Davon werden nur 11 aufgelistet und die restlichen 6 Kategorien unter Andere zusammengefasst. Die 37 von Le Figaro genannten Duelle für UDI stimmen nicht mit der Parteiwebsite überein.

In der nachfolgenden Tabelle sind die Duelle des zweiten Wahlgangs ersichtlich, wie sie sich aufgrund einer eigenen Recherche auf der Website des französischen Innenministeriums ergeben:

Übersicht: Die Duelle des zweiten Wahlgangs
Partei Gesamtzahl
Duelle
Gegenpartei Anzahl
Duelle
REM 456  
REM   LR 202
REM   FN 91
REM   FI 63
REM   SOC 44
REM   UDI 25
REM   DVD 9
REM   COM 9
REM   Andere 13
MDM 60  
MDM   LR 33
MDM   FN 10
MDM   SOC 8
MDM   UDI 4
MDM   DVD 2
MDM   FI 1
MDM   Andere 1
LR 265  
LR   REM 202
LR   MDM 33
LR   FN 8
LR   SOC 7
LR   Andere 15
UDI 35
UDI REM 22
UDI MDM 4
UDI FN 3
UDI SOC 1
UDI DVD 1
UDI REG 1
DVD 20
DVD REM 9
DVD LR 2
DVD DVD 2
DVD SOC 2
DVD MDM 1
DVD DIV 1
DVD UDI 1
DVD FN 1
DVD REG 1
SOC 65
SOC REM 44
SOC MDM 8
SOC LR 7
SOC DVD 2
SOC DIV 1
SOC FI 1
SOC UDI 1
SOC FN 1
FI 67
FI REM 63
FI MDM 1
FI FN 1
FI SOC 1
FI DVG 1
COM 12
COM REM 9
COM FN 2
COM MDM 1
FN 121
FN REM 93
FN MDM 10
FN LR 8
FN UDI 3
FN COM 2
FN FI 1
FN SOC 1
FN DVG 1
FN DVD 1
FN RDG 1
Andere 48
Gesamt 1149
Quelle: Website des frz. Innenministeriums;
eigene Berechnungen 

Die Prognosen für den 2. Wahlgang der Wahlen zur Nationalversammlung

Folgende Sitzverteilungen werden in den deutschen Printmedien für den zweiten Wahlgang prognostiziert:

Parteienbündnisse Prognostizierte Sitze in der Nationalversammlung
FAZ/SZ/TAZ FR ND TSP

13.06.17

17.06.17
La République en Marche (REM)/Modem 415 - 455 400 - 440 - 455 440 - 470
Les Républicains (LR)/UDI 70 - 110 95-132 70 - 130 60 - 90
Parti Socialiste (SOC)/PRG/DVG 20 - 30 15 - 25 15 - 35 20 - 35
France Insoumise (FI)/Parti communiste 8 - 18 13 - 23  ca. 15  
Front National (FN) 1 - 5 2 - 5    
Sonstige (u.a. Écologiste, ECO) 7 - 12 1 - 3    

Die prominenten Kandidaten in der folgenden Übersicht gelten den deutschen Print-Medien als Verlierer bzw. gefährdete Kandidaten, die im zweiten Wahlgang unterliegen könnten:

Parteien Kandidaten Département /
Wahlkreis / Stadt
Parti Socialiste (SOC) Jean-Christophe CAMBADELLIS (Parteivorsitzender)

"Mit seinem Erfolg trug Mahjoubi zum frühzeitigen Ausscheiden (...) bei, der seit 20 Jahren in diesem Wahlkreis gewählt worden war" (FAZ)

- ausgeschieden im ersten Wahlgang gegen Kandidaten von REM und FN

Paris (75)
16. Wahlkreis
(19. Arrondissement)
  Benoît HAMON
(Präsidentschaftskandidat)

- ausgeschieden im ersten Wahlgang gegen Kandidaten von REM, FI und ECO

Yvelines (78)
11. Wahlkreis
  Matthias FEKL
(Ex-Innenminister)

- ausgeschieden im ersten Wahlgang gegen Kandidaten von REM und FN

Lot-et-Garonne (47)
2. Wahlkreis
  Najat VALLAUD-BELKACEM
(Ex-Bildungsminiserin)

"droht am nächsten Sonntag die Niederlage" (FAZ)
"muss bangen" (Welt)

Rhône (69)
6. Wahlkreis
Villeurbaine bei Lyon
 
  Elisabeth GUIGOU

- ausgeschieden im ersten Wahlgang gegen Kandidaten von REM und FI

Seine Saint-Denis (93)
6. Wahlkreis
  Jean-Jacques URVOAS
(Ex-Justizminister)

"kann sich des Einzugs nicht sicher sein" (FAZ)

Finistère (29)
1. Wahlkreis
  Myriam El KOHMRI
(Ex-Arbeitsministerin)

"kann sich des Einzugs nicht sicher sein" (FAZ)
"muss bangen" (Welt)
"Außer in wenigen Fällen, wo (...) Macrons Bewegung keine Gegenkandidaten aufgestellt hatte, enden diese politischen Schwergewichte alle auf dem politischen
»Elefantenfriedhof«" (TAZ)

Paris (75)
18. Wahlkreis
  Patrick MENNUCCI

"Mélenchon hat gute Chancen, sich in seinem Wahlkreis (...) durchzusetzen, wo er bereits den bisherigen PS-Abgeordneten (...) aus dem Rennen warf" (ND)

Bouches-du-Rhône (13)
4. Wahlkreis
  Aurélie FILIPETTI
(Ex-Kulturministerin und Schriftstellerin: Familienroman Das Ende der Arbeiterklasse)

"wurde in ihrem Wahlkreis im verarmten Osten des Landes abgestraft. Sie kam nur auf den dritten Platz" (Welt)

- ausgeschieden im ersten Wahlgang gegen Kandidaten von REM und FN

Moselle (57)
1. Wahlkreis
UMP
 
Henri GUAINO (einst Redenschreiber von Staatspräsident SARKOZY)

- abgeschlagen als Kandidat der DVD im ersten Wahlgang auf Platz 7 gelandet

"Ich finde die Wähler zum Kotzen" (Welt)

Paris (75)
2. Wahlkreis
Les Républicains (LR) Eric WOERTH
(Ex-Haushaltsminister)

"wurde (...) in seinem Wahlkreis von einem bis dahin unbekannten LREM-Kandidaten überholt" (FAZ)

"dürfte sein Mandat (...) an einen Marschierer verlieren" (SZ)

Oise (60)
4. Wahlkreis
  Claude GOASGUEN (Ex-Bürgermeister im 16. Arr.)

- Sieger im 2. Wahlgang.

Paris (75)
14. Wahlkreis
16. Arrondissement
  Nathalie KOSCIUSKO-MORIZET
(Nachfolgerin im Wahlkreis von FILLON)

- im zweiten Wahlgang ausgeschieden (mehr hier)

Paris (75)
2. Wahlkreis
La République en Marche (REM) Christophe CASTANER
(Ex-Sozialist)

"wird mit großer Sicherheit in der Stichwahl durchkommen" (Handelsblatt)

Alpes-de-haute-Provence (4)
2. Wahlkreis
  Torera Marie SARA

"muss (...) in die Stichwahl gegen den FN-Abgeordneten Gilbert Collard, der nach dem ersten Wahlgang ganz knapp vor ihr liegt. Am Sonntag dürfte sie auf mehr Wähler kommen" (Handelsblatt)

- Im zweiten Wahlgang gegen den Front National-Kandidaten ausgeschieden (mehr hier).

Gard (30)
2. Wahlkreis
  Annick GIRADIN (Parti radical de gauche; RDG)
(designierte Überseeministerin)

"Fünf der sechs Minister seiner Regierung, die sich den Wählern gestellt haben und dabei ihre Posten aufs Spiel setzten, sind für den zweiten Wahlgang in aussichtsreicher Position. (...). Sollte die Überseeministerin (...). am kommenden Sonntag verlieren, müsste sie ihren Platz in der Regierung räumen" (ND)

Saint-Pierre-et-Miquelon (975)
1. Wahlkreis
Front National (FN) Jean-Lin LACAPELLE

"der sich in einer Hochburg der Partei (...) nicht für den zweiten Wahlgang qualifizierte" (FAZ)

Bouches-du-Rhône (13)
12. Wahlkreis
Vitrolles

Im Le Figaro, einer Tageszeitung der bürgerlichen Rechten, findet sich eine Aufstellung gefährdeter Politiker, die über jene, die hier aufgelistet ist, hinausgeht bzw. die Sicht des rechten Parteienspektrums widerspiegelt.  

Die Ergebnisse des 2. Wahlgangs der Wahlen zur Nationalversammlung

Noch am Vortag des zweiten Wahlgangs veröffentlichte der Tagesspiegel Zahlen aus Umfragen wonach MACRONS Partei La République en Marche (REM) zusammen mit den Verbündeten von Mouvement démocrate (MDM) auf 440 bis 470 Sitze hoffen könnte. Vor diesem Hintergrund blieb MACRONs Bündnis mit 350 Sitzen letztendlich weit hinter den Erwartungen zurück. In 456 Duellen wurden 150 Duelle verloren und 306 Sitze erobert. Gegen linke Parteien konnte keine Zweitplatzierung in einen Sieg verwandelt werden. Aus der nachfolgenden Übersicht ist der Ausgang der einzelnen Duelle ersichtlich:

Übersicht: Der Ausgang der Duelle von REM/MDM im Überblick
Partei 1. Wahlgang 2. Wahlgang (REM: 306 Sitze; MDM: 42 Sitze)
Sitze Gesamtzahl
Duelle
Gegenpartei Anzahl
Duelle
Verlorene
Duelle als
Gewonnene
Duelle als
REM 2 456 Erster Zweiter Erster Zweiter
REM LR 202 25 56 119 2
REM FN 91 kein 4 79 8
REM FI 63 13 3 47 kein
REM SOC 44 18 2 24 kein
REM UDI 25 4 7 14 kein
REM DVD 9 2 1 6 kein
REM COM 9 4 4 1 kein
REM Andere 13 4 3 6 kein
Gesamt 2     456 70 80 296 10
MDM 0 60  
MDM     LR 33 8 5 20 kein
MDM     FN 10 kein 4 6 kein
MDM     SOC 8 kein kein 8 kein
MDM     UDI 4 kein kein 4 kein
      DVG 2 kein 1 1 kein
MDM     DVD 1 kein kein 1 kein
MDM     FI 1 kein kein 1 kein
MDM     COM 1 kein kein 1 kein
Gesamt 0     60 8 10 42 kein
Gesamt 2 516   516 78 90 338 10
Quelle: Website des frz. Innenministeriums; eigene Berechnungen 

Der Ausgang der Duelle der linken Parteien, France Insoumise (FI) und Parti Communiste Français (COM) ist aus der nachfolgenden Übersicht zu ersehen:

Partei 1. Wahlgang
 
2. Wahlgang (FI: 17 Sitze; COM: 10 Sitze)
Sitze Gesamtzahl
Duelle
Gegenpartei Anzahl
Duelle
Verlorene
Duelle als
Gewonnene
Duelle als
FI 0 67 Erster Zweiter Erster Zweiter
FI REM 63 kein 47 3 13
FI MDM 1 kein 1 kein kein
FI FN 1 kein kein kein 1
FI SOC 1 kein 1 kein kein
FI DVG 1 kein 1 kein kein
Gesamt 0     67 kein 50 3 13
COM 0

 

12
COM REM 9 kein 1 4 4
COM FN 2 kein kein 1 1
COM MDM 1 kein 1 kein kein
Gesamt 0     12 kein 2 5 5
Gesamt 0 79 kein 52 8 18

Der Ausgang der Duelle der Parti Socialiste (SOC) ist aus der nachfolgenden Übersicht zu ersehen:

Partei 1. Wahlgang
 
2. Wahlgang (SOC: 29 Sitze)
  Sitze Gesamtzahl
Duelle
Gegenpartei Anzahl
Duelle
Verlorene
Duelle als
Gewonnene
Duelle als
SOC 0 65 Erster Zweiter Erster Zweiter
SOC   REM 44 kein 24 2 18
SOC   MDM 8 kein 8 kein kein
SOC   LR 7 1 2 4 kein
SOC   DVD 2 kein kein 2 kein
SOC   DIV 1 kein kein 1 kein
SOC   FI 1 kein kein 1 kein
SOC   UDI 1 1 kein kein kein
SOC   FN 1 kein kein kein 1
Gesamt 0     65 2 34 10 19

Aus den gewonnenen Mandaten im ersten und zweiten Wahlgang ergibt sich für die Parteien folgende Sitzverteilung:

Übersicht: Die Sitzverteilung in der Nationalversammlung 2012/2017
Nr. Parteien bzw. Gruppierungen Sitze 2012 Sitze 2017
1 République en Marche (REM) keine 308
2 Mouvement démocrate (MDM) keine 42
3 La France Insoumise (FI) keine 17
4 Parti Socialiste (SOC) 280 29
5 Les Républicains (LR) 199 113
6 Union des démocrates et indépendants (UDI) 28 18
7 Europe Écologie-Les Verts (ECO) 17 1
8 Parti radical de Gauche (RDG) 12 3
9 Parti Communiste Français (COM) 7 10
10 Front National (FN) 1 8
11 Rassemblement bleu Marine (EXD) 2 1
12 Debout la France (DLF) 1 1
13 Sonstige (2017: DVG: 12, DVD: 6) 30 26
Quelle: Website des frz. Innenministeriums

 

 
     
 
       
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 13. Juni 2017
Update: 23. Juni 2017