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Buchrezension

 
       
   

Anke Bernau

 
   

Mythos Jungfrau. Die Kulturgeschichte weiblicher Unschuld
erschienen 2007 im Parthas Verlag

 
       
     
       
     
       
   
     
 

Einführung

Seit den 1960er/1970er Jahren ist alles anders. Die Sexuelle Revolution hat die Tabus hinweggefegt. Jungfräulichkeit spielt seitdem keine Rolle mehr. Tatsächlich? Das Buch Mythos Jungfrau der Kulturwissenschaftlerin Anke BERNAU zeigt, dass die alten Mythen um die Jungfräulichkeit keineswegs mit der sexuellen Revolution obsolet geworden sind, sondern in veränderter Form weiter existieren.

Mythos Jungfrau

"Die von konservativen Beobachtern gemeinhin vertretene Meinung, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts habe es, was die Sexualität betrifft, einen absoluten (und katastrophalen) Bruch mit den sogenannten traditionellen Werten gegeben, ist irreführend: Jungfräulichkeit beispielsweise blieb während der darauf folgenden Jahrzehnte ein wichtiges Kennzeichen persönlicher und gesellschaftlicher Identität. Auch wenn in den 1980er und 1990er-Jahren ein Trend zu verzeichnen war, Jungfräulichkeit als Peinlichkeit für Jungen und Mädchen anzusehen, war sie nach wie vor bedeutsam und ihr Verlust wurde als Initiationsritus begriffen. Da fast überall die Überzeugung herrscht, das Abhandenkommen der Unschuld sei einer der wichtigsten Wendepunkte im Sexualleben, dient der Jungfräulichkeitsverlust als Aufhänger für so manche in der Gesellschaft verbreiteten Ängste und wurde zum Gegenstand heftiger Diskussionen."
(2007, S.169)

Die sexuelle Revolution ist zwar eine Zäsur gewesen, aber es gab bereits davor Epochen, in denen Jungfräulichkeit andere Bedeutungen hatte, die nicht so weit von jenen der sexuellen Revolution entfernt waren. Die USA ist zudem mittlerweile Vorreiter einer neuen Keuschheits-Welle, die bereits seit den 1980er Jahren in zunehmendem Maße die politische Agenda bestimmt. Steht uns also ein neues viktorianisches Zeitalter bevor?

Das Buch Mythos Jungfrau schlägt einen weiten Bogen vom Mittelalter bis zur Jetztzeit. BERNAU beschränkt sich dabei auf den angelsächsischen Raum. Außerdem wird die Problematik aus der Genderperspektive betrachtet. Hier wird deshalb gefragt, inwiefern die Erkenntnisse von BERNAU auch für Deutschland Relevanz haben.

Was versteht man unter Jungfräulichkeit?

Eine allgemeingültige Definition von Jungfräulichkeit gibt es nicht. In der Geschichte hatte Jungfräulichkeit verschiedene Bedeutungen, die zwischen den Polen physiologischer Tatbestand und Einstellung liegen. So stellt sich u.a. die Frage, inwiefern bestimmte sexuelle Praktiken die Jungfräulichkeit beschädigen oder ob eine Vergewaltigung zum Verlust der Unschuld führt. Der Untertitel lautet zwar Die Kulturgeschichte weiblicher Unschuld. Nichtsdestotrotz wird das Thema männliche Jungfräulichkeit nicht völlig ausgespart. Es wird z.B. gefragt inwiefern sich männliche und weibliche Jungfräulichkeit voneinander unterscheidet.

BERNAU verfolgt das Thema in verschiedenen Textsorten. So werden medizinische, religiöse, rechtliche und machtpolitische Aspekte des Themas sichtbar gemacht. Das Bild von Jungfrauen wird aber auch anhand der Literatur oder Filmen analysiert.

Jungfräulichkeit aus medizinischer Sicht

In der medizinischen Literatur steht u.a. die Frage im Mittelpunkt, wie festzustellen ist, ob eine Frau noch Jungfrau ist. Es scheint nahe liegend, das Ende der Jungfräulichkeit mit dem so genannten Jungfernhäutchen (Hymen) in Verbindung zu bringen. Tatsächlich wird dies bis heute immer noch versucht, obwohl der Rückschluss von der Beschädigung des Jungfernhäutchen auf den Verlust der weiblichen Unschuld mit großer Unsicherheit behaftet ist, aber bisweilen fragwürdige (Wiederherstellung durch plastische Chirurgie), wenn nicht gar tödliche Folgen für Frauen hat.

Bei ihrem Streifzug durch die medizinischen Theorien gerät nicht nur das Jungfernhäutchen, das erstmals im 15. Jahrhundert in medizinischen Schriften erwähnt wird, in den Blick, sondern man versuchte Jungfrauen anhand ihres Urinierens, der Blutungen, der Gebärmutter oder sogar mittels ihres Geruchs (man denke hier an den Bestseller Das Parfum) von solchen zu unterscheiden, die ihre Jungfräulichkeit nur vorzutäuschen versuchten.

Eine andere zentrale Frage ist jene nach dem Zusammenhang zwischen Jungfräulichkeit und Frauengesundheit. Die Gesundheitsgefährdung durch Jungfräulichkeit wird von BERNAU anhand verschiedener Vorstellungen aufgezeigt, die sich im Mittelalter herausgebildet haben. Neben der weit verbreiteten Viersäftetheorie von GALEN kursierten u.a. auch Vorstellungen von "giftigen Jungfrauen":

Mythos Jungfrau

"Nehme man das Haar einer menstruierenden Frau (wenn der Mond im Skorpion oder im Widder steht oder aber Venus im Zeichen der Jungfrau) und es in einen Misthaufen legen, entstehe eine Schlange." (2007, S.21)

BERNAU zeigt, dass die Krankheitsbilder je nach Epoche wechselten. So standen während der Aufklärung eher psychische Folgen im Vordergrund. Obwohl ab dem 12. Jahrhundert der Sexualität zwar meist eine gesundheitsfördernde Qualität zugesprochen wurde, gab es jedoch immer wieder Einschränkungen, die im Zusammenhang mit  Ehe und Familie standen. Dies galt in England insbesondere für das Viktorianische Zeitalter.

Jungfräulichkeit aus christlicher Sicht

Wichtiger als die medizinische Sicht ist für BERNAU die Religion:

Mythos Jungfrau

"Auch wenn wir Definitionen von Jungfräulichkeit zunächst bei den Medizinern suchen: Höchste Instanz war in den vergangenen 800 Jahren doch überwiegend die Religion. Die über Jahrhunderte andauernde zentrale Bedeutung religiöser Wissenschafts- und Bildungsinstitutionen im abendländischen Kulturkreis hatte zur Folge, dass das Christentum den Jungfräulichkeitsbegriff in der Gesellschaft grundlegend prägte. Wir mögen uns dessen nicht immer bewusst sein, aber dieser Einfluss ist auch heute noch spürbar." (2007, S.40)

Es wird ausführlich auch auf Differenzen zwischen den verschiedenen Glaubensgemeinschaften wie Katholiken und Protestanten eingegangen, die ihrerseits wiederum ihre Strategien und Politiken hinsichtlich der Bewertung der Jungfräulichkeit im Laufe der Zeit änderten.

Während BERNAU gerade auch im Hinblick auf die USA die Sichtweise des Protestantismus in den Mittelpunkt rückt, betrachtet Katrin BAUMGARTEN in ihrer volkskundlichen Arbeit die Abwertung unverheirateter Frauen in Deutschland insbesondere im Zusammenhang mit dem Marienkult:

Hagestolz und alte Jungfer

"Erst in Verbindung mit dem Marienkult der Mystik, der eine religiös-mystische Vergeistigung und Vergöttlichung der Jungfräulichkeit nach sich zog, erhält der Begriff »Jungfrau« den Bedeutungsgehalt des lateinischen virgo. So werden als »juncvrouwe« zunächst die Gottesmutter und jene christlichen Märtyrerinnen bezeichnet, bei deren Martyrium der Aspekt der sexuellen Unberührtheit eine besondere Rolle spielte. Von hier aus konnte dann »Jungfrau« als Bezeichnung des noch unberührten Mädchens auch in die deutschsprachige weltliche Literatur Eingang finden."
(1997, S.8)

BERNAU beschreibt dagegen den Aufstieg der Evangelikalen in den USA, der Mitte der 1970er Jahre sichtbar wird:

Mythos Jungfrau

"Evangelikale waren vor Mitte der 1970er-Jahre auf dem Radarschirm des öffentlichen Lebens in Amerika so gut wie unsichtbar. Sie zählten über zehn Millionen und ihre Anhängerschaft und institutionelle Stärke wuchs, aber jahrzehntelang waren sie im amerikanischen Mainstream verschwunden. Mit der Wahl des »wiedergeborenen« Präsidenten Jimmy Carter im Jahr 1976 und dem Aufstieg der »Moral Majority«, der »Moralischen Mehrheit« Jerry Falwells gegen Ende der 1970er-Jahre änderte sich das jedoch. Evangelikale waren plötzlich Teil der kulturellen und politischen Landschaft und sind dies seither jahrzehntelang geblieben.
(2007, S.62)

Jungfräulichkeit in Literatur und Film

Im Hinblick auf die Literaturgeschichte stellt BERNAU fest, dass Jungfräulichkeit zum Teil auf widersprüchliche Weise dargestellt wird. Jungfräulichkeit wird Reinheit und Wahrheit zugeschrieben, aber die Möglichkeit der Täuschung muss immer einkalkuliert werden. In Literatur und Film steht einerseits die Jungfräulichkeitsprüfung, also die Zuordnung von Frauen zur Kategorie der "anständigen" (heiratsfähigen) Frauen oder zu "Schlampen" im Vordergrund und anderseits die Entjungferung selber.

BERNAU geht auch der Frage nach, inwieweit Jungfräulichkeit  ausschließlich an Heterosexualität gebunden ist. Können lesbische und homosexuelle Praktiken zum Verlust der Jungfräulichkeit führen? Immer wieder geht es gemäß BERNAU um den Marktwert der Jungfräulichkeit:

Mythos Jungfrau

"Ob die Jungfrau ein moderner Teenager, eine Aristokratin, Bürgerstochter oder ein Arbeitermädchen, eine Braut oder Prostituierte ist, ihre Jungfräulichkeit wird als wertvollster Besitz bezeichnet. Die Jungfrau erzielt einen höheren Preis als andere Frauen, nicht zuletzt, weil sie keine sexuell übertragbaren Krankheiten hat und weil die jungfräuliche Braut den ungestörten Fortbestand der Familie des Mannes gewährleisten und ihrem Vater eventuell einen gewissen gesellschaftlichen Aufstieg ermöglichen kann."
(2007, S.107)

Alternativ dazu wird Jungfräulichkeit aber auch als Fluchtweg aus der männerdominierten Gesellschaft beschrieben. Frauen können sich dadurch Aktivitäten widmen, von denen sie ansonsten ausgeschlossen waren. Dazu gehört das Studieren, berufliche Karriere machen oder sich selbst zu verwirklichen. Jungfrauen können aber auch kriegerisch sein (Von den Amazonen bis zu Jean D'Arc) oder sich zu Frauengemeinschaften (in Deutschland sind vor allem Beginen bekannt geworden) zusammenschließen. Eine wichtige Frage ist, ob erst die sexuelle Revolution das Bild der Jungfrau grundlegend verändert hat:

Mythos Jungfrau

"Trotz der gängigen Ansicht, Jungfräulichkeit sei bis zur sexuellen Revolution der 1960er Jahre geschätzt worden, um sich dann plötzlich in etwas zu verwandeln, dessen man sich schämte, enthalten literarische Quellen schon viel früher Darstellungen von Jungfräulichkeit als langweiligem und glanzlosem Zustand. Zwischen der Überzeugung, sie sei unnatürlich und ungesund, und der Ansicht, sie sei ihrem Wesen nach unbedeutend oder veraltet, besteht zwar ein Unterschied, aber auch eine gewisse Verwandtschaft. Dies geht aus literarischen Zeugnissen hervor, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen."
(2007, S.119)

Der Frage, wie sich das erste Mal für Männer und Frauen darstellt, geht BERNAU ebenfalls nach. Die Bedeutsamkeit dieses Initiationsritus zeigt sich auch darin, dass es in der Erinnerung besonders haften bleibt:

Mythos Jungfrau

"Der Verlust der Unschuld wird von Männern und Frauen als besonderes Ereignis an der Schwelle zum Erwachsenensein wahrgenommen, wenn auch nicht auf dieselbe Weise. Dieses Ereignis scheint so bedeutsam, dass es in der Regel im Gedächtnis bleibt. Erinnerungen an »das erste Mal« bilden ein eigenes literarisches und filmisches Genre, mit eigenen Konventionen, Lieblingsthemen und Handlungsabläufen. Dies ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass diese individuelle Erfahrung zumindest bis zu einem gewissen Grad von der Erzähl- und Romankultur beeinflusst wird, zu der eben nicht nur der Einzelne Zugang hat."
(2007, S.124f.)

Am Beispiel des auch bei uns bekannt gewordenen Schriftstellers Jeffrey EUGENIDES und seinem Roman Die Selbstmord-Schwestern (The Virgin Suicides), der von Sofia COPPOLA verfilmt wurde, beantwortet BERNAU diese Frage.

Jungfräulichkeit und Nation

Dem Gemeinwohl abträglich heißt das 4. Kapitel. Angesichts der heftigen Debatten über den demografischen Wandel in Deutschland, würde man in diesem Kapitel eine Auseinandersetzung mit bevölkerungspolitischen Konzepten erwarten. Aber bei BERNAU findet sich nichts dergleichen. Stattdessen geht es in diesem Kapitel einerseits um die Verwendung der Jungfräulichkeitssymbolik zur Darstellung und Selbstdarstellung des Herrschertums und zum anderen um die Zuweisung der Frau zu Haus und Familie. Frauen, die sich dem widersetzten, wurden als Mannweiber oder als Straßenmädchen beschrieben. Dass der Feminismus zu weit gegangen sei, diese antifeministische Klage ist auch in England, mehr noch in den USA ein gängiger Vorwurf.

BERNAU setzt sich mit den Ansätzen von Wendy KELLER und Wendy SHALIT auseinander, die das Konzept der Jungfräulichkeit als Lösung propagieren.

Mythos Jungfrau

"Die Sorge, die sichtbare Präsenz und Aktivität von Frauen in der Öffentlichkeit rufe bei Männern Ärger und Gewalt hervor, ist nicht verschwunden. Heute gibt es ein eigenes Genre, das deutlich zum Ausdruck bringt, der Feminismus sei »zu weit gegangen« und Jungfräulichkeit die Lösung dieses Problems. Wendy Shalit fordert im Titel ihres Buches eine »Rückkehr zur Sittsamkeit« und behauptet, der Verlust der »weiblichen Tugend« infolge von Feminismus und Sexualkundeunterricht habe zu einem Anstieg männlicher Respektlosigkeit und Gewalt gegen Frauen geführt (...). Mit Beispielen aus der Literatur »belegt« sie, dass Frauen »früher« nicht sexuell belästig worden seien. In dieser undefinierten und idealisierten Vergangenheit »machte Sittsamkeit ... jede Frau zur Dame, Ehre jedes männliche Wesen zum Mann«. Frauen sollten wieder sittsam werden, weil sei nur so hoffen könnten, männliches Verhalten zu ändern (...).
Wendy Keller argumentiert in ihrem Buch The Cult of the Born Again Virgin (...) bisweilen ähnlich: »Wir stellen fest, dass die sexuelle Freiheit, die wir uns seit den 1960ern erlaubt haben, nicht mehr gut für uns ist. Sie bringt uns nicht das, was wir von ihr erwartet haben. Dreißig Jahre lang haben wir es ausprobiert - lange genug für einen Testlauf.« Hier sind einige interessante Vorannahmen enthalten: dass die »sexuelle Freiheit« in den 1960er-Jahren sehr plötzlich (bei allen!) Einzug hielt, als ob traditionelle Einstellungen zu Sexualität über Nacht abgeschafft werden könnten, und dass die Dauer von 30 Jahren als zuverlässiger Maßstab dienen kann, um Veränderungen festzustellen. Wie Shalit gibt auch Keller zu bedenken, Enthaltsamkeit mache Frauen stärker und gebe ihnen die Möglichkeit zu definieren, was sie von einem Partner, aber auch vom Leben überhaupt erwarten. Insofern sind die beiden Bücher Teil einer Tradition, die Jungfräulichkeit oder Enthaltsamkeit als etwas betrachtet, das Frauen mehr Selbstbestimmung ermöglicht, weil sie dadurch den Anforderungen der (Hetero-)Sexualität und der Ehe (zumindest teilweise) entgehen."
(2007, S.151f.)

BERNAU zeigt anhand der Diskussion von Vergewaltigungsdelikten in Rechtstexten, dass Jungfräulichkeit keine Lösung ist. Die Vorstellung, was eine Vergewaltigung ist, hat sich im Laufe der Rechtsgeschichte mehrmals geändert. Heutzutage wird Vergewaltigung als "ohne Einverständnis erfolgter sexueller Übergriff" definiert. Dahinter verbirgt sich das Konzept der Verhandlungs- bzw. Konsensmoral  . BERNAU ist der Auffassung, dass der Nachweis eines Vergewaltigungsdelikt schwer zu erbringen ist, dass man sich dagegen aber leicht verteidigen kann.

In einem Rezensionsessay zum Thema Menschen ohne Beziehungserfahrung wurde bereits darauf hingewiesen, dass verunsicherte bzw. erfolglose Männer in Sachen Partnersuche sich auch als Opfer der Frauenbewegung sehen . Im Buch Unberührt von Arne HOFFMANN kommen 10 Betroffene zu Wort:

Unberührt

Simon, 25
"Verschärft wird die Problematik für Männer durch einen Männerüberschuss in den relevanten Jahrgängen sowie durch eine in Deutschland übers Ziel hinausgeschossene Frauenbewegung. Diese hat zur Verunsicherung unter jungen Männern geführt. Die Frage »Wer bin ich?« beziehungsweise »Wie soll ich sein?« lässt sich nicht mehr schlüssig beantworten, jede Option scheint falsch. Männer sind nicht selten verschüchtert. Die Omnipräsenz von Meldungen über »sexuelle Belästigung« von Frauen sind oft im eigenen Denken vorhanden, das Ansprechen einer unbekannten Frau wird nicht einmal mehr erwogen. Diese Angst ist für hässliche Männer durchaus berechtigt: Ein Vordringen in die Privatsphäre einer Frau wird ihnen wesentlich schneller als Belästigung ausgelegt, als dies bei einem attraktiven Mann der Fall wäre, dem dasselbe Verhalten häufig sogar positiv als soziale Aufgeschlossenheit angerechnet wird. Der Feminismus ist nicht gerecht; die »Political Correctness« verbietet uns jedoch, dies offen auszusprechen."
(2006, S.31)

Solche beziehungsunerfahrene Männer, die sich als Opfer des Feminismus empfinden, haben zum einen offenbar ein eher rigides, traditionell orientiertes Konzept von Jungfräulichkeit im Kopf  und zum anderen machen sie für ihre Erfolglosigkeit nicht eigene Unwissenheit, mangelnde Erfahrung bzw. Übung oder unpassende Situationen verantwortlich, sondern die Frauenbewegung. Dies hat aber nicht unbedingt eine steigende Gewalttätigkeit gegen Frauen zur Folge, sondern führt zu Resignation, Intoleranz im Denken und einer Unfähigkeit, sich die neuen Spielregeln anzueignen.

Arne HOFFMANN führt auch Gespräche mit Menschen, die er als Experten einstuft, so z.B. mit Wolfgang CRONRATH, der an einem Buch zum Thema Absolute Beginner, kurz AB (so der Name eines Forums, in dem sich Menschen ohne Beziehungserfahrung austauschen) arbeitet. CONRATH sieht diese Männer u.a. auch als Opfer der Frauenbewegung:

Unberührt

"Ich glaube aufgrund der Äußerungen und der Wortwahl von männlichen ABs, dass auch der Feminismus insgesamt einen großen Beitrag zur Verunsicherung beim Umgang zwischen den Geschlechtern geleistet ha, nicht nur was sexuelle Belästigung betrifft.
Ich habe den Eindruck, dass vor allem männliche ABs einige feministischen Forderungen aus Schule und Massenmedien aufgenommen haben und sie perfekt erfüllen (...). Sie sind (...) das Gegenteil von dem Feindbild der Frauenbewegung, dem bösen Macho.
(...).
»Leider« entspricht der Männergeschmack der Feministinnen, wie die Praxis zeigt, nicht dem Männergeschmack der Mehrheit der Frauen. Die Anpassung an diese Forderungen bewirkt, dass männliche ABs als seelischer Müllabladeplatz missbraucht und als Männer schlicht ignoriert werden. Nicht einmal Feministinnen selbst (...) honorieren die Neuen Männer! (...).
Stattdessen wurden deutsche Männer rund 30 Jahre durch radikalen Feminismus mit einseitigen und unerfüllbaren Forderungen konfrontiert, verunsichert, kollektiv als Tätergeschlecht beschimpft und psychisch demontiert (...). Viele deutsche Männer scheinen sich diesen Forderungen angepasst zu haben und sind schlicht eingeschüchtert. Sie sehen Frauen als das höhere, reine Geschlecht und treten ihnen gegenüber devot auf."
(2006, S.156f.)

Im Buch Unberührt wird nicht Jungfräulichkeit als Lösung propagiert, sondern eine Kultur der Verkupplung, die jedoch in individualistischen Kulturen auf Vorbehalte stoße. Es zeigt sich, dass sich der männliche und der weibliche Blick auf das Phänomen der Jungfräulichkeit grundsätzlich unterscheidet. Gerade hinsichtlich des gegengeschlechtlichen Rollenverhaltens gibt es ein strukturelles Dilemma, das jeweils auf eine Seite hin aufgelöst wird.

Im Jahr 2005 erschien das Buch Konsumrebellen. Der Mythos der Gegenkultur von Joseph HEATH & Andrew POTTER auf deutsch. Es ist so etwas wie die Bibel der Neubürgerlichen, die das Wertesystem der Popkultur revolutionieren wollen . Die Autoren gehörten selber der Gegenkultur an und beklagen darin nun, dass durch die sexuelle Revolution und den Feminismus die alten Spielregeln aufgelöst, aber nicht durch neue, bessere ersetzt wurden. Anarchie bestimme demnach den Partnermarkt:

Konsumrebellen

"Wenn man erkennen will, was da schief gelaufen ist, muss man nur auf die Kontroverse zurückblicken, die ein populärer Flirtratgeber in Amerika ausgelöst hat. Er wurde 1995 von Ellen Fein und Sherrie Schneider unter dem Titel The Rules veröffentlicht und fand in erster Linie wegen seiner sehr konservativen Ratschläge Beachtung. (...). Die Feministinnen waren außer sich. (...). Bei aller Empörung wurde allerdings versäumt, die eigentliche Lehre aus diesem Ereignis zu ziehen. Die Popularität von The Rules macht nämlich deutlich, dass schlechte Regeln besser sind als gar keine.
(...).
Die sexuelle Revolution hat (...) letztlich alle traditionellen gesellschaftlichen Normen zerstört, von denen die Geschlechterverhältnisse beherrscht wurden; sie hat sie aber nicht durch neue ersetzt. Sei hinterließ ein Vakuum. Meine eigene Generation, die Ende der siebziger Jahre erwachsen wurde, war deshalb gezwungen, ihren eigen Weg durch die vertrackten Probleme der Adoleszenz zu finden. Das war keine Befreiung, es war die Hölle."
(2005, S.87ff.)

Diese Kritik zeigt, dass es längst nicht mehr nur religiöse Fundamentalisten sind, die eine Revision der Geschlechterverhältnisse anstreben, sondern das Establishment der Gegenkultur, auf dieser Website als Neue Mitte beschrieben, ist ebenfalls in diesen Kulturkampf involviert.

Jungfräulichkeit als Konzept mit Zukunft

So heißt das abschließende Kapitel im Buch Mythos Jungfrau, das sich mit Trends zur Jungfräulichkeit beschäftigt, insbesondere zur Sexualerziehung. BERNAU geht in diesem Kapitel speziell auf die Bewegungen zur Enthaltsamkeitserziehung in den USA ein. Die Entstehung der Keuschheitsbewegung beschreibt sie folgendermaßen:

Mythos Jungfrau

"Die Keuschheitsbewegung entstand 1981, als der Baptist und republikanische Senator Jeremiah Denton in Alabama ein Gesetzt gegen Abtreibung und Teenagersex einführte. Zunächst ausgelacht oder ignoriert, gewann die Bewegung an Stärke, und 20 Jahre später hatte die Rechte »die Sexualkundekriege so gut wie gewonnen. 1997 hat der US-Kongress 250 Millionen Dollar zur Finanzierung von noch mehr Keuschheitserziehung bereitgestellt, die nach ihrer Umbenennen in 'Enthaltsamkeitserziehung' weniger nach Kirche und mehr nach Anonymen Alkoholikern klingt.«
Nicht nur die Republikaner förderten die Enthaltsamkeitserziehung, auch Präsident Clinton soll sie 1994 mit seiner 400-Millionen-Dollar-Kampagne gegen Teenagerschwangerschaften unterstützt haben."  (2006, S.173)

Mit der Enthaltsamkeitsbewegung, die vorehelichen Sex zurückdrängen möchte, sollen Abtreibungen, Teenagerschwangerschaften, die Ausbreitung sexuell übertragbarer Krankheiten verhindert und der Gruppenzwang zu verfrühter sexueller Aktivität verringert werden. Auch in Deutschland stehen diese Themen zunehmend auf der politischen Agenda. Sie sind jedoch stark in die Debatte um den demografischen Wandel eingebunden.

Im Gegensatz zu Großbritannien und den USA ist das Thema Teanagerschwangerschaften in der Unterschicht eher sekundär. Angesichts der Tatsache, dass bevölkerungspolitische Strategien auf die Verringerung des Erstgebäralters setzen, könnte dies aber auch bald hierzulande ein größeres Thema werden.

Die Ökonomie der medialen Aufmerksamkeit wird derzeit in Deutschland von dem Motto Oversexed and Underfucked geprägt. Die Lösung der Probleme wird nicht in der Zunahme sexueller Enthaltsamkeit, sondern gerade in deren Überwindung gesehen. Indikator für den Erfolg ist natürlich keineswegs die Zunahme sexueller Handlungen an sich, sondern die Zunahme von Geburten .

Anthologien wie Sex ist eigentlich nicht so mein Ding. Oder Pamphlete gegen die Pornografisierung der Gesellschaft wie Tanz um die Lust wenden sich gegen die Sexualisierung der Öffentlichkeit. Hier  schwingt immer auch eine neu erwachte Lust zur Abgrenzung gegenüber der Unterschicht mit.

Eine erstarkende Männerbewegung, die sich um den Säulenheiligen Michel HOUELLEBECQ scharrt, könnte angesichts der allseitigen Klagen über einen Kindermangel zur Revidierung der Geschlechterverhältnisse führen. Inwiefern das Konzept der Jungfräulichkeit dabei eine zentrale Rolle spielt, bleibt abzuwarten.       

Fazit: Das Buch gibt einen guten Einblick in das Konzept der Jungfräulichkeit, das durch die sexuelle Revolution keineswegs bedeutungslos geworden ist

Das Buch von Anke BERNAU beschäftigt sich zwar fast ausschließlich mit den Entwicklungstendenzen in den angelsächsischen Ländern, wobei der Bedeutungswandel der Jungfräulichkeit vom Mittelalter bis zur Jetztzeit beschrieben wird, aber es konnte hier gezeigt werden, dass das Thema Jungfräulichkeit auch für Deutschland Relevanz hat.

Entgegen neokonservativer Klagen über die Auflösung aller Normen durch die sexuelle Revolution zeigt BERNAU, dass Jungfräulichkeit zwar eine Veränderung erfahren hat, aber alte Vorstellungen in der Gegenwart weiterhin vorhanden sind und unser Denken stärker prägen als wir wahrhaben wollen.

Die Single-Lüge - Das Buch zur Debatte

Die Single-Debatte ist längst in eine Sackgasse geraten. Dies wird in diesem Buch u.a. der Individualisierungsthese des Münchner Soziologen Ulrich Beck angelastet.
        
Das Buch sollte als Beitrag zur Versachlichung der Debatte verstanden werden und liefert deshalb Argumente für eine neue Sichtweise auf das Single-Dasein im Zeitalter der Demografiepolitik.

 
     
 
       
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 17. November 2007
Update: 27. Januar 2017