[ Übersicht der Themen des Monats ] [ Rezensionen zum Single-Dasein ] [ News ] [ Homepage ]

 
       
   

Thema des Monats

 
       
   

Menschen ohne Beziehungserfahrung

 
       
   

Olaf Wickenhöfer ("Unfreiwillig Single") und Arne Hoffmann ("Unberührt") machen auf die Probleme von Menschen aufmerksam, die im mittleren Lebensalter noch keine Beziehungserfahrung haben.

 
       
     
       
   

Die Themen des Rezensionsessays

 
       
   
     
 

Einführung

Das Thema Menschen ohne Beziehungserfahrung könnte man von ganz unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. In unserer paar- und familienorientierten Gesellschaft gelten die Eltern-Kind-Beziehung und die Partnerschaft jedoch als jene Beziehungsformen, die jeder Mensch erfahren haben sollte.
      
 
Darüber können auch nicht poplinke Thesen vom Mainstream der Minderheiten oder neubürgerliche Pamphlete wie Otto Normalabweicher hinwegtäuschen. Im mittleren Lebensalter lebt die überwiegende Mehrheit der deutschen Bevölkerung in einer Partnerschaft bzw. Familie. Klischees wie jene von der Single-Gesellschaft oder von den swinging Singles gehen deshalb an der Lebenswirklichkeit von Alleinlebenden und Partnerlosen vorbei.
      
 
Die Single-Lüge führt zudem dazu, dass Menschen, die unfreiwillig partnerlos bzw. kinderlos sind, sich mit ihren Problemen in dieser Gesellschaft nicht ernst genommen fühlen können. Menschen ohne Beziehungserfahrung, die mit ihrer Situation unzufrieden sind,  werden im schlimmsten Fall zusätzlich diskriminiert. Sie ernten Spott (selber schuld!) oder erregen im besten Fall Mitleid, was auch nicht weiterführend ist. Der Umgang mit ihnen wird außerdem dadurch erschwert, dass sie sich ihrer "Anormalität" (meist) zwar bewusst sind, aber Schamgefühle und Schüchternheit eine aktive Auseinandersetzung mit der eigenen Situation erschweren.
      
 
Das Aufkommen des Internets hat die Möglichkeiten solcher Menschen ohne Beziehungserfahrung insofern verbessert, da durch spezielle Foren ein Austausch mit anderen Betroffenen erleichtert wurde und Single-Börsen auch die Hemmschwelle für Schüchterne senken können.
      
 
Die beiden Autoren, deren Bücher hier vorgestellt werden, haben solche Forenteilnehmer interviewt. Es handelt sich hier um Menschen, die sich mit ihren Problemen intensiv auseinandergesetzt und mehr oder weniger komplexe Alltagstheorien über die Ursachen ihrer Situation und mögliche Lösungen entwickelt haben.

Forschungsdefizite und Probleme der Zugangsweisen zum Thema   

Die erziehungswissenschaftliche Studie von Olaf WICKENHÖFER über unfreiwillige Singles versteht sich als Pionierarbeit zu Menschen ohne Beziehungserfahrung. Es kann deshalb nicht um repräsentative Ergebnisse zu dieser Problemgruppe gehen, sondern nur um eine Sondierung des Feldes.
      
 
Arne HOFFMANN hat mit seinem Sachbuch Unberührt die Problematik journalistisch aufbereitet. Bei ihm kommen sowohl die Menschen mit ihren Selbsteinschätzungen und Überzeugungen zu Wort als auch Experten wie WICKENHÖFER. Und nicht zuletzt gibt HOFFMANN Denkanstösse und zeigt Lösungsmöglichkeiten auf. Die beiden Bücher decken damit prinzipiell die ganze Bandbreite des Themas ab.
      
 
Nichtsdestotrotz soll hier auch gezeigt werden, dass bereits der spezielle Zugang zum Thema die Problemlage der Menschen ohne Beziehungserfahrung mitkonstruiert.
      
 
Gehen wir von der poplinken Position eines Mainstreams der Minderheiten aus, dann ständen den Menschen ohne Beziehungserfahrung verschiedene Lebensstile offen, die prinzipiell gleichwertig nebeneinander stehen. In einer pluralistischen Gesellschaft wäre die heterosexuelle Paarbeziehung nur eine von vielen möglichen Lebensstilen.
      
 
WICKENHÖFER zieht jedoch mögliche Übergänge z.B. zur Homosexualität oder zur lesbischen Liebe nicht in seine Überlegungen mit ein. Stattdessen wird die radikale Frauenbewegung für die Probleme von Menschen ohne Beziehungserfahrung entweder explizit wie bei HOFFMANN oder implizit wie bei WICKENHÖFER mitverantwortlich gemacht.
      
 
Bei WICKENHÖFER könnte diese Aussparung als Ergebnis der Selbstdeutungen der Befragten interpretiert werden, aber auch auf der theoretischen Ebene kommen gleichgeschlechtliche Partnerschaften erst gar nicht in den Blick.
      
 
In der neueren soziologischen Forschung werden dagegen gleichgeschlechtliche Partnerschaften miteinbezogen. Hier wäre vor allem das Buch Nichtkonventionelle Lebensformen von SCHNEIDER/ROSENKRANZ/LIMMER zu nennen .
      
 
WICKENHÖFER hat 21 E-Mail-Interviews mit 18 Männern und 3 Frauen durchgeführt. 20 Befragte entsprechen der Fragestellung der Studie, weil sie ihre Situation als unfreiwillig einschätzen. Aus dem Rahmen fällt jedoch Holger:

Unfreiwillig Single

"Holger bezeichnet sich im Gegensatz zu allen anderen als »freiwillig Beziehungsloser«, der zwar noch nie eine intime Beziehung zum anderen Geschlecht hatte, aber unter diesem Zustand nach eigener Aussage auch nicht leidet.
(...). Eventuell zeigt sich in seinem (...) Verhalten (...) ein Potential zur aktiven Problemlösung, welches ihn von anderen in ähnlicher Lage unterscheidet und es ihm (...) ermöglicht, sich als aktiv Handelnden zu betrachten, der Situationen nicht hilflos erleiden muss, sondern sie durchaus auch selbst verändern kann." (2004, S.39)

Während neuerdings Asexualität als eigenständiges Phänomen behandelt wird, das quasi als normaler "sexueller" Lebensstil gilt, versucht WICKENHÖFER Holger ins Konzept von Menschen ohne (gegengeschlechtliche) Beziehungserfahrungen zu integrieren, obwohl gerade die Unfreiwilligkeit dieses Zustandes Kernbestandteil der Problemgruppe ist.
      
 
Ob ein Lebensstil einer Person in die Problemgruppe fällt oder nicht, das hängt also auch mit der Zugangsweise zum Thema ab. Dieser Aspekt soll hier jedoch nicht weiterverfolgt werden. Es sollte jedoch klar geworden sein, dass Menschen ohne Beziehungserfahrung durchaus auch anders in den Blick geraten könnten. Die Konzentration auf Menschen ohne gegengeschlechtliche Beziehungserfahrung ist bereits eine Perspektivenverengung, die zum einen einem speziellen Gesellschaftsbild und zum anderen der Reduktion auf ein spezielles Rollenbild von Mann und Frau geschuldet ist.
      
 
Es kann also zusammengefasst werden: Wenn hier im Weiteren von Menschen ohne Beziehungserfahrung gesprochen wird, dann bezieht sich der Aspekt der Freiwilligkeit einzig und allein auf gegengeschlechtliche Partnerschaften. Allen Befragten geht es um das Eingehen einer heterosexuellen Partnerbeziehung. Homosexualität oder lesbische Liebesbeziehungen stellen für diese Menschen keine Option dar (Im Buch von HOFFMANN kommt dagegen auch eine Absolute Beginnerin mit lesbischer Beziehungserfahrung zur Sprache). Außer für Holger ist auch ein asexuelles Leben keine zufrieden stellende Alternative.
      
 
Eine weitere Einschränkung ergibt sich daraus, dass Promiskuität keine Option darstellt. Ziel ist eine dauerhafte, feste Partnerschaft. Sexuelle Kontakte, die außerhalb von festen Beziehungen stattfinden, werden ebenfalls abgelehnt. Die Vorstellungen entsprechen in diesem Sinne dem klassischen Partnerschaftsverständnis. Alle anderen Modelle gelten in dieser Sicht sozusagen als abweichende Verhaltensweisen.
      
 
Wir haben es damit mit einer Gegenposition zum Mainstream der Minderheiten zu tun. Die Gesellschaft wird nicht als pluralistisch gedacht, sondern als Mehrheitsgesellschaft, die die Normen aller Lebensstile prägt. Die Existenz von Lebensstilen, die friedlich nebeneinander existieren können, wird damit negiert. Wenn man diese Vorannahmen akzeptiert, dann können die theoretischen Überlegungen und Ausführungen von WICKENHÖFER ohne Weiteres nachvollzogen werden.
      
 
Die spezielle Konstruktion der Problemgruppe tangiert aber auch die Frage, wie viele Menschen ohne Beziehungserfahrung es überhaupt in Deutschland gibt.

Wie viele Menschen ohne Beziehungserfahrung gibt es im mittleren Lebensalter?

Die Individualisierungsthese des Soziologen Ulrich BECK legt nahe, den Blick bei dieser Frage auf die steigende Zahl der Einpersonenhaushalte zu richten. Der rapide Anstieg dieser Single-Haushalte würde auf die Zunahme der Partnerlosigkeit in Deutschland hindeuten.
      
 
Auch WICKENHÖFER nimmt hier seinen Ausgangspunkt. Seine Zahlenangaben spiegeln jedoch den Erkenntnisstand Mitte der 90er Jahre wider, der insbesondere der Lektüre des Buches Sind Singles anders? von Beate KÜPPER geschuldet ist:

Sind Singles anders?

"Alles in allem schwankt die Zahl der geschätzten Singles von ca. 3 % bis 30 % je nach gewählter Definition und Bezugsgröße. Genaueres kann leider aufgrund fehlender Datengrundlage zu diesem Zeitpunkt nicht über die Häufigkeit von Singles im hier definierten Sinne als Partnerlose im mittleren Erwachsenenalter gesagt werden. Zu vermuten ist auf jeden Fall, daß die Angaben der amtlichen Statistik über Alleinstehende und Alleinwohnende die Zahl der partnerlosen Singles überschätzt." (2002, S.27f).

Kürzlich hat das Statistische Bundesamt die Haushaltszahlen für das Jahr 2005 veröffentlicht . Daraus ergibt sich die folgende Verteilung der 25- bis 45jährigen Männer und Frauen auf Ein- und Mehrpersonenhaushalte:

Die im Januar 2005 veröffentlichte Parship-Single-Studie ermittelte einen Anteil von ca. 2,1 Millionen Partnerlosen bei den 31- bis 40Jährigen. Dies entspräche einem Anteil von ca. 20 % dieser Altersgruppe . Neben Alleinlebenden gehören dazu jedoch auch partnerlose Alleinerziehende und partnerlose Nesthocker sowie Partnerlose, die in Wohngemeinschaften oder Mehrgenerationenhaushalten leben .
      
 
Zu diesen Partnerlosen gehören jedoch nicht nur Menschen ohne Beziehungserfahrung, sondern vor allem Menschen zwischen zwei Beziehungen. Hier ergibt sich dann die Frage, wann wird von einer "festen" Beziehung gesprochen? Darf jemand bereits ein oder gar mehrmals sexuelle Erfahrungen gemacht haben?
      
 
WICKENHÖFER umreißt seinen Personenkreis folgendermaßen:  

Unfreiwillig Single

"Die 21 interviewten Teilnehmer unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Beziehungsbiografie. Während einige noch keinerlei intime Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht gemacht hatten, gab es andere, die bereits Beziehungen hatten oder sich sogar aktuelle in einer befanden; allen gemeinsam war jedoch, dass sie über lange Zeit hinweg unfreiwillig ohne Partner lebten und damit in die Personengruppe fielen, deren Sozialisationsgeschichte und kulturelle Alltagspraxis erforscht werden sollte." (2004, S.31)

Leider sind dem Buch von WICKENHÖFER nicht einmal die grundlegendsten Daten der Befragten zu entnehmen. Zitiert werden lediglich 19 von 21 Befragten. Das Alter einer der drei befragten Frauen ist einmal mit 21 und ein anders Mal mit 28 Jahren angegeben. Nimmt man letzteres an, dann wäre die jüngste Befragte 22 Jahre alt und der älteste Befragte 38 Jahre. Für 3 Personen fehlen jedoch jegliche Altersangaben und für 4 Personen fehlen Angaben zum beruflichen Status.
      
 
Acht der zitierten Befragten sind älter als 30 Jahre. Selbst im Personenkreis der Befragten sind also 30Jährige ohne jegliche sexuellen Erfahrungen oder Beziehungserfahrungen eine Minderheit.
      
 
Arne HOFFMANN nennt in seinem Vorwort verschiedene Studien, die gewisse Anhaltspunkt für die Verbreitung von Menschen ohne Beziehungserfahrung bieten:

Unberührt

"Der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zufolgen umfasst die Gruppe der »Jungfrauen über 18« etwa ein Drittel dieser Altersgruppe. Manche gehören dazu bis ins vierte oder fünfte Lebensjahrzehnt ihres Lebens. Statistisch führen sie weitgehend noch ein Schattendasein, da sie bei Umfragen schwer zu erfassen sind. Immerhin aber ergab eine Studie, die Infratest Dimap im Auftrag des Magazins »ZeitWissen« durchführte, dass fast zehn Prozent aller 30-jährigen Männer noch nie Sex hatten. Das Gewis-Institut befragte für die Zeitschrift »Laura« gleichzeitig über tausend Frauen zwischen 16 und 60 Jahren und kam dabei auf eine Rate von fünf Prozent, die ebenfalls noch nie Sex hatten. Auch eine Studie des Leipziger Sexualforschers Kurt Starke ermittelte bei rund zehn Prozent aller männlichen Hochschulabsolventen aus dem Westen fehlende Erfahrungen in Sachen Geschlechtsverkehr bis zum 29. Lebensjahr." (2006, S.8)

Obwohl die sexuelle Revolution bereits 40 Jahre zurück liegt, scheinen die Errungenschaften noch nicht bei allen angekommen zu sein. Oder ist gerade die sexuelle Revolution das Problem? Vielleicht ist hier ein Blick auf die Medienberichterstattung hilfreich.

Menschen ohne Beziehungserfahrung in der Öffentlichkeit

1998 eröffnete das Internet-Forum Absolute Beginner, deren Zielgruppe folgendermaßen beschrieben wurde:

Unfreiwillig Single

"Absolute Beginners - kurz ABs - bezeichnet Menschen, die noch keine Erfahrungen mit Beziehungen gesammelt haben, obwohl sie mittlerweile in einem Alter sind, indem die meisten anderen derartige Erfahrungen gemacht haben - also etwa ab 20 Jahren aufwärts. Diesen wird hier eine Online-Plattform geboten." (2004, S.10)

Im gleichen Jahr erschien in Frankreich der Skandalroman Elementarteilchen von Michel HOUELLEBECQ, der ein Jahr später, fast gleichzeitig mit dem Debüt Ausweitung der Kampfzone in Deutschland erschien.
      
 
In beiden Romanen wurde die unfreiwillige Partnerlosigkeit thematisiert. Für die zunehmende Ungerechtigkeit im sexuellen Bereich wurde zum einen die sexuelle Liberalisierung und zum anderen der Feminismus verantwortlich gemacht:

Ausweitung der Kampfzone

"In einem Wirtschaftssystem, in dem Entlassungen verboten sind, findet ein jeder recht oder schlecht seinen Platz. In einem sexuellen System, in dem Ehebruch verboten ist, findet jeder recht oder schlecht seinen Bettgenossen. In einem völlig liberalen Wirtschaftssystem häufen einige wenige beträchtliche Reichtümer an; andere verkommen in der Arbeitslosigkeit und im Elend. In einem völlig liberalen Sexualsystem haben einige ein abwechslungsreiches und erregendes Sexualleben; andere sind auf Masturbation und Einsamkeit beschränkt. Der Wirtschaftsliberalismus ist die erweiterte Kampfzone, das heißt, er gilt für alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen. Ebenso bedeutet der sexuelle Liberalismus die Ausweitung der Kampfzone, ihre Ausdehnung auf alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen."

Seit 1999 greifen die Medien das Thema verstärkt auf. Auf dieser Website wurde diese Debatte insbesondere auch mit dem demografischen Wandel in Verbindung gebracht .
      
 
Es darf nämlich durchaus bezweifelt werden, dass die unfreiwillige bzw. dauerhafte Partnerlosigkeit ein historisch neues Problem ist. Ob es heute mehr dauerhaft Partnerlose als vor 1968 gibt, lässt sich empirisch nicht feststellen. Im Buch Die Single-Lüge wird auf die Deutungskämpfe im Zusammenhang mit dem Single-Dasein und die damit verbundenen Kollateralschäden näher eingegangen.

Die Single-Lüge - Das Buch zur Debatte

Die Single-Debatte ist längst in eine Sackgasse geraten. Dies wird in diesem Buch u.a. der Individualisierungsthese des Münchner Soziologen Ulrich Beck angelastet.
        
Das Buch sollte als Beitrag zur Versachlichung der Debatte verstanden werden und liefert deshalb Argumente für eine neue Sichtweise auf das Single-Dasein im Zeitalter der Demografiepolitik.

"Oversexed and underfucked" ist - wie dem auch sei - in zunehmenden Maße die trendige Devise. Dass in diesem Zusammenhang Menschen ohne Beziehungserfahrung ins Zentrum der medialen Aufmerksamkeit geraten, ist deshalb wenig verwunderlich.
      
 
Ausgehend von Amerika hat zudem die True-Love-Waits-Bewegung die Enthaltsamkeit vor der Ehe zum Lebensstil erhoben. Menschen ohne Beziehungserfahrung müssen ihr Manko damit nicht mehr unbedingt als Defizit erleben, sondern können fehlende sexuelle Erfahrung als freiwilligen Lebensstil präsentieren. In Deutschland hat dieses Modell jedoch bislang noch nicht Schule gemacht. Auf diesen Mythos Jungfrau, so ein Buchtitel der Kulturwissenschaftlerin Anke BERNAU, wird in einer weiteren Rezension näher eingegangen  .

Die Ursachen von lang andauernder Beziehungsunerfahrenheit

Olaf WICKENHÖFER hat in der wissenschaftlichen Literatur der USA zwei Ansätze gefunden, die sich mit der Problematik beschäftigen. Brian G. GILMARTIN sieht in der Liebes-Schüchternheit ("Love-Shyness") das Hauptproblem, während Denise DONNELLY und andere die unfreiwillige Keuschheit ("Involuntary Celibacy" ) als Folge von verpassten Gelegenheiten im Lebensverlauf betrachten. Beide Aspekte schließen sich nicht aus, sondern sind eher zwei Seiten einer Medaille. Liebes-Schüchternheit führt zu verpassten Gelegenheiten, die sich im Lebensverlauf zu einem Teufelskreis verfestigen.
      
 
Ein Ansatz, der eine mehrdimensionale Betrachtung des Lebensverlaufs ermöglicht, wurde in Deutschland von Monika WOHLRAB-SAHR entwickelt. Jedes Individuum muss in dieser Sicht sein Leben sowohl in zeitlicher Hinsicht als auch im Hinblick auf die Vereinbarkeit zentraler Lebensbereiche strukturieren. Dies bedeutet, dass Gewichtungen im Bereich von ausbildungs- und berufsbezogenen Entscheidungen auch Konsequenzen für den privaten Lebensstil haben und umgekehrt.
      
 
Werden bestimmte Weichen im Lebenslauf nicht rechtzeitig gestellt, dann kann dies das Lebensarrangement stören.
      
 
Eine solche Sichtweise hat gegenüber dem umstrittenen entwicklungspsychologischen Konzept der Altersnormen, das WICKENHÖFER im Anschluss an DONELLY bevorzugt, den Vorteil, dass Störungen als Vereinbarkeit mit gesellschaftlichen Lebenslaufregimen in den Blick geraten.
      
 
Ein solche Sichtweise ist einer pluralistischen Gesellschaft angemessener als das Altersnormen-Konzept, das für ALLE Gesellschaftsmitglieder einen verbindlichen Übergang behauptet.
      
 
In einer funktional-differenzierten Gesellschaft mit einem stark segmentierten Ausbildungs- und Arbeitsmarkt existieren unterschiedliche Lebenslaufregime nebeneinander. Verschiedene Milieus ermöglichen unterschiedliche Lebensverläufe. Geht man davon aus, dass es rigide Altersnormen in modernen Gesellschaften nicht mehr gibt, sondern Übergangsmöglichkeiten eine enorme Spannbreite haben, dann ist der Spielraum für Menschen ohne Beziehungserfahrung heutzutage größer. Dies widerspricht kulturpessimistischen Sichtweisen, wie sie z.B. bei Michel HOUELLEBECQ anklingen.
      
 
Vereinbarkeitsprobleme ergeben sich also in erster Linie aus den Ablaufprogrammen und Anforderungsprofilen spezieller gesellschaftlicher Institutionen. An diesen Schnittstellen entscheidet sich dann, ob verpasste Gelegenheiten nachgeholt werden können oder nicht.
      
 
Auch die Autoren der Bücher müssen feststellen, dass Beziehungsunerfahrene selbst noch in ihren Dreißigern und Vierzigern in befriedigenden Partnerschaften landen können. Es muss also darum gehen, diese Chancen zu nutzen.
      
 
Auch wenn man also das Altersnormen-Konzept ablehnt, sind die Ergebnisse, die WICKENHÖFER und HOFFMANN präsentieren, keineswegs belanglos, sondern sie sind nur anders einzuordnen.
      
 
Die Prägung im Elternhaus und durch Gleichaltrige ("Peergroup") in Schule und Freizeit können bereits in der Kindheit und Jugend die Aneignung von Kompetenzen im Umgang mit dem anderen Geschlecht behindern oder fördern. Verpasste Gelegenheiten können sich dann während der Ausbildung bzw. des Studiums weiter negativ verstärken. Spezielle Berufskarrieren können zu weiteren Verfestigungen führen. Man denke hier an die Debatte um Nerds .
      
 
Ein zentraler Aspekt ist gemäß WICKENHÖFER, dass introvertierte Menschen gegenüber extravertierten Menschen benachteiligt sind. Vielleicht sollte man jedoch von diesen persönlichkeitsspezifischen Temperamentunterschieden nicht vorschnell auf den bedeutenderen Unterschied zwischen aktiv und passiv schließen.
      
 
Menschen können introvertiert sein und trotzdem aktiv ihre Pläne verfolgen. Ob man sich hilflos bzw. ohnmächtig Situationen ausgesetzt fühlt oder sich als Gestalter erlebt, ist nicht unbedingt eine Temperamentsfrage.
      
 
Schüchternheit, Ängstlichkeit und ein geringes Selbstwertgefühl erschweren die Aneignung von Kompetenzen, die im Umgang mit dem anderen Geschlecht wichtig sind. Dieser Zusammenhang wurde auf dieser Website bereits in mehreren Beiträgen aufgezeigt .
      
 
Aufschlussreich ist die Tatsache, dass gesellschaftliche Einrichtungen wie Schulen, Universitäten und Unternehmen die Integration von Ängstlichen, Schüchternen bzw. Menschen mit geringem Selbstwertgefühl fördern oder erschweren können. WICKENHÖFER zeigt wie diese Institutionen solche Menschen eher diskriminieren.
      
 
Die Frage, ob Menschen ohne Beziehungserfahrung ihre Unerfahrenheit im Lebensverlauf kompensieren können oder diese sich durch Kumulation so verfestigt, dass sie zum hoffnungslosen Fall werden, lässt sich mit den vorliegenden wissenschaftlichen Befunden nicht allgemein beantworten. Hier wäre die Untergliederung in Subgruppen notwendig. Die Arbeiten von WICKENHÖFER und HOFFMANN zeigen deutlich, dass die Beziehungsunerfahrenheit auf ganz verschiedenen Ursachen beruhen kann.

 
     
 
       
   

weiterführender Link

 
       
     
       
   
 
   

Bitte beachten Sie:
single-generation.de ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten

 
   
 
     
   
 
   
© 2002-2017
Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 10. November 2007
Update: 25. Januar 2017