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Rezension

 
       
   

Jörg Fauser

 
   

Das Schlangenmaul
erschienen 2006 im Alexander Verlag

 
       
   
Infos zum Autor und zum Buch
 
       
     
       
   
     
 

Berlin im November

"November in Berlin, Harder, da fangen die Drepressionen an. Und ich hab keine müde Mark und muß hierbleiben und arbeiten, und dann auch noch meine Mutter. Dabei wollte ich schon längst auf Sri Lanka sein um diese Zeit." (S.118)

Jörg Fauser und der deutsche Männerroman

Jörg FAUSER wird gerne als später Nachfahre der US-amerikanischen Beat-Generation in der Tradition von Charles BUKOWSKI oder William BURROUGHS beschrieben. Andere sehen in ihm einen Urvater der deutschen Popliteratur. Der Berlin-Krimi Das Schlangenmaul zeigt uns einen anderen Jörg FAUSER. Der Roman erschien erstmals 1985, also ein Jahr nach dem künstlerischen Durchbruch, den die Verfilmung Der Schneemann und der Roman Rohstoff für FAUSER brachten. Kein Wunder also, dass der Berlin-Krimi damals bei der Kritik schlecht weg kam. Vielleicht bedurfte es erst eines Abstandes von 10 oder gar 20 Jahren, um den Berlin-Krimi richtig würdigen zu können.

Rebell im Colahinterland

"Im Juli 1985 wird Das Schlangenmaul ausgeliefert. Ullstein druckt von der ersten Auflage – im Hardcover – 30.000 Exemplare. Die Filmrechte sind bereits verkauft. Drei Monate später wird nachgedruckt. Jörg Fauser ist nun nicht mehr Kultautor und Ex-Junkie, er ist jetzt als Schriftsteller eine etablierte Größe. In seiner Direktheit, doppelt gebrannt und ohne Umschweife erzählt, ist Das Schlangenmaul fast das Gegenteil von Der Schneemann".

Zum 60. Geburtstag widmete sich die Berliner Sängerin Christiane RÖSINGER, die mit ihrer Band Britta gerade den Unterschied zwischen Unterschicht und Bohème ausgelotet hat, Jörg FAUSER als Autor von Männerromanen. Der typische FAUSER-Leser der 1980er Jahre galt ihr als einsamer Wolf, der gerne schweigend allein am Tresen saß, in der Stadt lebte und zwischen 25 und 35 Jahre alt war. Er war also ein Angehöriger der Single-Generation .

Coole Jungs

"Den Jörg-Fauser-Leser traf man nicht an der Uni. Die Hochschule war ihm zu vertrocknet, zu hierarchisch, zu theoretisch, zu wenig underground, zu wenig dran am Leben." [mehr]
(Tagesspiegel vom 11.07.2004)

Was für die 1980er Jahre galt, die RÖSINGER ins Auge gefasst hat, das gilt für die letzten Jahre immer weniger. Die Generation Golf hat Jörg FAUSER für sich entdeckt. Noch immer sind es männliche Städter, aber längst hat der popkulturelle Individualisierungsschub seit Mitte der 1980er Jahre FAUSER auch an den Universitäten salonfähig gemacht. Aus Sicht von Matthias PENZEL ist FAUSER jedoch im Vergleich zu Generationsgenossen wie Rolf-Dieter BRINKMANN immer noch unterbewertet.

Der Soziologe Gerhard SCHULZE hat in seinem Buch Die Erlebnisgesellschaft (1992) diesen kulturellen Individualisierungsschub vermessen. Das Milieu, das FAUSER mit seinen Romanen ansprach, nennt SCHULZE Integrationsmilieu, denn es scherte sich nicht um die Grenzen von Hoch- und Trivialliteratur, sondern liebte die gelungene Synthese . Nicht zuletzt Benjamin von STUCKRAD-BARRE, der mit Soloalbum einen eigenen Männerroman geschrieben hat, hat Jörg FAUSER für seine Generation neu entdeckt. Bereits 1997 hat er für die taz eine Hommage verfasst, in der er den Männerroman-Schreiber und sein männliches Publikum charakterisierte.

Der Männerroman-Schreiber

"Vornehmlich Männer schrieben über Fauser, und er schrieb nur über Männer - das Wasser bis zum Hals, das Glas in der Hand und die Bank im Nacken. »Das ist die einzige Welt, die ich kenne«, erklärte er einmal, warum seine Frauenrollen nur als Reflektoren zur genaueren Definition der männlichen Charaktere taugen."
(TAZ vom 17.07.1997)

Betrachtet man die Schriftsteller der Post-68er-Generationen, die zurzeit als Männerromanautoren firmieren, dann reicht das Spektrum vom erfolgreichen Briten Nick HORNBY, der 1995 mit High Fidelity den Boom der neuen Männerliteratur begründete, bis zu Sven REGENER, der mit seiner bislang unvollendeten Frank-Lehmann-Trilogie erfolgreich war. Daneben existieren mit Frank GOOSEN ("Liegen lernen") und Daniel BIELENSTEIN ("Die Frau fürs Leben") auch Angehörige der Generation Golf, die als Männerromanschreiber tituliert werden. Männerliteratur - das ist meist abwertend gemeint, aber FAUSER ist im besten Sinne ein Männerroman-Schreiber.

Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss!

Eines unterscheidet Jörg FAUSER von der neuen Generation der Männerroman-Schreiber: die Männerrolle wird nicht in Frage gestellt. Der Mann ist noch ein richtiger Mann. Harder, der Protagonist des Krimis Das Schlangenmaul, ist ein Getriebener. Er ist gefangen im "Rad der Begierden" und die Steuerfahndung sitzt ihm im Nacken. Im Gegensatz zu den - vom Debattenfeuilleton bevorzugten - Sinnsuchern, haben wir es bei Harder mit einem Wahrheitssucher zu tun. Harder ist ein Jäger, der im Dschungel der Stadt, konsequent seinen Weg geht. Ist die Spur einmal aufgenommen, dann gibt es kein Zurück mehr. Auftraggeber hin, Auftraggeber her. Die Aufgabe stellt das Leben...  

Das Schlangenmaul

"Das ist also dein Zuhause, dachte ich. Jedenfalls, wenn du mal saubermachen und die Flaschen wegwerfen und den Müll vom Balkon räumen und die Bücher aufstellen und einen Schrank kaufen und deine Klamotten reintun und deinen Spion blankputzen und dein Bett beziehen und dein Bad schrubben und den Fußboden scheuern würdest, hättest du den Anfang für ein Zuhause. Der Trouble mit dir ist, Harder, daß du lieber den Anfang für eine Story hättest als den Anfang für ein Zuhause." (2006 S.96)

Das Zuhause muss warten, wenn es darum geht, eine Aufgabe zu erfüllen. Der Soziologe Ronald BACHMANN hat 4 Typen des Alleinwohnens beschrieben . Bei FAUSER reduziert sich das auf die Hälfte: defizitäres und freizeitmobiles Alleinwohnen prägen das männliche Singleleben. Das wahre Leben findet draußen statt...

Das Schlangenmaul

"Jades Appartement bestand aus einem Wohnzimmer mit Blick auf die Verkehrskreuzung und einem winzigen Balkon, dessen einziger Sinn darin liegen konnte, über die rostzerfressene Balustrade nach unten zu springen, einem gekachelten Bad, in dem noch das Parfüm der Vormieterin zu Hause war, einer Kochnische und dem Schlafzimmer, das groß genug für ein Bett, einen Videorecorder, das Telefon und eine Flasche Barcadi war.
»Mach dir's bequem« sagte Jade, nachdem er mir sein Heim gezeigt hatte. Das Wohnzimmer glich meinem, nur daß Jade keine Umzugskisten herumstehen hatte. Fleckiger brauner Teppichboden, Stehlampe, an der noch das Preisschild hing, zwei funkelnagelneue Sessel aus imitiertem Leder, eine Sperrholzkiste, die als Tisch diente, eine Alu-Schale mit den Resten einer Mahlzeit, ich kannte das Zeug: Schlemmerfilet la Bordelaise. Keine Bilder, keine Bücher, keine Hi-Fi-Türme.
(...).
Er brachte zwei eiskalte Dosen Cola Light, und nachdem er auch saß und wir an dem Zeug genippt hatten, sagte er mit einem nervösen Lächeln und einer Handbewegung, die alles umfaßte: »Mir scheint einfach die Überzeugung zum Schöner Wohnen zu fehlen. Bett, Eisschrank, Video, ab und zu ein Buch - fürs Wirtschaftswachstum müssen die anderen sorgen.«" (2006, S.194f.)

Harder ist auf den ersten Blick der Schrecken der Feministinnen und Postfeministinnen. 1983 erschien in Amerika das einflussreiche Buch The Hearts of Men von Barbara EHRENREICH, das 1984 auch ins Deutsche übersetzt wurde. Darin wird die Rebellion der Männer beschrieben. EHRENREICH analysiert die Philosophie des Playboy und der Beat-Generation.

Die Herzen der Männer

"Der »Krieg der Geschlechter« und die »Lösung geschlechtsspezifischer Rollenkonflikte« bestimmten in den letzten zwanzig Jahren die - nach weitverbreiteter Ansicht von Frauen ausgelöste - Diskussion über die Beziehungen der Geschlechter zueinander.
Barbara Ehrenreich vertritt die These, daß dabei - versteckt hinter viel Rhetorik - eine der wichtigsten Veränderungen übersehen wurde: der Verfall des Moral-Gesetzes, nach dem Männer zuallererst Ernährer einer Familie sind. Die Autorin weist nach, daß Männer durch Fluchttendenzen aus dieser traditionellen Verantwortung als Brotverdiener mehr im Zusammenleben der Geschlechter verändert haben als Frauen - und dies seit den frühen Fünfzigern, mehr als zehn Jahre vor dem Sichtbarwerden der sogenannten Frauenbewegung."

FAUSER ist zwar von beiden Philosophien beeinflusst, aber im Roman Das Schlangemaul ist diese Philosophie stark gebrochen. FAUSER orientiert sich hier weniger an der Beat-Generation, sondern knüpft an den US-amerikanischen Krimi der Schwarzen Serie an. Nicht BUKOWSKI oder BOUROUGHS, sondern CHANDLER ist das Vorbild. Im Gegensatz zu den traditionellen Privat Eyes der Schwarzen Serie, ist Harder jedoch Vater einer Tochter. Wenn Harder die verschwundene Tochter seiner Auftraggeberin sucht, dann wird klar, dass er sofort zur Stelle wäre, wenn seine eigene Tochter ihn wirklich bräuchte. Aber Harder ist seit 5 Jahren geschieden und lebt getrennt von seiner Frau Evelyn, die in Hamburg Pöseldorf lebt und Redakteurin einer Kunstzeitschrift ist. Die gemeinsame Tochter besucht ein englisches Internat.

Rebell im Colahinterland

Nicht nur Harder, sondern auch FAUSER selber war Vater einer Tochter. Im Abschnitt Die großen Städte und der kleine Tod, wird auf FAUSERs Tochter Petra (1966 geboren) eingegangen:

"Von der Existenz Petras werden die Eltern erst fünfzehn Jahre später erfahren. Jörg Fauser sieht sich bei ihrer Geburt nicht in der Lage, die Vaterrolle einzunehmen."

Feministinnen würden Harder vorwerfen, dass er nicht für den Unterhalt aufkommt. Statt einer geregelten Erwerbsarbeit nachzugehen, zieht er es vor der wahren Story nachzujagen. Lieber abgebrannt als festangestellt. Postfeministinnen würden beklagen, dass er vom alltäglichen Kinderkram nichts wissen möchte. Aber Harder würde ihnen antworten, dass die Zeiten nicht danach sind, solange draußen die Welt noch nicht in Ordnung ist.

Der Mann und der Großstadtdschungel

Das Schlangenmaul

"Am Ende wird man sagen müssen, daß all die Mühe (...) auch zu dem Preis gehört, den wir alle zahlen für unsere Freizügigkeit, unsere Mobilität, unsere Dienstleistungsgesellschaft, die die Solidarität durch den Service ersetzt hat. Einer der Beamten schilderte, wie sie in den Bombennächten von Berlin nach der Entwarnung gleich rausliefen, um nachzusehen, ob das Haus noch stand, wo die Tante wohnte, der Laden, wo der Schwager arbeitete. Damals zerfiel ein Staat, aber Familien überlebten. Heute läßt sich an der Arbeit unserer Vermißtenstelle ablesen, wie die Familien zerfallen, nach und nach, an ihre Stelle tritt der Computerterminal. Ist der Staat dann nicht sinnlos?" (2006, S.301) 

Jörg FAUSER hat 1984 für das Berliner Stadtmagazin tip eine Reportage mit dem Titel Spurlos verschwunden geschrieben, die man in der jetzt erschienenen Neuauflage des Krimis im Alexander Verlag ebenfalls nachlesen kann. Wer sich für den Krimi als Zeitdokument interessiert, der wird also zusätzlich auf seine Kosten kommen. Die Idee zum Krimi kam FAUSER durch eine Recherche. Die Bildzeitung brachte damals Sensationsberichte über mehrere Tausend Mädchen, die jährlich in Berlin verschwinden.

Anfang der 1980er Jahre war West-Berlin bekanntlich ein Magnet, der die Jugend aus der Provinz anlockte. Einerseits gab es die Hausbesetzerszene und die Punk-Bewegung , andererseits lieferte die Verfilmung des Buchs Wir Kinder vom Bahnhof Zoo über das Drogenschicksal der Christiane F. Anlass für die schlimmsten Befürchtungen.

Das Schlangenmaul

"Solche Fälle hat es doch immer gegeben, die Lust am Abenteuer, am Verschwinden, das wahre Leben suchen, die große Freiheit, nun also auch bei Mädchen: Nimm mich mit, Kapitän, auf die Reise? Die Umstände, erfuhr ich, die sind neu. Das langsame, aber unübersehbare Abbröckeln von Familie, Verwandtschaft, Ehe, Bindungen überhaupt." (2006, S.300)

Wenn man so will, ist FAUSER eine Art früher Vorläufer von Michel HOUELLEBECQ . Als Autor der 68er-Generation sieht FAUSER die Sache mit dem Zerfall der Familie naturgemäß anders als HOUELLEBECQ, der ja gerade die 68er-Bewegung für den Untergang des Abendlandes verantwortlich macht. Für FAUSER beginnt das Trauma in den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs. Damit dürfte er derzeit ganz im Trend liegen.

Alles wird gut

"»wir sind eine Generation von Trümmerkindern, erst später hat man uns Computersilos und Zuckerfassaden auf die Trümmer gestellt, aber wir vergessen sie nicht. (...). So groß kann unsere Liebe zu dieser Welt, die man uns vorgesetzt hat, niemals sein, daß wir uns nicht alle nach den alten Trümmern sehnen.«" (1979, S.112f.)

Die Topographie der Berliner Gesellschaft

FAUSER wird gerne als jemand betrachtet, der sich den Underdogs der Gesellschaft gewidmet hat. Im Krimi Das Schlangenmaul steht dagegen die Aufsteigergesellschaft der Neureichen und jenen, die es unbedingt werden wollen, im Mittelpunkt.

Das Schlangenmaul

"Schwund in 6 Buchstaben: Berlin. Der erste Blick macht einen an, und dann sieht man genauer hin und entdeckt die Zeichen des unaufhaltsamen Verfalls, den keine Mache übertünchen kann." (2006, S.182)

"Berlin ist ein Kunstgebilde, (...) ein künstlich am Leben gehaltenes Symbol, ein Mythos am Tropf, aus sich selbst nicht lebensfähig, eine Subventionsmaschine, eine Schmiergeldmetropole. Berlin ist die Große Korruption." (2006, S.221)

Die korrupte Republik ist das Ergebnis einer Verquickung von Politik, Wirtschaft und Rotlicht-Milieu. Der Sozialstaat und die damit verbundenen Arrangements der Subventionspolitik bilden den Hintergrund der neuartigen Kriminalität, mit der Harder bei seiner Suche nach einer vermissten Tochter konfrontiert wird.

Das Schlangenmaul

"In der Paris-Bar hockten nach Mitternacht die Habitués, Dramatiker aus Ost-Berlin auf dem Weg ins Bordell, Szene-Journalisten auf der Suche nach einem Abstauberfick oder einer Dosis Schnee, aufstrebende Avantgardisten aus dem Schwäbischen und den Grazer Vorstädten, die auf den Anschluß nach New York warteten, Modedesigner, die in Kreuzberger Hinterhöfen den Bettel-Look der achtziger Jahre entwarfen, angeschickerte Filmproduzenten, die bei jedem Anruf zusammenzuckten: »Wenn es Hollywood ixt, ich ruf zurück.« (...).
» (...) Als ich das erste Mal hier war, Mitte der Siebziger, war die erste Kneipe, in die ich kam, die Paris-Bar. (...). Die zerschlissenen Poster, die alten Plakate, die hinkenden Kellner. Zwiebelsuppe und roter Landwein in der Karaffe und blutige Beefsteaks und Studentinnen mit Baskenmützen und Feuilletonisten mit dem Frühstücksei auf dem Schlips. Eine andere Epoche.«" (2006, S.265f.)

Für FAUSER erschließt sich die Westberliner Topographie von der Kantstraße aus. Dort wohnt Harder im 13. Stock eines Appartmenthauses mit Blick auf die alte Berliner Mitte. Dort residiert das Berliner Stadtmagazin tip, das zu FAUSERs Zeiten seine Blütezeit erlebte. Dort liegt die Paris Bar, die 1979 von zwei Österreichern übernommen wurde und in den 1980er Jahren ihre große Zeit hatte. Seit dem Mauerfall hat sich das Berliner Koordinatensystem verschoben, aber wer wissen will, wie die Westberliner Gesellschaft der 1980er Jahre funktionierte, der ist mit FAUSER als Stadtführer gut bedient.

Rebell im Colahinterland

"Gerade weil das sorgsam kartografierte Westberlin nicht mehr besteht, zugleich seine Ecken und Eigenschaften mit und ohne Mauer wuchern, ist Lutz Hagestedts anlässlich der Wiederveröffentlichung 1997 geäußerte Diagnose nicht zu verachten: Rohstoff und Schlangenmaul seien "aktuell wie noch nie – und sie sind zugleich historische Romane aus der alten Bundesrepublik geworden".

Wäre Das Schlangemaul ein Film und Berlin ein weites Land, dann wäre der Berlin-Krimi ein Roadmovie. Bei seiner Suche nach der vermissten Tochter durchstreift Harder die mythischen Orte dieser Stadt. Sicher, die Berliner Subkultur sucht man im Krimi vergeblich. Das mag Poplinke wie Diedrich DIEDERICHSEN stören. Aber ansonsten liefert FAUSER eine Milieustudie, die fast nichts auslässt, was damals den Zeitgeist bestimmte.

1985 - Jörg Fauser als unverzichtbare Stimme des popkulturellen Individualisierungsschubs

Vor kurzem ist das Buch Deutschlandvermessung von Christian SCHÜLE erschienen. Der Angehörige der Generation Golf macht am Jahr 1985 einen Paradigmenwechsel fest, den Beginn der Postmoderne.

Deutschlandvermessung

"Ab 1985 gab es außer dem wohlfahrtsstaatlich abgesicherten Hedonismus keine einheitsstiftenden Ereignisse mehr, weil zu viele Erlebnismöglichkeiten miteinander konkurrierten, deren Verwirklichungen zu viele divergierende Verhaltensmuster hervorriefen." (S.30)

"Die Entertainmentepoche begann 1985. Das duale Rundfunksystem war der sinnbildliche Ausdruck des postmodernen Pluralismus (...). Mit Sat.1 war Ende 1984 in Deutschland der erste aus dem Kabel kommende, werbefinanzierte Privatsender an den Start gegangen, wenig später folgte RTL plus Deutschland (heute RTL), sodann PRO 7. (...). Seither kämpfen auch ARD und ZDF nicht mehr allein um Mittelschicht oder Bildungsbürgertum, sie ringen mit den Privatsendern um die entintellektualisierte, entkontextualisierte, enthemmte Neue Mitte. Die ambitionierte Vergeistigung der siebziger Jahre ist bis auf weiteres erfolgreich ausgemerzt." (2006, S.51)

Im Krimi Das Schlangenmaul ist dieses Umkippen deutlich spürbar. FAUSER ist an der Schnittstelle zwischen alter und neuer Mitte anzusiedeln. Mentalitätsgeschichtlich ist er ein Gesellschaftskritiker alter Schule, sein Stil ist dagegen von der Popkultur geprägt. FAUSER verortet seine Figuren im damaligen Lifestyle-Kosmos. Der Lebensstil lässt sich - wie in der jungen Popliteratur - an den Markennamen fest machen. Es wird nicht einfach geraucht, sondern es wird eine Kool angezündet oder Gitanes geraucht. Es wird nicht einfach Auto gefahren, sondern ein schwerer Mercedes oder ein schneller BMW fährt durch die Straßen. FAUSER ist da ganz popmodern. Harder wirkt dagegen regelrecht altmodisch. Während seine Ex-Frau erfolgreich in der Kunstszene tätig ist, kann sich Harder mit den neuen Zeiten nicht so recht anfreunden. FAUSER beschreibt sensibel die damaligen Grenzverläufe, auch wenn man seinen Figuren Eindimensionalität vorgeworfen hat. Die damaligen Kritiker saßen offensichtlich der Verwendung moderner Poptechniken und der Dramaturgie des Plots auf. FAUSER war in dieser Hinsicht seiner Zeit voraus. Wenn Christiane RÖSINGER den FAUSERschen Roman als Rock- und nicht als Poproman charakterisiert, dann kann man ihr nur zustimmen. Alles deutet darauf hin, dass Rock eine Renaissance erlebt.

Bücher des Jahres 1985

Die Poplinke jedenfalls, die seit Mitte der 1980er Jahre mehr und mehr den Mainstream der Minderheiten verkörperte, ist seit einiger Zeit in der Krise. Rock ist eine der Antworten und sicherlich nicht die Schlechteste.

Jörg Fauser - Rebell im Colahinterland

An dieser Stelle gilt mein besonderer Dank dem FAUSER-Biografen Matthias PENZEL, dem ich das fast fertige Manuskript dieser Rezension geschickt hatte. Es hat sich im Nachhinein herausgestellt, dass sich unsere Einschätzungen zu FAUSER und Das Schlangenmaul in wichtigen Punkten decken. Ich wusste bis dahin auch nicht, dass Matthias PENZEL (und nicht sein Co-Autor Ambros WAIBEL) derjenige war, der die Passagen zum Krimi Das Schlangenmaul persönlich verfasst hatte. Ein doppelter Glücksgriff also für mich, auch wegen der hilfreichen Anmerkungen zu meinem Manuskript.

Rebell im Colahinterland

"Matthias Penzel und Ambros Waibel gehen in ihrer hervorragend recherchierten, spannenden, allemal würdigen Biografie »Rebell im Cola-Hinterland» ihrem Hausheiligen denn auch nicht auf den Leim. Sie erzählen skrupulös und detailreich sein Leben, das mit einem Spaziergang auf der Autobahn am 17. Juli 1987, ausgerechnet an seinem 43. Geburtstag ein frühes und legendenträchtiges Ende nimmt, machen aber nicht den Fehler, das Werk auf die Vita zu reduzieren. Vielmehr beharren sie immer wieder mit guten Beispielen auf dem vielseitigen Stilisten, begnadeten Melancholiker, eben dem Künstler." (Frank Schäfer in der TAZ vom 13.07.2004)

Wenn hier aus der Biografie Rebell im Colahinterland zitiert wurde, dann stammen diese Zitate aus einer der "allerletzten Versionen der Biografie", in die mir Matthias PENZEL dankenswerterweise Einblick gewährt hat. Im Abschnitt Die Berlin-Hannover-Achse wird darin der Krimi Das Schlangenmaul gewürdigt. Allen FAUSER-Fans sei diese lesenswerte Biografie besonders empfohlen. Die beiden Autoren Ambros WAIBEL und Matthias PENZEL haben sich viel Mühe damit gegeben. Sie haben mit vielen Personen aus dem Umfeld von FAUSER persönlich gesprochen. Gerade auch der Krimi Das Schlangenmaul ist stark autobiographisch geprägt. FAUSER wusste also genau worüber er schrieb.

Fazit: Ein Buch für Männer, die keine Lust auf faule Kompromisse haben

Das Schlangenmaul von Jörg FAUSER bietet neben Spannung und Action auch Einblicke in eine Welt, die scheinbar vergangen ist, aber nichtsdestotrotz ist die heutige Welt ohne diese alte Republik nicht verstehbar. Wenn im Krimi neben Berlin auch Hannover, die SCHRÖDER-Stadt, eine Rolle spielt, dann zeigt dies, dass FAUSER den Weg in die Berliner Republik instinktiv gespürt hat. Es ist die Generation Golf, die gerade ihre Wurzeln entdeckt. Der Wandel des Wertewandels hat Mitte der 1980er Jahre seinen Ursprung . Der popkulturelle Individualisierungsschub hat, ganz in der Tradition der Dialektik, seine eigene Gegenbewegung hervorgebracht. Die Geschichte des Individualisierungsschubs muss neu geschrieben werden. FAUSER hätte einiges dazu zu sagen gehabt, wäre er noch am Leben. Dem Alexander Verlag ist zu danken, dass FAUSER nun auch der jüngeren Generation zugänglich gemacht wird. Der Band 7 der Jörg-Fauser-Edition macht neugierig auf das Gesamtwerk. Die FAUSER-Liebhaber dürfen sich auf 2007 freuen, denn Band 8 und 9 der Edition stehen dann auf dem Programm des Alexander Verlags.

 
     
 
       
   

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Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 17. November 2006
Update: 27. Januar 2017