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Burchrezension

 
       
   

Jean-Claude Kaufmann

 
   

Schmutzige Wäsche. Zur ehelichen Konstruktion von Alltag
erschienen 1994 im Universitätsverlag Konstanz

 
       
     
       
     
       
   
     
 

Zitate: Die häusliche Arbeitsteilung

"I was thinking that maybe I'd get a maid
Find a place nearby for her to stay.
Just someone to keep my house clean,
Fix my meals and go away.
A maid - A man needs a maid."
(Neil Young 1974)

"Auch die ausgestorbene Dienstbotenkaste könnte in veränderter Gestalt wiederkommen. (...) Und mit ihnen - in differenzierter Form - die verstorbene Kunst, dem Beieinander-Bleiben auch dann noch eine gute Seite abzugewinnen, wenn es nicht leicht fällt"
(Barbara Sichtermann "Die Kunst, miteinander auszukommen", in: Freibeuter Nr.23, 1985)

"Die Young Urban Professionals und die berufstätigen, kinderlosen Paare, die in der Marketing-Sprache als 'Dinks' (double income, no kids) bezeichnet werden, waschen, bügeln und kochen nicht mehr selbst. Sie lassen diese Tätigkeiten von anderen erledigen."
(Reinhard Kreissl "Bediene Dich nicht selbst! Was ist wirklich neu am Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft?, in: Süddeutsche Zeitung vom 04.11.1999)

Die Besonderheiten des Ansatzes

Während BOURDIEU die feinen Unterschiede im Klassenkampf untersucht, widmet sich sein französischer Kollege JEAN-CLAUDE KAUFMANN den groben Sichtbarkeiten des Geschlechterkampfes: der schmutzigen Wäsche.

Schmutzige Wäsche

"Jean-Claude Kaufmann, Soziologe am Centre national de la recherce scientifique (CNRS), ist ein Experte in Fragen des Alltäglichen, dem er sich mit erstaunlicher Liebe zum Detail widmet, ohne auf anspruchsvolle theoretische Betrachtungen und Interpretationen zu verzichten. Ihn interessiert die Frage, wie Paare in den kleinen Dingen des Lebens ihre Beziehung gestalten, und er nimmt ihren Umgang mit der leidigen schmutzigen Wäsche zum Anzeiger ihres Selbstverständnisses und ihrer Rollenteilung, als Spiegel ihres ständigen Balanceakts auf dem Hochseil der Irrungen und Wirrungen des Lebens zu zweit."

Nach einer Dekade makrosoziologischer Anstrengungen das Wirrwarr postmoderner Beziehungsbegriffe auf einen gemeinsamen Nenner wie Individualisierung, Pluralisierung oder Differenzierung zu bringen, haben nun mikrosoziologische Ansätze Konjunktur, die in die Eingeweiden der Beziehungen vordringen wollen. Der Ansatz von KAUFMANN ist der phänomenologischen Tradition von BERGER/LUCKMANN bzw. ALFRED SCHÜTZ und dem interaktionstheoretischen Zugang von GOFFMAN verpflichtet. In Deutschland versuchen besonders GÜNTER BURKART und KARL LENZ den mikrosoziologischen Ansatz zu erneuern. Mit dem Wäsche waschen hat sich die deutsche techniksoziologische Forschung im Kontext der Technisierung des Alltags beschäftigt. Dabei kamen die technischen Systeme zwar in umfassenderer Weise (z.B. INGO BRAUN) in den Blick, aber es stand der Struktur- und nicht der Prozessaspekt der Haushaltsintegration im Mittelpunkt der Betrachtung.

Wann ist ein Paar ein Paar?

KAUFMANNs Buch ist ein zeitgemäßes Remake von BERGER/KELLNERs Die Ehe und die Konstruktion der Wirklichkeit (1965), das ganz im Zeichen des Geschlechterkampfes der 68er steht . Vielleicht gibt es sogar mehr Parallelen als man auf den ersten Blick vermutet. Erschien BERGER/KELLNERs Verteidigungsschrift der bürgerlichen Ehe zu einer Zeit als durch den aufkommenden Feminismus die Institution Ehe erschüttert wurde, so erscheint KAUFMANNs Buch zu einer Zeit, in der das Aufkommen des Postfeminismus den Geschlechterkampf der 68er antiquiert erscheinen lässt.

KAUFMANN zeigt auf, wie es war, als die Welt des Geschlechterkampfes noch in Ordnung war. Dies ist ein großer Verdienst, denn diese Periode wurde aus dieser Alltagskampf-Perspektive noch nicht aufgezeigt. Das Buch liest sich gut, weil es auf theoretische Darlegungen weitgehend verzichtet und statistisches Zahlenmaterial nicht den Blick auf die Welt der Alltagspraktiken verstellt, die detailliert beschrieben werden. Bei der Materialfülle ist es jedoch manchmal schwierig den Überblick zu behalten und die zentralen Thesen des Buches nicht aus den Augen zu verlieren.

Eine zentrale Frage ist: Wann wird aus einem Paar ein Paar? Die amtliche Statistik hat eine einfache Antwort: Aus Singles werden Paare, wenn sie zusammen wohnen und gemeinschaftlich wirtschaften. Konservative Familienforscher haben sich dieser Definition prinzipiell angeschlossen. Fortschrittliche Sozialwissenschaftler begnügen sich mit der Selbstdefinition der beiden Partner. Sehen sie sich selbst als Paar, dann sind sie auch ein Paar. KAUFMANN beschreitet dagegen einen dritten Weg. Beide Positionen empfindet er als unzureichend. Für ihn ist ein Paar erst dann ein Paar, wenn es einen gemeinsamen Hausstand gegründet hat. Er spricht dann vom "Beginn der Haushaltsintegration". Der Kauf einer Waschmaschine ist der wichtigste Indikator für diesen Beginn der Paarbildung. KAUFMANN genügt weder der Beziehungsaspekt, noch der ökologisch-ökonomische Aspekt der Haushaltsführung. Beides sind eher Rahmenbedingungen, die den sozialen Prozess der Paarbildung begleiten. Paarbildung ist Gewohnheitsbildung. Aus individuellen Praktiken soll eine gemeinsame Praxis werden. Die Liebe in den Köpfen muss sich erst in der alltäglichen Lebensführung bewähren, bevor man von einem "wirklichen" Paar sprechen kann. Eine andere Konsequenz dieser Sicht ist: das Alleinleben ist ebenfalls Gewohnheitsbildung. Ein längeres Alleinleben führt zu Verfestigungen von Gewohnheiten, die einer späteren Haushaltsintegration entgegensteht. KAUFMANN sieht das Alleinleben also nicht als Chance, neue Verhaltensweisen einzuüben, die für eine Partnerschaft bereichernd sind, sondern als "Verharren in einem Wartezustand" bzw. als Widerstand endlich erwachsen zu werden. Das Scheitern von Beziehungen ist dann nicht mehr nur die Folge von kognitiven oder emotionalen Prozessen, sondern von reflexhaft verankerten Gewohnheiten, die Verständigungsprozesse quasi "hinter dem Rücken" der Beteiligten torpedieren. Paare, denen die Haushaltsintegration nicht gelingt, werden von KAUFMANN als "Quasi-Paare" bezeichnet. Bei diesen Paaren entwickeln sich Methoden der individualisierten, doppelten Haushaltsführung, die eine partnerschaftliche Arbeitsteilung verhindern.

Der veränderte Stellenwert der Haushaltsintegration in Zeiten der Dienstleistungsgesellschaft

Der Familiensoziologe geht jedoch davon aus, dass sich bei Paaren, die längere Zeit zusammenleben die Haushaltsintegration durchsetzt, weil eine partnerschaftliche Arbeitsteilung rationeller ist. KAUFMANN sieht im Kleidungsstil einen Indikator für das jeweilige Rollenverständnis der Partner: "Das Tragen von Jeans weist zum Beispiel auf die Ablehnung von Hausarbeit hin und schließt zumeist ein, dass das Paar, das heißt vor allem die Frau keinem allzu großen Leistungsdruck in Bezug auf den Haushalt ausgesetzt sein wird, während ein perfekt mit Krawatte und Anzug gekleideter Mann eine radikal andere Einstellung zur Häuslichkeit zum Ausdruck bringt, mit der meistens eine bestimmte Erwartung an die Rolle der Frau verbunden ist." Eine solche Aussage hat heute nicht mehr umstandslos Gültigkeit. Vor allem Doppelverdiener können es sich heutzutage leisten einen Bügelservice in Anspruch zu nehmen. In einer Dienstleistungsgesellschaft, in der Haushalts- und Putzhilfen zum Alltag immer weiterer Kreise der Gesellschaft gehören, verliert die Haushaltsintegration zumindest für Besserverdienende an Bedeutung. Milieuunterschiede müssen also weiterhin systematisch beachtet werden .

Der Kauf einer Waschmaschine ist für KAUFMANN der wichtigste Indikator für den Beginn einer Haushaltsintegration. In einer Gesellschaft, in der das Alleinleben auch im mittleren Erwachsenenalter zumindest zeitweise Realität ist, erscheint eine solche Aussage in einem anderen Licht. Es weist nämlich darauf hin, dass KAUFMANN sich vor allem mit dem erstmaligen Zusammenleben von Jugendlichen beschäftigt. Singles im mittleren Lebensalter bringen dagegen öfters eine eigene Waschmaschine in die Beziehung ein. Wenn man sich solche Beschränkungen beim Lesen bewusst macht, dann kann man das Buch von KAUFMANN auch heute noch gewinnbringend lesen.

Die Stärke des Ansatzes ist gleichzeitig seine Schwäche

Der große Verdienst des Familiensoziologen besteht darin, dass der soziale Prozess der Paarbildung detailliert in den Blick kommt. Dies ist bei den meisten Autoren keine Selbstverständlichkeit. Die Stärke des Ansatzes ist aber zugleich seine größte Schwäche: Der gemeinsame Hausstand als zentrales Definitionskriterium des Paarbegriffs, schließt viele Paare - obgleich sie Jahrzehnte zusammenleben können - als Untersuchungsobjekt aus. Die Haushaltsintegration sollte von daher zwar als ein Aspekt betrachtet werden, der die Paarbildung erleichtern oder behindern kann, aber nicht als unbedingt notwendiger Bestandteil der Paarbildung.

 
     
 
       
       
   

weiterführende Literatur: Forschung zum Wäschewaschen im Rahmen der "Technisierung des Alltags

 
       
   

BRAUN, Ingo (1989): Maschinierung des Alltags oder Veralltäglichung der Maschine. Zum Alltag des Wäschewaschens,
in:
BAERENREITER, Harald & Rolf KIRCHNER (Hg.) Der Zauber im Alltag? Zur Veralltäglichung technischer Dinge, Studienbrief, Kurseinheit 2, Hagen: Fernuniversität Hagen, S. 1-20

BRAUN, Ingo (1993): Technik-Spiralen: vergleichende Studien zur Technik im Alltag, Berlin: Sigma

HAUSEN, Karin (1987): Große Wäsche, soziale Standards, technischer Fortschritt. Sozialhistorische Beobachtungen und Überlegungen,
in: Lutz BURKART (Hg.)
Technik und sozialer Wandel: Verhandlungen des 23. Deutschen Soziologentages in Hamburg 1986, Frankfurt/New York: Campus, S.204-219

MEYER, Sibylle & Eva SCHULZE (1990): Fernseher contra Waschmaschine. Wie das Geschlechterverhältnis auf Technik wirkt,
in: Arbeitsgemeinschaft Hauswirtschaft e.V. und Stiftung Verbraucherinstitut (HG.): Haushaltsträume, Königstein/Taunus, S.103-108

 
       
   

weiterführende Links

 
       
     
       
   
 
   

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Update: 27. Januar 2017