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Singles in Frankreich

 
       
   

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Die Geburtenentwicklung in Frankreich

 
       
   
Tabelle: Die Geburtenentwicklung in Frankreich 1960 - 2013
 

Jahr

1960 1970 1980 1990 1995 2000 2005 2010 2013
Geburtenrate (TFR) 2,73 2,47 1,95 1,78 - 1,89 1,94 2,03 1,99*
Quelle: Eurostat Online Jahrbücher; *vorläufige Zahlen
 
       
   

französische Singles und gesellschaftlicher Wandel in den Medien

 
       
   
1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999
2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009
2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019
 
       
   

1995

LANZEZ, Emilie (1995): La planète de célibataires,
in:
Le Point Nr.1197 v. 26.08.

1999

PETITJEAN, Gerard (1999): Femmes le boom des vies en solo.
A Paris, une femme sur quatre vit seule,
in: Nouvel Observateur
Nr. 1789 v. 18.02.

PETITJEAN, Gerard (1999): Une idée neuve dans l'histoire.
Vivre heureuse en solo,
in: Nouvel Observateur
Nr. 1789 v. 18.02.

Interview mit dem Familienhistoriker André Burguière

DUBOIS, Jean-Paul (1999): Drague sur dossier.
Etat-Unis: la solitude du bomeur moderne.
in: Nouvel Observateur
Nr. 1789 v. 18.02.

CRIGNON, Anne (1999): Les allumées suédoises.
Au royaume des célibataires,
in: Nouvel Observateur
Nr. 1789 v. 18.02.

LANEZ, Emilie (1999): En attendant le prince charmant,
in:
Le Point Nr.1379 v. 20.02.

2001

HURET, Marie/BOTTREL, Roselyne/MARRONDE, Agnès/SOUSSE, Michel/TIBERGHIEN, Nathalie (2001): Hommes, femmes.
Le bonheur en solo. Les "solobataires"
in: L'Express v. 18.01.

Das französische Nachrichtenmagazin bringt diese Woche eine umfangreiche Cover-Story über die "Neuen Singles" Die franösischen Singles haben mit der l'Union nationale des groupes d'action des personnes qui vivent seules (Unagraps) einen Interessenverband, der beansprucht, die Alleinlebenden politisch zu vertreten. Davon können deutsche Singles nur träumen, denn hierzulande gibt es nur Splittergruppen, die für ihre eigene Sub-Klientel sozialstaatliche Vorteile sichern möchte. Am erfolgreichsten sind noch die Alleinerziehenden, denn sie haben als anerkannte Familien moralische Vorteile. Ansonsten sind Singles vor allem in "Heimatlosenvereinen" (neudeutsch: Single-Club) organisiert. Ob der kommende Familienwahlkampf daran etwas ändert, ist fraglich, stehen doch Singles unter dem Generalverdacht Yuppies zu sein, während Familien und wenn sie noch so wohlhabend sind, politisch korrekt am Hungertuch nagen. Beim L'Express ist noch der glückliche Single - und nicht das glückliche Paar - das Thema. Man orientiert sich dabei an der Modezeitschrift Elle, die in ihrer neuesten Ausgabe einen Bericht über die Freiheiten des Single-Lebens veröffentlicht hat. Daneben wird der französische Soziologe Jean-Claude KAUFMANN zitiert, der 1999 einen Bestseller über die alleinlebenden Frauen und ihre Sehnsucht nach dem Prinzen veröffentlicht hat. Aber Bridget Jones und das Drama der einsamen Karrierefrau, die verzweifelt nach ihrem Mann der Träume sucht, ist megaout. So ganz selbstbewusst können die französischen Singles auch nicht sein, denn die Werbeindustrie vermeidet es, Singles zu offensiv als Zielgruppe zu umwerben. Und die üblichen Stimmen vom unfreiwilligen Single finden sich auch.

HENARD, Jacqueline (2001): Arme Deutsche, glückliche Französinnen.
Warum Frankreich einen Babyboom erlebt. Ein Gespräch mit dem Demografen Hervé Le Bras,
in: Die ZEIT Nr.20 v. 10.05.

"Es stimmt zwar, dass in Ländern mit vielen berufstätigen Frauen auch viele Kinder geboren werden: Norwegen, Schweden, Dänemark, Frankreich. Wenn die Bevölkerung nicht weiter altern sollte, müssten die Frauen im Durchschnitt aber nicht zwei, sondern vier Kinder bekommen - und das wollen sie nicht", meint der französische Bevölkerungswissenschaftler Hervé Le BRAS.

Ein kleines Gedankenexperiment zu den Folgen der steigenden Lebenserwartung

 
   

GAUTHIER, Ursula (2001): Trouver un jules.
NOUVEL OBS-Dossier: 2 millions de femmes seules à la recherche de l'âme soeur,
in: Nouvel Observateur Nr.1919 v. 16.08.

GAUTHIER klärt partnerlose Frauen ab 35 bzw. 40 Jahren über ihre schlechten Chancen auf dem Heiratsmarkt auf:

"Le taux de vie en couple culmine à 40 ans pour les femmes, à 55 ans pour les hommes. Les chances de se remettre en couple après une rupture sont cinq fois moindres à 50 ans qu'à 25 ans pour une femme."

Ausgehend von den USA (siehe hierzu die Kritik von Susan FALUDI in ihrem Buch Backlash) wird seit Anfang der 80er Jahre immer wieder versucht ein statistisch ermitteltes Geschlechterungleichgewicht in einen mehr oder weniger direkten Zusammenhang mit dem Partner- bzw. Heiratsmarkt zu bringen. Mit stichhaltigen Zahlen belegt wird dieser angebliche Heiratsengpass von GAUTHIER jedoch nicht. Als Gründe für den konstatierten Heiratsengpass werden die unterschiedlichen Partnerwahlmuster von Mann und Frau genannt. Ältere Männer heiraten demnach bevorzugt junge Frauen.

Nachdem den Partnerlosen ihre schlechten Heiratschancen vor Augen geführt wurden, werden ihnen anschliessend Möglichkeiten genannt ihre Chancen gegenüber der Konkurrenz zu verbessern.  Der Titel des Beitrags ist identisch mit einem neu erschienenen Parisführer für Partnersuchende von Valérie APPERT, einem 35jährigen Journalisten:

"Bridget Jones drague à Londres, Ally McBeal cherche à Chicago et vous c'est à Paris que vous allez LE trouver. Et même si trouver un jules dans notre Capitale relève parfois du parcours de la combattante, cette grande ville peut être un terrain de jeu rêvé pour les célibataires en tout genre",

verheisst der Klappentext. Für Deutsche sucht Ally McBeal natürlich nicht in Chicago, sondern in Boston.

GAUTHIER, Ursula (2001): Audrey et les mecs bien,
in: Nouvel Observateur Nr.1919 v. 16.08.

LEMONNIER, Marie (2001): Mettez un gay dans votre jeu.
Consolateur, chevalier servant, relookeur au besoin, un peu rabatteur aussi, l'ami homo est décidément irremplaçable
in: Nouvel Observateur Nr.1919 v. 16.08.

LEMONNIER, Marie (2001): Rendez-vous sur la Toile,
in: Nouvel Observateur Nr.1919 v. 16.08.

Bericht über Partnersuche im Internet.

BOULET-GERCOURT, Philippe & Julie PÊCHEUR (2001): Scènes de chasse à Manhattan. Pour un moment ou pour la vie.
A New York, on dénombre 500 000 femmes seules de plus que d'hommes seuls. Pour capturer l'oiseau rare, il ne suffit pas d'être attirante, talentueuse et intelligente...
in: Nouvel Observateur Nr.1919 v. 16.08.

Manhattan, das ist der amerikanische Single-Mythos par excellence - sowohl im Positiven als auch im Negativen. Seit den 80ern wird immer wieder über die New Yorker Single-Hölle berichtet:

"La Grosse Pomme est une véritable réserve de célibataires, et un paradis pour les dragueurs : on y compterait 537 111 femmes seules de plus que d'hommes seuls !"

Frauenüberschuss wie nicht anders zu erwarten. Aber zu glauben diese Frauen wären alle Partnerlose - wie das der Artikel nahe zu legen versucht - ist natürlich falsch. Aber irgendwie muss man ja den Leser bei der Stange halten. Das Treibhaus "Grosse Pomme" (Big Apple) jedenfalls ist der Nährboden für solche Serien wie Sex and the City, die das Thema Männerjagd in den Vordergrund stellen. Sex and the Single Girl von Helen Gurley Brown hat dieses Genre - unter anderen Vorzeichen - Anfang der 60er Jahre begründet.

LEMONNIER, Marie (2001): "J'ai peur des femmes qui cherchent".
Hommes: L'embarras du choix. Pour les mâles solitaires, la situation est à première vue idéale. Mais le coeur a ses raisons que la démographie ne connaît pas...
in: Nouvel Observateur Nr.1919 v. 16.08.

Die Angst der knappen Singlemänner vor den einsamen Karrierefrauen...

GARCIA, Laure (2001): La vie en solo est un roman.
NOUVEL OBS-Dossier: Nous sommes toute des Bridget Jones. Les tribulations des « célibattantes » sont devenues un filon littéraire. Des histoires crues, grinçantes et surtout très drôles. Dans lesquelles beaucoup de femmes se reconnaissent,
in: Nouvel Observateur Nr.1919 v. 16.08.

Bridget Jones ist gemäß GARCIA das gegenwärtige Leitbild der alleinlebenden Frau. Wenn dies auch nicht zutreffend ist, zumindest ist Bridget Jones zum Vorbild für andere schreibende Frauen geworden...

Bridget Jones - Schokolade zum Frühstück

NORMAND, Jean-Michel (2001): L'effet TGV et la réduction du temps de travail favorisent la bi-résentialité,
in: Le Monde v. 24.08.

Bericht über die Zunahme der Bi-Lokalität in Frankreich, die durch schnelle TGVs (der französische ICE) und kürzere Arbeitszeiten möglich geworden ist.

HERMANN, Lutz (2001): Allein, aber nicht einsam.
Immer mehr Singles in Frankreich suchen einen Partner. In jeder dritten Pariser Wohnung lebt mittlerweile ein Alleinstehender,
in: Kölner Stadt-Anzeiger v. 06.11.

Lutz HERMANN hat in Paris einen Swinging Single gefunden, natürlich eine Frau. Und welche Sendung schaut sich diese Solistin an? Für alle, die es nicht sofort erraten haben: Hier ist die Lösung.

HENARD, Jacqueline (2001): Vater unser.
Warum überaltert unsere Gesellschaft? Wegen allgemeiner Zukunftsunsicherheit und weil Frauen Karriere machen wollen, so sagt man. Aber wie denken eigentlich Männer über Kinder?
in: Die ZEIT Nr.01 v. 27.12.

Während Alice SCHWARZER den Geburtenrückgang als Resultat eines "Gebärstreiks" der Mittelschichtfrauen vermarktet, ist für HENARD der "Zeugungsstreik" der Männer mitverantwortlich für die Misere. Überhaupt die Männer! Kinderlose Männer und ihre Motive sind nach Meinung von HENARD ein vernachlässigtes Forschungsthema.

HENARD unterstellt den Männern politisch korrekte Antworten bei Meinungsumfragen. Wissenschaftler nennen dies soziale Erwünschtheit von Antwortverhalten. Auch Frauen antworten politisch korrekt. Dieser blinde Fleck der feministischen Forschung bleibt unerwähnt.
Die Autorin zitiert u.a. aus den Untersuchungen von Wassilios E. FTHENAKIS und Christine CASTELAIN-MEUNIER. Die Pariser Soziologin hat die Leserschaft der französischen Männerzeitschriften untersucht:

"Im Vordergrund stehen Gesundheit (!), Sex- und Ernährungstipps. Die klassischen Männerthemen - Politik, dicke Autos, nackte Mädchen und Gehaltsvergleiche - sind an den Rand gedrängt."

Moniert wird, dass Väter und Vaterschaft kein zentrales Thema sind. Aber dann müssten sie wohl auch Väter- und nicht Männerzeitschriften heißen! Für HENARD liegt das Übel im Zerfall der Vaterschaft seit den Zeiten des Patriarchen. Besonders erwähnt werden die Jahreszahlen 1968 und 1789:

"Die Revolution holte Ehe und Familie aus den Höhen des Pakts vor Gott in die irdische Vertragswirklichkeit herunter, indem sie die standesamtliche Trauung einführte. Die Entheiligung der Ehe ermöglichte einen neuen Blick auf die Kinder und die (Wieder-)Begründung der sozialen Vaterschaft. Kinder konnten nun adoptiert werden."

HENARD ist jedoch davon überzeugt, dass die zukünftige Familienpolitik die Väter wieder vermehrt in den Blick bekommt. "Work-Life-Balance" ist hierfür das Zauberwort. Frankreich erscheint in dieser Sicht vorbildhaft:

"Frankreich, wo knapp die Hälfte aller Kinder außerehelich geboren wird, will als vorbeugende Maßnahme im kommenden Jahr einen »Vaterschaftspass« einführen. Er soll werdenden Vätern ihre Pflichten vor Augen führen - und auch ihre Rechte gegen weibliche Allmachtsansprüche. Außerdem tritt ein bezahlter Vaterschaftsurlaub (elf zusätzliche Tage in den ersten vier Lebensmonaten) nach skandinavischem Modell in Kraft. Den Einwand, dass 14 Tage bezahlter Urlaub volkswirtschaftlich teuer seien, wischt die französische Familienministerin schlicht vom Tisch: Teuer sei es für eine Gesellschaft vor allem, wenn sie nicht genügend Kinder hätte und die Väter keine ausreichend tiefe Bindung zu ihrem Nachwuchs entwickelten."

Im internationalen Vergleich stehen die Deutschen nach Meinung von HENARD schlecht da. In solchen Vergleichen wird aber grundsätzlich nicht auf die unterschiedlichen Rahmenbedingungen der verschiedenen Länder eingegangen: weder findet die historisch gewordene Altersstruktur Erwähnung, noch die unterschiedlichen Bevölkerungsstrukturen (agrarisch orientierte, industrielle oder postindustrielle Gesellschaften) oder die Bevölkerungsdichte. Stattdessen wird suggeriert, dass das Verhalten einer Generation ausschlaggebend für die demografische Entwicklung sei. Wer die Geburtenraten isoliert betrachtet, der muss zwangsläufig enttäuscht werden, wenn Familienpolitik oder Bevölkerungspolitik keine Änderungen bewirkt.

2002

GB (2002): Kindersegen in Frankreich.
Geburtenrate weiter hoch,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 07.02.

HEIMGÄRTNER, Sabine (2002): Post aus Frankreich.
Kindersegen für die Grande Nation,
in: Tagesspiegel v. 10.02.

KRÖNCKE, Gerd (2002): Paris: Wie, wie oft, mit wem?
Manche nennen es Liebe,
in: Süddeutsche Zeitung v. 07.03.

KRÖNCKE hat die Coverstory Enquête sur la vie sexuelle en France im französischen Nachrichtenmagazin L'Express vom 28.02.2002 gelesen und berichtet darüber ohne die Quelle zu nennen. Er zitiert u. a. aus dem Interview mit der französischen Soziologin Janine MOSSUZ-LAVAU, deren Studie demnächst als Buch erscheint ("Les Lois de l'amour").

RITZENHOFEN, Medard (2002): Diesmal eine stille Revolution.
Beinahe unbemerkt setzte sich die Grande Nation an die Spitze des europäischen Fortschritts,
in: Rheinischer Merkur Nr.15 v. 11.04.

RITZENHOFEN präsentiert das katholische Frankreich als europäischen Musterknaben:

"Mit allseits Staunen erregenden Wachstumsraten profilierte sich das Land zwischen dem Sommer 1998 und Frühjahr 2001 als europäische Konjunkturlokomotive. Gleichzeitig führte die Linkskoalition die 35-Stunden-Woche ein, die seit Beginn dieses Jahres für alle Betriebe gesetzliche Gültigkeit hat."

Spaßgesellschaft und Babyboom sind aufgrund der 35-Stunden Woche in Frankreich vereinbar:

"Verlängerte Wochenenden laden zu Kurzreisen ein.
Restaurants, Kinos und
Fitnessstudios melden verstärkte Umsätze. Die neu gewonnene freie Zeit belebt nicht nur die Freizeitindustrie, sondern kommt auch den Familien zugute. Berufstätige Eltern kümmern sich mehr um ihre Kinder."

RITZENHOFEN knüpft an die Tradition des deutsch-französischen Geburtenwettlaufs (siehe Jean-Claude GUILLEBAUD) an, wenn er anmerkt:

"Da (...) der Alterungsprozess der Gesellschaft weniger stark ausgeprägt ist als in Deutschland könnte Frankreich - laut langfristiger Kalkulationen - im Jahr 2040 oder 2050 mehr Einwohner zählen als Deutschland."

Die Behauptung von RITZENHOFEN, dass dies die Franzosen - trotz weniger Zuwanderung vollbracht haben - ist eine Mogelpackung. Dieter OBERNDÖRFER hat darauf hingewiesen, dass in Frankreich Menschen, die bei uns als Zuwanderer gezählt werden würden, als Franzosen in die Statistik eingehen.

HUWE, Klaus (2002): Früchte der Steuerpolitik.
RM-Spezial: Frankreich. Geburtenrate steigt,
in: Rheinischer Merkur Nr.16 v. 18.04.

Klaus HUWE sieht im "demografischen Schrecken" den Motor der französichen Bevölkerungspolitik, die Frankreich zum katholischen Vorzeigeland werden lässt.

HEIMGÄRTNER, Sabine (2002): Liebe auf Zeit.
Zurück zur Familie: Wenn in Frankreich die Ferien enden, ist auch Schluss mit Tausenden von Seitensprüngen,
in: Tagesspiegel v. 02.09.

Die traditionelle Familie führt in den Sommermonaten in Frankreich zur Situation, dass der Ehemann wieder arbeiten muss, während die nicht-berufstätige Ehefrau mit den Kindern weiterhin Urlaub macht. In dieser Zeit werden Ehemänner oftmals zu "maribataires" wie Sabine HEIMGÄRTNER berichtet:

"»Maribataires« heißen die temporär untreuen Gatten, ledige Ehemänner, ein französisches Wortspiel aus »mari« für Ehemann und »celibataire« für Single.

2003

FISCHER, Heimo (2003): Beamte wollen kämpfen.
Premierminister Jean-Pierre Raffarin muss gegen den Widerstand aller Beteiligter das marode Rentensystem reformieren,
in: Rheinischer Merkur Nr.8 v. 20.02.

Wenn man FISCHER glauben darf, dann soll das kinderfreundliche Frankreich teilweise noch größere Probleme mit dem Rentensystem haben als Deutschland.

RM-Spezial "Das alte Europa". Wo ist die neue Generation?

RITZENHOFEN, Medard (2003): Adieu, Sorgenkinder.
Frankreich. Europäische Rekordzahlen bei der Geburtenrate,
in: Rheinischer Merkur Nr.17 v. 24.04.

BLÄSKE, Gerhard (2003): Kinder, Frauen, Wachstum.
Warum Frankreich mehr Geld für die Familienpolitik ausgibt,
in: Süddeutsche Zeitung v. 02.05.

MÖNNINGER, Michael (2003): Klammern an den Staat.
Generalstreik in Frankreich: Die Regierung treibt kleine Reformen voran, doch die Gegner fürchten Schlimmeres,
in: Die ZEIT Nr.21 v. 15.05.

"Bei allem Nachholbedarf, den die Republik im europäischen Wettlauf um Schuldenabbau und Sozialreformen hat, kann sie auf einem entscheidenden Feld den ungeteilten Sieg davontragen: auf dem der Demografie, die auch die Sozialsysteme rettet. Denn der fortgesetzte Geburtenrekord mit durchschnittlich 1,9 Kindern pro Frau – gegenüber gerade mal 1,3 in Deutschland – wird dazu beitragen, dass sich in Frankreich nicht alles ändern muss, damit das Land so bleiben kann, wie es ist",

behauptet MÖNNINGER. Benchmarking nennt man das: Man pickt sich immer den aktuellsten Musterschüler auf einem Gebiet heraus, um damit angebliche Schwächen aufzuzeigen. War nicht einmal Japan ein solcher Musterknabe? Und war nicht noch Anfang des Jahrzehnts Frankreich gar kein Musterland? Dass Frankreich weniger Probleme bekommen wird, ist keineswegs ausgemacht.

MÖNNINGER, Michael (2003): Allons, les enfants.
Frankreich hat die höchste Geburtenrate in der EU, weil Politik und Gesellschaft familienfreundlich sind,
in: Die ZEIT Nr.36 v. 28.08.

Nach MÖNNINGER ist Frankreich ein Vorbild auf den Gebiet der Geburtenrate. Tatsächlich jedoch sind internationale Vergleiche in dieser simplen Form mehr als fragwürdig, denn die Voraussetzungen der Bevölkerungsstruktur sind zu unterschiedlich. Weder die unterschiedliche Altersstruktur noch die Milieustruktur werden von MÖNNINGER erwähnt, stattdessen wird die unterschiedliche Geburtenrate einzig der besseren Familienpolitik zugeschrieben. Fakt ist zudem, dass die deutsche Geburtenrate von deutschen Statistikern und Demografen - aus politischen Gründen - zu niedrig ausgewiesen wird.

Erwin K. Scheuch - Gründe für den Geburtenrückgang jenseits des individuellen Zeugungsverhaltens

HANIMANN, Joseph (2003): Die neue Schule der Frauen.
Das große Warten: Wie Französinnen den Mann überlisten,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 30.08.

"Völlig selbstverständlich muss jede Französin die Erwartung erfüllen, mindestens zwei Kinder zu erziehen, im Beruf Erfolg zu haben, intelligent zu sein und gut auszusehen - und abends ihrer Familie noch ein gutes Drei-Gänge-Menü vorzusetzen",

schreibt MÖNNINGER in der ZEIT vom 28.08. Bei HANIMANN heißt es hierzu:

"Die Kinder morgens vor der Arbeit zur Amme bringen und abends wieder abholen, zugleich für Haushalt und Essen sorgen und dabei auch noch attraktiv bleiben: das ist der teuer bezahlte Preis für die Unabhängigkeit und die Gewißheit, unentbehrlich zu sein".

Während bei MÖNNINGER der Satz im Zusammenhang mit der Demografiepolitik steht, schreibt HANIMANN über das Frauenbild in den Medien. Und da es im FAZ-Feuilleton immer um die Männerdämmerung gehen muss, fehlt auch der folgende Satz nicht im Repertoire:

"Wo die Männer in der Liege sublimierbar, bei der Fortpflanzung bald ersetzbar, im Beruf steuerbar und zu Hause unbrauchbar sind, eine Art lebendige Leiche (...), hat das Zeitalter der Geschlechterauslöschung begonnen."

Ganz so schlimm steht es nach HANIMANN um die französischen Männer nicht, denn:

"Die Französinnen spielen in dieser Phase des Spätfeminismus (...) eine eigene Rolle. Feministisches Engagement ist für sie nicht das Gegenteil von Feminität".

HOUELLEBECQ ist da offenbar ganz anderer Meinung...

WIEGEL, Michaela (2003): Kinder von glücklichen Eltern.
In Frankreich geht der Trend zur Großfamilie. Auch weil der Staat hilft,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 14.09.

AUS POLITIK UND ZEITGESCHICHTE-Thema: Erwerbstätigkeit von Frauen und Kinderbetreuungskultur in Europa

VEIL, Mechthild (2003): Kinderbetreuungskulturen in  Europa: Schweden, Frankreich, Deutschland,
in:
Aus Politik und Zeitgeschichte Nr.44 v. 27.10.

ONNEN-ISEMANN, Corinna (2003): Familienpolitik und Fertilitätsunterschiede in Europa: Frankreich und Deutschland,
in:
Aus Politik und Zeitgeschichte Nr.44 v. 27.10.

REUTER, Silke (2003): Frankreich: Die vollzeitberufstätige Mutter als Auslaufmodell.
in:
Aus Politik und Zeitgeschichte Nr.44 v. 27.10.

EMMA-Dossier: Neue Väter - verzweifelt gesucht.
Mütter träumen von Agassi & Co

WAHJUDI, Claudia (2003): Die Mutter Ich-AG fällt duch die sozialen Netze.
Intellas Précaires heißen sie in Frankreich: diese Freiberuflerinnen, von der Künstlerin und Journalistin bis zur Programmiererin, die Vater Staat als Mütter im Stich lässt,
in: Emma, November/Dezember

BERNATH, Markus (2003): Mit dem Skalpell ans Kuchenbüfett.
Litanei vom Abstieg. Länger arbeiten, weniger verdienen - beim Sozialverschnitt sind Frankreichs Gaullisten nicht viel origineller als Deutschlands Sozialdemokraten,
in: Freitag Nr.46 v. 07.11.

GEPP, Uwe (2003): Babyboom in Frankreich.
Großzügige finanzielle Familienförderung und umfassende Betreuungsangebote lassen die Geburtenrate steigen,
in: Welt v. 31.12.

2004

MÖNNINGER, Michael (2004): Demografie als Volkssport.
1945 sah Charles de Gaulle sein Volk vom Aussterben bedroht: "Frankreich braucht zwölf Millionen Babys!" Heute hat das Land die höchste Geburtenrate in Europa,
in: Die ZEIT Nr.10 v. 26.02.

Heute ist wieder Märchenstunde bei der Tante ZEIT. Diesmal wird uns Frankreich als Kinderwunderland vorgestellt. Tatsächlich hat Frankreich die gleiche Debatte nur etwas früher als Deutschland durchlaufen. Das Buch Tyrannei der Lust zeigt, dass der französische Babyboom genauso "überraschend" gekommen ist, wie das in Deutschland der Fall sein wird. Anfang der 1990er Jahre war Schweden noch das Kinderwunderland. Schweden ist ein gutes Beispiel dafür, dass ein Babyboom (wie das Wort es bereits nahe legt) nicht ewig anhält.

MASCHER, Caroline (2004): Babyboom à la française.
Kinder und Karriere sind im Nachbarland kein Widerspruch - dank staatlicher Hilfe und eines umfassenden Betreuungssystems,
in: Focus Nr.17 v. 19.04.

WEBER-LAMBERDIÈRE, Manfred (2004): "Für uns gilt das Prinzip Freiheit".
Als Familienminister setzte Christian Jacob trotz Finanzkrise ein Milliardenprogramm durch - etwa zur Schaffung von Krippenplätzen,
in: Focus Nr.17 v. 19.04.

Der deutsch-französische Vergleich verschweigt gerne entscheidende Unterschiede der politischen Systeme beider Länder, die eine einfache Übertragung von einem Land in ein anderes erschwert. Der Schweizer Soziologe Franz SCHULTHEIS hat in seinem Buch Familien und Politik. Formen wohlfahrtsstaatlicher Regulierung von Familie im deutsch-französischen Gesellschaftsvergleich aus dem Jahr 1999 einen umfassenden Politikvergleich angestellt. Er kommt zu dem Schluss:

"Im Unterschied zum konservativ-verharrenden Charakter bundesdeutscher Familiepolitik, die ihre normativen Leitvorstellungen weiterhin aus der Gründerzeit der 50er Jahre zu beziehen scheint, kennzeichnet sich die französische »politique familiale« durch eine sukzessive Anpassung ihrer Zielvorgaben und Instrumente an die soziologischen Parameter des gesellschaftlichen Wandels der letzten 30 Jahre. Da auf eine explizite normative Vorgabe betreffs zu fördernder oder zu hemmender familialer Lebensformen (mit oder ohne Trauschein, »vollständig« oder »unvollständig«, geschlechtsspezifische oder -neutrale Arbeitsteilung etc.) verzichtet wird, rückt hierbei mehr und mehr die Kategorie des »Kindeswohls« ins Zentrum und spielt die Rolle eines kleinsten gemeinsamen Nenners familienpolitischer Diskurse und Praktiken, während rechtsrheinisch das Modell der Gattenfamilie weiterhin einen paradigmatischen Stellenwert für die Familienrhetorik besitzt." (S.70f.)

SCHULTHEIS beklagt also die Tatsache, dass hierzulande die eheliche Hausfrauenfamilie festgeschrieben wird, während in Frankreich ein weiter Familienbegriff bestimmend ist.

NOUVEL OBSERVATEUR-Titelgeschichte: Les nouveaux célibataires.
Ils inventent d'autres façons d'être ensemble

LEMONNIER, Marie (2004): Les nouveaux célibataires.
Ils inventent d'autres façons de vivre ensemble,
in: Nouvel Observateur Nr.2060 v.  29.04.

NICOLOPOULOS, Stéphane (2004): Coeurs à prendre,
in: Nouvel Observateur Nr.2060 v.  29.04.

LEMONNIER, Marie (2004): Suivez le guide...
in: Nouvel Observateur Nr.2060 v.  29.04.

LEMONNIER, Marie (2004): Angelina Jolie,
in: Nouvel Observateur Nr.2060 v.  29.04.

LEMONNIER, Marie (2004): De soi à soi, les vertus de la solitudes,
in: Nouvel Observateur Nr.2060 v.  29.04.

LEMONNIER, Marie (2004): Libres, ensemble?
Vivre chacun chez soi et se retrouver deux week-ends par mois, telle est l’une des recettes des évadés de la solitude pour éviter l’usure de la vie à deux,
in: Nouvel Observateur Nr.2060 v.  29.04.

BUI, Doan (2004): Solo bizness.
Europe: un marché de 140 milliards d'euros,
in: Nouvel Observateur Nr.2060 v.  29.04.

BUI, Doan (2004): Jeune, jolie, seule... et flambeuse,
in: Nouvel Observateur Nr.2060 v.  29.04.

BUI, Doan (2004): Le boom des romans pour coeurs solitaires,
in: Nouvel Observateur Nr.2060 v.  29.04.

PROLONGEAU, Hubert (2004): Ma vie sans sexe.
Les femmes sont le plus touchées,
in: Nouvel Observateur Nr.2093 v. 16.12.

Während in den USA die freiwillige Enthaltsamkeit thematisiert wird, geht es bei den Franzosen - entsprechend der zentralen These von Michel HOUELLEBECQs Roman Ausweitung der Kampfzone - um die unfreiwillige Enthaltsamkeit. Hubert PROLONGEAU hat dazu sowohl den Mann bzw. die Frau auf der Straße als auch Sexologen wie Janine MOSSUZ-LAVAU befragt.

2005

ESTEBE, Philippe (2005): Gesellschaft im Wandel.
Bevölkerungswachstum, stetige Wohlstandsentwicklung, soziale und räumliche Mobilität, ein expandierender Bildungssektor und eine differenzierte Medienlandschaft kennzeichnen die französische Gesellschaft. Gleichzeitig hat sie ähnliche Probleme wie die Nachbarländer,
in: Informationen zur politischen Bildung Nr.285 Frankreich

WIEGEL, Michaela (2005): Paläste zu Krippen.
Die französische Methode: Familie und Beruf gehören zusammen,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 22.01.

HENARD, Jacqueline (2005): Fräulein Coulibaly und ich.
Eine deutsche Rabenmutter in Paris,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 01.04.

KRÖNCKE, Gerd (2005): Bébé-Boom.
Paris fördert den Wunsch vieler Franzosen nach drei Kindern,
in: Süddeutsche Zeitung v. 23.09.

SCHUBERT, Christian (2005): "Ich habe sechs Rolls-Royce zu Hause - meine Kinder",
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 06.12.

SCHUBERT blickt durch die deutsche Brille auf die französische Familienpolitik. Das Zitat in der Überschrift stammt von Henri JOYEUX, Präsident der Familienlobby "Famille en France".

2006

MEISTER, Martina (2006): Das Modell Frankreich.
Berufstätige Mütter sind jenseits des Rheins ebenso eine Selbstverständlichkeit wie eine kontinuierlich steigende Geburtenrate,
in: Frankfurter Rundschau v. 25.01.

Martina MEISTER verteidigt die das französische Modell der Vereinbarkeit von Beruf und Familie mit überhöhten Zahlen zur deutschen Akademikerinnenkinderlosigkeit, während die französische Geburtenrate in allzu rosigen Tönen erscheint.

Die Sozialstatistiken von Deutschland und Frankreich sind nicht vergleichbar, da sie auf einem anderen Bevölkerungskonzept beruhen. Die Folge: die Geburtenrate der deutschen Frau ist mit 1,4 zu niedrig, die der französischen Frau mit 1,94 zu hoch angesetzt.

Die Ursachen liegen in unterschiedlichen Timingeffekten, anderen Abgrenzungen zwischen Ausländern und Inländern (bedingt dadurch, dass Angehörige der ehemaligen französischen Kolonien als Franzosen gezählt werden) sowie der deutschen Weigerung, Kinder pro Frau statt pro lebenslanger Ehe zu erfassen.

WIEGEL, Michaela (2006): Kinderreichtum dank gut verdienender Frauen.
Angesichts der hohen Geburtenrate gilt in Frankreich die Förderung der Kinderbetreuung als großer Erfolg - auch für den Arbeitsmarkt,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 28.01.

APPEL, Holger & Christian SCHUBERT (2006): "Kinder sind erfolgreicher, wenn die Mutter arbeitet".
Familienpolitik in Frankreich,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 16.02.

Deutsche Karrierefrauen verweisen gerne auf das Modell Frankreich, wenn es um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht. Der französische Familienminister weist dagegen darauf hin, dass die berufstätigen Frauen in Frankreich in erster Linie im Niedriglohnsektor zu finden sind:

"Es arbeiten in Frankreich viele Frauen ohne Studium. Zwei Drittel der Empfänger des nationalen Mindestlohnes sind Frauen."

KOHL, Hans-Helmut (2006): Der Begriff "Rabenmutter" ist den Franzosen fremd.
Die französische Familienpolitik gilt in vielen Ländern Europas als vorbildlich. Das hat die erwünschten Folgen: Die Geburtenrate ist hoch,
in: Frankfurter Rundschau v. 19.04.

RAHIR, Kim (2006): Wo man sich Hausfrauen nicht leisten kann.
Doppelverdiener - Zwei Kinder: Familie in Frankreich,
in: Spiegel Online v. 09.05.

HUGUES, Pascale (2006): Paradies mit Schönheitsfehlern.
Themenausgabe "Gutes, altes Deutschland": Wenn es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht, gilt Frankreich weithin als Vorbild - doch das stimmt nur zum Teil,
in: Tagesspiegel v. 28.05.

2007

WIEGEL, Michaela (2007): Geburtenrate.
Französinnen erobern Spitzenplatz,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 17.01.

HEHN, Jochen (2007): Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - Fruchtbarkeit.
Französische Frauen bekommen die meisten Kinder im europäischen Vergleich. Eine erfolgreiche Familienpolitik sorgt dafür, dass sich Job und Mutterpflichten gut vereinbaren lassen,
in: Welt v. 18.01.

MEISTER, Martina (2007): Kinderregen,
in: Frankfurter Rundschau v. 10.02.

ZEIT-THEMA: Das war das Glück der Mittelschicht

MÖNNINGER, Michael (2007): Generation "Non".
Frankreich: Die Jugend trägt ihre Zukunftsangst auf die Straße - und bringt ihre Eltern gleich mit,
in: Die ZEIT Nr.8 v. 15.02.

HILLMANN, Margit (2007): Frankreichs Wirtschaft engagiert sich - und die Geburtenrate steigt.
Betriebskrippen bringen für Angestellte und Arbeitgeber Vorteile,
in: DeutschlandRadio v. 19.02.

MÜLLER, Uwe & Joachim PETER (2007): Geburtenboom: Frankreich zieht an Deutschland vorbei,
in: Welt v. 19.02.

SPIEGEL -Titelgeschichte: Der vergoldete Käfig.
Wie der Staat die Frauen vom Beruf fernhält - und trotzdem nicht mehr Kinder geboren werden

SANDBERG, Britta (2007): Avantgarde der Fruchtbarkeit.
In Frankreich können Frauen beides haben, Kinder und Karriere - niemand erklärt sie zu Rabenmüttern,
in: Spiegel Nr.9 v. 26.02.

NOUVEL OBSERVATEUR-Titelgeschichte: Vive les bébés!

GAUTHIER, Ursula (2007): Vive les bébés!
La France championne d'Europe des naissances,
in: Nouvel Observateur Nr.2208 v. 01.03.

GAUTHIER, Ursula (2007): Une exception française,
in: Nouvel Observateur Nr.2208 v. 01.03.

COURAGE, Sylvain (2007): "Un démenti à la sinistrose".
Selon l'historien et démographe Emmanuel Todd, c'est l'association de l'individualisme et des aides de l'Etat qui explique ce sursaut de la natalité,
in: Nouvel Observateur Nr.2208 v. 01.03.

FLEURY, Claire/PADOVANI, Marcelle/MARTIN, Marie-Hélène (2007): Espagne, Italie, Allemagne, Grande-Bretagne...
L'Europe des berceaus vides,
in: Nouvel Observateur Nr.2208 v. 01.03.

FLEURY, Claire (2007): Des bébés qui rapprochent.
A la maternité de Grenoble,
in: Nouvel Observateur Nr.2208 v. 01.03.

TROTHA, Trutz von (2007): Wie machen die das bloß, die Gallierinnen?
in: Frankfurter Rundschau v. 06.03.

APPEL, Holger (2007): "Schule mit drei Jahren ist keinesfalls zu früh".
Krippenspiele (4): Frankreich,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 13.03.

KLÄSGEN, Michael (2007): Mittwochs frei.
Frankreich: Auch Mütter mit drei Kindern können Karriere machen,
in: Süddeutsche Zeitung v. 16.03.

SCHUBERT, Christian (2007): "Geht es den Eltern gut, geht es auch den Kinder gut".
Krippenspiele (8): Vielfältige Betreuungsangebote in Frankreich. Private Unternehmen auf dem Vormarsch,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 17.03.

REBHANDL, Bert (2007): Sehnsucht nach Entscheidungen.
Der Philosoph André Glucksmann im STANDARD-Interview,
in:
Der Standard v. 10.04.

Frankreich gilt diesseits des Rheins als bevölkerungspolitisches Musterland, während gleichzeitig die deutsche Reformschwäche beklagt wird. Jenseits des Rheins schaut man dagegen neidvoll auf Deutschland:

"André Glucksmann: Ich glaube, dass Frankreich eine Weichenstellung braucht - deswegen Sarkozy. Ich verspreche mir von ihm eine energische Entscheidung. Warum diese notwendig ist, verdeutlicht ein Blick aus Frankreich auf Deutschland: Da haben wir zwei Nachbarländer, beide mit einer sozialen Marktwirtschaft. Beide müssen das System verbessern, es braucht Einschnitte. Ich konstatiere: Deutschland macht das viel besser. Die Armut ist nicht so ausgeprägt, und das Land hat immerhin 16 Millionen »Ossis« absorbiert. Frankreich hat in derselben Zeit fünf Millionen Menschen in den Banlieues praktisch aufgegeben."

Im Buch Weniger sind mehr löst der deutsche Soziologe Karl Otto HONDRICH das deutsch-französische Paradoxon auf. Bevölkerungspolitik ist nicht die Lösung, sondern das Problem:

"Wenn Kultur und Politik (...) können sie allem Anschein nach den Fall der Geburtenrate aufhalten. Ein Erfolg für das politische System. Aber mit welchen Folgen? Die Jugendarbeitslosigkeit ist in Frankreich durchgehend doppelt so hoch wie in Deutschland. In den Vorstädten der Großstädte erreicht sie 40 bis 50 Prozent. Die Unzufriedenheit der Jungen macht sich in Unruhen und Brandstiftungen Luft. (...).
             Wenn viele Kinder geboren werden, die mit dem Credo der Chancengleichheit und der Verheißung beruflicher Integration heranwachsen, macht sich die Enttäuschung in offener Gewalt und latenter Aggressivität Luft. Was von der Politik so lebhaft beklagt wird, ist doch auch von ihr zu verantworten. Denn einen Bevölkerungspolitik (...) kann zwar Geburtenraten hoch halten. Mit diesem seinem »Erfolg« überfordert das politische System sich aber selbst. Denn seine Macht reicht nicht aus, um für die heranwachsenden Jugendlichen, auf deren große Zahl es mit nationalem Stolz blickt, Arbeitsplätze zu schaffen. Die Eigenlogik des wirtschaftlichen Systems (...) steht dem entgegen." (2007, S.246f.)

Das britische Magazin New Statesman hat in seiner aktuellen Titelgeschichte Frankreich ein Special gewidmet, in dem unter anderem von Frédéric NIEL auf die verlorene französische Jugend ("Lost youth") eingegangen wird.

BMFSFJ (2007): Land ohne Kinder? - Ein deutsch-französischer Vergleich,
in: bmfsfj.de v. 03.05.

SCHMIDT-MATTERN, Barbara (2007): Ihr Kinderlein kommet.
Frankreichs fruchtbare Familienpolitik,
in: DeutschlandRadio v. 09.06.

BLÄSKE, Gerhard (2007): Richtige Verteilung.
WiWo-Serie Wie wir aus der Demografie-Falle kommen (3): Vor einem Jahrhundert hatte Frankreich die niedrigste Geburtenrate Europas. Heute ist das Land mit einer Quote von 2,1 Kindern je Frau europäische Spitze - dank eines dichten Netzes von Betreuungseinrichtungen und steuerlicher Anreize,
in: Wirtschaftswoche Nr.26 v. 25.06.

2008

FINKENZELLER, Karin (2008): Am Tabu gerüttelt.
Frankreichs Regierung ist so klamm, dass sie das Kindergeld kürzt. Bisher galt die großzügige Familienpolitik des Landes als vorbildlich für Europa,
in: Die ZEIT Nr.23 v. 29.05.

Frankreich gilt in Sachen Familienpolitik vielen unkritisch als Vorbild. Der Soziologe Karl-Otto HONDRICH hat dagegen in seinem Buch Weniger sind mehr auf die Gefahren hingewiesen. Und vor kurzem ist das Buch Generation Kinderlos erschienen, in dem darauf hingewiesen wird, dass Deutschland in eine Finanzkrise geraten würde, wenn nun plötzlich 300.000 Kinderlose dem patriotischen Appell (z.B. à la Christoph KEESE) nachkämen und Familien gründen würden. Das Beispiel Frankreich zeigt, dass dies nicht so abwegig ist, wie es bis vor kurzem noch vielen erschien.

KRÖNCKE, Gerd (2008): Ehe annuliert, weil Braut keine Jungfrau war.
In Frankreich hat ein Gericht eine Ehe für ungültig erklärt, weil die Braut Jungfräulichkeit vortäuschte. Die französische Öffentlichkeit hat erschrocken auf das archaische Urteil reagiert,
in: Süddeutsche Zeitung v. 31.05.

ROUDINESCO, Elisabeth (2008): Die Familie lebt.
Einst wurde sie bespöttelt und bekämpft. Nun sehnen sich selbst jene nach ihr, die sie als ein Mittel der Unterwerfung abtaten,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 13.07.

Auszug aus dem Buch Die Familie ist tot. Es lebe die Familie, das bereits im Jahr 2002 in Frankreich erschienen ist und jetzt in deutscher Übersetzung erscheint.

COUDENHOVE-KALERGI (2008): Kinderparadies Frankreich.
Wie kommt es, dass Frankreich die höchste Geburtenrate in Kontinentaleuropa hat?
in: Der Standard v. 27.08.

GÜCKEL, Bernhard (2008): Fast die Hälfte aller Neugeborenen kamen in Frankreich 2007 außerehelich zur Welt,
in: BIB-Mitteilungen, Heft 2 v. 08.09.

Zusammenfassung des Artikels The Population of France in 2007 von Gilles PISON.

2009

KLÄSGEN, Michael (2009): Ärger über Supermama.
An Rachida Dati scheiden sich die Geister. Frankreichs Justizministerin arbeitet kurz nach der Geburt weiter - das regt die Franzosen auf: Dürfen Mütter das?
in:
Süddeutsche Zeitung v. 10.01.

LEHNARTZ, Sascha (2009): Die Mutter der Nation.
Vom Kreißsaal ins Kabinett: Wie Frankreichs Justizministerin Rachida Dati das Land spaltet,
in:
Welt v. 10.01.

FLORIN, Christiane (2009): Freiheit, Gleichheit, Mütterlichkeit.
Frankreich: Eine Ministerin entbindet mal eben und kehr in den Job zurück. Ist das feministisch korrekt?
in:
Rheinischer Merkur v. 15.01.

KOHL, Hans-Helmut (2009): Rachida Dati.
Die öffentliche Mutter,
in:
Frankfurter Rundschau v. 15.01.

BRÜNING, Franziska (2009): Ihr Kinderlein kommet zurück.
Frankreich und Schweden stellen die Ganztagsbetreuung für den Nachwuchs in Frage,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 14.02.

BALMER, Rudolf (2009): Madame traut sich.
Die Französinnen sind Europameister im Kinderkriegen – doch auch Deutschland steigert erstmals seit dem Jahr 2000 die Geburtenrate,
in: Tagesspiegel v. 05.09.

Hohe Geburtenraten haben auch Nachteile, wie BALMER am Nachbarland Frankreich zeigt:

"Obwohl in keinem anderen europäischen Land die 57- bis 65-Jährigen so früh und massenhaft aus der Berufswelt ausscheiden, ist parallel dazu die Jugendarbeitslosigkeit mit 24 Prozent eine der höchsten in der EU. Möglicherweise fehlt das Geld, das für die Geburten- und Familienförderung ausgegeben wird, für die Schaffung von Arbeitsplätzen für den Nachwuchs".

PANY, Thomas (2009): Drinnen und Draußen im Nachbarland.
Die Angst vor dem sozialen Abstieg in Frankreich,
in: Telepolis v. 07.10.

2010

WIEGEL, Michaela (2010): "Frankreich altert, Deutschland vergreist".
Beim Ländervergleich zeigen sich gegenläufige demographische Entwicklungen,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 08.02.

SCHMID, Bernard (2010): Sozialer Aufruhr in Frankreich.
Das Ringen um die Rente – ein Vergleich über die Grenzen hinweg zwischen Frankreich und Deutschland,
in: Telepolis v. 12.10.

WIEGEL, Michaela (2010): In einem überspannten Land.
Frankreich protestiert gegen die Rentenreform. Vor allem die Jugend hat Angst vor der Zukunft,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 24.10.

2012

BALMER, Rudolf (2012): Vater Staat will berufstätige Mütter.
In Frankreich hat die Geburtenförderung eine lange Tradition - Freiräume für die Frau sind eine Nebenwirkung,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 09.03.

PASSET, Jasmim & Gil VIRY (2012): Der zunehmende Einfluss der Bildung auf den Zeitpunkt der Erstgeburt in Deutschland, Frankreich und der Schweiz im Kohortenvergleich,
in:
Bevölkerungsforschung Aktuell, Heft 3 v. 24.05.

MAUGER, Gérard (2012): Eine "geopferte Generation"? "Prekäre Gebildete" und "Jugendliche in Schwierigkeiten". In: Alexander Mejstrik/Thomas Hübel/Sigrid Wadauer (Hrsg.) Die Krise des Sozialstaats und die Intellektuellen. Sozialwissenschaftliche Perspektiven aus Frankreich, Frankfurt/New York: Campus Verlag, S.37-51

Gérard MAUGER beschäftigt sich mit der Inszenierung einer verlorenen Generation in Frankreich:

"Diese These impliziert zwei Annahmen. Erstens wird mit ihr behauptet, dass es eine einheitliche junge Generation gibt, die mit einer Störung des gesamtgesellschaftlichen Aufstiegs (...) konfrontiert ist und daher als ganze von Pessimismus beherrscht wird. Zweitens soll das Unglück dieser »frustrierten Generation« von der vorhergehenden Generation verursacht worden sein. Louis Chauvel etwa meint, dass »der Traum der 68er-Generation der Alptraum ihrer Kinder sein könnte«". (S.37f.)

MAUGER geht anhand einer empirischen Untersuchung der Frage nach, ob es eine solche "verlorene Generation" gibt, wobei er Personen mit Hochschulabschluss, d.h. jene die sich in Deutschland als verlorene Generation inszeniert haben, gar nicht erst in seine Untersuchung einbezieht:

"Stattdessen möchte ich mich mit zwei anderen Fraktionen beschäftigen, die (...) von der Entwertung der Schulabschlüsse betroffen sind. Auf der einen Seite sind da jene, die man nach einem Bestseller von Anne und Marine Rambach aus dem Jahr 2001 als »prekäre Gebildete« (intellos précaires) bezeichnen kann. (...). Auf der anderen Seite gibt es jene Fraktion der »jungen Bevölkerung«, die man heute »Jugendliche in Schwierigkeiten« (les jeunes en difficultés) nennt." (S.39)

MAUGER kommt zum Schluß, dass nicht ein Generationenkonflikt, sondern "Strategien der Multinationalen" Ursache für die schlechteren Aufstiegschancen der jungen Generation ist.

2013

DRUCKERMAN, Pamela (2013): Modell Frankreich.
Emma-Thema: Das Ende der Rabenmütter,
in: Emma, März/April

ASTHEIMER, Sven (2013): Weniger Kinder wegen der Wirtschaftskrise.
Vielen Menschen passen sich der Krise an: Weil sie weniger verdienen und sich um ihre Zukunft sorgen, stellen vor allem junge Europäer Kinderwünsche zurück. Frankreich ist eine Ausnahme,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 10.07.

DÜCKERS, Tanja (2013): Brave Kinder, arbeitende Mütter, bessere Kitas.
Erziehung: In Frankreich machen die Familien alles besser – so scheint es. Manche deutsche Mutter fühlt sich unter Druck gesetzt. Tanja Dückers schaut genauer hin,
in:
ZEIT Online v. 20.08.

MASSON, LUC (2013): Avez-vous eu des enfants ? Si oui, combien?
in: France Portrait social, S.93–109 v. 14.11.

PARUSSINI, Gabriele (2013): Babyboom überfordert klammes Frankreich,
in:
Wallstreet Journal Online v. 26.11.

WIEGEL, Michaela (2013): "Französinnen sind zuallererst Frauen – dann Mütter".
Die französische Feministin Elisabeth Badinter spricht im F.A.Z.-Interview über weibliche Rollenmuster, Kindererziehung und den Unsinn eines Prostitutionsverbots,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 26.11.

2014

BRONISCH, Johannes (2014): Angriff auf die Familie.
Wie französische Frauenministerin das Steuersystem ändern will,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 12.01.

Frankreich will sein - vor allem in Deutschland bei klassenbewussten Familienideologen à la Hans-Werner SINN und Martin WERDING (Motto: Kinder sollen nur die besserverdienenden Akademikerinnen und die vermögende Oberschicht bekommen) als vorbildlich betrachtetes - Familiensplitting abschaffen. Welch ein Frevel! Und das gerade jetzt, wo Frankreich in Deutschland oftmals als Familienwunderland gilt.

PANY, Thomas (2014): Kinderlose als glückliche Außenseiter.
Demografie: In Frankreich sind Kinder die Norm,
in: Telepolis v. 13.02.

Thomas PANY berichtet über die Studie Rester sans enfant : un choix de vie à contre-courant des Nationalen Instituts für Demografische Studien (INED), die sich mit der Kinderlosigkeit in Frankreich beschäftigt. Dort sei im Gegensatz zu Deutschland die Kinderlosigkeit ein abweichendes Verhalten. Tatsächlich beschreiben sich in Deutschland mehr Frauen als in Frankreich als "freiwillig", "gewollt" bzw. "bewusst" kinderlos - u.a. auch deswegen, weil in Deutschland seit der Wiedervereinigung ein zunehmender Terror der Individualisierungsthese herrscht.

Kinderwunschstudien zeigen jedoch, dass Befragungen zum Kinderwunsch von Kinderlosen eher skeptisch zu betrachten sind. Die Aussagen der Kinderlosen sind zeitlich eher instabil und haben in erster Linie mit ihrer aktuellen Lebenssituation zu tun: Partnerlosigkeit, Arbeitslosigkeit, geringe Dauer der Partnerschaft, Mobilitätszwang und vieles mehr führt zu einer geringen Neigung Kinder zu kriegen.

PANY weist zudem auf die aktuelle Debatte um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie hin, die in erster Linie in der ZEIT, FAZ und Spiegel geführt wird. Während PANY diese Debatte mit der aktuellen Rentendebatte in Verbindung bringt, wird auf dieser Website davon ausgegangen, dass sie auch mit der politischen Durchsetzung einer familienpolitischen Zeitpolitik in Verbindung steht. In der rentenpolitischen Debatte greift man Kinderlose direkt an, z.B. über Forderungen nach einer Rente nach Kinderzahl, oder man lässt kinderlose Journalistinnen ihre Kinderlosigkeit rechtfertigen. Schließlich sind lebenslang Kinderlose (ob gewollt oder ungewollt) selbst bei den 1963-1967 Geborenen eine Minderheit von 20 %. Bis Mitte des Jahrtausends wurde deren Anteil auf ein Drittel geschätzt und in der Debatte um die Pflegeversicherung wurde gar ein Anteil von 40 % ins Spiel gebracht. In Deutschland wurde und wird vereinzelt immer noch auf Kinderlose insbesondere durch überhöhte Zahlen zur Kinderlosigkeit in den Medien Druck gemacht.

FINKENZELLER, Karin (2014): Die Superfrauen begehren auf.
Frankreich: Das Bild des Musterlandes in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf bekommt Risse,
in:
Wirtschaftswoche Nr.10 v. 01.03.

Karin FINKENZELLER räumt mit einem einseitigen französischen Mütterbild auf, das in Deutschland die Vereinbarkeitsdebatte prägte und eher deutscher Ideologie als französischer Realität entspricht.

WIEGEL, Michaela (2014): Auf die Familie lässt der Franzose nichts kommen.
Allein unter Frauen: Für mehr als die Hälfte der französischen Männer ist die Familie mit drei oder vier Kindern ein Ideal. Das mag auch daran liegen, dass Elternschaft für den Franzosen keine sakrale Aufgabe ist. Permanente Nähe, Alltag ohne Einschränkung und wenig Schlaf – darüber kann er nur lachen,
in:
faz.net v. 06.05.

2015

WIEGEL, Michaela (2015): Frankreichs Babyboom ist vorbei.
Jahrelang galt Frankreich mit seiner hohen Geburtenrate als europäisches Vorbildland für familienfreundliche Politik. Nun sinkt die Zahl der Neugeborenen erstmals seit Jahren. Die konservative Opposition hat schon einen Schuldigen ausgemacht,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 05.11.

WERNICKE, Christian (2015): Baby-Blues.
Den Franzosen gehen die Kinder aus: Im bislang fruchtbarsten Land Europas geht die Zahl der Geburten stark zurück. Die Kürzung des Kindergelds für reiche Eltern scheint nur einer von mehreren Gründen zu sein,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 05.11.

2016

VEIEL, Axel (2016): Weniger Kinder im Vorzeigeland.
Frankreich verzeichnet Minus bei Geburtenrate,
in:
Frankfurter Rundschau v. 21.01.

"Die Französinnen bringen weniger Kinder zur Welt als bisher, viel weniger sogar. Hatte die Statistik für 2014 noch 2,1 Kinder pro rau ausgewiesen,  waren es für 2015 nur noch 1,96. Mit einem Minus von 19.000 Geburten (2,3 Prozent) verzeichnet das Land den stärksten Rückgang seit 20 Jahren und den niedrigsten Kindersegen seit 1999", berichtet Axel VEIEL.

TZERMIAS, Nikos (2016): Bürgerliche Opposition geisselt die Familienpolitik der regierenden Sozialisten.
Geburtenknick in Frankreich: Die Franzosen sind stolz auf ihre überdurchschnittlich hohe Geburtenrate. Die Fertilität jedoch droht immer mehr unter der Wirtschaftsmisere zu leiden und ist unter die Marke von zwei Kindern je Frau gerutscht,
in:
Neue Zürcher Zeitung Online v. 21.01.

2017

KÖPPEN, Katja/MAZUY, Magali/TOULEMON, Laurent (2017): Childlessness in France. In: Michaela Kreyenfeld & Dirk Konietzka (Hrsg.) Childlessness in Europa: Contexts, Causes, and Consequences, Springer, S.77-95

In Frankreich ist der Daten- und Forschungsstand zur Kinderlosigkeit noch rückständiger als in Deutschland. Das Land gilt familienpolitisch als Vorbild, weil es (noch ?) hohe zusammengefasste Geburtenziffern vorweisen kann und die Kinderlosigkeit - soweit sie überhaupt gemessen werden kann - gering ist.

"France has one of the highest birth rates in Europe. Since 1975 the total fertility rate has been rather stable, at an average of 1.8 children per woman, and recent numbers indicate that the TFR has risen to two children per woman" (2017, S.81),

schreiben KÖPPEN/MAZUY/TOULEMON auf Basis ihrer Daten, die nur bis zum Jahr 2014 reichen. Im Jahr 2017 lag dagegen die Geburtenrate (TFR) "nur" noch bei 1,88 Kinder pro Frau. in Frankreich wird immer noch nicht die biologische Geburtenfolge erhoben, sondern man ist in Frankreich auf Erhebungen mit - im Vergleich z.B. zum deutschen Mikrozensus - geringen Fallzahlen angewiesen. Aus diesem Grund werden meist 5 Frauenjahrgänge zusammengefasst, um überhaupt verwertbare Daten zur Kinderlosigkeit zu erhalten (vgl. MASSON 2013). So schreibt z.B. Tomáš SOBOTKA in seinem Beitrag zur Kinderlosigkeit in Europa über Frankreich:

"Data quality problems, such as a high share of births with an unknown birth order, the publication of the birth order for 5-year age groups only (this practice was common in the past in some of the countries of the former Yugoslavia and the Soviet Union), and the incorrect or inconsistent reporting of biological birth order (this practice is common in France) make the resulting cohort childlessness estimates volatile and often useless." (2017, S.23)

Wie in Deutschland werden zur Schätzung der Kinderlosigkeit notgedrungen die Haushalte von Kinderlosen herangezogen, mit all den Problemen, die sich daraus ergeben. Auf solche Haushaltszahlen aus dem Jahr 2011 stützen sich auch KÖPPEN/MAZUY/TOULEMON. Die Entwicklungen in den letzten 6 Jahren bleiben damit im Beitrag unberücksichtigt.

"For women born between 1935 and 1955, childlessness stabilises at around 12 % (11 % for cohorts around 1945). A slight increase can be observed for women born after 1960, and the proportion childless increases to 15 % among women born in 1980" (2017, S.83f.),

prognostizieren KÖPPEN/MAZUY/TOULEMON die Entwicklung der Kinderlosigkeit in den jüngeren Frauenjahrgängen in Frankreich. Die Autoren geben sich jedoch hoffnungsvoll:

"While the age at first birth in France has been increasing, birth rates have not been decreasing. Thus, it is possible that a non-negligible share of those men and women who are still childless at ages 35+ may still have children in the future." (2017, S.92)

Während Deutschland auf Schrumpfung und Alterung fixiert ist und sich dies auch in der Darstellung bzw. Beurteilung der Geburtenentwicklung wiederspiegelt, gilt für Frankreich das Gegenteil. Man kann sich dort genauso wenig einen Umbruch in der demografischen Entwicklung des Landes vorstellen wie anderswo.    

SIEMS, Dorothea (2017): Europa vergreist - aber nicht überall.
Gegen den demografischen Wandel sind nur wenige Regionen wirklich gerüstet,
in: Welt
v. 26.07.

MAYAULT, Isabelle (2017): Ein Feld für eine Welt.
Utopie: Im Städtchen Cahors im ländlichen Südwesten Frankreichs entstand Ende der 1940er Jahre eine Bewegung für mehr Globalisierung. Die Gründer verstanden darunter noch etwas anderes,
in:
Freitag Nr.31 v. 03.08.

"Die erste offizielle Weltstadt sollte nicht London, New York oder Paris sein, sondern Cahors, eine Kleinstadt im ländlich geprägten Département Lot im sonnigen Südwesten Frankreichs, das heute weit bekannter ist wegen seiner Grotten, Schlösser und seiner Küche als wegen dieses einmaligen Experiments einer weltbürgerlichen Utopie. (...).
Heute ist Cahors eine friedliche Kleinstadt mit 12.000 Einwohnern, die für ihren Wein und eine Brücke mit befestigten Türmen aus dem 14. Jahrhundert berühmt ist. Es fällt schwer, sich dieses mittelalterliche französische Städtchen, das von japanischen Reiseanbietern geliebt wird, als eine Brutstätte utopischer Leidenschaften vorzustellen",

berichtet Isabelle MAYAULT über die Weltstadt der mondialistischen Bewegung, die nicht einmal dem deutschen Wikipedia bekannt ist.

SIEBECK, Florian (2017): Ollivier und die Ausbeuter.
Alte Baustoffe für neue Häuser sind der Renner. Doch woher stammt das Material? In Frankreich kämpft ein Bürgermeister mit allen Mitteln gegen den Ausverkauf seiner Stadt,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 06.08.

EUROSTAT (2017): Teenage and older mothers in the EU,
in: Pressemitteilung des statistischen Amt der Europäischen Union v. 08.08.

STRAUBHAAR, Thomas (2017): Mehr Kinder machen glücklich(er)!
Kolumne,
in:
Welt v. 09.08.

BÜCHI, Christophe (2017): Die umgekehrten Grenzgänger.
NZZ-Serie Die fünfte Schweiz: Über die Genfer, die - klandestin und regulär - im benachbarten Frankreich wohnen,
in:
Neue Zürcher Zeitung v. 11.08.

2018

PAPON, Sylvain & Catherine BEAUMEL (2018): Bilan démographique 2017.
Plus de 67millions d’habitants en France au 1er janvier 2018,
in:
Insee Première v. 16.01.

Das Mütter-Vorbild Frankreich, das bei Vereinbarungsverfechtern genauso beliebt ist wie bei Traditionalisten, schwächelt bei der Geburtenentwicklung. Im Jahr 2017 wurden rund 767.000 Kinder geboren. Das waren ca. 17.000 weniger als im Vorjahr. Die Geburtenrate ist von 1,92 auf 1,88 Kinder pro Frau gefallen. Seit 2013 sind die Geburtenzahlen zurückgegangen (Höchststand: 811.500). Das Durchschnittsalter der französischen Mütter liegt bei 30,6 Jahren.

BRÄNDLE, Stefan (2018): Kein Geld für Kinder.
Frankreich hat traditionell die höchste Geburtenrate Europas. Doch jetzt bringen die Französinnen weniger Kinder auf die Welt. Deutschlands Wirtschafts- und Sozialmodell gilt plötzlich als Vorbild,
in:
Frankfurter Rundschau v. 23.01.

Nicht erst diese Woche wie Stefan BRÄNDLE behauptet (was daran liegen mag, dass der Bericht bereits letzte Woche in der Luzerner Zeitung stand und die FR das ohne Abänderung übernommen hat), sondern bereits vor einer Woche wurden in Frankreich die Geburtenzahlen für 2017 veröffentlicht, wie auf dieser Website nachzulesen war (Deutschland ist dazu nicht annähernd in der Lage, sondern hat erst im November vorläufige Zahlen für 2016 geliefert).

"Der Nationalstolz ist (...) getroffen, weil damit die bisherige Annahme, Frankreich (...) werde Deutschland (...) in einem halben Jahrhundert als bevölkerungsreichstes Land Europa ablösen, in weite Ferne rückt",

trötet BRÄNDLE. Anfang des Jahrtausends wurde umgekehrt den Deutschen damit gedroht (z.B. 2002 im katholischen Rheinischen Merkur, dem die Leser davongelaufen sind und der inzwischen eingestellt wurde). Diese Art von Berichterstattung zeigt, dass der Kosmopolitismus und der Europagedanke nicht einmal bei unseren Medien vorhanden ist. Vielmehr reicht dieser unsägliche Geburtenvergleich zurück in die Zeiten der kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Frankreich und Deutschland. In dieser kriegerischen Vergangenheit wurde mit falschen Bevölkerungsangaben zum Nachbarland Stimmung gemacht.

Anders als früher wird heute dieser Krieg und die Geburtenwettlaufshysterie ökonomisch geführt und medial geschürt. Die Verankerung von Bevölkerungsbewusstsein im Volke, gemäß dem nationalkonservativen Bevölkerungswissenschaftlers Herwig BIRG eine nationale Propagandaaufgabe, ist heutzutage offensichtlich immer noch aktuell - aller Europarhetorik zum Trotz.

Typisch für dieses kleinkariert, nationalistische Konkurrenzdenken unserer Medien ist der Versuch Geburtenzahlen, deren Zustandekommen ungeklärt ist, für familienpolitische Schnellschüsse zu vereinnahmen. Während in Deutschland Vereinbarkeitsverfechtern (wegen der Kinderbetreuung) und Nationalkonservativen (wegen der pronatalistischen Ausrichtung) Frankreich als Vorbild gilt, behauptet BRÄNDLE nun dreist, dass in Deutschland die Familienpolitik "sozial" sei, obwohl davon beim Elterngeld keine Rede sein kann. Das Elterngeld ist eine bevölkerungspolitisch motivierte Maßnahme, die auf der Prämisse beruht, dass Akademikerinnen mehr Kinder bekommen sollen als Nicht-Akademikerinnen. 

BLUME, Georg (2018): In Frankreich fehlen die Babys.
Immer war das Nachbarland stolz auf seine hohe Geburtenrate. Nun bekommen auch dort die Frauen weniger Kinder. Woran liegt das?
in: Die ZEIT Nr.8
v. 15.02.

Georg BLUME liefert einen konfusen Artikel ab, der von Ungereimtheiten nur so strotzt:

"Erstmals seit über 20 Jahren geht die französische Geburtenrate wieder zurück. 2017 kamen in Frankreich 767.000 Babys zur Welt, 17.000 weniger als im Vorjahr."

BLUME spricht von Geburtenrate, obwohl er nur die absoluten Geburtenzahlen nennt. Die Geburtenrate geht jedoch seit 2010 (Höchststand: 2,03) fast kontinuierlich zurück - die Geburtenzahlen ebenfalls (Höchststand 2010: 832.800). Nur durch die Einbeziehung Übersee-Departéments Mayotte in die französische Bevölkerungsentwicklung im Jahr 2014 gab es eine scheinbare Erholung. BLUME verbreitet also schlichtweg Fake-News!

Es ist genauso falsch, dass die Geburtenrate seit 20 Jahren ständig angestiegen ist. 15 Jahre zuvor lag die Geburtenrate ebenfalls bei 1,88 Kinder pro Frau. Aber es geht bei BLUME genauso konfus weiter:

"2016 und 2015 war der Rückgang ähnlich hoch. Hält diese Entwicklung an, könnte das eine historische Wende für das Land bedeuten.
Erst bei 2,1 Kindern sehen Bevölkerungsforscher den Erhalt der Bevölkerung überhaupt gewährleistet. In Frankreich war das lange der Fall, nicht mehr."

Der letzte Satz steht so verstümmelt in der ZEIT. Der Leser kann den Satz auf zwei Weisen interpretieren: Zum einen "In Frankreich war das lange der Fall, jetzt nicht mehr" und zum anderen: "In Frankreich war das lange nicht mehr der Fall". Die 2,1 Kinder pro Frau wurden nur im Jahr 2010 knapp verfehlt, d.h. die letzte Lesart wäre die Korrektere.

2,1 Kinder pro Frau ist nur für nationalkonservative Bevölkerungswissenschaftler das Maß der Dinge. Es gilt jedoch nur für geschlossene, nicht jedoch für offene Gesellschaften der Moderne. Zuwanderungsüberschüsse sorgen dafür, dass in solchen Gesellschaften - insbesondere bei guter Wirtschaftslage, die Bevölkerung auch unterhalb der Bestandserhaltungszahl wachsen.

Auch die nationalkonservative Sicht, dass Frankreich die Babys fehlen, ist in Frankreich umstritten. Der Journalist Guillaume DUVAL sieht gerade im Babyboom und dem starken Bevölkerungswachstum in Frankreich einen gravierenden wirtschaftlichen Nachteil gegenüber Deutschland:

"Im Jahr 2015 lag die Fertilitätsrate der französischen Frauen bei durchschnittlich zwei Kindern pro Frau, während die Geburtenrate in Deutschland 1,5 Kinder pro Frau betrug (...). Daraus ergibt sich, dass Deutschland trotz des Zustroms von Flüchtlingen in den vergangenen Jahren zwischen 2000 und 2016 nur 276.000 Einwohner hinzugewann, während die französische Bevölkerung um über sechs Millionen Einwohner wuchs."

DUVAL sieht deshalb in dem Buchaufsatz Frankreich ist nicht der kranke Mann Europas einen Nachteil für das französische Bildungs- und Erwerbssystem:

"Deutschland ist ein Land, in dem die Anzahl der Schüler pro Lehrer niedriger ist als in Frankreich und in dem die Lehrer viel besser bezahlt werden als in Frankreich. Aber aufgrund der niedrigen Geburtenrate wendet Deutschland für das Bildungswesen 0,7 Punkte des BIP weniger auf als Frankreich.
Zusammengefasst zählte man im Jahr 2015 in Frankreich 1,6 Millionen Personen mehr, die zwischen 0 und 15 Jahren waren, als in Deutschland und 4,8 Millionen weniger, die über 65 Jahre alt waren. Aber wenn man die Gesamtheit der über 65-Jährigen und der unter 15-Jährigen auf die Bevölkerung der 15- bis 64-Jährigen bezieht, die im sogenannten erwerbsfähigen Alter sind, so wird deutlich, dass es in Deutschland 1,9 Menschen im erwerbsfähigen Alter pro Nichterwerbstätigen gibt - in Frankreich aber nur 1,7. (...).
Dieser Unterschied in der demografischen Entwicklung erklärt (...) im Wesentlichen den zwischen Frankreich und Deutschland zu beobachtenden Unterschied bei Beschäftigung und Arbeitslosigkeit." (2017, S.135f.)

Gemäß dieser Sicht ist Frankreich sozusagen vom Babyboom völlig überfordert worden. Hohe Jugendarbeitslosigkeit und schlechte Bildungschancen sind das Ergebnis. Deutschland droht in den nächsten Jahren mit seinem Mini-Babyboom das gleiche Schicksal. Bereits heute zeichnet sich in Deutschland ein gravierender Mangel an Kinderbetreuung und Grundschullehrern ab. Frankreich ist kein Vorbild, sondern Mahnmal, das zeigt, dass Geburtenreichtum keinesfalls gesellschaftlichen Wohlstand bedeutet. Darauf hat der Soziologe Karl Otto HONDRICH bereits frühzeitig im Jahr 2007 in seinem Buch Weniger sind mehr hingewiesen. Die Entwicklung seit dem bestätigt diese Sicht eindrucksvoll.

BLUME bietet verschiedene Spekulationen an, warum die Geburtenrate sinkt. Die wirtschaftliche Entwicklung klammert er aus, ein Resultat seiner Falschdarstellung hinsichtlich der Geburtenentwicklung in Frankreich. Deshalb bleiben nur Stereotypen übrig, z.B. sollen die Franzosen häufigeren Sex haben und deshalb mehr Kinder bekommen. BLUME hat offenbar noch nichts von der Entkopplung zwischen Sexualität und Geburtenaufkommen gehört. Ein anderer Faktor sei die Zunahme von Trennungen. Auch dies ist zu kurzsichtig, weil sich dahinter unterschiedliche gesellschaftliche Entwicklungen verbergen.

Passend zum Leserpublikum urbanes Akademikermilieu wird die Wohnungsnot in Paris angeführt. Unter französischen Akademikerinnen mag im Vergleich zu Westdeutschland die Kinderlosigkeit niedriger sein, aber auch in Frankreich tragen Akademikerinnen weniger zum Geburtenaufkommen bei, weshalb deren Probleme kaum relevant für die Geburtenentwicklung ist. Wie für alle katholischen Länder, so gilt auch für Frankreich, dass die Bevölkerungsstatistik dem modernen Familienleben nicht gerecht wird. Während in Deutschland seit 2008 die biologische Geburtenfolge erfasst wird, wird in Frankreich noch immer nur die eheliche Geburtenfolge erfasst. Die Daten müssen deshalb durch Surveys ergänzt werden. Im Gegensatz zum Mikrozensus, bei dem 3 % der Bevölkerung befragt werden, sind es in Frankreich nur 1 - 2 %. Aus diesem Grunde sind die niedrigen Kinderlosenzahlen Frankreichs möglicherweise auch teilweise ein Forschungsartefakt. Der Buchaufsatz Childlessness in France von Katja KÖPPEN,  Magaili MAZUY und Laurent TOULEMON aus dem Jahr 2017 ist eher Ausdruck kultureller Unterschiede. Im Gegensatz zu den aufs Aussterben fixierten Deutschen, ist den Franzosen eher ein naiver Optimismus zu eigen, was den unterschiedlichen Erfahrungen der letzten Jahrzehnte geschuldet ist. Die Zukunft ist jedoch weit weniger von der Vergangenheit abhängig, als Journalisten und Demografen das gerne darstellen. Typisch für diese Kurzschlüssigkeit ist BLUMEs Artikel:

"Vor Kurzem noch konnten sich die Franzosen ausrechnen, dass sie um das Jahr 2050 herum mehr Einwohner zählen würden als Deutschland, dass sie also zum bevölkerungsreichsten Land in Europa aufsteigen. Inzwischen sieht es danach nicht mehr aus. (...). Hierzulande liegt die Fruchtbarkeitsrate pro Frau immerhin wieder bei 1,5. Halten beide Trends an, wird die Fruchtbarkeitsdifferenz zwischen beiden Ländern in ein paar Jahren verschwinden."

Langfristige Trends zu konstatieren ist verantwortungslos. Die rasante Verfallszeit von Bevölkerungsvorausberechnungen sollte eigentlich zu denken geben, nichtsdestotrotz werden immer wieder völlig haltlose Spekulationen in die Welt gesetzt. Das Statistische Bundesamt wertet deshalb seine Bevölkerungsvorausberechnungen nur noch als politische Propaganda. Treffsicherheit ist kein Kriterium mehr. Natürlich wird das nicht so drastisch ausgedrückt, aber zwischen den Zeilen kann man das so deuten.

BLUME will einen Mentalitätswandel bei jungen Franzosen festgestellt haben, der sich weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit vollzogen habe. Nur in Deutschland hat man falsche Vorstellungen von der französischen Geburtenentwicklung. Das ist jedoch der Bevölkerungspolitik geschuldet, weshalb nur der Aspekt der Kinderbetreuung und der materiellen Anreize für wohlhabende Familien herausgehoben wird, während das französische Hausfrauendasein verleugnet wurde. Schon im Jahr 2010 erschien das Buch Der Konflikt von Elisabeth BADINTER, der den Mentalitätswandel unter Akademikerinnen in Frankreich zum Thema hatte.

Als Letztes wird die französische Familienpolitik, die Nationalkonservativen und Vereinigungsverfechter als vorbildlich galt, als Problemfall betrachtet. Denn

"im Zuge der Wirtschaftskrise wurde seit 2008 die Familienförderung langsam wieder abgebaut".

In Frankreich geht es jedoch nicht um Familienförderung, sondern um qualitative und quantitative Bevölkerungspolitik. Die qualitative Bevölkerungspolitik zielt auf die Förderung wohlhabender Familien ab. Entsprechend wird auch von BLUME nur als Problem herausgestrichen, dass in Frankreich das Elterngeld niedriger als in Deutschland ist.

PANTEL, Nadia (2018): Schatten auf dem Paradies.
Trotz guter Betreuung vergeht vielen Franzosen die Lust auf Kinder,
in:
Süddeutsche Zeitung v. 29.03.

Nadia PANTEL korrigiert das "Bild der unbesorgten Französinnen", das Akademikerinnen der Medienbranche und Wissenschaftlerinnen in den Nuller Jahren gezeichnet haben. PANTEL bezeichnet es als Blick auf die "großen Städte und auf arbeitende Paare". Vereinbarkeitsverfechterinnen wie Martina MEISTER oder Barbara VINKEN sind verantwortlich für das stark verzerrte Bild auf die idealisierte, französische Mutter.

"Laut Umfrage der »Union der Familienvereine« betreuten 2016 mehr als 60 Prozent der französischen Eltern ihre Kinder bis zum dritten Lebensjahr selbst. Nur zwölf Prozent gaben ihre Kinder in eine staatliche Krippe.
(...). Doch auch in Familien mit zwei berufstätigen Elternteilen stemmen immerhin 27 Prozent der Eltern die Tagesbetreuung ohne staatliche Unterstützung. In der Gruppe der arbeitenden Eltern finden sich viele Mütter und Väter, die ihr Baby gerne in die Krippe gegeben hätten, aber keinen Platz bekommen haben. Die staatlichen Betreuungsplätze sind begehrt, und sie decken nicht den Bedarf",

erklärt uns nun PANTEL. Erst die 3-Jährigen und Älteren sind durch die Vorschule ("École maternelle") in Frankreich mit 97 Prozent versorgt. In den Nuller Jahren arbeitenden sich die deutschen Medien am "Rabenmutter"-Stereotyp ab, das berufstätigen Müttern aufgrund der typisch deutschen Tradition anhaften sollte. Die Debatte um die "Herdprämie" zeigt indes die Verschiebungen im deutschen Diskurs. Wenn jetzt ein anderes Bild von Frankreich gezeichnet wird, dann hängt das auch damit zusammen, dass nicht mehr die Kinderlosigkeit der Akademikerinnen sondern der Rückgang der kinderreichen Familie bzw. das Zwei-Kinder-Ideal neues als Hauptproblem gilt.

 
       
   

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Update am: 29. März 2018