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Rezension

 
       
   

Kinder machen

 
       
   

Andreas Bernard beschreibt die Reproduktionsmedizin als Stütze der bürgerlichen Kleinfamilie (Teil 1)

 
       
     
       
     
       
   
     
 

Die Reproduktionsmedizin und die Ordnung der Familie

Der Journalist und Kulturwissenschaftler Andreas BERNARD verquickt mit seinem Buch Kinder machen die Entwicklungsgeschichte der neuen Reproduktionstechnologien mit deren Folgen für die Familienbildung. Es ist außerdem die Geschichte eines Einstellungswandels zur künstlichen Befruchtung, die sich in den 1990er Jahren vollzieht, d.h. in jenen Jahren als Deutschlands Entwicklung zur Single-Gesellschaft heftig kritisiert wurde, und die Kinderlosigkeit der Karrierefrau zum Menetekel der vergreisenden Gesellschaft wurde. Während BERNARD diesen gesellschaftlichen Kontext ausblendet, soll hier dieser individualisierende Blick einer biopolitischen Perspektive gegenüber gestellt werden, in der die Demografisierung gesellschaftlicher Probleme sichtbar und damit kritisierbar wird.

Gestiegene Kinderzahlen als Erfolgsmaßstab der Reproduktionsmedizin     

Welchen Einfluss die Reproduktionsmedizin auf die Geburtenrate hat, das lässt sich kaum belegen, denn es gibt für Deutschland keine verlässlichen Zahlen. Lediglich ein Teil der Geburten werden im Deutschen IVF-Register erfasst. In Deutschland nicht zugelassene Verfahren können damit auch nicht registriert werden. Zudem sind manche Technologien aus den Anfangszeiten der Reproduktionsmedizin inzwischen so alltäglich geworden, dass sie als solche gar nicht mehr gesondert erfasst werden. BERNARD schreibt dazu:  

Kinder machen

"Die Verfahren der assistierten Empfängnis sind im Jahr 2014 keine Randerscheinung mehr. Ein halbes Jahrhundert nach Gründung der ersten Samenbanken in den USA und über 35 Jahre nach der Geburt der ersten in vitro gezeugten oder von einer bezahlten Leihmutter ausgetragenen Babys haben diese Techniken jede Exotik verloren und bestimmen, je nach Rechtslage der einzelnen Länder, den Alltag der Reproduktionsmedizin. Weltweit gibt es bereits über fünf Millionen durch In-vitro-Fertilisation entstandene Menschen. In Deutschland geht derzeit jede vierzigste Geburt auf eine künstliche Befruchtung zurück; vor den Einschränkungen der Kostenübernahme im Jahr 2004 war es sogar jede dreißigste. Die Zahl der durch Samenspende eines Dritten gezeugten Kinder soll sich nach Angaben der Samenbank-Betreiber in Deutschland auf über 100 000 belaufen; dieser Wert kann aber, im Gegensatz zu den seit 1982 im »Deutschen IVF-Register« erfassten Geburten, durch kein Verzeichnis nachgeprüft werden. Leihmutterschaft und Eizellspende sind gemäß den Bestimmungen des »Embryonenschutzgesetzes« weiterhin verboten. Die Zahl jener deutschen Paare aber, die den Offerten des Reproduktionstourismus folgen und in Ländern, die diese Verfahren anbieten, eine künstliche Befruchtung mit fremder Eizellen durchführen lassen oder sogar eine Leihmutter engagieren, hat in den vergangenen Jahren erheblich zugenommen."
(2014, S.19)

Dass die Erfolge der Reproduktionsmedizin keineswegs unabhängig von bevölkerungspolitischen Aspekten betrachtet werden dürfen, zeigen die als Einbruch der Geburtenzahlen wahrgenommene Einschränkung der Kostenübernahme durch die Krankenkassen im Jahr 2004. Diese bevölkerungspolitische Debatte wird von BERNARD nur ganz am Rande erwähnt, aber nicht systematisch beim Siegeszug der Reproduktionsmedizin betrachtet. Die Soziologin Susanne SCHULTZ beschreibt dagegen in ihrem Artikel Mehr Deutsche via IVF im Gen-ethischen Informationsdienst Nr.194 vom Juni 2009 die Hintergründe dieses Deutungskampfes um ausgefallene Geburten:

Mehr Deutsche via IVF

"Seit einem Jahr hat der Kampf gegen die »Vergreisungsfalle« ein neues Steckenpferd hinzubekommen, nämlich die In-vitro-Fertilisation (IVF). Diskutiert wird, inwiefern Bevölkerungspolitik an der Finanzierung dieser Maßnahme moderner Reproduktionsmedizin ansetzen könne. Im Juli 2008 preschten die drei Bundesländer Sachsen, Thüringen und Saarland vor und überzeugten den Bundesrat, sich für eine Aufhebung der neuen restriktiveren Finanzierungsmodi für IVF seit 2004 auszusprechen. Begründung; »Deutschland ist (...) in einer demographischen Falle, die es erfordert, alle Maßnahmen zu fördern, um der zunehmenden Vergreisung und dem damit einhergehenden Druck auf die Steuer- und Sozialabgabensysteme entgegenzuwirken.« Hintergrund der Debatte ist das Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV-Modernisierungsgesetz, GMG) vom November 2003. Das gesundheitspolitische Sparprojekt der rot-grünen Koalitionsregierung hob die bisherige Vollfinanzierung von vier IVF-Zyklen für verheiratete Paare durch die gesetzlichen Krankenkassen auf."
(2009)

Das Deutsche IVF-Register (DIR) ist auch keine - wie man vielleicht fälschlicherweise annehmen könnte - amtliche Statistik, sondern eine freiwillige Erhebung der deutschen Reproduktionskliniken. Nach einer Selbstdarstellung (Website abgerufen am 05.08.2014) ist das Register 1982 von Reproduktionsmedizinern gegründet worden, aber erst seit 1996 offiziell eine Einrichtung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), das zudem erst seit 1999 für seine Mitglieder verpflichtend ist. Die Datenqualität ist daher durchaus unterschiedlich. Zudem lässt sich daran ablesen, dass die Bedeutung der Reproduktionsmedizin erst Mitte der 1990er Jahre gesellschaftspolitisch wirklich relevant geworden ist. Mitte der Nuller Jahre ist ihre bevölkerungspolitische Relevanz im Deutungskampf um den demografischen Wandel zudem daran abzulesen, dass z.B. mit "ausgefallenen Geburten" argumentiert wird, worauf später noch näher eingegangen wird. Diese Hintergründe werden bei Andreas BERNARD thematisiert, sondern sie werden lediglich indirekt sichtbar, wenn er den Einstellungswandel gegenüber der künstlichen Befruchtung anhand dem Begriffswandel vom Retortenbaby zum Wunschkind beschreibt.

Vom Retortenbaby zum Wunschkind

Noch Mitte der 1980er Jahre zeigt sich die Skepsis gegenüber der künstlichen Befruchtung gemäß BERNARD anhand des Gebrauchs des Begriffs Retortenbaby, der die Künstlichkeit der Entstehung betont:

Kinder machen

"Die kritische Aufnahme der extrakorporalen Befruchtung bildet sich (..) in der Bezeichnung der Kinder ab, die auf diese Weise gezeugt werden: in den Begriffen »Test-tube Baby« und der deutschen Entsprechung »Retortenbaby«. Das englische Wort ist allerdings nicht neu. Es stammt aus einer früheren Epoche der Reproduktionsmedizin, aus den 1930er Jahren, als in den USA die Samenspende eines Dritten aufkam. (...). Bereits im Zusammenhang mit den Forschungen von John Rock und Miriam Menkin in Boston wird der Begriff allerdings auch für die möglichen Erfolge von Befruchtungen außerhalb des Körpers benutzt, und als die Experimente Edwards' und Steptoes Anfang der siebziger Jahre erstmals für Aufsehen sorgen, bürgert er sich als Synonym für in vitro gezeugte Kinder ein.  Keine deutsche Zeitung etwa kommt nach dem 25. Juli 1978 ohne das Wort »Retortenbaby« in den Schlagzeilen aus (...).
Die Begriffe »Test-tube«, »Retorte« und »Reagenzglas« sind bis heute Bestandteil jeder skeptischen Beschreibung der Reproduktionsmedizin, und vor diesem Hintergrund ist es aufschlussreich, dass keine einzige erfolgreiche In-vitro-Fertilisation jemals in einem solchen Gefäß stattgefunden hat. Denn seit Miriam Menkins Zeiten verwenden die Embryologen bekanntlich flache, breite Petrischalen, um die menschlichen Eizellen und Samenproben zu vereinigen."
(2014, S.427f.)

BERNARD geht ausgiebig auf die kulturelle Bedeutung der Metapher "Reagenzglas" ein, die als Ausdruck einer entfesselten Wissenschaft gilt, während dem Begriff "Petrischale" keine Symbolkraft zugeschrieben wird:   

Kinder machen

"(Die) Bedeutungstradition des Reagenzglases, als zweifelhafte Ikone einer entfesselten Wissenschaft, hat vermutlich dazu geführt, dass dem Gefäß in der Geschichte der Reproduktionsmedizin eine faktisch grundlose Repräsentationskraft zugewiesen wurde. Die Petrischale hingegen, ihre diskrete Erscheinung, eignet sich nicht zum Symbol. Der tatsächliche Schauplatz epochaler Verwandlungen, jenes Glas, dem die In-vitro-Fertilistation ihren Namen verdankt, ist bis heute semantisch neutral geblieben."
(2014, S.429)

Dass sich die Petrischale durchaus als Symbol eignet, zeigt das Spiegel-Titelbild Der künstliche Kindersegen: In einer Petrischale liegen Drillinge als Symbol einer eher unfreiwilligen Fruchtbarkeit.

Insbesondere das Frankenstein-Motiv und die Dystopie Schöne neue Welt von Aldous HUXLEY wird immer wieder in Verbindung mit den neuen Reproduktionstechnologien gebracht und kann zu einem gesellschaftlichen Konsens ansonsten divergierender gesellschaftlicher Gruppen führen:

Kinder machen

"Die Sorge, dass die Reproduktionsmedizin das Gut des Lebens in ein technisches »Produkt« verwandle, unabhängig von der körperlichen Vereinigung zweier Menschen, verbindet ansonsten unvereinbare politische Lager: Feministinnen und Kirchenvertreter, alternative und konservative Parteien. Schlagzeilen und Buchtitel greifen immer wieder zu Metaphern der Dehumanisierung; jene Frauen, die sich In-vitro-Befruchtungen und Embryonentransfers unterziehen, werden als »Gebärmaschinen« oder »Mutter-Maschinen« bezeichnet. Die extrakorporale Zeugung bringt Erinnerungen an jahrhundertealte, von der Literatur und Mythologie durchgespielte Imaginationen des künstlichen Menschen hervor, die sich nun zu verwirklichen scheinen. Es ist daher folgerichtig, dass die frühen Diskussionen um die In-vitro-Fertilisation (wie in der Anfangszeit der Samenspende) unablässig von Verweisen auf die phantastische Literatur begleitet werden, insbesondere auf zwei berühmte Vertreter des Genres: Mary Shelleys »Frankenstein« von 1818 und Aldous Huxleys 1932 erschienene Dystopie »Brave New World«, »Schöne neue Welt«.
(2014, S.430)

Anhand der Titelgeschichten des Magazins Spiegel lässt sich der Einstellungswandel gegenüber der Reproduktionsmedizin bereits an den Titelbildern sichtbar machen.

1978

1986

1987

1992

1996

1999

2002

2008

2014

Während bis Mitte der 1990er Jahre die Künstlichkeit der Entstehung im Vordergrund der Debatte steht, treten danach die Probleme der Unfruchtbarkeit bzw. der unerfüllte Kinderwunsch in den Vordergrund. Erst mit der Zunahme später Mütter gerät die Reproduktionsmedizin erneut in ein Spannungsverhältnis zur Bevölkerungspolitik, die auf eine Zunahme junger Mütter abzielt. Es zeigt sich, dass sich der Aufbau des Deutschen IVF-Registers in den letzten Jahren im Gleichschritt mit der Zunahme der bevölkerungspolitischen Relevanz der Geburtenentwicklung vollzieht.

Die neuen Reproduktionstechnologien und die Gefahren der Menschenzüchtung

BERNARD weist darauf hin, dass die Reproduktionsmediziner schon immer das Problem der Unfruchtbarkeit zum Ausgangspunkt ihrer Arbeit gemacht haben, während in der Öffentlichkeit dieses Problem bis in die 1990er Jahre überschattet gewesen sei von der ethisch-moralischen Kontroverse darum, ob ungewollte Kinderlosigkeit als Schicksal hingenommen werden muss oder ob sie mittels künstlicher Befruchtung behoben werden darf.

Kinder machen

"Im Empfinden der Protagonisten assistierter Empfängnis steht die Krise der Unfruchtbarkeit (...) schon immer im Vordergrund, als Impuls ihrer medizinischen Forschungen, Geschäftsideen oder Hilfsgesuche. Diese Priorität spiegelt sich aber bis weit in die achtziger Jahre hinein nicht in der öffentlichen Wahrnehmung wider. Die In-vitro-Fertilisation wird (...) primär in ihrem Verhältnis zur Menschennatur verhandelt, und wenn das Problem der Infertilität in den Debatten einmal auftaucht, dann keineswegs als Universallegitimation für die Anwendung des Verfahrens, sondern in einem kontrovers und kritisch aufgefassten Sinn.
(...).
(Das) Beharren auf einer »Ontologie« der Unfruchtbarkeit, die durch keine Auslagerung der Fertilisation zu überlisten sei (auch wenn die betreffende Frau dadurch ein Kind gebiert), bleibt lange Zeit ein typisches Argument gegen die assistierte Empfängnis. Letztlich geht es bei diesem Einwand um die Frage: Was ist Sterilität? Die bloße Dysfunktionalität eines für die Kinderzeugung notwendigen Organs (...), die durch einen ärztlichen Eingriff umgangen werden kann? Oder ein Allgemeinbefinden, ein persönliches Schicksal, das von der Medizin nur dann erlöst werden dürfte, wenn der körperliche oder psychische Ursprung der Sterilität aufgespürt und kuriert wäre?
In der heutigen Praxis assistierter Empfängnis, die mittels ICSI unfruchtbare Söhne aus den Spermatiden unfruchtbarer Väter hervorbringt, ist diese Vorstellung einem strikten Pragmatismus gewichen. Fruchtbar ist, wer mit seinen eigenen Keimzellen ein Kind zeugen kann, egal wie. Im Jahr 1985 aber (...) wird der physiologischen oder psychosomatischen Diagnose der Sterilität noch elementare Bedeutung beigemessen. In (...) Leitfäden wie auch in den journalistischen Begleitartikeln taucht immer wieder die Behauptung auf, dass die Kinderlosigkeit mancher Frauen und Paare durchaus ihre Berechtigung habe und keinesfalls durch die Errungenschaften der Reproduktionsmedizin behoben werden solle."
(2014, S.437f.)

Diese Darstellung erscheint jedoch zu einfach, weil die neuen Reproduktionstechnologien in der Argumentation der Gegner dieser Technologien immer wieder in Verbindung mit der Möglichkeit der Menschenzüchtung gebracht wurde. Typisch dafür ist die Besprechung des Buches Muttermaschine von Gene COREA durch die Grünen-Politikerin Waltraud SCHOPPE im Spiegel:

Die Kleinfamilie wird das nicht verkraften

"Ich halte das Argument der Wissenschaftler, nur den unfruchtbaren Frauen helfen zu wollen, für eine erhabene Lüge. Die Reproduktionstechnologien eröffnen die Möglichkeiten der Menschenzüchtung. Das beginnt schon bei der Insemination, wenn sich nur bestimmte Paare diese Behandlung finanziell leisten können, wenn etwa lesbische Paare ausgegrenzt werden und wenn Ei und Samen aus einem ausgewählten Spender- und Spenderinnenkreis kommen. Corea berichtet von einer Umfrage, die ergab, daß 80 Prozent der verwendeten Samen aus dem Kreis der an der Reproduktionstechnik arbeitenden Wissenschaftler und Studenten kommen - nach den Aussagen der Befragten nicht nur deshalb, weil diese Samenspenden schnell zur Hand sind, sondern vor allem, weil sich die Spender selbst für besonders hochwertige Menschen halten."
(Spiegel Nr.37 v. 08.09.1986)

Dass BERNARD diesen Aspekt ausblendet, liegt darin, dass seine Argumentation gerade darauf hinaus läuft, diesen Argumentationszusammenhang zu widerlegen. Dabei bezieht er sich in erster Linie auf Zeugung durch die Samenspende eines Dritten, d.h. auf die heterologe Insemination:

Kinder machen

"Erst seit 1970 gilt die heterologe Insemination (...) unter den Ärzten nicht mehr als »standesunwürdig«, und auch die Ausrichtung des 1990 verabschiedeten Embryonenschutzgesetzes ist im Vergleich zu den europäischen Nachbarstaaten auffallend restriktiv. Begründet wird diese Vorsicht in der Anwendung der Reproduktionsmedizin, sowohl von den Entscheidungsträgern als auch in der kommentierenden Öffentlichkeit, stets mit der Erinnerung an die Politik der »Menschenzüchtung« im Nationalsozialismus; noch die jüngsten Bundestagsdebatten zur eingeschränkten Zulassung der Präimplantationsdiagnostik standen ganz im Zeichen dieser unheilvollen Tradition. Es ist vielleicht nicht übertrieben, wenn man sagt, dass das grundsätzliche Misstrauen, das in Deutschland bis heute jeder technologischen Annäherung an das Gut des »Lebens« entgegengebracht wird, vom Schreckensbild der nationalsozialistischen Herrschaft geprägt ist.
Die Aussagen der Ärzte und Parteifunktionäre zwischen 1933 und 1945 ergeben aber (...) ein anderes Bild. Ihre politische Ideologie, von eugenischen Vorstellungen getrieben, führt zur Ermordung von Millionen von Menschen, die den »rassischen« oder »erbbiologischen« Vorgaben nicht genügen. Verbunden mit diesen Exzessen einer »negativen« Eugenik ist jedoch eine unerwartete Scheu vor der Anwendung der künstlichen Befruchtung als Element einer »positiv« eingreifenden Bevölkerungspolitik. Die Historiker des Nationalsozialismus sind sich heute einig, dass die NSDAP die systematische Erzeugung von genetisch wünschenswerten Kindern zwar für eine unbestimmte Zeit nach dem Ende des Krieges in Betracht zog, aber bis 1945 nicht einmal in bescheidenem Maß in die Tat umsetzte."
(2014, S.238f.)

BERNARD sieht die Reproduktionsmedizin also gerade nicht in der Tradition des Nationalsozialismus und eugenischer Bestrebungen. Er geht sogar von einem Gegensatz zwischen solchen eugenischen Bestrebungen einer qualitativen Bevölkerungspolitik und den neuen Reproduktionstechnologien aus.

Die Entwicklung der Reproduktionstechnologie und das Hilfspersonal

Man kann die Geschichte der Reproduktionsmedizin anhand der Verfahrensverfeinerungen oder anhand ihres Hilfspersonals beschreiben. BERNARD verbindet beide Herangehensweisen. Bei Letzterer steht die Erweiterung der Familie durch Fremde im Vordergrund. Eine moderne Familie zeichnet sich demnach durch bis zu fünf Elternteile aus, eine Konstellation, der mit Skepsis begegnet wurde und teils noch immer wird:

Kinder machen

"Seit den 1970er Jahren bevölkern (...) zunehmend Figuren die Welt der Reproduktionsmedizin, die den Prozess der menschlichen Fortpflanzung, die Sphäre der intimen Paarbeziehung schlechthin, öffnen und erweitern. Diese Konstellation ist nur schwer in das überlieferte Bild der Kernfamilie zu integrieren. Der Bundesverfassungsrichter Willi Geiger etwa schreibt 1960, im Hinblick auf das in den USA bereits bekannte Verfahren der Samenspende, kategorisch: »Ehe ist die Lebensgemeinschaft zweier Personen verschiedenen Geschlechts, die die Geschlechtsgemeinschaft umfaßt - eine Gemeinschaft, die ihrem Wesen nach nicht der Erweiterung fähig ist.« Ein halbes Jahrhundert nach diesem Verdikt zeigt sich, dass das Wesen der Ehe doch elastischer gewesen ist als gedacht. Dennoch stellen die assistierten Reproduktionstechnologien bis heute die Frage, wie die Organisation von Verwandtschaft und Familie im Modus der Samenspende, Eizellspende oder Leihmutterschaft aufrechterhalten werden kann. Denn diese Techniken bringen fragmentierte Familienkonstellationen hervor; Jahr für Jahr kommen Tausende Kinder zur Welt, die bis zu fünf Elternteile haben. Enorme rechtliche und soziale Anstrengungen sind nötig, damit die problematischen Nähe-Distanz-Verhältnisse, die mit der Entkopplung von biologischer Verwandtschaft und Familienbildung einhergehen, ausbalanciert werden können."
(2014, S.21)

BERNARD beschreibt ausführlich die wahrgenommene Bedrohung, die immer wieder dadurch entsteht, dass die Grenzen der bürgerlichen Kleinfamilie durch die an der Kindesentstehung mitbeteiligten Fremden porös werden. Immer wieder kommt er dabei auf den Film The Kids Are All Right zu sprechen, um diesen Aspekt hervorzuheben.

Kinder machen

"Der Samenspender ist eine gefährliche Figur. Er bedroht die Einheit der Familie, und deshalb muss sein Verhältnis zu ihr durch aufwendige rechtliche Konstruktionen im Zaum gehalten werden. Im Jahr 2010 lief ein Film in den Kinos, der dieses Beziehungsgeflecht, in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt, einem großen Publikum präsentierte. »The Kids Are All Right« von Lisa Cholodenko (...) erzählt eine prekäre, aber versöhnlich endende Familiengeschichte vor dem Hintergrund der Reproduktionsmedizin. Es geht um den Samenspender eines lesbischen Paares, der von den beiden jugendlichen Kindern ausfindig gemacht wird, mit ihnen in immer engeren Kontakt tritt und schließlich ein Liebesverhältnis mit einer der beiden Mütter beginnt. Anschaulich zeigt dieser Handlungsgang also, dass immer dort, wo es um assistierte Empfängnis geht, sofort das Problem der Aufrechterhaltung und Überschreitung poröser Familiengrenzen verhandelt wird."
(2014, S.83f.)

Mit dem Fortschritt der Reproduktionstechnologien erweitert sich das Figurenpersonal Zug um Zug. Und gleichzeitig führen der Fortschritt bzw. politische Entscheidungen dazu, dass die angewandten Verfahren in unterschiedlichem Ausmaß zu den Geburtenzahlen beitragen:

Kinder machen

"1970 hat der Deutsche Ärztetag jene »Standesunwürdigkeit« des Verfahrens aufgehoben, die von dem Gremium Ende der fünfziger Jahre festgeschrieben worden war. Seitdem sollen in Deutschland wie erwähnt 100 000 Kinder durch die Samenspende eines Dritten gezeugt worden sein, die allermeisten von ihnen in spezialisierten Reproduktionszentren mit eigener Samenbank (...). Im Jahr 1993, nach der Etablierung des ICSI-Verfahrens, ging die Anzahl der Inseminationen zunächst um die Hälfte zurück, weil es nun einem Gutteil zuvor unfruchtbarer Männer ermöglicht wurde (...) doch noch ein eigenes Kind zu zeugen. Dieser Wert hat sich aber im letzten Jahrzehnt wieder nach oben bewegt, einerseits wegen der Halbierung des Krankenkassenzuschusses bei IVF- und ICSI-Behandlungen seit 2004, der viele Paare die günstigere Insemination in Betracht ziehen lässt, andererseits durch den stark gewachsenen Anteil von lesbischen und alleinstehenden Frauen als Klientinnen."
(2014, S.88)

Verfahren können also zum einen durch standespolitische Restriktionen verhindert bzw. durch Gesetzesänderungen beeinträchtigt werden und zum andere können ältere durch neuere Verfahren substituiert werden. Gleichzeitig verändern sich dadurch auch die potentiellen Zielgruppen. Allein dadurch wird eine Schätzung angeblich ausgefallener Geburten erheblich erschwert.

Die Leihmutterschaft als fragwürdigste Variante der neuen Reproduktionstechnologien

BERNARD arbeitet in seinem Buch den Unterschied zwischen der Figur des Samenspenders und der Leihmutter folgendermaßen heraus:

Kinder machen

"Man muss die unterschiedliche Rechtsbestimmung von Vaterschaft und Mutterschaft in Erinnerung behalten, um die Figuren des »Samenspenders« und der »Leihmutter« in der Reproduktionsmedizin genauer voneinander zu trennen. In den Samenbanken geht es um die Präsentation von Exzellenz im körperlichen, sozialen und vor allem geistigen Sinne; es befinden sich vorwiegend akademisch gebildete Männer in der Kartei, die, was ihre Talente und Fähigkeiten betrifft, den Auftragseltern mindestens ebenbürtig, in der Regel aber überlegen sein sollen. Im Delegieren der Zeugung an einen herausragenden Samenspender leben eugenische Utopien aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts fort. Vor diesem Hintergrund ist es aufschlussreich, die Anpreisung der Spender (...) mit den Agenturprofilen der Leihmütter zu vergleichen. Auch sie sind bis in die frühen 1990er Jahre, vor der Aufspaltung des Verfahrens in Eizellspenderin und Tragemutter, für die Hälfte der genetischen Information de Kindes verantwortlich; es wäre also folgerichtig, wenn sich ihre Auswahl und Präsentation genauso auf Bildung, intellektuelle Fähigkeiten oder zumindest besondere soziale Talente fokussieren würde. Man wird all dies aber vergeblich in den Leihmutter-Profilen suchen."
(2014, S.271f.)

Mit dem Aufkommen der Leihmutterschaft tritt also erstmals eine Figur auf, die nicht dem eugenischen Ideal der Menschenzüchtung entspricht. Nicht die Exzellenz der Leihmutter, sondern die Robustheit ist ihr zentrales Auswahlkriterium. Anhand des Erfahrungsberichts The Surrogate Mother des Rechtsanwalts Noel KEANE aus dem Jahr 1981 erläutert BERNARD das damals gängige Leihmutterprofil. Der Autor  betätigte sich mit der Vermittlung von Leihmüttern und erlangte spätestens Mitte der 1980er Jahre im Gerichtsstreit um das Baby M. Berühmtheit. Der Spiegel beschrieb anlässlich dieses spektakulären Gerichtsurteils zur Leihmutterschaft beispielhaft die Lebensverhältnisse von kinderlosen Auftragsgebern und ihrer Leihmutter folgendermaßen:

Mein Gott, was habe ich getan?

"Da ist Lisa Spoor, 24, geschieden, Mutter zweier Kinder. »Ich tue es erstens fürs Geld«, sagt sie, »und zweits, um zu helfen.« Lisa ist Kellnerin mit einem Jahreseinkommen von 8000 Dollar. Mit dem Nebenverdienst will sei die Ausbildung ihrer Kinder bezahlen. Keane bringt Lisa Spoor mit dem kinderlosen New Yorker Ehepaar Gregory und Kathleen Zaccaria zusammen, beide Anfang 30, Doppelverdiener, Jahreseinkommen 100 000 Dollar"
(Spiegel Nr. v. 1987, S.250)

Für BERNARD ist die Leihmutterschaft die fragwürdigste Variante reproduktionstechnologischer Verfahren, weshalb sie in der Anfangszeit auch nicht offen propagiert wurde, sondern erst durch das Bekenntnis einer Leihmutter offenbar wurde:

Kinder machen

"Als sich Ende der 1970er Jahre die ersten Frauen in den USA dazu bekennen, ihr Kind für ein anderes Paar auszutragen, werden diese Fälle als Gründungsdaten eines neuen reproduktiven Verfahrens registriert. Das Phänomen der »surrogate motherhood« entsteht, in Deutschland zunächst mit dem Wort »Ersatzmutterschaft«, seit Anfang der achtziger Jahre dann mit »Leihmutterschaft« bezeichnet, und die scharfe Kritik an dieser Methode setzt praktisch gleichzeitig mit dem Bekanntwerden der ersten Schwangerschaften ein. Nach dem jahrzehntealten Prozedere der Samenspende und der im Jahr 1978 erstmals erfolgreich absolvierten Zeugung durch In-vitro-Fertilisation wird Leihmutterschaft als dritte und mit Abstand fragwürdigste Variante der neuen Reproduktionstechnologien wahrgenommen.
Es ist aber bemerkenswert, dass gerade diese jüngste, besonders umstrittene Methode in der christlich-jüdischen Mythologie auf eine lange Geschichte zurückblickt."
(2014, S.282)

Die Leihmutterschaft - die in Deutschland verboten ist - erweist sich bis heute immer wieder als skandalträchtig, insbesondere dann, wenn Babys zum Spielball zwischen Auftraggebern und Leihmutter werden.

Die Eizellspenderin und die Ausdehnung der Mutterschaft über die Menopause hinaus   

Erst mit dem Auftauchen der Eizellspenderin in den 1990er Jahren entstand eine weibliche Sozialfigur, die dem männlichen Samenspender ebenbürtig sein sollte:

Kinder machen

"Neben dem Samenspender und der Leih- oder Tragemutter etabliert sich im Laufe der neunziger Jahre (...) eine dritte Figur im Personal der Reproduktionsmedizin. Und das Auftauchen der Eizellspenderin hat beträchtliche Konsequenzen für die Geschlechterordnung der assistierten Empfängnis. Bislang wurde der Status der männlichen und weiblichen Gehilfen höchst unterschiedlich interpretiert; auf der Suche nach möglichst brillanten Samenspendern und möglichst robusten Leihmüttern kehrten (...) sogar antike Kategorien des Zeugungswissens in die Reproduktionsmedizin zurück. Jetzt teilt sich der weibliche Anteil an der assistierten Empfängnis in zwei Hälften, und damit verschieben sich auch die Geschlechteroppositionen: Denn für die Figur der Eizellspenderin sollen all jene Ansprüche an genetische Exzellenz gelten, die zuvor allein an den Samenspender gerichtet waren."
(2014, S.339)

Mit der Veralltäglichung der Eizellspende in der Reproduktionsmedizin wurde zudem Frauen eine immer spätere erste und weitere Mutterschaft ermöglicht:

Kinder machen

"In einem berühmt gewordenen Aufsatz (...) stellen Sauer und Paulson Ende 1990 die Ergebnisse ihrer Forschungen vor. (...). Die Ergebnisse korrigieren das bisherige Wissen über die natürliche Begrenzung weiblicher Fruchtbarkeit. Denn von den sieben Probandinnen jenseits der Menopause sind nach der Eizellspende sechs schwanger geworden: ein Wert, der dem der Gruppe jüngerer Frauen entspricht und den der herkömmlichen IVF-Patientinnen (nur zwei Schwangerschaften bei 22 Frauen) um ein Vielfaches übersteigt. Die epochale Schlussfolgerung der beiden Ärzte lautet also, »dass die Gebärmutterschleimhaut auch bei älteren Frauen empfänglich für die Aufnahme und Austragung eines Embryos bleibt« und das Ende weiblicher Fruchtbarkeit allein mit dem Versiegen des Eizellen-Vorrats zu tun hat.
Umgekehrt steht nach dieser Studie fest, dass eine Frau in jedem Alter durch eine Eizellspende Mutter werden kann."
(2014, S.336f.)

BERNARD spricht im Zusammenhang mit der Eizellspende sogar von einem regelrechten Wettlauf um die älteste Mutter der Welt:

Kinder machen

"Anfang der neunziger Jahre findet in den Reproduktionszentren Amerikas und Europas ein Wettlauf um die älteste jemals niedergekommene Mutter statt. Nun, da die Eizellspende die natürliche Begrenzung der Fruchtbarkeit überwunden hat, gebären Frauen im Alter von 45, 50 oder 55 Jahren Kinder. Der italienische Gynäkologe Severino Antinori verhilft 1994 der 63-jährigen Rosanna Della Corte zu einem Sohn. Viele Jahre lang gilt die Frau aus einem Dorf bei Rom als älteste Mutter der Welt (...). In der Öffentlichkeit sind diese Geburten starker Kritik ausgesetzt; weltweit fordert man ein Verbot der Eizellspende bei Frauen im Klimakterium, die ihrem Alter nach eher Großmütter der eigenen Kinder seien und vermutlich nicht einmal deren Schulabschluss erleben würden. Sauer und Paulson nehmen in einigen Aufsätzen Mitte der neunziger Jahre zu dieser Debatte Stellung. Sie verteidigen die von ihnen entwickelte Methode, verweisen auf die gesellschaftliche Akzeptanz alter Väter und bezeichnen es als »sexistische Haltung« der Kritiker, dieses Recht nicht auch Frauen zu ermöglichen, nachdem es medizinisch umsetzbar geworden ist. Kriterien wie Lebenserfahrung, finanzielle Sicherheit und ein wohlüberlegter Kinderwunsch würden die älteren Empfängerinnen von Eizellen überdies zu besonders geeigneten Müttern machen. Wie so oft ist es also die »Kultur der Reproduktion«, die der häufig unvorbereiteten oder defizitären natürlichen Elternschaft entgegengehalten wird. Gleichzeitig müssen Sauer und Paulson aber einräumen, dass die Kombination von hormoneller Stimulation der Gebärmutter und Einpflanzung fremder Eizellen doch nicht so problemlos von den Patientinnen aufgenommen wird wie anfangs gedacht. (...).
In dem Moment also, in dem die Eizellen leichter zugänglich und als alleinige Bedingung für die Endlichkeit weiblicher Fertilität identifiziert sind, können sie wie die Spermien zu einem Handelsobjekt werden. Es ist deshalb folgerichtig, dass die ersten Agenturen für Eizellspenderinnen in Kalifornien um das Jahr 1990 herum gegründet werden, gerade als Sauer und Paulson ihren Aufsatz zur Möglichkeit von Mutterschaft nach der Menopause publizieren."
(2014, S.338f.)

Durch die Möglichkeit der Eizellspende und die Zunahme der späten Mutterschaft, die in den 1990er Jahren zuerst von der Bevölkerungspolitik ignoriert oder gar als quantitativ bedeutsames Phänomen geleugnet wurde , geriet die Reproduktionsmedizin nach und nach in ein Spannungsverhältnis zur Bevölkerungspolitik, der es an möglichst jungen Müttern gelegen ist. Erst nach der Jahrtausendwende wurde das Phänomen der späten Mutterschaft sichtbar, da es sich insbesondere im Akademikermilieu zeigte, dem beim Geburtenrückgang eine zentrale Rolle zugeschrieben wurde . Und in diesem Jahr schaffte es das Phänomen der späten Elternschaft sogar auf das Cover des Spiegels. Verantwortlich dafür ist eine relativ neue Methode, die noch umstritten ist und bei BERNARD nur ganz am Rande abgehandelt wird: das so genannte Social Freezing. Darauf soll jedoch später noch ausführlicher zurückgekommen werden.

 
     
 
   

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Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 05. August 2014
Update: 27. Januar 2017