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Thema des Monats

 
       
   

Generation Kinderlos

 
       
   

Ein kinderloses Ehepaar erhebt seine Stimme und zeigt auf, dass Kinderlosigkeit in keinem Kausalzusammenhang mit Egoismus, Kinderfeindlichkeit, Karrierefixierung oder Schmarotzertum steht

 
       
     
       
     
       
   
     
 

Drei Wellen der Generation Kinderlos in hundert Jahren

Was haben die Jahre 1927 - 1932, 1977 - 1982 und 2001 - 2006 gemein? In diesen Jahren wurde intensiv das Aussterben der Deutschen diskutiert.

1930

1932

1979

1984

2001

2006

Jede dieser Medienkampagnen gegen Kinderlose endete in einem politischen Regimewechsel. Die Weimarer Republik endete im Terrorregime der Naziherrschaft, die Bonner Republik bekam ihre "geistig-moralische Wende" und die Berliner Republik erlebte das vorzeitige Ende von Rot-Grün. Jeder dieser Medienkampagnen gegen Kinderlose mündete auch über kurz oder lang in die Zelebrierung einer neuen Mütterlichkeit. Eines wird deutlich: Die Halbwertszeit groß angelegter Kampagnen gegen Kinderlose ist innerhalb eines Jahrhunderts von zwei auf eine Generation gesunken. Jede Generation muss sich also neu rechtfertigen. Möglicherweise entsteht aber nun erstmals in der deutschen Geschichte eine "Single-Bewegung", die auf der Pluralität von Lebensstilen beharrt und darin sogar die bessere Alternative zur Monokultur der verordneten Zwei-Kinder-Familie sieht. Dies hat nichts mit einer Kultur der Kinderlosigkeit zu tun, die sich angeblich breit macht, sondern viel mit Versäumnissen in Wirtschaft und Politik. Die Präsentation eines Sündenbocks scheint allzu verlockend. Eltern und Kinderlose gegeneinander auszuspielen wird in zunehmendem Maße als eine Erfolg versprechende Strategie angesehen. 

Generation Kinderlos

"Die Folgen von Phrasendrescherei und Vereinfachung sind offensichtlich: Die Fronten verhärten sich, geburtswillige Paare werden idealisiert und glorifiziert, es bilden sich zwei Lager: Gut gegen Böse. Altruisten gegen Hedonisten. Papas gegen Porsches. Muttermilch gegen Müßiggang. Immer häufiger erfolgen Versuche, Eltern und Kinderlose gegeneinander in Stellung zu bringen." (S.8f.)

Das kinderlose Ehepaar KEIL & BRUSCHEK will dieses Spiel nicht mehr mitmachen, sondern zeigt in seinem Buch, dass nur ein Miteinander von Eltern und Kinderlosen diese Republik weiter bringen kann. Eine solche Sichtweise wurde auch auf dieser Website und auf single-dasein.de seit fast genau acht Jahren vertreten, also ein Jahr bevor im April 2001 das Pflegeurteil des Bundesverfassungsgerichts die Bestrafung von Kinderlosen für erforderlich erklärte. Wenn sich erst in letzter Zeit die ersten Kinderlosen der Generation Golf aus der Deckung wagten, so hängt das auch damit zusammen, dass sich spätestens nach dem Frühling der Patriarchen im Jahr 2006 ein Unbehagen breit machte und der mediale Wind sich langsam drehte.

Katastrophengerede und Panikmache erhöhen den sozialen Druck auf Kinderlose, aber auch die Zukunftsängste

Vielleicht hat der eine oder andere schon wieder vergessen, dass zwischen 2001 und 2006 der demografische Wandel fast pausenlos die öffentliche Debatte beherrschte. Eine Titelgeschichte oder Serie zum Thema jagte die nächste. Horrorszenarien schürten Ängste und setzten Kinderlose unter Druck.

Generation Kinderlos

"Die Art und Weise, wie die Debatte um die drohende Altenrepublik geführt wird, setzt viele Menschen unter Druck. In unzähligen Leitartikeln, Diskussionsrunden, Talkshows, Ministeriumsverlautbarungen und nicht zuletzt an Stammtischen wird intensiv über die Gründe und Folgen des  »Zeugungs- und Gebärstreiks« diskutiert - meist von Personen, die selbst Kinder haben. Entsprechend realitätsfern wirken zahlreiche Texte und Wortbeiträge, die nicht selten direkt oder indirekt eine moralische Pflicht zur Fortpflanzung suggerieren." (S.14f.)

In dem Kapitel Katastrophengerede und Panikmache kritisiert das Paar die unsachliche Demografiedebatte und trägt Gegenargumente vor, die der Soziologe Christian SCHMITT , der Statistiker Gerd BOSBACH und nicht zuletzt der verstorbene Soziologe Karl Otto HONDRICH in dem Buch Weniger sind mehr pointiert zusammengetragen hat. KEIL & BRUSCHEK beklagen zu Recht die tabuisierte Themenaufarbeitung in der Debatte um den demografischen Wandel.

Generation Kinderlos

"Viele der medial erzeugten Kinderlosen-Klischees haben ihren Ursprung in einer tabuisierten Themenaufarbeitung. Gibt es gute Gründe, keine Kinder zu bekommen? Lenken Negativszenarien von ungleich wichtigeren gesellschaftlichen Fehlentwicklungen ab? Könnte es sein, dass Deutschland und die ganze Welt von weniger Neugeborenen profitieren? Ist es möglich, dass Menschen ohne eigene Kinder mindestens genauso glücklich sind wie die mit? Diese Fragen stellen sich die meisten Meinungsmächtigen nicht." (S.24)

Was an diesem Buch besonders erfreulich ist, das ist die Kritik an einer Politik der sozialen Einschnitte. Bücher wie Die neuen Spießer von Christian RICKENS oder Die neue F-Klasse von Thea DORN verbanden ihr Plädoyer für einen Lebensstilspluralismus mit einer neoliberalen Einstellung. Dies ist bei KEIL & BRUSCHEK anders.

Generation Kinderlos

"Man muss nicht allzu viel Fantasie aufbringen (oder gar Verschwörungstheorien aufstellen), um einflussreiche Profiteure des Demografiediskurses auszumachen. Konzerne etwa, die auf den Ausstieg aus der paritätisch finanzierten Rente hoffen, um noch mehr Kosten zu sparen. Private Rentenversicherer, die stolz von starken Wachstumsraten berichten und gleichzeitig ohne Skrupel Personal »freistellen«. Die Dauerkritik an Kinderlosen erscheint in diesem Zusammenhang in einem völlig neuen Licht." (S.26)

Noch laufen Filme wie "Rentenangst" von Ingo BLANK & Dietrich KRAUß über betrogene Kunden von privaten Versicherungen nur im Spätprogramm der öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramme, aber die Wut wächst, wie die Wahlerfolge der Linkspartei zeigen. Im Kapitel Druck von allen Seiten berichten KEIL & BRUSCHEK über den Spießrutenlauf von Kinderlosen, der sich in der Provinz und in der Stadt meistens nur durch andere Altersgrenzen unterscheidet. Mit viel Sinn für Humor werden die Wahrnehmungsverzerrungen von Eltern dargestellt. Da wird eine Gewichtszunahme und das Tragen bequemerer Kleidung gleich als Schwangerschaft gedeutet. Denn dann wäre man endlich auf der richtigen Seite. Während in den Medien den Kinderlosen gerne ein kinderfernes bzw. -entwöhntes Leben bescheinigt wird, sieht die Realität von Kinderlosen meist ganz anders aus. Die Mehrzahl der Kinderlosen wird eben nicht von Bodyguards beschützt,  rauscht auch nicht in gepanzerten Luxuslimousinen durch die Lande oder sitzt abgeschottet in einem Privatjet. Politiker und sonstige Eliten projizieren ganz offensichtlich ihre eigene Weltfremdheit auf das Leben der Normalos.

Wider die Prediger einer Monokultur

Insbesondere Bevölkerungswissenschaftler haben in den vergangenen Jahren immer wieder die Polarisierungsthese missbraucht, um das Zurückdrängen der Kinderlosen zu rechtfertigen . Ob es sich um Herwig BIRG oder Jürgen DORBRITZ handelt. Immer wird die Zwei-Kinder-Familie zur Richtschnur erhoben. Während BIRG dieses Ideal direkt aus der Bestandserhaltungszahl von 2,1 ableitet, sieht DORBRITZ dieses Ideal aufgrund der Kinderwünsche der Bevölkerung gerechtfertigt. In beiden Fällen wird also die Zwei-Kinder-Familie als ideale Familienform propagiert. Diese Vorstellung des 2-Kinder-Sysstems galt den Vermehrungstheoretikern der Weimarer Republik im übrigen bereits als sicheres Indiz für den bevorstehenden Volkstod, was zeigt, dass die Standards der Bevölkerungspolitiker nicht ein für alle Mal festgeschrieben sind, sondern ständig neu zu begründen sind. KEIL & BRUSCHEK fragen sich zu Recht, warum hierzulande nicht nur Kinderlose, sondern auch Kinderreiche diskriminiert werden.

Generation Kinderlos

"Dass es vielen Personen, die ständig die Kinder-Karte ausspielen und auf Nachwuchs drängen, nicht wirklich um »das Wohl der Kinder«, »die Zukunft unseres Landes« oder »das Normalste auf der Welt« geht, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass Kinderreiche mindestens ebenso kritisch beäugt werden wie wir. Erwünscht ist die Normfamilie im 08/15-Format, sonst nichts. Lebensentwürfe ohne oder mit mehr als drei Sprösslingen sind vielen Menschen einfach suspekt." (S.39)

Der Soziologe Hans BERTRAM sieht das Hauptproblem des Geburtenrückgangs nicht in der Zunahme der Kinderlosen, sondern im Rückgang der Mehrkinder-Familie. Insbesondere die Drei-Kind-Familie ist nach einer aktuellen Studie im Vergleich mit anderen europäischen Staaten in Deutschland besonders stark zurück gegangen.

Die Mehrkinderfamilie in Deutschland

"Manche Autoren sehen in der steigenden Kinderlosigkeit in Deutschland mit angeblich 36 Prozent eine der Hauptursachen für die geringen Geburtenraten in Deutschland (Adema OECD 2007). So überzeugend solche Thesen zunächst auch zu sein scheinen, so halten sie empirischen Überprüfungen nicht stand. Vergleicht man ausgewählte europäische Länder mit unterschiedlichen Geburtenraten, so zeigt sich, dass die Geburtenentwicklung in Deutschland im Wesentlichen durch das Verschwinden der Mehrkinderfamilie geprägt ist." (2008, S.5)

"Die entscheidende Abweichung von der europäischen Entwicklung liegt in Deutschland bei der Familie mit drei Kindern." (2008, S.7)

In der ersten Auflage des Buches Die Single-Lüge aus dem Jahr 2006 wird deshalb folgendermaßen für einen Lebensstilpluralismus plädiert:

Die Single-Lüge - Das Buch zur Debatte: voraussichtlich ab Herbst in einer aktualisierten und erweiterten 2. Auflage verfügbar

"In einer funktional-differenzierten Gesellschaft sollten Kinderlose genauso selbstverständlich sein wie Kinderreiche. Warum sollten sich unterschiedliche Lebensformen, mit ihren jeweils spezifischen Potenzialen nicht sinnvoll ergänzen können? Solange jedoch in Singles nur eine Bedrohung und nicht auch eine Chance gesehen wird, leben wir in einer blockierten Gesellschaft, in der wichtige Energien gebunden sind, die bei den anstehenden Herausforderungen fehlen werden." (2006, S.254)

Die dritte Generation Kinderlos: Ist wirklich nur die Vereinbarkeit von Beruf und Familie verantwortlich für die AkademikerInnen-Kinderlosigkeit?

Im Vorfeld der Bundestagswahl 2005 erschien im Spiegel der Artikel Generation Kinderlos im Rahmen der Serie Wege aus der Krise. Offenbar leitet sich daraus auch der Titel des Buches von KEIL & BRUSCHEK ab. In dem Artikel wurde behauptet, dass fast nirgendwo in Westeuropa die Geburtenrate niedriger sei als in Deutschland und vor allem Akademiker oft ohne Nachwuchs bleiben würden.

Generation Kinderlos

"Rund ein Drittel der Frauen der Jahrgänge 1960 bis 1967 ist kinderlos. Unter den Akademikerinnen dieser Altersgruppe liegt der Anteil sogar bei 38 Prozent. Die Elite der Republik reproduziert sich nicht.
Damit verliert der Generationenvertrag seine Geschäftsgrundlage - die Einzahler ins Rentensystem. Der gesamte Wohlstand gerät in Gefahr. Denn bleibt der Nachwuchs aus, fehlt es an Steuerzahlern, an Fachkräften, vor allem an Verbrauchern, was heute schon spürbar ist."
(Julia Bonstein/Alexander Jung/Merlind Theile im Spiegel Nr.31 vom 12.09.2005, S.63)

Auch KEIL & BRUSCHEK sind der Meinung, dass AkademikerInnen in Deutschland besonders oft kinderlos seien. Tatsächlich scheint der Anteil in Westdeutschland höher zu sein als in den neuen Bundesländern. Dafür sprechen insbesondere die Untersuchungen von Michaela KREYENFELD & Dirk KONIETZKA . Aber die Datenlage ist mehr als dürftig. Kaum ein anderes westeuropäisches Land ist datenmäßig so rückständig wie Deutschland. Man muss von einem Daten-GAU sprechen . Aktuell behauptet der Münsteraner Ökonom Rainer HUFNAGEL, dass AkademikerInnen seit Mitte der 1990er Jahre mehr Kinder bekommen als schlechter gebildete Frauen . Möglicherweise wird also das Kinderkriegen nicht zerredet, sondern die Gruppe der AkademikerInnen kann ihre Interessen nur besonders gut artikulieren. Sie tut es, indem diese Gruppe die Kinderlosigkeit in ihren eigenen Reihen besonders hochspielt. So wurden z. B bis 2005 in der öffentlichen Debatte 40jährige und ältere Akademikerinnen den lebenslang Kinderlosen zugerechnet . Dafür spricht auch die Tatsache, dass in den deutschen Parteien der gesellschaftlichen Mitte AkademikerInnen überrepräsentiert sind. Unabhängig davon wie hoch nun der Anteil der Kinderlosen in Deutschland wirklich ist und unabhängig davon welchen Anteil die AkademikerInnen daran haben: Die demografische Debatte verhindert, dass die Ursachen der Kinderlosigkeit und die Gründe der Kinderlosen ausreichend berücksichtigt werden. Eine Tabuisierung dieser Sachverhalte ist schädlich . Hier muss KEIL & BRUSCHEK ohne wenn und aber zugestimmt werden.

In den Kapiteln Die Vielfalt der Lebensentwürfe und Gute Gründe für ein Tabu werden die Motive der Kinderlosigkeit ausführlich zur Debatte gestellt. Unter anderem wird der Ansatz von Christine CARL dargestellt, dem hier bereits ein eigener Beitrag gewidmet wurde . KEIL & BRUSCHEK ordnen ihr eigene Entscheidung in der Kinderfrage mit Hilfe der Kategorien von CARL in der "Grauzone zwischen Aufschiebern und Spätentscheidern" ein. Torsten SCHRÖDER fasst das deutsche Dilemma in dem ausgezeichneten Buch Leben ohne Kinder folgendermaßen zusammen:

Geplante Kinderlosigkeit? Ein lebensverlaufstheoretisches Entscheidungsmodell

"die aktuelle Kinderlosigkeit (ist) nicht gewollt, sondern das Resultat eines immer wiederkehrenden »flexiblen« Aufschiebens des Kinderwunsches (...). Wenn über die gesamte Fertilitätsphase hinweg ungünstige Rahmenbedingungen für eine Elternschaft herrschen, führt dies unbeabsichtigt dazu, dass das Zeitfenster zur Realisierung einer Elternschaft in der individuellen Lebensplanung Schritt für Schritt immer kleiner wird, bis - angesichts des Alters - die eigentlich gewünschte Elternschaft aufgegeben werden muss." (2007, S.396)

Eine Reduzierung der Kinderfrage auf das Problem der Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder das Problem der Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern geht jedoch an den Realitäten vorbei. Bereits die Partnerwahl und die Vereinbarkeit von Partnerschaft und Beruf haben Einfluss auf die Familiengründung. Aufgrund der Anforderungen der Arbeitswelt wird bereits die Gründung eines gemeinsamen Paarhaushalts zum Problem . Eine Politik, die Singles bestraft und Familien fördert wäre also kontraproduktiv. Bei KEIL & BRUSCHEK finden sich dazu zahlreiche Beispiele.

Im Kapitel über die Heuchelei von Politik und Wirtschaft zeigt das Ehepaar die widersprüchlichen Erwartungen auf, die von Politik und Wirtschaft an die Bürger herangetragen werden. Neoliberalismus, Konsumieren als Bürgerpflicht und gleichzeitig Sparen für das Alter und Familiengründung. Wie das alles zusammen gehen soll, das bleibt dem Einzelnen dank Eigenverantwortung selber überlassen.  

Generation Kinderlos

"Heute sind die Ansprüche an das Volk höchst widersprüchlich: Wir sollen kräftig konsumieren und fleißig Familien gründen. Alle paar Jahre neue Autos und teure Elektroartikel anschaffen, aber auch immer mehr soziale Aufgaben privat übernehmen. Durch Festanstellungen Renten sichern, andererseits die Sozialkassen durch Selbständigkeit entlasten und uns um eine individuelle Altersvorsorge kümmern. Mehr lernen und leisten, aber auch mehr bezahlen für Schulen, Universitäten, Bibliotheken." (S.103)

Wer lebt auf wessen Kosten?

Familienfundamentalisten berufen sich meist auf das Rentensystem, wenn es um die Vorteile der Kinderlosen geht. Nach ihrer Ansicht ist dies eine Versicherung gegen Kinderlosigkeit. Die Kinderkosten würden privatisiert, die Kosten der Kinderlosigkeit dagegen sozialisiert . Forderungen nach einer Rente nach Kinderzahl treten langsam aber sicher aus dem Dunstkreis des Reaktionären heraus und machen sich in gemäßigter Form in der gesellschaftlichen Mitte breit. Populismus ist längst keine Sache von Rechts und Links mehr. KEIL & BRUSCHEK setzen dieser Sichtweise Modellrechnungen entgegen, die belegen, dass Kinderlose keineswegs auf Kosten der Eltern leben. Sie weisen darauf hin, dass es für den Staat eine finanzielle Katastrophe wäre, wenn sich plötzlich 300.000 Kinderlose zum Kinderkriegen entschließen würden. Der Finanzminister ist heilfroh, dass es Kinderlose gibt, die den Staat entlasten und viel Geld einbringen. Tatsächlich sind die familienbezogenen Leistungen und Maßnahmen des Staates äußerst intransparent. Eine aktuelle Auflistung der Leistungen und Maßnahmen vom Februar dieses Jahres umfasst allein 154 Positionen. Und darin sind die neuen Leistungen wie das Elterngeld noch gar nicht enthalten. KEIL & BRUSCHEK geht es nicht um sinnlose Aufrechnungen, sondern um eine sachlichere Debatte. Kinderkriegen ist keine Leistung an sich und Kinderlosigkeit keine Verantwortungslosigkeit oder gar Egoismus. Gesellschaftlich wertvoll sind beide und auch Egoismus ist in beiden Gruppen verbreitet. Dies belegen sie eindrucksvoll im Kapitel Das Märchen vom Egoismus. Kinderlosigkeit hat genauso seine Vor- und Nachteile wie eine Elternschaft. Man kann als Kinderloser sowohl glücklich als auch unglücklich sein, genauso wie man als Vater oder Mutter beides sein kann. Eltern sind keine besseren Menschen und Kinderlose nicht die Bösen an sich . Vielleicht sollte man hier darauf hinweisen, dass ja alles auch anders gekommen sein könnte. Was wäre geschehen, wenn sich das Fortpflanzungsverhalten in den 1960er Jahren nicht geändert hätte ? Würde dann heute die Bestrafung von Eltern diskutiert werden? Wer heute die Bestrafung von Kinderlosen fordert, der könnte übermorgen schon Opfer seiner eigenen Forderungen werden. Vielleicht haben es manche bereits vergessen. Die Rente nach Kinderzahl wurde in den 1970er Jahren von Theodor SCHMIDT-KALER vertreten. Sein Modell der "bevölkerungsdynamischen Rente" sah die Regulierung der Fortpflanzung anhand der Nettoreproduktionsrate vor (Nach diesem Konzept von SCHMIDT-KALER sollten EHEpaare deshalb 2,5 Kinder bekommen. Dies entsprach damals nach Berechnungen des Autors einer Nettoreproduktionsrate von 1,0 und war damit bestandserhaltend ). Würde die Bevölkerung zu stark wachsen, dann würden nicht mehr Kinderlose, sondern Eltern bestraft. Das nannte sich damals Rentengesetzgebung als Instrument zur rationalen Steuerung und Rückkopplung des Bevölkerungsprozesses, so auch der gleichnamige Titel eines Beitrags in der Zeitschrift für Bevölkerungsforschung (Heft 1/1978). Bert RÜRUP kritisierte dieses Modell scharf, weil erstens die Fortpflanzung nicht in Abhängigkeit rentenpolitischer Beitragssätze zu regulieren sei. Selbst wenn dies irgendwie gelänge, müssten bei starkem Wachstum der Bevölkerung Eltern für ihre zu vielen Kinder bestraft werden. Nachzulesen ist das in der Beilage zur Wochenzeitung das Parlament vom 07.07.1979. KEIL & BRUSCHEK wehren sich also mit Recht dagegen, dass Kinderlose bestraft werden, statt Familien gefördert. Den Sinn und Zweck ihrer Modellrechnungen erläutern sie folgendermaßen:

Generation Kinderlos

"Wir behaupten nicht, die Retter der Familie, wohltätige Samariter oder selbstlose Spender zu sein. Wir empfinden es nicht als Zumutung, die Gemeinschaftstöpfe zu füllen. Aber wir möchten auch nicht als Schmarotzer und Spielverderber dargestellt werden." (S.86f.)

"Höchstwahrscheinlich handelt es sich bei der Frage nach den finanziellen Leistungen auf lange Sicht ohnehin um ein Nullsummenspiel - beide Seiten geben und nehmen, und zwar nicht zu knapp." (S.88)

Der Nutzen von Kinderlosen für die Gesellschaft

Im Kapitel Prädikat: gesellschaftlich wertvoll zeigen KEIL & BRUSCHEK auf, dass es ohne das soziale Engagement schlecht um diese Gesellschaft bestellt wäre, denn soziales Bewusstsein, so ihre These, setzt keinesfalls Mutter- und Vaterschaft voraus. Wer wollte auch schon dem Dalai Lama oder Mutter Theresa Hedonismus nachsagen oder den Einsatz von Albert SCHWEIZER schlecht reden wollen? Was wäre die Renaissance ohne MICHELANGELO gewesen? Während diese Menschen im Lichte der Öffentlichkeit stehen oder standen, gilt für die meisten Kinderlosen, dass sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit für die Gesellschaft von Nutzen sind. Einer Pflicht zur Fortpflanzung, wie sie z.B. von Herwig BIRG vertreten wird, erteilen KEIL & BRUSCHEK eine Absage.

Generation Kinderlos

"Wenn es überhaupt eine Pflicht für jeden von uns, egal ob mit oder ohne Nachwuchs, gibt, dann die zur Mitmenschlichkeit, zur Achtung der Würde der Anderen. Was nun einmal nichts damit zu tun hat, ob man Single, Ehepartner, Mutter oder Vater ist. Welchen Wert jemand für die Gesellschaft hat, lässt sich jedenfalls nicht am Familienstand messen. Wann aber ist eine Person wertvoll für ihr Umfeld? Darüber kann man stundenlang diskutieren und zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Und solange Eltern nicht als Retter des Vaterlands glorifiziert und Kinderlose als »Staatsfeinde« betrachtet werden, ist das auch völlig in Ordnung" (S.97)

Fazit: Wer dieses Buch gelesen hat, der wird sich nicht mehr vor den Karren derjenigen spannen lassen, die Eltern und Kinderlose gegeneinander ausspielen wollen   

Momentan ist es still an der Zeugungsstreik- und Gebärstreik-Front. Je näher aber die nächste Bundestagswahl rückt, desto mehr wird die Debatte um den Geburtenrückgang wieder entflammen. Das Buch von KEIL & BRUSCHEK liefert wertvolle Argumentationshilfen für alle diejenigen, die im Lebensstilpluralismus keine Gefahr, sondern einen Fortschritt sehen. Dem Buch ist deshalb eine möglichst große Leserschaft zu wünschen.

 
     
 
       
   

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Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 31. März 2008
Update: 25. Januar 2017