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Thema des Monats

 
       
   

Die Kultur der Kinderlosigkeit in Deutschland

 
       
   

Gewollte Kinderlosigkeit - Ein Tabuthema rückt in den Mittelpunkt der bevölkerungspolitischen Debatte

 
       
     
       
   
     
 

Die Karriere eines Begriffs

Im Dezember 2002 sprach single-generation.de vom neuen Tabuthema gewollter Kinderlosigkeit als Reaktion auf gesellschaftliche Entwicklungen, die im Frühjahr 2001 mit dem Pflegeurteil des Bundesverfassungsgerichts einsetzten . Seitdem sind Kinderlose permanent unter Druck geraten. Fast 5 Jahre später - im Frühjahr 2006 - ist eine neue qualitative Stufe erreicht. Mit dem Begriff "Kultur der Kinderlosigkeit" wird Kinderlosigkeit als abweichendes Verhalten thematisiert. Dazu ist die Enttabuisierung der gewollten Kinderlosigkeit notwendig. Als Paradebeispiel für diese bevölkerungspolitische Strategie kann der Artikel von Inge KLOEPFER in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 26. Februar 2006 betrachtet werden:

Auf immer kinderlos, die deutsche Extratour

"Die Deutschen gehen einen Sonderweg. (...). Während sich Frankreich, die Niederlande und Skandinavien vom Geburtenknick erholen, bleibt Deutschland mit statistischen 1,3 bis 1,4 Kinder je Frau weit zurück. Das ist das Ergebnis alarmierender, zum Teil noch unveröffentlichter Studien. Sie zeigen das verheerende Ausmaß und die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen von 30 Jahren Kinderlosigkeit in Deutschland.
            
(...).
Im Klartext: Deutschland schrumpft, weil rein zahlenmäßig heute viel weniger Frauen als früher überhaupt noch als Mütter in Frage kommen.
Tomás Sobotka (...) geht noch weiter: Eine »Kultur der Kinderlosigkeit« nimmt der Wissenschaftler in Deutschland wahr.

            
(...).
Selbst in Spanien und Italien deutet einiges wieder auf eine Rückkehr zur Mehr-Kinder-Familie - wenn auch noch zaghaft.

            
(...).
Warum fahren die Deutschen eine folgenschwere Extratour? Inzwischen wissen die Forscher: In Deutschland ist mehr passiert als nur ein Aufschub der Geburten. Der Timing-Effekt reicht als Erklärung nicht. Jahrzehnte lang hat die geringe Geburtenzahl auch gesellschaftliche Einstellungen verändert. Und zwar gründlich.
»Deutschland hat eine Gesellschaft, die für Kinderlosigkeit optiert und diese Lebensentwürfe in hohem Maße akzeptiert«, sagt der Bevölkerungsforscher Sobotka. Im Klartext: Über Frauen, die keine Kinder haben, wundert sich niemand mehr. Im Gegenteil: Wer Kinder hat, hat die Beweislast.

            
(...).
»Die Kinderlosen«, sagt der Ifo-Forscher Martin Werding, »sind inzwischen zu gesellschaftlichen Vorbildern geworden, an denen sich die ökonomische Rationalität des einzelnen weiter formt.«

            
(...).
Statistisch ist die Entwicklung nicht mehr aufzuhalten. (...). Glaubt man den Soziologen und Demographen, ist es für eine Wende zu spät. (...). »Es gibt keine Anzeichen für einen Anstieg der Geburtenrate«, meint Werding."
[mehr]
(Inge Kloepfer in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung v. 26.02.2006)

Der Artikel wurde so ausgiebig zitiert, weil nun - ein Jahr später - jene Studien erschienen sind, auf die sich Inge KLOEPFER, die verheiratet und Mutter von drei Kindern ist, bezogen hat. Wir können nun überprüfen, was wirklich dran ist an der Rede von der deutschen Extratour. Der Artikel ist auch insofern von Bedeutung, weil er von Claus LEGGEWIE in seinem Beitrag Eltern - Kinderlose als Beleg für eine Kultur der Kinderlosigkeit zitiert wird und dadurch Eingang in die sozialwissenschaftliche Literatur gefunden hat:

Eltern - Kinderlose

"Kinderlosigkeit ist in Deutschland ein spezielles Merkmal von Hochqualifizierten beiderlei Geschlechts, für die im besonderen Maße gilt, was der Zwölfte Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung konstatiert hat (BMFSFJ 2005): dass »Familie« keine attraktive Lebensform mehr darstellt. Jüngsten Umfragen zufolge kommt rund die Hälfte der Kinderlosen seltener als einmal im Monat mit Kindern in Kontakt. Dass Kinder jenseits der üblichen Sorgen und Imponderabilien vor allem Freude und Glück bringen, wird von ihnen somit kaum erfahren. Auch viele Eltern empfinden Familie zunehmend als etwas, das sie spontan nicht »können« und ohne externe Unterstützung nicht mehr zu leisten imstande sind. Ausländische Forscher nehmen in Deutschland bereits eine »Kultur der Kinderlosigkeit« (Kloepfer 2006) wahr." (2006, S.165)

LEGGEWIE verschweigt, dass die ausländischen Forscher bei KLOEPFER nur der Demograph Tomás SOBOTKA ist. Auf diesen bezieht sich auch LEGGEWIE an anderer Stelle:

Eltern - Kinderlose

"Niedrige Geburtenraten kennzeichnen alle OECD-Länder, doch weist Deutschland die niedrigste in der EU auf und belegt in einem Weltbankvergleich von 190 Staaten den Rang 185. (...).
Die Einstellungen der Frauen und Männer aus der ehemaligen DDR, wo Kinderlosigkeit geringer ausgeprägt war, passt sich dem westdeutschen Trend an. In Europa könnte sich eine neue, demographische Teilung ergeben: Deutschland und Österreich gehören demnach mit den katholischen Ländern Südeuropas und dem postkommunistischen Block zum »low-fertility-belt« (Sobotka 2004). (2006, S.165)

LEGGEWIE benutzt hier Zahlen, die auch in der "SCHIRRMACHER-Affäre" vom März 2006 verwendet wurden, und deren Richtigkeit von Gerd BOSBACH u.a. auf single-generation.de widerlegt wurden . Neben Claus LEGGEWIE wird auch der Bevölkerungswissenschaftler Jürgen DORBRITZ in den Medien im Zusammenhang mit dem Begriff "Kultur der Kinderlosigkeit" zitiert. DORBRITZ spricht bereits seit den 1990er Jahren von einer Polarisierung zwischen Kinderlosen und Eltern. Im Heft 4/2005 der Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, das erst im Herbst 2006 erscheinen durfte, befasst sich DORBRITZ umfassend mit Kinderlosigkeit in Deutschland und Europa - Daten, Trends und Einstellungen. Einzig in der Zusammenfassung des Artikels findet sich der Begriff "Kultur der Kinderlosigkeit":

Kinderlosigkeit in Deutschland und Europa - Daten, Trends und Einstellungen

"Analysen anhand verschiedener Datensätze der amtlichen Statistik, des Mikrozensus bzw. soziologischer Befragungen bestätigen, dass Kinderlosigkeit zumindest in Westdeutschland auf dem Wege ist, die 30 %-Marke bei den in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre Geborenen zu erreichen oder diese bereits erreicht hat. Inzwischen wird in diesem Kontext über eine Kultur der Kinderlosigkeit gesprochen. Kinderlosigkeit könnte in Deutschland, falls kein Rückgang eintritt, zu einem weiteren Fertilitätsrückgang beitragen. Allerdings gibt es für Westdeutschland auch niedrigere Angaben, so zum Beispiel von Sobotka oder von Schmitt und Wagner zur Kinderlosigkeit der Akademikerinnen."
(Zusammenfassung des Artikels [mehr]

Was ist dran, an der Kultur der Kinderlosigkeit in Deutschland?

Zu aller erst ist ein gravierendes Versäumnis der wissenschaftlichen Forschung festzustellen. Bei Jürgen DORBRITZ liest sich das als Spätstart der Forschung zur Kinderlosigkeit:

Kinderlosigkeit in Deutschland und Europa - Daten, Trends und Einstellungen

"Die Forschung zur Kinderlosigkeit hat sich erst in den 1990er Jahren und insbesondere nach dem Jahr 2000 intensiviert. (...). Zwischen 2002 und 2004 sind 49 Arbeiten veröffentlicht worden, zwischen 1999 und 2001 waren es 22.
(...).
Dominierend in den Darstellungen ist allerdings die Sicht auf die ungewollte Kinderlosigkeit und die Möglichkeiten, Abhilfe zu schaffen. (...). Die gewollte Kinderlosigkeit oder generell die Ausmaße von Kinderlosigkeit sind noch immer Randthemen geblieben, obwohl auch sie in jüngerer Zeit eine zunehmende Aufmerksamkeit erfahren haben.
(Jürgen Dorbritz in der Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Heft 4, 2005, S.361f.)

Es ist auffällig, dass die Forschung zur Kinderlosigkeit erst NACH dem Pflegeurteil des Bundesverfassungsgerichts angelaufen ist. Man darf deshalb davon ausgehen, dass DIE POLITIK durch einen fehlenden Anschub der Forschung, UNTERSUCHUNGEN VERHINDERT hat. Kein Politiker wollte wirklich wissen, welches Ausmaß die lebenslange Kinderlosigkeit in Deutschland hat. Darauf deutet auch hin, dass bis zur Verabschiedung des Elterngeldes im Bundestag, die hohe Kinderlosigkeit unter Akademikerinnen in den Medien als unstrittig zu gelten hatte. Der Wissenschaftsjournalist Björn SCHWENTKER durfte z.B. nur in Zeit online schreiben. Erst am Tag der Verabschiedung erschien in der ZEIT der erste Artikel darüber, dass die lebenslange Kinderlosigkeit unter Akademikerinnen weit geringer ist als behauptet . DORBRITZ beschreibt den Aufmerksamkeitsschub für das Thema Kinderlosigkeit folgendermaßen:

Kinderlosigkeit in Deutschland und Europa - Daten, Trends und Einstellungen

"Eine größere politische Aufmerksamkeit hat Kinderlosigkeit mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Pflegeversicherung (für das Herwig Birg ein Gutachten erstellt hatte) erfahren, nach dem Kinderlose einen höheren Beitrag zur Pflegeversicherung zahlen müssen. Inzwischen sind Kinderlose im Diskurs über die Zukunft des Wohlfahrtsstaates nahezu zu einem Feindbild geworden. Forderungen wie »Keine Kinder - keine Rente, ein Kind - halbe Rente« und Schuldzuweisungen an die Kinderlosen, die für die erwartbaren Finanzierungsprobleme der sozialen Sicherungssysteme mitverantwortlich gemacht werden, sind laut hörbar. (...).
            
Die Hinweise darauf, dass es sich vor allem bei gewollter Kinderlosigkeit nicht nur um eigennütziges und sozial unverantwortliches Verhalten zu Lasten von Eltern und Gesellschaft handelt, sondern auch mit modernen Lebensstilen, Erwerbsorientierungen, ausgeprägter Leistungsbereitschaft und Kinder- und Familienunfreundlichkeit der Gesellschaft zu tun hat, gehören inzwischen zu den leiseren Tönen."
(
Jürgen Dorbritz in der Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Heft 4, 2005, S.363)

Warum erschien das Heft 4/2005 der Zeitschrift für Bevölkerungsforschung erst im Herbst 2006 und nicht bereits im Herbst 2005? Es wurde offenbar befürchtet, dass das frühzeitige Bekanntwerden des Datendesasters der deutschen Bevölkerungsstatistik die reibungslose Durchsetzung des Elterngeldes und der höheren Beiträge für Kinderlose in der Pflegeversicherung gefährdet hätte. Single-generation.de hat bereits frühzeitig auf die gravierenden Probleme bei der Schätzung des Anteils der Kinderlosen hingewiesen . Die Schätzungen zum westdeutschen Geburtsjahrgang 1965 reichen gemäß DORBRITZ von 23,3 % (Tomás SOBOTKA) bis zu 32,1 % (Herwig BIRG). Das Pflegeurteil des Bundesverfassungsgerichts folgte den hohen Schätzwerten von Herwig BIRG.

Die Unsicherheiten bezüglich des Anteils der Kinderlosen in den jüngeren Geburtsjahrgängen führen bei DORBRITZ zu widersprüchlichen Schlussfolgerungen. Als Vertreter der Polarisierungsthese orientiert sich DORBRITZ an den Schätzungen von Herwig BIRG, während er bei den verschiedenen Berechnungen nachweist, dass die Schätzungen von BIRG zu hoch sind. Die Folgen dieser Taktik sind verheerend, denn aus den einzelnen Berechnungen ergibt sich kein einheitliches Bild, sondern das Desaster wird durch den Versuch, die Widersprüchlichkeiten zu glätten, nur umso deutlicher sichtbar.

Die Datenkatastrophe bahnte sich nicht erst in den 1990er Jahren an. Sie gründet in einer Grundannahme der Polarisierungsthese, nach der Ehelosigkeit eng mit Kinderlosigkeit verbunden sein soll . Bereits im Beitrag Zwischen Individualisierung und Institutionalisierung - Familiendemographische Trends im vereinten Deutschland haben Charlotte HÖHN und Jürgen DORBRITZ im Jahr 1995 die Polarisierungsthese vertreten. Für Westdeutschland heißt es dazu:

Zwischen Individualisierung und Institutionalisierung - Familiendemographische Trends im vereinten Deutschland

"Die zunehmende Kinderlosigkeit wird durch die gestiegene Wahrscheinlichkeit verheirateter Frauen kompensiert, Kinder zu gebären (...). Das heißt, daß sich die Verknüpfung von Ehe und Elternschaft eher verstärkt als abgeschwächt hat. Und da auch das komplementäre Muster »Ehe- und Kinderlosigkeit« fest verkoppelt ist, zieht das unweigerlich eine Bevölkerungspolarisierung nach sich." [mehr] (Charlotte Höhn & Jürgen Dorbritz, 1995, S.158)

Für die neuen Bundesländer gehen HÖHN & DORBRITZ davon aus, dass sich eine "engere Verbindung von Ehe und generativem Verhalten" herausbildet: "Ein Rückgang der Nichtehelichenquote in den neuen Bundesländern ist zu erwarten". (S.171) 10 Jahre später muss DORBRITZ nun eingestehen:

Kinderlosigkeit in Deutschland und Europa - Daten, Trends und Einstellungen

"Bei den Schätzversuchen am BiB ist z.B. für den Jahrgang 1966 ein Anteil kinderloser Frauen in Ostdeutschland von 28,2 % ermittelt worden. Dieses Ergebnis weicht beträchtlich von den Ergebnissen des Mikrozensus ab, in dem nur 12,7 % der Frauen ohne Kinder im Haushalt lebte (...). Da für Westdeutschland eine sehr hohe Übereinstimmung gefunden wurde, ist anzunehmen, dass die Schätzungen auf der Basis des Calot-Verfahrens für die neuen Bundesländer fehlerhaft sind. Die Ursache dürfte in den hohen Anteilen nichtehelich Lebendgeborener liegen, die inzwischen Werte von 55,2 % (Sachsen) und 60,8 % (Mecklenburg-Vorpommern) erreicht haben. (...). Da auch in Westdeutschland der Anteil der nichtehelich Lebendgeborenen ansteigt, ist auch hier bei den jüngeren Geburtsjahrgängen mit zunehmender Unsicherheit zu rechnen."
(Jürgen Dorbritz in der Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Heft 4, 2005, S.367)

Mit dem Problem der Erfassung der Kinderlosigkeit hat sich vor allem Michaela KREYENFELD beschäftigt. Bereits im Jahr 2001 hat sie die Mängel der deutschen Bevölkerungsstatistik aufgedeckt . DORBRITZ sieht das Problem mehr oder weniger nur auf die alten Bundesländer beschränkt. Aber bereits die unterschiedlichen Schätzungen für den westdeutschen Frauenjahrgang 1965, mit einer Differenz von fast 9 %, deuten darauf hin, dass auch für Westdeutschland ein gravierendes Schätzproblem besteht. Dies gilt umso mehr, da die Definition der Kinderlosigkeit zwischen Bevölkerungsstatistik und Mikrozensus abweicht. Bei ersterem wird die biologische Elternschaft (zumindest für die Mütter), bei letzterem die soziale Elternschaft erfasst.

Schätzprobleme auf der Grundlage der Geburtenstatistik und von Mikrozensusdaten

"Die lebenslange Kinderlosigkeit auf der Grundlage der Geburtenstatistik zu schätzen, ist vor allem deshalb problematisch, weil erstens ausschließlich für bestehende Ehen die Geborenen nach der Geburtenfolge erhoben werden. Die Geburtenfolge für Geburten außerhalb von Ehen wird dagegen nicht erfasst. Damit werden Frauen nicht berücksichtigt, die zum ersten Mal ein Kind bekommen und nicht oder nicht mehr verheiratet sind. Und zweitens werden Frauen nicht einbezogen, die geschieden oder verwitwet sind und erneut heiraten. Somit wird beispielsweise ein drittes Kind, das in einer zweiten Ehe geboren wird, als erstes Kind in der bestehenden Ehe gezählt. Dazu kommt noch, dass für die jüngeren Alterskohorten die endgültige Kinderzahl noch nicht erreicht ist, da viele der jungen Frauen aus biologischer Perspektive noch Kinder bekommen können. Daher basiert das spätere generative Verhalten auf Schätzungen und nicht auf tatsächlich ermittelten Zahlen. Mit der Geburtenstatistik können ebenfalls keine bildungsspezifischen Aussagen gemacht werden, da Informationen über das Bildungsniveau fehlen.
Bei den Analysen mit Mikrozensusdaten über das spätere generative Verhalten muss bedacht werden, dass keine Angaben zu den von einer Frau geborenen Kindern abgefragt werden. Im Mikrozensus gibt es ausschließlich Angaben über im Haushalt lebende Kinder. Hinzu kommt, dass nicht zwischen leiblichen und nicht leiblichen Kindern differenziert wird. Als kinderlos werden also nicht nur tatsächlich kinderlose Frauen gerechnet, sondern auch Frauen, deren Kinder den Haushalt schon verlassen haben." (Andreas Timm, 2006, S.287)

Das Schätzverfahren, das DORBRITZ für den Mikrozensus beschreibt, erscheint nur auf den ersten Blick viel versprechend. Auf den zweiten Blick wird deutlich, dass der Tiefstwert keinesfalls identisch mit dem Anteil der lebenslang Kinderlosen sein muss. Es ist eher davon auszugehen, dass der Tiefstwert bestenfalls den möglichen Höchstwert der lebenslangen Kinderlosigkeit erfassen kann. Die tatsächliche Kinderlosigkeit kann dagegen deutlich unter dem angenommenen Tiefstwert liegen. Verschiebungen im Verhältnis von Früh- und Spätgebärenden haben auch Einfluss auf dieses Schätzverfahren. Es muss sogar davon ausgegangen werden, dass durch die enorme Zunahme der Spätgebärenden in den westdeutschen Geburtsjahrgängen Mitte der 1960er Jahre dieses Schätzverfahren besondere Nachteile aufweist. Die Kinder der Frühgebärenden könnten im vermehrten Maße bereits ausgezogen sein, bevor die Spätgebärenden ihre Kinder bekommen. DORBRITZ gelingt es jedenfalls nicht das Schätzproblem klein zu reden.

Björn SCHWENTKER versucht im Zeit-Artikel Jede hat einen guten Grund vom 22. Juni 2006 eine Annäherung an das Phänomen einer Kultur der Kinderlosigkeit:

Jede hat einen guten Grund

"Anders als der ökonomische Erklärungsversuch führt die soziologische »Theorie des zweiten demografischen Übergangs« den neueren Geburtenrückgang vor allem auf einen Wertewandel in der Gesellschaft zurück. Ein gesteigerter Individualismus, das höhere Konsumbedürfnis oder der steigende Wert der Freizeit werden als Ursachen gesehen.
          
  Die öffentliche Debatte schuf daraus eine »Kultur der Kinderlosigkeit«, in der Nachwuchs keinen Wert mehr hat. Gibt es die wirklich? »Wir haben im Moment einen Diskurs, der zum Großteil aus Mythen besteht, für die es keine kausalen Zusammenhangsbelege gibt«, sagt Gerda Neyer, Politologin und Mathematikerin vom Max-Planck-Institut (MPI) für demografische Forschung in Rostock. Auch die Kultur-Theorie des neueren Geburtenrückgangs ist nie kausal belegt worden. Das geht auch gar nicht. »Es ist fast unmöglich, in solchen Zusammenhängen Ursache und Wirkung auseinander zu halten«, sagt Gerda Neyer." [mehr]
(Björn Schwentker in der ZEIT v. 22.06.2006)

Selbst wenn es den Wertewandel gibt und dieser Auswirkungen auf die Geburtenrate gehabt hat, so bleibt in der Debatte um die "Kultur der Kinderlosigkeit" völlig unberücksichtigt, dass es bereits seit Ende der 1980er Jahre einen Wandel des Wertewandels gibt, der mittlerweile auch von Lifestyle-Soziologen wie Stefan HRADIL eingestanden wird . Die Speerspitze dieses Wertewandels ist ausgerechnet die Single-Generation. Spätestens seit den Romanen Ausweitung der Kampfzone und Elementarteilchen von Michel HOUELLEBECQ ist dieser Wandel nicht mehr zu leugnen. Vor kurzem haben selbst die Grünen das Zurück zur traditionellen Familie eingeläutet. Wenn sich dieser Wandel noch nicht so deutlich an der Geburtenrate ablesen lässt, dann muss dies keinesfalls an einer dramatischen Zunahme der lebenslang Kinderlosen liegen, sondern an den Mängeln der deutschen Geburtenstatistik und den veralteten Methoden der deutschen Bevölkerungswissenschaftler.

Im Buch Die Single-Lüge von Bernd KITTLAUS wird aufgezeigt, dass die Single-Rhetorik den Geburtenrückgang negativ beeinflusst hat. Der Bericht Die demographische Lage in Deutschland 2005 von Evelyn GRÜNHEID liefert neue Indizien dafür. Es wird z.B. deutlich, dass Bundestagswahlen, die mit einer verstärkten Single-Rhetorik einhergehen, das Gebärverhalten negativ beeinflussen. Potenzielle Eltern (Singles) werden dadurch abgeschreckt . Wenn das Single-Dasein an Attraktivität gewonnen hat, dann liegt das weniger an der tatsächlichen Zunahme der Alleinlebenden, sondern am rasanten Aufmerksamkeitsschub, den Singles in den 1990er Jahren erhielten. Seit Anfang der 1990er Jahren kann man in allen Medien lesen, dass jeder Dritte, in Großstädten gar jeder Zweite allein lebt. Tatsächlich lebt noch nicht einmal jeder fünfte Erwachsene allein. Selbst der Anteil der Single-Haushalte, für den Ulrich BECK 1990 einen Anstieg auf 70 % in Großstädten prophezeite, hat sich nicht bewahrheitet.

Die demographische Lage in Deutschland 2005

"Der Anteil der Haushalte, die sich in Großstädten mit mehr als 100.000 Einwohnern befinden, hat sich seit 1991 verringert. Hier haben sich die erheblichen Strukturveränderungen zugunsten kleinerer Haushalte - vor allem in den westdeutschen Großstädten - bereits vor 1991 vollzogen."
(Evelyn Grünheid in der Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Heft 1, 2006, S.83)

Auch die These vom Single als Pionier des flexiblen Kapitalismus ist in erster Linie ein Mythos. Im Familienlebensalter lebte 2003 noch nicht einmal jede 10. Frau, aber jeder 5. Mann allein. Nicht der familienfreie männliche Single, sondern der familienfreie Ehemann ist aber das Ideal der Wirtschaft . Der Anstieg der Alleinlebenden im mittleren Lebensalter ist des Weiteren kein Phänomen der 1990er Jahre, sondern lässt sich bereits seit Anfang der 1970er Jahre nachweisen .

Das Schaubild zeigt, dass sich der Anteil der allein lebenden 35-44 jährigen Frauen vergleichsweise kontinuierlich über einen sehr langen Zeitraum vollzogen hat. Dagegen hat sich der Anteil der allein lebenden Männer dieser Altersgruppe in den 1990er Jahren stärker erhöht. Die Familienpolitik hätte also bereits in den 1970er und 1980er Jahren die Vereinbarkeit von Beruf und Familie auf die Agenda setzen müssen. Dies wurde versäumt.

Quelle: Andreas Timm (2006, S.279)weitere Infos zum Buch

Die Karrierefrauen der Generation Golf (1965 - 1975 Geborene) haben nur ein Muster fortgesetzt, das bereits durch die Single-Generation (1948 - 1964 Geborene) vorgelebt wurde . Aber selbst im Jahr 2003 lebten kaum mehr als 10 % der 35-44jährigen Frauen allein (weder muss es sich dabei um Karrierefrauen, noch um Kinderlose handeln ). Geht man von ca. 25 % lebenslang Kinderlosen aus, so ist diese Zunahme der Kinderlosen keinesfalls durch den Anstieg der allein lebenden Frauen erklärbar. Es bleiben deshalb nur zwei Erklärungen: entweder ist der Anteil der Kinderlosen weit geringer oder die Kinderlosen sind nicht unter den allein lebenden Karrierefrauen zu suchen. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo zwischen diesen beiden Deutungen .

Bei der Debatte um die Kultur der Kinderlosigkeit wird übersehen, dass der Anteil der kinderreichen Familien ein bedeutender Faktor des Babybooms der 1960er Jahre war. In seinem Gutachten Nachhaltige Familienpolitik aus dem Jahr 2005 hat der Soziologe Hans BERTRAM auf diesen vernachlässigten Sachverhalt hingewiesen:

Nachhaltige Familienpolitik

"Es ist gut nachvollziehbar, dass der Anstieg der Kinderlosigkeit seit Anfang der 70er Jahre (...) als zentrale Ursache für den Geburtenrückgang in Deutschland (...) angesehen wird. Aber auch andere Länder - wie etwa die USA mit einer Geburtenrate von 2,1 Kindern pro Frau (...) oder Finnland mit etwa 1,8 Kindern pro Frau (..) - verzeichnen eine hohe Kinderlosigkeit von 10 bis 22 Prozent. (...).
          
  Die hohen Geburtenraten in der Zeit des Babybooms in den 60er Jahren sind im Wesentlichen auf die hohe Zahl der Mehrkinderfamilien zurückzuführen. (...).
          
  Der Geburtenrückgang in Deutschland ist (...) Ergebnis des zunehmenden Verschwindens der Mehrkinderfamilie." (S.10)

"Die Diskussion um den Geburtenrückgang wird in der Regel auf der Basis von Durchschnittswerten geführt, indem etwa die Geburtenrate von 1970 (2,2) mit der Geburtenrate von 2003 (1,39) verglichen wird. Hinter diesen Durchschnittswerten verbergen sich aber nicht nur ganz unterschiedliche Lebensformen ohne und mit Kindern, sondern es gibt auch bei den familiären Lebensformen mit Kindern Ein-, Zwei, Drei- Vier- und Mehrkinderfamilien, was als Tatbestand in der öffentlichen Debatte kaum thematisiert wir. So spricht Kaufmann (2000) von einer Polarisierung zwischen den Erwachsenen, die sich für Kinder entscheiden und denjenigen, die das nicht tun. Auch Rürup (2003) geht in seiner Definition der nachhaltigen Familienpolitik davon aus, dass die Entscheidung für ein Kind quasi automatisch eine mögliche Entscheidung für ein zweites Kind ist und möglicherweise weitere Kinder nach sich zieht, unabhängig von anderen Faktoren. Diese Debatte erinnert ein wenig an die Diskussion der 50er und 60er Jahre, als die Frauen, die sich für Kinder und Beruf entschieden, als Rabenmütter etikettiert wurden, weil die »guten« Mütter sich »nur« um ihre Kinder zu kümmern hatten." (S.27)

Die Instrumentalisierung internationaler Vergleiche

Kommen wir nochmals auf den anfangs zitierten Artikel von Inge KLOEPFER zurück. Darin wird behauptet, dass einzig Deutschland mit einem Problem hoher Kinderlosigkeit zu kämpfen hat. Die Ausführungen von Jürgen DORBRITZ lassen dagegen andere Schlüsse zu:

Kinderlosigkeit in Deutschland und Europa - Daten, Trends und Einstellungen

"Für insgesamt 28 Länder in Europa sind Daten verfügbar. Berechnet wurde die Kinderlosigkeit nur für die Länder, in denen die Lebendgeborenenfolge nach der biologischen Rangordnung vorliegt. (...). Aufgrund der (...) Probleme wurden durch das ODE für Deutschland und auch für die Schweiz keine Daten veröffentlicht." (Jürgen Dorbritz in der Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft, Heft 4, 2005, S.372)

"Es gilt aber nach wie vor, dass Westdeutschland und die Schweiz die Vorreiter hinsichtlich der Ausweitung der Kinderlosigkeit waren und auch heute noch die höchsten Werte in Europa verzeichnen." (S.373)

"Der Geburtsjahrgang 1966 in Westdeutschland wird voraussichtlich zu 29,1 % und der Geburtsjahrgang 1963 in der Schweiz zu 27,9 % kinderlos bleiben." (S.376)

"Höpflinger hatte bereits 1991 (97) die Frage nach der Kinderlosigkeit als Lebensstil gestellt, die Antwort aber negativ ausfallen lassen (...). Heute, nur wenige Jahre später, ist eine eindeutig andere Antwort zu geben, auch wenn man (noch) nicht vom europäischen Lebensstil der Kinderlosigkeit sprechen kann. Das gilt nur für wenige Länder, in denen Kinderlosigkeit sehr früh aufgetreten ist und eine starke Verbreitung gebunden hat. In erster Linie sind das Westdeutschland und die Schweiz, aber auch Österreich, England/Wales und Irland sind dieser Ländergruppe zuzurechnen. (...). Tatsächliche Polarisierungsituationen, wo sich in den Geburtsjahrgängen, die sich zur Zeit dem Ende des gebärfähigen Alters nähern, Kinderlose und Familien in einer ein Drittel/zwei Drittel-Größenordnung gegenüber stehen, findet man aber nur in der Schweiz und in Westdeutschland." (S.378)

"Ein eindeutiger Zusammenhang zwischen Kinderlosigkeit und endgültiger Kinderzahl besteht nicht (...). Der am ehesten erwartete Zusammenhang, eine hohe Kinderlosigkeit ist mit einer sehr niedrigen Geburtenhäufigkeit verknüpft, trifft nur für wenige Länder zu (Westdeutschland, Schweiz, Italien, Österreich)" (S.381)

"Im Trend (...) gilt, je höher die Kinderlosigkeit ist, desto niedriger ist die endgültige Kinderzahl. (...). Andererseits findet man Länder (Irland, Finnland, England/Wales, Niederlande), in denen eine hohe Kinderlosigkeit von einem relativ hohen Geburtenniveau begleitet wird. Eine solche Situation kann nur eintreten, wenn es neben den Kinderlosen einen relativ hohen Anteil an Familien gibt, die drei oder mehr Kinder haben." (S.382f.) 

Aus den Ausführungen von DORBRITZ lässt sich - im Gegensatz zu den Behauptungen von KLOEPFER - folgendes ableiten: (West-)Deutschland ist noch nicht einmal in Westeuropa ein Sonderfall, sondern gehört zusammen mit der Schweiz, Italien und Österreich zu jenen Ländern, bei denen eine relativ hohe Kinderlosigkeit mit einem niedrigen Anteil von kinderreichen Familien einher geht. Ausgerechnet die beiden Länder, denen der höchste Anteil Kinderloser zugeschrieben wird, haben eine Geburtenstatistik, die eine eindeutige Zuordnung von Kindern zu Frauen nicht zulässt.

Während weder in der Schweiz noch in Italien die hohe Kinderlosigkeit zu derart heftigen Debatten geführt haben wie in Deutschland, ist in Österreich ebenfalls die Debatte um eine Kultur der Kinderlosigkeit entbrannt, wie der Pressemeldung Kultur der Kinderlosigkeit. Österreich beim Kinderwunsch europäisches Schlusslicht der Österreichischen Akademie der Wissenschaften vom 19. Dezember 2006 zu entnehmen ist:

Die Kultur der Kinderlosigkeit in Österreich

"Neueste Daten des Eurobarometers 2006 zeigen, dass österreichische Frauen und Männer die niedrigsten Kinderwünsche in Europa haben. Besonders bei den jüngeren Männern sagen mehr als ein Drittel, dass sie gar keine Kinder wollen. Lag vor zehn bis 15 Jahren die persönlich als ideal angesehene Kinderzahl noch bei über zwei Kindern, so beträgt sie heute im Durchschnitt nur noch 1,6 Kinder. Diese Daten können Vorzeichen einer weiteren deutlichen Abnahme der Geburtenzahl in Österreich sein.
          
  Eine mögliche Erklärung für diese jüngste Abnahme des Kinderwunsches in Österreich und in den anderen deutschsprachigen Ländern kann die so genannte »Low Fertility Trap Hypothese« bieten. Diese am Wiener Institut für Demographie der ÖAW und dem Internationalen Institut für angewandte Systemforschung (IIASA) in Laxenburg entwickelte Hypothese besagt, dass der Kinderwunsch junger Menschen durch die Zahl der Kinder, die sie in ihrer Umgebung und den Medien erleben und sehen, beeinflusst wird. Erleben sie nur wenige Erwachsene mit Kindern, so spielen auch Kinder für ihre eigenen Lebensziele eine geringere Rolle. Es entwickelt sich eine Kultur der geringen Kinderzahl bzw. Kinderlosigkeit."

Die "Low Fertility Trap Hypothese" wurde in Deutschland durch das Buch Minimum von Frank SCHIRRMACHER popularisiert. Um diesem Horrorszenario den nötigen Nachdruck zu verschaffen, schreckten Journalisten der Welt noch nicht einmal davor zurück, falsche Geburtenzahlen für das Jahr 2005 in Umlauf zu bringen . Damit sind wir bei der aktuellen Debatte angelangt, denn der von KLOEPFER zitierte Ifo-Forscher Martin WERDING trat bereits im Jahr 2003 für eine Rente nach Kinderzahl ein. Die Polarisierungsthese, die den Hauptkonflikt zwischen Eltern und Kinderlosen sieht, eignet sich besonders gut, um drastische Bestrafungen von Kinderlosen zu fordern. Vera GASEROW sieht in der Frankfurter Rundschau auf Kinderlose neue gravierende Benachteiligungen zukommen:

Der Druck auf die Kinderlosen wächst

"In der Debatte um die Zukunft der sozialen Sicherungssysteme ist (die)(...) Sonderstellung von Kinderlosen bereits Realität.
             Die zentrale Weiche dafür hat 2001 das Bundesverfassungsgericht gestellt mit seinem Urteil zur Pflegeversicherung. (...). Seit 2005 zahlen deshalb rund drei Millionen Kinderlose ein viertel Prozent mehr in die Pflegekasse als Väter und Mütter - egal, ob deren Fürsorge für die Kinder nur auf dem Papier steht oder sie weit besser betucht sind als viele Singles.
             Das Vorbild der Pflegeversicherung - darauf dringen jetzt vor allem Unionspolitiker - soll auch auf die Rentenversicherung übertragen werden, in weit stärkerem Umfang." [mehr]
(Vera Gaserow in der Frankfurter Rundschau v. 18.01.2007)

Fazit: Die Kultur der Kinderlosigkeit ist ein Kampfbegriff derjenigen, die eine Spaltung der Gesellschaft entlang der Kinderfrage betreiben

Die Rede von einer Kultur der Kinderlosigkeit nimmt die Kinderlosen ins Visier. Kinderlosen wird nach dieser Lesart die Hauptschuld am Geburtenrückgang - und damit an Wohlstandsverlusten und den Problemen mit den sozialen Sicherungssystemen - zugeschrieben. Die Spaltung in Eltern und Kinderlose soll dadurch institutionalisiert werden, z. B durch eine Rente nach Kinderzahl oder gar durch ein Elternwahlrecht. Wie jedoch gezeigt wurde, ist zum einen das Ausmaß der lebenslangen Kinderlosigkeit in Deutschland unbekannt. Die Schätzungen divergieren bereits beim westdeutschen Geburtenjahrgang 1965 um fast 9 %. Zum anderen ist die Hauptursache des Geburtenrückgangs die Abnahme der kinderreichen Familien.

Länder wie Irland und Finnland zeigen, dass eine hohe Geburtenrate mit hoher Kinderlosigkeit einher gehen kann. Polarisierungen müssen also weder zu gesellschaftlichen Spaltungen noch zu drastischen Geburtenrückgängen führen. Es muss deshalb gefragt werden, warum ausgerechnet in Deutschland - im Gegensatz zu anderen Ländern mit hoher Kinderlosigkeit - ein tiefer Graben entstanden ist. Im Buch Die Single-Lüge wird aufgezeigt, dass der Kulturkampf zweier Eliten dazu geführt hat, dass sich eine moderne Familienpolitik nicht durchsetzen konnte. Stattdessen führte die Single-Rhetorik in Politik, Wissenschaft und Medien dazu, dass Singles sich ihrer Lage nicht bewusst werden konnten. Es konnten zwar - wie beabsichtigt - die Eltern mobilisiert werden, andererseits wirkte die Single-Rhetorik jedoch auf potenzielle Eltern abschreckend. Wenn angeblich jeder Zweite allein lebt, dann kann doch Elternschaft nicht erstrebenswert sein. Dass jedoch nicht einmal jeder fünfte Erwachsene allein lebt und zudem das Single-Dasein vor allem in der ersten Lebenshälfte nur eine Lebensphase, aber keine Alternative zum Paar oder zur Familie ist, das blieb in der Debatte unbeachtet. Wir haben es somit mit einem Versagen unserer Eliten in Politik, Wissenschaft und Medien zu tun.

Kinderlose sollen nun die Zeche zahlen. Während jedoch den kinderlosen Eliten zahlreiche Exitoptionen zur Verfügung stehen, werden die kinderlosen Modernisierungsverlierer - darunter vor allem männliche Singles - besonders von den veränderten Bedingungen betroffen werden. Wie weiter oben gezeigt wurde, ist der Anteil der Singlemänner im Familienalter in den 90er Jahren besonders gestiegen. Die Konsequenzen dieser Strukturveränderungen in den Single-Haushalten sind bislang in der Debatte, die sich hauptsächlich um allein lebende Karrierefrauen drehte, unterbelichtet geblieben. Im Buch Die Single-Lüge wird auf dieses vernachlässigte Problem näher eingegangen. Die Debatte um eine Kultur der Kinderlosigkeit in Deutschland geht am Kern des Problems vorbei.      

Die Single-Lüge - Das Buch zur Debatte

"Dies ist die erste grundlegende Auseinandersetzung mit dem nationalkonservativen Argumentationsmuster, das zunehmend die Debatte um den demografischen Wandel bestimmt. Hauptvertreter dieser Strömung sind Herwig Birg, Meinhard Miegel, Jürgen Borchert und Hans-Werner Sinn. Die Spannbreite der Sympathisanten reicht von Frank Schirrmacher bis zu Susanne Gaschke. Als wichtigster Wegbereiter dieses neuen Familienfundamentalismus muss der Soziologe Ulrich Beck angesehen werden.
          
 Es wird aufgezeigt, dass sich die nationalkonservative Kritik keineswegs nur gegen Singles im engeren Sinne richtet, sondern auch gegen Eltern, die nicht dem klassischen Familienverständnis entsprechen."

 
     
 
       
   

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Update: 16. Januar 2017