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Thema des Monats

 
       
   

Der Geburtenrückgang der Berliner Republik aus Sicht einer Politik für die Mütterelite

 
       
   

Oder: Elisabeth Beck-Gernsheim und die Kinderfrage heute

 
       
     
       
   
     
 

Deutschland am Abgrund?

Im März des Jahres 2006 lag wieder einmal Endzeitstimmung über dem Land. Frank SCHIRRMACHER veröffentlichte sein Buch Minimum und die Mitte-Presse steuerte untertänigst den Untergang Deutschlands mit Hilfe gefakter statistischer Daten über die demographische Lage bei. Single-generation.de berichtete darüber ausführlich im Thema des Monats Mai 2006 . Bereits im Herbst 2006 erschien das Buch Die Kinderfrage heute von Elisabeth BECK-GERNSHEIM, das in der Öffentlichkeit bislang ziemlich unbeachtet blieb, obwohl die Soziologin bereits seit den 1980er Jahren wichtige Bücher zum Thema Geburtenrückgang veröffentlicht hatte.

1984 1988/1997 2006

Ihre Buchveröffentlichungen zur Kinderfrage und Geburtenentwicklung fassen jeweils den aktuellen Stand der Debatte zusammen, die sich an der Entwicklung der Geburtenzahlen festmachen lässt (nicht zu verwechseln mit der Geburtenrate ). Deshalb steht am Anfang ein Vergleich der jetzigen und früheren Debatten anhand der Buchveröffentlichungen von Elisabeth BECK-GERNSHEIM. Danach soll gefragt werden, ob ein Wandel in der Debatte erkennbar ist, oder ob eher die Gemeinsamkeiten überwiegen. Die Soziologin will jedenfalls einen Wandel erkannt haben.

Die westdeutschen Minimums der Nachkriegszeit

 Schaubild 1

Quelle: Jahrbücher des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden

Wie aus dem Schaubild ersichtlich ist, gab es im Westdeutschland der Nachkriegszeit etliche Minimums, d.h. Tiefpunkte der Geburtenzahlen. Die Entwicklung bis 1965 ist in dieser Darstellung bereits eine Konstruktion, die sich als Bonner Republik bezeichnen lässt. Bis 1958 berechnete das Statistische Bundesamt nämlich die Geburtenzahlen für Westdeutschland ohne Saarland und West-Berlin und noch bis 1964 blieb West-Berlin außen vor. Da wir hier jedoch nur die Debatte nach 1965 betrachten, wird dieser Aspekt vernachlässigt. 1964 wurde in Westdeutschland mit 1.065.379 Geburten der absolute Höchstwert erreicht. Aus Sicht der Dramatisierer des Geburtenrückgangs stellt dieses Jahr den Ausgangspunkt der bevölkerungspolitischen Perspektive dar. Seitdem geht es dieser Lesart zufolge bergab.

Ein Blick auf das Schaubild zeigt jedoch, dass dies nicht der Realität entspricht. In den 1970er Jahren gab es zwei Tiefpunkte. 1975 wurden 600.512 Kinder geboren und 1978 nur noch 576.468, während sich die Geburtenzahlen bis 1976 geringfügig auf 602.851 gestiegen waren. In den 1980er Jahren fielen die Geburtenzahlen vom Hoch in 1981 (624.557 Lebendgeborene) auf 584.157 im Orwell-Jahr 1984. Von da an stiegen sie bis 1990 auf 727.199. 1995 stellte mit 681.374 den nächsten Tiefpunkt dar.  

Jahr

Anzahl der Lebendgeborenen

Minimum

Maximum

1964

1.065.379

1965

1.044.328

1966

1.050.345

1975

600.512

1976

602.851

1978

576.468

1981

624.557

1984

584.157

1990

727.199

1995

681.374

1997

711.915

Der Wandel der Debatte um den Geburtenrückgang

Im Jahr 1975 titelte der Spiegel am 24. März Sterben die Deutschen aus? Mehr Sex - weniger Babys. 1978 entdeckte Hermann SCHREIBER in einer 3teiligen Spiegel-Serie den Single. Am 19. Juni titelte das Hamburger Nachrichtenmagazin dazu: Alleinleben. Die neue Freiheit. Auf dem Cover blickt uns eine Frau mit entblößtem Busen, aber mit abwehrender Hand entgegen.

Die 1980er Jahre brachten dann endgültig die enge Verbindung von demografischer Entwicklung und der Krise des Sozialsysteme, die sich bereits in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre abzeichnete. Renten in Gefahr. Die Last wird zu groß titelt der Spiegel am 4. März 1985 und am 23. Dezember beginnt Renate MERKLEIN eine vierteilige Spiegel-Serie unter der Überschrift Den Alterskassen ein Baby schenken? Vor diesem Debattenhintergrund müssen auch die Buchveröffentlichungen von Elisabeth BECK-GERNSHEIM gesehen werden.

 Schaubild 2

Quelle: Jahrbücher des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden

Das Schaubild 2 zeigt, dass das Buch Vom Geburtenrückgang zur Neuen Mütterlichkeit? Über private und politische Interessen am Kind rechtzeitig zum Minimum der Geburtenzahlen erschien. In den Jahren 1981 - 1984 leitete die Soziologin ein DFG-Projekt zum Thema Geburtenentwicklung und gesellschaftlicher Individualisierungsprozeß. Ein erster Aufsatz über Geburtenrückgang. Die wissenschaftliche Karriere eines politischen Themas erschien bereits im Jahr 1982 im Sonderheft der Fachzeitschrift Soziale Welt. Bereits damals stellte BECK-GERNSHEIM eine Verlagerung der Debatte um den Geburtenrückgang fest:

Die strategische Verlagerung der Debatte

"Bezieht man den bevölkerungswissenschaftlichen Ansatz (...) auf die gesellschaftlich virulente Diskussion um das Problematische am Geburtenrückgang, so scheint diese Forschungstradition zunächst einen Ausweg aus der festgefahrenen Kontroverse zu bieten. Indem sie nach den möglichen Folgeproblemen des Geburtenrückgangs in einzelnen Politik- und Versorgungsbereichen fragt, erzielt sie eine strategisch wichtige Verlagerung der Diskussion. Jetzt kann man das Problematische am Geburtenrückgang aufzeigen, ohne sich auf schwierige Argumentationen über das Aussterben der Nation einzulassen: Das Thema Geburtenrückgang wird aus der Streitzone entfernt und übersetzt in jene sicheren Bereiche - Rentensicherung, Gesundheitsversorgung, Arbeitsmarktbedarf und Wirtschaftsentwicklung -, wo ein grundsätzlicher Problemkonsens noch herstellbar scheint. Das ist die spezifische Leistung dieses Forschungsansatzes - und Wissenschaft gewinnt dabei zentrale Definitionsmacht: Die öffentlich nicht mehr entscheidbare Frage, ob der Geburtenrückgang ein Problem darstellt, wird nur noch abgelöst vom unmittelbaren Thema der Geburtenentwicklung diskutiert und aufgelöst in ein Netz von Folgeproblemen, die allein über wissenschaftliche Modellannahmen kalkulierbar sind. Der öffentliche Konflikt muß ganz durchs Nadelöhr des Expertenwissens hindurch." (1982, S.246)

In ihrem neuen Buch Die Kinderfrage heute findet sich diese Einschätzung im Unterkapitel Vom nationalen Untergang zur unsicheren Rente wieder.

Vom nationalen Untergang zur unsicheren Rente

"Nicht mehr das »Aussterben der Deutschen« wird als Katastrophe beklagt und zum Weltuntergangsdrama stilisiert. Statt dessen die Brüche im Generationenvertrag, unsichere Renten, überlastete Sozialsysteme, stagnierende Wirtschaft - das sind die Stichworte, die typischen Schreckensszenarien von heute." (2006, S 13)

Die Bewertung von BECK-GERNSHEIM bezieht sich hier also keineswegs auf die Debatte seit den 1970er Jahren, sondern auf die Debatten der 1920er und 1930er Jahre, obwohl die Spiegel-Titel von 1975 und 2004 deutliche Anklänge an die nationalistischen Debatten aufweisen.

Wer gegen wen?

Unter der Frage Wer gegen wen? verhandelt BECK-GERNSHEIM jene Frage, die hier näher betrachtet werden soll, weil sie von der Soziologin nur unbefriedigend beantwortet wird.

Wer gegen wen?

"In den 1970er Jahren, als das Ende des Babybooms zunehmend sichtbarer wurde, der Geburtenrückgang wieder einmal ins Blickfeld geriet, war das Geschlechterverhältnis in besonderer Weise spannungsgeladen. »Emanzipation« war das Schlagwort der zeit - und war gleichzeitig das Reizwort, das endlose Tumulte und Turbulenzen auslöste, nicht zuletzt auch in die Diskussion um die Geburtenentwicklung hineinwirkte. Dabei traten insbesondere zwei Gruppen hervor, die jeweiligen Gegenpositionen verkörpernd. Auf der einen Seite die Frauen der sich neu formierenden Frauenbewegung, von revolutionärem Eifer erfüllt, die die traditionelle Mutterrolle als Unterdrückungsinstrument begriffen und die Parole »Mein Bauch gehört mir« formulierten, die zum Gebärstreik aufriefen und für die Freigabe der Abtreibung demonstrierten. Und auf der anderen Seite die Politiker, Wissenschaftler, Leitartikel-Schreiber der konservativen Fraktion, denen Mutterschaft als eigentliche Bestimmung und Erfüllung der Frau galt - und die deshalb die Protestaktionen der Frauenbewegung als Verirrung ansahen, ein Ergebnis von Selbstsucht und falschem Bewußtsein.
          
Und heute dagegen? heute sind die Töne meist weniger schrill, auf beiden Seiten ist man vorsichtiger geworden. Die Frauenbewegung, oder was es davon noch gibt, hat an Sturmkraft verloren und ist den zähmenden Weg durch die Institutionen gegangen; und ihre Gegner, sofern sie sich als solche noch öffentlich äußern, wissen inzwischen, daß das Thema Geschlechterverhältnis politischen Sprengstoff enthält und diplomatische Wortwahl erfordert. Dennoch lassen sich in der Fülle der Beiträge einige männertypische und frauentypische Argumentationsmuster erkennen. Im allgemeinen sind es eher die Männer, die das demographische Krisenszenario verbreiten, während Frauen sich häufig verwahren gegen das »Geburtenraten-Krisengetöse«, gegen die »Propagandaschlacht für Fortpflanzung«, gegen die »Gebär-Animationskampagnen«. (...).
          
Aber gleichzeitig sind die Trennlinien zwischen Männern und Frauen durchaus auch unscharf, es gibt Abweichler und Ausbrecher auf beiden Seiten. Trotz mancher Gegensätze: die Gefechte bleiben begrenzt, ein Geschlechterkampf mit festen Fronten findet nicht statt." (2006, S 13f.)

BECK-GERNSHEIM vergleicht die heutige Situation mit den 1970er Jahren und kommt vor diesem Hintergrund zum Schluss, dass ein Geschlechterkampf mit festen Fronten nicht mehr stattfindet. Sicher ist das richtig, wenn man die Hochphase der Frauenbewegung und hier besonders die Extrempositionen betrachtet. Aber bereits in den 1980er Jahren haben sich jene Fronten herausgebildet, die auch heute noch die Debatte prägen und auf die die Bücher von BECK-GERNSHEIM reagieren.

Neue Mütterlichkeit contra kinderlose Karrierefrauen

Elisabeth BECK-GERNSHEIM kann man als Schutzpatronin der Karrierefrau mit Kinderwunsch betrachten. In allen ihren Kampfschriften geht es um die Durchsetzung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, wobei der Neuen Väterlichkeit eine wichtige Rolle zugewiesen wird.

Vom Geburtenrückgang zur Neuen Mütterlichkeit?

"In praktisch allen Industrieländern wird etwa seit Mitte der 60er Jahren ein Geburtenrückgang verzeichnet, der in der Bundesrepublik besonders ausgeprägt ist. Bevölkerungswissenschaftler in unserem Land warnen vor den Folgewirkungen für die verschiedenen Politikbereiche, von Rentenversicherung und Wirtschaftswachstum bis Gesundheitswesen und Bildungssystem. Die Medien greifen das Thema mit publikumswirksamen Schlagworten auf: Das Stichwort von der »sterbenden Nation« macht die Runde. Die Debatte wird weiter verschärft unter dem Eindruck der Wirtschaftskrise, mit der eine Phase schnell steigender Arbeitslosigkeit beginnt. (...). Da bietet sich immer der Ausweg an, die Randgruppen und Reservearmeen nach Haus zu schicken - in die Frührente, in die Türkei oder zu Küche und Kind.
          
So tauchen im Schnittpunkt dieser politisch brisanten Entwicklungen mit einem Mal wieder die alten Überlegungen und Rezepte auf: gegen die sogenannten Doppelverdiener oder genauer gegen die Doppelverdienerinnen. Das Motto »Frauen zurück an den Herd« verbindet sich mit dem »Frauen zurück an die Wiege«. Die Partei, die jetzt Regierungspartei ist, formuliert das Programm der Neuen Mütterlichkeit." (1984, S.9)

22 Jahre später sieht die gesellschaftliche Ausgangssituation mit der Jobkrise der Generation Golf und der Generation Praktikum ähnlich aus wie 1984, nur dass der Regierungskoalition nun ein Programm der Neuen Väterlichkeit zugeschrieben wird, das auf Widerstand stößt. Wie aber sieht die Lage auf Seiten der Frauenbewegung aus?

Kind oder kein Kind, das ist die Frage

"Ein Umschlag ist festzustellen, innerhalb weniger Jahre: Wo früher vor allem das Recht der Frau auf Selbstbestimmung über ihren Körper betont und die Auflehnung gegen den »Mutterschaftszwang« formuliert wurde, wird jetzt, im sogenannten »zweiten Schritt«, vielfach auch der Wunsch nach dem Kind, nach der Erfahrung des »Mutterwerdens« geäußert. Daraus entwickeln sich politische Forderungen, die nicht in die falsche Alternative des Entweder-Oder hineinführen, sondern Kinderhaben und ein Stück eigenes Leben erlauben. Daneben entsteht an den Randszenen der Frauenbewegung auch ein neuer Mutterschaftskult, der seine eigenen Mythen und Riten schafft, Symbiose aus »feministisch« und »grün« und »natürlich«, auf eine Formel gebracht: »Zurück zur Natur und zur Mutter!« Schließlich entdecken nicht wenige Frauen, daß die schönen Verheißungen von Gleichberechtigung im Beruf oft genug bloße Verheißungen bleiben und da, wo sie in Erfüllung gehen, meist unbequem und zermürbend sind. Mit den Härten der Männerwelt konfrontiert, wählen manche dann den alten weiblichen Weg, um neuen Inhalt und Sinn für ihr Leben zu finden. Wo derart der »Postfeminismus« blüht, gibt es auch eine Wende: »Die neue politische Einheit heißt Mutterundkind«. Schon deuten neue Gegensätze und Spaltungen sich an: Mütter und Nicht-Mütter; alleinstehende und verheiratete Mütter; frühe und späte Mütter.
          
(...).
Kind oder kein Kind, das ist also die Frage. Da ist die Nahtstelle, wo ganz unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen, politische und private, die charakteristisch eigene Bezugspunkte und Sprachformen haben - hier »Bevölkerung und Geburtenzahlen«, dort »Lebensform Mutterschaft« -, die je für sich zahlreiche Fronten und Verwicklungen aufweisen und untereinander in mancherlei Koalitionen zusammenfinden." (1984, S.10f.)

Die Einschätzungen von Elisabeth BECK-GERNSHEIM aus dem Jahr 2006 gehen hinter diese Beschreibung der Sachlage aus dem Jahr 1984 deutlich zurück, wenn sie behauptet, dass die aktuelle Debatte um den Geburtenrückgang erst im Frühjahr 2006 eingesetzt hat.  Wie kann die Soziologin auf diese - ganz offensichtlich falsche Einschätzung - kommen? Hier wird der Standpunkt vertreten, dass dies allein mit der speziellen Interessenposition von Elisabeth BECK-GERNSHEIM zu tun hat.

Wann begann die aktuelle Debatte um den Geburtenrückgang?

BECK-GERNSHEIM datiert die aktuelle Debatte um den Geburtenrückgang auf das Frühjahr 2006. Das Buch Die Kinderfrage heute schreibt das Thema des Buches Die Kinderfrage fort, das 1997 bereits in dritter Auflage erschien. Nach Auffassung der Soziologin hat es also zwischen 1997 und 2006 keine Mediendebatte um den Geburtenrückgang gegeben.

 Schaubild 3

Quelle: Jahrbücher des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden

Betrachtet man das Schaubild 3, dann zeigt sich, dass seit 1997 die Geburtenzahlen in Deutschland erneut abgenommen haben, was auf den Rückgang der potentiellen Mütter zurückzuführen ist . Ohne die enorme Zunahme der Spätgebärenden aus der Generation Golf, hätte der Rückgang der Geborenenzahlen noch früher eingesetzt .  Im Gegensatz zu den vorangegangenen Schaubildern wird hier nicht die westdeutsche, sondern die gesamtdeutsche Geburtenentwicklung aufgezeigt. Die entscheidenden Wendemarken ändern sich dadurch nicht. Auch für Deutschland gilt 1964 als Höchstmarke. Es entfällt zwar der westdeutsche Tiefpunkt im Jahr 1978, aber der Tiefpunkt 1975 bleibt. Das Minimum 1984 ist dann wieder gesamtdeutsch, genauso wie 1995. Seit 1997 gehen also die Geborenenzahlen in Deutschland zurück und am 30. August 1999 lesen wir auf dem Spiegel-Titel: Die Baby-Lücke. Geburtenrückgang mit dramatischen Folgen: Vergreisung, Rentenkrise, Explosion der Gesundheitskosten. Wir sind damit bereits mitten in der aktuellen Debatte um den Geburtenrückgang.

Spätestens im April 2001 jedoch, als das Bundesverfassungsgericht mit seinem Pflegeurteil den Kinderlosen die Schuld an der Misere der Sozialversicherungssysteme zuschrieb, ist die öffentliche Debatte auf einem ersten Höhepunkt angelangt . Es ist deshalb zu fragen, warum die Soziologin die Debatte von 1997 bis 2006 außen vor lässt und deshalb zu folgendem Frontverlauf kommt:

Die Kinderfrage heute

"Die deutsche Medienlandschaft ist, grob zusammengefaßt, in zwei Lager gespalten. Auf der einen Seite stehen diejenigen Blätter - vertreten vor allem durch Frankfurter Allgemeine Zeitung und SPIEGEL -, die unermüdlich die demographische Krise betonen; und auf der anderen Seite diejenigen - unter den überregionalen Blättern vor allem die ZEIT und die Süddeutsche Zeitung -, die zu solchen Thesen eher Distanz halten." (2006, S.14)

Die Soziologin muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass sie die Analyse der Debatte erst in jenem historischen Moment einsetzen lässt, in dem sich die Fronten geändert haben. Waren bis zur Bundestagswahl 2002 und selbst noch bis 2005 auch die Süddeutsche Zeitung und die ZEIT unter denjenigen, die die Krisenszenarios auf die Agenda gesetzt haben, so hat sich das seit der letzten Bundestagswahl geändert. In der ZEIT wurde das Aussterben aber z.B. erst am 8. Juni 2006 abgesagt. Dies hat u. a. auch mit thematischen Verschiebungen der Debatte zu tun.

Aussterben abgesagt

In dem Buch Die Single-Lüge erfahren Sie, warum dieser Artikel nicht bereits ein Jahr zuvor in der ZEIT erschienen ist, obwohl sich am wissenschaftlichen Erkenntnisstand  nichts geändert hat [mehr].

Standen in der Renten- und der sozialdemokratischen Elterngelddebatte die Kinderlosen im Mittelpunkt , so stehen nun in der unionsgeführten Elterngeld- und Kinderbetreuungsdebatte die Väter und die berufstätigen Mütter am Pranger. Wer gerade treibende Kraft im Krisenszenario ist, das hängt also ganz entscheidend davon ab, welche Lebensstilgruppen gerade im Visier der Debatte stehen. Bei Süddeutscher Zeitung und ZEIT steht eher die Modernisierung der Familie auf dem Programm, während es Spiegel und FAZ eher um die Abwehr des Zurückdrängens der klassischen Familie geht. Letztlich geht es also um den Kampf der Lebensstile und um die Frage, welches Familienmodell Leitbildcharakter haben soll. Singles spielen in diesem  Kampf der Giganten keine Rolle, sondern taugen bestenfalls zum Feindbild. Schlimmstenfalls müssen sie Kosten für die Versäumnisse tragen .

Gibt es einen Generationenkonflikt in der Debatte um den Geburtenrückgang?

In einer Fußnote erwähnt BECK-GERNSHEIM, dass sich hinter der Debatte auch ein Generationenkonflikt verbergen könnte.

Die Kinderfrage heute

"Auch könnte es sein - dafür gibt es kleinere Hinweise am Rande -, daß die Auffassungen vielleicht gar nicht so sehr nach dem Muster »hier Männer, dort Frauen« variieren, sondern mindestens ebenso, wenn nicht noch mehr nach Lebensalter. Das Krisenszenario, so meine Vermutung, wird eher von den älteren Männern vertreten - während die jüngeren Männer, mit dem Alltag und den Anforderungen von Elternsein heute direkter vertraut, mit Aufforderungen zur Geburtenvermehrung sich eher zurückhalten. Interessant wäre es nun, dieser Vermutung genauer nachzugehen; aber weil Essays und Zeitungsartikel zwar den Namen des Autors angeben, nicht aber das Geburtsjahr, wäre das eine aufwendige Aufgabe." (2006, Fußnote S.152)

In einem weiteren Thema des Monats werden wir dieser Frage nachgehen, denn im Gegensatz zu BECK-GERNSHEIM besitzt single-generation.de die fehlenden Informationen zum Geburtsjahr der Kontrahenten.

Die aktuelle Debatte um den Geburtenrückgang am Beispiel dreier Spiegel-Titelgeschichten

Anhand dreier Spiegel-Titel soll nun kurz aufgezeigt werden, dass es zwischen präsentierter Faktenlage und dem Verlauf der öffentlichen Debatte keinen direkten Zusammenhang gibt.

30.08.1999 05.01.2004 06.03.2006

Jahr Bevölkerung
2010 77 Mill.
2030 65 Mill.
2050 51 Mill.
2100 22 Mill.
aus: Schaubild zur Bevölkerungsentwicklung,S.36
"Bis 2050 könnte die Bevölkerungszahl von jetzt 82,5 auf 70 Millionen oder noch darunter fallen" (S.39)
Zuwan-derung Bevölkerung im Jahr 2050
300.000 80,0 Mill.
200.000 75,1 Mill.
100.000 68,5 Mill.
ohne 53,7 Mill.
aus: Schaubild schrumpfendes Volk, S.44
 
"Seit den siebziger Jahren werden nur noch 1,4 Kinder pro Frau geboren, jede vierte Frau bleibt kinderlos". (S.39) "Deutschlands Frauen bringen im Schnitt nur noch 1,35 Kinder zur Welt" (S.38)

"Bundesrepublik eine der niedrigsten Geburtenraten der Welt aufweist: Deutschland rangiert unter 190 Staaten sage und schreibe auf dem 185. Platz." (S.39f.)

"In kaum einem anderen Land in Europa werden so wenig Kinder geboren wie bei uns, mit 1,3 pro Frau weniger als in Frankreich (1,9), in Großbritannien (1,7), erst recht in den USA (2,1)."
(S.77)
"Je höher die berufliche Qualifikation einer Frau, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie kinderlos bleibt. 40 Prozent der 35- bis 39-jährigen Akademikerinnen haben keinen Nachwuchs, fast doppelt so viele wie bei den gleichaltrigen Frauen mit Hauptschulabschluss."
(S.39)
"Rund 26 Prozent der 1960 geborenen Frauen sind kinderlos, unter den Akademikerinnen sogar 42 Prozent." (S.39) "Dreißig Prozent aller Akademikerinnen entscheiden sich gegen das Abenteuer Kind" (S.78)

Die Zitate zeigen im Hinblick auf die Prognosen zur zukünftigen Bevölkerungsentwicklung keineswegs eine Verstärkung der Bevölkerungsabnahme. Im letzten Artikel wird auf diese Thematik gar nicht mehr eingegangen. Einzig bei der Geburtenrate wird ein Rückgang von 1,4 auf 1,3 suggeriert . Die Kinderlosigkeit der Akademikerinnen wird noch 1999 mit 40 Prozent, zwischenzeitlich - in der Hochphase der Elterngelddebatte - sogar mit 42, aber 2006 nur noch mit 30 % angegeben . Die Zunahme der öffentlichen Erregung lässt sich also aus der präsentierten Faktenlage allein nicht erklären. Dabei bleibt zudem noch ganz außer Acht wie realistisch die Zahlenangaben des Spiegel überhaupt sind. Single-generation.de hat bereits in etlichen Beiträgen darauf hingewiesen, dass die Zahlen zur demografischen Entwicklung mit besonderer Vorsicht zu betrachten sind .  

Fazit: Die Debatte um den Geburtenrückgang ist komplexer als sie sich aus der Sicht einer Politik für die Mütterelite darstellt

Der Vergleich dreier Publikationen von Elisabeth BECK-GERNSHEIM aus dem Jahr 1984, 1988 (3. Auflage 1997) und 2006 hat gezeigt, dass zum einen die Veröffentlichungen an wichtigen Wendepunkten der Geburtenentwicklung erfolgten, zum anderen aber der Blickwinkel durch den speziellen Interessenstandpunkt unzulässig verengt wird. Der Blick auf die Debatte aus der Perspektive der Karrierefrau mit Kinderwunsch, lässt die berechtigten Interessen der anderen Kinderlosen völlig außen vor. Die Mediendebatte um den Geburtenrückgang kommt nur so weit in den Blick wie sie den Interessen dieser Gruppe zuwider läuft. Wer sich eine umfassende Analyse der Debatte erhofft hat, der wird enttäuscht.

Im Buch Die Single-Lüge wird die Debatte dagegen unter einem erweiterten Blickwinkel analysiert. Zwar fehlt darin die Debatte des Frühjahrs 2006, dafür wird aber ausführlich auf die Vorgeschichte dieser Debatte seit der Jahrtausendwende eingegangen. Die Argumentationsmuster von Akteuren wie Frank SCHIRRMACHER, Norbert BOLZ oder Susanne GASCHKE werden dabei näher unter die Lupe genommen. Die Dynamik der Debatte und die Versäumnisse der Politik werden auf den Kampf zweier Familienlebensstilgruppen um die kulturelle Hegemonie zurück geführt. Im Gegensatz zu BECK-GERNSHEIM wird also nicht vorschnell eine der Positionen eingenommen, sondern die Auswirkungen des Machtkampfes auch auf nicht beteiligte Gruppen betrachtet.    

Die Single-Lüge - Das Buch zur Debatte

"Dies ist die erste grundlegende Auseinandersetzung mit dem nationalkonservativen Argumentationsmuster, das zunehmend die Debatte um den demografischen Wandel bestimmt. Hauptvertreter dieser Strömung sind Herwig Birg, Meinhard Miegel, Jürgen Borchert und Hans-Werner Sinn. Die Spannbreite der Sympathisanten reicht von Frank Schirrmacher bis zu Susanne Gaschke. Als wichtigster Wegbereiter dieses neuen Familienfundamentalismus muss der Soziologe Ulrich Beck angesehen werden.
          
 Es wird aufgezeigt, dass sich die nationalkonservative Kritik keineswegs nur gegen Singles im engeren Sinne richtet, sondern auch gegen Eltern, die nicht dem klassischen Familienverständnis entsprechen."

 
     
 
       
   

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Update: 25. Januar 2017