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Buchrezension

 
       
   

Johannes Ullmaier (Herausgeber)

 
   

Schicht! Arbeitsreportagen für die Endzeit
erschienen 2007 in der Edition Suhrkamp

 
       
     
       
     
       
   
     
 

Arbeitswelten - Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

Die New Economy-Philosophie forderte von uns, dass wir Spaß an unserer Arbeit haben sollten. Job-Nomaden, Yetties und sonstige flexible Menschen bevölkerten den Kosmos. Bis zum Crash dieser Neuen Schönen Arbeitswelt schien eine neue Leichtigkeit des Seins ins eherne Gehäuse der Unternehmenswelt eingekehrt zu sein. Aber spätestens 2002 hieß es Schluss mit lustig!

Ein halbes Jahrzehnt dauerte es, bis dieser New-Economy-Schock überwunden war, und nun die nächste Generation von Propheten der Arbeitswelt angetreten ist, um uns mit wünschenswerten Arbeitswelten zu versorgen. Die digitale Bohème und die Kreativwirtschaft sind zurzeit der letzte Schrei.

Nicht immer war die Arbeitswelt so positiv besetzt wie in den neubürgerlichen Texten. "Arbeit gab es nicht von Anfang an, sondern erst seit der Ausquartierung der Menschen aus dem Paradies" heißt es im Klappentext des Buches Schicht! Arbeitsreportagen für die Endzeit verheißt der Untertitel des Suhrkamp-Buches, das von Johannes ULLMAIER herausgegeben wurde und in dem 17 Schriftsteller die Arbeitswelten der Gegenwart ausloten.

Es ist eine Bestandsaufnahme, die nicht nostalgisch dem untergehenden Industriezeitalter nachweint, sondern die Vielfalt der neuen postindustriellen Gesellschaft zeigt. Wer sich einlässt auf diese Reportagen, der muss einen Arbeitsbegriff, der Arbeit mit Erwerbsarbeit gleich setzt, aufgeben. Aber er wird dafür mit einer spannenden Lektüre belohnt.

Die neue Bescheidenheit naturnaher Arbeit

Die Schriftstellerin Juli ZEH wurde 2002 durch ihren Spiegel-Essay über die neue Bescheidenheit junger Leute bekannt. Mit dem Beitrag Joe Happy knüpft sie nahtlos daran an.

Aussteiger waren Anfang bis Mitte der 1980er ein weit verbreitetes Phänomen. Es erstaunt kaum, dass viele der in dem Band Schicht! vorgestellten Arbeitsbiographien nicht geradlinig verlaufen sind und die 1980er Jahre darin eine zentrale Rolle spielen. Wer sein Arbeitsleben im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts begann, für den ist die Krisenhaftigkeit des Industriezeitalters konstitutives Element beruflicher Lebensentwürfe geworden. Die Nutzlosigkeit des Erwachsenwerdens, so ein damaliger Buchtitel, brachte die Entwertung der traditionellen Berufsorientierung auf den Punkt. Juli ZEH spannt in ihrer Reportage einen Bogen von dem damaligen Aussteigertum zum neuen Aussteigertum.

Joe Happy

"Joe Happy kommt aus einem kleinen Kaff bei Münster. Nach der mittleren Reife wußte sie wenig mit sich anzufangen und folgte ihrem älteren Bruder, der keine Lust auf Wehrdienst hatte, nach Westberlin. Drei Jahre hielt sie es in der Hausbesetzer- und Totalverweigererszene aus. Bis das Gefühl, mit dem Leben noch gar nicht richtig begonnen zu haben, übermächtig wurde."
(2007, S.7)

Joe Happy wird nach dem Ende ihrer Auszeit Reitlehrerin und baut sich ein eigenes Unternehmen auf. Als in den 90er Jahren der Reitboom einsetzt und Reiten zum Statussymbol verkommt, wird sie der Arbeit überdrüssig und steigt wieder aus. Sie verkauft ihren gut gehenden Reithof 1995 und kauft Land im Nirgendwo von Brandenburg. Die Tauschgesellschaft erscheint aus dieser alternativen Sicht als Ausweg aus der kapitalistischen Freizeit- und Konsumgesellschaft mit ihrer Vereinzelung.

Joe Happy

"Die Tauschgesellschaft hält jeden auf Achse, verlangt Erfindungsreichtum, Fleiß und vor allem hohe soziale Kommunikationsfähigkeit. Sie ist kein Garant für ein sicheres Leben in Ruhe und Wohlstand, aber sie ist, jenseits des sogenannten Arbeitsmarktes, eine Lebensversicherung gegen die Einsamkeit." (2007, S.22)

Auch die Geschichte Das ewige Lamm von Gabrielle GOETTLE, die durch ihre Reportagen für die taz bekannt geworden ist, spielt in den neuen Bundesländern. Sie erzählt von einem Öko-Landwirt, dessen Aufbruch ebenfalls durch Erfahrungen mit der Alternativszene beeinflusst wurde. Das naturnahe Leben scheint immer noch seine Attraktivität durch seinen Gegensatz zur Intellektualität der Urbaniten zu gewinnen, wie die Philosophie des Ziegenhirten zeigt.

Das ewige Lamm

"Daß die Ziegen uns eigentlich zeigen, was sie für Wesen sind, was wir für Wesen sind und wie das zusammenhängt. Ich bin ja direkt an der Quelle, ich muß den Umweg über die Abstraktion gar nicht gehen. Ich spür's direkt, da brauche ich keinen intellektuellen Diskurs. Der ist eigentlich - das ist mir klar geworden - nur dafür da, den Mangel zu überspielen. Und dieser Mangel entsteht, weil man mit den wesentlichen Dingen nicht mehr in Berührung ist."
(2007, S.210f.)

Die neue Ökonomie - New Economy revisited

Bernd CAILLOUX gilt seit dem Erscheinen seines Romans Das Geschäftsjahr 1968/69 als einer der Stammväter der Start-Up-Philosophie. Wer könnte also geeigneter sein, die Zukunftswerkstatt des Volkswagenwerks in Wolfsburg zu inspizieren.

Die Zukunftsforschung beschäftigt sich - gemäß ihrem Selbstbild - weniger mit der Entwicklung von Produkten, sondern mit dem Entwerfen erwünschter Gesellschaften. Am Anfang steht die zukünftige Gesellschaft und am Ende das dazu passende Produkt. Wir sind hier mitten drin in der Kreativwirtschaft, die als expandierender Kern der Wissensgesellschaft gilt.

Der Wendekreis des Käfers

"Zur gleichen Zeit, zu der unser Gespräch beginnt, beschäftigen sich achttausend Arbeiter mit der Autoherstellung, die Hälfte der Wolfsburger Belegschaft von knapp fünfzigtausend arbeitet in der Produktion, rund um die Uhr in drei Schichten. Der Trend, daß ihre Zahl sinkt, bleibt stabil, beschäftigt das Trendlabor jedoch weniger, denn in dieser Abteilung ist Trend, daß immer mehr Leute in ihr arbeiten. Die »Klasse der Kreativen«, die aus neuen, konsumfördernden Dienstleistern besteht, würde ohnehin Gewinner künftiger Ökonomie-Entwicklung sein, stellt dazu auch ein im Verlag Zukunftsinstitut GmbH erschienener »Trend-Report 2006« fest und ernennt diesen Befund sogar zum »Schlüsseltrend« der nächsten Jahrzehnte. Ganz abgesehen von diesem aus der eigenen Mitte kommenden Ermunterungen, liegen die Zukunfts- und Trendforscher ohnehin seit längerem selbst im Trend."
(2007, S.27)

Als Außenstehender beschreibt CAILLOUX das Milieu dieser Technokraten der neuen Gesellschaft, die kritische Einwände mit Redewendungen wie "das ist nur bedingt richtig" elegant beiseite schieben.

Wenn die Robotik ins Spiel kommt, dann schon längst nicht nur im Bereich Automation von Industriebetrieben, sondern als Partner des Menschen in allen Lebensbereichen. Die Japaner haben die Visionen vom Zusammenleben von Mensch und Roboter bereits weit getrieben.

Der Österreicher Peter GLASER, der bereits in den 1980er Jahren die Entwicklungen der Computerkultur begleitete, stellt drei Lebensläufe vor, die ohne die Entwicklungen der digitalen Kultur nicht denkbar gewesen wären.

Als Mitte der 1980er Jahre die Alternativkultur implodierte, boomte gleichzeitig die Computerbranche. Bevor Matthias HORX 1985 seinen Abschied auf die Alternativszene verfasste, schrieb der spätere Trendforscher 1984 einen Trip durch die Computerszene. Wer gestern noch vom No Future-Virus infiziert war, der war plötzlich Computer-Freak - oder wer weniger technisch versiert war, der schrieb wenigstens darüber.

Wie vielfältig solche Karrieren verlaufen können, zeigt GLASER eindrucksvoll anhand dreier exemplarischer Lebensverläufe zwischen Absturz und Exstase.

Natürlich ist auch Holm FRIEBE mit von der Partie. Als Mitbegründer der Zentralen Intelligenzagentur (ZIA) und Mitverfasser der New Work-Bibel Wir nennen es Arbeit ist. FRIEBE ist eine der Zentralfiguren der digitalen Bohème, die GLASER als unmöglichen dritten Weg zwischen Festanstellung und Einzelkämpfertum beschreibt.

Arbyte

"Unternehmerisch ist jedes ZIA-Mitglied für sich und auf eigene Rechnung selbständig und muß zusehen, wie es klarkommt und dann eventuell den einen oder anderen Job annehmen, der nichts mit der Firma zu tun hat, aber die Miete bezahlt. Der Festangestellte gibt für ein gewisses Maß an Sicherheit seine Unabhängigkeit auf. Der digitale Bohemien nimmt die Sicherungsmaßnahmen selbst in die Hand. Seine Freundschaften und frei gewählten Bindungen müssen dazu möglichst zuverlässig sein. Sie werden dadurch auch »verbindlicher.«"
(2007, S.236)

Der aktivierende Sozialstaat und die Institutionalisierung der Arbeitsfähigkeit

Mit dem Ende des Aufstiegs der Aufsteiger wurden die Verlierer zu Verlierern . Die Implementierung des aktivierenden Sozialstaats durch Rot-Grün markiert den Wendepunkt, der zusammenfällt mit dem Beginn der neubürgerlichen Unterschichten-Debatte. In dem Essay Die Verlierer. Eine Umfrage unter Freunden beschreibt Michael RUTSCHKY im Merkur 5/2000 die neu entstandene Scheidelinie.

Die Verlierer

"Unsere Freundin Bärbel wohnt, wie gesagt, seit längerem in dem Verliererviertel der Stadt. Hier wird die Geschichte aber kompliziert. Früher war dies Viertel zwar auch schon eines der Verlierer, aber Verlierer zu sein, war damals angesagt. »(...). Früher war es irgendwie erwünscht, Verlierer zu sein, da war man nicht Verlierer, sondern entrechtet oder unterdrückt. Inzwischen hat sich das aber dahingehend geändert, daß es nicht mehr in ist, und deshalb ist das jetzt langsam ein bißchen traurig (...). Jetzt stellt sich raus, wie es wirklich ist, wenn man Verlierer ist.«
Früher beherbergte das Viertel neben den einfachen Verlierern auch revolutionäre Studenten und die intellektuelle Boheme. (...). Aber dann machte ein Teil der revolutionären Studenten Examen und zog weg. Wer übrigblieb, das waren wirklich Verlierer."
(2000, S.429f.)

Wilhelm GENAZINO, der ein seismografisches Gespür für die Wandlungen der Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat, befasst sich mit dem Betteln. Er beschreibt den "Arbeitsplatz" eines Bettlers, wobei zwischen verschiedenen Bettlertypen unterschieden werden kann. Was kennzeichnet aber einen erfolgreichen Bettler? GENAZINO zufolge muss er Anschluss an die herrschende Stimmung finden. Der Bettler muss sich in der Erlebnisgesellschaft als Entertainer präsentieren.

Momentweise betäubt

"Bettler, die nur ihr Elend ausstellen, rühren die Spenderlaune kaum an. Andere hingegen (es sind wenige, und sie fallen durch ihre andere Technik sofort auf), die Anschluß an die herrschende Stimmung finden, kommen sehr gut weg. Und wenn es nur die kärglichen Künste sind, die ein Jongleur mit drei Bällchen vorführt. Man dankt es ihm mit einer großzügigen Spende, die nicht ihm und seiner Not gilt, sondern die gute Laune des Spenders ausdrückt." (2007, S.133)

GENAZINO sieht in der Institutionalisierung von Bettlerschulen, die Bettler für kurzweilige Publikumsunterhaltungen fit machen, eine Marktlücke. Die Konsequenzen dieser Verschulung des Bettlerwesens mag man sich dann doch lieber nicht vorstellen. Der Beitrag von GENAZINO zeigt jedoch, dass der Trend hin zum Arbeiterdarsteller geht. Auch diejenigen, die keiner "regulären" Arbeit - im Sinne unserer immer noch von der Industriegesellschaft geprägten Denkweise - nachgehen, sollen uns wenigstens die Illusion geben, dass sie grundsätzlich arbeitswillig sind.

Einem anderen Aspekt widmet sich Kathrin RÖGGLA, die ihre Tätigkeit als "Wiedergängerin" bezeichnet. Entschuldung ist zum notwendigen Bestandteil unserer Kreditkartengesellschaft geworden. Nicht nur Firmen, sondern auch Privatleute können mittlerweile pleite gehen. RÖGGLA hat vier Tage lang Eindrücke aus der Schuldnerberatung gesammelt. Sie sieht in der Entschuldung eine Antwort auf die gesellschaftliche Risikoüberproduktion. Auch hier ist jedoch eine Hierarchie entstanden, die zwischen würdigen und unwürdigen Schuldnern differenziert:

die wiedergänger

"soviel ist klar, niemand will hier zu den schmuddelschuldnern gehören, von denen man gehört hat, ja, von denen nahezu andauernd zu hören ist. die schmuddelschuldner, die permanent um einen sein sollen, das hartz4-personal, das uns sozusagen zu den ohren rausstinkt. und auch nicht zu denen, von denen bekannt ist, sie verdienen nicht das geld, das sie verdienen: sie verdienen es einfach nicht, da können sie machen, was sie wollen."
(2007, S.311)

Thomas KAPIELSKI hat die Interviewform gewählt. Anhand seines eigenen Lebens entwickelt er die Scheidelinien zwischen würdigen und unwürdigen Sozialhilfeempfängern. Seine Zurückweisung einer Beamtenlaufbahn qualifiziert ihn zu diesem Richteramt.

Man lernt daraus, dass es wichtig ist, immer auf der Höhe seiner Zeit zu sein. Bis zur Einführung der Künstlersozialkasse war es übliche Praxis, dass (Lebens-)Künstler weiterhin als Studenten eingeschrieben blieben. Mittlerweile wird sogar überlegt, den Zugang zur Künstlersozialkasse einzuschränken, d.h. hier entwickeln sich erneut Scheidelinien. Bevor die Masse kommt, gilt es, sich neuen Ufern zuzuwenden. Ein Prinzip, das Thomas KAPIELSKI in seinem Interview beherzt vorführt. Sozialhilfelähmung, die haben immer nur die anderen.

BfA

"ON: Das sind famose Ausreden!
TK: Na klar! Der Staat war schuld. Und dann kam ja immer automatisch und kostenlos die Bescheinigung für das nächste Semester, weil die Hochschulen früher ihre Haushalte mit verfälschter Volkszahl haben aufpumpen können. Als die Künstlersozialkasse kam, bin ich sofort raus da. Du mußt hier sofort raus! Gutes Gefühl dann, da bin ich nochmal so über den Campus geschritten (...) und dachte: Ihr armen Arschlöcher, macht was ihr wollt! (...) Man konnte nicht ahnen, daß die dann später auch abhauten und alle anfingen, Bücher zu schreiben. Es gibt ja jetzt mehr, die schreiben, als welche. die einfach nur noch lesen."
(2007, S.267)

Die Wiedervereinigung hat vor allem im Osten neue Formen der Verarbeitung der Transformationsfolgen hervorgebracht.

Barbara KALENDER & Jörg SCHRÖDER schildern das Leben eines Dresdner Zöllners, der bis zur Wiedervereinigung an der Tschechischen Grenze ein ruhiges und beschauliches Zöllnerdasein führte. Aufgrund seiner Unwissenheit kündigte er im Zuge der Wiedervereinigung und muss sich seitdem in einer Verzollungsspedition bewähren. Seine alten Verbindungen kommen ihm dabei jedoch zugute. Die neue Härte seines Lebens prägt auch seinen gnadenlosen Blick auf Hartz-IV-Empfänger.

Der Bericht des braven Zöllners Sascha

"Es gibt doch massenhaft Akademiker, die putzen, Taxi fahren oder kellnern, manchen arbeiten gar nicht und fristen ihr Leben als Hartzisten. Ich wundere mich immer, warum sich die Medien so aufregen wegen des Begriffs »Unterschicht«. Wozu sollen Hartz-IV-Empfänger sonst gehören? Egal, ob sie nun studiert haben oder nicht."
(2007, S.123)

Der Schriftsteller André KUBICZEK beschreibt die Arbeit seines Vaters, der Geschäftsführer der Landesarbeitsagentur für Struktur und Arbeit Brandenburg GmbH, kurz LASA, war. Die Arbeitslosenstatistik sähe ohne diese Organisation noch trister aus.

Ende eines Arbeitslebens

"Mittlerweile (...) ist es über die Parteigrenzen hinweg Konsens, daß ein Land wie Brandenburg eine Gesellschaft wie die LASA braucht. Und sei es nur, um die Arbeitsmarkt-Statistiken ein wenig freundlicher aussehen zu lassen. Um sie legal zu frisieren. Denn das Problem, so Prof. K., sei doch ein strukturelles, und das ließe sich nicht in den Griff bekommen. Nicht mit diesem Wirtschaftssystem. Arbeitslosigkeit sei keine Frage der Arbeitsmarktpolitik, sondern der Wirtschaftspolitik. Dann reicht er noch die Fakten nach: von 1994 bis 2006 wurden 2 Mrd. Euro an Fördermitteln ausgeteilt, von denen mehr als 900 000 Brandenburger auf die eine oder andere Weise profitierten."
(2007, S.331)

Der demografische Wandel und die Veränderung der Arbeitswelt

Die Demografiedebatte ist seit längerer Zeit ein zentrales Thema der Politik. Felix ENSSLIN beschreibt in seinem Beitrag die Arbeit eines politischen Mitarbeiters und die Gesetze der Mediengesellschaft. ENSSLIN sieht im Autorisieren von Interviews die wichtigste Tätigkeit, die ein politischer Mitarbeiter erledigen darf. Der demografische Wandel ist selbst für die Bundesrepublik wahrlich kein neues Thema, wie die Regierungserklärung von Konrad ADENAUER zeigt:

Regierungserklärung von Konrad Adenauer am 20. Oktober 1953

"Die wachsende Überalterung des deutschen Volkes steigt andauernd (...). Heute stehen 67 Prozent der Bevölkerung im produktiven Alter (...). Diese Zusammensetzung der Bevölkerung ändert sich stetig zuungunsten des Prozentsatzes der im produktiven Alter Stehenden, weil die Langlebigkeit wächst und die Geburtenzahl abnimmt."
(zitiert nach Spiegel vom 15.09.1954, S.10)

Der Historiker Thomas ETZEMÜLLER hat in seinem Buch Ein ewigwährender Untergang die Dauerhaftigkeit dieses Themas nachgewiesen. Dass dieses Thema auch im neuen Jahrtausend noch ein enormes Erregungspotential entfalten kann, das liegt auch am eingespielten Zusammenspiel von Politik und Medien.

UdL 50

"Bei Politikern, die im Umgang mit Journalisten zu Kumpanei und laissez faire neigen, obliegt es dem Mitarbeiter, dafür zu sorgen, daß er keine Zusagen für Interviews macht, die inopportun sind (...). Dabei gilt es - einerseits - zu verhindern, daß durch Originalität oder einen gewissen Überschuß in der Diktion oder gar im Gedanken Schaden entsteht, etwa dadurch, daß aus den Formulierungen eine Forderung abgelesen werden könnte, die den momentanen Vorstellungen zulässigen Wissens, wie sie hauptsächlich von Journalisten definiert werden, nicht entspricht. Andererseits muß das Gesagte den Anschein einer Neuigkeit haben, denn warum sollte es wohl sonst gedruckt werden?"
(2007, S.154)

Die demografischen Verhältnisse sind ständig im Wandel und sie sind deshalb ein dankbares Thema. Die Richtung der Veränderung weist - bis auf kurze Ausnahmezeiten - seit über 100 Jahren immer in die gleiche Richtung: Die Menschen werden älter und die Geburtenzahl nimmt ab.

Im vorliegenden Band gibt es keinen einzigen Beitrag, der sich mit dem Fortschritt der Reproduktionsmedizin beschäftigt, obwohl dies doch gewiss ein expandierender Geschäftszweig ist. Alle Beiträge kreisen stattdessen um Kinderlosigkeit, Altern und Tod. Einzig die Reportage von Feridun ZAIMOGLU, einem seit längerer Zeit in Deutschland lebenden und in der Türkei geborenen Schriftsteller, über SexarbeiterInnen könnte man im weitesten Sinne dem Bereich gesellschaftlicher Reproduktion zuordnen. Aber da Sex und Fortpflanzung heutzutage weitgehend entkoppelt sind, wäre dieser Versuch höchstens der Tatsache geschuldet, dass ZAIMOGLUs Reportage irgendwie nicht so Recht ins Schema passt. Man könnte sie - wie auch den Beitrag von Harriet KÖHLER über einen Küchenjungen in einem Sterne-Restaurant unter der Rubrik Erlebnisgesellschaft abhandeln. Dass aber ausgerechnet ZAIMOGLU der Part über die SexarbeiterInnen zufällt, passt dann doch wieder irgendwie ins Schema der demografischen Debatte . Der Kunde bekommt, was er will - entscheidend ist dafür jedoch nicht die reale Ausgestaltung, sondern die Erzeugung der passenden Vorstellungswelt. Das Internet sei das Paradies der Schüchternen, heißt eine beliebte These.

Peepshow 2

"Anonymität spielt eine entscheidende Rolle? »Sicherlich. Mag sein, daß viele, vielleicht die meisten unserer Kunden viel zu weit weg wohnen von großstädtischen Rotlichtbezirken. Da ist das Internet bequemen. Aber finanzielle Gründe würde ich ausschließen. Wir haben Kunden, die schauen sich ein Modell live im Chat an und telefonieren gleichzeitig mit ihr über die 0190-Nummer. (...). In dem meisten deutschen Großstädten kommt man bei einem Besuch in einem Laufhaus kostengünstiger weg und hat den vollen Service. Die meisten Kunden zahlen gerade dafür, dass sie es nicht mit einer echten Frau zu tun haben (...). Sie scheuen den Körperkontakt. Dafür bezahlen sie«"
(2007, S.62)

Das scheint jedoch nicht gleichermaßen für alle Schüchterne zu gelten. Vor allem Menschen ohne Beziehungserfahrung scheinen sich nicht unbedingt mit solchen Scheinwelten abspeisen zu lassen.

In der Gesellschaft der Langlebigen - ein Begriff, der auf dieser Website der üblichen Redeweise von der "alternden Gesellschaft" vorgezogen wird, gewinnt das Ehrenamt an Bedeutung. Jenseits von Markt und Staat, beginnt die Zivilgesellschaft. Oliver Maria SCHMITT widmet sich diesem Aspekt. Die Lebensphase Alter differenziert sich aus. Man spricht deshalb von "jungen Alten" und "alten Alten". Die Frage stellt sich, ob die Alten unter sich bleiben oder ob sie weiterhin in die Gesellschaft integriert werden. Bei SCHMITT wird nur der erste Aspekt berücksichtigt. Das Ehrenamt ist Sache der "jungen Alten", die sich um die "alten Alten", das heißt die Pflegefälle, kümmern.

Letzte Gänge, kurze Wege

"Schon heute erhielten über zehn Prozent aller Pflegebedürftigen Hilfe von Bürger zu Bürger, und dabei seien die Ehrenamtlichen fast immer jenseits der fünfzig, sogenannte »best agers« oder »junge Alte«, meistens weiblich, selten aus bildungsfernen Schichten und fast nie Arbeitslose oder Hartz-IV-Empfänger. (...). Die ständig größer werdende Schar der fitten Alten, die wolle weder Butterfahrten noch Kaffeekränzchen, ein, das seien oftmals Singles, Zugezogene ohne Familienanschluß, gebildet und gerade aus dem Berufsleben geschieden, die nun nach neuen Aufgaben verlangten." (2007, S.353)

Thomas RAAB berichtet über neue Geschäftspraktiken im Bestattungsgewerbe. Er hat einen Billig-Bestatter begleitet, der Feuerbestattungen in Tschechien organisiert. Die Konkurrenz sei groß, was umso mehr erstaunt, weil ja die Zahl der Sterbenden seit Jahren zunimmt. Aber das Geschäft mit dem Tod ist lukrativ. Immer wieder reflektiert RAAB auch das Schriftstellerdasein vor dem Hintergrund des Todes. Unsere Vorstellungen vom gelungenen Leben beeinflussen unsere Sicht auf den Tod. Der vorzeitige Tod schmerzt besonders in einer Gesellschaft der Langlebigen .

Kleines Finale

"Kindersärge! Was ist es, das uns schauern läßt, selbst als Kinderlose? Die statistisch gesehen frühe Beendigung eines potentiell zumindest durchschnittlich langen Lebens? Der Schmerz der Beteiligten, die in das Kind (auch Gehirn-)Ressourcen investiert haben? Warum ist dieses Klischee eines »gelungenen Lebens« so mächtig? Ein solches sollte (in unseren Breiten) keinesfalls vor dem sechzigsten Jahr enden. Es sollte einen »stimmigen« Gesamtablauf gehabt haben. Es sollte vital gewesen sein, mit Dramatik (der im Liebesrausch eroberte Lebenspartner, beruflicher Aufstieg, etwas wie Erfolg, Lohnsteigerung, eigene Kinder gar etc.), den Höhepunkt gesellschaftlicher Aktivität um die Lebensmitte erreicht haben."
(2007, S.372)

Nach dem Tod der Eltern heißt es für die Familienangehörigen die Hinterlassenschaften der Gestorbenen so zu entsorgen, dass das Andenken der Toten gewahrt bleibt. Diesem heiklen Thema widmet sich Georg KLEIN. Er hat einen Schandwerker mit dieser Aufgabe betraut. Und manchmal entdecken wir dabei neue Seiten der Verstorbenen, wie KLEIN eindrucksvoll schildert.

Nacht mit dem Schandwerker

"Was Petra herausbekam, gab auch mir zu denken. Bis dato hatte ich der spätgeborenen Baumliebe unserer Mutter eher belustigt gegenübergestanden. Warum sollte sich eine über siebzigjährige Witwe, die vergeblich auf Enkel gehofft hatte, nicht um Pflänzchen in der Not kümmern? Die Baum-Adoption ist, so weit wir es verstanden haben, das praktischer Herzstück des Arborianismus, sein eigentlicher Kult." (2007, S.247)

Mit Dietmar DATH schließt sich der Bogen. Am Anfang stand das naturnahe Arbeiten und am Ende die Beherrschbarkeit der Natur, sei es nun die äußere oder die innere. Leben wir nicht gegen die Natur und wird sie uns deshalb eines Tages dafür bestrafen? Das sind Fragen, die sich nicht nur religiöse Fanatiker stellen. DATH spielt in seiner Reportage mit unserer Angstlust.

Contra naturam

"Wovon redet er, was sind das für Ereignisse, denen er vorgreift? (...).
Die letzten Jahre, sagt er leise und langsam genug zum Mitschreiben, die wenigen Jahre, die den Anfang der neuen Kriege der Völker vom Zeitpunkt trennen, als man aufgebrochen ist und die zerstörte Biosphäre verlassen hat, haben viele Namen. Der beste ist der, den wir ihnen gegeben haben: Die brennende Zeit. Die beiden Feuer, eins im Osten und eins im Westen, bewegen sich mit quälender Schmerzhaftigkeit aufeinander zu." (2007, S.410)

Fazit: Die Arbeitswelten werden sich in den nächsten Jahrzehnten weiter verändern - der Reportageband liefert wertvolle Einblicke in Entwicklungstendenzen

Niemand kann heute schon voraussehen wie wir im Jahr 2040 tatsächlich arbeiten werden. Das wird klar, wenn wir zurückblicken. Der Ruhrpott mit seinen Zechen und Stahlwerken war einmal das bedeutendste Industriezentrum der alten Bundesrepublik. Die Automobilindustrie trat dieses Erbe an. Der Erzählband Am Tresen gehen die Lichter aus von Max von der GRÜN erzählt von dem damit verbundenen Generationenbruch.

Inzwischen bestimmt der Computer die Arbeitswelt. Wie postindustrielle Arbeitswelten aussehen, das wird in dem Band Schicht! deutlich. Die klassische Erwerbsarbeit in der Fabrik hat bereits heute ihre Dominanz verloren. Immer mehr Menschen werden im Dienstleistungsbereich arbeiten.

Berufliche Lebensentwürfe können nicht mehr für ein ganzes Leben entworfen werden. Dies galt bereits für das letzte Viertel des 20. Jahrhunderts wie der Band zeigt, aber es wird wohl im verstärkten Maße auch für die nächsten Jahrzehnte gelten. Die Veränderungen zwingen dazu, uns mit den veränderten Bedingungen dieser neuen Arbeitswelten auseinanderzusetzen. Schicht! liefert wichtige Denkanstösse dazu. 

Die Single-Lüge - Das Buch zur Debatte

Die Single-Debatte ist längst in eine Sackgasse geraten. Dies wird in diesem Buch u.a. der Individualisierungsthese des Münchner Soziologen Ulrich Beck angelastet.
        
Das Buch sollte als Beitrag zur Versachlichung der Debatte verstanden werden und liefert deshalb Argumente für eine neue Sichtweise auf das Single-Dasein im Zeitalter der Demografiepolitik.
(Klappentext, 2006)

 
     
 
       
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 08. Dezember 2007
Update: 27. Januar 2017