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Herbstthema

 
       
   

Flaschensammeln

 
       
   

Überleben in der Stadt - Eine Rezension des Buches "Flaschensammeln", herausgegeben von Philipp Catterfeld und Alban Knecht

 
       
     
   
     
 

Einführung

Obwohl Flaschensammler mittlerweile zum Stadtbild dazugehören, gibt es kaum wissenschaftliche Literatur zu diesem Phänomen. Nun ist ein Buch erschienen, das sich im Rahmen eines Lehrforschungsprojektes mit Studierenden der Sozialen Arbeit dem Phänomen des Flaschensammelns im Raum München gewidmet hat. Die Herausgeber Philipp CATTERFELD & Alban KNECHT nennen in ihrem Beitrag Pfand, Konsum und Armut. Warum Flaschensammeln? drei Voraussetzungen, die das Pfandflaschensammeln für Menschen in unserer Gesellschaft attraktiv gemacht haben. Da ist zum einen die Verpackungsordnung zu nennen, die Mitte der Nuller Jahre reformiert wurde:

Pfand, Konsum und Armut. Warum Flaschensammeln?

"Den Mehrwegpfand für Glasflaschen gibt es schon seit den 1960er Jahren. Erst seit dem 1. Januar 2003 gibt es auch eine Pfandpflicht für Einwegflaschen, die seit dem 1. Mai 2006 auch Mineralwasser-, Bier- und Erfrischungsgetränkeflaschen umfasst. Hier ist festgelegt, dass der Pfand der - von den Flaschensammlern so begehrten - Einwegplastikflaschen 25 Cent beträgt. (...). Für Flaschensammler ist der Kernpunkt der Regelung wohl, dass der Einzelhandel verpflichtet ist, alle Pfandflaschen zurückzunehmen, insofern die Ladenfläche größer ist als 200 Quadratmeter."
(2015, S.169)

Eine zweite Voraussetzung sehen die Autoren darin, dass vermehrt Pfandflaschen in der Öffentlichkeit zurückgelassen werden und sich das Trinkverhalten der jungen Leute geändert hat.

Und nicht zuletzt ist es die Armut, die dem Flaschensammeln eine neue Bedeutsamkeit verliehen hat. CATTERFELD & KNECHT unterscheiden hier zwischen "Wanderarbeitern", d.h. jungen Migranten aus Südosteuropa und deutschen "Aufstockern":

Pfand, Konsum und Armut. Warum Flaschensammeln?

"Die Aufstocker sind älter, mindestens 50 Jahre alt. Sie sind Deutsche oder wohnen seit zwei oder drei Jahrzehnten in Deutschland. Aufgrund eines Schicksalsschlags (Krankheit, Scheidung, Arbeitsverlust) sind sie von Armut betroffen. Viele von ihnen versuchen, strukturelle Armutsprobleme (Altersteilzeit, Frührente oder die Bedrohung des eigenen Vermögens bei der Beantragung von Hartz IV ohne die Hilfe des Staats zu umgehen: Flaschensammeln als absolut unbürokratische und legale Lösung bietet sich hier an."
(2015, S.171)

In den Interviews kommen in erster Linie diese deutschen Aufstocker zu Wort, da die Sprachbarriere eine weitreichendere Einbeziehung in die Untersuchung verhinderte. Der Beitrag "Arbeit ... für Essen, Kinder". Migrierte Flaschensammler von Tetyana BREUROSH verdeutlicht die Schwierigkeiten bei Gesprächen mit den "Wanderarbeitern", die vor allem in der Perspektive der Aufstocker als unliebsame Konkurrenz erscheinen.

Überleben in der Stadt

Der Soziologe Ulrich BRÖCKLING hat den Flaschensammler in den Schweizer Monatsheften als Schreckensbild des Unternehmers beschrieben:

Der Flaschensammler

"Das unternehmerische Selbst ist (...) nicht nur Leitbild, sondern auch Schreckbild. Was alle werden sollen, ist zugleich das, was allen droht. In den Riesenstädten Afrikas, Südamerikas und Asiens, aber auch in den Metropolen des Westens existiert bereits ein Millionenheer virtuoser Alltagsunternehmer, die all ihre Kräfte darauf verwenden müssen, unternehmerisch zu handeln, um im strikten Sinne des Wortes zu überleben. Nicht der Traum eines Aufstiegs vom Tellerwäscher zum Millionär treibt sie an, sondern der leere Magen. Will man nach Personen suchen, die dem Bild des städtischen Unternehmers nahekommen, dann tut man deshalb gut daran, nicht nur auf die Glücksritter der New Economy oder auf die digitalen Bohémiens in Berlin-Mitte zu starren, sondern sich auch den windschutzscheibenputzenden Jungen auf der Kreuzung in Mexico City vorzustellen oder die Strassenhändlerin in Kalkutta, die auf dem Gehsteig hockt und Süssigkeiten feilbietet. Oder, um in der Nähe zu bleiben, eben den Flaschensammler am Container um die Ecke."
(Ulrich Bröckling, Schweizer Monatshefte, Februar 2009, S.9)

Gegenüber der digitalen Bohème, die mit dem Manifest Wir nennen es Arbeit in der gesellschaftlichen Mitte das positive Selbstbild des selbständigen Arbeitskraftunternehmers im Gegensatz zum bemitleidenswerten Festangestellten etabliert hat, erscheinen Flaschensammler als die Kehrseite einer Gesellschaft, die sich der Abkehr von der Arbeitnehmergesellschaft verschrieben hat. In der Soziologie hat Heinz BUDE die Gegenüberstellung von alter Bonner Republik und neuer Berliner Republik mit dem Leitbildwandel vom Arbeitnehmer zum Unternehmer verknüpft . Der Soziologe Stephan LESSENICH hat darauf aufmerksam gemacht, dass dieser Leitbildwandel nicht auf den Arbeitsmarkt beschränkt bleibt, sondern auch den Sozialstaat erfasst. Im Leitbild des aktivierenden Sozialstaats sieht der Soziologe eine neue Moralordnung aufscheinen :

Die Neuerfindung des Sozialen

"In der Gesellschaft des aktivierenden Sozialstaats wird der Dualismus von Mobilität und Immobilität zur gesellschaftlichen Metadifferenz, wird die Unterscheidung zwischen Beweglichen und Unbeweglichen zu einer zentralen Linie der Spaltung des Sozialen (...). Die Aktivgesellschaft und ihr Sozialstaat orten das Soziale - die Fähigkeit und Bereitschaft zur Bewegung im Interesse der Allgemeinheit - im Einzelnen selbst bzw. im einzelnen Selbst. Doch nicht jede und jeder findet dieses individuelle Soziale, den Antrieb und die Kraft zum gesellschaftlich gefragten aktiven und proaktiven Verhalten, auch in sich. (...). Wenn dem so ist, dann wird die aktivierungspolitische Anrufung für die Unvermögenden unversehens zum aktivgesellschaftlichen Anwurf, dann zeigt die freundliche Bewegungsprogrammatik unvermittelt ihr hässliches Gesicht. Es ist die permanente Überhöhung des Aktivischen, die penetrante Feier der Jungen, Mobilen und Schlanken, die gesellschaftlich spaltend wirkt."
(2008, S.126)

In den Interviews des Buchs Flaschensammeln zeichnet sich diese neue Moralordnung ab, z.B. wenn sich die Flaschensammler gegenüber Bettlern abgrenzen und das Aktivische des Flaschensammelns betont wird. Flaschensammler mögen zwar einerseits für die Mittelschicht das Schreckensbild eines Unternehmers verkörpern, andererseits spiegeln sie aber auch die neue Werteordnung des aktivierenden Sozialstaats wieder. Sie mögen zur neuen Randgruppe der Berliner Republik gehören, aber gleichzeitig stellen sie eine moderne, urbane Sozialfigur dar, die gegenüber anderen Randgruppen der Gesellschaft die neue Moralordnung verkörpern. Diese Ambivalenz des Flaschensammelns wird in den Interviews des Buchs Flaschensammelns immer wieder sichtbar.

Routen- und Veranstaltungssammler - Strategien des Flaschensammelns

Der Soziologe Sebastian J. MOSER hat in seiner Dissertation über Pfandsammler zwischen Routen- und Veranstaltungssammlern unterschieden.

Pfandsammler. Erkundungen einer urbanen Sozialfigur

"An Bahnhöfen, vor Fußballstadien, in Stadtgärten und Fußgängerzonen, überall kann man sie antreffen: die Pfandsammler. Es sind Männer und Frauen, alte und junge und sie gehören spätestens seit der Einführung des Pfandes auf Einweggetränkeverpackungen im Jahre 2006 zum Bild einer jeden deutschen Großstadt. Verdienen kann man mit dem Aufklauben von Dosen und Flaschen kaum etwas, diese nur vordergründig rein ökonomische Aktivität erlaubt es noch nicht einmal, die eigene Existenz auf minimale Weise selbstständig zu sichern. Zudem werden diese Menschen, die mit ihren Händen tief in die Abfalltonnen der Innenstädte greifen, die öffentliche Plätze vom Unrat der anderen reinigen und dann mit dem signifikanten Klappern der Flaschen in ihren Tüten weiterziehen, zumeist nur toleriert oder gar vor aller Augen erniedrigt. Ihnen haftet das Etikett des »Drecksarbeiters«, Penners und Schmarotzers an. Die vermeintlich einfache Frage, warum Menschen trotz all dieser widrigen Umstände tagtäglich aufs Neue durch die Straßen der Großstädte ziehen, was die Betrachtung dieser Sozialfigur in Bezug auf Prekarität und Marginalität, auf Armut und Einsamkeit in unserer modernen Gesellschaft zum Ausdruck bringt, erkundet die vorliegende Studie."
(Klappentext 2014)

In dem Buch Flaschensammeln wird diese Unterscheidung zwar nicht explizit benutzt, aber die Gesprächspartner lassen sich unschwer der einen oder anderen Strategie zuordnen, wobei einige die beiden Strategien auch kombinieren, z.B. indem sie an einem Tag einer Route folgen, während sie am anderen Tag auf einem Event sammeln. Außerdem hinterfragt das Buch auch Mythen der Flaschensammler:

"Wir sind Rentner, wir zählen eh schon nimmer"

"Die Münchner Flaschensammler pflegen sogar eine Art Mythos: Wer an der Allianz-Arena vor einem Fußballspiel sammelt, der muss ein professioneller Flaschensammler sein, denn dort könne er in kürzester Zeit sehr viel mehr Geld machen als die jeweils befragten Flaschensammler. Doch was macht einen professionellen Flaschensammler wirklich aus? Ist es wirklich so, dass man nur dann professionell ist, wenn man an einem dieser »Hot-Spots« tätig ist?"
(Daniel Fogel 2015, S.41)

Flaschensammeln als Arbeit, Hobby oder Sucht?

Der Soziologe Ulrich BRÖCKLING sieht im Flaschensammler eine Art Ich-AG bzw. Selbstunternehmer. In diesem Sinne wäre Flaschensammeln eine Art Erwerbsarbeit. In einem Porträt des Dosenpfandsammlers Eduard LÜNING in der ZEIT wird gar von einem Beruf gesprochen:

Die Tour wird eine Gaudi

"Lüning ist (...) nicht nur hauptberuflicher Dosenpfandsammler, sondern auch leidenschaftlicher Musikliebhaber. Beides verbindet er, indem er von Ende Mai bis Oktober fast jedes Wochenende zu den größten Musikfestivals des Landes fährt und dort den Dosenschrott trinkfreudiger Besucher einsammelt und bei Pfandannahmestellen in Supermärkten zu Geld macht. Dabei legt er insgesamt rund 7.000 Kilometer zurück, mit seinem »Schätzchen«: einem kleinen weißen Wohnmobil, das er für 7.900 Euro gebraucht gekauft hat – bezahlt mit Dosenpfand und der Wegwerfmoral anderer.
(...). Alles ist bereit für die große Tour. »Die meisten Tickets habe ich schon gekauft«, sagt Eduard Lüning (...). »Da muss man zum Teil ein halbes Jahr im Voraus aktiv werden, sonst gibt es keine Karten mehr.« Für das »Rock am Ring«-Festival habe er gerade noch im Internet eine Karte ergattern können, 170 Euro hat ihn das gekostet. (...).
Der Einsatz lohnt sich: In 30 Tagen bringt Lüning es mit zehn Festivals auf 13.000 Euro Dosenpfand. 1.000 Euro zahlte er dem Finanzamt Münster im Jahr 2010 an Steuern. Wer ganz fleißig sei, könne es in zehn Etappen auch locker auf 20.000 Euro bringen. Die Erinnerungen an seine erste Festivaltour 2010 hat er in einem Buch festgehalten: Mit Dosenpfand zum Wohnmobil, die erste Auflage ist vergriffen."
(Simone Fischer in der Zeit Nr.20, 2012)

Würde man Professionalität am Beispiel von Eduard LÜNING messen, dann würde keiner der im Buch Flaschensammeln Befragten zu diesem Kreis zählen. Der typische Flaschensammler würde bereits am Aufwand für die Vorbereitungen scheitern: Ticketkauf und Fahrzeugbesitz. Nichtsdestotrotz lassen sich eher amateurhafte von professionelleren Flaschensammlern unterscheiden. Daniel FOGEL macht das nicht entlang der Unterscheidung Routen- vs. Veranstaltungssammler fest, sondern am Wissen über ihre Tätigkeit, am Zeitaufwand und am Verdienst. An anderer Stelle wird die Ausrüstung als Ausdruck von Professionalität gewertet. Ist jemand mit Plastiktüten, Rucksack, Trolley, Einkaufswagen oder gar mit einem Fahrzeug unterwegs? Hat jemand Handschuhe fürs Mülleimerwühlen oder eine Taschenlampe dabei? Oder ist jemand nur Gelegenheitssammler wie jene Hausfrau, die einem Flaschensammler als unliebsame Konkurrenz gilt:

Eine Stunde aus dem Leben eines Flaschensammlers

"»Das Schlimmste, was uns passieren konnte, ist diese doofe Idee, leere Flaschen und Dosen auf oder neben den Müllbehälter zu stellen! So kann jede Hausfrau, die auf dem Weg zum Einkommen ist, eine beim Vorbeigehen mitgehen lassen. Sie würde nie im Leben im Müll rumwühlen, das hat sie nicht nötig, und so kann sie unbemerkt bleiben. Seit diese Methode praktiziert wird, verdiene ich am Tag fast um die Hälfte weniger«"
(Inna Baklanova 2015, S.18)

Die Beiträge Nicht-Haben oder Sein von Sabrina PIETSCH und Flaschensucht von Nadina ALAJBEGOVIC beleuchten die Frage, ob Falschensammeln nicht nur des Geldes wegen, sondern auch als Freizeitbeschäftigung bzw. Hobby gesehen werden kann und inwiefern das Pfandsammeln Suchtcharakter annehmen kann. Wobei sich hier die Frage stellt, inwiefern hier von Sucht gesprochen werden kann oder ob es sich nicht eher lediglich um Gewohnheiten handelt, die den Tag strukturieren.

Motive der Flaschensammler

Flaschensammlern wird gerne unterstellt, es gehe ihnen nur ums Geld. Das Flaschensammeln gilt aber gleichzeitig als unlukrativ, auch wenn einige Wenige wie Eduard LÜNING behaupten, man könne innerhalb kurzer Zeit viel Geld machen. Liegt das Geld also auf den Straßen der Großstädte?

Die "armen" Flaschensammler. Motive und Glaubwürdigkeit

"Warum sammeln sie gerade Flaschen und gehen keiner lukrativeren Tätigkeit nach? Das Klischee, Flaschensammler wären die armen Leute, die das Geld benötigen, um überhaupt leben zu können, um einigermaßen über die Runden zu kommen, ist in vielen unserer Köpfe verankert. Doch ist dies der einzige Grund, warum Flaschensammler ihre Tätigkeit ausführen, oder gibt es noch andere Motive? Kann es sein, dass das geringe Flaschenpfand Menschen dazu motiviert, tagtäglich nach Flaschen Ausschau zu halten und diese dann mühsam und mit viel Anstrengung zu Supermärkten zu schleppen, um dann im Endeffekt mit vielleicht drei Euro aus der Ladentür zu kommen?"
(Carolin Baderschneider 2015, S.85)

Das Geld mag für viele ein Hauptmotiv sein, aber es ist nicht das einzige Motiv wie die Gespräche der Studierenden zeigen. Flaschensammeln dient den einen zur Gesunderhaltung, andere finden über die Tätigkeit Kontakte zu anderen Menschen. Das Flaschensammeln ermöglicht also eine Teilhabe an der Gesellschaft und es strukturiert einen Tag. Immer wieder kreisen die Beiträge des Buchs Flaschensammeln aber auch um die Frage, ob die Motive, die von den Flaschensammlern angeführt werden nicht nur Rechtfertigungsmuster gegenüber anderen sind. Wie steht es mit der Glaubwürdigkeit der Interviewaussagen? Den Interviewenden ist durchaus bewusst, dass die Selbstdarstellung nicht identisch ist mit dem Verhalten, weswegen neben Gesprächen auch Beobachtungen und die Analyse von Widersprüchlichkeiten in den Aussagen die Interviewmethode ergänzen.

Etliche Beiträge nähern sich dem Phänomen Flaschensammeln aber auch durch Selbstversuche der Studierenden. Wer selber schon einmal vor einem Pfandflaschenautomat im Supermarkt gestanden hat und seine Flaschen wieder unverrichteter Dinge mitnehmen musste, der weiß, dass es durchaus nicht für jede Flasche Pfand gibt. Und sammelt man überhaupt die schweren Bierflaschen, die nur 8 Cent abwerfen oder nur z.B. die lukrativen Red Bull-Dosen für 25 Cent?

Inwieweit verändert die Lebenssituation des Flaschensammlers die Art und Weise des Pfandsammelns? Die Beiträge gehen von einem engen Zusammenhang zwischen Geldnot und Sammeltätigkeit aus. So wird Ausländern generell eine größere finanzielle Notlage zugeschrieben als Deutschen und Gelassenheit beim Sammeln kann sich eher jener leisten, der auf das Geld nicht unbedingt angewiesen ist:

Nicht-Haben oder Sein

"Geld ist (...) der wichtigste Gesichtspunkt, es ist die treibende Kraft, Flaschen zu sammeln. Ausländische Flaschensammler, die keine Papiere haben oder die deutsche Sprache schlecht beherrschen, sichern so ihre Existenz, während Rentner »nur« ihre Rente aufstocken. Beide haben zu geringe oder gar keine Einnahmen und sammeln daher mehrer Stunden am Tag Flaschen."
(Sabrina Pietsch 2015, S.38)

"Je weniger Geld der Flaschensammler zur Verfügung hat, desto professioneller geht er seiner Tätigkeit nach. Geld ist der springende Punkt, denn: Je mehr Geld man hat, desto gelassener wird die Betätigung als Flaschensammler gesehen und desto weniger professionell wird sie verfolgt."
(Sabrina Pietsch 2015, S.39f.)

Flaschensammeln zwischen Diskriminierung und Anerkennung

Werden Flaschensammler in Deutschland diskriminiert? Im Zusammenhang mit der Debatte um die neoliberale Stadt wurde die Privatisierung des öffentlichen Raumes und die damit verbundene Diskriminierung von gesellschaftlichen Randgruppen beklagt. Der Beitrag Konfliktherd Marienplatz von Markus BRANDSTETTER & Viviane JAEKEL zeigt, dass z.B. die Hausordnung der Deutschen Bahn durchaus Diskriminierungspotenzial in sich birgt. Im Gespräch mit einem Security-Mitarbeiter zeigt sich jedoch auch, dass die Ordnungshüter durchaus Unterschiede zwischen Flaschensammlern machen:       

Konfliktherd Marienplatz

"Für den Marienplatz existieren zwei Zonen mit unterschiedlichen Bestimmungen. (...) Im unteren Bereich gilt (...) die umfangreiche Hausordnung der Deutschen Bahn. Hier steht explizit drin, dass das Durchsuchen von Abfalleimern untersagt ist, was bedeutet, dass Flaschensammler am Marienplatz am U- und S-Bahnsteig unerwünscht sind. Dazu kommt, so der Security, dass man ein Ticket benötigt, um sich dort aufzuhalten, was die Flaschensammler oft nicht besitzen.
Der Security darf nach diesen Bestimmungen den Flaschensammlern Hausverbot erteilen. »Als Mensch« würde er jedoch »des Öfteren darüber hinwegschauen, vor allem wenn alte Menschen sammeln« (...). Bei den jungen habe er kein Verständnis, seiner Meinung nach könnten diese auch arbeiten gehen."
(Markus Brandstetter & Viviane Jaekel 2015, S.31)

In der Perspektive der anderen heißt ein Beitrag von Franziska GROSS, in dem  Supermarktmitarbeiter, Polizisten, Sicherheitsleuten und Passanten zu Wort kommen. Supermarktmitarbeiter sehen Flaschensammler nicht gerne, wenn sie mehr als die haushaltsüblichen Pfandflaschen abgeben, weswegen Flaschensammler unterschiedliche Strategien entwickelt haben, mit denen sie den Unmut zu verringern versuchen. Sicherheitsleute sehen in Flaschensammlern durchaus auch Helfer und verschaffen ihnen mitunter sogar Zutritt zu lukrativen Events.

"Ich hab richtig Spaß am Leben"

"...das ist nicht nur, dass wir da die Flaschen sammeln, sondern wir machen auch sauber ringsherum. Sagen wir mal so Sektflaschen und Weinflaschen, was die Leute so rumschmeißen, das sammeln wir alles auf, da haben die Ordner was von, weil das ist ja eigentlich denen ihr Job, ja."
(Hannah Kreie & Cornelius Kammerl 2015, S.69)

"...gestern zum Beispiel, Eventhalle, da dürfen die nichts mit reinnehmen und da haben wir dann auch ganz viele volle, geschlossene Flaschen. Das geht nur mit der Security, da lassen die uns dann ab und zu rein. Das ist immer so ein Geben und Nehmen."
(Hannah Kreie & Cornelius Kammerl 2015, S.74)

Fazit: Das Buch bietet vielerlei Anregungen zum Weiterdenken und selber Forschen

Flaschensammler gelten zwar als Randgruppe unserer Gesellschaft, aber ein Artikel im Unispiegel zeigt, dass auch jene, die sich in der Mitte der Gesellschaft wähnen, in Notlagen geraten können, in denen das Pfandsammeln als letzter Ausweg erscheint:

Mülleimer als Einnahmequelle

"Kürzlich hatte Sabrina Terstegge ihren bislang schlimmsten Fall. Die Mutter eines Studenten rief an und bat um Hilfe. Ihr Sohn, sagte die Frau, warte bereits seit mehreren Wochen auf die Bearbeitung seines Bafög-Antrags. Leider könne sie ihm kein Geld geben, klagte die Mutter, sie habe selbst ja kaum etwas. Der Junge wühle jetzt schon im Mülleimer und suche dort nach weggeworfenen Flaschen, um sich vom Pfand etwas zu essen zu kaufen. Ob Sabrina Terstegge da nichts tun könne?"
(Unispiegel, Heft 1, Februar 2012, S.25)

Was sagt das über die Gesellschaft aus, in der wir leben? Über die Lebenssituation von Flaschensammlern in Deutschland ist bislang wenig bekannt. Der Beitrag Von Teams und Einzelkämpfern von Daniela MEINERT zeigt die Schwierigkeiten, etwas über die Lebenssituation von Flaschensammlern zu erfahren. Haben sie eine eigene Familie, einen Partner bzw. eine Partnerin. Leben sie allein oder sind sie obdachlos? Jene, die nicht einmal einen eigenen Haushalt führen, fallen meist durch alle Raster der Sozialforschung. Da unser soziales Netz immer grobmaschiger wird und die soziale Ungleichheit mehr und mehr zunimmt, scheint das Phänomen der Pfandsammler symptomatisch für eine neue Armut in Deutschland.

Im Beitrag Flaschen statt Stütze geht Leonie ELSHOLZ der Frage nach, ob nicht die spezielle Nachkriegssozialisation dafür verantwortlich ist, dass die deutschen Flaschensammler im Raum München meist über 50-Jährige sind:

Flaschen statt Stütze

"Viele der von uns befragten Sammler sind in der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg aufgewachsen. (...). Es galt als Unding, nicht selbst für sich sorgen zu können und stattdessen dem Staat auf der Tasche zu leben. Diese Einstellung mag die Sammler noch heute beeinflussen: Eine Art erlernter »Nachkriegszeit-Aktionismus«, der in einem deutlichen Gegensatz zur Einstellung jener jüngeren Generationen zu stehen scheint, deren Angehörige die aktive Entscheidung, Hartz IV zu beziehen, möglicherweise leichter fällt - vielleicht, weil sie ihre Freizeit besser oder anders strukturieren können, vielleicht, weil es ihnen nicht so schwer fällt, monetäre Leistungen vom Staat anzunehmen. In München konnten wir jedenfalls keine jüngeren deutschen Flaschensammler beobachten. Ja, es scheint überhaupt schwer vorstellbar, dass jüngere Deutsche in prekären Lagen Flaschen für acht, 15 oder 25 Cent sammeln."
(Leonie Elsholz 2015, S.48f.)

Sind Flaschensammler also lediglich ein Übergangsphänomen? Viel war in der Vergangenheit von einer drohenden Rentnerarmut zu lesen. Gibt es also zukünftig eine neue Rentnergeneration, die aufgrund des Zusammenbruchs der Sozialsysteme - der vielfach aufgrund des demografischen Wandels prophezeit wird - auf das Flaschensammeln angewiesen ist? Neuerdings haben die Medien mit der Flüchtlingskrise ein neues Thema. Was passiert, wenn die Flüchtlingsströme nicht abreißen? Können leere Flaschen Menschleben retten?     

Konfliktherd Marienplatz

"Die Menschen, die extra nach Deutschland reisen, um hier mit allen Mitteln an Geld zu gelangen, mögen viel durchgemacht haben; niemand weiß, wie ihre Vergangenheit ausgesehen hat und warum diese Menschen sammeln müssen. Was bedeutet es für unsere Gesellschaft, wenn leere Flaschen Menschenleben retten?"
(Markus Brandstetter & Viviane Jaekel 2015, S.35)

Das Phänomen Pfandsammler könnte also dauerhafter in unserer Gesellschaft verankert bleiben. Das Überleben in den Städten wird schwieriger. Das Buch Flaschensammeln bietet wertvolle Anregungen zum Weiterdenken und selber Forschen.

 
     
 
       
   

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Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 17. September 2015
Update: 01. Januar 2017