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Winterthema

 
       
   

Knochenarbeit - Die netten Jahre sind vorbei, Teil 2 (Fortsetzung)

 
       
   

Die Generation Golf in der Jobkrise revisited. Oder: Deutschland schafft sich ab

 
       
     
   
     
 

Elterngeldbezug als eine Strategie von Mittelschichtangehörigen jenseits von Festanstellung und Hartz IV?

Wer das 2007 erschienene Buch von Joern MORISSE und Rasmus ENGLER kennt, der weiß, dass die Strategien der Kulturschaffenden jenseits von Festanstellung und Hartz IV sehr unterschiedlich ausfallen. Der Schriftsteller Wolfgang HERRNDORF sieht jedoch einen Unterschied zwischen der Armut der Unterschicht und seiner eigenen privilegierten Armut.

Wovon lebst du eigentlich?

"Auf der reinen Güterebene rangiere ich vermutlich noch unter den Leuten, die das Sozialamt heimsuchen. Ich fahre nicht in Urlaub, ich hab kein Auto, ich kaufe keine Kleidung, ich mache keine Anschaffungen. Lange hatte ich nicht mal Dusche, Kühlschrank, Telefon.
Einerseits. Andererseits hat Juli Zeh da einmal einen überraschenden Aufsatz über die Neue Armut geschrieben, in dieser guten alten Stern-Tradition (...), wo man versucht, empirische Feldforschung durch drei dahergelaufene Bekannte mit komischen Namen zu ersetzen. Das hieß
»Gregor-Prinzip«, und da stellt Juli Zeh in ihrem Bekanntenkreis eine Armut fest, mit der sich die Leute arrangiert haben, also eher eine Anspruchslosigkeit, wie bei mir. Nur ist das mit einer echten Unterschicht-Armut eben nicht zu vergleichen. Weil, das ist eine privilegierte Armut, wenn man hochqualifiziert ist und sich jederzeit anders besinnen könnte." (2007, S.130)

Diese "kreative Klasse" lässt sich mit den Mitteln einer traditionellen Sozialstrukturforschung, die am Einkommen orientiert ist, nicht fassen. Hier spielen mittelschichtspezifische Mentalitäten eine größere Rolle, die einen Lebensstil- bzw. Milieuansatz erforderlich machen.
            Im Gegensatz zu den von HERRNDORF geschilderten Umständen lebt HERTEL in  bürgerlichen Verhältnissen. Christiane RÖSINGER, die ihr Milieu als Low-Fi- Bohème charakterisiert, hat in ihrem Buch Das schöne Leben HERTELs Künstler-Ideal als Bourgois-Bohème (David BROOKS) bezeichnet.

Das schöne Leben

"Hustete sich die traditionelle Boheme (...) noch an einer offenen Tb zu Tode oder suchte wegen steigender Lebensunterhaltskosten den Ausweg im Freitod, bleibt dies dem Bourgeois-Bohemien erspart.
            Denn das Bürgerliche, Krankenversicherte, Konventionelle fügt der Bobo dem unbekümmerten Exzess- und Lotterleben hinzu.
            Eine gelungenere Verschmelzung zweier Lebensentwürfe lässt sich kaum vorstellen. Die Losung lautet: Künstlerisches Laissez-faire trifft auf pflichtbewusste Systembestätigung."  (2008, S.162)

Lässt man den Exzess und das allzu Lotterhafte einmal beiseite, dann trifft diese Beschreibung die Neuöttinger Variante eines Bourgeois-Bohéme ziemlich genau. HERTEL ist verheiratet, hat eine gut verdienende Ehefrau und kann sich nach dem Job in der Backfabrik dem Hausmanndasein, der Kindererziehung und dem Buchschreiben widmen. Den Zwang zu diesem Broterwerb erklärt er einerseits durch mangelnden Erfolg als Freiberufler und zweitens mit der Anschaffung eines Neuwagens.

Knochenarbeit

"Warum muss ein Akademiker für 8 Euro 10 pro Stunde arbeiten?

Diese Frage beschäftigt mich schon lange. Es ist leider wahr, dass ich diesen Job nicht im Rahmen einer hochschulfinanzierten Studie durchgeführt habe, sondern schlicht gezwungen war, mich in dieser Billigfabrik zu bewerben, weil ich nirgendwo sonst etwas fand. Nun habe ich Soziologie studiert, das Fach kennt und braucht keiner. (...). In einer anderen Lebenssituation wäre ich längst aus Deutschland fortgegangen, irgendwohin, wo man es schätzt, wenn jemand drei Sprachen spricht und viel gelesen hat. Ich glaube, es gibt solche Länder.

Ich konnte nicht anders. Davor war ich Freiberufler. Ich zahlte 300 Euro für meine Krankenversicherung und verdiente 900 Euro, wenn es sehr gut lief. Meistens ging ich aber am Ende des Monats mit 100 Euro plus nach Hause. Das war zu wenig. Ich hätte mich arbeitslos melden können, da hätte ich noch drei Monate Anspruch auf 150 Euro im Monat gehabt. Danach aber nichts mehr, weil wir für Hartz IV nicht arm genug sind. Und als Arbeitsloser muss man dauernd zu irgendwelchen unmotivierten Beratern gehen, die einem sinnlose Tipps geben. Deshalb habe ich mich in der Fabrik beworben und konnte eine Woche nach der Bewerbung anfangen." (2010, S.35)

"Diese Arbeit hat mir viel gebracht. Vor allem Geld. Zwar nicht viel, aber genug. Meine Frau konnte 10 Monate zu Hause bleiben und aufs Kind aufpassen, und wir haben einen billigen Neuwagen gekauft." (2010, S.53)

Für andere Männer, deren Partnerin keine so gut bezahlte Arbeit haben, gäbe es die Möglichkeit selber Elterngeld zu beantragen. Ein 1200 Euro-Job in den letzten 12 Monaten vor der Geburt eines Kindes hätte nach den bisherigen Regelungen des Elterngeldgesetzes immerhin 67 % Lohnersatzleistung gebracht.

Elterngeld und Elternzeit

"Der Anspruch auf das einkommensabhängige Elterngeld berechnet sich nach dem bereinigten Nettoeinkommen der Antragstellerin oder des Antragstellers.

Ausgangspunkt ist das persönliche steuerpflichtige Erwerbseinkommen der letzten zwölf Kalendermonate vor der Geburt des Kindes, für dessen Betreuung jetzt Elterngeld beantragt wird. Monate mit Bezug von Mutterschaftsgeld oder Elterngeld sowie Monate, in denen aufgrund einer schwangerschaftsbedingten Erkrankung oder wegen Wehr- oder Zivildienstzeiten das Einkommen gesunken ist, werden bei der Bestimmung der zwölf Kalendermonate grundsätzlich nicht berücksichtigt. Statt dieser Monate werden zusätzlich weiter zurückliegende Monate zugrunde gelegt. Bei Selbstständigen werden die betreffenden Monate auf Antrag von der Einkommensermittlung ausgenommen.

Um das Durchschnittseinkommen vor der Geburt zu bestimmen, wird das maßgebliche Erwerbseinkommen in den zu berücksichtigenden zwölf Monaten addiert und durch zwölf geteilt. Kalendermonate, in denen kein zu berücksichtigendes Erwerbseinkommen erzielt wurde, werden mit null angesetzt." (2010, S.21)

Das ist mehr als mancher Kulturschaffender mit seiner Arbeit verdienen kann. Was aber, wenn der Erfolg sich auch weiterhin nicht einstellt? Im Sammelband von BURZAN & BERGER beschäftigt sich nur der Beitrag von Alexandra MANSKE näher mit den Kreativen. Ihr geht es darum, ob sich in diesem Bereich neue Konzepte von Männlichkeit entwickeln. Ihr Fazit ist jedoch ernüchternd, denn Männer im Kreativbereich können in der Regel aufgrund der Einkommensunsicherheit nicht die Rolle des Familienernährers übernehmen. Diese Problematik des Elterngeldes wurde bereits an anderer Stelle ausführlicher behandelt . In Heft 2/2010 der Zeitschrift Soziale Welt sehen Kerstin PULL & Ann-Cathrin VOGT die Sache nicht ganz so pessimistisch. Sie setzen ihre Hoffnungen auf einen durch das Elterngeld angeschobenen Wertewandel.

Viel Lärm um Nichts?

"Wenn und insofern es durch die Elterngeldreform gelingt, tragfähige Impulse in Richtung eines modernen Geschlechterrollenverständnis zu induzieren (in Bezug auf Einstellungen der Väter, aber auch in Bezug auf das »gelebte Geschlechterrollenverständnis«, etwa wenn es um die Verteilung der Hausarbeit zwischen den Geschlechtern geht) und/oder die soziale Akzeptanz für eine väterliche Inanspruchnahme von Elternzeit zu erhöhen (geringere erwartete Karrierehindernisse), dann dürften sich die Effekte der Elterngeldreform noch deutlich verstärken - und möglicherweise irgendwann zu messbaren Auswirkungen jenseits der Inanspruchnahme der Vätermonate führen. Unsere Daten liefern bereits erste Ansatzpunkte für entsprechende Effekte".
(aus: Soziale Welt, Heft 2, S.134)

Die Zukunft wird zeigen, inwiefern sich die Generation Elterngeld von der Generation Erziehungsgeld unterscheidet. Nur verknöcherte alte Herren wie Thilo SARRAZIN und sein Gewährsmann Herwig BIRG sehen zwischen beiden Instrumenten keinen qualitativen Unterschied.

Deutschland schafft sich ab

"Das 1978 eingeführte Mutterschaftsgeld, das Erziehungsgeld (1986) sowie das Elterngeld (2006) sollen dazu beitragen, Kinder und Erwerbstätigkeit der Frau besser miteinander zu vereinbaren. Sie sehen eine Beurlaubung von der Arbeit für eine gewisse Zeit nach der Geburt vor und einen gewissen materiellen Ausgleich für den entgangenen Verdienst. (...). Eine Auswirkung auf die Geburtenrate ist statistisch allerdings nicht nachweisbar. Nicht ausschließen lassen sich allenfalls gewisse Vorzieheffekte. Herwig Birg hat nachgewiesen, dass das Erziehungsgeld einen solchen minimalen Effekt bei zweiten und dritten Kindern auslöste, aber keine messbaren Wirkungen bei Zahl und Zeitpunkt der Erstgeburten hatte. Auch beim Elterngeld lässt sich der erhoffte Effekt auf die Gesamtzahl der Geburten bislang nicht beobachten, und es ist aus den bisherigen Daten nicht ersichtlich, dass die soziale Struktur der Elternschaft sich wie erhofft verbessert. Die Intention der Maßnahme wurde allerdings auch beschädigt, indem nicht erwerbstätigen Eltern oder Eltern mit niedrigem Einkommen ein Mindestsatz an Elterngeld zuerkannt wurde." (2010, S.382)

Verdienstvoll ist im Hinblick auf voreilige Rückschlüsse von der Vergangenheit auf die Zukunft der Familie ein Sonderheft der Zeitschrift für Familienforschung zur Zukunft der Familie. Die verschiedenen Beiträge beschäftigen sich mit Prognosen und Szenarien. Dabei wird eine große Spannbreite sichtbar. Insbesondere der Beitrag von Dirk KONIETZKA und Michaela KREYENFELD ist informativ, weil er sich mit den Vorausberechnungen der zukünftigen Geburtenentwicklung auseinandersetzt. Sie räumen mit beliebten Falschdarstellungen auf, die sich um die zusammengesetzte Geburtenziffer (TFR) ranken, mit denen sowohl Herwig BIRG als auch Thilo SARRAZIN operieren, um ihren Bedrohungsszenarien mehr Nachdruck zu verleihen.

Zwischen soziologischen Makrotheorien und demographischen Vorausberechnungen - Möglichkeiten und Grenzen des Blicks in die Zukunft der Familien- und Geburtenentwicklung

"Während sich die westdeutsche TFR seit den 1970er Jahren auf einem stabilen und niedrigen Niveau eingependelt hat, zeigen die entsprechenden Kohortendaten (...), dass die durchschnittliche Kinderzahl einerseits durchweg höher geblieben, andererseits kontinuierlich und stetig zurückgegangen ist. Die TFR verzerrt die Geburtenentwicklung also in doppelter Weise. Sie suggeriert ein stabiles Verhaltensmuster und unterschätzt zugleich das tatsächliche Geburtenniveau. Beispielsweise haben westdeutsche Frauen der Geburtskohorte 1962 im Schnitt 1,56 Kinder bekommen. Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre, als diese Frauen überwiegend ihre Kinder geboren haben, lag die geschätzte durchschnittliche Kinderzahl laut TFR jedoch zwischen 1,28 und 1,45 Kindern pro Frau (...). Anders formuliert hatte bislang kein einziger realer Frauenjahrgang in Westdeutschland auch nur annähernd eine so geringe Kinderzahl, wie sie die TFR bereits seit der Mitte der 1970er Jahre durchgängig angibt. Die aus der zusammengefasste Geburtenziffer abgeleitete Behauptung, dass die durchschnittliche Kinderzahl in Westdeutschland seit drei Jahrzehnten konstant ist, steht entsprechend auf wackeligem Boden". (2009, S.56)

Es zeigt sich, dass die Geburtenentwicklungen eben nicht linear fortgeschrieben werden können, sondern jederzeit Brüche eintreten können, die lange Zeit unerkannt bleiben. Dies zeigen KONIETZKA & KREYENFELD anhand der gravierenden Fehlprognosen zur Geburtenentwicklung in Ostdeutschland. Aufgrund der Erfahrung mit der geringen Treffsicherheit von Bevölkerungsvorausberechnungen (die Autoren zeigen anhand zweier Beispiele für das Nachkriegsdeutschland wie Vorausberechnungen bereits nach wenigen Jahren von der Realität widerlegt wurden), raten die Autoren zur Skepsis gegenüber Propheten wie SARRAZIN.

Zwischen soziologischen Makrotheorien und demographischen Vorausberechnungen - Möglichkeiten und Grenzen des Blicks in die Zukunft der Familien- und Geburtenentwicklung

"Man kann u. E. plausibel annehmen, dass die Reformen des Kindschaftsrechts, des Unterhaltsrechts, von Elternzeit/-geld und Maßnahmen zur Förderung institutioneller Kinderbetreuung, die in Deutschland allesamt in den letzten zehn Jahren erfolgt sind, nicht nur der gestiegenen Vielfalt von Familienformen Rechnung tragen, sondern ihrerseits Tendenzen des Wandels und der Differenzierung der Lebensformen eigenständig unterstützen, wenn nicht gar anstoßen.
Individuelle Handlungsziele im privaten Bereich, darunter Kinderwünsche und Fertilitätsentscheidungen (...,) werden durch Paar- bzw. Partnerschaftsmodelle, Wertvorstellungen und Familienleitbildern sowie externe Opportunitätsstrukturen aller Art beeinflusst. Wie sich diese Faktoren im Verlauf der nächsten Jahrzehnte auf der Ebene der Familien- und Lebensformen kristallisieren werden, scheint uns nur schwer prognostizierbar. Die geringe Treffsicherheit, die in der Vergangenheit Versuche aller Art, in die Zukunft zu blicken, aufwiesen, sollte zu Skepsis gegenüber Voraussagen über die Entwicklung der Geburtenrate, der Kinderlosigkeit und der Anteile nichtehelicher Geburten sowie die Zu- und Abnahme verschiedener Lebens- und Familienformen mahnen." (2009, S.59)

Der Blick der verunsicherten Mittelschicht auf die Unterschicht

Das Bild der Unterschicht ist abhängig vom Betrachter und vom Zweck der Beschreibungen. Dies zeigen die folgenden zwei Beispiele deutlich. Frank HERTEL beschreibt den 22jährigen Thomas, der in seiner Billigfirma arbeitet, im Vergleich zu einem idealtypischen Mittelschichtstudenten, der es eindeutig besser hat. Thilo SARRAZIN beschreibt dagegen einen 21jährigen Transferleistungs-Empfänger im Vergleich zu einem 21jährigen idealtypischen Studenten. Während bei HERTEL die Tristesse des Niedriglohnempfänger im Vergleich zum lustigen Studentenleben geschildert wird, erscheinen dagegen bei SARRAZIN beide gleich benachteiligt, nur auf anderen Gebieten.

Knochenarbeit

"Der dicke Thomas, der früher in unserer Spätschicht war und jetzt in der Nachtschicht arbeitet (...) ist 22 Jahre alt und sehr dick. Er schläft 12 Stunden am Tag, hat er mir gesagt. Ich fragte, warum. Er sagte, schau, ich habe keine Freundin, ich habe keine Kinder, ich gehe nicht fort, ich muss nicht einkaufen, mein Essen kocht meine Mutter, da kann ich schon 12 Stunden schlafen. (...). Was haben wir mit 22 gemacht? Wir haben studiert, wir haben gefeiert, wir haben unsere jugendliche Kraft genossen, wir waren glücklich und wussten noch nicht viel vom Ernst des Lebens." (2010, S.11f.)

Deutschland schafft sich ab

"Armut in Deutschland offenbart sich im sozialen Vergleich: Wer weniger hat als andere, mit denen er sich vergleicht, fühlt sich ärmer, sei es, dass alle Autos fahren und er selbst Fahrrad, sei es, dass er nur zwei gute Hosen besitzt und andere fünf, sei es, dass er noch einen Röhrenfernseher hat und andere einen großen Flachbildschirm. Dies ist die klassische Problemlage eines Empfängers von Transferleistungen. Ein 21-jähriger Student dagegen hat zwar noch weniger Geld, aber er fährt gerne Fahrrad, hat im Augenblick nur eine gute Hose und macht sich nichts aus Fernsehen. Geld ist nicht sein Problem, er hat ganz andere: Die attraktiven Mädchen interessieren sich immer für seine Freunde; das Erasmus-Stipendium in London wurde ihm verwehrt, sein Freund darf aber hin. Der subjektive Leidensdruck dieses Studenten ist mindestens so groß wie der des Transferempfängers, er ist allerdings nicht arm an Geld, sondern arm an Chancen bei Mädchen und vor der Stipendienauswahlkommission." (2010, S.128)

Während bei Thilo SARRAZIN die Wertigkeiten eindeutig verteilt sind: hier die gute Mittelschicht, dort die böse Unterschicht, ist die Sache bei HERTEL schwieriger, weil das  Buch von HERTEL vieles sein will: Lob der Arbeitsteilung, Werbung für miese Jobs in Billigfirmen, Lob der einfachen Leute, Lob der Bosse, Kritik am Arbeits- und Führungsverhalten usw. Das gelingt nicht widerspruchsfrei wie bei SARRAZIN, weshalb die Sichtweisen von HERTEL von Kapitel zu Kapitel immer wieder zwischen Mutter Theresa und Hans-Olaf HENKEL bzw. Thilo SARRAZIN schwanken. So werden Transferempfänger einmal gerechtfertigt, ein anderes Mal kritisiert und dann wieder zum Objekt einer Umerziehungsmaßnahme gemacht.

Knochenarbeit

"Ich bin keiner von denen, die mit dem Finger auf Arbeitslose zeigen, um ihnen Faulheit und Dummheit vorzuwerfen. (...). Ich war selbst bestimmt vier Jahre ohne Arbeit. In dieser Zeit widmete ich mich den Büchern und dem Schreiben. Ich ging spazieren und dachte nach. Natürlich wurde ich dafür kritisiert, aber das war mir ziemlich egal. Ich brauchte diese Zeit für mich und meine Entwicklung, und ich nahm sie mir einfach. (...). Es gibt Aussteiger, die keine Lust haben zu arbeiten. Manche trinken lieber Bier, statt in der Fabrik zu schuften. Und wenn schon, solange sie nicht randalieren, stört es keinen. Aber alle, die über lange Jahre nicht arbeiten, haben etwas gemeinsam: Sie haben einen Grund und diesen Grund sollte man akzeptieren. Man sollte nicht ständig versuchen, Menschen umzuerziehen. (...). Gleichzeitig muss man aber auch dafür sorgen, dass jeder, der arbeiten möchte, eine Arbeit bekommen kann." (2010, S.135)

"Wenn Hauptschüler als Berufswunsch Hartz-IV-Empfänger angeben, ist das nur auf den ersten Blick sonderbar. Schaut man genauer hin, erkennt man, dass sich diese Schüler durchaus wünschen, wie ein Herr zu leben, also nicht wie ein Knecht zu arbeiten, sondern für das Nichtstun bezahlt zu werden, Zeit für Liebe, Familie und Hobbys zu haben. Sozialhilfeempfänger genießen Herrenstatus. Man muss nicht arbeiten, um zu leben. Das hat man nicht nötig. Der moderne Privatier lebt von Stütze. In Berlin gibt es die meisten Hartz-IV-Empfänger und die meisten Künstler. Dass dabei nichts Gescheites herauskommen kann, versteht sich von selbst. In Berlin leben zurzeit 21 Prozent der Bevölkerung unter 65 Jahren von Hartz IV. Sie ist zu Recht die Hauptstadt Deutschlands, weil in ihr die meisten Herren leben.
(...).
Viele Stützebezieher fühlen sich pudelwohl. Sie sind kerngesund und putzmunter. Aber sie haben keine Lust, sich knechten zu lassen, sie wollen ihre Ruhe, und die Allgemeinheit soll dafür bezahlen. Das ist nicht in Ordnung. Das ist Betrug" (2010, S.159f.)

"Die Knechte arbeiten sich Tag und Nacht die Finger blutig, damit ein Viertel aller Berliner gemütlich auf der Couch sitzen kann. So geht das nicht weiter. Unterstützung sollen die wirklich Arbeitsunfähigen bekommen, die es immer gibt. Das ist völlig in Ordnung und tut niemandem weh. Doch es kann nicht sein, dass jeder Fünfte von Staatsgeld lebt und sich über die Dummköpfe, die zur Arbeit gehen, kaputtlachen." (2010, S.160)

HERTEL umkreist in seinem Buch den Begriff der sozialen Marktwirtschaft und was er in unserer Welt bedeuten könnte. Man kann dem Autor auf seinen Denkwegen folgen oder ihn wie Rudolf STUMBERGER oder Günter WALLRAFF dafür schelten. Man mag HERTEL für seine Schwarz-Weiß-Zeichnungen kritisieren, aber im Gegensatz zu Thilo SARRAZIN ist das Buch wenigstens anregend. Wie lässt sich die Angst der Mittelschicht erklären und wie hängt dies mit der Abgrenzung gegenüber der Unterschicht zusammen? Dieser Frage soll im nächsten Kapitel genauer untersucht werden.

Wohlstandskonflikte und neue Bürgerlichkeit als zwei Seiten einer Medaille

Die Entdeckung der Unterschicht und die Anrufung des Bürgers haben seit Anfang des neuen Jahrtausends Konjunktur. Die öffentliche Debatte ist zuerst von dem Soziologen Heinz BUDE und dem Historiker Paul NOLTE sowie in letzter Zeit auch von dem Philosophen Peter SLOTERDIJK vorangetrieben worden.
            Während der Soziologe Heinz BUDE mit der Generation Berlin einen geschichtsphilosophischen Kontinuitätsbruch zwischen der Bonner Republik und der Berliner Republik konstruierte, der sich einer Mythologie der Daten 1968 und 1989 bemächtigt, unterfütterte der Historiker Paul NOLTE diese Ideologie mit einer neokonservativen Reformulierung der sozialen Frage. Beide zusammen lieferten damit den Überbau des von der rot-grünen Koalition forcierten Umbaus des Wohlfahrtsstaates vom "sorgenden" zum "gewährleistenden" Staat.
            In dem 2010 erschienen Buch Bürgerlichkeit ohne Bürgertum zeigt sich deutlich die Problematik einer solchen revisionistischen Sichtweise. In der Einleitung behaupten Heinz BUDE, Joachim FISCHER und Bernd KAUFFMANN, dass die Debatte um die neue Bürgerlichkeit zunächst in den 1990er Jahren im Feuilleton geführt wurde. Dummerweise findet sich jedoch kein einziger Nachweis, sondern die Debatte wird lediglich anhand von  Beiträgen, die allesamt nach der Jahrtausendwende veröffentlicht wurden, nachgezeichnet. Die Zielgruppe, auf die BUDE als Trägergruppe setzt, beschreibt er in seinem Beitrag Einübung in Bürgerlichkeit. Das elitäre Konzept ist demnach auf 15 % der Bevölkerung Deutschlands zugeschnitten.

Einübung in die Bürgerlichkeit

"Mit der Frage nach der Bürgerlichkeit kann man in der Bundesrepublik von heute die schätzungsweise kritischen 15 Prozent der Bevölkerung ansprechen, die von ihren materiellen Voraussetzungen, ihrem Bildungshintergrund und ihrer beruflichen Position als Trägergruppe bundesrepublikanischer Bürgerlichkeit gelten können. Man sollte nicht mehr die Selbständigkeit des Erwerbs und auch nicht ein ständisches Lebensführungsideal voraussetzen, aber doch eine soziale Position, die eine gewisse berufliche Selbstverantwortung, die Möglichkeit einer Reflexion auf das gesellschaftliche Ganze und einen Sinn für persönliche Selbständigkeit impliziert. Das jedenfalls sind nach herrschender Auffassung die drei Kriterien von Bürgerlichkeit, die übrig bleiben, wenn man diese nicht mehr unbedingt auf eine soziale Großgruppe des Bürgertums bezieht." (2010, S.190)

Aber offensichtlich entspricht die bundesrepublikanische Bürgerlichkeit nicht unbedingt diesem Bild des idealtypischen Bürgers, sondern die zu verbürgerlichende Zielgruppe ist fragmentiert.
            An anderer Stelle spricht BUDE auch von den "alten Selbstverwirklichungsindividualisten West" und den "neuen Leistungsindividualisten Ost". Der Begriff "Leistungsindividualist" wurde von einer politischen Milieustudie im Auftrag der Friedrich-Ebert Stiftung geprägt (Gero Neugebauer "Die politischen Milieus in Deutschland", 2007 ). In der Studie wurde die Bevölkerung Deutschlands in drei Drittel mit 9 Milieus aufgeteilt, die nach ihrer Aufgeschlossenheit für weitere Reformen entsprechend der nachfolgenden Tabelle eingeteilt wurden.

Milieuverteilung in Deutschland

  Milieu

Bevölkerungsanteil

Oberes Drittel Leistungsindividualisten 11 %

45 %

Etablierte Leistungsträger 15 %
Kritische Bildungseliten 9 %
Engagiertes Bürgertum 10 %
Mittleres Drittel Zufriedene Aufsteiger 13 % 29 %
Bedrohte Arbeitnehmermitte 16 %
Unteres Drittel Selbstgenügsame Traditionalisten 11 % 26 %
Autoritätsorientierte Geringqualifizierte 7 %
Abgehängtes Prekariat 8 %
Quelle: Gero Neugebauer "Politische Milieus in Deutschland", 2007, S.69

Im Jahr 2006 entzündete sich am "abgehängten Prekariat" die deutsche Unterschichtendebatte, die bereits in den Jahren 2002 bis 2004 von Paul NOLTE feuilletonistisch vorbereitet worden war. Der Soziologe Karl-Siegbert REHBERG beschreibt die Unterschichten-Debatte im Beitrag Neue Bürgerlichkeit als Inszenierungsbegriff für bürgerliche Distinktionsbedürfnisse. Schärfer wird dieser Aspekt im September-Heft der Zeitschrift PROKLA zum Thema Kulturkämpfe herausgearbeitet.

Prekäre (Kultur-)Kämpfe? Die Verhandlung gesellschaftlicher Verhältnisse im Diskurs zu Prekarisierung

"Das »abgehängte Prekariat« wird im Oktober 2006 im öffentlichen Diskurs zum Marker für eine gesellschaftliche Schieflage. (...). Das »abgehängte Prekariat« (Neugebauer 2007) wird in der Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung als ein spezifisches Segment der bundesdeutschen Wahlbevölkerung ausgemacht (...).
(...).
Mit der Konstruktion des Prekariats als Unterschicht wird im öffentlichen Diskurs eine Erzählung etabliert, die soziale Ungleichheiten etabliert." (Magdalena Freudenschuß, 2010, S.364)

Im Dezember-Themenheft Armut in Deutschland der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte werden die Distinktionsbedürfnisse der Mittelschicht angesichts der Debatte um Thilo SARRAZIN kritisch gesehen .
            In der Sicht von Heinz BUDE ist der Bürger als Unternehmer die Lichtgestalt der Berliner Republik, während die alte Bonner Republik durch den verachteten Arbeitnehmer geprägt war. Ist die Arbeitnehmergesellschaft eine Konsensgesellschaft gewesen, so ist nun der soziale Konflikt angesagt und zwar nicht nur in Deutschland, sondern im OECD-Raum. Im Zentrum steht dabei der bereits weiter oben angesprochene Umbau des Wohlfahrtsstaates.

Einübung in die Bürgerlichkeit

"In der »Arbeitnehmergesellschaft« verschwindet (...) der Gegensatz zwischen dem Bürger und dem Proletarier, um den Begriff des Staatsbürgers der einen Rechtstitel für alle darstellt als Bezugspunkt hervorzuheben. So gesehen ist der sozialmoralische Ordnungsbegriff der »Arbeitnehmergesellschaft« Ausdruck der universalisierten Bürgergesellschaft. (...).
Mit dem Ende der Nachkriegszeit hat dieser unbürgerliche Begriff der Bundesrepublik ein Ende gefunden. Der Bürgerbegriff wird heute als Ablösungsbegriff zum Begriff des Arbeitnehmers aufgerufen. Dieser ideelle Registerwechsel hängt mit der Transformation des bundesrepublikanischen Wohlfahrtsstaates zusammen. Im Einklang mit Entwicklungen, die sich im gesamten OECD-Raum vollzogen haben, hat der Abschied vom schützenden und sorgenden zum befähigenden und gewährleistenden Wohlfahrtsstaat stattgefunden." (2010, S.192)

Der Soziologe Günter VOß spricht in diesem Zusammenhang auch vom Wandel des Arbeitnehmers zum Arbeitskraftunternehmer, der mit dem veränderten Kräfteparallelogramm einhergeht. Für BUDE geht mit der neuen Bürgerlichkeit eine Stärkung des Familialismus einher, der sich in steigenden Geburtenzahlen der Akademikerinnen niederschlägt.

Einübung in die Bürgerlichkeit

"Wie viele Kinder bracht man zur Sicherung des Erbes, wenn man mit Abweichlern in brotlose Künste oder mit Versagern am schwierigen Leben rechnen muss? Das ist der Grund dafür, dass (...) ganz ähnlich wie in der proletarischen Unterklasse in der bürgerlichen Oberklasse in der Regel mehr Kinder geboren werden als in der von ängstlichem Renditebewusstsein getriebenen Mittelklasse.
            So gesehen gehört der genealogische Stolz zu einem bürgerlichen Lebensstil, was heute vor allem die besser qualifizierten Frauen verstanden zu haben scheinen. Es ist von daher nicht ganz unverständlich, dass im Zuge der wachsenden Bildungsbeteiligung der Frauen und vor allen Dingen mit dem Erwerb höherer Bildungsabschlüsse bei einer wachsenden Gruppe von Frauen das Familienmotiv eine größere Bedeutung bei der Inszenierung eines bürgerlichen Lebensstils erhält. Hier deutet sich an, dass es heute vor allem Frauen sind, die die Selbsthabitualisierung von Bürgerlichkeit nicht nur mit Perlenketten und Kaschmir-Pullover, sondern für alle sichtbar mit Bugaboo-Kinderwägen und mindestens zwei Kindern vorantreiben." (2010, S.199)

Während Heinz BUDE die Veränderungen im Sinne einer Herrschaftssoziologie rechtfertigt, beschreibt der Sozialwissenschaftler Berthold VOGEL in seinem Buch Wohlstandskonflikte die Situation aus der Sicht der Aufsteiger und der bedrohten Arbeitnehmermitte, d.h. des mittleren Drittels im Sinne von Gero NEUGEBAUER. Die Unterschichtendebatte wird in dieser Sicht zur Selbstverständigungsdebatte der Mittelschicht.

Wohlstandskonflikte

"Der Wohlstand, dessen möglicher Verlust oder dessen verhinderte Erreichbarkeit, ist der Referenzpunkt der politischen und ökonomischen Entwicklung, nicht die Armut und ihre Überwindung. Die Wohlstandskonflikte repräsentieren daher die sozialen Fragen, die aus der Mitte kommen. Daher treten zwangsläufig die dominanten Sozialfiguren staatsbedürftiger und erwerbsarbeitszentrierter Wohlstandsgesellschaften hervor: die »Aufsteiger« und die »Statussucher«. Deren Erfahrungen und Orientierungen, deren Befürchtungen und Ressentiments prägen das gesellschaftliche Klima weit stärker als diejenigen, die in die Randzonen der Gesellschaft abgedrängt sind. Aufsteiger und Statussucher achten peinlich genau auf soziale Abstände und berufliche Differenzen, auf erworbene Privilegien und erkämpfte Positionen." (2009, S.12)

Eine solche Sichtweise wird auch hier hinsichtlich der Einordnung von Autoren wie Frank HERTEL oder Thilo SARRAZIN eingenommen. HERTEL steht für die Aspekte der "verhinderten Erreichbarkeit" bzw. "Statussucher", während Thilo SARRAZIN den möglichen Wohlstandsverlust der "Aufsteiger" bzw. ihrer Kinder repräsentiert. Die Hintergrundfolie vor der diese Bilanzen gezogen werden ist die bereits weiter oben erwähnte Aufsteigergesellschaft der Nachkriegszeit.

Wohlstandskonflikte

"Wer über Wohlstand spricht und über den Verlust seiner Selbstverständlichkeit, der tut dies mithin vor dem Hintergrund einer differenzierten und individualisierten Aufsteigergesellschaft. Dieser Gesellschaftstypus, so schreibt Robert Castel in seiner großen Sozialgeschichte »Die Metamorphosen der sozialen Frage«, scheint »von einer unaufhaltsamen Aufstiegsbewegung getragen zu sein (...)«. Diese Aufsteigergesellschaften setzen spezifische sozialen Energien frei. (...). Das strukturelle Resultat wohlfahrtsstaatlicher Aufstiegsmobilität und Aufstiegsmobilisierung ist die Etablierung einer breiten Mittelschicht (...). Diese Aufwärtsmobilität scheint seit einigen Jahren freilich ins Stocken geraten zu sein. Das soziale Klima prägt die Erfahrung, dass es nicht mehr viel zu gewinnen, aber sehr viel zu verlieren gibt. Soziale Konflikte finden nicht mehr als Klassenkämpfe zwischen Kapitalbesitz und Arbeitskraftbesitz statt, sondern sie werden als Statuskämpfe um Anrechte auf Wohlstand und um Verpflichtungen zur Wohlstandssicherung ausgetragen." (2009, S.12f.)

In den Wohlstandskonflikten geht es also um die Zukunft unserer mehr oder weniger breiten Mittelschicht. Berthold VOGEL beschreibt in dem Buch anschaulich die Entstehung und den Umbau des Wohlfahrtsstaates anhand des Schicksals der staatsgebundenen Mittelklasse. Diese Vorgänge sind abseits der lautstarken öffentlichen Debatten vorgegangen, denn im Gegensatz zur Kreativwirtschaft hat die bedrohte Arbeitnehmermitte keine Lobby in den Medien. Ihr fehlt der Glamour einer digitalen Bohème oder schicker Orte der Gentrifizierung wie Prenzlauer Berg und Schanzenviertel. VOGEL beschreibt insbesondere die weibliche (öffentlicher Dienst) und die männliche Variante (industrielle Facharbeiterschaft) der bedrohten Arbeitnehmermitte.

Wohlstandskonflikte

"Wenn wir die Veränderungen in der Mitte der Gesellschaft näher bestimmen, dann können wir erkennen, dass zwei zentrale Mittelklassemilieus als (ehemalige) Aufsteigergruppen auf besondere Weise unter Druck und in Anspannung geraten sind. Die Rede ist zum einen vom gewerkschaftlich organisierten Milieu der industriellen Facharbeiterschaft, das sich in den Nachkriegsjahrzehnten auf den Grundlagen tarifvertraglicher Disziplin, gemeinwohlorientierter Mitbestimmung und konfliktscheuer Leistungsbereitschaft durchzusetzen und zu etablieren vermochte.
            Auf der anderen Seite attackieren die staatlichen und arbeitsgesellschaftlichen Veränderungen in starkem Maße das Mittelklassemilieu öffentlicher Dienste, das auf klar geordneten Berufslaufbahnen, moderater, aber sicherer Entlohnung und wechselseitiger Loyalität ruhte. Im industriellen Facharbeitermilieu etablierte sich in den Jahrzehnten sorgender Wohlfahrtsstaatlichkeit die neue, vorwiegend männlich geprägte Mittelklasse, im öffentlichen Dienst und in seinen angeschlossenen Korporationen und Institutionen hingegen deren weibliche Variante. Für beide Milieus gilt, dass mit der tendenziellen Auflösung der engen Verbindung von sorgender, intervenierender Staatlichkeit und korporativ organisierter Arbeitswelt die Geschäftsgrundlagen ihres sozialen Erfolgs zumindest brüchig werden, wenn nicht sogar verschwinden. Die gesellschaftspolitische Brisanz dieser Verschiebungen im Ungleichheitsgefüge besteht nun darin, dass die Fachkräfte in Industrie und öffentlicher Verwaltung nach wie vor zentrale Trägerschichten der Wohlstandsökonomie und des politischen Gemeinwesens repräsentieren." (2009, S.210)

Die Veränderungen, die VOGEL schildert, stehen nicht im Focus unserer Medien, obwohl sie für die Gesellschaft von größerer Tragweite sind. Empörungsgehalt erhält der Faktor Wohlstandsstaat eher durch die verachteten "Versorgungsklassen" (LEPSIUS) als durch die staatsgebundenen Dienstklassen. Höchstens als Freiberuflern wie Ärzten oder als die Staatskassen belastende Pensionäre kommt ihnen gelegentlich Aufmerksamkeit zugute, aber nicht hinsichtlich ihrer geänderten Arbeitsbedingungen.
            VOGEL beschreibt in seinem Buch Wohlstandskonflikte eine komplementäre Wirklichkeit zu den privatwirtschaftlichen Verhältnissen, die von Karl Ulrich MAYER & Eva SCHULZE in den Mittelpunkt gerückt werden.

Der gewährleistende Wohlfahrtsstaat und die neue Aufstiegsmobilität

Der Umbau des Wohlfahrtsstaates erzeugt nicht nur Verlierer, sondern auch Gewinner. Ohne diese Seite der Medaille wäre das Bild von der Generation Golf unvollständig. Zu den Gewinnern gehört z.B. Florian ILLIES, der zu einem Kunstauktionshaus wechseln wird. Berthold VOGEL nennt eine Reihe von Profiteuren dieser Entwicklung.

Wohlstandskonflikte

"Unter den Rahmenbedingungen gewährleistender Staatlichkeit machen neue Leitfiguren Karriere. Hier ist zum Beispiel an den Controller zu denken, der vom neuen betriebswirtschaftlichen Effizienzdenken in der öffentlichen Verwaltung profitiert, an den Projektentwickler, der als Handlungstyp auch außerhalb des akademischen Feldes rege Nachfrage in zahlreichen öffentlichen wie privaten Dienstleistungen findet, oder an den Therapeuten (...). Als neuer Arbeitnehmertypus treten auch die Case-Manager auf (...). Zu einer Aufzählung neuer Karrierefelder im und durch den gewährleistenden Staat gehört auch die wachsende Zahl der Mediatoren, die ein staatlich gefördertes Konfliktmanagement betrieben (...). Schließlich sind in diesem Zusammenhang die Berater als Berufsgruppe und Branche zu nennen. (...). Das Spektrum neuer Möglichkeiten vorgeblich souveräner Konsumenten reicht von der Wahl einer leistungsfähigen Krankenversicherung über die richtige Höhe der privaten Altersvorsorge und günstigste Telefonanbieter bis hin zu Finanzdienstleistungen und Angeboten zur Geldverwaltung. Hier öffnen sich unter anderem neue und aussichtsreiche Märkte für das Versicherungs- und Bankwesen. (...). Alles in allem charakterisiert den Gewährleistungsstaat wesentlich, dass er den Beratungsbedarf in Fragen der Gesundheit, der Familie und der »richtigen«, das heißt selbstbeherrschten und eigenverantwortlichen, Lebensführung erhöht. Hierzu zählt auch die Sparte der neuen Haushaltsökonomie, die sich als Schul- und Studienfach die »finanzielle Allgemeinbildung« auf ihre Fahnen geschrieben hat. (...).
            Wenn wir den Struktur- und Gestaltwandel der Mittelklasse unter dem Aspekt neuer Gelegenheiten und Karriereperspektiven diskutieren, dann dürfen wir die Entwicklung der »unternehmungsbezogenen Dienstleistungen« nicht übersehen. Hier hat sich in den vergangenen Jahren in einer neuen sozialen Zwischenschicht neuer Wohlstand etabliert". (2009, S.215ff.)

In dem kürzlich erschienenen Sammelband Diven, Hacker, Spekulanten, herausgegeben von Markus SCHROER & Stephan MOEBIUS, werden neben den von VOGEL erwähnten Beratern und Therapeuten auch andere Sozialfiguren der Gegenwart benannt, die stärker mit der veränderten Arbeitswelt und deren Selbststilisierungszwängen zusammenhängen (z.B. der Dandy, der Medienintellektuelle oder der Kreative ).
            In einem ZEIT-Dossier wurde kürzlich die Kreativindustrie und deren Image hinterfragt, das eng mit dem Namen Richard FLORIDA und dem schillernden Begriff der "kreativen Klasse" zusammenhängt . Insbesondere Berlin ist Schauplatz dieses umkämpften Terrains. Im Gespräch mit Ulrich BRÖCKLING, u. a. Mitherausgeber eines Glossar der Gegenwart , das die schöne neue Welt des "Selbstunternehmertums" und der Selbstvorsorge (im Gegensatz zum sorgenden Wohlfahrtsstaat) vermisst, wird die Konvergenz von alter und neuer Arbeitswelt hervorgehoben.

"Kreativ? Das Wort ist vergiftet"

"Die Unterstellung, Selbständige seien frei, Angestellte abhängig, ist pure Ideologie. Sie unterschlägt, wie viel Unsicherheit und Stress mit dieser Lebensweise verbunden sind. Das Reich der Freiheit beginnt erst jenseits der Arbeit, egal, ob ich angestellt oder selbständig bin. Der Druck hat generell zugenommen, auch die Firmen suchen unternehmerische Mitarbeiter, die allzeit flexibel, innovativ, selbstverantwortlich und risikobereit sind. Die Unterschiede zwischen Angestelltentätigkeit und Selbständigkeit verschwimmen."
(Die ZEIT Nr.45 v. 04.11.2010)

Gesamtgesellschaftlich wichtiger sind immer noch die Berufsgruppen mit geringerem Glamourfaktor als die Avantgarde der Arbeit jenseits der Festanstellung.
            Das weite Feld der Finanzdienstleister wird, wie bei Berthold VOGEL beschrieben, wichtiger werden. Darauf deutet auch der Bestsellererfolg von Gerald HÖRHANs Buch Investment Punk hin. Niemand, der sich das Buch kauft, weiß danach wie er reich werden kann. Es geht HÖRHAN nicht primär darum die finanzielle Allgemeinbildung zu verbessern, sondern sich eine neue Zielgruppe zu erschließen. Grundlage dafür sind einerseits die Folgen der veränderten Situation der Mittelklasse, die VOGEL als prekärer, parzellierter und Scheinwohlstand beschreibt.

Wohlstandskonflikte

"Es werden differenzierte und abgestufte Wohlstandsgefährdungen sichtbar: Der prekäre  Wohlstand der unsicher Beschäftigten, der parzellierte Wohlstand kreditbelasteter Eigenheimbesitzer und der Scheinwohlstand derer, die im Versuch sozialer und materieller Selbstbehauptung in die Schuldenfalle geraten oder falschen Gewinnerwartungen aufgesessen sind. In allen diesen Fällen geht es immer wieder um konkrete Fragen der Besitzstandswahrung und der Besitzstandsermöglichung." (2009, S.276)

Für alle diese von VOGEL beschriebenen Wohlstandslagen finden sich im Buch von HÖRHAN anschauliche Beispiele. Bereits vor den Krisen der Nullerjahre fand bei der Generation Golf ein veränderter Umgang mit Geld statt, der die Krisenanfälligkeit dieser Generation im Gegensatz zu vorangegangenen Generationen verstärkte. Das Kultbuch Tristesse Royale gibt einen Einblick wie ein neuer demonstrativer Lebensstil den Umgang mit Geld veränderte.

Tristesse Royale

"BENJAMIN V. STUCKRAD-BARRE: Es gab bei früheren Generationen noch die angestrebte Gleichzeitigkeit von Anschaffungen. (...) Heute entsteht die Verschuldung aber nicht mehr durch Investitionen, sondern direkt und indirekt durch das Nachtleben. (...).
          
 
ECKHART NICKEL: Das Interessante daran ist, daß sich sämtliche Geldvorgänge bald nur noch in einem Bereich abspielen, der unter Null beginnt und eigentlich Nichts-Haben, also Armut, bedeutet. (...).
Und trotzdem ist es unserer Generation möglich, dank den modernen Methoden der Geldinstitute sehr anständig zu leben.
             (...)
CHRISTIAN KRACHT: Das liegt aber daran, daß wir hemmungslos über unsere Verhältnisse leben. Wir müßten im Grunde viel mehr Geld verdienen, um unseren Lebensstil rechtfertigen zu können.
            (...).
JOACHIM BESSING: Schon bald nach Erteilung des ersten Dispokredits erscheint einem der Saldo Null als einzig wiederherzustellender Zustand. Null wird zum Ziel. Null wird zum gesunden Punkt.
ECKHART NICKEL: also nichts haben im Grunde."
(1999, S.20f.)

Zum anderen geht es um den Formwandel des Wohlstandsstaates, der die finanzielle Selbstsorge auf immer neuen Feldern erfordert. Beat WEBER spricht in diesem Zusammenhang von Finanzialisierung.

Finanzbildungsbürgertum und die Finanzialisierung des Alltags

"Finanzbildungsoffensiven, die mit der Abgrenzung gegenüber »finanziellen Analphabeten« werben, (können) als distinktionsorientierter Diskurs begriffen werden, der in Deutschland im Kontext eines Kulturkampfs neuer Bürgerlichkeit zu verorten ist (...).
            Initiativen zur Hebung der Finanzbildung transportieren ein Leitbild, das mit dem Begriff Finanzbildungsbürgertum charakterisiert werden kann. Dieser bezeichnet eine neuartige Aufladung des Bildungsbürgertums und seiner sozialen Mechanismen unter Bedingungen der Finanzialisierung.
            (...).
Die vom Leitbild Finanzbildungsbürgertum geprägte Kultivierung der Eigenverantwortung und persönlichen Kompetenz trägt zu einer gesellschaftlichen Ordnungsvorstellung bei, in der gesellschaftliche Verantwortung und Lastenteilung für Risikovorsorge delegitimiert wird."
(aus: Prokla, Nr.3, 2010, S.388f.)

Gerald HÖRHAN gehört zum sich neu etablierenden Finanzbildungsbürgerum. Im Fall von HÖRHAN wird insbesondere die "grüne" bzw. nonkonformistische Bürgerlichkeit angesprochen, auf die seine Inszenierung als Punk abzielt. Bei dieser Fraktion scheinen besonders große Potenziale vorhanden zu sein, denn die Kreativwirtschaft kann selten gut mit Geld umgehen. In der Jungle World, einer Wochenzeitung, deren Klientel eher nicht zur klassischen Zielgruppe der Finanzdienstleister gehört, wurde dem Thema sogar eine Titelgeschichte über den neuen Zwang sich in der Wirtschaft auszukennen gewidmet. In einem Interview durfte HÖRHAN sein Anliegen darstellen.

"Handeln Sie antizyklisch!"

"Carl Melchers: Seit der Finanzkrise tun alle so, als müsste sich jeder mit Finanzen auskennen. Ist das nicht eine Zumutung, dass wir das müssen, nur um am Schluss eine kleine Rente zu haben?
            Gerald Hörhan: Nein, also wenn Sie Auto fahren wollen, dann sind Sie sogar gesetzlich gezwungen, in die Fahrschule zu gehen. Wenn Sie eine neue Sprache lernen wollen, gehen Sie in eine Sprachschule. Wenn es um Ihre Altersversorgung, Ihre Gesundheitsversorgung oder die Ausbildung Ihrer Kinder geht, dann sagen die Leute plötzlich: »Das interessiert mich nicht.« Es gibt leider keine vernünftige Ausbildung in Sachen Geld. Dabei betrifft das eigentlich viel fundamentalere Fragen als etwa das Autofahren."
(Jungle World Nr.21 v. 27.05.2010)

Dieses Beispiel zeigt, dass auch Milieus, die bislang wenig mit Finanzdienstleistern zu tun  hatten, gezwungen sind, sich mit den neuen Verhältnissen zu befassen. Eines scheint gewiss zu sein: Auf diesem Gebiet werden zukünftig ständig neue Felder erschlossen werden, die Anbietern vorher nicht vorhandene Karrierechancen ermöglichen und ein Umdenken erzwingen. Reine Abwehrkämpfe sind unter diesen neuen Bedingungen nicht zu gewinnen.     

Fazit: Die verlorene Generation Golf gehört ins Reich der Mythen, auch wenn  Wohlstandskonflikte in der Mittelklasse zukünftig vermehrt auf der Tagesordnung stehen werden.

Die Frage wie sich die Mittelschicht, die hier insbesondere auch unter Berücksichtigung der öffentlichen Inszenierungen um die Generation Golf betrachtet wurden, zukünftig entwickelt, ist eine komplexe Frage, die von vielen Faktoren bestimmt wird. Thilo SARRAZINs Buch Deutschland schafft sich ab und Frank HERTELs Buch Knochenarbeit repräsentieren - wie in diesem Beitrag deutlich gemacht wurde - zwei zentrale Aspekte dieser Medaille.
            In wieweit die Mittelschicht tatsächlich verschwinden oder schrumpfen wird, wie das in derzeitigen Bestsellern beschworen wird, ist eine Frage der Machtverhältnisse in Deutschland. Entgegen dem symbolischen Kampf in der öffentlichen Debatte, die Teil dieses Kräftemessens ist, ist die weitere Dynamik in der Mittelschicht abhängig von den weiteren politischen Reformen des Wohlfahrtsstaates und den Entwicklungen in der Privatwirtschaft.
            Die Abschaffung Deutschlands steht nicht auf dem Programm, wohl aber die Neujustierung des Wohlfahrtsstaates, bei der 2011 u. a. der Kampf um die Pflegeversicherung ansteht. Wie bereits bei den Rentenreformen der vergangenen Jahre, geht es hier um die weitere Durchsetzung des gewährleistenden Staates. Die netten Jahre sind in Zeiten einer neu beschworenen Bürgerlichkeit vorbei.

 
     
 
       
   

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Update: 09. Dezember 2016