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Winterthema

 
       
   

Knochenarbeit - Die netten Jahre sind vorbei, Teil 2

 
       
   

Die Generation Golf in der Jobkrise revisited. Oder: Deutschland schafft sich ab

 
       
     
   
     
 

Einführung

Im Herbst 2002 befasste sich single-generation.de mit der Generation Golf in der Jobkrise . Damals wurden die 1965 - 1975 Geborenen in verschiedene Generationseinheiten unterteilt. Die Generation Golf wurde als männliche Modernisierungsgewinner der Mittelschicht u. a. gegen Modernisierungsverlierer, die Frauen der Generation Ally und die Ostdeutschen abgegrenzt. Und es wurde gefragt, ob es richtig ist, dass die Generation Golf als eine verlorene Generation angesehen werden kann. Das Fazit lautete damals:

Die Generation Golf in der Jobkrise Anfang des Jahrtausends

Inwieweit die Lebenspläne der Generation Golf nur kurzfristig aufgeschoben, aber nicht aufgehoben sind, das muss sich erst zeigen.
            Bislang ist jedenfalls nicht ausgemacht, dass die Generation Golf eine verlorene Generation ist. Die Aufmerksamkeit, die dem Phänomen gewidmet wird, zeugt davon, dass diese Generation eine starke Lobby in der Mitte hat. Davon wagten frühere Generationen kaum zu träumen.

Acht Jahre später soll hier gefragt werden: Was ist aus der verlorenen Generation der männlichen Mittelschichtangehörigen der 1965 - 1975 Geborenen geworden? Der FAZ-Journalist Jochen BUCHSTEINER, Jahrgang 1965, sprach damals vom Betrug an der Elite. FAZ-Journalist Sascha LEHNARTZ, Jahrgang 1969, sprach von der abservierten Elite

Alles, was zählt

"Nun hat die Wirtschaftskrise auch das Nervenzentrum der Gesellschaft erreicht, die etablierte Mittelschicht: Ehrwürdige Unternehmen (...) entlassen (...) Mitarbeiter (...).
Besonders hart trifft es die Berufsanfänger, die - deutscher Betriebsratslogik entsprechend - am einfachsten zu kündigen sind. Viele von ihnen gelten als solche, die 'alles richtig gemacht' haben (...) Menschlich wiegt ihr Schicksal nicht schwerer als das eines entlassenen Bauarbeiters bei Holzmann (...). Politisch aber bedeutet der Betrug an den nachwachsenden Eliten eine neue Dimension.
Wenn denjenigen, die dafür erzogen wurden, Verantwortung in diesem Land zu übernehmen, die Perspektive geraubt wird, ist mehr als der 'soziale Frieden' in Gefahr. Dann droht das Fundament des Gemeinwesens zu bröckeln: der Bestand an gemeinsamen Werten, der sich über alle Generationswechsel hinweg erhalten hat - allen voran das Vertrauen in die Qualität des politisch-wirtschaftlichen Systems."
(Jochen Buchsteiner in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom  14.07.2002)

Die abservierte Elite

"Daß die Krise ausgerechnet sie erfassen könnte, stand nicht in ihrem Karriereplan. Menschen, für die es immer nur aufwärtsgehen sollte, stellen fest, daß es für ihren Traumjob keine Planstelle mehr gibt. Oder - was erheblich deprimierender ist - sie verlieren den Traumjob, weil man es in Deutschland für sozialverträglich hält, in Krisenzeiten die jüngsten Mitarbeiter zuerst zu entlassen. 'An Ihrer Leistung lag es nicht', ruft man ihnen noch nach. An 'Betriebszugehörigkeit' fehlte es. Ein Land, das in jüngster Zeit wirtschaftlich nicht geglänzt hat, schickt branchenübergreifend seine meistversprechenden Kräfte in die Warteschleife und wurschtelt mit denen weiter, die den Karren vor die Wand gefahren haben."
(Sascha Lehnartz in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom  21.07.2002)

BUCHSTEINER ist immer noch bei der FAZ und arbeitet dort als Asien- und Australienkorrespondent. 2005 hat er das Buch "Die Stunde der Asiaten" veröffentlicht. Sascha LEHNARTZ schreibt inzwischen auch für Welt und Süddeutsche Zeitung und hat ebenfalls 2005 das Buch Global Players veröffentlicht, nachdem sich die Revolte der Bürger gegen die Wiederwahl von Gerhard SCHRÖDER im Sande verlaufen hat . Auch Florian ILLIES, dem Klassensprecher der Generation Golf, hat die Jobkrise nicht geschadet. Er etablierte das Kunstmagazin Monopol und ist danach zusammen mit Jens JESSEN Ressortleiter Feuilleton und Literatur der ZEIT geworden. Der nächste Karrieresprung steht kurz bevor.
            Man sollte also meinen die Generation Golf hätte keinen Grund mehr zum Klagen. In den letzten Jahren hat sich aber - trotz schwarz-gelbem Wunschbündnis - die Stimmung in der Mitte verschlechtert. Abstiegsängste gehen um und Bücher über den Niedergang Deutschlands haben Konjunktur. Die Generation Leistungsträger will schöner leben in der Dauerkrise . Heftige Debatten um Peter SLOTERDIJK und Thilo SARRAZIN haben zu einem härteren Ton geführt. Der "Kuschelsound" der vergangenen Jahre ist den neuen Klartext-Rednern gewichen. Zwei Bücher sollen deshalb im Mittelpunkt stehen, weil sie den neuen Sozialdarwinismus der gesellschaftlichen Mitte verkörpern.

Aber auch die Soziologie und die Politik beschäftigen sich inzwischen mit der Frage, ob die gesellschaftliche Mitte bedroht ist, wie das populärwissenschaftliche Sachbuch Mitte und Maß von Herfried MÜNKLER, der wissenschaftliche Sammelband Dynamiken (in) der gesellschaftlichen Mitte, herausgegeben von Nicole BURZAN und Peter A. BERGER oder das Buch Wohlstandskonflikte von Berthold VOGEL zeigen.

Die netten Jahre sind vorbei, heißt ein programmatischer Buchtitel dieses Herbsts und der Erfolg des Buches Deutschland schafft sich ab von Thilo SARRAZIN zeigt, dass dies durchaus richtig ist. Die Klartextredner wollen einen anderen Sozialstaat. Eigenverantwortung ist der Schlüsselbegriff. Wer arm ist, der ist kein Opfer der Verhältnisse, sondern selber schuld an seiner Situation. Das gilt gemäß SARRAZIN insbesondere für Hartz IV-Empfänger.

Deutschland schafft sich ab

"Wenn der Regelsatz eine ausgewogene, abwechslungsreiche und ausreichende Ernährung erlaubt, dann haben die Empfänger von Transferzahlungen, die sich und ihre Kinder nicht gesund und in jeder Hinsicht adäquat ernähren, ein Einkommens- oder Armuts-, sondern ein Verhaltensproblem. Damit wird aus einer Forderung an die Gesellschaft eine Forderung an das Individuum und aus der Gesellschaftskritik eine Individualkritik." (2010, S.119)

Während SARRAZIN bis vor kurzem im Vorstand der Bundesbank war und damit zu den besseren Kreisen in Deutschland zählt, also mindestens zur oberen Mittelschicht gehört, als Bestseller-Autor und dank großzügiger Pension nun gar zur Oberschicht zu rechnen ist, gehört der Soziologe Frank HERTEL, Jahrgang 1971, mit 38 Jahren immer noch zu jenen, die noch nicht im Mittelschichts-Berufsleben etabliert sind. An der richtigen Einstellung im Sinne von SARRAZIN mangelt es ihm jedoch nicht. Er sieht sich und seine Kollegen nicht als Opfer, sondern als jemand, der selber schuld an seiner Situation ist.

Knochenarbeit

"In meiner Fabrik herrscht die Dummheit. Sie wird unterstützt von der Faulheit, dem Wahnsinn, der Krankheit und der Unordnung. (...) Ich kann diese Dummheit nicht argumentativ nachweisen, und doch scheint sie mir zu existieren und eine Wurzel der sozialen Ungleichheit zu sein. Bietet unser Land nicht alle Chancen, die man nutzen kann, wenn man intelligent genug ist? (...).
          
 Früher dachte ich, die Oberschicht sei böse. Jetzt denke ich, die Unterschicht ist dumm. Das ist eine Kurve, die ich gar nicht nehmen wollte. Nun bin ich aber durch und kann sie nicht mehr verleugnen. Meine Kollegen sind in der Mehrzahl dumme Menschen. Ich selbst muss ein Dummkopf sein, wenn ich nur dort Arbeit finde. (...).
          
 Wir sind keine Opfer, sondern unbegabte Trottel. Das tut weh, aber ich glaube, es stimmt.
          
 Etwas ist in mir kaputtgegangen. Meine Hoffnung wurde enttäuscht. Ich glaube nicht mehr daran, dass den Menschen (...) geholfen werden kann. (...). Ich glaube jetzt, dass sich jeder selber helfen muss. Und ich bin sicher, dass die Zukunft viele Verlierer und nur wenige Gewinner sehen wird. Man könnte fragen, was man gegen die Dummheit tun kann, aber das wäre eine soziologische Frage, und ich glaube nicht mehr an die Soziologie. Die Aufklärung ist gescheitert." (2010, S.30f.)

Knochenarbeit - eine Sozialreportage über die Unterschicht oder die verunsicherte Mittelschicht in Deutschland?

Man könnte HERTELs Buch als Beispiel einer Sozialreportage auffassen, wie sie neuerdings von Soziologen wie Berthold VOGEL gefordert wird, um den gesellschaftlichen Wandel besser in den Blick zu bekommen, denn die bisherige Sozialstrukturforschung, die das Bild einer nivellierten Mittelschichtgesellschaft gemalt hat, ist nicht in der Lage die gegenwärtige Unzufriedenheit der Mittelschicht in allen ihren Facetten zu fassen.

Wohlstandspanik und Statusbeflissenheit. Perspektiven auf die nervöse Mitte der Gesellschaft

"Wer etwas darüber erfahren möchte, in welcher Weise und in welche Richtung sich soziale Strukturen und Lebensverhältnisse im neuen Wohlfahrtsstaat zu verändern beginnen - und wir befinden uns ja in vieler Hinsicht erst am Beginn der Neujustierung des Verhältnisses von Staat und Gesellschaft - ,der ist in starkem Maße auf die Quelle der Sozialreportage angewiesen. Für eine Exploration und eine erste Systematisierung angelegte Soziologie gesellschaftlichem Wandels ist dies kein ungewöhnlicher Bezugspunkt (...). Die soziologisch sensible und informierte Reportage ist eine gute gesellschaftswissenschaftliche Tradition. (...). Das aufmerksame und neugierige Umherschweifen sowie das Protokollieren des Unfertigen sind die Leitprinzipien solcher an Gesellschaftsdiagnostik orientierter journalistischer Arbeit." (2010, S.27)

Wenn man HERTELs Frontbericht aus der Wohlstandsgesellschaft - so der Untertitel - als Sozialreportage liest, dann stellt sich die Frage: Handelt es sich um eine Sozialreportage über die Unterschicht - wie der Klappentext es nahe legt - oder über das Unbehagen eines Mittelschichtlers über die gesellschaftliche Realität in Deutschland?
            Gegen eine Sozialreportage im ersten Sinne spricht, dass die Arbeit in der Billigfirma lediglich in der ersten Hälfte des Buches im Mittelpunkt steht. Die Kollegen in der Billigfirma dienen eher der Illustrierung von Sachverhalten als dass sie dem Leser näher kommen. Die Reportagen von Matthias HORX oder die Romane von Michel HOUELLEBECQ kommen einem in den Sinn, aber nicht Günter WALLRAFF. Es bleiben meist bloße Typen, die einem menschlich nicht näher kommen. HERTEL sieht sich selber als Feldforscher.

Knochenarbeit

"Ich bin zwar Soziologe, aber ich muss zugeben, dass ich auch aus der Soziologie geflohen bin. Nach meinem Studium habe ich einige philosophische Bücher gelesen und dort die Antworten gefunden, die mir die Soziologie nicht bieten konnte. In der Soziologie fand ich nur die Feldforscher interessant. Und jetzt bin ich selber einer. Jeder kann übrigens Feldforscher werden. " (2010, S.121)

Für einen Ethnologen der Arbeitswelt beschreibt HERTEL zu wenig. Es überwiegt stattdessen das Einordnen in Schubladen und das Erklären. Bei dieser teilnehmenden Beobachtung liegt der Schwerpunkt eindeutig auf dem Teilnehmen, statt auf der Beobachtung. Deshalb liest man diese Sozialreportage auch besser als Einblick in die Welt eines Mittelschichtangehörigen, der seine Position in der Gesellschaft noch nicht gefunden hat. Denn dann stehen nicht die Kollegen in der Billigfirma im Mittelpunkt, sondern der Blick des temporären Billigarbeiters aus der Mittelschicht. Und in dieser Hinsicht ist das Buch durchaus erhellend.

Berufseinstieg und Etablierung im Beruf als Problem der Mittelschicht

Was passiert, wenn man erkennen muss, dass es mit einem Hochschulabschluss heutzutage nicht mehr getan ist? Wenn man 200 Bewerbungen schreibt und nur Absagen erhält? Wenn das Ende des Studiums nicht mehr Monate, sondern Jahre zurück liegt? Die einen geben es irgendwann ganz auf, die anderen - dazu gehört HERTEL - warten weiter auf ihre Chance, aber die Einstellung verändert sich mit der Zeit. Für HERTEL ist die Sache jetzt klar: Er hat für die neue Zeit bislang die falsche Einstellung gehabt.

Knochenarbeit

"Die Ungleichheit nimmt zu. Der Klassenkampf kehrt zurück. Jetzt muss man wissen, auf welcher Seite man steht. Das fällt mir schwer. Bin ich für die Reichen, oder bin ich für die Armen? Ich will für beide sein, aber ich glaube, das geht nicht. Man muss sich entscheiden. Und ich bin entscheidungsschwach. Ich bin unentschlossen. So wie mir geht es vielen in meiner Generation. Wir wollen reich sein, aber nicht böse. Wir wollen gute Menschen sein und trotzdem genug Geld auf dem Konto haben. Aber irgendwie klappt das nicht ganz. Denn nur die harten Hunde kriegen den Erfolg. Die Entschlossenen und Entscheidungsstarken. Wir sind nicht so und wollen auch nicht so sein, so angepasst und stromlinienförmig. Wir versuchen in der Mitte zu bleiben. Wir wollen die Balance halten. Wir wollen weder arm noch reich sein, wir wollen einfach mittelmäßig sein, durchschnittlich. So wie früher. Aber das geht nicht. Denn die Mitte verschwindet." (2010, S.123)

Man muss heutzutage härter werden. Während SARRAZIN keine Skrupel kennt, spürt man bei HERTELs Buch die Unentschiedenheit. Auf der einen Seite gibt er den Macho, auf der anderen Seite möchte er seine Weltsicht gegen jegliche Kritik immunisieren.
            Natürlich verschwindet die Mitte nicht, darin ist sich die Sozialforschung einig, aber die Mitte ändert ihre Gestalt und das ist nichts Neues. Wohin Deutschland treibt, das steht nicht fest, sondern entscheidet sich Tag für Tag neu. Der Sammelband von BURZAN & BERGER zeigt eine mögliche Bandbreite auf. Der Niedergang ist kein Naturgesetz wie es bei SARRAZIN erscheint, sondern er entscheidet sich auch in der politischen Arena.
            HERTEL malt von der Soziologie ein Bild, das längst nicht mehr stimmt. Mit der Soziologie der 1970er Jahre, die bei HERTEL kritisiert wird, hat die gegenwärtige Soziologie kaum mehr etwas zu tun. Auf dieser Website wird die Individualisierungsthese von Ulrich BECK, die in den 1980er Jahren entstand und in den 1990er Jahren viele Bereiche dominierte, harsch kritisiert .
            Der kürzlich erschienene Sammelband von BURZAN & BERGER zeigt, dass die Individualisierungsthese durch die veränderten Verhältnisse nach der Jahrtausendwende unter Druck geraten ist. Im Beitrag von Michael VESTER wird deshalb versucht, den Gestaltwandel neu zu beschreiben. Das Zwiebelschalenmodell der nivellierten Mittelschichtgesellschaft hat ausgedient, aber was tritt an seine Stelle? VESTER beschreibt die Veränderungen seit den 1990er Jahren als Gestaltwandel der Berufsgliederung. "Orange",  "Pyramide" oder "Eieruhr"? stellt sich die Frage für VESTER. Das Drohszenario der  "Pyramide" findet sich bei Thilo SARRAZIN, das schließlich naturgesetzartig und unabwendbar in den Untergang mündet.

Deutschland schafft sich ab

"- Die (...) Verschiebung der Bevölkerungsstruktur zu weniger intelligenten beziehungsweise bildungsferneren Schichten (...) geht einher mit einer durchschnittlich geringeren Aufgeschlossenheit gegenüber dem Erwerb von Wissen sowie mit einer geringeren Fähigkeit, dieses zu erwerben.
- Nach der Gaußschen Normalverteilung der Intelligenz gilt, dass jeder geringfügige Rückgang der durchschnittlichen Intelligenz mit einer überdurchschnittlichen Abnahme des Anteils der Hochbegabten verbunden ist (...).
- Die Kombination von weniger Menschen im erwerbsfähigen Alter, steigendem Durchschnittsalter, sinkender durchschnittlicher Intelligenz sowie wachsender Bildungs- und Kulturferne beeinträchtigt in der Summe das künftige intellektuelle Potential Deutschlands erheblich." (2010, S.345f.)

In gemäßigter Form findet sich die Pyramide auch bei Gerald HÖRHANs Bestseller Investment Punk. Das Buch versucht zu erklären, warum die Mittelschicht schuftet, während das neue Finanzbildungsbürgertum (Beat WEBER) reich wird.

Investment Punk

"Das globale ökonomische System war niemals für eine große Mittelschicht ausgelegt. In Europa und allen anderen industrialisierten Teilen der Welt wird es bald wieder so sein, wie es in der Geschichte der menschlichen Zivilisation fast immer war und wie es dem Grundprinzip dieses Systems entspricht:

Es wird wenige geben, die viel haben werden,
und viele, die nichts haben.
"
(2010, S.10)

Die "Pyramide" stellt für HÖRHAN die Normalität der gesellschaftlichen Einkommens- und Vermögensverteilung dar, während die "Zwiebel" bzw. die "Orange" - also eine breite Mittelschicht - die Ausnahme einer goldenen Epoche war. Auch Frank HERTEL beschwört ein Drohszenario, das zwischen "Pyramide" und "Eieruhr" angesiedelt ist, d.h. er prognostiziert ebenfalls ein Schrumpfen der Mittelschicht. Ihm zufolge wird sich jedoch die Mittelschicht - im Gegensatz zur Unterschicht - nicht mit den drohenden Verhältnissen abfinden.

Knochenarbeit

"Wenn bei uns überhaupt einer rebelliert, dann sicher nicht die von ganz unten, sondern eher die Leute aus der Mitte. Die Politik weiß das. Deshalb umgarnt sie diese Mitte ganz offiziell. Aber die Mitte verschwindet. Sie spaltet sich in oben und unten. Ein Viertel geht nach oben, drei Viertel fallen runter. Wenn die aus der Mitte Gefallenen zahlreich in die Billigfirmen kommen, wird es wohl einigen Wirbel geben." (2010, S.108)

Auch der Soziologe Berthold VOGEL sieht in seinem Buch Wohlstandskonflikte den politischen Druck aus der Mitte kommen, wie Alexandra MANSKE in ihrer Rezension des Buches in der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie ausführt. Im Gegensatz zu HERTEL kommt der politische Druck aber nicht von Akademikern, die wie HERTEL temporär in Billigfirmen arbeiten müssen, sondern von der Industriearbeiterschaft und den Beschäftigten im Öffentlichen Dienst.

Wohlstandskonflikte

"Die These des Buchs lautet, dass sich die aktuelle soziale Frage weniger an der wachsenden Zahl der Armen entzünde, als an zerstörten sozialen Aufstiegshoffnungen und den Abstiegsdrohungen ehemals hegemonialer Mittelklassemilieus der Aufsteigergesellschaft der Nachkriegsjahre. Als typische Repräsentanten der sozialen Mitte klassifiziert der Autor die Industriefacharbeiterschaft und die Beschäftigten des Öffentlichen Dienstes, da sie den Kern der Arbeitnehmergesellschaft ausmachen würden und insofern Repräsentanten des »Formverlustes« der Arbeitsgesellschaft seien".
(aus: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, September 2010, S.563)

Für den Sozialstrukturforscher Michael VESTER ist noch nicht entschieden, ob wir der "Pyramide" entgegensteuern, sondern dies hängt für ihn von den Entscheidungen in Politik und Wirtschaft ab. Der "Pilz" scheint das zu sein, was SARRAZIN vorschwebt, wenn er per qualitativer Bevölkerungspolitik Deutschland vor dem Untergang retten möchte. Michael VESTER sieht aber gerade in dieser "Flucht in das Pilzmodell" das Hauptproblem Deutschlands.

"Orange", "Pyramide" oder "Eieruhr"? Der Gestaltwandel der Berufsgliederung seit 1990

"Der vom internationalen Exportwettbewerb ausgeübte Druck auf Arbeitsverdichtung und Höherqualifikation kann durch eine extreme Flucht in das 'Pilzmodell' - übermäßige Expansion und Privilegierung der Höchstqualifikationen bei Dezimierung und Entwertung der mittleren und gehobenen Fachqualifikationen - nicht bewältigt werden. (...). Die kommenden Konflikte werden sich nicht nur um die Entwicklung der Höherqualifizierung, sondern auch darum drehen müssen, ob die mittleren und unteren Qualifikationsebenen unterbewertet und unterbezahlt sind. Dabei geht es auch um die bisherigen Strukturen des industriellen Exportmodells der BRD. Dieses Modell bedarf einer besseren 'Balance' mit den für die inländischen Nachfrage und Entwicklung wichtigen Bildungs-, Gesundheits- und Sozialdienstleistungen". (2010, S.70)

Für VESTER zeigen internationale Vergleiche, dass in Deutschland das Potenzial der Humandienstleistungen noch nicht ausgeschöpft ist. VESTER betrachtet in seinem Beitrag vor allem den Produktionssektor und die damit verbundenen Dienstleistungsbereiche, also nur einen Teilbereich der gesellschaftlichen Mitte. Wenn der bisherige Trend in diesem Bereich so weiter geht, dann könnte die Berufsgliederung die Form einer "Eieruhr" annehmen.

"Orange", "Pyramide" oder "Eieruhr"? Der Gestaltwandel der Berufsgliederung seit 1990

"eine neue komparative Studie von Oesch und Rodriguez (2009) (stellte)(...) für die Periode 1990-2008 ein massives berufliches upgrading fest, und zwar in Gestalt eines polarisierten uprgradings, das allerdings in Deutschland erst nach 1996 (...) eingesetzt hat (...). Dies bedeutet, dass die Beschäftigung in den mittleren Berufsgruppen stärker zurückging als in den unteren. Bei diesem upgrading wirken, so die Autoren, auf dem Arbeitsmarkt drei Faktoren zusammen: der technologische Wandel auf der Nachfrageseite, die Zunahme qualifizierter Fachausbildungen auf der Angebotsseite und die Art der tarifpolitischen Institutionen, die beides regulieren (...).
Das Muster eines polarisierten, die Mitte ausdünnenden uprading wird auch von unseren Berechnungen für die Bundesrepublik bestätigt (...)." (2010, S.68)

Es wird also zukünftig in den von VESTER beschriebenen Bereichen zu Verteilungskämpfen kommen, deren Ausgang über die weitere Entwicklung mitentscheiden.
            Für Berthold VOGEL ist die Entstehung einer breiten Mittelschicht eine Konsequenz der Nachkriegsentwicklung zum Wohlfahrtsstaat. Gemäß VOGEL prägte die Bildungsexpansion und der Ausbau des Wohlfahrtsstaates die Aufsteigergesellschaft der Nachkriegsjahre. Insbesondere die Entwicklung des öffentlichen Dienstes prägte das Bild von der neuen Mittelschicht, der so genannten Dienstklasse, im Gegensatz zur alten Mittelschicht, dem selbständigen Unternehmertum. Von der Expansion bzw. vom Schrumpfen des öffentlichen Dienstes waren die Berufsanfänger der verschiedenen Generationen unterschiedlich betroffen. Profiteure des Ausbaus des Wohlfahrtsstaates sind für VOGEL die gut Gebildeten der um 1950 Geborenen.

Wohlstandskonflikte

"Die empirischen Analysen zeigen, dass aufeinanderfolgende Kohorten unterschiedlich in ihren beruflichen und erwerbsbiographischen Chancen beeinflusst wurden. So stieg der Anteil der Berufsanfänger, die im staatlichen Sektor Beschäftigung fanden, von 12,7 Prozent bei der Kohorte zwischen 1929 und 1931 Geborenen auf 15 Prozent der Kohorte 1939-1941 und schließlich auf 24,1 Prozent in der Kohorte 1949-1951. Als erste Faustregel im Verhältnis von Sozialstrukturentwicklung und wohlfahrtsstaatlicher Expansion gilt: Die Generation der um 1950 Geborenen konnte in besonderer Weise vom Ausbau des Wohlfahrtsstaates profitieren.
(...).
Die wahren Profiteure staatlicher Beschäftigungsexpansion sind aber ohne Zweifel die Hochschulabsolventen, die mit 30,1 Prozent den größten Zuwachs beim Berufseinstieg in den öffentlichen Sektor erreichen konnten. Der beschleunigte Ausbau personalintensiver öffentlicher Leistungen und sozialer, erzieherischer, therapeutischer und medizinischer Dienste sowie die deutliche Zunahme von qualifizierten Dienstleistungspositionen hat seit den 1960er und 1970er Jahren die Nachfrage nach höherer Qualifikation deutlich verstärkt.
(...).
Der Arbeitgeber und der Arbeitsort Staat wurden zu einem Sammelbecken der Akademikerbeschäftigung. Die durchschnittliche (Bildungs-)Qualifikation der Staatsbediensteten lag daher deutlich höher als in den privatwirtschaftlichen Sektoren des Arbeitsmarktes, obgleich sich auch hier der Trend einer tendenziellen Höherqualifikation zeigt. Die Entwicklung markiert schließlich auch den grundlegenden Strukturwandel der industriellen Gesellschaft." (2009, S.149ff.)

Insbesondere die 68er-Generation (Jahrgänge 1938 - 1947) profitierten als Berufsanfänger von den neu entstehenden Laufbahnen im Bereich der Dienstklassen wie der Stellenzuwachs von 15 auf 24,1 Prozent bei den Jahrgängen 1939 - 1951 deutlich macht. VOGEL spricht von der neuen Mittelschicht als "staatsgebundenen Mittelklasse".
            Im Gegensatz zur öffentlichen Debatte um Wohlfahrtsgenerationen , die sich lediglich auf den engeren Bereich der Sozialversicherungssysteme beschränkt, geht es VOGEL um den großen Bereich staatlicher Wohlfahrt, der auch die Infrastruktur von Krankenhäusern bis zur Telekommunikation und Verkehr umfasst. Und es geht hier nicht primär um die Sozialstaatsklientel bzw. die so genannten Versorgungsklassen (LEPSIUS), sondern um die Anbieterseite staatlicher Leistungen. Wenn man von Verlierer- und Gewinnergenerationen spricht, dann zeigen sich auch Differenzen, je nachdem welche Aspekte in den Blick geraten und welche ausgeblendet werden. In der Sicht von VOGEL gehören aber nicht nur die 68er-Generation, sondern insbesondere auch die Frauen der Generation Golf zu den Profiteuren der Entwicklungen im Bereich des Wohlfahrtsstaates wie ein Blick auf die 1990er Jahre zeigt.

Wohlstandskonflikte

"Frauen stellen mittlerweile mehr als die Hälfte der öffentlich Bediensteten. In den 1990er Jahren konnten sie insbesondere im höheren Dienst und bei den Beamten ihren Beschäftigungsanteil noch einmal steigern. Zudem werden immer häufiger und regelmäßiger auch Führungspositionen in der öffentlichen Verwaltung von Frauen eingenommen bzw. besetzt. Die letzte Faustregel lautet: Junge und gut ausgebildete Frauen konnten in besonderer Weise von der Expansion des Wohlfahrtsstaates profitieren und vermochten sich dauerhaft in den Arbeitsmärkten der öffentlichen Dienste zu etablieren.
»Vater Staat« entwickelte sich seit den 1960er Jahren zur Mutter qualifizierter Frauenbeschäftigung. Vor allem hat sich mit dem Ausbau der Bildungseinrichtungen das Verhältnis der Frauen zu Bildung, Arbeit und Beruf langfristig und dauerhaft verändert. Die Frauen repräsentieren eine starke Kerngruppe der wohlfahrtsstaatlich formierten Aufsteigergesellschaft." (2009, S.153f.)

Vor diesem Hintergrund der Aufsteigergesellschaft müssen nun die neueren Entwicklungen in der Mitte der Gesellschaft nach der Jahrtausendwende betrachtet werden. VOGEL beschreibt die aufbrechenden Wohlstandskonflikte mit den Begriffen "prekärer Wohlstand" und "soziale Verwundbarkeit". Bevor darauf näher eingegangen wird, soll zuerst gefragt werden, wie sich die Situation für die Mittdreißiger der Generation Golf darstellt.
            Einblicke gewährt das Buch Die Wendegeneration von Karl Ulrich MAYER & Eva SCHULZE, das sich dem prominenten Jahrgang 1971 widmet.

Die Wendegeneration

"Heike Makatsch, Moritz Bleibtreu, Nadja Auermann, der Biathlet Sven FISCHER, der »Generation Golf«-Autor Florian Illies und der Wirtschaftsminister Freiherr zu Guttenberg, aber auch der Schriftsteller Jakob Hein und der Radprofi Sven Voigt, haben eines gemeinsam: Alle sind 1971 geboren und gehören daher zu unserer Wendegeneration. Sie sind das »erfolgreiche« Gesicht dieses Jahrgangs. Was wurde aus den anderen? Welche Lebenschancen hatten junge Ostdeutsche und Westdeutsche in den achtziger und neunziger Jahren und zu Beginn des Jahrtausends? (...). Wie »privilegiert« waren die jungen Westdeutschen durch den Zufall ihrer Geburt im Vergleich mit den altersgleichen Ostdeutschen? (2009, S.223)

Dem Jahrgang 1971 gehören sowohl Florian ILLIES als auch Frank HERTEL an. Beide repräsentieren das Spektrum der männlichen westdeutschen Akademiker. Das Buch von MAYER & SCHULZE beansprucht die Lebensverläufe der 1971 Geborenen zu beschreiben. Es müssen jedoch Abstriche gemacht werden, da weder die gesellschaftlichen Ränder, noch die von VOGEL in den Blick genommene staatsgebundene Mittelklasse ausreichend im Fokus steht.
            Breiten Raum nehmen Beschreibungen typischer Lebensverläufe für die vier Gruppen West- und Ostfrauen bzw. West- und Ostmänner ein, die vor dem Hintergrund quantitativer Daten sozusagen den gesellschaftlichen Mainstream darstellen. Dadurch geht die Pluralität verloren, aber es werden zumindest die Grundzüge der Entwicklungen deutlich, die bis Mitte des Jahrtausend die Lebensverläufe prägten.
            Es zeigt sich hinsichtlich der Arbeitslosigkeitserfahrungen  (und nicht nur in dieser einen Hinsicht) ein deutlicher Ost-West-Unterschied, der sich in den Jahren 1997 bis 2002 herausbildete, was rechtfertigt von unterschiedlichen Generationseinheiten zu sprechen, entgegen den in den Medien populären Konstruktionen einer gesamtdeutschen Generation .

Die Wendegeneration

"Ost- und Westdeutsche (unterschieden sich) relativ wenig in ihrer Arbeitslosigkeitserfahrung an der Schwelle zwischen beruflicher Ausbildung und erster Erwerbstätigkeit (...). Und in Fällen von Arbeitslosigkeit dauerte diese relativ kurz. (...). Wenn wir nun die ersten 12 Jahre nach der Wiedervereinigung betrachten, zeigt sich aber ein völlig anderes Bild. Etwa zwei Drittel der ostdeutschen Männer machten Erfahrung mit Arbeitslosigkeit - im Gegensatz zu rund einem Drittel bei westdeutschen Männern. Frauen im Osten waren fast so häufig arbeitslos wie ostdeutsche Männer und ebenfalls um über die Hälfte häufiger als westdeutsche Frauen. (...). Ein zweiter Aspekt der Arbeitslosigkeit ist die Dauer der verschiedenen Arbeitslosigkeitsphasen. Hier unterscheiden sich ost- und westdeutsche Männer kaum voneinander, was darauf hindeutet, dass es im Osten mehr Arbeitslosigkeitsepisoden gab, die aber als Sucharbeitslosigkeiten jeweils kürzer waren. Ostdeutsche Frauen hingegen waren doppelt so lange arbeitslos wie westdeutsche Frauen. Es war für sie also besonders schwierig, nach Freisetzungen wieder eine Erwerbstätigkeit zu finden." (2009, S.147f.)

Die Ost-West-Unterschiede durchziehen aber auch Geschlechterunterschiede wie die unterschiedliche Dauer von Arbeitslosenepisoden zeigt. Die Situation des Jahrgangs 1971 Mitte des Jahrtausends sehen MAYER & SCHULZE im Vergleich zu anderen Jahrgängen differenziert. Hinsichtlich des Ausmaßes der Betroffenheit von Arbeitslosigkeit finden sie keine nennenswerte Unterschiede, doch dauert die Arbeitslosigkeit bei der Wendegeneration länger, wobei sowohl geschlechtsspezifische als auch Ost-West-Unterschiede erkennbar sind.

Die Wendegeneration

"Die quantitativen Auswertungen zeigen, dass der Jahrgang 1971 zwar in Ost und West - im Vergleich zu allen und vor allem älteren Erwerbstätigen - eher unterdurchschnittliche Arbeitslosigkeitsquoten aufwies. Aber dessen ungeachtet war die erfahrene Arbeitslosigkeit und deren kumulative Dauer von erschreckendem Ausmaß: Zwei Drittel der Ostdeutschen hatten bis zum Alter von 34 Jahren Erfahrungen mit Arbeitslosigkeit im Vergleich zu einem Drittel im Westen. Für Männer in Ost und West sowie für die Frauen im Westen summierten sich Arbeitslosigkeitsphasen auf insgesamt etwa ein Jahr, für ostdeutsche Frauen auf fast zweieinhalb Jahre. Trotz der schwierigen Arbeitsmarktlage war die Erwerbsbeteiligung der Ostfrauen höher als die der Westfrauen. Sie unterbrachen wegen der Geburt von Kindern seltener und für kürzere Zeiten als die Westfrauen. (2009, S.171)

Die berufliche Mobilität, d.h. Arbeitsplatzwechsel, Betriebswechsel oder Berufswechsel, hat gemäß MAYER & SCHULZE im Westen und Osten unterschiedliche Ursachen:  Ostdeutsche waren aufgrund von Transformationszwängen mobil, während die westdeutsche Mobilität durch Wünsche nach Selbstverwirklichung und befriedigender Arbeit verursacht wurde.
            Dieses Urteil scheint jedoch für Westdeutschland zu pauschal, denn die Arbeitsmarktsituation stellt sich je nach Branche ganz unterschiedlich dar. Neuere Untersuchungen für die Zeit nach 2005, die womöglich sogar noch die Auswirkungen der Finanzkrise mit einbeziehen, kommen auch für den Westen zu differenzierten Ergebnissen. Man kann jedoch zumindest festhalten, dass die Rede von einer gesamtdeutschen Generation (89er-Generation von Clauss LEGGEWIE oder die Generation Berlin bei Heinz BUDE) für die Anfang der 1970er Jahre geborenen Männer und Frauen falsch ist.
            Hier soll jedoch im Weiteren der Blick auf die Männer der Generation Golf gerichtet werden. Wie lässt sich die Situation des Sozialwissenschaftlers und Gelegenheitsjobbers Frank HERTEL im Kontext der Entwicklungen in Westdeutschland einordnen?
            Mit Blick auf HERTELS Situation sprechen Jens AMBRASAT und Martin GROß von "strukturierter Individualisierung". Wie die eingangs zitierten Journalisten BUCHSTEINER und LEHNARTZ sehen die Sozialforscher in Deutschland einen segmentierten Arbeitsmarkt, der in offene und geschlossene Positionen gespalten ist. Deshalb ist für sie ein Hochschulabschluss allein kein Garant für eine stabile Beschäftigung.

Strukturierte Individualisierung. Die diversifizierenden Reproduktionsmechanismen der Mittelklassen

"Geschlossene Positionen sind solche, die nur frei werden, wenn der Positionsinhaber sie selbst räumt, während bei offenen Positionen der Arbeitgeber über eine Neubesetzung entscheiden kann.
Mit zunehmendem Grad der Schließung einer Position entstehen immer größere Vorteile für den Positionsinhaber. Dazu zählt vor allem die günstigere Erwerbs- und Einkommensperspektive. (...). Im Gegensatz dazu haben Inhaber offener Positionen auch mit unfreiwilligen Mobilitätsschritten in Form von Entlassungen (bzw. Nicht-Wiederbeschäftigung bei Auslaufen eines befristeten Vertrages) zu rechnen. (...). Arbeitnehmer in offenen Positionen (lassen) sich auf eher geringe Entlohnungen (ein)(...), um der drohenden Arbeitslosigkeit zu entgehen.
(...).
Deutschland verfügt über einen vergleichsweise rigiden Kündigungsschutz (...) und bietet damit einen eher geschlossenen Arbeitsmarkt. Atypische Beschäftigungsverhältnisse dienen nun gerade dazu, diesen hohen Schließungsgrad aufzubrechen." (2010, S.294)

In ähnlicher Weise beschreibt Holm FRIEBE im Beitrag Digitale Boheme revisited den Wandel entlang einer Spaltung des Arbeitsmarktes in Insider und Outsider.

Digitale Boheme revisited

"Der Soziologe Heinz Bude weist darauf hin, daß mittlerweile in jedem Milieu von den Unterprivilegierten bis zur Managerklasse ein gewisser Anteil »prekär« oder abrutschgefährdet ist: »So zieht sich die unregelmäßige, aber unmißverständliche Linie der sozialen Spaltung durch unsere Gesellschaft. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die den sozialen Wandel verkörpern und den Takt vorgeben, und auf der anderen Seite diejenigen, die zurückbleiben und aus dem Rhythmus kommen.« Wie man die Chancen dieser wachsenden Unsicherheit gerecht verteilt und die Risiken abfedert, daran muß sich die politische Debatte entzünden, die wir ausnahmsweise nicht führen wollten."
(aus: konkret Literatur Nr.35, 2010, S.9)

In der aktuellen Ausgabe der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie vom September 2010 befassen sich gleich zwei Abhandlungen mit der Thematik. Während Karl Ulrich MAYER, Daniela GRUNOW und Natalie NITSCHE vom Mythos Flexibilisierung sprechen, weil die Instabilität der Berufsbiografien von den 1929 Geborenen bis zu den 1971 Geborenen nicht zugenommen haben . Wie weiter oben gesehen, arbeiten die Jammerjournalisten der Generation Golf weiterhin als Journalisten und mussten nicht umsatteln.
            Dagegen sprechen Johannes GIESECKE und Jan Paul HEISIG in ihrem Beitrag von Destabilisierung und Destandardisierung im Hinblick auf die westdeutsche Arbeitsplatzmobilität seit 1984. Betroffen von innerbetrieblichen Veränderungen seien vor allem männliche Berufseinsteiger und männliche Beschäftigte in Großbetrieben. Die Autoren sehen ebenfalls eine Spaltung in Insider (Kernbelegschaften von Großunternehmen) und Outsider (Randbelegschaften in Großunternehmen), die jedoch nicht in erster Linie innerhalb der gut Qualifizierten verläuft, sondern zwischen gut Qualifizierten und gering Qualifizierten und damit entgegen der Individualisierungsthese bestehende Ungleichheiten verschärft.

Destabilisierung und Destandardisierung, aber für wen? Die Entwicklung der westdeutschen Arbeitsplatzmobilität seit 1984

Während "die globale Destandardisierungsthese oftmals mit der »Entstrukturierungs-These« (...), der zufolge Ungleichheiten nach sozialer Klasse oder Bildung an Bedeutung verlören, verknüpft wird, argumentieren andere Autoren (...), dass bestehende Ungleichheiten durch die gestiegenen Flexibilisierungsanforderungen eher verstärkt als nivelliert werden dürften, weil Flexibilisierungspotentiale in erster Linie bei Beschäftigten mit einfachen Tätigkeiten und geringem betriebsspezifischem Humankapital bestehen. Unsere Befunde stützen diese zweite Variante recht eindeutig: Klare Destabilsierungstendenzen können wir nämlich ausschließlich für Geringqualifizierte beiderlei Geschlechts nachweisen. Diese wechselten gegen Ende des Untersuchungszeitraums häufiger den Arbeitgeber und waren häufiger von Übergängen in Erwerbslosigkeit betroffen als zu Beginn."
(aus: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, September 2010, S.428f.)

AMBRASATZ & GROß beschäftigen sich im Gegensatz zu GIESECKE & HEISIG speziell mit dem Arbeitsmarkt für Akademiker. Durch die Segmentierung dieses Arbeitsmarktes gibt es nach AMBRASAT & GROß Verschiebungen im Berufseinstieg.
            Hochschulabschlüsse sind keine hinreichende Bedingung mehr für einen schnellen Einstieg in einen Mittelklasseberuf, sondern nur noch eine notwendige Voraussetzung. Das gilt aber nicht erst für die jetzigen Jahre, sondern bereits Anfang der 1980er Jahre gab es ähnliche Probleme beim Berufseinstieg für Akademiker, nur dass sich damals die Lage wieder weitgehend entspannte, während eine Entspannung derzeit noch nicht absehbar ist.
            AMBRASAT & GROß unterscheiden beim Arbeitsmarkt für Akademiker drei Bereiche: das traditionelle Segment der Normalarbeitsverhältnisse (geschlossene Positionen), das flexibilisierte Segment der offenen Positionen und den Wissenschaftsbereich. HERTEL muss sich im Bereich des flexibilisierten Segments durchschlagen, mit dem sich rund 40 % der Hochschulabsolventen zufrieden geben müssen. Dies liegt auch an der Studienfachwahl, bei der Aufsteiger aus den unteren Schichten jene Bildungsabschlüsse anstreben, die eher eine Festanstellung und hohe Einkommen garantieren.

Strukturierte Individualisierung. Die diversifizierenden Reproduktionsmechanismen der Mittelklassen

"Bedroht die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes die Reproduktion der Mittelklassen trotz des Erwerbs höherer Bildungstitel? Drei zentrale Ergebnisse der hier vorgestellten Studie deuten in diese Richtung.
Erstens findet sich ein erheblicher Teil der Absolventen in unsicheren Beschäftigungsverhältnissen wieder - etwa 40 % der hier befragten Personen beginnen ihre Erwerbskarriere in diesem Bereich. Zweitens werden diese Beschäftigungsverhältnisse (...) schlechter entlohnt (...). Drittens schützt eine Herkunft aus den Mittelklassen nicht vor einer Beschäftigung in diesem benachteiligten Arbeitsmarktbereich. Es finden sich gar Anzeichen besserer Mobilitätsmöglichkeiten für Angehörige der unteren sozialen Schichten: Da Absolventen aus eher einfachen sozialen Verhältnissen zu den Fächern Wirtschafts- und Ingenieurswissenschaften sowie Informatik neigen, diese Fächergruppen aber einen relativen Schutz vor dem flexibilisierten Segment bieten, ergibt sich für diese Absolventengruppe sogar ein leichter Vorteil gegenüber den sozial Bessergestellten." (2010, S.308f.)

Im Heft 3 der Zeitschrift Vorgänge fragen Alexandra MANSKE & Norman LUDWIG Bildung als Statusgarant? Sie sehen für die Kohorten ab den Jahren 1970 den Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Status und Bildung insbesondere bei den Hochqualifizierten gelockert. Dies gilt insbesondere für die Kommunikationsdesignbranche als Teil der Kreativwirtschaft.

Bildung als Statusgarant? Über die lose Verbindung zwischen Qualifikation und Status bei Hochqualifizierten

"Die Kommunikationsbranche ist kurz gefasst von der soziodemografischen Zusammensetzung her hochgebildet, jung, unterbezahlt und hat einen unsicheren, da dauerhaft diskontinuierlichen Erwerbstatus inne.
(...).
Insbesondere der New-Economy-Crash zu Beginn des Jahrtausends sowie die Finanzmarktkrise im Jahr 2008 hatten beschäftigungspolitische Folgen. Beide konjunkturellen Einbrüche mündeten in eine Diversifizierung und Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse. (2010, S.96)

MANSKE & LUDWIG betonen jedoch, dass viele Geistes- und Sozialwissenschaftler die geringeren Einkommen und unsicheren Karrierechancen im Kreativ- bzw. Kulturbereich zugunsten eines attraktiveren Arbeitsfeldes in Kauf nehmen. So träumt auch HERTEL von einer Karriere im kulturellen Bereich, auch wenn dort die zu erzielenden Einkommen nicht unbedingt dem entsprechen, was in anderen Branchen möglich ist. Holm FRIEBE & Sascha LOBO haben in ihrem Buch Wir nennen es Arbeit eine positive Ideologie für das Arbeiten jenseits der Festanstellung entwickelt. Holm FRIEBE sieht in dieser so genannten digitalen Bohème die Agenten des gegenwärtigen sozialen Wandels.

Digitale Boheme revisited

"Wir wollten für den Moment nicht viel mehr sagen, als daß die digitale Boheme eher auf der Seite derer steht, die den sozialen Wandel verkörpern, auch wenn sie ihn nicht verursacht haben. Es sind diejenigen, die sich mit Energie, Geschick und weniger Berechnung den neuen Verhältnissen anpassen. Und unter den gegebenen Umständen ist eine lebenstaktische Entscheidung für mehr Autonomie und Eigenregie vermutlich nicht die dümmste."
(aus: konkret Literatur Nr.35, 2010, S.9)

Zwischen dem Job, den HERTEL in der Billigfabrik absolviert hat, und den Jobs der Kreativen liegen Welten. Das Segment des flexibilisierten Arbeitsmarktes bietet also eine große Spannbreite. Die "echte" digitale Bohème würde solche Jobs, die HERTEL bislang angenommen hat, ablehnen. Aber auch HERTEL ist gewissermaßen ein Mitglied dieser kreativen Klasse. Aber dafür muss er immer wieder Umwege in Kauf nehmen.

Knochenarbeit

"Ich darf meine Erlebnisse zu einem Buch verarbeiten. Das macht mehr Spaß als Fließbandarbeit, ich habe viel mehr Freiheit. Die Maschine, die ich jetzt bediene, funktioniert, kaum einer redet mir rein, ich kann meine Arbeitszeit selbst bestimmen, und wenn ich auf die Toilette gehe, muss ich nicht mehr abstempeln. Ich brauche keine Ablösung, wenn ich eine rauchen möchte. Und ich gehe an die frische Luft, wenn mir danach ist. Ich fahre nach München, ich lese Zeitung, ich sehe fern. Ich bin ganz und gar frei und bekomme trotzdem so viel Geld wie vorher. Das ist sehr komfortabel, und sicher werden mich manche darum beneiden." (2010, S.120)

 
     
 
       
   

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Update: 09. Dezember 2016