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Thema des Monats

 
       
   

Partnersuchende und ihre Ängste

 
       
   

Teil 3 - Wie Selbstunsicherheit, Schüchternheit, Erröten und andere soziale Ängste die Partnersuche erschweren

 
       
     
       
   
     
 

Zitate: Partnersuchende und ihre Ängste

"Ich möchte uns mit Einsiedlerkrebsen vergleichen. Der Einsiedlerkrebs ist vorne hübsch gepanzert und stabil, aber sein Hinterleib ist nackt. Deshalb muß er seine verletzliche Blöße in leeren Schneckenhäusern bergen, wobei der bewehrte Vorderleib aus dem Schneckenhaus herausschaut. Wenn der Einsiedlerkrebs wächst, wird ihm mit der Zeit sein gemietetes Gehäuse zu eng, und er muß notgedrungen in ein größeres umziehen. Welche Qualen muß nicht solch ein Einsiedlerkrebs ausstehen, wenn er sich mit seinem allen Fressern preisgegebenen Hinterteil zu einem neuen Haus vorwagen muß! Wie fruchtbar muß die Zeitspanne für ihn sein, wenn er sein altes schützendes Haus bereits auf Nimmerwiedersehen verlassen hat und noch nicht wissen kann, wo er eine neue, seinen jetzigen Körpermaßen entsprechende Behausung findet! Ich denke mir, solche Einsiedlerkrebse waren wir auch. Vorne waren wir recht bekömmlich gepanzert, aber hinten drohte Blöße. Nur waren wir keine sehr tapferen Einsiedlerkrebse und zogen es vor, unter Qualen im zu engen Haus zu verkümmern."
(aus: Fritz Zorn "Mars", 1977, S.75f.)

"Der spontane Besuch, gewissermaßen das An-die-Tür-Klopfen im Vorübergehen, ist in der Großstadt, zumindest in meinem Milieu, nicht mehr üblich. Man verabredet sich, bevor man jemanden überfällt.
(...). Wir alle haben Angst, aufdringlich zu sein, die intime Sphäre des anderen zu verletzen, und Angst davor, daß die eigene Sphäre verletzt werden könnte."
(aus: Jochen Schimmang "Vertrautes Gelände, besetzte Stadt", 1998)

 "Die Checklisten, mit denen Frauenzeitschriften ihre Leserinnen für die Männerjagd versehen, geben Auskünfte übers Männerbild ihrer Redakteurinnen. (...). Wie findet die Frau ihn nun, den Mann fürs Leben (...)? Unter anderem im Supermarkt, denn einkaufen muß jeder. Dort ist der beste Punkt der Gang mit den Tiefkühlmenus. Männer können natürlich nicht kochen oder sind zu faul dazu (...). Meine eigene Empirie zeigt mir, daß die Tiefkühlboxen eher von Frauen umlagert werden. Es mag aber sein, daß die gar nichts kaufen wollen, sondern dort nur auf ihren Traummann warten".
(aus: Jochen Schimmang "Vertrautes Gelände, besetzte Stadt", 1998)

"Schüchterne Männer sind bei jüngeren Frauen out: Die Mehrheit der Frauen bis 34 Jahre steht nicht auf diesen Typ Mann. Das ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Inra im Auftrag der Zeitschrift »Elle«. (...). Bei älteren Frauen hat der zurückhaltende Männertyp hingegen bessere Chancen."
(aus: Welt vom 17.04.2003)

"Timo schafft es sogar, übersehen zu werden, wenn er es eigentlich gar nicht darauf anlegt. Wochenlang schwärmte er mir von einer Kommilitonin im germanistischen Seminar vor, die ihm doch sehr gut gefalle. Ja, er habe auch schon mit ihr geflirtet. Und, wer weiß, vielleicht würde er demnächst mit ihr ins Kino gehen (...). Doch als er sie mir auf einer Party letzte Woche vorstellen wollte, da hat sie ihn offenbar nicht mal erkannt."
(Stefan Kuzmany in der TAZ vom 03.05.2003)

Partnersuchende und ihre Ängste

Nachdem im ersten Teil die gesellschaftliche Dimension der Angst behandelt worden ist und das Phänomen Angst eher allgemein beschrieben wurde, ging der zweite Teil anhand einer Romanfigur konkret auf die sozialen Ängste von Singles ein. Die individuelle "Angstkarriere" kann als erlernte Hilflosigkeit beschrieben werden. In einem Exkurs wurde auf einen möglichen Zusammenhang zwischen Erfahrungen der Unkontrollierbarkeit, Hoffnungslosigkeit und schwachem Selbstwertgefühl eingegangen. Während im zweiten Teil die Barrieren beim Aufbau eines Freundes- und Bekanntenkreis im Mittelpunkt standen, geht es nun speziell um jene Faktoren, die das Finden eines Partners verhindern können. Grundsätzlich gilt, dass beide Problemkreise nicht immer voneinander zu  trennen sind. Vielmehr treten oftmals die gleichen Probleme noch vehementer auf. Ein geringes Selbstwertgefühl und Selbstunsicherheit spielen hier genauso eine Rolle wie Schüchternheit und die Angst vor dem Erröten.

Singles sind nicht gleich Partnersuchende

In der überwiegend sozialpolitisch bzw. sozialmoralisch motivierten singlefeindlichen Medienberichterstattung werden Alleinlebende, also Personen, die einen Einpersonenhaushalt führen, oftmals gleichgesetzt mit Partnerlosen oder Partnersuchenden. Diese Sichtweise ist diskriminierend UND falsch. Partnerschaftliche Lebensweisen wie Living apart together oder Fernbeziehungen werden in dieser Debatte genauso ignoriert wie Lebensformem, die nicht paarorientiert sind. Partnersuchende müssen außerdem nicht unbedingt Alleinlebende sein. Nesthocker werden häufig - nur weil sie mit den Eltern zusammen leben - in den Medien positiver beschrieben (z.B. Harald SCHMIDT im Focus vom 25.11.2002 ). Ein allzu harmonisches Umfeld kann jedoch die produktive Auseinandersetzung mit den eigenen Ängsten verhindern:

Mars

"Was mir in meiner Jugend erspart wurde, war nicht das Leid oder das Unglück, sondern es waren die Probleme und somit auch die Fähigkeit, sich mit Problemen auseinanderzusetzen. Man könnte es paradoxerweise so sagen: Eben daß ich mich innerhalb der besten aller Welten befand, das war das Schlechte". (1977, S.26f.)

In diesem Beitrag geht es deshalb nicht um Singles (siehe hierzu Teil 2), sondern um Partnersuchende, das heißt Personen, die sich nichts sehnlichster wünschen als eine Partnerschaft. Noch genauer geht es darum, welche Ängste die Partnersuche behindern können.

Wer die Gefahr sucht, der kommt darin um!

Es mag sinnvoll sein, Gefahren zu vermeiden. Ganz und gar nicht sinnvoll ist es dagegen Situationen zu meiden, die zwar Angst machen, aber nicht gefährlich sind. Eine Zurückweisung mag für den Verliebten schmerzlich sein, aber ein Weltuntergang ist sie nicht, auch wenn das in der Pubertät - häufig beim aller ersten Mal - so erlebt wird. In den 70er Jahren erschien das Buch Mars von Fritz Zorn. Der Bestseller wurde damals als Tragödie einer Krebspersönlichkeit gelesen. Hier soll dagegen am Fall des Fritz Zorn das Problem der Partnersuche erörtert werden. Adolf MUSCHG macht im Vorwort zum Buch deutlich, dass der Umgang mit Hemmungen und Ängsten entscheidend ist:

Mars

"Z.s Kontakthemmungen, ich kannte sie auch. Aber ein dunkles Gefühl hatte mich doch immer wieder gezwungen, damit die Flucht nach vorn anzutreten; auf dieser Flucht bin ich, anders als er, auch der Sexualität begegnet, in unglücklichen und schuldbewußten Formen zunächst, aber dabei brauchte es nicht zu bleiben. Ganz unvorstellbar war mir Z.s Apathie gegenüber (...) jeder Kultur-Neuigkeit (...): die Mauern um mein bißchen Eigenleben mochten nicht weniger hoch gewesen sein als bei ihm, aber ich benützte jede Lücke, sei es zum Ausbruchversuch, sei es um das Neueste zu mir hereinzuzerren. (...).
Nicht die Starre war mein Problem, sondern der Krampf: die Angst, etwas zu versäumen und beim Gutmachen meiner Schuldgefühle (dem einzigen, dem wahren Kleinbürger-Kapital) nicht ganz vorn zu sein. Diese Angst vor dem Versäumnis brauchte mir nicht erst, wie Z., mit einem klinischen Befund zusammen aufgehen. Sie begleitete mich als Lebensform."
(aus: Vorwort von Adolf Muschg in Fritz Zorn "Mars", 1977, S.9)

Während Adolf MUSCHG die Flucht nach vorne angetreten hat und sich seinen Ängsten gestellt hat, geht Fritz ZORN seinen Ängsten aus dem Weg. Im Laufe einer psychoanalytischen Therapie ändert ZORN seine Selbstsicht. Im Rückblick beschreibt er sich als schüchterner Mensch.

Schüchternheit aus entwicklungs- und persönlichkeitspsychologischer Sicht

Schüchternheit ist ein alltäglicher Begriff und jeder besitzt eine Vorstellung darüber, was damit gemeint ist. Die Wissenschaft dagegen spricht von Schüchternheit in ganz bestimmten Zusammenhängen. Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologen benutzen Schüchternheit und soziale Ängstlichkeit (siehe Teil 2) als austauschbare Begriffe. Schüchternheit  wird von Psychologen auch eine Rolle bei der Entstehung sozialer Phobien  (siehe Teil 2) zugeschrieben. Jens B. ASENDORPF grenzt schüchternes Verhalten vom sozialen Rückzug ab:

Risikofaktoren in der Kindheit für soziale Phobien im Erwachsenenalter

"Erwachsene, aber auch Kinder können wenig Sozialkontakt haben, weil sie von anderen gemieden werden (soziale Isolation, z.B. aufgrund fremdartigen Aussehens) oder weil sie selbst einfach kein großes Interesse an Sozialkontakten haben (Ungeselligkeit)." (S.253)

Nach einem Zweifaktorenmodell von ASENDORPF wird Schüchternheit einerseits durch Verhaltensgehemmtheit als Temperamentsmerkmal der Persönlichkeit und andererseits durch das Erleben der sozialen Ablehnung durch Eltern, Geschwister oder Gleichaltrige gefördert.

Schüchternheit am Beispiel einer tragischen Leidensgeschichte

Schüchternheit wird besonders in Übergangsphasen des Lebenslaufs zum Problem. Partnerwahl, Studienbeginn oder Berufseinstieg sind solche typischen Phasen. Fritz ZORN beschreibt sein Problem der Schüchternheit folgendermaßen:

Mars

"Da ich die Menschen auf der Straße nur musterte, und zwar eher kritisch und von oben herab als mit Sympathie musterte, nahm ich automatisch an, daß sie ebenso mit mir verfuhren. Jedesmal wenn mir jemand nachblickte, war es für mich selbstverständlich, daß er mir mit Kritik und Tadel nachblickte und daß er an mir etwas auszusetzen hatte.
(...).
Am schlimmsten war es mir, wenn mir Mädchen nachsahen, denn da ich nie auf den Gedanken gekommen war, den Mädchen bewundernde Blicke nachzusenden, sondern auch bei Frauen immer nur nach dem Lächerlichen Ausschau hielt, mußte ich annehmen, daß sie mit mir dasselbe taten. Ich war wohl weder ein sonderlich hübscher noch ein sonderlich häßlicher Junge, so daß mir die Mädchen wohl auch manchmal sympathische Blicke nachgeworfen haben müssen; aber auch die guten Blicke konnte ich immer nur als Ausdruck der Kritik und des Mißfallens auffassen. Jedes Lächeln schien mir spöttisch und abschätzig zu sein; daß ich nicht zurücklächelte, versteht sich von selbst." (S.57)

Bei der Erörterung von Singles und ihren Ängsten wurde am Beispiel des allein lebenden und sozial isolierten Angestellten Abschaffel das Phänomen der sozialen Ängstlichkeit beschrieben . Die Selbstbeschreibung von Fritz ZORN verweist wie bei Abschaffel auf den Zusammenhang zwischen Selbstunsicherheit und Selbstabwertung. Im Sinne von Martin SELIGMAN und seinem Modell der erlernten Hilflosigkeit handelt es sich bei Fritz ZORN um einen Pessimisten . Im Nachhinein erkennt er, dass seine frühere Wahrnehmung selektiv auf negative Aspekte ausgerichtet war. Bei erlernter Hilflosigkeit sind die Erklärungsmuster entscheidend. Fritz ZORN erklärt sich seine Partnerlosigkeit zuerst damit, dass die Zeit dazu einfach noch nicht reif ist:

Mars

"Meine übergroße Schüchternheit und Ängstlichkeit hatte ich lange Zeit damit erklären können, daß ich eben, wo nicht der Kleinste, so doch der Jüngste und Unerfahrenste von allen sei, der nach einigen Jahren nachgeholt haben würde, was ihm noch fehlte. Ich (...) stellte mir vor, wie die Dinge dann sein würden, wenn ich erst einmal »darüber hinaus« wäre und ich gleich wie die anderen bewegen könnte. Das Gefühl »über etwas hinaus« zu müssen, setzt schon den Eindruck voraus, daß man eben in etwas gefangen sei, aus dem man sich befreien muß (...). Zunächst erwartete ich diese Befreiung also einfach von der Zeit, die mich automatisch befreien müßte". (S.65)

Gegen den sozialen Vergleich mit seinen Altersgenossen versucht ZORN sein Erklärungsmuster so lange wie möglich aufrecht zu erhalten:

Mars

"Viele meiner Kameraden hatten Freundinnen; ich hatte natürlich keine (...). Es sollte nun ein sehr lange währender Prozeß beginnen, bei dem sich beständig die beiden Auffassungen feindlich gegenüberstanden, ob ich nun einfach noch keine Freundin hatte oder ob ich wirklich keine Freundin hatte. So lange es nur immer anging, versuchte ich mich an die erste Hypothese anzuklammern (...). Der Zeitpunkt war längst erreicht, an dem schon alle ihre Freundin hatten, an dem ich schon längst auch eine hätte haben sollen; und auf einmal hieß es nicht mehr »noch nicht«, sondern »schon längst«.
(...).
Mit der Zeit gewöhnte ich mich auch daran ein bißchen: so wie die anderen eine Menge wußten, wovon ich keine Ahnung hatte, so hatten die anderen eben auch Freundinnen, von denen ich keine Ahnung hatte." (S.66ff.)

Ab einem bestimmten Alter wird von der sozialen Umwelt erwartet, dass man erste Erfahrungen gesammelt hat. Ist das nicht der Fall, so erfährt man sich als Außenseiter. ZORN versucht sich durch Lügen zu entlasten:

Mars

"Ich war zum Kontakt mit Mädchen überhaupt nicht fähig: aber ebenso unfähig war ich, über meine Kontaktschwierigkeiten zu sprechen. Zudem ergab sich hier ein weiteres Problem. Von einem gewissen Alter an nimmt man von Jungen selbstverständlich an, daß sie eine Freundin haben, und so wurde ich denn von anderen Leuten oft wohlwollend gefragt, ob ich auch eine Freundin hätte. Da ich wußte, daß man auf diese Frage mit ja antworten mußte, wenn man sich nicht lächerlich machen wollte, log ich in diesem Fall immer hartnäckig und bejahte die Frage." (S.81)

Das Lügen hilft zwar bei anderen Menschen, aber sich selbst zu belügen, das gelingt nicht. SELIGMAN (1991, S.19) bezeichnet die Depression als Extremfall des Pessimismus. ZORN beschreibt jene Situationen, die ihm seine Lage besonders deutlich vor Augen führen:

Mars

"Die beiden hervorstechendsten Eigenschaften der Depression sind Hoffnungslosigkeit und Einsamkeit. (...). Ihre beiden ersten Höhepunkte hatte sie während meiner letzten Schulferien, die ich in England verbrachte, und zur Zeit meiner Maturität. In den Ferien hätte ich mich amüsieren sollen und konnte es nicht und empfand  zum ersten Mal den Schmerz, einmal von allen Plackereien des Alltags (in meinem Fall der Schule) erlöst zu sein, um mich in der Freizeit, in der alles nur darauf wartete, von mir genossen zu werden, noch viel mehr mit mir selbst zu quälen als in der Schule. Der zweite Tiefpunkt war die Matura, wo jedermann meinen guten Abschluß feierte und mich von nun an als einen Erwachsenen betrachtete, während ich mir sagen mußte, daß ich in der Schule außer meinen Vokabeln und Formeln nichts gelernt hatte". (S.87)

Die Studienzeit übersteht Fritz ZORN u.a. durch die Identifikation mit Romanfiguren:

Mars

"Von allen Gestalten, seien es literarische Gestalten oder Literaten selbst, deren Schicksal daraus bestand, daß sie gerne eine Frau gehabt hätten, aber keine hatten, daß sie immer gerne im Leben gewesen wären und doch außerhalb des Lebens standen, war mir immer die Gestalt des Tonio Kröger am meisten aufgefallen; ja, man kann sagen, daß mich der Held dieser trübsinnigen Novelle von Thomas Mann seit meiner Mittelschulzeit ununterbrochen begleitet hatte. Auch diese Figur stand nicht richtig im Leben und war immer deprimiert; auch diese Figur hatte mit dem »Höheren« zu tun und mußte darum auf die »Wonnen der Gewöhnlichkeit« verzichten. Tonio Kröger war eben ein Künstler, und als solcher war es seine Aufgabe, das Leben nicht zu erleben, sondern nur zu beschreiben." (S.93)

Heutzutage stehen mit Michel HOUELLEBECQs Romanen Ausweitung der Kampfzone und Elementarteilchen ganz andere Romanfiguren zur Verfügung. An Tisserand, der mit 28 Jahren noch "Jungfrau" ist, exerziert der französische Moralist das Gesetz des neoliberalen Sexualsystem, das aktuell das Geschlechterverhältnis prägen soll . HOUELLEBECQs Pessimismus führt jedoch nicht weiter, sondern fördert vor allem Regression und Ressentiments . Ende der 70er Jahre war das Single-Dasein noch nicht sehr verbreitet. Fritz ZORN erlebt das damalige Alleinleben lange Zeit als entlastend:

Mars

"Der Wechsel vom Studenten- zum Berufsleben machte mich finanziell unabhängig von meinen Eltern; mein Geld hatte ich nun selbst verdient und konnte damit anstellen, was mir gefiel, ohne mich fragen zu müssen, ob ich nicht das Geld meiner Eltern für Zwecke mißbrauchte, die ihren Beifall nicht finden konnte. (...). Meine neue Wohnung nahm mich lange Zeit in Bann, und ich richtete sie auch sehr schön ein.
(...).
Die ersten Jahre in diesem meinem schönen Heim brachten wirklich das höchste Ausmaß und die Erfüllung der vorhergehenden Entwicklung (...).
Es mochten vielleicht eher Kleinigkeiten sein als deutlich hervortretende Symptome; aber sie wiesen alle in dieselbe Richtung. Es war zunächst natürlich nur »nett« und »lobenswert«, daß ich immer für mich kochte und alle meine Mahlzeiten für mich selbst zubereitete, und es ließ sich auch von selbst verstehen, daß ich meine Mahlzeiten lieber in meiner entzückenden Wohnung einnahm als in einem »ungemütlichen« Restaurant. Aber nicht nur die eigentlichen Mahlzeiten fanden in meinen eigenen vier Wänden statt; auch jeden Kaffee und jedes Bier und jedes Glas Wein nahm ich bei mir zuhause ein; oder mit anderen Worten: ich ging nie aus. (...). Auch dieses Heim war eine Muschel für mich geworden, deren schützendes Gehäuse ich nur ungern verließ."  (S.120f.)

Schüchternheit, Depression und soziale Phobie sind die Stationen, die Fritz ZORN durchläuft. Sein Warten deutet er nicht als Hoffnungslosigkeit, sondern als Übermaß an Hoffnung:

Mars

"So wie mein Arbeitstag eigentlich nur aus Pausen bestand, so bestand auch der Ablauf meines Lebens meist nur aus Warten. Wie ich es schon seit so langer Zeit gewohnt war, hoffte ich immer noch auf imaginäre »bessere Zeiten«, die mich von meinem Leid erlösen würden. Dabei verhielt ich mich ganz passiv und hoffte immer darauf, daß die Zukunft mir etwas »bringen« würde. Der Gedanke war mir fremd, aus der Gegenwart selbst etwas zu machen. Ich muß eine ungeheure Kapazität an Hoffnung gehabt haben. Die Hoffnung ist zwar auch eine Chance im Leben, aber manchmal wäre Verzweiflung wohl die bessere Reaktion den Umständen gegenüber." (S.108)

Seinen Ängsten stellt sich Fritz ZORN erst als es zu spät ist. Eine Krebserkrankung, die er - zeitgemäß - als psychosomatische Krankheit deutet, ermöglicht ihm zwar die beschriebenen Einsichten in seinen Leidensweg, dennoch stirbt er 32jährig ohne jemals richtig gelebt zu haben. Fritz ZORN ist endgültig am Problem der Partnerwahl gescheitert. Adolf MUSCHG schreibt im Vorwort zu diesem Scheitern:

Mars

"Er ist daran gestorben, daß er sein Leben nicht teilen, nicht mitteilen lernte, bis es zu spät war. Was ihm also gefehlt hat, war derjenige und diejenige, die ihm Teilung und Mitteilung rechtzeitig abverlangt hätten. In einer unheilbaren Gesellschaft ist sein Tod keine Ausnahme, sondern der Normalfall. Wir werden weiter so sterben, solange wir weiter so leben. Das ist das wirklich Erschütternde an diesem Buch".
(aus: Vorwort von Adolf Muschg in Fritz Zorn "Mars", 1977, S.22)

Heutzutage gibt es z.B. Internetforen wie Absolute Beginners, in denen sich Menschen ohne Beziehungserfahrungen austauschen können. Vielleicht hätte es Fritz ZORN weitergeholfen, wenn es bereits damals ein solches Forum für Menschen ohne Beziehungserfahrung  gegeben hätte. Im abschließenden vierten Teil werden weitere Möglichkeiten der Angstbewältigung vorgestellt.

Die Angst vor dem Erröten

Erröten ist ein normaler körperlicher Vorgang. Wir erröten infolge körperlicher Aktivität, wenn wir Fieber haben oder bei intensiver Sonneneinstrahlung. Es gibt körperliche Ursachen, die für Unterschiede im Errötungsverhalten verantwortlich sind. So erröten zum Beispiel dünnhäutige Menschen schneller als andere. Diese körperlichen Unterschiede und die oben genannten Situationen stehen jedoch nicht im Mittelpunkt dieses Beitrags, sondern es geht in erster Linie um das Erröten als Begleiterscheinung von Aufregung, Scham und Angst. Den Umgang mit diesen Entstehungsfaktoren des Erröten können wir lernen. Es ist auch eine Steigerung des Errötens bis ins Krankhafte möglich. Der Fachbegriff für die Angst vor dem Erröten heißt Erythrophobie. Im Internet gibt es für Betroffene eine Hilfeseite gleichen Namens. Wem es jedoch gelingt in peinlichen und beschämenden Situationen "cool zu bleiben", der kann das Erröten schneller in den Griff bekommen. Die Therapeutin Doris WOLF schreibt zum Erröten aus Scham und Verlegenheit:

Keine Angst vor dem Erröten

"Immer wird (...) unser Erröten durch ein Mißgeschick und unsere damit verbundene negative Bewertung ausgelöst. Immer dann, wenn wir uns nicht so verhalten, wie es die gesellschaftlichen Regeln vorschreiben und wir es wollen, fühlen wir Unwohlsein und Verlegenheit. (...). Unsere Verlegenheit ist daher abhängig von der Bedeutung, die wir der Situation und den beteiligten Personen beimessen, mehr oder weniger stark ausgeprägt." (1998, S.21)

Bei der Partnersuche geht es gewöhnlich um jene Person, die die wichtigste Rolle in unserem zukünftigen Leben spielen soll. In solch einer Situation kann aufgrund erhöhter Selbstaufmerksamkeit die eigene Erregung stärker wahr genommen werden . Dies wiederum verstärkt das Erröten.  Die Befürchtung, dass uns ganz sicher etwas Peinliches, Demütigendes oder Beschämendes passieren wird, lenkt die Wahrnehmung auf diese negativen Aspekte der Situation. Ein kleines Missgeschick wird dann als größer erlebt, als es tatsächlich ist oder vom anderen wahrgenommen werden kann. Solche negativen Gedanken verstärken das Erröten. Die Angst vor dem Erröten kann für Personen einen Gewinn bedeuten. Doris WOLF nennt u. a. folgenden Nutzen:

- Das Vermeiden von Situationen, in denen ich abgelehnt oder ausgelacht werden könnte.
- Es rechtfertigt Einzelgängertum
- Das eigene Verhalten kann positiv als Zurückhaltung, Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit gewertet werden.
- Die Angst schützt vor Selbstvorwürfen.

Solange die Kosten der Angst vor dem Erröten für die betroffenen Personen nicht überwiegen, lässt es sich für Betroffene mit der Angst durchaus gut leben. Soziale Isolation (siehe Teil 2), Kontaktschwierigkeiten, steigende Unsicherheiten im Umgang mit anderen, zunehmende Defizite bei sozialen Kompetenzen (z.B. Flirten) und natürlich auch ungewollte Partnerlosigkeit können Folgen des Vermeidungsverhaltens sein.

Schlussbemerkungen

In dieser Serie musste zwangsläufig mehr oder weniger oberflächlich auf die einzelnen Aspekte der sozialen Ängste eingegangen werden. Der grobe Überblick sollte die eigenständige Vertiefung ermöglichen. Die Literaturangaben können bei Interesse zur weitergehenden Beschäftigung mit ganz speziellen Themen und Teilaspekten genutzt werden, die hier nur ganz am Rande behandelt wurden.  Auf single-generation.de werden im Laufe der Zeit bestimmte Themen immer wieder aufgegriffen. So gibt es zum Thema Einsamkeit oder Menschen ohne Beziehungserfahrung eigene Seiten. Auf dieser Website wird weder persönliche Beratung noch Therapie angeboten. In der Rubrik "Links zu Hilfeseiten und Foren" finden sich weiterführende Internetadressen.

 
     
 
       
       
   

zitierte Literatur

 
       
   
ASENDORPF, Jens B. (2002): Risikofaktoren in der Kindheit für Soziale Phobien im Erwachsenenalter.
In: Ulrich Stangier & Thomas Fydrich (Hg.) Soziale Phobie und Soziale Angststörung, Göttingen: Hogrefe, S.246-263

DPA (2003): Schüchterne Männer haben schlechte Chancen bei jüngeren Frauen,
in: Welt v. 17.04.

KUZMANY, Stefan (2003): Die Kunst des Verschwindens.
Mein Freund Timo übersteht spielend die spannendsten Momente des Lebens. Nur Frauen wissen das nicht zu schätzen,
in: TAZ v. 03.05.

MANN, Thomas - Tonio Kröger

SCHIMMANG, Jochen - Vertrautes Gelände, besetzte Stadt

SELIGMAN, Martin (1991): Pessimisten küßt man nicht. Optimismus kann man lernen, München: Droemer Knaur

 
     
       
   

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webmaster@single-generation.de Erstellt: 27. Mai 2003
Update: 26. Januar 2017