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Thema des Monats

 
       
   

Sicherheitsproduktion in der "Single"-Gesellschaft

 
       
   

Rasterfahndungskategorien zur Transformation von "unfassbaren Ereignissen" in "Ich habs' ja immer gewusst!"-Gewissheiten.
Mechanismen zur Annäherung an den Ungewissheitsverursacher - zufällig am Beispiel der Ereignisse in Erfurt am 26.04.2002

 
       
     
       
   
     
 

"»Das Single-Dasein ist eine defizitäre Sozialfigur«, meint der Soziologe Dirk Kaesler von der Universität Marburg."
(Kas, Deutsche Welle vom 05.04.2002)

Paradiesische Zustände

Das Urbild der guten Gesellschaft jener, die unsere Gesellschaft mit dem Drohbild Single-Gesellschaft beschreiben, ist die Normalfamilie. Die Gemeinschaft der Normalfamilie, das sind die paradiesischen Zustände. Die einen haben sie in der Urgesellschaft oder in den Mythen gefunden. Andere - nostalgische Familienrhetoriker - sehen sie ersatzweise in den 1950er Jahren. Damals erschien die Gesellschaft vor dem Hintergrund der Kontrastfolie "Grauen der 40er Jahre" als friedlich. Gewalt war - wenn überhaupt - die Konsequenz erlebter Gewalt in Kriegszeiten. Die Halbstarkenkrawalle erschütterten erstmals das selbstgefällige Selbstbild der 1950er Jahre und institutionalisierten die Jugendgewaltforschung in der Nachkriegsgesellschaft.

Das Böse kommt in die Gesellschaft

Das Urbild des Bösen ist für jene, die unsere Gesellschaft mit dem Drohbild Single-Gesellschaft beschreiben, der Single. Je singlehafter der Unsicherheitsverursacher erscheint, desto weniger stellt er eine Gefährdung der Gemeinschaft der Normalfamilien dar und desto geringer ist das gesellschaftliche Erregungspotenzial. Die Rasterfahndungskategorien der Sicherheitsproduktion können entlang eines Kontinuums beschrieben werden, das mit hoher Singlehaftigkeit (Walter BIEN) beginnt und danach bis ins Herz der Normalfamilie vordringt . Die Unfassbarkeit eines Ereignisses ist umso größer je näher der Unsicherheitsverursacher im Herzen der Normalfamilie gesucht werden muss. Die Medien bieten im ersten Moment immer Unsicherheitsverursacher an, die mit hoher Singlehaftigkeit einhergehen. Der Unsicherheitsverursacher Nr.1 ist der Einzelgänger.

Der Einzelgänger

Der Typus des Einzelgängers lebt idealer Weise jenseits aller Bindungen. Matthias ALTENBURG hat diesen Typus im Buch Landschaft mit Wölfen (1997) beschrieben:

Landschaft mit Wölfen

"Ich war nicht immer ohne Freunde. Mit Welser ging es sogar recht lange, aber nach seinem Tod habe ich aufgehört, Freundschaften zu schließen. Es lohnt sich nicht. Man sollte gleich daheim bleiben. Kaum geht man aus dem Haus, schon wird man mit Frechheiten traktiert. Wie angenehm es wäre, wenn man leben könnte, ohne behelligt zu werden und ohne jemanden zu behelligen. Man wäre ein Fußgänger, in Eintracht mit jedermann, freundlich, ohne Vorsatz. Den Nachbarn würde man so arglos grüßen wie den Mond, wie einen Stein am Wegrand, eine unverhoffte Lichtung. Wir würden mit kleinen Worten auskommen. Sonst nichts. Es ist zu spät. Die Menschen können einander nicht lassen. Mit Welser war alles noch anders. Wir konnten uns beschimpfen, ohne den Respekt zu verlieren. So groß war unsere Achtung voreinander, daß wir uns jede Rücksichtnahme verbaten. Fremde zuckten zusammen, wenn sie hörten, wie wir miteinander sprachen. Es war ein Spiel, bei dem wir beide gewannen. Wir waren unbesiegbar. Dann hat er sich umgebracht, und ich war allein. Meine Toten flackern mir durch den Kopf, aber ich will nicht an sie denken."
(1997, S.154f.)

"Die Welt sieht aus, als würde sie warten, daß man sie erlöst", denkt Neuhaus, der Protagonist in ALTENBURGs Roman, bevor er sieben Menschen erschießt und danach heißt es: "Ich sehe schon mein Bild in der Zeitung."

Ich hab's ja immer gewusst, das musste 'mal so enden, wird jeder sofort denken. Das Merkmalsprofil des Unsicherheitsverursacher ist stimmig und die Alltagswelt der "Single-Gesellschaft" kann wieder einkehren - bis zum nächsten Einbruch der Unsicherheit.

Was aber, wenn der Unsicherheitsverursacher kein Einzelgänger war, sondern eingebunden ist in Gruppen?

Der kommunikationsgestörte Gruppenmensch

Das Sozialkapital (PUTNAM) in der Gesellschaft hat sich verringert, beklagen die Kommunitaristen . Und die Sportvereine plakatieren: Im Verein ist Sport am schönsten. Deutschland ist der Weltmeister unter den Vereinsmeiern. Und wer einem Verein angehört, der kann doch kein schlechter Mensch sein, oder?

Wer war Robert Steinhäuser?

"Robert war zwei mal die Woche beim Training, er kam immer pünktlich, erinnert sich Andreas Köthe (...). Der Trainer wundert sich darüber, was jetzt über Robert erzählt wird. Es heißt ja jetzt oft, Robert habe sich nicht integriert – Andreas Köthe erinnert sich dagegen eher an einen 'Gruppenmenschen'. Handball, sagt Köthe, ist ein Mannschaftssport, wer sich nicht integrieren kann, macht das nicht lange."
(Rico Czerwinski & Silke Becker im Tagesspiegel vom 28.04.2002)

"Er war eher so'n Außenseiter"

"Wir sind alle betroffen. Wir betreiben das Schießen als Sport. Ich habe nie gedacht, daß so was passieren könnte von einem Schützenbruder."
(Julia Schaaf in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 28.04.2002)

Während die Kommunitaristen der Gesellschaft Heilung per Vereinsmitgliedschaft versprechen, zeigen die Gewalttäter, dass die Einbindung in Gemeinden kein Allheilmittel ist. Seit dem 11. September 2001 ist der Begriff "Schläfer" in aller Munde. Unter der Fassade der Eingebundenheit lauert das Unfassbare. Der Unsicherheitsverursacher gibt sich nach außen als kommunikativ, gar als aufgeschlossen und bleibt doch in seinem Kokon verbarrikadiert. Zu allererst gilt jedoch die Vermutung, dass jemand trotz oberflächlicher Einbindung (passive Mitglieder, "Karteileichen") kommunikationsgestört ist. Das Stereotyp dafür ist inzwischen der Nerd und davon abgeleitet das nerdische Verhalten. Der Schweiger ("Stille Wasser sind tief") steht unter Anomieverdacht und gilt den Geselligen als hochgradig verdächtig. Wer zur Netzgeneration (Eike HEBECKER) gehört, der ist den schlimmsten Gefährdungen ausgesetzt: dem Internet und Computerspielen. Günter GRASS hat zuletzt dieses Schreckgespenst in der Novelle Im Krebsgang (2002) beschworen. Der neueste Stand der Technik ist immer die größte Bedrohung für jene, die dadurch ihre Definitionsmacht gefährdet sehen.

Ich hab's ja immer gewusst, das musste 'mal so enden, wird jeder Gesellige oder Technikfeind sofort denken. Das Merkmalsprofil des Unsicherheitsverursacher ist plausibel und die Alltagswelt der "Single-Gesellschaft" kann wieder einkehren - bis zum nächsten Einbruch der Unsicherheit.

Was aber, wenn der Unsicherheitsverursacher kein kommunikationsgestörter Gruppenmensch war, sondern ein geselliger Mensch ist?

Die wehrlose Familie

Die Saat der Gewalt

"Wenn eine der Hauptbühnen der Brutalisierung das Fernsehen ist, was Studien zur Jugendgewaltforschung belegen, so zeigt dies, dass die Familie nicht mehr die Prägekraft besitzt, den suggestiven TV-Bildern ein humanes Miteinander entgegenzusetzen. Kinder, die ohne Vater oder Mutter aufwachsen, sich selbst und ihren (Alb-)Träumen überlassen - sind sie nicht die Verkörperung unserer Misere?"
(Heiko Schwilk in der Welt am Sonntag vom 28.04.2002)

Wenn in der Außenwelt der Gesellschaft keine Rasterfahndungskategorien wie Einzelgängertum oder Kommunikationsstörung auffindbar sind, dann muss die Innenwelt der Familie unter die Lupe genommen werden. Die unvollständige Familie ist der Unsicherheitsverursacher Nr.1. Sie ist anfällig für schlechte Einflüsse von außen, d.h. Massenmedien oder Internet.

Das Rätsel um "Steini"

"Jahrelang lebte 'Steini' nur wenige hundert Meter von seiner Schule entfernt in einer eigenen Wohnung im ausgebauten Dachgeschoss. Ein Teil des Hauses mitten in Erfurts historischer Altstadt gehört dem Großvater Hermann, der ebenso wie die Eltern des Amokläufers dort auch selbst wohnt. Im Treppenhaus des vierstöckigen, erst kürzlich renovierten Altbaus stehen ordentlich aufgereiht Blumen auf den Fensterbrettern, vor den Türen liegen die Fußabtreter korrekt angeordnet, die Namenschilder glänzen. Im Erdgeschoss ist eine Zahnarztpraxis und der kleine Vorgarten ist akkurat gepflegt.
Roberts Mutter arbeitet als Krankenschwester in einer Hautklinik, sein Vater schafft bei Siemens. Die beiden sollen sich getrennt haben, wissen Nachbarn zu berichten, und trotzdem sagen sie auch, dass alles in Ordnung war."
(Matthias Gebauer im Spiegel Online vom 27.04.2002)

Herrmann HESSE schildert im Buch Demian (1919) die Gefährdungen von Kindern in vollständigen Familien folgendermaßen:

Demian

"Wenn ich mir den Teufel vorstellte, so konnte ich ihn mir ganz gut auf der Straße unten denken, verkleidet oder offen, oder auf dem Jahrmarkt, oder in einem Wirtshaus, aber niemals bei uns daheim."
(aus: Hermann Hesse "Demian", 1974)

Ich hab's ja immer gewusst, das musste 'mal so enden, wird der in der Normalfamilie Lebende sofort über jene denken, die in einer unvollständigen Familie leben müssen. Das Merkmalsprofil des Unsicherheitsverursacher ist plausibel und die Alltagswelt der "Single-Gesellschaft" kann wieder einkehren - bis zum nächsten Einbruch der Unsicherheit.

Was aber, wenn der Unsicherheitsverursacher nicht aus zerrütteten Verhältnissen kam, sondern in einer Normalfamilie lebt?

Im Herzen der Normalfamilie

Von dem französischen Schriftsteller Emmanuel CARRÈRE wurde im Jahr 2001 Amok veröffentlicht. Das Buch erzählt die Geschichte eines Mannes, der seine Frau, seine beiden Kinder und seine Eltern erschießt. Die Begebenheit hat sich tatsächlich ereignet und zwar 1993 in Ferney-Voltaire - also im kinderfreundlichen Frankreich.

CARRÈRE hat diesen Fall rekonstruiert und daraus eine plausible Geschichte konstruiert. Der Knackpunkt: Der Mann hat sich über Jahre hinweg eine Scheinexistenz aufgebaut. Er spielte seiner Familie den sozialen Aufsteiger vor, obwohl er seit Jahren arbeitslos war. Im Laufe der Zeit verstrickte er sich so sehr in ein Lügengebäude, das irgendwann nicht mehr aufrecht zu erhalten war und im Amoklauf endete.

Im Kino ist gerade der Film Lovely Rita von Jessica HAUSNER angelaufen. Erzählt wird die Geschichte einer Pubertierenden, die in einer Normalfamilie lebt, und am Ende ihre Eltern erschießt. Auch hier war eine wahre Geschichte der Auslöser für den Film.

Ich hab's ja immer gewusst, das musste 'mal so enden, dürfen nun alle Singles denken und der Alltag kann wieder einkehren - bis zum nächsten Einbruch der Unsicherheit.

Was aber, wenn die Lebensform gar keinen Einfluss auf den Unsicherheitsverursacher und seine Tat hat?

Die Kunst des Verlierens

In letzter Zeit hört man immer öfter davon, dass unserer Leistungsgesellschaft eine Kultur des Scheiterns fehlt. 1996 ist im Suhrkamp-Verlag von dem Münsteraner Soziologen Martin DOEHLEMANN das Buch Absteiger erschienen. Der Soziologe hat 59 Personen im Alter zwischen 24 und 71 Jahren befragt und festgestellt:

Absteiger

"Bemerkenswerterweise wurde kein »positives« Wort zu Abstieg verloren. Gedankliche Verbindungen zu »Ausstieg« und Befreiung wurden nicht hergestellt, etwa im Sinne von »Entsorgung« (Hans im Glück) oder eines Abschüttelns von sozialer Kontrolle und Konformitätsdruck (gemäß dem Vers von Wilhelm Busch: »Ist der Ruf erst ruiniert/lebt sich's gänzlich ungeniert«
(1996, S.14)

Diese Aussage dürfte auch heutzutage noch zutreffend sein. DOEHLEMANN hat in dem Buch eine Typologie der Selbstentwürfe von Absteigern entworfen. Sein besonderes Interesse gilt den »verlierenden Gewinnern«, d.h. denjenigen die selbst im sozialen Abstieg noch einen persönlichen Gewinn entdecken können. DOEHLEMANN greift zur Differenzierung der Absteiger auf die Typen »Statussucher« (»status seekers« im Sinne von Vance PACKARD, 1959) und »Sinnsucher« zurück:

Absteiger

"Die Hauptquelle des Selbstwertgefühls kommt für den Statussucher aus seiner Mitwelt, für den Sinnsucher aus der Eigenwelt. Gewinne oder Verluste von Selbstachtung erfaßt der Statussucher vor allem in Begriffen von äußeren (Miß-)Erfolgen und Prestige, der Sinnsucher in Begriffen von Ich-Angemessenheit."
(1996, S.48f.)

Die Konzepte korrespondieren mit der Unterscheidung von David RIESMANN ("Einsame Masse") in den innengeleiteten ("Sinn") und den außengeleiteten Typus ("Status").

Die Differenzierungen lassen sich leicht kulturpessimistisch als Kritik an der Konsumgesellschaft vereinseitigen, aber eine solche reduzierte Sichtweise würde dem Grundgedanken von DOEHLEMANN nicht gerecht werden. Das Problem, auf das der Soziologe reagiert, ist tiefer gehend:

Absteiger

"Die wachsende Verpflichtung zu erfolgreichen biographischen Eigenleistungen und zur Übernahme der Verantwortung, wenn es schiefgeht, besteht relativ unabhängig von den tatsächlich gegebenen Chancen der Selbststeuerung. Natürlich weiß jeder, daß es Umstände des Mißlingens gibt (Widrigkeiten, Unglück, Unfall, Krankheit, »Pech«, Indisposition), für die der Betreffende nichts kann. Aber die »Individualisierung der Unterlegenheit« (Neckel)(...) ist zu einer allgemeinen Vorvermutung und Vorverurteilung geworden, ohne daß die näheren Umstände sonderlich interessieren. Beschämungen solcher Art werden »als soziale Waffe in den alltäglichen Statuskämpfen zwischen den Individuen« (...) oder zwischen gesellschaftlichen Gruppierungen gebraucht."
(1996, S.31)

Der Mythos von der Leistungsgesellschaft zusammen mit der verstärkten Abwärtsmobilität in der Gegenwartsgesellschaft, lässt das Scheitern für Viele zum Normalfall werden. Eine Gesellschaft, die keine Mechanismen zum Umgang mit solchen Situationen bereitstellt, trägt zur Erhöhung des allgemeinen Gewaltniveaus bei. Dies ist sicherlich kein Allheilmittel, aber bedenkenswert ist dieser Aspekt auf alle Fälle.

Landschaft mit Wölfen

"Sieben Tote, immerhin. Wenn man verrückt ist, fragt keiner mehr nach."
(aus: Matthias Altenburg "Landschaft mit Wölfen", 1997, S.158.)

Die Single-Lüge - Das Buch zur Debatte

Die Single-Debatte ist längst in eine Sackgasse geraten. Dies wird in diesem Buch u.a. der Individualisierungsthese des Münchner Soziologen Ulrich Beck angelastet.
        
Das Buch sollte als Beitrag zur Versachlichung der Debatte verstanden werden und liefert deshalb Argumente für eine neue Sichtweise auf das Single-Dasein im Zeitalter der Demografiepolitik.
(Klappentext, 2006)

 
     
 
       
   

zitierte Literatur

 
       
   
  • CARRÈRE, Emmanuel (2001): Amok, Frankfurt: S. Fischer
  • CZERWINSKI, Rico & Silke BECKER (2002): Wer war Robert Steinhäuser?
    Der Amokschütze von Erfurt war still und nett, auffällig unauffällig. Nur in der Schule lief es nicht gut,
    in:
    Der Tagesspiegel v. 28.04.
  • GEBAUER, Matthias (2002): Das Rätsel um "Steini",
    in: Spiegel Online v. 27.04.
  • NECKEL, Sighard (1991): Status und Scham, Frankfurt/N.Y: Campus
  • PACKARD, Vance (1959): Die unsichtbaren Schranken. Theorie und Praxis des Aufstiegs in der »klassenlosen« Gesellschaft, Düsseldorf
  • SCHAAF, Julia (2002): "Er war eher so'n Außenseiter".
    Der Amokläufer hat eine Stadt unter Schock zurückgelassen. Erklären kann sich die Bluttat niemand,
    in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 28.04.
  • SCHWILK, Heimo (2002): Die Saat der Gewalt.
    Erfurt zeigt, dass Jugendliche oft Leben und Horrorfilm nicht mehr unterscheiden können,
    in: Welt am Sonntag v. 28.04.
 
       
   

Die Kultur des Scheiterns in der Debatte

 
       
   

DETTLING, Warnfried (2002): Stoiber muss in die Stadt.
Debatte: In den Metropolen lassen sich linke und rechte Träume von heiler Welt nicht realisieren,
in: Welt v. 26.03.

Warnfried DETTLING sieht angesichts der neoliberalen Politik die Sehnsucht nach Sicherheit steigen. Gleichzeitig weist er daraufhin, dass es unserer Gesellschaft an einer "Kultur des Scheiterns" mangelt:

"Es gibt objektive Veränderungen, die der Einzelne nicht beherrschen kann, die über Gelingen und Scheitern mit entscheiden. Nicht wenige haben dies ganz existenziell erlebt: in der Ehe, als der andere ging, obwohl man selber ganz gerne 34 Jahre und länger mit ihm zusammengelebt hätte; am Arbeitsplatz, der plötzlich weg war, obwohl man gerne bis zum Ende aller Tage dort gearbeitet hätte. Mit einem Satz: Es hat eine ganze soziale Welt gebraucht und nicht nur den eigenen guten Willen, damit fast alle in Beziehungen zusammenbleiben konnten, bis dass der Tod oder die Pensionierung sie scheidet. Die Kultur des Scheiterns wird heute unter Schmerzen vor allem in den Städten geboren. Demonstrative Triumphe des Gelingens - einer Ehe, einer Politik, eines Bundeslandes - können ganz unterschiedliche Reaktionen auslösen. Je erfolgreicher andere sind und sich inszenieren, desto mehr muss man sich das Scheitern selbst zuschreiben. Das aber lassen sich Menschen nicht so gerne sagen, und es trifft eben auch nicht immer zu."

WAGNER, Franz Josef (2002): Kein Fänger im Roggen in Erfurt,
in:
Welt am Sonntag v. 28.04.

"Ich floh zu J. D. Salingers »Fänger im Roggen«, im Prinzip die Bibel, das Handbuch (Kultbuch) für durchgefallene Schüler",

bekennt WAGNER und fügt hinzu:

"Auf der Suche nach einem Menschen, der ihn versteht, findet Holden seine kleine Schwester Phoebe. Ihr sagt er, was er ohne Abitur und ohne Anerkennung werden möchte. Er möchte der Fänger im Roggen sein. Holden wörtlich: »Wenn einer einen anderen fängt, der durch den Roggen läuft!« Das ist so herzergreifend. Ein verlorener Junge will verlorene Jungen retten."

 
       
   

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Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 28. April 2002
Update: 27. Januar 2017