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Kommentierte Bibliografie

 
       
   

Leipzig im demografischen Wandel

 
       
   

Die sächsische Metropole: Von der "perforierten Stadt" zur "Schwarmstadt", aber wie weiter in Zukunft? (Teil 3)

 
       
     
   
     
 

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Leipzig im Überblick:
Tabelle: Eingemeindungen in Leipzig 1990 - 2000
Tabelle: Die Bevölkerungsentwicklung in Leipzig 1990 - 2000
Tabelle: Vergleich der tatsächlichen Leipziger Bevölkerungsentwicklung mit Bevölkerungsvorausschätzungen der Jahre 2007, 2009 und 2013
Tabelle: Die Leipziger Stadtteile im Blickpunkt der medialen Berichterstattung über die Wohnungsteilmärkte

Kommentierte Bibliografie (2019)

2019

SDIE. (2019): Deutsche Innenstädte sind nur mäßig attraktiv.
Leipzig liegt in der Gunst der Passanten vorne,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 24.01.

Bericht über die Studie Vitale Innenstädte des Kölner Instituts für Handelsforschung (IFH), in der Passanten in 116 Städten befragt wurden:

"Bei den Städten mit mehr als 500.000 Einwohnern erzielt Leipzig das beste Ergebnis. In den kleineren Städten liegen Erfurt, Trier, Stralsund und Wismar vorne."

LOCKE, Stefan (2019): Der Erste aus dem Osten.
Menschen & Wirtschaft: Den Städtetag führt künftig der Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung. An Selbstbewusstsein fehlt es dem SPD-Politiker nicht: Seine Bilanz sei eine Sensation,
in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 07.06.

Stefan LOCKE porträtiert den in Nordrhein-Westfalen geborenen SPD-Politiker, der nach der Wende in den Osten zog und seit 2006 Oberbürgermeister in Leipzig ist. Im letzten Drittel zeichnet LOCKE ein Bild der Stadt Leipzig von der "Armutshauptstadt Deutschlands" zur heutigen Schwarmstadt:

"Boom und Glanz überdecken freilich die wirtschaftliche Schwäche, die Leipzig nach wie vor mit anderen großen Städten Ostdeutschlands teilt."

SIEMER, Pia (2019): Leipzigs AfD-Hochburg: Auf Spurensuche in Liebertwolkwitz.
Im Leipziger Ortsteil Liebertwolkwitz hat die Alternative für Deutschland (AfD) ihr bestes Ergebnis bei den Leipziger Stadtratswahlen eingefahren. Auch die Bewohner suchen nach den Gründen.,
in:
Leipziger Volkszeitung Online v. 08.06.

"Rein statistisch gesehen, ist Liebertwolkwitz unter den 14 Leipziger Ortschaften eher unauffällig. Laut dem Leipziger Amt für Statistik und Wahlen liegt das persönliche Nettoeinkommen mit 1504 Euro etwa 200 Euro über dem Leipziger Durchschnitt, die Arbeitslosigkeit ist mit fünf Prozent gering, mehr als die Hälfe der Bewohner verfügt über eine abgeschlossene Berufsausbildung. Wie in vielen Außenbezirken sind die Menschen hier im Schnitt etwas älter als in den Innenstadtbezirken. Hier im südöstlichsten Zipfel der Messestadt scheint auf den ersten Blick alles in Ordnung zu sein, Einfamilienhäuser säumen die Straßen, das zitronengelbe Rathaus leuchtet in der Sonne auf dem hübsch sanierten Markt. Die Einwohner nennen den Ort liebevoll »Wolks«. Doch es gibt eine weitere Statistik, die heraussticht: In dem 5400-Einwohner-Ort hat die AfD bei den Leipziger Stadtratswahlen ihr höchstes Ergebnis erzielt. Über 28 Prozent der Wählerinnen und Wähler haben, bei einer Wahlbeteiligung von 58 Prozent, für die AfD gestimmt",

beschreibt Pia SIEMER den Leipziger Ortsteil Liebertwolkwitz, der bis 1999 eine eigenständige Gemeinde war.

LASCH, Hendrik (2019): (K)eine rote Insel im schwarz-blauen Meer.
In Leipzig wurde die Linke bei der Stadtratswahl stärkste Kraft - nicht nur dank "Latte-Macchiato-Linker",
in:
Neues Deutschland v. 11.06.

"Zwar erzielte die Partei im Szeneviertel Connewitz mit 40,6 Prozent ihr Rekordergebnis. Insgesamt seien aber »sowohl unsere alternativen als auch unsere traditionellen Milieus angesprochen« worden, so im Plattenbauviertel Grünau. Während in vergleichbaren Quartieren in Dresden und Chemnitz die AfD stärkste Kraft wurde, lag in Grünau die Linke mit 30 Prozent vorn.
(...).
In Paunsdorf etwa, einem Viertel, das mit Grünau vergleichbar ist, lag das Ergebnis unter 20 Prozent, in dörflichen Randbezirken noch deutlich darunter. Der Vorteil Leipzigs sei, räumt Bednarsky ein: »Wir können das anderswo kompensieren«",

erklärt uns Hendrik LASCH, der uns die Sicht der Linken-Politiker präsentiert. Der Leipziger Linken-Chef Adam BEDNARSKY tritt bei der kommenden Landtagswahl in Grünau an und will dort verhindern, dass die AfD ein Direktmandat gewinnt.

Der Wahlkreis 29 Leipzig 3, wo BEDNARSKY antritt, umfasst jedoch weit mehr als das Plattenbauviertel Grünau, nämlich: Großzschocher, Burghausen-Rückmarsdorf, Grünau-Mitte, Grünau-Nord, Grünau-Ost, Grünau-Siedlung, Hartmannsdorf-Knautnaundorf, Kleinzschocher, Knautkleeberg-Knauthain, Lausen-Grünau, Miltitz und Schönau.

BOLLMANN, Ralph (2019): Hipster, ab aufs Land!
Die Bundesregierung will benachteiligten Regionen helfen: mit Geld und schnellem Internet. Dabei wäre etwas anderes viel wichtiger,
in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 14.07.

Ralph BOLLMANN hält die Vermittlung eines Lebensgefühls für wichtiger als Geld und Infrastruktur, obwohl beides miteinander zusammen hängt. Der US-amerikanische Guru Richard FLORIDA hat diese kosmopolitische Sichtweise mit seinem Bestseller The Rise of the Creative Class im Jahr 2002 popularisiert. Die "Schwarmstadt" Leipzig gilt BOLLMANN als Beispiel für die Richtigkeit dieser Sichtweise. Im Gegensatz zu FLORIDA macht BOLLMANN nicht in erster Linie die Wichtigkeit der Kreativen Klasse ("Akademiker"), sondern den demografischen Wandel für die angebliche Umkehr des Kräfteverhältnisses zwischen Wirtschaft und Arbeitskräften verantwortlich:

"(D)er demographische Wandel hat die Verhältnisse umgekehrt. Nicht die Jobs sind es in erster Linie, die vielerorts fehlen, sondern die Menschen."

Der demografische Wandel ist für BOLLMANN jedoch kein unabwendbares Schicksal, sondern Auswuchs des Lebensgefühls der Arbeitskräfte:

"Viele Berufsanfänger akzeptieren sogar geringere Gehälter, um in der Stadt ihrer Träume leben zu können, und sie nehmen dafür höhere Lebenshaltungskosten als auf dem platten Land in Kauf.
Inzwischen geht der Trend eher dahin, dass die Jobs den Arbeitskräften hinterherziehen und nicht umgekehrt."

Fakten hat BOLLMANN hierzu jedoch nicht zu bieten. In den 1980er Jahren gab es den Begriff "privileged Poor", der Selbstausbeutungsverhältnisse umschrieb, die darauf gründeten, coole Jobs in coolen Städten anzunehmen. Man zog dorthin, wo es coole Arbeit gab. Nun also soll das Flair einer Stadt, d.h. kulturelle Freizeitangebote wichtiger sein als coole Jobs. Man darf das sehr bezweifeln. BOLLMANN behauptet, dass es für den Zuzug nach Leipzig keine rationalen Argumente gibt:

"Das Leipziger Gehaltsniveau liegt noch immer deutlich unter dem deutschen Durchschnitt, kein einziger Dax-Konzern hat seinen Sitz in der Stadt. Die Universität bietet in vielen Fächern bestenfalls Mittelmaß, der Flughafen ist zwar wein wichtiges Fracht-Drehkreuz, aber ohne wirklich relevante Passagierverbindungen.
Beim Leipzig-Boom geht es nicht um Geld, sondern um ein Lebensgefühl."

Tatsächlich findet BOLLMANN dann jedoch ganz "rationale" Argumente, die dem kosmopolitischen Milieu entspringen:

"Sogar die Pendlerströme kehren sich teilweise um. Finden Jungakademiker im Dreiländereck von Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt eine Arbeitsstelle in einer schrumpfenden Kommune, in der womöglich ein Drittel der Mitbürger die AfD wählt: Dann nehmen sie ihren Wohnsitz bisweilen lieber in Leipzig und reisen jeden Tag von dort an, weil das oft wunderschöne Stadtbild allein die Kleinstädte nicht attraktiv genug macht."

Leipzig ist ein gutes Beispiel für die Verlogenheit des Kosmopolitismus, denn die Stadt ist sozial gespalten. Wissenschaftler sprechen von "sozialer Segregation". Leipzig gehört zu den 12 Städten, in denen diese Spaltung zwischen 2014 und 2017 am stärksten gestiegen ist, obwohl das Niveau vorher bereits hoch war. Die Kosmopoliten leben dort (noch) auf ihrer Wohlfühlinsel, während die AfD ringsherum zugewinnt. Die AfD kam in Leipzig bei der diesjährigen Europawahl immerhin auf 25,2 % - ein Stimmenzuwachs um mehr als die Hälfte (+16,2 %). Zur Kommunalwahl 2019 heißt es in der Leipziger Volkszeitung:

"Die AfD gewann in zehn Ortsteilen. In Liebertwolkwitz holte keine Partei mehr Stimmen. Die AfD verbuchte im südöstlichen Zipfel der Stadt 28,3 Prozent der Stimmen. Das bedeutete für die Partei gleichzeitig den Bestwert in Leipzig." (27.05.2019)

Die Schmuddelkinder wohnen also nur in anderen Stadtteilen, aber in der selben Stadt. Und offenbar ist die Europagegnerschaft in Leipzig wesentlich größer als das der Begriff "Kosmopolitismus" ausdrückt, denn während die AfD bei der Kommunalwahl nur auf 14,9 % kam, waren es bei der Europawahl über 10 % mehr. Was aber, wenn die Kluft geringer wird?

BOLLMANN hat uns dagegen nur simple Lösungen anzubieten:

"(D)ie Verfassung zwingt den Staat nicht dazu, den Zuzug in die Metropolen auch noch zu fördern. Die Erfahrung zeigt: Wenn das Leben dort nicht nur teurer, sondern auch unattraktiver wird, weichen die Leute womöglich aus. So erklärt sich der Erfolg von Leipzig auch aus den hohen Mieten in Berlin. Wer weiß: Wenn es auch dort zu teuer geworden ist, zieht der Schwarm vielleicht irgendwann weiter."

Leipzig unattraktiver machen, damit die Provinz attraktiver erscheint? Der AfD könnte das helfen, um auch in den Großstädten mit hoher Segregation noch erfolgreicher zu werden.

PEIKERT, Linda (2019): Juliane Nagel ist für Rechte und Sachsens CDU ein rotes Tuch.
Unter Leuten: 8,7 Millionen Menschen leben in Brandenburg, Thüringen und Sachsen. Hier ist eine von ihnen,
in:
TAZ v. 24.07.

Die taz übt sich in Heldenverehrung und einem Personenkult, der fatal an jenen um Björn HÖCKE erinnert. Juliane NAGEL, die 2014 - also zu einem Zeitpunkt als die AfD sich gerade formierte - den Wahlkreis Leipzig-Connewitz für die Linkspartei dem CDU-Kandidaten Robert CLEMEN abspenstig machte, wird zur unerreichbar erfolgreichen Ikone der Antifa stilisiert.

NAGEL hat 2014 den einzigen von 60 Wahlkreisen gewonnen, die restlichen waren noch allesamt in den Händen der CDU. Es war zugleich ein einziger von 7 Leipziger Wahlkreisen (27-33).

"Juliane Nagel (...). Bei der Kommunalwahl im Mai bekam sie in Leipzig mit großem Abstand das beste Ergebnis aller zur Kommunalwahl angetretenen 649 Kandidaten",

heißt es in der taz-Jubelprosa. Bei der Landtagswahl 2014 erhielt NAGEL im Wahlkreis 28 Leipzig 2 (Wahlbeteiligung: 50,3 %)  gerade einmal 28,3 %, ein Vorsprung von 3,3 %. Die AfD kam damals nur auf 6,4 % in Sachsen. Zum Wahlkreis 28 gehören folgende Stadtteile: Probstheida, Connewitz, Dölitz-Dösen, Liebertwolkwitz, Lößnig, Marienbrunn, Meusdorf und Südvorstadt.

Bei der Kommunalwahl 2019 ist die Wahlkreiseinteilung völlig anders, d.h. die für NAGEL problematischen Stadtteile fehlten dort. Der Landtagswahlkreis 28 entspricht bei der Kommunalwahl den Wahlkreisen 3 und 4 (Südvorstadt, Connewitz, Marienbrunn, Lößnig, Dölitz-Dösen). So fehlten Probstheida, Meusdorf und Liebertwolkwitz, die zum Wahlkreis 3 gehören. Die AfD kam dort auf 14,5 % der Stimmen. In der Leipziger Volkszeitung heißt es dazu:

"Die AfD gewann in zehn Ortsteilen. In Liebertwolkwitz holte keine Partei mehr Stimmen. Die AfD verbuchte im südöstlichen Zipfel der Stadt 28,3 Prozent der Stimmen. Das bedeutete für die Partei gleichzeitig den Bestwert in Leipzig." (27.05.2019)

Im Wahlkreis 58 Görlitz 2 trat damals der jetzige Oberbürgermeister Octavian URSU an und gewann mit 37,1 % das Direktmandat.

Fazit: Die taz tut sich mit ihrer Jubelprosa keinen Gefallen, sondern vermittelt ein verzerrtes Bild, das letztlich nur schadet und die AfD stärkt.

 
     
 
       
   

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© 2002-2019
Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 10. Juni 2018
Update: 25. Juli 2019