[ Übersicht der Themen des Monats ] [ Debatte: Familien contra Singles ] [ News ] [ Homepage ]

 
       
   

Sommerthema II

 
       
   

Demografie und Demokratie

 
       
   

Wie ein Buch dem Zeitgeist der Demographisierung gesellschaftlicher Probleme erliegt und dadurch die Konflikte um den Wohlfahrtsstaat noch zusätzlich verschärft

 
       
     
   
     
     
 

 Demografische Mobilmachung

Die Autoren Jens KERSTEN, Claudia NEU und Berthold VOGEL möchten mit ihrem Buch Demografie und Demokratie die Politisierung des Wohlfahrtsstaates vorantreiben. Ihnen geht die mediale, wissenschaftliche und politische Sichtbarkeit des demografischen Wandels nicht weit genug, weshalb sie für weitreichende - über die bereits erfolgten politischen Weichenstellungen - hinausgehende Gesetzesänderungen plädieren. Im Folgenden soll deshalb aufgezeigt werden, dass die Autoren eine einzige mögliche ferne Zukunft zum Ausgangspunkt einer Politik machen, die gravierende Folgen für die Zukunftsfähigkeit unseres Landes haben kann, weil sie Alternativen gar nicht erst in Betracht zieht.

Ausgangspunkt dieses Denkens ist die 11. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2006 . Zur Zeit der Drucklegung des Buches war diese Bevölkerungsvorausberechnung bereits durch die 12. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung aus dem Jahr 2009 ersetzt worden. Lassen wir das erst einmal beiseite und nehmen wir die 70 Millionen Menschen, die angeblich 2050 in Deutschland leben und damit unsere Demokratie bedrohen sollen:   

Demografie und Demokratie

"Niedergangsszenarien und Beruhigungsformeln verdecken eine zentrale Frage: Gefährdet die demografische Entwicklung unsere Demokratie?
Nur auf den ersten Blick erscheint das Verhältnis von Demografie und Demokratie problemlos. Sicherlich können sich die 70 Millionen Bürgerinnen und Bürger, die voraussichtlich 2050 in der Bundesrepublik leben werden, ebenso demokratisch selbst bestimmen wie die 80 Millionen gegenwärtig in Deutschland leben. Doch diese vordergründige Rechnung verkennt entscheidende Aspekte des politischen Spannungsverhältnisses, in das Demografie und Demokratie aufgrund der Bevölkerungsentwicklung geraten sind. Sie reduziert das Verständnis von Demokratie auf Abstimmungen".
(2012, S.7)

Die 11. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung wurde in 12 Varianten berechnet. Die mittleren Varianten reichten von 68,7 Millionen (Untergrenze) bis 74 Millionen (Obergrenze). Nach der Variante 4 - W2 könnten im Jahr 2050 sogar 80 Millionen Menschen leben, d.h. der Bevölkerungsrückgang würde demnach so gut wie ausfallen. Dazu wären lediglich ein Wanderungsüberschuss von 200.000 Menschen jährlich vonnöten, eine Geburtenrate von 1,6 ab 2025 sowie eine weiter steigende Lebenserwartung. Von einem Bevölkerungsrückgang von 10 Millionen Menschen bis 2050 auszugehen, wie ihn die Autoren suggerieren, ist also kein irgendwie zu rechtfertigender Sachzwang, sondern kommt einem Denkverbot gleich.

Nach der 12. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung, die 2009 veröffentlicht wurde, würden in den mittleren Varianten im Jahr 2050 sogar 69,4 Millionen (Untergrenze) bis 73,6 Millionen (Obergrenze) leben. Bei der Variante 4 - W2 wären es immer noch 78,7 Millionen Menschen. Wie wir jedoch inzwischen wissen, war diese Bevölkerungsvorausberechnung zum einen zu optimistisch (der Zensus 2011 stellte fest, dass wir 1,5 Millionen Menschen weniger sind als von der Bevölkerungsfortschreibung angenommen) und zum anderen viel zu pessimistisch, weil Deutschland mittlerweile im dritten Jahr wächst - statt wie prognostiziert - zu schrumpfen. Unter den gegenwärtigen Wachstumsbedingungen wäre dem Buch quasi die Ausgangslage entzogen, denn die Autoren denken Deutschland nur als stark schrumpfende Gesellschaft und nur auf diese Situation sind ihre Vorstellungen zu Gesetzesänderungen ausgerichtet. Da die Schrumpfungsideologie jedoch - trotz alledem - weiterhin untergründig wirkmächtig ist, muss das Buch als Ausdruck des gegenwärtigen Mainstreams ernst genommen werden. 

Deutschland wächst, trotz fataler Denkverbote

Im Juni 2013 verfassten Andreas RINKE & Christian SCHWÄGERL die Titelgeschichte Die 100-Millionen-Chance. Im Editorial über den großen Irrtum schreibt Christoph SCHWENNIKE:

Der große Irrtum

"Zu den Grundannahmen dieses Landes gehörte bislang: Deutschland schrumpft. Wir sind ein 80-Millionen-Volk und müssen eher fürchten, auf die 60 Millionen zu fallen, als die 100-Millionen-Marke anzupeilen. Alle Politik gründet auf dieser Annahme, alle Steuerprognosen, alle Berechnungen der Entwicklung unserer sozialen Sicherungssysteme, alle Überlegungen der Regierung: »Wenn wir auf Deutschland schauen, ungeachtet möglicher Zuwanderungsraten, dann wissen wir, dass wir insgesamt weniger werden«, sagte Angela Merkel Ende April vor dem Deutschen Ethikrat. (...). Einspruch Kanzlerin! (...). Deutschland wächst, es wächst signifikant. Das wirtschaftlich solide Land zieht vor allem junge, gut ausgebildete Europäer an, die ihre Zukunft bei uns suchen und finden.
Fünf Teile Zuwanderung, ein Teil Hoffnung auf mehr Kinder, etwa in diesem Verhältnis setzt sich der neue deutsche Bevölkerungsboom zusammen."
(Cicero Juni 2013)

Seit 2011 wächst die Bevölkerung in Deutschland - gegen jegliche Prognose - und es ist ausgerechnet der Wanderungssaldo und nicht die Geburtenentwicklung, die dafür verantwortlich ist. Der Wissenschaftsjournalist Björn SCHWENTKER schreibt deshalb in seinem Demografieblog:

Da waren's plötzlich noch mehr

"Wieder nichts: Deutschland will einfach nicht schrumpfen – obwohl das doch immer wieder vorausgesagt wird. Gerade hat das Statistische Bundesamt (Destatis) neue Schätzungen bekannt gegeben: 2013 sind wir wieder 300.000 mehr geworden. Damit lägen wir bei 80,8 Millionen Einwohnern.

Und damit hätte die Wirklichkeit die letzte Bevölkerungsprognose der amtlichen Statistiker nach nur fünf Jahren um mehr als 1,2 Millionen Einwohner übertroffen. (...)(Die) Daten (...) werfen die Frage auf: Sind Bevölkerungsprognosen angesichts solcher Fehler überhaupt noch sinnvoll?"
(demografieblog.de 14.01.2014)

Bereits vor einem Jahrzehnt hat der Statistiker Gerd BOSBACH im Zusammenhang mit langfristigen Bevölkerungsvorausberechnungen von Kaffeesatzleserei gesprochen . Politiker gehen sogar so weit, dass sie uns Modellrechnungen in Gesetzesform gießen wollen, als ob sich demografische Entwicklungen bis hinter die Kommastelle genau prognostizieren lassen. In einer Anhörung zum Rentenpaket im Mai 2014 kritisiert der Statistiker Eckart BOMSDORF diese Praxis :

Zur Einführung einer Demografiekomponente bei der Finanzierung der Ausgaben zur Teilhabe

"Die demografische Entwicklung einer bestimmten Altersgruppe bis 2050 in der benötigten Genauigkeit vorherzusagen ist unmöglich. In der im Gesetzentwurf zu diesem Paragraphen aufgeführten Tabelle wird offenbar die Möglichkeit einer kurz- und evtl. mittelfristigen Fortschreibung der Bevölkerung mit einer langfristigen – und zugleich unmöglichen – Vorhersage, um nicht zu sagen mit Hellseherei verwechselt; letztere hat in einem Gesetz sicher nichts zu suchen.
(...).
Die 12. koordinierte Bevölkerungsvorausschätzung des Statistischen Bundesamtes kann hier nicht als Beleg für eine Aussage dieser Qualität hinzugezogen werden. Sie stellt nämlich keine Prognose dar, sondern liefert Modellrechnungen mit unterschiedlichen Varianten."
(Ausschussdrucksache 18(11)82, S.66)

KERSTEN/NEU/VOGEL kritisieren zwar die unreflektierte Vermischung von Politik, Moral und Statistik, bleiben jedoch der Demographisierung gesellschaftlicher Probleme selber verhaftet bzw. wollen sie sogar noch forcieren. Indem die Autoren vorab jeglicher Empirie von harten Verteilungskämpfen aufgrund des demografischen Wandels ausgehen, schränken sie den Blick auf die Zukunft vorschnell ein. Dies wird bereits daran deutlich, dass sie ihre Politik ganz auf STETE Schrumpfung und ANHALTENDE Alterung ausrichten wollen und dabei der Einwanderung - im Gegensatz z.B. zum Cicero-Artikel - keine große Bedeutung zuschreiben:

Demografie und Demokratie

"Die Einwanderungswellen der vergangenen fünfzig Jahre haben (...) den Bevölkerungsrückgang abmildern können, keinesfalls haben sie ihn in relevantem Maße gebremst. Die zentralen verfassungs-, infra- und wohlfahrtsstrukturellen Probleme, die der demografische Wandel in demokratischen Gesellschaften auslöst, können nicht über die Steuerung von Zuwanderung gelöst werden. (...) Daher konzentrieren wir uns im Folgenden vor allen Dingen auf die gesellschaftlichen Konsequenzen, die sich in demografischer Hinsicht aus steter Schrumpfung und anhaltender Alterung ergeben.
Dabei lassen wir uns von der zentralen Frage leiten, in welcher Weise der demokratische Wohlfahrtsstaat auf die »Wohlstandskonflikte« reagieren muss, die mit dem demografischen Wandel einhergehen."
(2012, S.11)

Wohlstandskonflikte hieß ein 2009 erschienenes Buch von Berthold VOGEL, das überzeugend den Zusammenhang zwischen Bildungsexpansion, Entwicklung des Wohlfahrtsstaates und dem Expandieren und Schrumpfen der Mittelschicht in den Blick nahm . Der demografische Wandel, der im Buch Demografie und Demokratie im Fokus steht, spielte dabei keine Rolle. Was aber verstehen die Autoren unter dem demografischen Wandel?   

Der demografische Wandel als Ideologie

Der Politikwissenschaftler Christian RADEMACHER hat in seinem Buch Deutsche Kommunen im Demographischen Wandel kritisiert, dass zwar viel über den demografischen Wandel geschrieben wird, die Faktenlage dagegen eher mangelhaft ist. KERSTEN/NEU/VOGEL machen sich jedoch erst gar nicht die Mühe das Phänomen genauer zu beschreiben, sondern greifen einfach auf den medialen Konsens zum demografischen Wandel zurück. Im Rahmen dieser öffentlichen Debatte positionieren sich die Autoren. Sie suggerieren einen nicht näher begründeten Zusammenhang zwischen demografischem Wandel und dem, was sie Wohlstandskonflikte nennen, d.h. sie gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass die von ihnen lediglich behaupteten, aber nicht belegten Zusammenhänge, tatsächlich existieren. In der Soziologie nennt man eine solche Sichtweise, die Konflikte als demographisch erzeugt ansieht, Demographisierung. Das Grundproblem besteht jedoch bereits darin, dass die Autoren keine Theorie des demografischen Wandels besitzen, sondern lediglich Spekulationen vortragen, die ihre Plausibilität nur aus der ständigen Wiederholung in den Medien beziehen. Zum Problem Massenarbeitslosigkeit schreiben die Autoren: 

Demografie und Demokratie

"Massenarbeitslosigkeit sei - so ein populäres Argument - in der schrumpfenden Gesellschaft kein Problem mehr, weil dann jede Bürgerin und jeder Bürger aufgrund des Bevölkerungsrückgangs einen Arbeitsplatz finde. Doch Argumentationen wie diese (...)(ziehen) nicht in Betracht (...), dass die Bevölkerungsentwicklung die Bedingungen des Arbeitsmarkts insgesamt so verändern könnte, dass vollkommen neue soziale Friktionen und Ungleichheiten die Arbeitswelt von morgen prägen: die Verschlechterung der Bildungschancen, der Mangel an Fachkräften sowie der Kollaps von regionalen Arbeitsmärkten sind drei Stichwörter für eine nicht nur, aber auch demografisch verursachten Wandel unserer Arbeitswelt, in der Massenarbeitslosigkeit keineswegs ausgeschlossen ist."
(2012, S.12)

Typisch für solche Spekulationen ist, dass sie lediglich Argumente aneinanderreihen, die genauso plausibel oder unplausibel sind, wie jene Argumente, denen sie jegliche Erklärungskraft absprechen. Warum sollten aber Arbeitsmarktprobleme bei langsam schrumpfenden Bevölkerungen problematischer sein als z.B. bei schnell wachsender Bevölkerung wie es in den 1970er Jahren der Fall war? Diese Frage beantworten die Autoren nicht, sondern sie suggerieren lediglich, dass es so sei.

Vor kurzem hat die Journalistin Inge KLOEPFER in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung einen Zusammenhang zwischen demografischer und kommunaler Entwicklung hergestellt, der typisch ist für unseriöse kommunale Vergleiche in Deutschland.  KLOEPFER wollte belegen, dass Mentalitätsunterschiede zwischen den Gelsenkirchenern und den Eichstättern den Unterschied machen . So vergleicht KLOEPFER eine Kommune (Gelsenkirchen) mit einem Landkreis (Eichstätt), also einem Konglomerat von Kommunen. Dies ist keineswegs unüblich. Auch das private Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung vergleicht Landkreise mit Städten, obgleich solch ein Vorgehen mehr als fragwürdig ist. Erklärbar ist diese Vorgehensweise nur dadurch, dass amtliche Daten zu angeblich aussagekräftigen Indikatoren auf Gemeindeebene nur für kreisfreie Städte und bis zur Kreisebene existieren. Lediglich die Bertelsmann-Stiftung stellt Daten, deren Transparenz jedoch nicht gegeben ist, für Gemeinden über 5.000 Einwohner bereit . Bei genauer Betrachtung der 7 Kommunen über 5000 Einwohner im Landkreis Eichstätt, zeigt sich, dass erstens entgegen der Behauptung einer wachsenden Region eine Kommune Bevölkerungsrückgänge zu verzeichnen hat. KLOEPFER schreibt unterschiedliche Arbeitslosenzahlen unterschiedlichen Mentalitäten zu. Jedoch gibt es selbst in der Boomregion Eichstätt Kommunen die eine doppelt so hohe Arbeitslosigkeit haben wie andere Kommunen. Nicht der  demografische Wandel in Deutschland, sondern der Zufall, dass der Landkreis Eichstätt im Einzugsbereich der Stadt Ingolstadt mit dem attraktiven Automobilhersteller Audi liegt, erklärt den Boom der Region. Dieses Beispiel zeigt deutlich, dass keineswegs der demografische Wandel per se das Problem ist, sondern das regionale Umfeld oftmals die Entwicklung von Kommunen entscheidend beeinflusst. 

Der Politikwissenschaftler Christian RADEMACHER plädiert deshalb dafür, dass Fragen zum Zusammenhang von demografischer und kommunaler Entwicklung empirisch zu klären sind. Seine Studie macht darauf aufmerksam, dass die Datenlage zu deutschen Kommunen mehr als mangelhaft ist. So werden Städterankings zur demografischen Lage der Nation anhand intransparenter Indikatoren von privaten Organisationen wie dem Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung bzw. der Bertelsmann-Stiftung in den Medien verbreitet, deren Stichhaltigkeit selten überprüft werden. RADEMACHER hat deshalb die Demographietypen der Bertelsmann-Stiftung einer empirischen Untersuchung unterzogen. Er kommt zum Schluss, dass kein direkter Zusammenhang zwischen demografischem Wandel und dem Steueraufkommen von Kommunen besteht, sondern dass die länderspezifischen Regelungen des kommunalen Finanzausgleichs entscheidender für die Handlungsfähigkeit der deutschen Kommunen sind als die Bevölkerungsentwicklung:

Deutsche Kommunen im Demographischen Wandel

"Die Demographietypen der Bertelsmann-Stiftung (2006) berücksichtigen die lokale Steuerkraft (...) und beschreiben damit eher die Zukunftsfähigkeit der bundesländerspezifischen Regelungen des kommunalen Finanzausgleiches (...) und weniger die Handlungsfähigkeit einzelner Kommunen im Umgang mit Demographischem Wandel. Die finanzpolitischen Regelungen der »Äußeren Kommunalverfassung« sind kommunalem Handeln aber weitgehend entzogen, weshalb Gemeinden diesen Finanzausgleich eher »erleiden«, als ihn gestalten zu können."
(2013, S. 271)

Kurz gesagt: Abwärtsspiralen aufgrund des demografischen Wandels wie sie auch von KERSTEN/NEU/VOGEL konstatiert werden, sind keineswegs ein typischer Fall schrumpfender Gesellschaften, sondern sind ein Fall für genaue empirische Analysen. Oftmals wird dem demografischen Wandel per se negative Entwicklungen zugeschrieben, die jedoch bei genauer Betrachtung eine andere Ursache haben. Es ist also genau zu unterscheiden, ob beobachtete Phänomene des Niedergangs von Kommunen nicht ökonomische (z.B. Firmenschließungen), geografische (z.B. strukturschwache Regionen aufgrund peripherer Lagen) oder politische Ursachen (z.B. Fehlprognosen, die die Entwicklung hemmen; politische Fehlentscheidungen) haben, wobei wir bei der entscheidenden Frage wären: Was ist der demografische Wandel überhaupt und welche Effekte werden ihm zugeschrieben?

Demografischer Wandel, Demographisierung und Demographismus

KERSTEN/NEU/VOGEL beschreiben den demografischen Wandel folgendermaßen:        

Demografie und Demokratie

"(Der) demografische Strukturwandel, verstanden als das Zusammenspiel von Geburten und Sterbefällen sowie der Wanderungsbewegungen innerhalb des Landes und über Landesgrenzen hinweg, macht sich inzwischen nicht nur in den sozialen Sicherungssystemen bemerkbar. Er verändert die Generationen- und Familienbeziehungen, die Bedeutung von Alter und Bildung in der Arbeitswelt, den sozialen Raum von Städten, Regionen und Ländern, das Verständnis von Infrastrukturen, die Chancen einer effektiven Klimapolitik, die Wertbildung immobilen Eigentums."
(2012, S.9f.)

Demografischer Wandel ist gemäß der Sichtweise von KERSTEN/NEU/VOGEL das "Zusammenspiel von Geburten und Sterbefällen sowie der Wanderungsbewegungen innerhalb des Landes und über Landesgrenzen hinweg". Einwanderungen klammern die Autoren - wie weiter oben bereits angesprochen - aus, obwohl sie derzeit für das Bevölkerungswachstum in Deutschland die entscheidende Größe sind. Mit dieser Vorentscheidung kommen also mögliche Politiken erst gar nicht in den Blick. Dem demografischen Wandel schreiben die Autoren zudem eine Reihe von negativ bewerteten Effekten zu, die durchaus umstritten sind.

RADEMACHER unterscheidet aufgrund des vorherrschenden Nichtwissens verschiedene Typen von Demographismen, d.h. Ideologien in der öffentlichen Debatte zum demografischen Wandel. KERSTEN/NEU/VOGEL kann man dem wohlfahrtsstaatlichen Demographismus zuordnen , weil im Zentrum ihres Ansatzes der Erhalt des Wohlfahrtsstaates (wenngleich nicht in der jetzigen Form) steht, der jedoch durch den demografischen Wandel bedroht erscheint:  

Demografie und Demokratie

"Das Demokratieverständnis, das sich seit 1949 in der Bundesrepublik entwickelt hat, (...) hat sich im politischen Bewusstsein der Bürgerinnen und Bürger (...) mit der Entwicklung des Sozialstaates zum Wohlfahrtsstaat verbunden (...): Demokratische Freiheit und soziale Teilhabe garantieren Zusammenhalt und legitimieren die soziale Demokratie der Bundesrepublik."
(2012, S.7f.)

Sinkende Geburtenziffern und steigende Lebenserwartung entziehen nach Ansicht der Autoren dem Wohlfahrtsstaat seine Grundlagen, weswegen Kinderlosigkeit und Alterung  als die zentralen Probleme unserer Gesellschaft erscheinen.

Demographisierung betrifft gemäß RADEMACHER die Wahrnehmung des demografischen Wandels und die Art und Weise seiner Einschätzung, während der Demographismus die Art der Problemlösung prägt. Die Autoren beurteilen den demografischen Wandel ausschließlich als Gefahr, d.h. positive Entwicklungen werden geleugnet (z.B. mögliche Verbesserungen auf dem Arbeitsmarkt durch den demografischen Wandel) bzw. werden erst gar nicht in Betracht gezogen, z.B. der Anstieg der Geburtenrate, der sich bislang nur anhand der Kohortenfertilität  unterschiedlicher Frauenjahrgänge nachweisen lässt, nicht aber anhand der zusammengefassten Geburtenziffer (TFR), die durch die Zunahme der späten Mütter - vor allem im Akademikermilieu - verfälscht wird . Den Autoren geht es darum die Ängste der Bürger vor dem Bevölkerungsrückgang und der Alterung zu nutzen, um den Wohlfahrtsstaat "demografiefest" zu machen. Warum sie steigende Geburtenzahlen ignorieren begründen die Autoren mit dem Schreckgespenst Gerontokratie, das sie mit dem ungebräuchlichen Begriff "demografischer Wohlfahrtsstaat" umschreiben:

Demografie und Demokratie

"Die Entscheidungen demografischer Verteilungskonflikte werden zum Teil mit dem Verweis auf (möglicherweise) steigende Geburtenziffern legitimiert. Diese Legitimationsdiskurse reflektieren zwar den aktuellen biopolitischen Trend zu einer Demografisierung der Demokratie. Sie widersprechen aber diametral der Verfassungsstruktur des Grundgesetzes. Die Verteilungskonflikte der schrumpfenden und alternden Gesellschaft drohen den demokratischen Wohlfahrtsstaat in einen demografischen Wohlfahrtsstaat zu verwandeln. Die strukturellen Altersmehrheiten und vor allem die Generation der Babyboomer begreifen den unbegrenzten Verbrauch von fiskalischen und ökologischen Ressourcen seit jeher als ihr Geburts- und Naturrecht: zulasten gegenwärtiger Minderheiten und künftiger Generationen."
(2012, S.15f.)

Kurzgefasst: Vollständige Demographisierung nennt Christian RADEMACHER eine politische Lösung, wenn ein gesellschaftliches Problem, das als demographisch erzeugtes Problem wahrgenommen wird (z.B. die Pflege älterer Menschen), auch demographisch gelöst werden soll (z.B. durch höhere Beiträge für Kinderlose in der Pflegeversicherung). Um einen angeblich drohenden "demografischen Wohlfahrtsstaat" zu verhindern, greifen KERSTEN/NEU/VOGEL auf solche vollständigen Demographisierungen zurück (Dazu gehört z.B. auch die Verankerung der Generationengerechtigkeit im Grundgesetz oder Beitragsstaffelungen nach Kinderzahl im Rentensystem). Das Feindbild Babyboomer-Generation dient ihnen als Rechtfertigung zu weitreichenden Gesetzesänderungen, an deren Ende nicht die soziale Demokratie steht, sondern demografisch begründete Sanktionen gegen Minderheiten wie z.B. lebenslang Kinderlose, die gegenwärtig lediglich 20 % der Bevölkerung ausmachen .

Das Pflegeurteil des Bundesverfassungsgericht aus dem Jahr 2001 wurde mittels weit überhöhter Schätzungen von Kinderlosen gerechtfertigt . Dieses Urteil wird jedoch von den Autoren als wegweisend betrachtet, nicht etwa weil das Ausmaß der Kinderlosigkeit dies erforderlich machen würde (was nach der Erfassung und nicht nur der fehlerbehafteten Schätzung der Kinderlosigkeit seit 2008 schwerlich noch zu vertreten wäre), sondern weil die Beitragsdifferenzierung Kinderlose diskriminiert und stigmatisiert und somit angeblich gesellschaftsschädigende Verhaltensweisen sichtbar macht. Natürlich verwenden die Autoren euphemistische Umschreibungen, um diesen Sachverhalt zu verschleiern (vgl. KERSTEN/NEU/VOGEL 2012, S.43-47).

In dem Buch Die verratene Generation der Babyboomerinnen Christina BYLOW und Kristina VAILLANT beschreiben die Autorinnen die Folgen einer rückständigen Familienpolitik für ihre Generation. Denn in den 1980er und 1990er Jahren wurde nicht die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Form von ganztägiger Kinderbetreuung auf die politische Agenda gesetzt, sondern in dieser Sicht - im Gegenteil - Frauen entweder zur Hausfrauenehe und Mutterschaft oder zur kinderlosen Vollzeitkarriere verdammt .

Partnersuche und Partnerschaftsstabilität als Voraussetzungen der Familiengründung: Der blinde Fleck der Demographisierung

Auf dieser Website werden alle Politiken abgelehnt, die nicht die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in den Mittelpunkt stellen bzw. im Sinne eines Familienlastenausgleichs arme Familien fördern, sondern umgekehrt Singles bzw. Kinderlose (potenzielle Eltern) diskriminieren und stigmatisieren wollen. Familiengründung fängt nicht erst mit der Geburt des ersten Kindes an wie bevölkerungspolitische Maßnahmen dies suggerieren, sondern erfordert in der Regel immer noch eine Partnerschaft als Voraussetzung, will man nicht das Alleinerziehen zum Familienleitbild erheben. In dem Buch Grenzen der Bevölkerungspolitik von Diana AUTH & Barbara HOLLAND-CUNZ werden solche und weitere Probleme der Bevölkerungspolitik diskutiert . Bereits die Partnersuche und erst Recht die Aufrechterhaltung von Partnerschaften - also die Paarbildung - ist in unserer Gesellschaft aufgrund der Mobilitätsanforderungen der Wirtschaft und der Hartz IV-Gesetzgebung gefährdet .

Der Demografische Wandel ist kein temporär auftretendes Phänomen, sondern eine Rahmenbedingung jeglicher Gesellschaft

Absurd wird es wenn KERSTEN/NEU/VOGEL von "Zeiten des demografischen Wandels" sprechen (vgl. 2012, S.128), als ob es Zeiten ohne demografischen Wandel geben könnte. Demografischer Wandel ist ein Phänomen, das jegliche Gesellschaft begleitet und in unterschiedlichen Konstellationen andere Herausforderungen darstellt. Geburtenstarke Jahrgänge stellen andere Probleme dar als geburtenschwache Jahrgänge, steigende Geburtenzahlen andere als fallende usw. Wer von Zeiten des demografischen Wandels spricht, der setzt bereits Wertungen voraus, welche demografischen Phänomene für eine Gesellschaft günstiger oder ungünstiger sind. Darüber herrscht jedoch Uneinigkeit. Als z.B. die geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge auf den Arbeitsmarkt drängten, führte das zu Massenarbeitslosigkeit. Jugendarbeitslosigkeit war ein Begriff Mitte der 1970er Jahre, während Anfang der 1980er Jahre von Akademikerarbeitslosigkeit gesprochen wurde. Der demografische Wandel ist eine gesellschaftliche Rahmenbedingung. Und wie damit umgegangen wird, sind politische Entscheidungen und keine Sachzwänge.

Der demografische Wandel ist kein eindimensionaler, sondern ein multidimensionaler Prozess

Generationengerechtigkeit setzt eindimensionale, lineare Prozesse voraus, die Christian RADEMACHER als naturalisierende Modelle kritisiert. Bevölkerungen können zwar ab- oder zunehmen, der demografische Wandel setzt sich jedoch zumindest aus Geburtenentwicklung, Wanderungen und Sterblichkeit/Lebenserwartung zusammen. Diese drei Prozesse können sich gegenseitig kompensieren oder verstärken und verändern dadurch auch die Bevölkerungszusammensetzung (z.B. in den Dimensionen Alter, Geschlecht, Nationalität oder Lebensform). Der demografische Wandel ist also multidimensional. Denken in Abwärtsspiralen geht von zeitlich linear verlaufenden Prozessen aus, die alle in eine Richtung weisen - eher ein unwahrscheinlicher Fall. Christian RADEMACHER kritisiert deshalb das lineare Fortschrittsdenken:

Deutsche Kommunen im Demographischen Wandel

"Wenn Wachstum oder Schrumpfung mehrdimensional sind, ist es äußerst unwahrscheinlich, dass diese Prozesse zeitlich linear ablaufen. Es gibt empirische Belege (...) dafür, dass sich demographische Größen im Zeitablauf zyklisch und wellenförmig verändern. (...). Studien, die Schrumpfung als mehrdimensionale, zirkuläre Prozesse der Stadtentwicklung auffassen, bilden (...) noch eine Minderheit (z.B. Milbert 2011, Gatzweiler/Milbert 2009 oder Rink/Haase/Bernt 2009)."
(2013, S. 29)

Brüche oder zyklische Phänomene widersetzen sich der Berücksichtigung in Form der Generationengerechtigkeit. Nach welchen Kriterien sollten die Belange zukünftiger Generationen berücksichtigt werden, wenn die Zukunft offen ist statt vorherbestimmt wie es uns Bevölkerungsprognosen vorgaukeln? Wenn überhaupt Generationengerechtigkeit sinnvoll ist, dann nur im Sinne von Politiken, die jederzeit reversibel sind - gerade davor scheut die Politik zurück. Dies zeigt sich z. B. darin, dass mit Nachhaltigkeitsfaktor und Riester-Faktor Formeln in das Rentensystem eingefügt wurden, die Automatismen installieren, die völlig aus dem Ruder laufen können. Wer schützt uns also vor solchen Automatismen im Namen der Generationengerechtigkeit? War nicht die Banken- und Finanzkrise ein Warnsignal, dass Systeme selbstzerstörerische Wirkungen entfalten können?      

Schrumpfologien haben fatale Folgen, weil sie Wachstum bremsen können

Was aber passiert, wenn Deutschland nicht schrumpft, wie es unsere Ideologen des richtigen Schrumpfens glauben? Eine Politik, die den Bevölkerungsrückgang zum Ausgangspunkt des politischen Handelns (hier als Schrumpfologien bezeichnet, kurz für: Schrumpfungs-Ideologien) macht, könnte gerade dadurch mit einem unvorhergesehenen Bevölkerungswachstum vollkommen überfordert sein. Nach Ansicht von KERSTEN/NEU/VOGEL steht uns folgendes Szenario in Deutschland bevor:

Demografie und Demokratie

"Daseinsvorsorge und Infrastruktur brechen weg. Öffentliche Einrichtungen veralten. Medizinische Versorgung ist nicht mehr gesichert. Schulen werden geschlossen. Kulturlandschaften verwildern. Vom »Implosionsrisiko« ganzer Regionen ist die Rede, von der »Gefahr regionaler Abwärtsspiralen«, von »Wüstungen«, vom »Regionaldarwinismus«, von »verblühenden Landschaften«.
Angesichts dieser sozialräumlichen Entwicklung ist das verfassungsrechtliche Leitbild der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse nicht mehr in der Lage, die soziale, wirtschaftliche und infrastrukturelle Teilhabe der Bürgerinnen und Bürger normativ zu steuern. Dieser normative Bedeutungsverlust wird auch durch den konzeptionellen Wandel reflektiert, den das Gleichwertigkeitsprinzip in den letzten zehn Jahren durchlaufen hat: Aus dem Gleichwertigkeitsgrundsatz (...) ist die Beschreibung des infrastrukturellen Minimums unserer Gesellschaft geworden."
(2012, S.49)

Ihre Horrorszenarien beziehen KERSTEN/NEU/VOGEL aus Problemen in ländlichen Gebieten. In den 1970er Jahren nannte man solche Gebiete einfach strukturschwach, womit klar war, dass es dort wirtschaftliche Probleme aufgrund des Strukturwandels gibt. Kann der ländliche Raum Vorbildcharakter für ganz Deutschland haben wie die Autoren das suggerieren oder müssen für solche Ausnahmegebiete nicht Ausnahmeregelungen geschaffen werden?

Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt als Musterregionen der schrumpfenden Gesellschaft?

Den Autoren gelten Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt als Musterbeispiele des Schrumpfens. Im Mai 2004 veröffentlichte das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung ein erstes Ranking zum demografischen Wandel. Darin heißt es zu Sachsen-Anhalt:

Kreise und Städte im Test

"Schon zu DDR-Zeiten bestand im heutigen Sachsen-Anhalt - wenn auch in geringerem Maße - das Problem des Bevölkerungsrückgangs: 1945 war das letzte Jahr, in dem die Einwohnerzahl wuchs. Zur Jahrtausendwende war es das am schnellsten schrumpfende Bundesland. Seit der Wende haben die Städte Dessau und Magdeburg mehr als 15 Prozent der Einwohner verloren, Halle sogar mehr als 20 Prozent - wovon immerhin einige Landkreise im Umland profitieren: Der Trend führt heraus aus maroden Innenstädten und Plattenbauten, hinein in Neubauten auf der grünen Wiese."
(Geo-Heftbeilage 2004, S.14)

Steigende Geburtenraten, hohe Einwanderungszahlen und Fehlprognosen zu Binnenwanderungen könnten eine auf Schrumpfung eingestellte Gesellschaft auf dem falschen Fuß erwischen. 9 Jahre nachdem Halle mit 20 Prozent Einwohnerrückgang zum Sinnbild der schrumpfenden Stadt wurde, beschreiben RINKE & SCHWÄGERL in ihrem Cicero-Artikel anhand der Stadt Halle, die entgegen den Prognosen nicht geschrumpft, sondern gewachsen ist, welche fatalen Folgen falsche Prognosen entwickeln können:

Die 100-Millionen-Chance

"233 000 Hallenser gibt es heute, über 2000 mehr als noch vor vier Jahren. (...). Den offiziellen Prognosen zufolge müssten schon heute nur noch 225 000 Menschen in Halle leben, im Jahr 2025 gar 206 000. »Alle Bevölkerungsprognosen gingen von einer anhaltenden Schrumpfung der Bevölkerungszahl in Halle aus«, sagt Uwe Stäglin, der Dezernent für Stadtentwicklung.
Ihn freut der Aufschwung: »Das Ausmaß der positiven Entwicklung war bis vor wenigen Jahren nicht absehbar, nun wollen wir erreichen, dass das Wachstum weitergeht«, sagt er. Doch ausgerechnet die Landesregierung durchkreuzt dieses Vorhaben. Die Stadtoberen und die Universitätsleitung bekommen von ihr weiterhin die veralteten Bevölkerungsprognosen als unabwendbares Schicksal präsentiert. Wird an den Hochschulen gespart, dürfte es tatsächlich wieder bergab gehen. Das Beispiel Halle zeigt vor allem eins: dass Demografie in hohem Maß flexibel und gestaltbar ist - und dass Prognosen eine eigene potenziell fatale Kraft entfalten können, weil sie flexibles Denken und Planen behindern."
(Cicero Juni 2013)

Schon jetzt hinkt z.B. der Ausbau der Kinderbetreuung der Nachfrage hinterher, weil durch eine Politik der Gießkanne Kitas nicht dort entstehen, wo sie gebraucht werden, sondern gemäß politischer Willkür. Deutschland ist auf einen Anstieg der Geburtenrate nicht vorbereitet, obwohl man inzwischen genau weiß, dass die Geburtenzahl der in den 1970er Jahren geborenen Frauen höher ist als diejenige der in den 1960er Jahren Geborenen.

Unvorhergesehene Wanderungsströme statt Geburtenentwicklung als Hauptproblem des demografischen Wandels

Während das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung vor 10 Jahren noch vollmundig erklärte, dass die Zukunft jenseits der Städte liegt, haben wir heutzutage das Problem, dass die Zukunft in den Städten liegt. Auf dieser Website wurde bereits zur Jahrtausendwende auf die neue Gruppe der Family-Gentrifier hingewiesen, die seit damals den Wandel der Städte vorantreibt (zusammen mit der Zunahme der Studierenden und der neuen Einwanderungswellen). Der Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg gilt als Symbol dieses Wandels . In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schreibt Ralph BOLLMANN über diesen Wandel:

Wir lassen keinen mehr in unsere Stadt

"Der Wandel fällt umso stärker auf, als bis vor kurzem genau das Gegenteil zu hören war. Ständig sprachen Politiker und Stadtplaner in typisch deutschem Pessimismus vom Rückgang der Bevölkerung, entwickelten Strategien gegen die Schrumpfung und legten Förderprogramme für den Abriss von Wohnungen auf. Das bleibt auch weiterhin aktuell. Aber nur für weite Gebiete des ländlichen Raums und einen Teil der mittleren Großstädte.
Erst in den letzten Jahren hat sich durchgesetzt: In den meisten Ballungsräumen ist es genau anders herum. (...).
Neu ist, dass selbst Städte wie Leipzig oder Dresden trotz fehlender Arbeitsplätze Zuwächse verzeichnen. Und dass die Leute um jeden Preis in die Kernstädte wollen, nicht mehr in die Vororte."
(Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 01.06.2014

Defensive Ignoranz werfen KERSTEN/NEU/VOGEL Kommunen vor, die sich ihrem Schrumpfungsdiktat nicht unterwerfen wollen. Vielleicht ist es jedoch keine defensive Ignoranz, sondern lediglich Skepsis gegenüber Prognosen, die dann doch nicht so kommen wie vorhergesagt. Mit Verweis auf das private Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung schreiben die Autoren:

Demografie und Demokratie

"Seit dem Jahr 2000 geht die Bevölkerung in zwei Drittel der ländlichen Gemeinden der Bundesrepublik zurück; in Ostdeutschland gehörten in den Jahren 2005 bis 2010 sogar 90 % der Gemeinden zu den beiden Kategorien »schrumpfend« und »stark schrumpfend«. Bevölkerungswachstum können allein die Metropolregionen (...) verzeichnen. Doch die demografischen Verwerfungen reichen bis ins Herz dieser Metropolregionen".
(2012, S.69)

2010 war das letzte Jahr, in dem in Deutschland die Bevölkerung zurückging, seitdem wächst Deutschland. Eine Entwicklung, die von den Autoren vollkommen ignoriert wird. Was haben aber z.B. Binnenwanderungsströme, die in erster Linie Folge von ökonomischen und politischen Standortentscheidungen sind mit dem demografischen Wandel zu tun? Ist die unterschiedliche Alterung von Bevölkerungsteilen aufgrund von Zu- und Wegzügen nicht ein konstitutives Merkmal unseres ökonomischen und politischen Systems? Es war z.B. politischer Wille, dass junge Familien zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie in die innenstadtnahen Wohngebiete ziehen sollten. Nun tun es zumindest diejenigen, die es sich leisten können, und plötzlich haben wir es mit Polarisierungstendenzen zu tun, deren Nebenwirkungen unvorhergesehene (Prognosen schreiben nur die Vergangenheit fort) Wanderungsströme nach sich ziehen. Die Autoren konstruieren Konflikte, die sich nur unter ganz bestimmten Bedingungen ergeben, aber gemäß den Autoren als Automatismen des demografischen Wandels erscheinen:

Demografie und Demokratie

"Stadtteile, die einst überwiegend von jungen Familien bewohnt waren, altern nun gemeinsam, ohne dass entsprechend Zuzug junger Menschen zu verzeichnen wäre.
Dieses gleichzeitige Schrumpfen und Altern führt einerseits zu einer Infrastrukturkonkurrenz (Seniorenheime versus Kindergärten) und andererseits - vor allem in ländlichen Regionen - zu einer demografischen De-Infrastrukturalisierung, deren technische, finanzielle, administrative, soziale und politische Dimension sich gegenseitig verstärkten."
(2012, S.70)

Man hätte statt solcher Spekulationen der Autoren lieber repräsentative Aussagen zur Entwicklung von Kommunen in Deutschland gelesen. Damit können die Autoren aufgrund der mangelhaften Datenlage zur Lage von Kommunen in Deutschland, die in dem Buch Deutsche Kommunen im Demographischen Wandel von Christian RADEMACHER überzeugend herausgearbeitet wurde, nicht dienen .

Unseriöses und publicityorientiertes Ranking eines Privatinstituts

KERSTEN/NEU/VOGEL beziehen sich in ihren Aussagen zum Niedergang deutscher Kommunen unter anderem auf das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Die zitierte Studie Die Zukunft der Dörfer (vgl. 2012, Fußnote 85, S.69) hat lediglich zwei Landkreise in den Bundsländern Hessen und Thüringen bis auf die Ebene der Ortschaften untersucht:

Die Zukunft der Dörfer

"Ziel der vorliegenden Studie ist es, Kriterien für Stabilität oder Niedergang im ländlichen Raum zu ermitteln. Dazu haben wir bundesweit auf Ebene der Kreise die demografische Entwicklung mit verschiedenen, möglicherweise beeinflussenden Faktoren verglichen. Zusätzlich haben wir zwei Landkreise in Hessen und in Thüringen flächendeckend auf der Ebene der Gemeinden untersucht, um Zusammenhänge zwischen einer großen Zahl an Einflussmöglichkeiten und der Zukunftsfähigkeit kleinerer Orte zu ermitteln."
(2011, S.8)

Die Studie ist also nur für die beiden untersuchten Landkreise in Hessen und Thüringen  aussagekräftig und weder repräsentativ für die beiden Bundesländer und erst recht nicht für Deutschland, weil die zwei Landkreise nicht nach dem Zufallsprinzip, sondern ganz gezielt gemäß den politischen Interessen des privaten Instituts ausgewählt wurden:

Die Zukunft der Dörfer

"Sowohl der hessische Vogelsbergkreis als auch der thüringische Kreis Greiz gehören zu den demografisch am stärksten schrumpfenden Kreisen West- respektive Ostdeutschlands. Im Vogelsbergkreis hat im betrachteten Zeitraum mehr als ein Viertel aller Dörfer mit weniger als 500 Einwohnern zwischen 10 und 22 Prozent der Bevölkerung verloren."
(2011, S.8)

Von daher ist bereits der Titel der Studie eine Frechheit, suggeriert er doch Aussagen über die Zukunft der Dörfer in ganz Deutschland machen zu können. Angeblich hatte Deutschland gemäß der Broschüre Die Zukunft der Dörfer im Jahr 2010 nur 4664 Gemeinden (2011, S.16). Das Gemeindeverzeichnis des Statistischen Bundesamtes weist dagegen für Deutschland im Jahr 2010 mehr als die doppelte Anzahl von Gemeinden aus, nämlich 11.442. In Hessen hat das Institut den Vogelsbergkreis ("Peripherie eines reichen Bundeslandes") und in Thüringen den Landkreis Greiz ("Enorme Bevölkerungsverluste durch den Niedergang von Bergbau und Textilindustrie") untersucht. Allein die Umschreibungen weisen darauf hin, dass nicht der demografische Wandel, sondern umgekehrt die wirtschaftliche Struktur und das regionale Umfeld die Ursache für den demografischen Wandel ist. Die Gemeindestruktur Thüringens wird folgendermaßen beschrieben:

Die Zukunft der Dörfer

"Thüringen besteht nach der Gemeindedatenbank des Bundesinstitutes für Bau-, Stadt- und Raumforschung aus drei Großstädten (Gera, Erfurt und Jena), 19 Mittelstädten, 42 Kleinstädten und 180 ländlichen Gemeinden. Die drei Großstädte haben zwischen 2003 und 2008 im Durchschnitt lediglich 1,3 Prozent ihrer Einwohner verloren. Erfurt und Jena sind leicht gewachsen, lediglich Gera schrumpfte deutlich. Die Mittelstädte hingegen verloren im Schnitt 4,8, die Kleinstädte 5,6 und ländliche Gemeinden gar 5,7 Prozent ihrer Einwohner. Für das demografisch stark schrumpfende Thüringen gilt also, dass Gemeinden tendenziell umso stärker Bevölkerung verlieren, je kleiner sie sind."
(2011, S.8)

Das Privatinstitut legt also nicht Gemeinden im Sinne von politischen Kommunen, sondern im Sinne einer geografischen Raumbeobachtung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) zugrunde, während KERSTEN/NEU/VOGEL in ihrem Buch beanspruchen die politische Dimension des Problems in den Mittelpunkt zu stellen und damit die politischen Gemeinden die Grundlage von Untersuchungen sein müssten. Daraus folgt, dass allein durch diese unterschiedlichen Definitionen von Gemeinden Verzerrungen entstehen, die zu Fehleinschätzungen führen können. Das Gemeindeverzeichnis weist für Thüringen 126 Städte (einschließlich 6 kreisfreier Städte) aus, während die Raumbeobachtung lediglich 64 Städte auflistet. Das heißt, dass fast 50 % der Städte in Thüringen unberücksichtigt bleiben. Noch krasser sieht es bei den Gemeinden aus: lediglich 180 ländliche Gemeinden von 816 Gemeinden in Thüringen werden untersucht. Das sind gerade einmal 22 % aller Kommunen. Die Studie von Christian RADEMACHER zeigt, dass ein solches Vorgehen keineswegs unüblich, sondern gängige Praxis - auch in der seriösen Wissenschaft - ist .

Das Kategoriensystem des Privatinstituts (vgl. 2011, S.30) verzerrt das Bild des demografischen Wandels deutscher Gemeinden ebenfalls, weil es zwar zwischen 3 Schrumpfungsmaßen differenziert (sehr stark schrumpfend: mehr als 14 %; stark schrumpfend: 8 - 14 %; schrumpfend: 2 - 8 %), aber nur ein statt 3 Wachstumsmaße aufweist (Wachsend: mehr als + 2 Prozent). Stabilität deckt den Bereich des Schrumpfens und Wachsens ab (- 2 % bis + 2 %). Die Wahl dieser Maße wird nicht begründet, sondern es wird gar noch verwirrender, denn die Bewertung von Bevölkerungsrückgängen hält sich nicht an dieses Kategoriensystem (vgl. 2011, S.47), sondern vergibt für stabile und fast alle schrumpfenden Gemeinden 0 Punkte (Die Grenze liegt nicht bei 8 %, sondern bei 7 %). Die Punktverteilung von 1 - 5 lässt sich nicht einmal mehr durch das Zusammenfassen der Schrumpfungsmaße nachvollziehen. Erklärungen dazu gibt es nicht, was in einer wissenschaftlichen Studie als unseriöse Praktik gelten würde.

Solche Rankings halten also wissenschaftlichen Kriterien nicht Stand, sondern zielen auf mediale Aufmerksamkeit. Keine Zeitung lässt sich die bunten Bildchen zum demografischen Wandel entgehen, die Privatinstitute in Umlauf bringen. Aufgrund ihrer Öffentlichkeitswirksamkeit und des großen Einflusses der Wahl von Indikatoren auf das Ergebnis fordert Steffen MARETZKE deshalb Transparenz in Sachen Daten: 

Regionale Rankings - ein geeignetes Instrument für eine vergleichende Bewertung regionaler Lebensverhältnisse?

"Aufgrund ihrer großen Öffentlichkeitswirksamkeit können Rankings den Diskussionsprozess um regionale Stärken und Schwächen forcieren und die erforderlichen Verändungsprozesse nach außen kommunizieren.
Rankings sollten aber stets hinterfragt werden, denn ihr »Produzent« hat viel Einfluss auf die letztendlichen Ergebnisse. Dies ist auch ein Grund dafür, dass man die den Rankings zugrunde liegende Informationen offen legen und dem potenziellen Nutzer verfügbar machen sollte, damit dieser seine eigenen Abwägungen treffen kann."
[mehr]
(2006, S.335)

Wer wie KERSTEN/NEU/VOGEL die Sichtbarkeit des demografischen Wandels zum obersten politischen Prinzip erhebt, der schreckt auch nicht davor zurück unseriöse Publikationen von Privatorganisationen zur Politisierung zu missbrauchen. Es geht dann darum die Stimmungen im Lande mittels der Medien derart zu beeinflussen, dass politische Gesetzesvorhaben ohne Widerstand durchsetzbar sind. Um diesen Missbrauch zu verhindern wird auf dieser Website viel Wert auf die Überprüfbarkeit von Angaben bzw. die Überprüfung von Aussagen zum demografischen Wandel gelegt, indem - so weit möglich - auf die Originalquellen verlinkt wird. Da es jedoch keine Transparenzpflicht gibt, bleiben viele Daten, die im öffentlichen Interesse sind, unter Verschluss. Aus diesem Grunde ist eine solche Transparenzpflicht zu fordern - und zwar nicht nur für Behörden, sondern auch für Privatinstitute, die sich in öffentliche Belange einmischen und damit als Lobbygruppen eingestuft werden müssen. 

Fazit: Die Demographisierung der gesellschaftlichen Probleme könnte fatale Folgen für die zukünftige Entwicklung Deutschlands haben

Anhand des Buches Demografie und Demokratie von KERSTEN/NEU/VOGEL wurde gezeigt, dass langfristige Bevölkerungsvorausberechnungen fatale Folgen haben können, wenn sie als Richtschnur politischen Handelns gesehen werden. Selbsterfüllende Prophezeiungen nennt man in der Sozialpsychologie solche Muster, bei denen erst die Handlung jenes Übel herbeiführt, das verhindert werden soll. Zudem wird selbst in der Wissenschaft auf unseriöse Rankings von Privatinstituten wie dem Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung oder der Bertelsmann-Stiftung zurückgegriffen, obwohl solche Rankings in erster Linie auf die Medien abzielen und damit der Ökonomie der Aufmerksamkeit unterliegen. Statt Spekulationen und ein Denken in Abwärtsspiralen, das Christian RADEMACHER auf eine geschichtskonservative Tradition der Stadtforschung zurückführt , wären also verstärkte empirische Forschungen und eine Verbesserung der Datenlage angesagt.   

Als das Buch Demografie und Demokratie im Jahr 2012 erschien, wurde es bereits von dem seit 2011 anhaltenden Bevölkerungswachstum Lügen gestraft. Nichtsdestotrotz ist davon auszugehen, dass die Politisierung des Wohlfahrtsstaates unvermindert weiter betrieben wird, weil ihre Protagonisten sich von den Realitäten keineswegs beeindrucken lassen und Empirie nicht ihre Sache ist. Die Vielzahl der langfristigen Bevölkerungsvorausberechnungen zeigt, dass deren Aussagen in der Regel bereits nach 5 oder sogar noch weniger Jahren überholt sind und durch neue Berechnungen ersetzt werden müssen. Je kleiner die Territorien sind, für die Bevölkerungsvorausberechnungen erstellt werden, desto schneller veralten diese. Das Beispiel Halle zeigt, dass Trendumkehren aufgrund der Konservativität von Bevölkerungsprognosen wie ein Blitz aus heiterem Himmel erscheinen. Meist werden mehrere Varianten der Bevölkerungsvorausberechnungen berechnet, die - wie gezeigt - sehr stark divergieren können. Annahmen, die z.B. die Entwicklung der Geburtenzahl von Frauenjahrgängen (CFT) ignorieren und stattdessen lediglich die verzerrte Geburtenrate (TFR) berücksichtigen, spiegeln ein falsches Bild der Zukunft wieder.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Deutschland in den nächsten Jahrzehnten - trotz Wanderungsüberschüssen - schrumpfen wird, ist groß. Ein starkes Schrumpfen jedoch wie es im Buch von KERSTEN/NEU/VOGEL suggeriert wird, ist eher unwahrscheinlich. Dagegen spricht allein schon der Geburtenanstieg bei den in den 1970er Jahren geborenen Frauen und die positive Entwicklung des Wanderungssaldos (wobei Wirtschaftsrezessionen zu zeitlich begrenzten Einbrüchen führen können). Inwiefern jedoch langsames Schrumpfen überhaupt ein Problem ist, darüber schweigen die Autoren aufgrund ihrer Blickverengung, die auf starkes Schrumpfen ausgerichtet ist.

Deutschland könnte seine Zukunftsfähigkeit gerade deshalb verloren gehen, weil die Blickverengung durch Schrumpfologien die politische Handlungsfähigkeit der deutschen Kommunen einschränkt und Wachstumsmöglichkeiten dadurch verschenkt werden. Wer auf schrumpfende Gemeinden und Städte fixiert ist, der ist schnell von gegenteiligen Entwicklungen völlig überfordert. Dies zeigt sich am unvorhergesehenen Boom von Städten, auf die unsere Schrumpfologen eine vernünftige Antwort schuldig bleiben.

 
     
 
       
   

weiterführender Link

 
       
   

Übersicht - Themen des Monats

 
       
   
 
   

Bitte beachten Sie:
single-generation.de ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten

 
   
 
     
   
 
   
© 2002-2017
Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 22. Juni 2014
Update: 05. April 2017