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Thema des Monats

 
       
   

Wissenschaft als Lebensform - Eltern unerwünscht?

 
       
   

Sigrid Metz-Göckel, Christina Möller und Nicole Auferkorte-Michaelis gehen am Beispiel der nordrhein-westfälischen Universitäten der Frage nach, weshalb unter  WissenschaftlerInnen Kinderlosigkeit weit verbreitet ist

 
       
     
       
   
     
 

Wissenschaft als Lebensform - Eltern unerwünscht?

"In ihrer sozialen Organisation ist die Universität mit ihren langwierigen und riskanten Qualifizierungsprozessen weder auf Kinder noch auf egalitäre Elternpaare eingestellt, so dass für sie die Charakterisierung als kinder- und elternfeindliche Institution gegenwärtig zutreffend ist. Zudem gibt es eine gefühlte Kinderfeindlichkeit als Vorwegnahme universitärer Reaktionen von Wissenschaftler/innen, bevor sie Eltern geworden sind. Diese gefühlte Kinderfeindlichkeit hat aber gleichwohl Einfluss auf die Lebensentscheidungen potenzieller Eltern".
(2009, S.67)

Einführung

Die politische Debatte um die Kinderlosigkeit der Akademikerinnen wurde in Deutschland bis zum Sommer 2006 sehr heftig geführt. Erst nach dem Beschluss des Elterngeldes durch den Bundestag wurde die Debatte sachlicher . Im Dezember 2007 wurden erste Ergebnisse einer Sonderauswertung des Mikrozensus veröffentlicht, mit der erstmals die Kinderlosigkeit und nicht nur die Haushalte, in denen keine Kinder leben, amtlich erfasst wurde . Auf dieser Website wurde die politische Konstruktion der Geburtenkrise frühzeitig und ausführlich behandelt, speziell auch im Hinblick auf die Kinderlosigkeit der Akademikerinnen .

Vor diesem Hintergrund muss das Buch Wissenschaft als Lebensform - Eltern unerwünscht? von Sigrid METZ-GÖCKEL, Christina MÖLLER und Nicole AUFERKORTE-MICHAELIS gesehen werden. Die Untersuchung zur Kinderlosigkeit von WissenschaftlerInnen an den Universitäten in Nordrhein-Westfalen wurde in den Jahren 2005 - 2006 durchgeführt, also auf dem Höhepunkt der politischen Kontroverse. Ein Vergleich der Jahre 1994 und 2004 gibt Aufschluss darüber, wie sich die Kinderlosigkeit beim wissenschaftlichen Nachwuchs und bei den ProfessorInnen innerhalb von 10 Jahren entwickelt hat.

Im nachfolgenden soll gezeigt werden, dass die Kinderlosigkeit von Akademikerinnen differenzierter betrachtet werden muss. Das Buch von METZ-GÖCKEL/MÖLLER/AUFERKORTE-MICHAELIS zeigt, dass die Gründe für die Kinderlosigkeit von AkademikerInnen - hier speziell der WissenschaftlerInnen - vielschichtiger sind, als es die öffentliche Debatte bislang behauptete.

WissenschaftlerInnen als Teilgruppe der AkademikerInnen

In der öffentlichen Debatte um die Kinderlosigkeit der Akademikerinen wurde zuweilen ein positiver Zusammenhang zwischen Bildungsniveau, Erwerbsorientierung und Kinderlosigkeit hergestellt. Mit einem hohen Bildungsniveau ginge in dieser Sicht eine hohe Erwerbsorientierung einher, die wiederum mit hoher Kinderlosigkeit verbunden wäre. Umgekehrt würde ein niedriges Bildungsniveau mit geringerer Erwerbsorientierung und damit niedriger Kinderlosigkeit einhergehen. Eine solche Sichtweise legte zum Beispiel Susanne GASCHKE nahe, die als Redakteurin der Wochenzeitung Die Zeit eine zentrale Akteurin in der Elterngelddebatte war.

Die Emanzipationsfalle

"Lange Zeit schien die Trennlinie innerhalb der Gesellschaft vor allem zwischen Familien und Kinderlosen zu verlaufen, doch die Schichtkomponente gewinnt an Bedeutung. Wenn wir den gegenwärtigen Trend der Kinderlosigkeit im akademischen Milieu fortschreiben, droht Nachwuchs tatsächlich zu einer Angelegenheit der Unterklasse zu werden - und zwar vor allem, weil die eine Seite aussteigt. Zynisch formuliert könnte das heißen: Kinder bekommen in Zukunft nur noch die Gefühlvollen und Blöden." (2005, S.95)

Frauen mit einem Universitätsabschluss, die zudem eine wissenschaftliche Karriere anstreben, müssten in dieser Sicht als  besonders berufsorientiert gelten und somit generell eine sehr hohe Kinderlosigkeit aufweisen. Bereits im Jahr 2005 zeigten Klaus-Jürgen DUSCHEK & Heike WIRTH in dem Aufsatz Kinderlosigkeit von Frauen im Spiegel des Mikrozensus, dass weder das Bildungsniveau an sich, noch die Erwerbsorientierung an sich das Ausmaß der Kinderlosigkeit erklären kann. So konnten sie einerseits Unterschiede in der Elternquote in unterschiedlichen Studienfachrichtungen aufzeigen und andererseits im Ost-Westvergleich nachweisen, dass die Erwerbsquote von Kinderlosen und Eltern mit Universitätsabschluss in den neuen Ländern gleich hoch war, während sie im früheren Bundesgebiet divergierte. Es stellt sich insofern die Frage, ob die Kinderlosigkeit von WissenschaftlerInnen an allen Universitäten gleich hoch ist, oder ob die Kinderlosigkeit von speziellen strukturellen Rahmenbedingungen beeinflusst wird. Die Autorinnen des Buches Wissenschaft als Lebensform - Eltern unerwünscht? zeigen eine Vielzahl von verschiedenen Einflussfaktoren auf, die eine Elternschaft von WissenschaftlerInnen entweder fördern oder hemmen können.

Die Erfassung der Kinderlosigkeit als Problem

Die genaue Erfassung von Kinderlosen war zum Zeitpunkt der Untersuchung anhand der amtlichen Bevölkerungsstatistik nicht möglich, aber auch die anderen sozialwissenschaftlichen Verfahren sind mit Ungenauigkeiten verbunden. Der von Michaela KREYENFELD & Dirk KONIETZKA herausgegebene Sammelband Ein Leben ohne Kinder aus dem Jahr 2007 hat diese Problematik sehr detailliert aufgezeigt . METZ-GÖCKEL/MÖLLER/AUFERKORTE-MICHAELIS haben deshalb einen anderen Zugang gewählt: Die "Totalerfassung" des wissenschaftlichen Personals der nordrhein-westfälischen Universitäten. Eine Zusammenführung der Personaldaten des Landesamtes für Datenverarbeitung und Statistik NRW (LDS) und des Landesamtes für Besoldung und Versorgung (LBV) ermöglichte die Erfassung der Kinder nach Alter und Anzahl, soweit sie einkommensrelevant waren. Eine solche Herangehensweise dürfte zumindest was die weiblichen Wissenschaftler betrifft, recht genau sein. Die Vaterschaft von männlichen Wissenschaftlern ist dagegen mit größeren Unsicherheiten verbunden. Dies gilt jedoch auch für alle anderen Verfahren.

Wissenschaft als Lebensform

Das deutsche Wissenschaftssystem ist nach Auffassung der Autorinnen durch eine asymmetrische Geschlechterkultur geprägt, die erst sichtbar wurde, seit Frauen im Wissenschaftsbereich tätig sind und selbstbewusst die Vereinbarkeit von wissenschaftlicher Arbeit mit egalitärer partnerschaftlicher Arbeitsteilung und Elternschaft einforderten. Das prominente Wissenschaftlerehepaar Ulrich BECK und Elisabeth BECK-GERNSHEIM hat diese Position seit den 1980er Jahren auch außerhalb der engeren Frauenforschung populär gemacht (siehe zu Ulrich BECK und BECK-GERNSHEIM ). Mit der Rede von der "Single-Gesellschaft" wurde die Vereinbarkeitsfrage auf die politische Agenda gesetzt. Vor diesem Hintergrund muss auch das Plädoyer der Autorinnen für Doppelkarrierepaare gesehen werden.

Wissenschaft als Lebensform - Eltern unerwünscht?

"Dieses Plädoyer gilt einer konsequenten Umzentrierung weg vom Wissenschaftler und von der Wissenschaftlerin als Single zu einem egalitären wissenschaftlichen Paar (mit und ohne Kinder). Dies ist keine einsame Stimme in der Wüste, vielmehr liegt ein solches Plädoyer im Trend".
(2009, S, 192)

Die Autorinnen können sich bei ihrem Plädoyer für Doppelkarrierepaare zum einen auf die politische Forderung nach einer nachhaltigen Familienpolitik (Bert RÜRUP & Sandra GRUESCU 2003 ; BERTRAM/RÖSLER/EHLERT 2005 ) als auch auf wissenschaftliche Untersuchungen zur Paarbildung berufen, wonach es einen Trend zur Bildungshomogenität gibt. Ein solcher Trend ist aber durchaus ambivalent zu sehen, denn er trägt zur Vergrößerung der sozialen Ungleichheit in der Gesellschaft bei (Hans-Peter BLOSSFELD & Andreas TIMM, 2003). Nach Auffassung von Heike WIRTH sind Doppelkarrierepaare seltener kinderlos als Paare, bei denen die Partnerin einen höheren Bildungsabschluss als der Mann absolviert hat . Der Forschungsstand zum Thema Partnerschaft und Kinderlosigkeit ist jedoch insgesamt noch sehr unbefriedigend, weil der Paarbildungsprozess jenseits traditioneller Paare lange Zeit nicht in den Blick der Forschung gekommen ist. Auch in der Untersuchung von METZ-GÖCKEL/MÖLLER/AUFERKORTE-MICHAELIS bleibt dieser Aspekt unterbelichtet. Nur ein kurzes Kapitel ist Mobilitätszwängen und räumlicher Trennung gewidmet. Neuere Untersuchungen kommen jedoch zum Schluss, dass Fernbeziehungen ein weit verbreitetes Phänomen sind, insbesondere unter Menschen mit Hochschulabschlüssen . Dagegen wird der Schwerpunkt auf die Institutionenstrukturiertheit der Bildungsbiografie von WissenschaflterInnen gelegt, d.h. auf die Entscheidungen zur Elternschaft im Verlauf einer wissenschaftlichen Karriere.

Wissenschaft als Lebensform - Eltern unerwünscht?

"Institutionenstrukturiertheit der wissenschaftlichen Bildungsbiografie meint, dass die institutionalisierten Regeln der Wissenschaft die individuellen lebensweltlichen Entscheidungen maßgeblich beeinflussen und damit auch die Karriereverläufe in der Wissenschaft. Zwingend charakteristisch für die wissenschaftliche Arbeit und Karriere ist, dass sie den ganzen Menschen erfasst, entgrenzte Zeitstrukturen und eine eigenartige Verfügbarkeit zur Bedingung hat. Das war für den Junggesellen und ist für den modernen Single wie für diejenigen Wissenschaftler kein größeres Problem, die ein Leben mit einer traditionellen geschlechtlichen Arbeitsteilung führen. Wohl aber ist es ein riesiges Problem für Wissenschaftlerinnen, wenn sie Kinder haben (wollen), ebenso für moderne Paare, die in ihrer Partnerschaft eine paritätische Arbeitsteilung leben wollen. Solche Vorstellungen von Partnerschaft finden sich besonders häufig in den gebildeten Schichten (...). Ein Drittel der Professorinnen hat nach der Untersuchung von Zimmer/Krimmer/Stallmann (2007) zufolge auch einen Professor als Partner. Institutionenstrukturiertheit bezieht sich in der Wissenschaftsbiografie vor allem aber auf den Qualifikationsprozess und den langwierigen Weg bis zur Professur, auf dem viele Asspiranten und Aspirantinnen auf der Strecke bleiben."
(2009, S.25)

Bezeichnend ist z.B. dass 17 Wissenschaftler mit und ohne Kind zu ihren Gründen für eine (potenzielle) Elternschaft befragt wurden. Handelte es sich um Paare, wurde nur entweder der Mann oder die Frau befragt, d.h. der paarinterne Abstimmungsprozess kommt in solch einer individuumszentrierten Sicht nicht in den Blick. Diesen Mangel teilt die Studie jedoch mit vielen anderen.  

Frauen kommen langsam, aber gewaltig?

Die Autorinnen beklagen die immer noch geringere Gleichstellung von Frauen gegenüber Männern im Hinblick auf die Umwandlung akademischer Qualifikationen in statushohe Positionen. Sie belegen dies mit einer Gegenüberstellung für das Jahr 2004

Tabelle 1 :Anteile der Geschlechter (in Prozent) an den einzelnen wissenschaftlichen Qualifizierungsstufen in Deutschland 2004
Qualifizierungsstufe Männer Frauen
Hochschulabschlüsse 46 54
Promotionen 61 39
Habilitationen 77,3 22,7
Professuren 86,4 13,6

Quelle: Wissenschaft als Lebensform - Eltern unerwünscht? (S.37)

Die Tabelle zeigt deutlich, dass der Anteil der Frauen vom Studienabschluss bis zur Professur abnimmt, während der Männeranteil zunimmt. Aufgrund des langen Qualifizierungsprozesses vom Studienabschluss bis zur Professur wird jedoch in dieser Sicht der Fortschritt der Frauenemanzipation nicht ganz deutlich. Während bei den Professuren immer noch die 68er-Generation dominiert, stellen die Nach-68er-Generationen inzwischen die Studienabgänger und arbeiten überwiegend im wissenschaftlichen Mittelbau. Einen besseren Eindruck der Veränderungen im Generationenverlauf vermittelt dagegen die nachfolgende Tabelle.

Tabelle 2 :Entwicklung der Hochschulabschlüsse nach Geburtskohorte und Geschlecht (in Prozent) im früheren Bundesgebiet, Stand: 2004

  Hochschulabschlüsse
Geburtskohorten Männer Frauen
60-65Jährige 7,8 4,2
45-50 Jährige 8,9 8,3
30-35 Jährige 9,9 10,1

Quelle: Andreas Timm (2006): Die Veränderung des Heirats- und Fertilitätsverhaltens im Zuge der Bildungsexpansion, S.279

Die Tabelle 2 zeigt, dass bei den Angehörigen der 68er-Generation (60-65Jährige) fast doppelt so viele Männer wie Frauen einen Hochschulabschluss absolviert haben. Dagegen hatten die Männer der Single-Generation (45-50Jährige) nur noch einen ganz geringen Vorsprung. Innerhalb der Generation Golf (30-35 Jährige) haben die Frauen die Männer überholt. Auch bei den Promotionen haben die Frauen aufgeholt, wie die Tabelle 3 für Westdeutschland zeigt:

Tabelle 3: Entwicklung der Promotionen nach Geburtskohorte und Geschlecht (in Prozent) im früheren Bundesgebiet, Stand: Jahr 2004

  Promotionen
Geburtskohorten Männer Frauen
60-65Jährige 8,2 0,7
45-50 Jährige 14,5 1,1
30-35 Jährige 9,7 1,4

Quelle: Andreas Timm (2006): Die Veränderung des Heirats- und Fertilitätsverhaltens im Zuge der Bildungsexpansion, S.279

Bei den Frauen hat sich die Anzahl der Promotionen von den 68ern zur Generation Golf verdoppelt, bewegt sich jedoch auf einem niedrigen Niveau. Bei den Männern ist dagegen ein diskontinuierlicher Verlauf zu erkennen. Das Niveau der Single-Generation wurde von der Generation Golf nicht mehr erreicht. Bei einem durchschnittlichen Promotionsalter von ca. 33 Jahren (Stand: Jahr 2000) und starken Unterschieden zwischen den einzelnen Disziplinen sind die Zahlen für die Generation Golf aber mit Vorsicht zu genießen. Die Generationenbetrachtung zeigt, dass Frauen zwar bei den Hochschulabschlüssen mit den Männern gleichgezogen haben. Dagegen konnten sie bei den Promotionen offensichtlich nicht im gleichen Maße profitieren.

Das wissenschaftliche Personal an den nordrhein-westfälischen Universitäten: ein Vergleich zwischen 1994 und 2004

Die Autorinnen haben das wissenschaftliche Personal an den nordrhein-westfälischen Universitäten 1994 und 2004 detailliert erfasst. Dadurch wird auch der Strukturwandel des Wissenschaftssystems sichtbar. Die Autorinnen unterscheiden zwischen zwei Statusgruppen: dem wissenschaftlichen Mittelbau und den ProfessorInnen. Die Fachhochschulen werden nicht berücksichtigt, da es den Autorinnen insbesondere auf die Bedingungen des wissenschaftlichen Nachwuchses ankam. Des Weiteren lag das Schwergewicht der Analysen auf den Geschlechterunterschieden, der Altersstruktur und den Beschäftigungsverhältnissen der beiden Statusgruppen. Die Autorinnen unterscheiden die Beschäftigungsverhältnisse nach Vergütungs- bzw. Besoldungsgruppen, Dauer (befristet/unbefristet) und nach Umfang (Teilzeit mit 50 %, Teilzeit unter 50 % und Vollzeit). Im Mittelbau vollzog sich ein Personalzuwachs von 17.678 auf 22.051 Personen (darin sind ca. 10 % Verwaltungspersonal enthalten). Der Zuwachs ging mit der Zunahme von befristeten und der Abnahme von unbefristeten Beschäftigungsverhältnissen einher. Des Weiteren ging der Männeranteil zurück und der Frauanteil erhöhte sich. Die Teilzeitbeschäftigung von Frauen war dabei wesentlich höher als bei den Männern.

Die Entwicklung der Kinderlosigkeit im Mittelbau der Universitäten in NRW

Im Zentrum steht bei den Autorinnen die Frage, wie sich die Strukturveränderung im Mittelbau auf die Bereitschaft zur Elternschaft auswirkte. Die Autorinnen kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen hinsichtlich der Geschlechter. Entsprechend der öffentlichen Debatte zur Kinderlosigkeit der Akademikerinnen müsste man erwarten, dass sich die Kinderlosigkeit des Wissenschaftlerinnennachwuchses generell erhöht hat. Dem ist nicht so. Während Männer im Zeitverlauf häufiger kinderlos waren, ist die Kinderlosigkeit bei den Wissenschaftlerinnen leicht gesunken.

Wissenschaft als Lebensform - Eltern unerwünscht?

"2004 waren 78 % der Wissenschaftlerinnen und 72 % der Wissenschaftler im Mittelbau kinderlos.
Der Anteil der Kinderlosen ist im Untersuchungszeitraum insgesamt um 4,1 % gestiegen.
Bei den Wissenschaftlern ist die Kinderlosigkeit um 5,0 % gestiegen, bei den Wissenschaftlerinnen dagegen um 0,7 % gesunken.".
(2009, S. 125)

Der Anteil der Kinderlosen hängt u.a. von der Beschäftigungsdauer ab. Dauerhaft Beschäftigte waren seltener kinderlos. Dies galt für Frauen im stärkeren Maße als für Männer. Dauerhafte Beschäftigung ist jedoch gleichzeitig im höheren Alter verbreiteter. Die geringere Kinderlosigkeit könnte also teilweise auf einen Altersstruktureffekt zurück gegangen sein.

Exkurs: Die Entwicklung der Kinderlosigkeit in der Professorinnenschaft in NRW - ein Generationenvergleich

Leider sind die Angaben der Autorinnen zur Altersstruktur der Kinderlosen lückenhaft, was die Nachvollziehbarkeit einschränkt. Während für die Kinderlosen im Mittelbau jeweils für 2004 die Kinderlosigkeit spezieller Altersgruppen angegeben wurden, berechneten die Autorinnen für die Professuren nur die kumulierte Kinderlosigkeit. Unvollständige Datensätze kommen erschwerend hinzu. Außerdem wird sich im Text und in den Tabellen zuweilen auf unterschiedliche Grundgesamtheiten bezogen, die nicht auf den ersten Blick erkennbar sind.

Für die nachfolgende Tabelle wurden die Daten der Autorinnen so umgruppiert bzw. neu berechnet, dass ein Generationenvergleich möglich wird.

Tabelle 4: Kinderlosigkeit der nordrhein-westfälischen Professorinnen nach Geburtskohorten im Jahr 1994 ( n = 225) und 2004 (n = 418)

  Kinderlosigkeit (in Prozent)
Geburtskohorten 1994 2004
1965 - 1974 Geborene - 64,5
1950 - 1964 Geborene 61,5 55,4
1935 - 1949 Geborene 68,5 58,6

Quelle: Anhang, Tabelle 2 (S.215); Tabelle 8; S.159; eigene Berechnungen

Die Professorinnen der 68er-Generation (hier näherungsweise als 1935 - 1949 Geborene abgegrenzt ) hatten sowohl 1994 (45 - 49Jährige) als auch 2004 (55 - 69Jährige) ihre reproduktive Phase abgeschlossen. Dennoch ist die Kinderlosigkeit von 68,5 % auf 58,6 % zurückgegangen.  Wie ist das möglich? Die 68er waren im 10-Jahreszeitraum von einer Stellenreduktion betroffen. Hatten sie 1994 noch 143 Stellen inne, so brachten sie es 2004 nur noch auf 111 Stellen. Die Stellenreduktion ging also mit einer Zunahme der berufstätigen Mütter einher. Dieses Beispiel zeigt, dass eine Veränderung der Kinderlosenanteile keineswegs gleichbedeutend mit der Zunahme der lebenslangen Kinderlosigkeit ist. Die Frauen der Single-Generation (näherungsweise als 1950 - 1964 Geborene abgegrenzt) profitierte im Gegensatz zur 68er-Generation vom Strukturwandel. Innerhalb von 10 Jahren erhöhte sich ihr Stellenanteil von 52 auf 276. Die Kinderlosigkeit ging von 61,5 % auf 55,4 % zurück. Neben der Zunahme berufstätiger Mütter ist dafür auch die späte Mutterschaft verantwortlich, da die Single-Generation im Untersuchungszeitraum ihre reproduktive Phase noch nicht abgeschlossen hatte.

Im Brennpunkt der öffentlichen Debatte standen insbesondere die Karrierefrauen der Generation Golf. Für die Karrierefrauen dieser Generation ist die späte Mutterschaft im Gegensatz zu den vorhergehenden Generationen eher die Regel statt die Ausnahme. Was die Professorinnen betrifft, so zeigt sich, dass die Kinderlosigkeit bei den 30-39jährigen Frauen der Single-Generation bei 47,4 % lag, während sie bei der Generation Golf auf 64,5 % anstieg. Inwiefern dies jedoch auf den Anstieg des Erstgebäralters zurückzuführen ist, lassen die Daten offen, da im gleichen Zeitraum eine Verjüngung der ProfessorInnenschaft einher ging.

Der Generationenvergleich sollte zeigen, dass bei der Bewertung der Kinderlosigkeit Vorsicht geboten ist. Da die Autorinnen der Studie das Schwergewicht auf die Analyse der Entwicklung beim Wissenschaftlernachwuchs gelegt haben, soll hier nicht weiter auf die Problematik eingegangen werden.

Die Kinderlosigkeit des wissenschaftlichen Nachwuchses ist höher als die Kinderlosigkeit in der Professorenschaft von NRW

Bevor die Argumentation der Autorinnen wieder aufgegriffen wird, soll hier noch einmal gezeigt werden, dass auch der Generationenvergleich die höhere Kinderlosigkeit des wissenschaftlichen Nachwuchses aufzeigt. In der nachfolgenden Tabelle werden dazu die gleichaltrigen Frauen im Mittelbau mit den Professorinnen verglichen.

Tabelle 5: Vergleich der Kinderlosigkeit des nordrhein-westfälischen Personals nach Geburtskohorten im Jahr 2004

  Kinderlosigkeit (in Prozent)
Geburtskohorten Mittelbau
(n = 4921)
Professorinnen
(n = 418)
1965 - 1974 Geborene 72,6 64,5
1950 - 1964 Geborene 57,9 55,4
1935 - 1949 Geborene 73,5 58,6

Quelle: Anhang, Tabelle 2 (S.215); Tabelle 6; S.121; Zahlenangabe im Text und Fn 95 und 96, S.123; eigene Berechnungen

Es zeigt sich, dass die Kinderlosenanteile im Mittelbau in allen Generationen höher sind als in der Professorinnenschaft. Hinzu kommt, dass im Mittelbau mehr als 10 mal so viele Frauen beschäftigt sind als in der Professorenschaft.

Welches sind die Gründe für die hohe Kinderlosigkeit beim wissenschaftlichen Nachwuchs? In sechs Kapiteln werden jene Faktorenkomplexe aufgezeigt, die verantwortlich sind. Dazu gehören die bereits weiter oben angesprochene asymmetrische Geschlechterkultur und ein Wissenschaftlerideal, das mit einem spezifischen Habitus einhergeht, der mit moderner Elternschaft in Konflikt gerät. Wissenschaftlerinnen gehören zudem dem individualisierten Milieu an, in dem Kinderlosigkeit zu einer Option geworden ist. Die Autorinnen sehen in der Studie Lebensplanung ohne Kinder von ZIEBELL/SCHMERL/QUEISER aus dem Jahr 1992, in der Bildungsaufsteiger/innen überpräsentiert sind, einen Beleg dafür, dass Kinderlosigkeit nicht die Konsequenz höherer Bildung ist, sondern mit den Bedingungen des sozialen Aufstiegs zusammenhängt:

Wissenschaft als Lebensform - Eltern unerwünscht?

"Höhere Bildungsabschlüsse sind für bewusst kinderlose Erwachsene nicht deswegen typisch, weil sie einer höheren sozialen und womöglich auch ökonomischen Klasse angehören, (die den natürlichen Kinderwunsch verlernt hat), sondern deswegen, weil ein bestimmter Teil von ihnen diesen höheren Bildungsgrad hart und allein erkämpft hat. Das gilt in erhöhtem Maß für Frauen: Die gegen die eigene Herkunft durchgesetzte und selbst mit erhöhtem Zeitaufwand erkämpfte höhere Bildung schiebt die Frage nach einem Kind zunächst hinaus, lässt sie oft aber auch aufgrund anderer wichtiger Lebensinhalte als irrelevant erscheinen." (2009, S.49)

Eine solche Sichtweise wurde auf dieser Website bereits anhand eines Fallvergleichs zweier Karrierefrauen der Generation Golf vertreten . Als weiterer Aspekt muss die Partnerwahl von AkademikerInnen berücksichtigt werden. Unter dem wissenschaftlichen Personal gibt es einen hohen Anteil von Doppelkarrierepaaren mit dem Anspruch einer egalitären Arbeitsteilung. Das Konfliktpotenzial solcher Paarkonstellationen ist mittlerweile Thema von Literatur und Film . Ein weiterer Problemkomplex sind die strukturellen Bedingungen der wissenschaftlichen Karriere. Hierzu gehört das meritokratische Selbstverständnis der Wissenschaftler, die Heterogenität und Prekarität der Beschäftigungsverhältnisse im Mittelbau und die lange Qualifizierungsphase vom Studienbeginn bis zur Professur, wobei es je nach Fachkultur große Unterschiede gibt. Die Autorinnen beschreiben sehr ausführlich die beiden Qualifizierungsphasen Promotion und Habilitation und ihren Einfluss auf die Elternschaft. Nicht zuletzt kommt eine "gefühlte Kinderlosigkeit" hinzu. Kinderlosigkeit ist also letztlich ein multifaktorielles Phänomen.

Wissenschaft als Lebensform - Eltern unerwünscht?

"Die hohe Kinderlosigkeit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ist nicht allein auf fehlende oder ungeeignete Partner/innen oder ungünstige Arbeitsbedingungen zurückzuführen. Es ist eher eine Kombination von Faktoren, die das Elternsein (...) ermöglichen oder behindern. Fehlende oder ungeeignete Partner/innen, anstrengende aufeinander folgende Qualifizierungsanforderungen, befristete Verträge, regionaler Mobilitätszwang, Arbeitszeitflexibilität und objektive wie gefühlte Kinderfeindlichkeit beeinflussen die Entscheidungen von Wissenschaftler/inne/n, Eltern zu werden."
(2009, S.145)

Im vorletzten Kapitel weisen die Autorinnen auf die Notwendigkeit von  Kinderbetreuungseinrichtungen und sozialer Netze hin. Aufgrund von eigenen und fremden Berechnungen hinsichtlich des Bedarfs stellen die Autorinnen einen eklatanten Mangel und fehlende Passfähigkeit der Betreuungseinrichtungen fest. Ihr Fazit:

Wissenschaft als Lebensform - Eltern unerwünscht?

"Ein flexibles ganztägiges und qualitativ dem Alter der Kinder entsprechendes bedarfsgerechtes Kinderbetreuungsnetz ist eine wesentliche Voraussetzung für ein gutes Leben, das beide Bereiche - die wissenschaftliche Arbeit und Familie - ohne einseitige Verzichte zu verbinden erlaubt. Das wird nicht ohne eine Neuverteilung von wissenschaftlicher und familialer Arbeit auf beide Geschlechter möglich sein."
(2009, S.180)

Wie sieht es aber aus, wenn man spezielle Universitäten betrachtet? Am Beispiel der Universität Dortmund gehen die Autorinnen der Frage nach, ob sich die landesweiten Ergebnisse auch auf der Ebene einzelner Universitäten widerspiegeln. Es zeigt sich z.B., dass die Kinderlosigkeit je nach Universität unterschiedlich hoch ist. Während die RWTH Aachen auf einen Kinderlosenanteil von 70,9 % kommt, gibt es am Universitätsklinikum Bonn nur 40 % Kinderlose. Die Ursachen beschreiben die Autorinnen folgendermaßen:

Wissenschaft als Lebensform - Eltern unerwünscht?

"Abweichungen im Anteil der Eltern zwischen den Universitäten (...) sind (...) auf eine unterschiedliche Personalrekrutierung zurückzuführen. Diese ergibt sich aus dem unterschiedlichen Drittmittelaufkommen und der Disziplinstruktur der Universitäten."
(2009, S.188)

Fazit: Das Buch bietet einen hervorragenden Einblick in den Zusammenhang zwischen Karrierebedingungen, Geschlecht und Kinderzahl beim wissenschaftlichen Personal der Universitäten des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen

Das Buch Wissenschaft als Lebensform - Eltern unerwünscht von GÖCKEL/MÖLLER/AUFERKORTE-MICHAELIS zeigt am Beispiel der Universitäten des westdeutschen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen die zahlreichen Probleme auf, die das wissenschaftliche Personal bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie hat. Während sich das Vereinbarkeitsproblem in der Vergangenheit als Frauenproblem darstellte, zeigt die Studie, dass es inzwischen auch für Männer ein Problem ist, Beruf und Familie zu vereinbaren. Dies gilt insbesondere für Väter, die sich nicht nur als Ernährer betrachten.

Eine Vielzahl von Tabellen und Schaubilder veranschaulichen wie zum einen im Verlauf der wissenschaftlichen Karriere geschlechtsspezifische Barrieren zunehmen und zum anderen wie sich Kinderlosigkeit und Elternschaft im Mittelbau und in der ProfessorInnenschaft entwickelt haben.  

Das Buch ist allen zu empfehlen, die sich für eine lebens- und familienfreundliche Hochschulentwicklung engagieren möchten. Während in der öffentlichen Debatte zur Kinderlosigkeit der AkademikerInnen die Schuld fast ausschließlich bei den Frauen gesucht wird, zeigt die Studie dagegen eindrucksvoll, dass zwar Individualisierung und ein modernes Paar- und Familienverständnis eine Rolle spielen, dass aber insbesondere ein antiquiertes Wissenschaftlerideal, familien- und frauenfeindliche Strukturen und Beschäftigungsverhältnisse sowie fehlende bzw. ungeeignete  Betreuungseinrichtungen ausschlaggebender sind. 

 
     
 
       
       
   

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Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 15. Februar 2009
Update: 09. Dezember 2016