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Kritik

 
       
   

Focus-Titel: Familienstand Single.
Millionen Deutsche leben allein - Glück oder Unglück? Große Umfrage über Sehnsüchte, Freuden und Probleme
in: Focus Nr.13 vom 25.03

 
       
     
       
   
     
 

Familienstand Single

"In einer Frauenzeitschrift habe sie neulich gelesen - so fährt sie mit schriller Stimme fort -, für über 40-Jährige sei die Wahrscheinlichkeit gering, eine dauerhafte Partnerschaft einzugehen. »Erschreckend gering!« Die Panik in der weiblichen Stimme lässt alle Wartenden aufhorchen. »Laut Statistik tippe ich eher zweimal hintereinander einen Sechser im Lotto, als einen Mann zu finden.« Die Frau schweigt. die Menge grient."

Frühlingserwachen beim FOCUS!

Single-Leid interessiert immer, sagt man sich beim Focus und probt mit der Coverstory den Einstieg in den Internetbezahldienst wie er beim Spiegel bereits seit einigen Wochen praktiziert wird. Die 50 Cents sind nur gut ausgegeben, wenn man erstens die technischen Voraussetzungen zum Lesen der PDF-Datei - also einen Acrobat-Reader - besitzt und zweitens zu den drei Gruppen gehört, die mit der Coverstory bedient werden:

1) Unzufriedene in Paarbeziehungen, die das Singleleid als Identitätsstütze benötigen.
2) Yuppiefrauen, die sich als Pioniere des Singlelebens fühlen dürfen und
3) unfreiwillige Partnerlose, die entweder masochistisch veranlagt sind oder "News you can use" vom Blatt für die Infoelite erwarten.

Mit einer aktuellen Umfrage veraltete Daten aufgepeppt

Der Focus hat sich die Sache etwas kosten lassen (aber auch nicht zu viel!) und das Münchner Meinungsforschungsinstitut INFO Infratest beauftragt, das Singleleid zu erkunden. "504 Deutsche zwischen 18 und 64 Jahren, die ledig, geschieden, verwitwet sind oder seit langem getrennt leben" haben die Meinungsforscher befragt. Repräsentativ scheint das nicht zu sein, denn sonst hätte man es erwähnt, denn wer verschweigt schon Qualitätsmerkmale der Sozialforschung freiwillig? Die Autorin ist jedenfalls von den Umfrageergebnissen selbst nicht überzeugt, wenn sie ihren eigenen Ansichten widersprechen ("Denn gelegentlicher Sex, auf den angeblich 38 Prozent trotzdem nicht verzichten müssen").

Neudefinition des Single-Daseins

Erstaunlich - oder wieder auch nicht - ist die Tatsache, dass Singles für die Umfrage als Unverheiratete definiert werden. Singles werden also im Gegensatz zu Ehe und traditioneller Familie gesehen. Das passende Interview mit Herrn STOIBER gibt es im gleichen Heft. Die Parole "Zurück zur traditionellen Familie" ist implizite Richtschnur, nach der die Autorin ihre Story aufgebaut hat. Und das so geschickt, dass sie das Thema Kinderwunsch von Singles erst gar nicht behandeln muss. Das Problem wird vorverlagert: Die Partnersuche wird als als DAS Problem der Unverheirateten geschildert. Mit keinem Wort wird darauf hingewiesen, dass viele Unverheiratete glückliche Partnerschaften führen.

Das Defizit der Sozialforschung und seine Konsequenzen

Das Ausmaß der Partnerlosigkeit in Deutschland ist bis heute noch nicht erforscht. Es gibt keine einzige aktuelle repräsentative Studie über dieses Thema. Dies ist bezeichnend für die Ignoranz gegenüber Singles. Stattdessen wird suggeriert, dass das Ausmaß der Partnerlosigkeit seit den 1950er Jahren gestiegen sei. Beweisen kann das keiner! Die Neudefinition bleibt in dem Artikel zudem folgenlos, denn alle repräsentativen Daten beziehen sich auf Einpersonenhaushalte, aber nicht auf die Unverheirateten, über die im Artikel angeblich berichtet werden soll. Ausgeblendet wird jene große Gruppe von Partnerlosen, die nicht alleine lebt, sondern im Mehrpersonenhaushalt (z.B. Alleinerziehende oder Nesthocker).

Die Verwechslung von Alleinwohnen und Partnerlosigkeit

Familienstand Single

"Aus dem als Verschnaufpause geplanten Intermezzo nach einer gescheiterten Liebe entwickelt sich häufig eine stabile Lebensform: Fast die Hälfte bleibt länger als sechs Jahre ohne Partner, so die Statistik. Viele bleiben es für immer,"

behauptet Katrin SACHSE. Diese Angaben stammen (wird nicht ausgewiesen) aus dem Buch Die "Single-Gesellschaft" von Stefan HRADIL, der in dem Artikel mehrfach zitiert wird. Obgleich es in Deutschland kompetentere Single-Forscher gibt, wird gerne auf HRADILs Sekundärstudie aus dem Jahre 1995 zurückgegriffen, natürlich ohne die Fragwürdigkeit der Aussagen zu erwähnen, die HRADIL selbst im Buch beschreibt:

Die "Single"-Gesellschaft

"Die bislang verfügbaren Daten erlauben es noch nicht, die Grundfrage nach der Dauer des Single-Daseins exakt zu beantworten. Hierzu sind Längsschnittuntersuchungen notwendig. Dafür kommt als einzige Datenquelle in Deutschland nur das 'Sozioökonomische Panel' in Frage. Dieses reicht jedoch erst 8 Jahre zurück. Unsere Auswertungen zeigen, daß von den Singles des Jahres 1991
- die Hälfte (47 %) schon mindestens 6 Jahre lang allein lebte,
- ein weiteres Fünftel (18 %) schon 4-5 Jahre lang Singles war und
- nochmal ein Fünftel (20 %) immerhin schon 2-3 Jahre lang einen Einpersonenhaushalt führte.
- Nur 15 % aller im Jahre 1991 anzutreffenden Singles waren fürs erste 'Kurzzeitsingles' und lebten erst 1 Jahr oder weniger allein." (1995, S.27)

HRADIL bezieht sich mit diesen Aussagen jedoch auf die Dauer des Alleinwohnens und nicht auf die Dauer der Partnerlosigkeit, wie die Autorin das auslegt. Diesem Aspekt widmet sich HRADIL auf den Seiten 40 - 43 des Buchs. Seine Angaben in dem dortigen Abschnitt sind jedoch unbrauchbar, weil es zum damaligen Zeitpunkt keine repräsentative Untersuchungen zu diesem Thema gab. Erst im Jahre 1996 erschien die Publikation Familie an der Schwelle zum neuen Jahrtausend. Wandel und Entwicklung familialer Lebensformen, die von Walter BIEN herausgegeben wurde. Darin befinden sich erste Auswertungen der Längsschnittstudie Familiensurvey des Deutschen Jugendinstitut (DJI), in der die Lebensformen von 1988 und 1994 verglichen wurden. Im Gegensatz zum Sozioökonomischen Panel (zur Problematik siehe Notburga OTT & Ulrich PÖTTER 1994) wurden nicht nur die Haushaltsformen, sondern die Netzwerke und damit auch haushaltsübergreifenden Partnerschaften wie "Living apart together", "Fernbeziehungen" bzw. "Distanzbeziehungen" erfasst. Dieser repräsentative Familiensurvey ist bis heute die einzige Datenquelle geblieben, die solch weitgehenden Aussagen zum Thema Partnerlosigkeit machen kann. Ein Trauerspiel der deutschen Sozialforschung! In dem genannten Buch heißt es:

Familie an der Schwelle zum neuen Jahrtausend

"Eine noch wenig untersuchte Variante stellen Partnerschaften in getrennten Haushalten dar, deren Mitglieder bisher in der amtlichen Statistik und in der Sozialforschung in der Regel als Alleinlebende eingestuft worden sind. Diese Fehldiagnose und die daraus resultierende zahlenmäßige Überschätzung von Alleinlebenden und Alleinerziehenden lieferten Nahrung für Spekulationen in der Öffentlichkeit über eine vermeintlich zunehmende Singularisierung oder gar Atomisierung der Gesellschaft." (1996, S.27)

Mit dem Thema Partnerschaften von Alleinlebenden hat sich vor allem ein Mainzer Kollege von HRADIL, der Soziologe Norbert F. SCHNEIDER beschäftigt, dessen Studie zum Thema "Berufsmobilät und Lebensform" bereits letztes Jahr vorgestellt wurde und dieses Jahr publiziert wird . In dem Beitrag Partnerschaften mit getrennten Haushalten in den neuen und alten Bundesländern aus dem Jahre 1996 belegt er, dass solche Partnerschaften weit verbreiteter sind als das unverheiratete Zusammenwohnen. Da jedoch nur zwei Erhebungen des Familiensurveys durchgeführt wurden, sind die Aussagen über die Dauerhaftigkeit von solchen Partnerbeziehungen weiterhin mehr oder weniger spekulativ. Bis das Gegenteil bewiesen werden kann, könnte man also auch mit gutem Gewissen behaupten, dass solche Partnerschaften unter Umständen langlebiger sind als jedes partnerschaftliche Zusammenwohnen oder auch Heiratsbeziehungen. Hier besteht dringender Forschungsbedarf. Eines ist jedenfalls gewiss: Die offiziellen Statistiken überschätzen das Ausmaß der Partnerlosigkeit in Deutschland.

Singleforscher kommen nicht zu Wort oder werden unzulässig verkürzt widergegeben

Während HRADIL mit seinen veralteten Daten ausgiebig zu Wort kommt und Ronald HITZLER, von dem mir überhaupt keine Forschungen zum Thema bekannt sind - wenn man nicht gerade die Untersuchungen über Jugendszenen dazu rechnen möchte - dann bleibt nur die Dissertation Sind Singles anders als die anderen? von Beate KÜPPER, die demnächst erscheint . Die Aussagen von KÜPPER sollen jedoch nur noch einmal das illustrieren, was der Artikel sowieso beweisen soll: Singles haben zu hohe Ansprüche an Partnerschaften.

Die Yuppiefrau als Pionier des Singlelebens

Überzeugte Singles sind allenfalls Yuppiefrauen:

Familienstand Single

"Soziologen würden die attraktive Frau als den typischen 'swinging Großstadt-Single' bezeichnen: aktiv, ungebunden, fröhlich, selbstbewusst, immer auf Achse, in jedem Land Bekannte für jedes Bedürfnis die richtige Telefonnummer."

Als Prototyp wird der Medienyuppie präsentiert, den die 32jährige Journalistin Christiane NADOL verkörpern soll, die mit ihrem Cabrio abgebildet ist. Ulf POSCHARDT, der gerade das Buch Über Sportwagen veröffentlicht hat , wäre das männliche Pendant dieses Typus - aber das passt nicht zur im Artikel vertretenen (post-)feministischen Ideologie des weiblichen Singlepioniers.

Der männliche Frust-Single

Männliche Singles sind Frust-Singles. Dazu wird der 48jährige geschiedene und allein Erziehende Dennis STIERS präsentiert, dessen Ressentiments als "Typologie der Single-Frau" angepriesen wird. Wer nur schlechte Erfahrungen mit Frauen gemacht hat, der wird kaum mehr als über das Repertoire der "beziehungsunfähigen Single-Frau" verfügen . Diese Erkenntnis besitzt offensichtlich auch Frau SACHSE, wenn sie schreibt: "Die Interpretation dieser Gesetze gelingt Außenstehenden meist besser als den Betroffenen."

News you can use

Der Focus ist ja nicht nur das Blatt für die Info-Elite, sondern bietet auch Hilfe zur Selbsthilfe und Lebensberatung. "Der Kontaktmarkt wächst ständig" heißt das Credo. Warum, das wird nicht hinterfragt, sondern psychologisiert. Man braucht nämlich gar keine Stereotypen wie Beziehungsunfähigkeit oder Anspruchsinflation, um dieses Wachstum zu erklären. Dazu genügt ein Blick auf den demografischen Wandel: Die längere Lebenserwartung hat dazu geführt, dass nicht mehr die Kindheit oder Jugend, sondern das mittlere Lebensalter und demnächst das Alter dominiert . Endete früher die Beziehung durch den Tod des Lebenspartners, so ist heute die Trennung mit der Konsequenz des anschließenden Singlelebens die Normalität. Der Focus stellt einige Profiteure des Boommarkts vor, z.B. den Soziologen Thorsten WERGES, der in Bonn die Agentur herzen.de gegründet hat und sich mit seinem Team - ansonsten arbeitslos gewordener Akademiker - der schwer vermittelbaren Singles annimmt. Stephan BISSART darf ein paar allgemeine Flirttipps ausplaudern und der Stadtforscher Hartmut HÄUßERMANN, der in den 1980er Jahren die Yuppisierung der Altbauquartiere anprangerte , darf der Yuppiefrau Mut machen:

Familienstand Single

"Der Traum von Christiane Nadol, den Lebensabend mit Freunden unter einem Dach zu verbringen, werde keine Vision bleiben. »Wenn die soziale Homogenität der Bewohner stimmt, funktioniert so etwas«, glaubt der Wissenschaftler."

Die Panik der Singlefrau

Zum Abschluss - seit Mitte der 1980er Jahre so etwas wie das Muss eines jeden Artikels über das Singleleid - noch die neueste Abwandlung des Eloise SALHOLZ-Klassikers über die Heiratschancen der Singlefrau :

Familienstand Single

"In einer Frauenzeitschrift habe sie neulich gelesen - so fährt sie mit schriller Stimme fort -, für über 40-Jährige sei die Wahrscheinlichkeit gering, eine dauerhafte Partnerschaft einzugehen. »Erschreckend gering!« Die Panik in der weiblichen Stimme lässt alle Wartenden aufhorchen. »Laut Statistik tippe ich eher zweimal hintereinander einen Sechser im Lotto, als einen Mann zu finden.« Die Frau schweigt. Die Menge grient."

Noch wesentlich geringer als die Heiratschancen einer Frau um die 40, sind lediglich die Chancen im Focus einen gut recherchierten Bericht über die Lebensverhältnisse von Unverheirateten zu finden.

Die Single-Lüge - Das Buch zur Debatte

Die Single-Debatte ist längst in eine Sackgasse geraten. Dies wird in diesem Buch u.a. der Individualisierungsthese des Münchner Soziologen Ulrich Beck angelastet.
        
Das Buch sollte als Beitrag zur Versachlichung der Debatte verstanden werden und liefert deshalb Argumente für eine neue Sichtweise auf das Single-Dasein im Zeitalter der Demografiepolitik.

 
     
 
       
   

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© 2002 - 2017
Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 24. März 2002
Stand: 27. Januar 2017