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Herbstthema

 
       
   

Echtleben - Die netten Jahre sind vorbei, Teil 3

 
       
   

Die Generation Ally in der Jobkrise. Oder: Die Karrierefrau in der Individualisierungszwickmühle

 
       
     
       
   
     
 

Einführung

Im November 2005 befasste sich single-generation.de mit den Karrierefrauen der Generation Golf . Zwei Typen von Karrierefrauen in der Medienbranche wurden miteinander verglichen: die Geburtselite am Beispiel der ZEIT-Redakteurin Susanne GASCHKE, deren Lamento über ihre Generationsgenossinnen Die Emanzipationsfalle gerade erschienen war, und die Aufsteigerin Katja KULLMANN, deren Bestseller Generation Ally bereits über 3 Jahre zurücklag. Noch in einem Porträt und Interview mit Thea DORN beschreibt KULLMANN Individualisierung als Befreiung.

Die neue F-Klasse

"Für mein eigenes kleines Leben habe ich eine gewisse Autonomie hinbekommen. Ich bin frei von einem festen Arbeitgeber und frei von einem festen Partner. Beides womöglich nur vorläufig. Aber im Augenblick gefällt es mir, wie es ist. Ich habe die Macker-Bilder im Kopf, On the Road zu sein wie Jack Kerouac." (2006, S. 217)

Vor kurzem erschien die Fortsetzung Echtleben. KULLMANN spricht nicht mehr von der Generation Ally, aber dennoch schreibt sie über ein individualisiertes Milieu, das in etwa die gleichen Jahrgänge umfasst. Es geht um das "neu-erwachsene Leben", das einst verheißungsvoll in Angriff genommen wurde und jetzt dem "Funktionierenmüssen" gewichen ist.

Echtleben

"Als »neu-erwachsenes Leben« sind hier all jene biografischen Entwürfe begriffen, die einmal anders gedacht waren als das, was die Vorgänger gelebt haben. »Neue Erwachsene« sind diejenigen, die vor zehn, fünfzehn, zwanzig Jahren angetreten sind, endlich ein paar Dinge neu zu gestalten und ein weltoffenes, selbstbestimmtes, freundliches, emanzipiertes Leben zu führen - Eine Existenz, die weitgehend frei ist von Hierarchien und in der Geld, Geschlecht und Geburtsurkunden, wenn überhaupt, nur eine Nebenrolle spielen.
Jene Leute dürften heute, grob gerechnet, zwischen 30 und 45 Jahre alt sein. (...) Sie stellten einst die erste große Praktikantenschwemme und die Vorhut des forcierten Quereinsteigertums. Die Selbstverwirklichung war für sie ein ehrfürchtig bis lustvoll, ernsthaft bis verwegen verfolgtes Ideal. (...).
Inzwischen sind die Verheißungen des »vielfältigen Lebens« für viele allerdings in ein barsches Funktionierenmüssen gemündet, und den meisten entfährt nur mehr ein böses Keckern, wenn sie das Wort Selbstverwirklichung irgendwo hören oder lesen. Manche haben die ersten Not-Runden beim Amt gedreht, als »Aufstocker« oder Interims-Hartzer, mit Doktortitel, Fachabitur oder respektabler Ausbildung im Rücken. (...). Was einst als Lebenskunst gedacht war, ist zur Überlebenskunst verkommen."

Im Folgenden soll der Frage nachgegangen werden, inwiefern sich ein Bewusstseinswandel zwischen Generation Ally (2002) und Echtleben (2011) vollzogen hat. Bereits die Untertitel verweisen auf einen anderen Anspruch: Warum es heute so kompliziert ist, eine Frau zu sein hin zu Warum es heute so kompliziert ist, eine Haltung zu haben. Nicht mehr die Geschlechterfrage steht im Mittelpunkt, sondern die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen des Erwachsenseins.

Der lange Abschied von den Individualisierungsverheißungen?

Im Oktober 2003 wurde der lange Abschied von den Individualisierungsverheißungen auf single-generation.de prophezeit und die Agenda 2010 als Programm zur Durchsetzung einer neuen Klassengesellschaft bezeichnet . Außerdem wurde eine 2004 erschienene Festschrift zu Ulrich Becks Kosmopolitisches Projekt gegen den Strich gelesen , denn die neuen gesellschaftlichen Verhältnisse fanden darin noch keinerlei Ausdruck. Die damalige Einschätzung war ihrer Zeit offenbar weit voraus:

Bislang ist der Individualisierungsglaube noch weithin ungebrochen. Obgleich sich die Generation Golf als Gegenspieler der 68er betrachtet, ist sie doch weiterhin den gleichen Wahrnehmungsmustern verhaftet, die Ulrich BECK & Co. mit der Individualisierungsthese vorgegeben haben. Erste Risse im Bild sind jedoch mittlerweile erkennbar.

Die vier vorgestellten Beiträge der Festschrift zeigen zum einen wie rasant gegenwärtig als sicher geglaubte gesellschaftliche Bedingungen der Vergangenheit zugerechnet werden müssen. P. A. BERGERs Individualisierungsoptimismus ist mittlerweile genauso obsolet wie jene Vollkasko-Individualisierung, die HITZLER & PFADENHAUER zum Ausgangspunkt ihrer Überlegungen gemacht haben. Die Agenda 2010-Gesetzgebung untergräbt im Zusammenhang mit der Arbeitsmarktsituation jene Voraussetzungen, die von den Individualisierungsverfechtern unhinterfragt als gegeben vorausgesetzt werden.
(single-generation.de, Oktober 2003)

Katja KULLMANN gehörte damals noch zu jenen, die dieser Individualisierungsprosa mehr oder weniger auf den Leim ging.

Echtleben

"Wenn mir rund ums Jahr 2000, rund um meinen 30. Geburtstag, mein eigenes Leben, das der anderen oder »Deutschland allgemein« im Kopf herumging, dachte ich tatsächlich immer nur horizontal, stets in die Breite, an das verführerisch funkelnde »Chaos der Möglichkeiten« (Sören Kierkegaard). Arglos sortierte ich die Welt in zeitgleich nebeneinander her pumpernde Lebensstile - und empfand meinen eigenen Style als selbstbewusste Jung-Redakteurin und Multi-Jobberin sowohl als hochindividuell als auch als den einzig wahren. Den »Oben-unten-und-dazwischen-Charakter« des Wortes »Mitte« hatte ich so gut wie verdrängt." (2011, S.124)

KULLMANN begrüßte wie die Mehrzahl der Neuen Mitte die Agenda 2010. Die Folgen seien nicht absehbar gewesen, ist ihre Ausrede.

Echtleben

"Auch ich fand Hartz IV von Anfang an interessant, übersah Hartz I bis III aber beinahe. Auch mir war zunächst nicht klar, dass damit Teile der Sozialgesetzgebung quasi in vor-bismarcksche Zeiten zurückgebaut wurden - und dass sich hinter modischen und marktgängigen Selbstbenennungen wie Ich-AG, Freelancer oder Micropreneur im Wesentlichen Wanderarbeiterschicksale und Tagelöhnerei verbergen würden." (2011, S.139)

Viel zutreffender ist jedoch, was 15 Seiten vorher über das Individualisierungsdenken steht: "Heute verstehe ich: So denken und sprechen Leute, die sich in Sicherheit wiegen." Ein Bewusstseinswandel setzt bei KULLMANN erst ein, als sie pleite ist.

Gegenkultur und Neoliberalismus - Die Zwillinge des individualisierten Milieus

KULLMANN beschreibt ihre Sozialisation als "Indiepop-Mädchen". Sie fühlt sich der Gegenkultur verpflichtet, ist Jüngerin des Kosmopolitischen Projekts von Ulrich BECK. Dass ihr Leben als Karrierefrau jedoch eher dem neoliberalen Ideal entspricht, das dämmert ihr nur kurz angesichts ihrer Pleite.

Echtleben

"Neoliberaler als ich konnte man sein Leben kaum führen - obgleich ich mit dem Neoliberalismus doch nie etwas zu tun haben wollte. Ich schrieb für Emma und taz, nicht für Cosmopolitan oder ein Lufthansa-Magazin - und führte doch die ganze Zeit eine lupenreine FDP-Existenz." (2011, S.160)

Gegenkultur und Neoliberalismus fühlen sich anders an, auch wenn sie von außen betrachtet ununterscheidbar erscheinen. Das Bewusstsein bestimmt hier das Sein. Es gibt inzwischen eine reichhaltige Literatur zu diesem kontroversen Thema. Insbesondere  Karrierefrauen wie KULLMANN gelten als Steigbügelhalter des Neoliberalismus.

Flexible Feindbilder: Vom Luder zu den Barbour-Jackenträgern

Bereits in Generation Ally zeigt sich die Mittelschichtfrau Katja KULLMANN latent klassenbewusst, wenngleich F-Klassenmässig halbiert. Damals herrschte jedoch noch der ungebrochene Glaube an Deutschland als Aufsteigergesellschaft vor, weshalb sich KULLMANN von Ramona, der Unterschichtsfrau und ihren Epigonninen, den Ludern, abgrenzt.

Generation Ally

"Die Original-Ramona von früher hat ihre Strafe bereits erhalten, und zwar in Form eines monatlichen Schecks vom Sozialamt. Ihre Epigoninnen jedoch haben aus ihren Fehlern gelernt. (...).
Während wir, die Generation Ally, die professionalisierten Töchter der Emanzipationsbewegung, mit unserem flexibilisierten Erfolgsleben beschäftigt waren, haben die Luder still und leise an den großen Rädern der Welt gedreht und sich einen Platz verschafft, den wir ihnen nie zugetraut hätten: Sie sind scheinbar an der Macht, überall. Sie herrschen über Telefongesellschaften und Fernsehsender, Werbeagenturen und Verlage.
(...). Frauen, die wesentlich unkomplizierter als wir erscheinen, die besser aussehen, die offenbar mehr Spaß haben und sich besser bewegen als wir. Es sind die (...) leichten Mädchen, die plötzlich ein unglaubliches Gewicht haben, gesamtgesellschaftlich gesehen." (2002, S.202)

Nach dem Ende der Aufsteigergesellschaft treten nun in Echtleben die Barbour-Jjackenträger an die Stelle der Luder als Konkurrenz um die relevanten gesellschaftlichen Positionen. Damit hat sich die Stossrichtung geändert: Die Gefahr für die Mittelschicht kommt nun bei KULLMANN nicht mehr von unten, sondern von oben.

Echtleben

"Während (...) die anderen und ich noch immer überlegten, ob wir uns doch langsam mal dazuzählen sollten, und was dann daraus folgern würde, feierten die Barbour-Jacken ihr unerwartetes Comeback. Tatsächlich waren sie ja nie verschwunden, nur hatten sie sich - im Gegensatz zu uns - über das Nuller-Jahrzehnt etwas dezenter verhalten. Der diskrete Charme der Bourgeoisie. Während wir, geschwätzig, wie es für kleine Leute typisch ist, die »Herausforderung« annahmen, alle möglichen Varianten verhaltener Anders- und Neuartigkeit ausprobierten und es freimütig über alle Kanäle hinausposaunten, feilten sie an ihren schnurgeraden Traditionslaufbahnen. Wir haben den Begriff »Zukunft« wörtlich genommen und uns selbst ein paar Berufe erfunden (...).
Sie sitzen nun auf den Sesseln, die die Verwandtschaft und die Freunde der Familie vorgewärmt haben. (...). Wir haben uns alles Mögliche zusammengebastelt - nur keine Macht. (...) Sie setzen jetzt vorerst die Maßstäbe. (2011, S.151f.)

Solidarität mit der Unterschicht statt Fraternisierung mit dem Neuen Bürgertum

Katja KULLMANN kritisiert die Vertreter des Neuen Bürgertums, statt sich mit ihnen zu verschwestern: das unterscheidet sie von ihrem Generationskollegen Frank HERTEL, der mit dem Buch Knochenarbeit das Gegenmodell hinsichtlich der Verarbeitung von Unsicherheiten in der eigenen Biografie darstellt . Der Unterschied mag daran liegen, dass KULLMANN im Gegensatz zu HERTEL neben den Höhen einer individualisierten Existenz auch die Lebensweise als Hartz-IV-Empfängerin erfahren hat.

Echtleben

"Leute wie wir (...) litten unter einer »Erwartungsenttäuschung« (Heinz Bude [mehr]) - und müssten gefälligst damit klarkommen, sagt man uns. Die Ära der »Vollkasko-Individualisierung« (Ulrich Beck  [mehr]) sei vorbei - und wir sollten uns endlich daran gewöhnen, herrscht man uns an. Das »Goldene Zeitalter« (Eric Hobsbawm) sei eben abgelaufen, und immerhin: In anderen Teilen der Welt geht es den Leuten wirklich schlecht - also mögen wir doch, bitteschön, zufrieden sein. Eifrig machen sich die Gewinner der »neuen Zeit« sich daran, das traditionelle Sozialstaatsmodell als »Hängemattenstaat« wegzulästern. Doch war es genau jene »soziale Sicherheit, die zum ersten Mal in der Geschichte es auch den lohnabhängigen Jugendlichen erlaubte, andere Lebensformen auszuprobieren, also reale Freiheit zu praktizieren, was bis dahin ein Privileg des Bürgertums war« (Volker Stork [mehr])." (2011, S.144)

KULLMANN setzt der Sichtweise der Vertreter einer neubürgerlichen Berliner Republik eine trotzige Sichtweise neu-erwachsenen Lebens entgegen, das sich immer noch aus den versprochenen Verheißungen der Individualisierung speist. Das ähnelt dem Anspruch von Manuel J. HARTUNG, Jahrgang 1981, und Cosima SCHMITT, Jahrgang 1975, die mit Die netten Jahre sind vorbei. Schöner leben in der Dauerkrise wollen . Dadurch macht auch die eingangs erwähnte Ausweitung der betrachteten Kohorte bei KULLMANN Sinn.

Die netten Jahre sind vorbei

"Die netten Jahre sind vorbei. Nicht nur, weil wir in der Dauerkrise groß geworden sind. Sondern auch, weil wir in der Dauerkrise schöner leben wollen. Wir warten nicht, ob die Alten uns gnädig einen Teil der Macht, ein paar Bröckchen vom Wohlstand abgeben. Wir wollen die Welt verändern, sie ein kleines bisschen besser, gerechter und lebenswerter machen. Wir erstreiten uns einen Platz in der Gesellschaft, mit unseren Mitteln. Der Kampf um die Zukunft hat gerade erst begonnen." (S.23f)

Im Gegensatz zu HARTUNG & SCHMITT wird bei KULLMANN jedoch nicht das Feindbild Babyboomer bedient, sondern der Feind wird im Neuen Bürgertum gesehen.

Hartz-IV-Empfänger, Unterschicht, und die Angst nicht mehr dazu zu gehören

Die Erfahrung als Hartz-IV-Empfängerin hat Katja KULLMANN zu einer differenzierteren Sichtweise dieser gesellschaftlichen Gruppe geführt, die in sozialpopulistischen Debatten à la Thilo SARRAZIN und Gunnar HEINSOHN meist fälschlicherweise mit der Unterschicht gleichgesetzt wird. Gerade Soloselbständige wie KULLMANN gehören oftmals zum Kreis der Aufstocker, was Ursula MÄRZ in ihrer Rezension des Buches betont. Tatsächlich hat Hartz IV die Welt der Sozialhilfeempfänger nicht wirklich vollkommen verändert, sondern der Umgang mit und die Einstellung zu Sozialhilfe-Empfängern besitzt eine Kontinuität, die im Hype um Thilo SARRAZIN & Co. übersehen wird. Katja KULLMANN kann man mit Alban KNECHT zu den strategisch handelnden Sozialstaatsbürgern zählen .

Bürgergeld: Armut bekämpfen ohne Sozialhilfe

"Strategisch handelnder Sozialstaatsbürger: Dieser Typ benutzt (...) die Sozialhilfe (...) auch für andere Ziele (...), als Hilfe in Situationen zu bekommen, in denen man unbedingt Hilfe braucht. »Hier ermöglicht die Sozialhilfe unerwünschte Beschäftigungsverhältnisse abzubrechen, einer unregelmäßigen Beschäftigung nachzugehen oder auf das Zusammenleben mit dem Vater eines Kindes zu verzichten, weil sonst der Sozialhilfe-Anspruch verloren geht.«" (2001, S.43)

KULLMANN wäre nicht wirklich auf Hartz-IV angewiesen gewesen. Angesichts ihrer Angst, nicht mehr dazu zu gehören, und ihrem Ziel ihr journalistisches bzw. schriftstellerisches  Berufsethos nicht zu verraten, war es für sie aber erst einmal der "Weg des kleinsten Übels".

Exkurs: Die Marke Kullmann

Wenn hier über Katja KULLMANN geschrieben wird, dann nicht über die Person, sondern über die Selbstinszenierung einer Sachbuchautorin, die keine Autobiografie geschrieben hat, sondern ein Sachbuch mit autobiografischen Elementen, oder wie es 2005 genannt wurde: autobiografischer Essayismus . Hier interessieren deshalb allein die beschriebenen sozialen Situationen. Die Frage der Authentizität bzw. das Glaubwürdigkeitsproblem, das Katja KULLMANN am Beispiel des Sängers Maximilian HECKER diskutiert, bleibt dabei außen vor. Oder wie KULLMANN schreibt: "Ich tue, was ich schon immer am besten konnte, ich wahre Fassung und Form".

 
     
 
       
   

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© 2002-2017
Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 30. August 2011
Update: 25. Januar 2017