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Debatte

 
       
   

Die Zukunft der Grünen

 
       
   

Imagewandel: Von der Single- zur Familienpartei oder die neueste Revolte aus deutschen Pfarrhäusern

 
       
     
       
   
     
 

Das Dosenmilchtrauma

"Kinder, sagt man, treten in die Fußstapfen ihrer Eltern, oder sie machen alles anders. Ich liege irgendwo dazwischen.
Sicher, gemessen an den Idealen meiner Erzeuger bin ich ein reichlich missratener Spross, aber im praktischen Leben sind wir gar nicht so verschieden. Ich lebe zum Beispiel in einer Wohngemeinschaft. Das finden die Renate und der Eberhard ziemlich cool, ihr Sohn wohnt in 'ner WG! Zugegeben, es handelt sich um eine Doppelhaushälfte - doch wir leben da zu viert. Zwei Paare. Marion und A gehören zusammen und meine Angetraute und ich natürlich.
Ohne denen, die in sentimentalen Erinnerungen an ihre Kommunenzeit schwelgen, allzu nahe treten zu wollen, aber unser Zusammenleben klappt bestens."
(Jess Jochimsen, 2000, S.41)

Die Grünen - Auf dem Weg zur Partei der Kinder von Ulrich Beck und VW Golf?

Das Pfarrhaus im Thüringschen Ingersleben ist nach BUCHSTEINER (ZEIT v. 10.05.2001) der Ort gewesen, an dem die Grünen der Generation Golf einen "Aufstand mit ungewissen Folgen geprobt" haben. Es war der Versuch einer Antwort auf den Düsseldorfer Parteitag der FDP, die mit Guido WESTERWELLE auf Freiheit und Bildung setzte. Die Grünen scheinen sich die FDP-Parole vom "Kampf gegen den Abstieg" zu eigen machen zu wollen. Von einer Partei, die sich am Abgrund sieht, kann man jedoch keine vernünftige Politik, sondern nur hektische Imagepflege erwarten. Revolten, die im Pfarrhaus beginnen, haben in Deutschland zudem einen zweifelhaften Ruf. Ob hier gar Benjamin STUCKRAD-BARRE Pate gestanden hat? Schließlich ist Familie derzeit Pop! Von Katrin GÖRING-ECKARDT ist jedenfalls der Satz überliefert: "Wir Jüngeren müssen zeigen, dass wir keine 68er-Partei mehr sind".

Es sieht aber nicht danach aus, als ob diese Grünen wüssten, wovon sie reden. Sie sind jedoch offensichtlich gelehrige Schüler des Soziologen Ulrich BECK aus der 68er-Kohorte. Die 68er wollten ursprünglich zurück zur Großfamilie und lebten deshalb in Kommunen, die im Laufe der Zeit zu Wohngemeinschaften und Hausgemeinschaften mutierten. Die 68er wollten also die Kleinfamilie zugunsten einer älteren Familienform überwinden. Es muss als eine Ironie der Geschichte angesehen werden, dass diese neuen Wohnformen der 68er wesentlich zum rapiden Anstieg der Single-Haushalte geführt haben, weil das Statistische Bundesamt weder Wohn- noch Hausgemeinschaften kennt .

Ulrich BECK hat diesen Wandel der Haushaltsformen als Beleg dafür genommen, dass Deutschland auf dem Weg in die "Single-Gesellschaft" ist. Auch jene 68er, die zurück zur Großfamilie wollten, kritisierten die Vereinzelung und Individualisierung. BECK hat diese Kritik lediglich aufgegriffen und weitergeführt. Seit BECK will man jedoch nicht mehr zurück zur Großfamilie, sondern zurück zur Kleinfamilie. Und da wären wir genau bei diesen Grünen um GÖRING-ECKARDT .

Das Gemeinsame der 68er und der Grünen aus der Generation Golf ist die Orientierung an Familienmythen. Die Großfamilie war kein historisch weit verbreitetes Familienmodell, sondern ein bürgerliches Familienideal. Aufgrund der gestiegenen Lebenserwartung wäre die Großfamilie heutzutage erstmals wirklich lebbar, aber das gegenwärtig gelebte Modell ist die Multilokale Mehrgenerationen-Familie . Die postmodernen Grünen wollen hinter dieses Modell zurück. Dem stehen jedoch sowohl die Zwänge der zukünftigen Wissensgesellschaft, als auch das veränderte Lebenslaufregime und die veränderten Wohnbedingungen entgegen.

Der Lebenslauf der Menschen wird bildungs- und damit arbeitsmarktabhängiger als je zuvor. Die Rede vom "lebenslangen Lernen" ist Ausdruck dieser Veränderung. Die gestiegene Lebenserwartung führt dazu, dass mehr Generationen als jemals zuvor miteinander auskommen müssen und dass die Familienphase an Bedeutung verliert. Eine 80jährige Frau ist nur ein halbes Erwachsenenleben gebärfähig. Elternschaft ist jedoch nicht nur in diesem biologischen Sinne, sondern auch im sozialen Sinne zu verstehen. Ältere Frauen können soziale Eltern sein und sind dies oftmals auch.

Der Hinweis darauf, dass Haushalte mit Kindern in der Minderzahl sind, verführt zu falschen Schlussfolgerungen. Haushaltsübergreifende Generationenzusammenhänge und Erziehungszusammenhänge werden statistisch nicht sichtbar. Kürzlich hat der Soziologe Bruno HILDENBRAND (Ostthüringische Zeitung v. 25.05.2001) darauf hingewiesen, dass gerade in den Städten die Entfernung zwischen Familienangehörigen wesentlich niedriger ist als auf dem Land. Hausgemeinschaften von Eltern und Kindern in Einliegerwohnungen werden genauso wenig erfasst wie jene von Singles, Paaren und Familien. Wer - wie die Grünen - die gemeinsame Wohnung zum Zentrum des Familienbegriffs macht, der blendet viele Familienformen und soziale Wohnformen aus.

Wenn Fritz KUHN (Welt v. 16.05.2001) fordert, "dass in der Partei auch diejenigen für Kinder einstehen, die selbst keine haben" und dies als Beitrag zur Überwindung einer "Spaltung der Gesellschaft in Eltern und Kinderlose" bewertet, so unterstellt er den Kinderlosen, dass sie bisher nicht für Kinder eingestanden sind. Eine solche Sichtweise ist ungerechtfertigt. Es deutet aber vor allem darauf hin, dass innerparteiliche Willensbildungsprozesse, in denen Kinderlose ihre spezifische Perspektive einbringen möchten, unerwünscht sind. Wenn eine kinderfreundliche Gesellschaft aber zur Kinderlosenfeindlichkeit führt, dann ist dies bedenklich, weil Familien und Singles in Zukunft in verstärktem Masse miteinander auskommen müssen. Nicht weil - wie allgemein unterstellt wird - die Zahl freiwilliger Kinderloser zunehmen wird, sondern aufgrund struktureller Kinderlosigkeit.

Die strukturelle Kinderlosigkeit ist wie bereits erwähnt die Folge der steigenden Lebenserwartung, Des Weiteren gibt es seit längerem einen Männerüberschuss bei den jüngeren Jahrgängen. Kinderlosigkeit wird also zunehmend das Schicksal von Männern werden. Hinzu kommt, dass Männer sich immer noch als Alleinernährer von Familien verstehen. In der Dienstleistungsgesellschaft nehmen jedoch die McJobs zu, die eine "standesgemäße" Familiengründung unmöglich machen. Nicht vergessen werden darf die Zunahme von Unfruchtbarkeit.

Grüne Familienpolitik kann deshalb nicht allein heißen, Politik für Familienhaushalte zu machen, sondern Familienpolitik muss ihre Aufgabe auch darin sehen, die sozialen Potenziale der beiden Lebensformen "Single" und "Familie" zu fördern. Wer die Spaltung der Gesellschaft in Eltern und Kinderlose verhindern will, der muss Integrationsangebote machen. Ein Beispiel wäre z.B. die Förderung von Hausgemeinschaften, bei denen Singles, Paare und Familien jeweils ihren besonderen Beitrag zum Gemeinwohl leisten können. Das Beispiel des Bremer Beginenhofs zeigt, dass einerseits ein gesellschaftlicher Bedarf dafür besteht, andererseits aber eine geschlechtsspezifische Spaltung bei den Wohnformen droht. Eine solche Spaltung ist jedoch genauso wenig wünschenswert wie eine generationenspezifische Spaltung, die dann droht, wenn die Zeitdimension "Lebenslauf" bei der familienpolitischen Debatte vernachlässigt wird und die multilokale Mehrgenerationen-Familie nicht als Familienform wahrgenommen wird.

 
     
 
       
       
   

Die Debatte um die grüne Familienpartei

 
       
   

BUCHSTEINER, Jochen (2001): Lasset die Kinder zu uns kommen.
Der grüne Führungsnachwuchs rüstet zum Kampf. Noch vor der Wahl soll ein neues Image her: "Wir, die Familienpartei",
in: Die ZEIT Nr.20 v. 10.05.

FRIED, Nico & Andreas HOFFMANN (2001): "Glückliche Eltern produzieren glückliche Kinder".
Die grüne Agrarministerin fordert eine Neuausrichtung der Politik am Wohl der Familie: 600 Mark Kindergeld, bessere Spielplätze, mehr Wohnraum,
in: Süddeutsche Zeitung v. 05.06.

Interview mit Renate KÜNAST über grüne Familienpolitik: "Der traditionelle Familienbegriff gilt nicht mehr. Familie ist heute, wo Kinder sind.
SZ: Die potenzielle Wählerschaft der Grünen verbindet man nicht unbedingt mit Kinderreichtum. Das sind vor allem junge Leute, Studenten, Singles...
Künast: ...auch Singles können Kinder haben, wenn ich mir diesen Hinweis erlauben darf."
 

MARTENSTEIN, Harald (2001): Ein Herz für Kinder.
Über das neue Lieblingsthema der Grünen,
in: Tagesspiegel v. 06.06.

WEILAND, Severin (2001): Grüne kennen nur noch Kinder.
Eine Gruppe von Bundes- und Landespolitikern der Grünen legt ein Papier zur Kinder- und Familienpolitik vor. Flügelübergreifend wird jede Sparte der Politik von Umwelt bis Soziales mit kinderfreundlichem Blick betrachtet. Fazit: Was den Kleinen nutzt, ist sowieso grün,
in: TAZ v. 07.06.

WEILAND, Severin (2001): Grüne entdecken die Familie.
Für einen Augenblick haben die Grünen ihre Flügelkämpfe beiseite gelegt: In einem Papier fordern Bundes- und Landespolitiker eine kindgerechte Politik - mit Familien als "Verantwortungsgemeinschaften" sowie kostenlosen Kitas und Ganztagsschulen,
in: TAZ v. 07.06.

PÖTTER, Bernhard (2001): Harte Politik, kein Kinderspiel.
Die Grünen sind auf dem Weg zu einer gerechteren Familienpolitik,
in: TAZ v. 07.06.

Die Grünen betreiben eine Romantisierung der Familienpolitik. Der Begriffswandel von der "Familienpolitik" zur "Kinderpolitik" soll einen Politikwechsel andeuten. Nicht mehr Frauen- oder Eheförderung, sondern Kinderförderung und damit die Lebensqualität von Kindern soll nach Severin WEILAND im Zentrum der neuen grünen Politik stehen.

Fragt sich nur, wie dies durchgesetzt werden soll. Wer kann verhindern, dass das Kindergeld nicht den Eltern, sondern den Kindern zugute kommt? Ein Kasten Bier mehr für den Familienvater, eine Flasche Champagner für die Mutter. Schließlich sind die Eltern die neuen Leistungsträger der Gesellschaft und das Kindergeld quasi Ersatzlohn!

Wie soll verhindert werden, dass die Kluft zwischen den benachteiligten Kindern - also den familienlosen Kindern sowie den ungewollten Kindern - und den besser gestellten Kindern fördernder Eltern nicht noch größer wird? Durch einen Kinderschutzbeauftragten wie Bernhard PÖTTER fordert?

Dagegen spricht die bürgerliche Privatreligion "Kind". Der Staat soll zwar die Familie fördern, aber gefälligst die Privatsphäre Familie unangetastet lassen, denn die Familie ist in romantischer Sicht das letzte Bollwerk gegen den globalen, digitalen Kapitalismus wie es Peter GLOTZ oder Michel HOUELLEBECQ formulieren.

Auch die demographische Entwicklung erfordert gemäß deutschem Mainstream mehr Kinder, um den Wohlstand der heutigen Erwachsenen zu sichern. Es erstaunt jedoch, dass selbst ostdeutsche Politiker fehlende Kinderbetreuungseinrichtungen für den Kindermangel verantwortlich machen. Gerade die neuen Bundesländer zeigen jedoch, dass sich Geburtenausfall und Vorhandensein von Kinderbetreuungseinrichtungen keineswegs ausschließen.
In Ostdeutschland mit seiner kinderfreundlichen Infrastruktur liegt die Geburtenrate gegenwärtig bei 1,1, während sie in Westdeutschland mit seiner kinderfeindlichen Infrastruktur bei 1,5 liegt.

Die Babyflaute muss also auch andere Ursachen haben, die sich nicht mit einer Familienpolitik für wohlhabende Großstadtyuppies mit Kinderwunsch (Die Stadtsoziologin Monika ALISCH hat hierfür den Begriff "Family-Gentrification" geprägt) aus der Welt schaffen lassen.

Die Schaffung sicherer, zukunftsfähiger Arbeitsplätze, mit denen sich Familien ernähren lassen, ist möglicherweise die bessere Familienpolitik. Eine Kindergrundsicherung ist dagegen das Eingeständnis, dass die Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik versagt hat.

LOHSE, Eckart (2001): Noch hat das schöne Papier vom Kinderparadies keine Flecken.
Über die Finanzierung ihrer Vorschläge beraten die jungen Grünen ein andermal,
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 07.06.

Eckart LOHSE vergleicht das Thesenpapier der Familiengrünen mit den "romantisierenden Zeilen" des Popstars Herbert GRÖNEMEYER ("Kinder an die Macht"). LOHSE spricht von einem "Formelkompromiss", der sowohl den Realos als auch dem linken Flügel gerecht wird. Der Preis dafür ist jedoch die Ausklammerung der Finanzierungsfrage.

MONATH, Hans (2001): Alternativ - und konservativ.
Die Grünen entdecken die Kinder - und versöhnen sich nebenbei mit sich selbst,
in: Tagesspiegel v. 08.06.

NIEJAHR, Elisabeth (2001): Ohne Familiensinn und Verstand.
Die staatliche Förderung von Kindern und Eltern wird chaotisch,
in: Die ZEIT Nr.25 v. 13.06.

KÖNIG, Jens (2001): Zwei gute Gründe Angst zu haben,
in: TAZ v. 10.07.

"Fischer hat seine Partei aufgefordert, mit fünf einfachen, plakativen Losungen in den Bundestagswahlkampf zu gehen: die Grünen als Partei der Energiewende, des Verbraucherschutzes, der Zuwanderung, der kinderfreundlichen Gesellschaft und als Europapartei."

Wer möchte nicht eine kinderfreundliche Gesellschaft? Aber wenn das heißt, dass dazu Familien und Generationen gegeneinander ausgespielt werden müssen, dann sollte dies misstrauisch machen. Die familienpolitische Wende der Grünen setzt auf die Polarisierung "Familien contra Singles" und nicht auf einen Familienbegriff, der allen Altersgruppen gerecht wird. Die Grünen bleiben damit familienpolitisch eine Ein-Generationenpartei.

HASELBERGER, Stephan (2001): Grüne wollen im Wahlkampf nicht die Partei der Familie sein.
Kerstin Müller: Kinder keine Klammer für Politik,
in: Welt v. 11.07.

Nach dem Imageverlust der Partei (siehe taz vom 10.07.2001) regt sich erster Widerstand gegen den geplanten Imagewandel der Grünen zur Familienpartei. Eine rein ablehnende Haltung wie jene von Kerstin Müller ist jedoch keine Lösung. Leerformeln wie "Grüne als Partei des sozialen Interessenausgleichs" helfen da kaum weiter.

Gefordert ist eine Programmatik, die nicht auf eine polarisierende Begrifflichkeit setzt (Familien- versus Single-Haushalte), sondern soziale Beziehungstypen, generationentypische Lebensläufe und alterstypische Lebensphasen berücksichtigt. Solange diese gesellschaftliche Debatte nicht geführt wird, werden die politischen Parteien ihre veralteten Familienbegriffe nicht aufgeben.

GASEROW, Vera (2001): Kopf oder Sonne.
Bei den Grünen knirscht es an vielen Ecken, und in der bundesweiten Rangskala ist nicht mal mehr Platz vier sicher,
in: Frankfurter Rundschau v. 12.07.

FRIED, Nico (2001): Ach, Kinder!
Führende Grüne wollen die Partei in der Familienpolitik profilieren - bislang ist das die einzige Gemeinsamkeit in dieser Frage,
in: Süddeutsche Zeitung v. 12.07.

MEISNER, Matthias & Hans MONATH (2001): Kinder, Kinder.
Die Grünen wollen mit neuem Programm erwachsener wirken. Und diskutieren über den Wert der Familie,
in: Tagesspiegel v. 16.07.

SCHLÜTER, Christian (2001): Verraten und verkauft.
Und das ist auch gut so: Bündnis 90/Die Grünen,
in: Frankfurter Rundschau v. 18.07.

FRIED, Nico & Christoph SCHWENNICKE (2001): "Die Grünen sterben nicht aus".
Joschka Fischer ist für seine Partei zuversichtlich - wenn sie nicht wieder einen Fehler à la Magdeburg macht. Der Außenminister über Gewalt in Genua, Wahlaussichten, Familienpolitik und seinen biografischen Horizont,
in: Süddeutsche Zeitung v. 28.07.

Joschka FISCHER über grüne Familienpolitik, Kinderlosigkeit und einen eventuellen Generationenkonflikt:

SZ: Die Grünen haben jetzt die Familienpolitik entdeckt. Allerdings gibt es da noch keine einhellige Meinung. Einige befürchten, dass durch die Orientierung auf die Bedürfnisse von Kindern die klassische Frauenpolitik zu kurz kommt.
            Fischer: Es geht um die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das ist keine ideologische Debatte, sondern gerade für viele junge Frauen die zentrale Frage der Gleichstellung der Geschlechter.
            SZ: In Ihrer Partei wird der Einwand erhoben, man benachteilige damit Frauen ohne Kinder.
            Fischer: Jede Frau und jeder Mann entscheidet allein, ob sie oder er Kinder will. Und es gibt zu respektierende Gründe, keine Kinder zu wollen. Diese Gründe achte ich, und ich würde mich sofort dagegen verwahren, wenn das diskriminatorisch eingesetzt würde. Es geht nicht darum, irgendjemandem seinen Lebensstil vorzuschreiben. Aber wer Kinder will, soll dafür gute Bedingungen vorfinden. (...) Flächendeckend Ganztagsschulen, das steht jetzt an.
            (...)
SZ: Herr Fischer, es gibt Deutungen, dass zum Beispiel hinter der Debatte um die Familienpolitik, die gerade von jungen Grünen vorangetrieben wird, auch ein Generationenkonflikt steckt...

            (...)
SZ: Gibt es nun einen Generationenkonflikt oder nicht?

            Fischer: Nein. Aber natürlich wird sich auch bei uns die Frage eines Generationswechsels stellen. Ich nehme an, in der nächsten Legislaturperiode wird das in den Vordergrund rücken.

VOLKHOLZ, Sybille (2002): Ein Sozialstaat muss aktivieren.
Das neue Grundsatzprogramm der Grünen setzt auf Eigenverantwortung. Wer das für neoliberal hält, kommt über eine anonyme Versorgungsgesellschaft nicht hinaus,
in: TAZ v. 19.02.

Sybille VOLKHOLZ, Abgeordnete der Grünen und eine Angehörige der 68er-Generation, verteidigt den aktivierenden Sozialstaat gegen die gesellschaftliche Randgruppe der Altlinken. Ihre Argumentation stammt weitgehend vom Generationsgenossen, dem Soziologen Ulrich BECK. Das familienpolitische Leistungsprinzip formuliert VOLKHOLZ mit einem Satz von Hannah ARENDT:

"Wer die Verantwortung für die Welt nicht mitübernehmen will, sollte keine Kinder zeugen und darf nicht mithelfen, Kinder zu erziehen."

Angesichts der Tatsache, dass heutzutage Kinderlose als Sozialschmarotzer diskreditiert und bevölkerungspolitische Maßnahmen zunehmend offensiver diskutiert werden, muss eine solche Aussage weltfremd erscheinen.

MONATH, Hans (2002): Alles andere als kinderleicht.
Der Plan der Grünen, Eltern über das Arbeitsamt zu fördern, ist gescheitert. Am Stellenwert der Familienpolitik soll sich nichts ändern

in: Tagesspiegel v. 27.02.

Der umtriebige Sozialrichter Jürgen BORCHERT war am Sonntag bei Sabine Christiansen und Hans MONATH bedauert, dass er zu wenig zu Wort kam. Solange die blinden Flecken von BORCHERT noch nicht publik geworden sind, umgibt den Sozialrichter ein Nimbus der Familienfreundlichkeit.

MONATH, Hans (2002): Grünen-Parteitag.
Kinder der Revolte - Revolte für Kinder
in: Tagesspiegel v. 18.03.

BUCHSTEINER, Jochen (2002): Die Grünen und das Quietsche-Entchen.
Warum Spitzenkandidat Fischer rechtzeitig zum Wahlkampf Familien-Politiker wurde,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 17.03.

"Als Familienvater ist Joseph Fischer nie in Erscheinung getreten (...). Der zum viertenmal verheiratete Fischer, der einen Sohn und eine Tochter aus zweiter Ehe hat, präsentiert sich lieber kinderlos, mal als frisch verliebter Gatte, mal als einsamer Wolf,"

beschreibt Jochen BUCHSTEINER Joschka FISCHERs öffentlichen Auftritt und fragt: "Wird sich das nun ändern?"

Frauen im gebärfähigen Alter gehören bei den Grünen zur dominanten Wählerklientel, verrät uns BUCHSTEINER ein offenes Geheimnis und fügt hinzu, dass am Samstag das Kapitel der grünen Kinderpolitiker ins neue Grundsatzprogramm aufgenommen wurde.

SCHWARZ, Patrik (2002): Mit Müttern in den Wahlkampf.
Der neue Trend bei den Grünen: Drei junge Mütter haben bereits aussichtsreiche Listenplätze für die Bundestagswahl. Das freut auch die alten Väter Kuhn und Fischer,
in: TAZ v. 15.04.

"Nach Männern, die stricken, und Frauen, die auf Männer pfeifen, befördert die grüne Partei eine neue gesellschaftliche Avantgarde in die Politik: Mütter, die stolz sind",

so lautet das Fazit von Patrick SCHWARZ mit Blick auf Baden-Württemberg. Dort hat die33-jährige Mutter eines zweijährigen Sohnes Kerstin ANDREAE

"mit ihrem Bekenntnis zur Mutterrolle aus dem Stand den sicheren Listenplatz 5 errungen und dabei die etablierte Außenpolitikerin Rita Griesshaber verdrängt."

Zusammen mit Ekin DELIGÖZ und Katrin GÖRING-ECKARDT gehört Kerstin ANDREAE nun zu den drei Vorzeigemüttern der Grünen.

SIEMS, Dorothea (2002): Grüne wollen mehr Kinderbetreuung.
Familienpolitik steht im Mittelpunkt des Wahlprogramms,
in: Welt v. 03.06.

MONATH, Hans (2004): Die Grünen - ungestraft.
Volkspartei im Szeneviertel,
in: Tagesspiegel v. 16.06.

Hans MONATH sieht im Modell Prenzlauer Berg das zukünftige urbane Modell Deutschland schlechthin und die Grünen sind jene Partei, die dieses Neue Deutschland repräsentierten. Den idealtypischen Grünen-Wähler beschreibt MONATH folgendermaßen:

"Vielleicht muss man sich die idealtypische Grünen-Wählerin als eine Frau mit Diplom, Laptop, Kinderwagen und Altbauwohnung vorstellen. Wie ihr Freund oder Mann hat sie einen ausgeprägten Sinn für soziale Gerechtigkeit und will ihrem Kind keine kaputte Umwelt hinterlassen. Was aber noch wichtiger ist: Die Grünen-Wählerin kann dank ihrer guten Bildung vom gesellschaftlichen Wandel profitieren – im Gegensatz zu Menschen mit niedrigerem Einkommen."

LEHMANN, Anna (2004): Am Elend vorbeifahren.
Die Grünen sind die Partei der gut Verdienenden. Das ist nicht überraschend. Um grün zu sein, braucht man Geld
in: TAZ v. 17.08.

WELT (2004): "Generationengerechtigkeit gibt es nicht".
Die neue Vorsitzende der Grünen Alten fordert von der Bevölkerungsgruppe 50 plus mehr Selbstverantwortung und Engagement - "Arbeit ist ein positives Elixier",
in: Welt v. 07.10.

BRUMLIK, Micha (2005): Die traurigen Grünen.
Seit Schröder die Ehe aufgekündigt hat, verhält sich die grüne Parteispitze manisch: Weiter so, lautet die Devise. Solche Realitätsleugnung führt in die totale Depression,
in: TAZ v. 11.06.

BRUMLIK kritisiert u.a. den Umgang der Grünen mit dem Thema Generationengerechtigkeit und das Schweigen in der unsäglichen Debatte ums Elterngeld:

"Der Frankfurter Philosoph Axel Honneth hat den Grünen vor Jahren auf einer viel beachteten Rede auf einem Parteitag nicht nur einen allzu willig aufgenommenen Begriff »erweiterter Gerechtigkeit« vorgeschlagen, sondern ihnen auch, was schnell verdrängt wurde, einen deutlichen Mangel an innerer Identität vorgehalten. Honneths Diagnose traf zu, seine Therapie wurde jedoch ausgeschlagen. Das wird zumal an der Art deutlich, wie die Partei mit dem epochalen Thema der »Generationengerechtigkeit« umgesprungen ist. So wurde das unabwendbare demografische Schrumpfen der Gesellschaft als Totschlagargument gegen jede noch so behutsame keynesianische Politik missbraucht. »Generationengerechtigkeit« schien die Grünen vom Problem der Verteilungsgerechtigkeit, das man eben nicht getrost der vom Brioni-Kanzler gekaperten SPD überlassen durfte, zu entlasten. Übersehen wurde, dass »Generationengerechtigkeit« in einer auf Verteilungsungerechtigkeit beruhenden Gesellschaft die Chancenungleichheit nur in alle Zukunft fortschreibt und damit den gesellschaftlichen Frieden gefährdet. Verteilungsgerechtigkeit ist gewiss nicht alles, aber ohne Verteilungsgerechtigkeit ist alles nichts.
      
  Der Tiefpunkt einer unüberlegten und opportunistischen Politik der Generationen war indes erreicht, als ein nicht anders als sozialdarwinistisch zu bezeichnender Vorschlag durch die Presse ging: nämlich die von Familienministerin Renate Schmidt propagierte Idee eines einkommensabhängigen Kindergeldes, das die Gebärfreudigkeit von Akademikerinnen steigern soll, um damit die relativ höhere Fruchtbarkeit ungebildeter Armer auszugleichen. Im Endeffekt läuft dieser Vorschlag auf nichts anderes als auf die politische Beglaubigung hinaus, dass Kinder so genannter Besserverdienender wertvoller sind als die der Armen. Von grünen ZukunftspolitikerInnen jedenfalls war dazu nichts zu hören."

SIRLESCHTOV, Antje (2006): "Nur Luftschlösser".
Grünen-Fraktionschefin Künast über die Familienpolitik der großen Koalition – und Teletubbie-Deutsch,
in: Tagesspiegel v. 19.01.

Renate KÜNAST stimmt mit der schwarz-roten Bevölkerungspolitik prinzipiell überein,  würde aber andere Prioritäten setzen. Der Ausbau der staatlichen Kinderbetreuung steht für sie an erster Stelle.

SCHMITT, Cosima (2006): Grüne ringen um die Hausfrau am Herd.
Sich von konservativer Familienpolitik abzusetzen ist für die Oppositionspartei gar nicht so leicht,
in: TAZ v. 16.02.

MONATH, Hans (2006): "Die Politik soll in die Hocke gehen".
Die Grünen fordern einen Perspektivwechsel: Rechte von Kindern sollen in den Mittelpunkt rücken,
in: Tagesspiegel v. 19.07.

Hans MONATH berichtet über Vorschläge der Kinderkommission der Grünen: "Nach dem Willen der Grünen sollen Kinder vom ersten Lebensjahr an einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz erhalten, die Betreuung soll bis zum 12. Lebensjahr kostenfrei sein. Zur Finanzierung schlägt die Kommission vor, das Ehegattensplitting abzuschmelzen und die frei werdenden Mittel in Höhe von fünf Milliarden Euro jährlich in den Ausbau der Kinderbetreuung zu investieren."

SEELIGER, Julia (2006): Wie wir wirklich leben und lieben.
Julia Seeliger ist das jüngste Mitglied im Parteirat der Grünen. Hier erläutert sie die Parole, die sie berühmt machte und berüchtigt: "Monogamie ist keine Lösung",
in: Welt am Sonntag v. 17.12.

WEHNER, Markus (2007): "Jetzt nähern wir uns der Familie".
Renate Künast über neues Denken bei den Grünen, putzige Muttis und Traummänner im Kabinett,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 07.01.

"Für uns ist Familie dort, wo Eltern für Kinder und Kinder für Eltern Verantwortung übernehmen",

sagte CDU-Generalsekretär POFALLA einen Tag zuvor. Nun heißt es von der Grünen-Fraktionschefin KÜNAST:

"Familie ist der Ort, an dem dauerhaft und verbindlich Verantwortung übernommen wird."

Dies könnte ein Vorgeschmack auf einen kommenden schwarz-grünen Konsens sein, der sich bereits im Jahr 2001 abzuzeichnen begann. Neu ist jedoch, dass bei den Grünen die Multilokale Mehrgenerationenfamilie entdeckt wird:

"Die kleine Familie übernimmt Verantwortung, für Kinder, aber auch für die alten Eltern, ohne dass man räumlich zusammen wohnt."

Die Nichtberücksichtigung haushaltsübergreifender Sozialbeziehungen war einer der Hauptkritikpunkte von single-dasein.de - nicht nur - am 2001er-Familienkonzept der Grünen.

EUBEL, Cordula (2007): Grüne entdecken die Familie.
Die Beschränkung auf Teilbereiche wie Kinderarmut soll ein Ende haben, die Betreuung ausgebaut werden,
in: Tagesspiegel v. 08.01.
 

OESTREICH, Heide (2007): Was keimt denn da?
Nun wollen auch die Grünen ihr Programm stärker auf Familien ausrichten. Wie bitte passt das zu einer Partei, die einst für einen radikalen Bruch mit der patriarchalen Kleinfamilie eintrat?
in: TAZ v. 11.01.

 
       
   

Die Grünen der Generation Golf

 
       
   

DELIGÖZ, Ekin

MEISNER, Matthias (2001): "Mit einfacher Umverteilung ist nichts zu erreichen".
Wie Grünen- Politikerin Armut verhüten möchte,
in: Tagesspiegel v. 18.04.

BRUHNS, Meike (2001): Politik aus dem Bauch.
Eine KINDERPARTEI sind die Grünen schon längst, sagt deren Bundestagsabgeordnete Ekin Deligöz, 30. Einige wollen es nur nicht wahrhaben,
in: Max v. 09.08.

Meike BRUHNS porträtiert Ekin DELIGÖZ, die sich für Max als "hochschwangere Sonnenblume im Roggenfeld" ablichten ließ. Ihre Begründung:

"Ich finde meinen Bauch wunderschön, deshalb sollen ihn ruhig alle sehen".

In der Popmoderne unterliegen eben auch Politiker den Gesetzen des Pop. Die Grünen Claudia ROTH und Kerstin MÜLLER lehnen den Primat der Kinderpolitik ab. Ihre Ablehnung wird jedoch nicht als politischer Standpunkt anerkannt, sondern als persönliches Problem abgetan:

"»Die fühlen sich bei dem Wort Kinder gleich in ihrem Lebensentwurf angegriffen.« Die nächste Generation, so Deligöz, könne aber nicht einsehen, dass nicht beides möglich sein soll: Kinder und Karriere."

DELIGÖZ wird dagegen als Politikerin vorgestellt, die als Vorbild die geforderte Familie auch lebt:

"Sie selbst hat ihr Leben bereits familienfreundlich organisiert. Ehemann Heinz-Jürgen, 29, ist nach Berlin gezogen und hat unweit ihrer Wohnung in Prenzlauer Berg die Kneipe 'Oscars' miteröffnet. So kann er sich tagsüber, wenn sie im Bundestag hockt, um seinen frisch geborenen Sohn kümmern."

Ist DELIGÖZ also auf dem Weg zum Familien-Popstar der Partei?

GASEROW, Vera (2004): "Entwurf zur Pflege ändern".
Grüne Abgeordnete stimmen Schmidts Plänen unter Vorbehalt zu,
in: Frankfurter Rundschau v. 03.09.

Die kinderpolitische Sprecherin der Grünen, Ekin DELIGÖZ kritisiert den Entwurf zur Pflege: "Die Einwände der Grünen richteten sich nicht gegen die Entlastung von Eltern, betonte deren kinderpolitische Sprecherin, Ekin Deligöz, gegenüber der FR. Die Regelungen (...) seien jedoch »familienpolitisch nur sehr schwer vermittelbar«.
Nach den Gesetzesplänen würden zum Beispiel auch Väter dauerhaft in der Pflegeversicherung begünstigt, die sich als Erzeuger wider Willen nie um ihre Kinder gekümmert hätten. Auch würden Eltern, deren Kinder unmittelbar nach der Geburt gestorben seien, für alle Zukunft in der Pflegeversicherung entlastet. Das sei jedoch nicht die Intention des Verfassungsgerichtsurteils, meinte Deligöz: »Es ging darum, die aktive Erziehungsleistung von Eltern zu honorieren und nicht die Zeugungsleistung.«"

DURAK, Elke (2007): Grünen-Politikerin hält Familienbild der CDU für überholt.
Ekin Deligöz: Christdemokraten sollten zu ihren Zielen stehen,
in: DeutschlandRadio v. 09.01.

SZ-Thema: Kinder, Kinder - keine Ausreden

DELIGÖZ, Ekin (2009): Politik für Kinder.
Die Debatte zur Familienpolitik geht an wichtigen Fragen vorbei,
in: Süddeutsche
Zeitung v. 07.08.

BREKER, Gerd (2010): "Komplett an den Wünschen der Eltern vorbei".
Im Gespräch: Grünen-Familienexpertin Ekin Deligöz lehnt Betreuungsgeld ab,
in: DeutschlandRadio v. 30.12.

 
       
   

GÖRING-ECKARDT, Katrin

SCHMITZ, Heinz (2001): "Weniger Rentenbeiträge für Eltern",
in:
Handelsblatt v. 05.04.

KÖNIG, Jens (2001): "Kein Krieg gegen Singles",
in:
TAZ v. 29.05.

SCHUMACHER, Oliver & Nico FRIED (2002): "Wir müssen Eltern aus der Schmuddelecke holen".
SZ-Interview mit Katrin Göring-Eckardt. Die Grünen-Politikerin über die Initiative ihrer Partei für Familien, bessere Kinderbetreuung - und die Kosten,
in: Süddeutsche Zeitung v. 01.03.

GÖRING-ECKARDT, Katrin (2002): Eltern wollen Wahlfreiheit.
Die Gesellschaft muss allerdings dafür sorgen, dass Mütter und Väter ihre Kinder so erziehen, wie sie es für richtig halten, wie sie es können, wie es ihnen möglich ist
in: Welt v. 03.06.

Die grüne Kinderpolitikerin reagiert auf einen Artikel von Konrad ADAM in der Welt vom 15.05.2002.

BUCHSTEINER, Jochen (2002): Maßvoll aber flexibel.
Göring-Eckardt will Ehegattensplitting abbauen,
in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung v. 06.10.

ULRICH, Bernd (2002): Auf dem Schleichweg zur Macht.
Katrin Göring-Eckardt könnte der Prototyp der neuen Grünen-Generation sein - morgen soll sie neben Krista Sager neue Fraktionschefin werden,
in: Tagesspiegel v. 15.10.

NAUMANN, Julia & Lisa ARNS (2002): "Joschkas Mädchen" führen die Grünen-Fraktion.
Sager und Göring-Eckardt gelten als treue Parteigängerinnen des grünen Fürsten - Beide haben Realo-Erfahrung,
in: Saarbrücker  Zeitung v. 17.10.

BÖHME, Christian/MONATH, Hans/SIRLESCHTOV, Antje (2003): Wie will Rot-Grün das noch schaffen, Frau Göring-Eckardt?
Die Grünen-Fraktionschefin über Reformen, Rentner - und die Amerikaner,
in: Tagesspiegel v. 16.02.

Die Kinderpolitikerin GÖRING-ECKARDT verkündet die aktuelle Leitlinie der Grünenfraktion zur Rentenreform: "Aufgrund der dramatischen demographischen Veränderungen reicht das bisherige Rentensystem nicht mehr, um ein sorgenfreies Leben im Alter zu sichern. Wir brauchen einen höheren Anteil Privatvorsorge und das Einsehen der jetzigen Rentner, dass dieser Prozess an ihnen nicht spurlos vorbeigehen wird. Wir müssen den Rentenbeitrag kurzfristig wieder senken. Der Beitrag zur Rentenversicherung muss bis zum Ende der Legislaturperiode unter 19 Prozent sinken. Das ist das Ziel. Und er muss in den nächsten 30 Jahren deutlich unter 20 Prozent bleiben".

BORNHÖFT, Petra & Dirk KURBJUWEIT (2003): "Ich kann Strümpfe stricken".
Katrin Göring-Eckardt, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, über den Kampf der Generationen, die Zeit nach Joschka Fischer und die kommenden Reformen,
in: Spiegel Nr.26 v. 23.06.

MONATH, Hans (2003): "Die Union will einen anderen Sozialstaat".
Grünen-Fraktionschefin Göring-Eckardt warnt vor deren Plänen - und nennt manche Äußerung aus der SPD grotesk,
in: Tagesspiegel 13.10.

KÖNIG, Jens/LANG, Susanne/UNFRIED, Peter (2004): "Etwas Großartigeres als Kinder gibt es nicht".
Katrin Göring-Eckardt hat den Grünen das Thema Familie beschert. Privat wohnt die Grüne Fraktionsvorsitzende mit Mann und Kindern in einem Häuschen, glaubt an Gott und baut Ikea auf. Lebt sie konservativ - oder progressiv?
in: TAZ v. 15.04.

Auf der ersten Seite wird ein "ungewöhnliches taz-Gespräch" angekündigt. Was dann kommt, ist nichts anderes als Katrin GÖRING-ECKARDT (wird als jene angepriesen, die 2001 die Umwandlung der Grünen von der Single- zur Familienpartei initiierte. Mit dem grünen Müttermanifest von 1984 war dagegen nur die Umwandlung zur Kinderpartei vollzogen worden!). Einen bestechenden Vorteil hat diese Sprecherin der Generation Golf: Sie holt endlich die gelebte Praxis der Neuen Mitte auf die kommunikative Ebene. Die Ex-Linken haben sich spätestens seit Anfang der 1990er Jahre mit der Lebenslüge eingerichtet, dass sie in einer "Single-Gesellschaft" leben.

Der Bestseller Das ganz normale Chaos der Liebe  von BECK/GERNSHEIM war das erste  erfolgreiche wertkonservative Pamphlet dieser Neuen Mitte. Der Trick dabei: es basierte auf einer "katholischen" Statistik! Im Thema des Monats Mai wird dies näher begründet werden. Die Konformisten des Andersseins sind mit GÖRING-ECKARDT also nur bei sich angekommen. Sie dürfen jetzt endlich uncool und spießig sein und das sogar sagen! Was jetzt als "konservativer Schub" gefeiert wird, findet also nur noch auf der verbalen Ebene statt. Frank SCHIRRMACHER dürfte sich freuen, denn die schwarz-grüne Koalition wird im Interview bereits vorweggenommen. Die CDU und ihre ehemalige Familienministerdarstellerin Katharina REICHE wird von GÖRING-ECKARDT lässig rechts überholt:

"Sie sind verheiratet?
Ja.
Warum?
Um den göttlichen Beistand zu erhalten. Weil ich glaube, dass man eine Partnerschaft nicht alleine schafft, wenn überhaupt."

Dies wird selbst von der CSU und Markus SÖDER schwer zu toppen sein! Weil man nicht nur wertkonservativ, sondern auch progressiv sein will, bekennt man sich auch gleich noch zur Privatschule und zur Putzhilfe. Damit beendet GÖRING-ECKARDT jene Doppelmoral, die z.B. Bodo MORSHÄUSER 1993 den linken Gutmenschen vorgeworfen hat:

"Ein Beispiel ist das Paar um die Vierzig, das sich überlegt, auf welche Schule es seine Tochter schickt. Die nahe gelegene Schule hat einen hohen Ausländeranteil. Eine weiter entfernte hat fast nur deutsche Schüler. Die linksliberalen Eltern entscheiden sich für die Schule, die weiter weg liegt und hauptsächlich von deutschen Schülern besucht wird. Da sie »im Grunde«, wie sei sagen, für eine multikulturelle Gesellschaft »eintreten«, haben sie im Gegenzug eine afrikanische Putzfrau eingestellt." (Warten auf den Führer, S.104)

Ach ja, mit dem hohen Ausländeranteil an staatlichen Schulen hat GÖRING-ECKARDT ihre Entscheidung gegen staatliche Schulen natürlich nicht begründet, so weit ist man nun doch noch nicht. Wir warten jetzt eigentlich nur noch darauf, dass die taz endlich auch das Plädoyer für eine aktive Bevölkerungspolitik auf ihre Agenda setzt! Die Jubiläumsausgabe am 17. April wäre doch die richtige Gelegenheit...

GÖRING-ECKARDT, Katrin (2004): Das Zuwanderungsgesetz - eine endliche Geschichte.
Für Konservative wie für die Grünen bedeutete der lange Marsch des Gesetzes durch die parlamentarischen Instanzen ein Abschied von Lebenslügen,
in: Welt am Sonntag v. 20.06.

GÖRING-ECKARDT, Katrin (2005): Vererbte Chancenlosigkeit.
Eine Million Kinder in Armut sind zu viel,
in: Tagesspiegel v. 01.03.

GÖRING-ECKARDT, Katrin (2005): Wir sind die Wertepartei.
Katrin Göring-Eckardt fordert die Grünen auf, offen für neue Bündnisse zu sein - aber den Materialismus von Freien Demokraten und Linkspartei zu bekämpfen,
in: Welt am Sonntag v. 27.11.

Wo wir sind, ist oben, denkt sich Katrin GÖRING-ECKARDT und baut für die Zukunft vor:

"In einer Koalition mit der CDU wären die Grünen sozusagen die »linke Stimme«, sie stünden für das soziale Gewissen ebenso wie für eine ökologische Wachstumsskepsis und die politische Gestaltung der Globalisierung. Diese Themen wären gegenüber dem neoliberalen Flügel der Union wachzuhalten.
          
In einer Koalition mit der SPD würde sich die Rolle der Grünen anders darstellen: Hier müßten die Grünen stärker die Werte bürgerlicher Milieus vertreten und der sozialdemokratischen Staatsgläubigkeit mit der Tendenz zum Egalitarismus entgegentreten. Zivilgesellschaftliches Engagement, individuelle Freiheiten, Zugang zu Bildung und Erziehung wären Themen, mit denen sich die Grünen hier profilieren könnten."

GÖRING-ECKHARDT, Katrin (2005): Ein Jahr Elterngeld - und dann?
Mehr Betreuungsplätze sind wichtiger als zeitlich begrenzte Hilfe,
in: Tagesspiegel v. 08.12.

GÖRING-ECKARDT, Katrin (2006): Keine Kinder, große Sorgen.
Weder Geld noch Gebete steigern die Geburtenrate,
in:  Tagesspiegel v. 24.03.

GÖRING-ECKARDT ist ganz Politikerin, d.h. sie tritt den falschen Zahlen über die Geburtenrate nicht wirklich entgegen, sondern nutzt den Alarmismus, um sich selber ins rechte Licht zu setzen. Man muss schon so dreist lügen wie Christoph KEESE, um überhaupt halbherzigen Widerspruch zu ernten:

"Der »Babynotstand« ist ausgebrochen! Ganz klar: Schuld sind die bösen Karrierefrauen. Wer redet eigentlich über die größere Zahl von Männern, die keine Kinder bekommen und von den Vätern, die es den Müttern ihrer Kinder nicht gerade leicht machen, Beruf und Familie zu verbinden?
          
Und wie kann man bloß zu der Behauptung kommen, dass »wir« – die Menschen meiner Generation – mehrheitlich keine Kinder wollen? Ich kenne viele Frauen und Männer, die sich Kinder wünschen."

Kennt die Grünen-Politikerin die Zahlen nicht, weil sie - wie jeder schlechte Journalist - auf ihr eigenes soziales Milieu verweist, um einen Trend zu belegen? Vielleicht sind die Grünen auch schon so borniert, dass sie sowieso nur noch ihr eigenes Milieu politisch vertreten wollen?

WIRNER, Stefan (2003): KGE geht aufs Ganze.
Mal kurz durchatmen? Nicht mit den Grünen! Die Mehrheit der Partei unterstützt die Agenda 2010. Der Fraktionsvorsitzenden Katrin Göring-Eckardt kann der Sozialabbau gar nicht schnell genug gehen,
in: Jungle World Nr.24 v. 04.06.

KOUFEN, Katharina (2007): "Es gibt keinen neuen Flügel bei den Grünen".
Katrin Göring-Eckardt fordert mehr Familienwerte im Parteiprogramm, sieht sich aber nicht als eine Spalterin,
in: TAZ v. 10.01.

HILDEBRANDT, Tina & Elisabeth NIEJAHR (2007): "Typisch Ursula von der Leyen".
Die Familienministerin hat nur die Mittelschicht im Blick, doch die meiste Hilfe brauchen die Armen, sagt Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt. Ein Interview,
in: Die ZEIT Nr.11 v. 08.03.

"DIE ZEIT: Frau Göring-Eckardt, kennen Sie persönlich einen Armen?
Katrin Göring-Eckardt: Mehr als einen, ja. Eine Freundin von mir zum Beispiel ist Künstlerin.
"

OSTERMANN, Hanns (2007): Göring-Eckardt: Bund soll Kinderbetreuungskarte finanzieren.
Grünen-Politikerin für bundesweit einheitliche Lösung,
in: DeutschlandRadio v. 22.06.

 
       
   

MÜLLER, Klaus

WILLE, Joachim (2001): "Wir halten eisern an weiteren Ökosteuer-Schritten fest".
Der schleswig-holsteinische Umweltminister Klaus Müller über die Grünen als Partei, die nicht kuscht, sondern die Zukunft der Kinder plant,
in: Frankfurter Rundschau v. 28.05.

 
       
   

Der Fürsprecher

 
       
   

Kuhn, Fritz

BRUNS, Tissy & Stephan HASELBERGER (2001): Ab in die Mitte,
in: Welt v. 16.05.

"DIE WELT: In der Grünen-Spitze sind Sie der Einzige, der Kinder hat.
Kuhn: Es gibt eine ganze Reihe profilierter Grüner mit Kindern. Ich will aber, dass in der Partei auch diejenigen für Kinder einstehen, die selbst keine haben. Wir müssen die Spaltung der Gesellschaft in Eltern und Kinderlose überwinden, wenn Deutschland kinderfreundlicher werden soll."

Fritz KUHN geht von einem Kinderlosen-Begriff aus, der an der Realität dieser Gesellschaft vorbeigeht. Wer nur Haushalte mit Kindern als Familien ansieht, der schafft erst die Spaltung der Gesellschaft in Eltern und Kinderlose, die in dieser Weise gar nicht vorhanden ist.

Familie wird heutzutage mehrheitlich als multilokale Mehrgenerationen-Familie gelebt. Wer dies ignoriert, der möchte "böse" Eltern, deren Kinder aus dem Haus ausgezogen sind oder vorzeitig gestorben sind (Haushalte ohne Kinder) gegen "gute" Eltern, die mit ihren Kindern zusammenleben (Haushalte mit Kindern) ausspielen. KUHN möchte keine Pluralität der Familienformen, sondern Familien im Sinne der "50er-Jahre-Familienidylle".

KUHN möchte den Begriff der "Nachhaltigkeit" in die Familienpolitik einführen. Dies ist aber nur ein weiterer Schritt zur Verdinglichung von Kindern. Haben die traditionellen Parteien die Kinder schon zum gesellschaftlichen Leistungsträger stilisiert, was den ökonomisch denkenden "Homo Oeconomicus" voraussetzt und das Kind analog zum "Arbeitnehmer" auffasst, so wollen die Grünen Kinder nun als eine neue Art von "nachwachsenden Rohstoffen" ansehen. Dies setzt den "Homo oecologicus" voraus, der Kinder als Produkt auffasst, das dem Ressourcenmanagement zu unterwerfen ist. Weit und breit ist keine Partei sichtbar, die sich für Kinder "um der Kinder willen" einsetzt. Sie sind Mittel zum Zweck: Entweder zur Wohlstandssicherung der Rentner oder als potentielle Arbeitsmarktteilnehmer.

HASELBERGER, Stephan (2001): Kuhn: Wir sind die Kinderpartei.
Der Grünen-Vorsitzende ruft zur Mäßigung bei der Debatte über das neue Grundsatzprogramm,
in: Welt v. 14.07.

ZYLKA, Regine (2002): "Kinderpolitik wird für uns oberste Priorität haben".
Grünen-Chef Kuhn fordert bis zu sieben Milliarden Euro für Kindergärten und Ganztagsschulen,
in: Berliner Zeitung v. 12.03.

Regine ZYLKA hat den Grünen Fritz KUHN wohl zwischen zwei Ausschusssitzungen interviewt und KUHN nutzte die Gelegenheit um einen zitatverdächtigen Satz zum Besten zu geben:

"Ich will in einem Land wohnen, in dem lebensfeindliche Spießer, die gegen Kinderlärm klagen, ausgelacht werden. Eine solche Kultur gibt es bislang nicht."

Widerrede wird da sicher gar nicht erst aufkommen (siehe GRUNER "Frauen und Kinder zuerst"), aber die Hoheit über die Stammtische lässt sich mit solch einem Satz mühelos erreichen. Mitte der 1960er Jahre hieß es hierzulande auf Schildern: "Auf dem Rasen spielen verboten!" Dennoch wuchsen damals die geburtenstarken Jahrgänge heran.

Die Argumente, mit denen heute die "kinderfeindliche Gesellschaft" beklagt wird, finden sich bereits in der familienpolitischen Debatte Anfang der 1960er Jahre, z.B. in dem Buch Gebrannte Kinder von Richard KAUFMANN. Seit dieser Zeit ist der haushaltstechnische Begriff "Kinderloser" noch weiter von den familialen Lebensverhältnissen entfernt als damals.

Das gemeinsame Sorgerecht macht so manchen Elternteil zum Teilzeit-Kinderlosen. Und schwangere Frauen vor ihrer ersten Geburt sind zwar gemäß der Diktion von Herrn KUHN Kinderlose, aber ihr Alltag dürfte kinderfixierter sein als jener vom Teilzeit-Vater KUHN, der sich in schallgeschütze, kinderfreie Ausschusssitzungssäle verabschieden kann.

 
       
   

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Bernd Kittlaus
webmaster@single-generation.de Erstellt: 28. Mai 2001
Update: 27. Januar 2017