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Thema des Monats

 
       
   

Generationenforschung

 
       
   

Ein Überblick über die aktuelle Generationenforschung anhand des Sammelbandes Generationen, herausgegeben von Marc Szydlik und Harald Kühnemund. 

 
       
     
       
   
     
 

Einführung

Im November 2000 beschäftigte sich single-dasein.de zum ersten Mal intensiver mit der Generationendebatte. In einem Einführungsbeitrag, der auch ein Ausgangspunkt der Entstehung dieser Website im Jahr 2002 war, wurde auf die damalige Popularität des Generationenbegriffs in Medien und Wissenschaft hingewiesen . Im Jahr 2002 erschien der Sammelband Generationen in Familie und Gesellschaft, herausgegeben von Martin KOHLI und Marc SZYDLIK . In ihrer Einleitung sprachen die beiden Soziologen von einer "Generationenettikierungswut", die Journalisten und Soziologen ergriffen habe. Damals hatte die heftige Debatte um den demografischen Wandel gerade begonnen, die im Jahr 2006 ihren Höhepunkt erreichte , um seitdem - zumindest in der Öffentlichkeit - wieder etwas in den Hintergrund zu treten. In diesem gesellschaftspolitischen Kontext muss die Kontroverse gesehen werden, die sich um den Begriff "Generation" rankte. Die Herausgeber sahen die begrifflichen Probleme damals weniger auf dem Felde der familialen, sondern vielmehr auf dem Felde der gesellschaftlichen Generationen.

Einleitung

"Wie kontrovers das Thema ist, wird daran deutlich, daß von der einen Seite ein »Krieg der Generationen« heraufbeschworen wird, während andernorts von einer »neuen Solidarität der Generationen« die Rede ist. (...).
Daß der Begriff »Generation« im Feld der Familie ganz andere Sachverhalte anspricht als im Feld der Gesellschaft, ist inzwischen hinreichend deutlich geworden; die Forschung hat sich denn auch in den letzten Jahrzehnten entsprechend ausdifferenziert."
(2002, S.7)

Der Sammelband Generationen in Familie und Gesellschaft trug viel dazu bei den »Krieg der Generationen« zu relativieren. Die einzelnen Buchkapitel Gesellschaft - Familie - Verbindungen spiegelten zum einen die beiden Bedeutungen des Generationenbegriffs wieder und zum anderen den thematischen Schwerpunkt, der auf die Verbindungen zwischen den Generationenkonzepten gelegt wurde . Der Sammelband Generationen, herausgegeben von Marc SZYDLIK & Harald KÜHNEMUND, knüpft sowohl konzeptionell als auch thematisch an den Band aus dem Jahr 2002 an, legt den Schwerpunkt jedoch auf die Multidisziplinarität der Generationenforschung. Der Band spiegelt damit auch einen Wandel des Selbstverständnisses der Soziologen wieder. Es ist ein Abschied von der Leitwissenschaft, die Martin KOHLI in seiner Schlussbetrachtung auf den Punkt bringt.

Ungleichheit, Konflikt und Integration

"Entgegen einer einst verbreiteten Fremd- und Selbstbeschreibung ist die Soziologie nicht für alles zuständig. Sie ist auch nicht der transdisziplinäre Schlüssel zu allen human- oder auch nur sozialwissenschaftlichen Problemfeldern. Sie teilt, wie dieser Band zeigt, das Generationenthema mit einer ganzen Reihe anderer Disziplinen. Aber gerade bei diesem Thema sind einige der grundlegenden Konzepte und Theorien in der Tat im Rahmen der Soziologie ausgearbeitet worden, und dieser Ursprung ist auch heute noch spürbar."
(2009, S.229)

Dieses neue soziologische Selbstverständnis der Nach-68er hatte der prominente Soziologe Heinz BUDE im Vorfeld des 33. Deutschen Soziologentages über die Natur der Gesellschaft (2006) in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung formuliert . Die neue Bescheidenheit hinsichtlich der Zuständigkeit der Soziologie geht einher mit einer größeren gesellschaftlichen Akzeptanz, wie zuletzt die Berufung des Soziologen Norbert F. SCHNEIDER zum neuen Direktor des Instituts für Bevölkerungsforschung gezeigt hat.

Der von SZYDKLIK & KÜHNEMUND herausgegebene Sammelband Generationen gibt einen hervorragenden Überblick über das weite Feld der Generationenforschung. In dieser Rezension wird der Schwerpunkt auf den Zusammenhang zwischen demografischem Wandel und gesellschaftlichen Generationen gelegt, denn dieser Aspekt ist heute noch genauso umstritten wie zu Beginn dieses Jahrtausends.

Aufstand der Jungen oder Aufstand der Alten? Warum einfache Fragen nicht weiterführend sind

"Die Jungen werden verschaukelt"

"Yvonne Globert: Sie haben an Ihrem Buch vor Einbruch der Finanzkrise gearbeitet. Hätten Sie es mit dem Wissen von heute anders geschrieben?
Wolfgang Gründinger: Im Prinzip hätte ich es etwa genauso geschrieben, aber wohl noch stärker die Kapitaldeckung bei der Rentenversicherung kritisiert - ich möchte nicht wissen, wie viele Leute darauf gebaut haben, über den Kapitalmarkt ihre Altersvorsorge zu sichern, und wie viele jetzt mit leeren Taschen dastehen."
(Frankfurter Rundschau vom 14.04.2009)

Vor kurzem ist das Buch Aufstand der Jungen von Wolfgang GRÜNDINGER erschienen. Das Buch ist gut platziert gewesen im Vorfeld des kommenden Bundestagswahlkampfes. Wäre nicht die Finanz- und Wirtschaftskrise dazwischen gekommen, dem Buch wäre große mediale Aufmerksamkeit sicher gewesen. Was jedoch bemerkenswert ist: Ein Angehöriger der jungen Elite sieht die Umstellung der Rentenversicherung auf die Kapitaldeckung kritisch. Die in den Medien lange Zeit populäre Absatzbewegung von der Umlagefinanzierten Rentenversicherung ist zumindest momentan gestoppt. Für den Soziologen Martin KOHLI ist der öffentliche Generationenvertrag in der Bevölkerung populärer als in den Medien.

Ungleichheit, Konflikt und Integration

"Das Ergebnis ist eindeutig: Ein Bewusstsein für Generationenkonflikte ist in der Bevölkerung - anders als in vielen Medien - nicht gegeben. Der öffentliche Generationenvertrag bleibt durch alle Altersgruppen hindurch hoch populär."
(2009, S.235)

Für KOHLI ist ein "Aufstand der Alten" wahrscheinlicher als ein Aufstand der Jungen, der gerne von den Verfechtern der privaten Altersvorsorge beschworen wird. Davon abgesehen gibt es jedoch mehr offene Fragen als Gewissheiten hinsichtlich Verlierer und Gewinner der gegenwärtigen gesellschaftlichen Entwicklungen. KOHLI macht in seinem Beitrag zur Bedeutung des Generationenkonzeptes für die Soziologie auf die Problematik des gesellschaftlichen Generationenbegriffs aufmerksam. Er plädiert aufgrund der Abgrenzungsprobleme bei historischen Generationen dafür das Augenmerk weniger auf Generationen als auf Generationseinheiten zu richten.

Ungleichheit, Konflikt und Integration

"Möglicherweise ist die Suche nach hoch aggregierten, alles umgreifendenden Generationszusammenhängen in den meisten Fällen zum Scheitern verurteilt, so dass die Ansprüche tiefer gehängt werden sollten; es müsste eher darum gehen, bereichs- und themenspezifische generationale Lagerungen zu identifizieren und ihre Überlagerung durch Lebenslaufstrukturen sowie ihre Reichweite im Hinblick auf spezifische soziale Gruppen zu klären. Mannheims bisher wenig ausgeschöpfter Begriff der »Generationseinheiten« könnte dafür einen Ausgangspunkt bieten."
(2009, S.232)

Was es bedeuten könnte, den Begriff "Generationseinheiten" zum Ausgangspunkt von Analysen zu machen, das wurde auf dieser Website im Jahr 2002 anhand der Generation Golf in der Jobkrise aufgezeigt . In der aufschlussreichen literaturwissenschaftlichen Studie Generation Golf: Die Diagnose als Symptom hat Tom KARASSEK ebenfalls auf diesen Aspekt aufmerksam gemacht.

Generation Golf: Die Diagnose als Symptom

"Legt man diesen Generationenbegriff Karl Mannheims zugrunde, ließe sich Generation Golf allenfalls als Dokument eines Vertreters einer Generationseinheit verstehen, der seine Sicht auf die Welt im ironischen Modus generalisiert und damit auf die anderen Generationseinheiten ausdehnt. Doch verdeutlicht die auffällige Absenz gesellschaftlicher Großereignisse in Generation Golf (die deutsche Wiedervereinigung ist wenige Zeilen wert und thematisiert bloß die Stillosigkeit der Ostdeutschen), dass der Generationenbegriff eine andere Bedeutung trägt."
(2008, S.141)

Skepsis äußert KOHLI auch, wenn manche Autoren wie Franz-Xaver KAUFMANN den Generationenkonflikt als alternative Konfliktlinie zu Klasse oder Schicht behandeln. Stattdessen fordert er die Aufmerksamkeit auf ihre Interaktionen zu legen. Es stellt sich dann zum einen die Frage, ob intergenerationale Konflikte (Generationenkonflikte) tatsächlich intragenerationale (Klasse, Schicht, Milieu) verdrängt haben. Zum anderen übersetzen sich Strukturkonflikte nicht einfach in politische Konflikte, sondern es müssen dabei institutionelle Aspekte berücksichtigt werden.

Ungleichheit, Konflikt und Integration

"Bei der Frage, ob und wie aus ungleichen Lebenslagen - sei es zwischen Generationen oder Klassen (oder anderen Dimensionen) - reale soziale Konflikte entstehen, geht es um zwei spiegelbildliche Prozesse: Mobilisierung und Integration. Eine rein sozialstrukturelle oder sozio-kulturelle Betrachtungsweise stößt hier an ihre Grenzen. Erforderlich ist vielmehr ein institutioneller Ansatz, der die Mechanismen und Medien der Mobilisierung und Integration in den Blick nimmt."
(2009, S.234)

Generationen aus historischer Sicht

Vier Beiträge des Sammelbandes beschäftigen sich mit der Generationen-Geschichte. Den Anfang macht Eckart VOLAND, der aus evolutionsbiologischer Sicht erläutert, wie es zur Verlängerung der Lebensspanne beim Menschen gekommen ist. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, welchen evolutionären Gewinn mit der "Alterssterilität der Frauen nach der Menopause" verbunden ist. VOLAND spricht hier von postgenerativer, aber nicht von postreproduktiver Lebensspanne.

Altern und Lebenslauf

"Der für diesen Lebensabschnitt häufig verwendete Ausdruck »postreproduktive Lebensspanne« ist irreführend, denn auch das Verhalten im Alter mag mit Konsequenzen für den Lebensreproduktionserfolg verbunden sein, und solange dies möglich bleibt, ist ein Organismus reproduktiv, auch wenn er selbst keine Nachkommen mehr produziert."
(2009, S.29)

Wer bislang der Auffassung war, dass sich Evolutionsbiologen nur für die Vor- oder Frühgeschichte der Menschheit interessieren, den wird es erstaunen, dass VOLAND Belege in der Vormoderne, also im 18. und 19. Jahrhundert suchte, um Hinweise über den Beitrag von Großmüttern zum reproduktiven Erfolg der Familie zu finden.

Im Beitrag Väter und Söhne befasst sich Stephan SEIDLMAYER mit Generationen aus Sicht der Ägyptologie. Über das Alte Ägypten gibt es bislang nur Rudimentäres zum Thema, weshalb SEIDLMAYER das populärwissenschaftliche Bild vom Alten Ägypten problematisiert (z.B. "Projektion der dreiteiligen Normalbiographie der Moderne auf das Alte Ägypten"), auf die Schwierigkeiten mit den verfügbaren Quellen aufmerksam macht und die Desiderate einer zukünftigen ägyptologischen Generationenforschung benennt.

Der österreichische Historiker Josef EHMER stellt im dritten Beitrag des Themenblocks die sozialgeschichtliche Generationenforschung vor. Generationen haben im historischen Denken im Laufe der letzten Jahrhunderte einen unterschiedlichen Stellenwert gehabt. Im 18. Jahrhundert stand die Kontinuität der Generationenabfolge im Mittelpunkt des Interesses, z.B. bei Johann Peter SÜßMILCH, dem Begründer der Bevölkerungswissenschaft in Deutschland. Im 19. und 20. Jahrhundert stand dagegen der Generationenbruch im Vordergrund. Wenn politisch-kulturelle Generationen als Jugendbewegungen beschrieben wurden, dann stand dahinter die Annahme des Philosophen Wilhelm DILTHEY, dass die geistige Prägung einer Generation in Kindheit und Jugend erfolgt. Erstaunlich ist es, dass ausgerechnet die historische Forschung der Zwischenkriegszeit, in der Karl MANNHEIM seinen berühmten Aufsatz über das Problem der Generationen verfasste, kaum untersucht ist. Die deutsche Geschichtsforschung hat sich erst relativ spät dem Generationenthema zugewandt.

Generationen in der historischen Forschung

"Wie es scheint, entwickelten Historiker erst von den 1970er-Jahren an neuerlich ein stärkeres Interesse an der Generation, deutlich später als in den Sozialwissenschaften und im intellektuellen Diskurs. Im Jahr 1984 beschäftigte sich erstmals auf einem deutschen Historikertag eine eigene Sektion mit dem Generationenthema, im Jahr 2000 ein zweites Mal. Erst in den letzten drei Jahrzehnten setzte in der Geschichtsforschung also jene Entwicklung ein, die heute als »Konjunktur« (Weisbrod) des Generationenbegriffs wahrgenommen wird."
(2009, S.67)

Generationengeschichte war bis ins 21. Jahrhundert eine männliche Geschichte. Dieser Aspekt bleibt bei EHMER unterbelichtet. Näheres findet sich hierzu in einem Beitrag von Kaspar MAASE zum Sammelband Generationen, herausgegeben von Michael WILDT & Ulrike JUREIT .

Farbige Bescheidenheit

"Die geschlechterpolitische Pluralisierung der Generationendebatte scheint absehbar und ebenso, daß damit der Abstand zum heroischen Aufbruchsmodell weiter wachsen dürfte. (...).Kullmann beschreibt - wie Illies - nahe am Alltag und an den Markenprodukten Lebensgeschichte und Lebensgefühle (...) der Mittelschichtmädchen dieser Jahrgänge, die eine Hochschulausbildung durchlaufen haben. (...). Die »Generation Ally« tritt nicht an, um mit dem Impuls einer gemeinsamen Erfahrung Altes abzulösen und die Welt besser einzurichten, ja nicht einmal, um mehr Einfluß zu fordern. Hier fragen sich Frauen um die 30, wie ein befriedigenderes Leben aussehen könnte."
(2005, S.228f.)

Familiale Generationen sind ein Schwerpunkt der historischen Familienforschung, die erst in den 1960er-Jahren im angelsächsischen Raum und später auch in Deutschland entstand. Im Fokus stehen hier die Verwandtschaft und der langsame Wandel. Vernachlässigt wird deshalb meist, dass die generationelle Weitergabe von Besitz oder der Leitung von Familienbetrieben auch zwischen Nichtverwandten erfolgte. Patchworkfamilien und damit soziale Elternschaft sind kein postmodernes Phänomen der letzten Jahrzehnte, sondern waren auch die Realität in vormodernen Gesellschaften. Abschließend geht EHMER noch auf Verbindungen zwischen familialen und gesellschaftlichen Generationen ein, die in der Bevölkerungsgeschichte und in der Historischen Demographie eine größere Bedeutung erlangt haben. Auch im Bereich der Forschung zur sozialen Mobilität und in der Migrationsforschung spielt das Generationenkonzept eine wichtige Rolle. Und nicht zuletzt sind in den letzten Jahren die ökonomische Generationenbeziehungen und damit der Generationenvertrag in den Blick gekommen.

Generationen in der historischen Forschung

"In den letzten Jahren sind ökonomische Generationenbeziehungen, vor allem der so genannte Generationenvertrag, zu einem Schwerpunktthema der sozialwissenschaftlichen Forschung geworden. In Deutschland hat etwa Martin Kohli in zahlreichen Studien den Zusammenhang - bis hin zur Komplementarität - zwischen gesellschaftlichen und familialen Transfers untersucht (...). In der historischen Forschung ist diese Perspektive noch wenig entwickelt (...). In Deutschland hat Christoph Conrad (2994) erstmals eine systematische Verknüpfung von Familienzyklus, Verwandtschaft, Transitionen im Lebenslauf und Sozialpolitik angestrebt. Seit kurzem liegt mit Gerd Hardachs  »Der Generationenvertrag« (2006) ein Versuch vor, über die letzten beiden Jahrhunderte hinweg die Beziehungen zwischen Erwerbstätigkeit, öffentlichen und familialen Transfers allgemein und umfassend zu untersuchen."
(2009, S.76)

Nach den Ausführungen von EHMER darf man auf die zukünftigen Forschungsergebnisse in diesem Bereich gespannt sein.

Im letzten Beitrag des Themenblocks gibt der Erziehungswissenschaftler Helmut FEND einen Überblick darüber, was die Eltern ihren Kindern mitgeben. In Deutschland können Fragen des intergenerationellen Austausches mit der Längsschnittstudie LifE (Lebensverläufe ins frühe Erwachsenenalters) überprüft werden. 3 Aspekte stehen in der Pädagogik im Mittelpunkt des Interesses:

1) Investitionen der Eltern in Bildung und Ausbildung ihrer Kinder ("Vererbung" von Bildungs- und Berufsstatus).
2) Wertevermittlung und
3) Auswirkungen von Scheidungserfahrungen auf Bindungsbereitschaft und - fähigkeit, auf die im Beitrag von FEND leider nicht näher eingegangen wird.

In der Soziologie ist vor allem durch die Untersuchungen von Michael HARTMANN die Bedeutung der Herkunft für den Berufserfolg publik geworden . Anhand der LifE-Studie lässt sich die  "Bildungsvererbung" nachweisen, wobei dies sowohl für den formalen Schulabschluss als auch für den Habitus gilt, der bei FEND als kulturelle Orientierung der Kinder bezeichnet wird. Bei der Wertevermittlung geht FEND näher auf die Ergebnisse der LifE-Studie zur "Vererbung" politischer Orientierung und religiöser Überzeugungen ein.

Generationen aus gesellschaftsvergleichender Perspektive

Erdmute ALBER stellt die ethnologische Generationenforschung am Beispiel Afrika vor. Dort haben sich die Generationenbeziehungen durch den Wandel der ökonomischen und politisch-sozialen Verhältnisse verändert. Anhand dreier Fallbeispiele aus Westafrika zeigt ALBER die neue Vielfalt der Generationenbeziehungen auf, die nichts mehr mit dem romantischen Afrikabild der älteren Ethnologie zu tun haben. Das neue Bild der afrikanischen Generationenbeziehungen ist aber wohl auch einem veränderten Generationenkonzept geschuldet, das Ethnologen heutzutage anwenden.

Ethnologische Generationenforschung in Afrika

"Der Fokus neuerer Forschungen auf den Gesellschaftswandel legt die Frage nahe, ob die Generationenbeziehungen in Afrika heute wandlungsfähiger sind als »früher« oder ob es sich um eine Verschiebung der Forschungsperspektive handelt, die dazu führt, dass die Wandlungsfähigkeit in den neueren Arbeiten stärker betont wird. Mein Eindruck ist, dass eher letzteres zutrifft, und dass der neue Fokus auf Wandlungsprozesse nicht zuletzt darin begründet liegt, dass die neueren Forschungen häufig einen auf Karl Mannheim zurückgehenden Generationenbegriff verwenden. Ältere Konzepte aus der Verwandtschafts- und der Altersklassenforschung hingegen waren in ihrer Anlage stärker einer Idee der Beständigkeit der Generationenbeziehungen verhaftet und betonten daher nicht nur eher ihre Statik, sondern vor allem ihre stabilisierende Funktion. "
(2009, S.109)

Im Weiteren erörtert ALBER die verschiedenen Generationenbegriffe in der ethnologischen Fachtradition. Sie unterscheidet dabei Generationen als Ordnungsprinzip im Sinne des Volkskundlers Heinrich SCHURTZ , als Verwandtschaftsbegriff im Sinne des britischen Strukturfunktionalismus bzw. des französischen Strukturalismus und als Kohorte im Sinne von Karl MANNHEIM. Abschließend benennt ALBER Forschungslücken der neueren Generationenforschung, die es zu schließen gilt.

Im zweiten Beitrag des Themenblocks berichten Gisela TROMMSDORFF & Isabelle ALBERT über die kulturvergleichende Generationenforschung. Dabei steht die Beziehungsqualität in Mehrgenerationenfamilien im Mittelpunkt. Am Beispiel des Vergleichs von Kulturen mit konfuzianischer Tradition wie China, Korea oder Japan mit Deutschland erläutern TROMMSDORFF & ALBERT den Wert kulturvergleichender Generationenforschung. Wer sich näher für das Projekt "Value of Children and Intergenerational Relations" interessiert, der sei auf das aktuelle Heft der Zeitschrift für Soziologie der Erziehung und Sozialisation verwiesen. Das Heft 1/2009 beschäftigt sich mit dem Schwerpunktthema Familienbeziehungen in Russland und Deutschland.

Familienbeziehungen in Russland und Deutschland - Einführung in den Themenschwerpunkt

"Hinsichtlich Familie und Verwandtschaft weisen Deutschland und Russland deutliche Unterschiede in den kulturellen Traditionen auf. Während in Deutschland späte Eheschließung, neolokale Haushaltsgründung und damit die Einheit von Ehe und Haushalt und die bi-lineare Abstammung zu den überkommenen Charakteristika privater Lebensführung gehören, hat Russland eine Tradition früher Heirat, patrilinearer Abstammung und patrilokaler Haushaltsgründung und damit eine Tradition komplexer Haushaltsstrukturen. Beide Traditionen bieten jeweils unterschiedliche Voraussetzungen für die Anpassung an die Erfordernisse moderner Gesellschaften und für die Bewältigung ökonomischer Krisen."
(Bernhard Nauck & Gisela Trommsdorff, ZSE H.1/2009, S.6)

Generationen in Literatur und Medien

Der Literaturwissenschaftler Daniel Müller NIELABA betrachtet das Generationenthema unter drei Gesichtspunkten: Erstens als Strukturmerkmal der Fachgeschichte, zweitens als narratives Grundmuster literarischer Erzählungen am Beispiel der Romane Hundjahre (Günter GRASS) und Buddenbrooks (Thomas MANN) und drittens als epistemologische Denkfigur literarischer Texte. Der letzte Punkt wird ausführlicher behandelt. Zur Erläuterung werden die Ringparabel aus Gotthold Ephraim LESSINGs Drama Nathan der Weise sowie Joseph von EICHENDORFFs Novelle Das Marmorbild herangezogen. Das Theorem der Einflussangst des US-amerikanischen Literaturwissenschaftlers Harold BLOOM macht für NIELABA die generative Verfaßtheit von Literatur verstehbar.

Der Kommunikationswissenschaftler Heinz BONFADELLI behandelt ältere Menschen in Medienpraxis und Forschung. Er konstatiert eine Vernachlässigung der älteren Generation. Vier Forschungsfelder lassen sich unterscheiden:

1) Senioren als Zielgruppe von Werbung und Medien.
2) Die Darstellung älterer Menschen in Werbung und Medien.
3) Die Nutzung traditioneller Medien durch ältere Menschen und
4) die Nutzung neuer Medien wie das Internet.

Neu ist das Interesse an Mediengenerationen, die durch eine unterschiedliche Mediensozialisation gekennzeichnet sind.

Medien und Alter

"Erst in jüngster Zeit wird neben den biographisch-lebensgeschichtlichen Einflüssen auch der zeitgeschichtliche Aspekt stärker thematisiert. Fragen nach dem Wandel von Mediengenerationen im Zeitverlauf oder nach Generationsverhältnissen im Medienumgang kommen so ins Blickfeld (Hörisch 1997 [mehr])."
(2009, S.150)

In der Werbung werden ältere Menschen unter Labels wie "Best Ager" oder "Silver Surfer" angesprochen. Neuerdings wird auch innerhalb der älteren Menschen nach Lebenseinstellungen und -stilen unterschieden. Die Darstellung älterer Menschen ist nach BONFADELLI immer noch durch Unterrepräsentanz und meist negative Stereotypen geprägt. Außerdem werden alte Menschen als soziales Problem und Belastung (Stichwort Gesundheitskosten, Rentenfinanzierung) dargestellt. In einem Beitrag von single-generation.de über die Gesellschaft der Langlebigen aus dem Jahr 2003 wurde ausführlich auf diese Problematik eingegangen . BONFADELLI weist aber auch auf einen neuen US-amerikanischen Trend hin, wo ältere Menschen inzwischen "vermehrt auch als stark, gesund, aktiv und wohlhabend, ja sogar sexy dargestellt werden".

Zur Mediennutzung gibt es nach BONFADELLI im deutschsprachigen Bereich jährliche, repräsentative Erhebungen, die nach Altersgruppen unterscheiden. Anhand der Erhebungen sind Aussagen über Häufigkeit, Dauer und  bevorzugte Tageszeiten der Mediennutzung sowie über Themeninteressen möglich.

Generationengerechtigkeit

Das Thema Generationengerechtigkeit wird aus volkswirtschaftlicher, rechtlicher und politikwissenschaftlicher Perspektive betrachtet. Wohl kein anderes Generationenthema wird in Deutschland ähnlich kontrovers diskutiert. Im ersten Beitrag stellen Stefan BACH & Gert G. WAGNER das Generationenkonzept in der Volkswirtschaftslehre vor. Generationenbeziehungen kommen in den Blick bei den umlagefinanzierten Sozialsystemen, der Staatsverschuldung und bei der Erbschaftssteuer. In den letzten Jahren wird in der politischen Debatte bei diesen Themen vermehrt Generationengerechtigkeit eingeklagt. Im Gegensatz zur Soziologie ging es bislang in der Volkswirtschaftslehre weniger um konkrete Generationen, sondern um abstrakte Generationen - ob im mathematischen Modell oder in computergestützten Simulationsmodellen. Inzwischen nähern sich die Methoden jedoch denen der empirischen Soziologie und Psychologie an, wodurch man sich eine größere Realitätsnähe erhofft. Anhand zweier Beispiele aus der angewandten Volkswirtschaftslehre erläutern BACH & WAGNER die Rolle der Generationenbeziehungen. Als erstes wird das Prinzip der umlagefinanzierten Rentenversicherung als System permanenter Aushandlungsprozesse zwischen den Generationen erläutert. Die Einführung der Kapitaldeckung würde nach Ansicht von BACH & WAGNER den Konflikt nicht entschärfen, sondern nur auf andere Gebiete verlagern. Die "permanente Zahlungskrise" der Rentenkasse erscheint in dieser Sicht nicht als bedrohlich, sondern als systemnotwendig, um zu einem vernünftigen Konsens zu gelangen.

Generationen in der Volkswirtschaftslehre

"Man muss nüchtern feststellen: Streit um die Rente ist unvermeidbar, da auf jeden Fall produktive Erwerbstätige an Ruheständler etwas abgeben müssen (...). Letztlich geht es um die Verteilung von Ressourcen zwischen den Generationen. Deswegen sollten wir die permanenten Konflikte um die Rentenversicherung gelassen betrachten. Denn der ständige Streit belegt, dass permanent ein gesellschaftlicher Ausgleich, d.h. Generationen»gerechtigkeit«, gesucht und mehr oder weniger gefunden wird. »Das gerechte« Steuer- oder Sozialsystem kann aber nicht wissenschaftlich abgeleitet werden, sondern muss im politischen Diskurs gefunden werden. Die mitunter hysterischen Debatten um die permanente Rentenkrise sind also so gesehen ein gutes Zeichen, da sie zeigen, dass die Politiker ihre Arbeit erledigen."
(2009, S.177f.)

Viel war in den letzten Jahren in der öffentlichen Debatte von der Erbengeneration zu hören. Während BACH & WAGNER die Erbschaft und ihre mögliche Reform unter verteilungspolitischen Gesichtspunkten anhand von repräsentativen Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) diskutieren, erläutert Nicola PREUß die Enterbung von Kindern als Generationenkonflikt im Recht. Im Mittelpunkt steht dabei die Diskussion des Pflichtteilsrechts als Teilgebiet des Erbrechts. Nach einem Streifzug durch die Rechtsgeschichte wird der aktuelle Streit über die Berechtigung des Pflichtteilsrechts dargelegt. Ein Hauptstreitpunkt ist, inwieweit der Staat Generationensolidarität erzwingen darf.

Generationenkonflikt im Recht - Die enterbten Kinder

"Dem Verfassungsgericht wird seitens der Literatur zu Recht vorgeworfen, mit der Anknüpfung an den »materiell-wirtschaftlichen Bereich« der Familiengemeinschaft die Fiktion des Familienvermögens aufgegriffen zu haben, die in unserer Rechtsordnung gerade keine Verankerung gefunden hat (...). Eine oktroyierte Familiensolidarität kann nicht auf den Schutzauftrag der Verfassung gestützt werden. Familiensolidarität sollte nicht staatlich verordnet werden, sondern sie muss aus den tatsächlich gelebten sozialen Beziehungen entstehen."
(2009, S.204)

Im letzten Beitrag des Themenblocks geht der Politikwissenschafter Christoph Butterwegge auf den Zusammenhang von Sozialstaat, demografischen Wandel und Generationengerechtigkeit ein. Er kritisiert, dass sich die Politikwissenschaftler aus dem Generationenthema heraushalten und das Thema weitgehend den Soziologen überlassen.

Sozialstaat, demografischer Wandel und Generationengerechtigkeit

"Obwohl die »Schrillheit der Schlagworte« dieses Begriffsfeldes wie »Krieg der Generationen« (...) auf politische Auseinandersetzungen - Verteilungskonflikte und Machtkämpfe im Sozialstaat - verweisen, hält sich die Politikwissenschaft bedeckt. Wenn das Thema in deren Fachdiskurs überhaupt auftaucht, dreht sich alles um die Frage, was unter »Generationengerechtigkeit« zu verstehen ist, wie stark diese in der Vergangenheit missachtet wurde und auf welche Weise man sie mittels entsprechender Reformen in der (Sozial-)Politik verwirklichen kann (...). Tagespolitisch aktuell und damit für die Fachwissenschaft von größerer Bedeutung ist der Themenkomplex vermutlich nur, weil er auf der parlamentarischen Agenda steht und sich mehrere jüngere Bundestagsabgeordnete seit geraumer Zeit bemühen, »Generationengerechtigkeit« durch eine fraktionsübergreifende Initiative als Staatsziel im Grundgesetz zu verankern."
(2009, S.209)

BUTTERWEGGE bemängelt, dass die demografische Entwicklung in Deutschland fast ausnahmslos als Krisen- bzw. Katastrophenszenario dargestellt wird, die zur Anpassung der sozialen Sicherungssysteme zwingt. Ausführlich zeichnet BUTTERWEGGE die politische Debatte in den Medien nach, die seit dem Jahr 2001 geführt wird. Insbesondere die Phase zwischen 2003 und 2006 wird anhand vieler Presseartikeln beleuchtet. Diese Debatte lässt sich noch ausführlicher auf dieser Website entweder anhand der Jahresrückblicke 2003 bis 2006 oder mittels der Newsseiten Tag für Tag verfolgen. BUTTERWEGGE macht auf die ideologische Schieflage der Debatte aufmerksam, die erst nach der Entgleisung im März 2006  abebbte.

Sozialstaat, demografischer Wandel und Generationengerechtigkeit

"Alles, was es im Hinblick auf die demografische Entwicklung an Übertreibungen im deutschen Blätterwald gegeben hatte, wurde in den Schatten gestellt, als das von Unternehmensstiftungen und privaten Geldgebern finanzierte, auf die Beeinflussung der öffentlichen Meinung zielende Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung im März 2006 seine Studie »Die demografische Lage der Nation« (Kröhnert u.a. 2006 [mehr]) präsentierte und dabei auch vor der Falschmeldung, Deutschland liege bei der Geburtenrate »seit über 30 Jahren weltweit auf dem letzten Platz«, und spektakulären Überschriften wie »Nach dem Menschen kommt der Wolf« nicht zurückschreckte (vgl. dazu: Bosbach 2006, 64f. [mehr]). Damit hatten die Dramatisierer den Bogen jedoch offenbar überspannt. Obwohl die am 7. November 2006 veröffentlichte 11. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung [mehr]  vor allem deshalb problematischer als die 10. ausfiel, weil das Statistische Bundesamt (...) diesmal geringere Zuwanderungsraten unterstellt hatte, viel das Medienecho moderater aus."
(2009, S.212)

In einem weiteren Schritt erläutert BUTTERWEGGE wie durch die Demografisierung sozialer Problem die Demografie zur Demagogie wird. Der Politikwissenschaftler macht die Ausblendungen sichtbar und relativiert dadurch die Krisenszenarios. Zuletzt nimmt sich BUTTERWEGGE den politischen Kampfbegriff "Generationengerechtigkeit" vor, der vielfach im Zusammenhang mit Nachhaltigkeit als neues Leitbild der Sozialpolitik erscheint. Es zeigt sich jedoch, dass der Begriff zum einen Unschärfen und zum anderen eklatante Schwächen aufweist. Wenn soziale Gerechtigkeit durch Generationengerechtigkeit ersetzt wird, dann ist Misstrauen angebracht, wie der Soziologe Martin KOHLI zu Recht eingewandt hat .

Fazit: Das Buch gibt einen hervorragenden Überblick über die aktuelle Generationenforschung

Im neuen Jahrtausend sind viele wissenschaftliche Bücher zum Thema Generationen in Familie und Gesellschaft erschienen. Der von Marc SZYDLIK & Harald KÜHNEMUND herausgegebene Sammelband Generationen hebt sich dadurch hervor, dass darin verschiedene Fachvertreter das Thema aus ihrer Fachperspektive betrachten. Damit ist das Buch nicht nur für Soziologen besonders wertvoll, sondern auch für Evolutionsbiologen, Historiker, Wirtschaftswissenschaftler, Ethnologen, Juristen und viele andere.

Das Buch gibt einen hervorragenden Überblick über das weite Feld der Generationenforschung. Es regt außerdem dazu an, beim Generationenthema gewohnte Bahnen zu verlassen und das Thema neu in den Blick zu nehmen. Der Sammelband ist deshalb allen zu empfehlen, die sich näher mit Generationen befassen möchten. Er ist sowohl für diejenigen interessant, die sich erstmals mit dem Thema befassen. Durch das Aufzeigen von Forschungsdefiziten -lücken und Forschungstrends bietet sich das Buch aber auch für diejenigen an, die auf der Suche nach einem Thema für eine wissenschaftliche Arbeit sind.

 
     
 
       
   

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Update: 25. Januar 2017